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Donnerstag, 17. März 2011

Keine Neuanfänge mehr

Schelling schreibt in "Weltalter": "Wie wenige kennen eigentliche Vergangenheit: Ohne kräftige, durch Scheidung von sich selbst entstande Gegenwart gibt es keine. Der Mensch, der sich seiner Gegenwart nicht entgegenzusetzen fähig ist, hat keine Vergangenheit, oder vielmehr kommt er nie aus der Gegenwart heraus, lebt beständig in ihr."

Wenn das Internet keine Formen des Vergessens (als: Löschen, als Irrelevanz von Daten) und Abhängens aus der persönlichen Vita findet, seine Bedeutung für die Persönlichkeitsbildung - ohnabhängig davon, daß diese Strukturen aktualistisch sind, also nur pseudo-persönlichkeitsbildend wirken, weil der Träger der Persönlichkeit, der Mensch selbst, diese nicht besitzt - wird es zum höllengleichen Fluch genau in dem Sinn, wie Schelling schreibt: die Vergangenheit wird uns immer wieder als Gegenwart serviert, sodaß wir nie zu einer Gegenwart mehr kommen, weil wir die Vergangenheit nicht mehr abschütteln können - und damit zu keiner schöpferischen Zukunft mehr gelangen, weil keine Neuanfänge möglich sind.

Und dieses Problem ist keineswegs neu: es findet sich historisch in allen Kulturen, die keine derartigen Mechanismen hatten - in ihren Religionen. Somit findet sich Geschichte in dem Sinn nur bei den (eigentlichen, den "alten", vorchristlichen) Juden (im Sühnopfer im Tempel), und dann bei den Christen, mit dem vergebenden, dabei gegenwärtigen Messias. 

Die römische Antike, als Beispiel, hatte keine Vergangenheit. Ihre Vergangenheit war immer gegenwärtig: in den Ahnen, in den Kräften. Ihnen war alles was sich einmal gewirklicht hatte, ewig, war Glanz von der Ewigkeit her, gehörte unverzichtbar zum Wesen einer Sache. Zumindest bis Augustus, schreibt deshalb Curtius, bis zum Gott-Kaiser, der im Grunde eine solche Erlöserfigur war, kannten sie deshalb keine "Epochen": sie haben immer alles Vergangene "mitgeschleppt".

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Mittwoch, 9. März 2011

Gemachtes und Gewirktes

Curtius weist darauf hin, wie sehr "Poesie" und "Poet" in der Antike, und immer zuvor, in einem technischen Sinn verstanden wurde: als "Machen", als "Gemachtes". Den "Schöpfer" in diesen Begriff zu legen, war bereits die Anwendung einer jüdisch-christlichen Metapher, die etwas verquickte, was der Antike sonst fremd war: Denn zwar haben gerade die Griechen das Göttliche in der Dichtung geschätzt und gesucht, aber sie haben es immer als etwas "Hinzukommendes" gesehen.

Etwas, das nicht in den Händen des Dichters selbst lag, sondern ihre metaphysische Würde empfing die Dichtung von einer übermenschlichen Instanz, und was als Muse, als Gott, als Wahn über den Dichter hereinbrach. Der mußte nur die Fertigkeit so gut wie möglich besitzen, um den technischen Bau eines Werkes wissen. Aristoteles sieht es als höchstes Ziel, in allem Tun und Hervorbringen dem Vernunft- und Wertgehalt nachzugeben.

Schon bei den Römern freilich läßt sich eine deutlichere Tendenz zur "Incarnation" des Göttlichen im Dichter selbst feststellen, und das zeichnet sich in den Jahrhunderten vor Christus im Begriff des "Vates" ab. Im Vates war bereits der Prophet gemeint, der das Wort der Götter verkündete, und dazu brauchte es die rhythmisierte Form des Erhabenen. Noch deutlicher war der Dichter auch Hervorbringer, solange er seine Werke auch vortrug, wie es in alter Zeiten immer war, wo er auch "Sänger" hieß.

In diesem Punkt war die Kunst also bemerkenswerte Vorläuferin einer Incarnation der Götter selbst, die sich in den ersten vergöttlichten Imperatoren abzeichnete. Sofern sie nicht im religiösen Verständnis der Römer überhaupt längst angelegt war, denn ihm war alles Gelingen bereits direktes Wirken der Götter.

Um eben diese Zeit aber verschwindet die Poetik als eigene Disziplin des Machens. Für über 1000 Jahre.

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Montag, 21. Februar 2011

Vorstoß in die Leere

E. R. Curtius entnehme ich den Hinweis, daß die lateinisch-spätantike Welt ab etwa 300 n. Chr. wie angefüllt mit seltsamen "übersinnlichen" Wesen und Zwischenwesen ist. Der alte Glaube war durch "Aufklärung" verloren, und das Christentum hatte sich noch längst nicht soweit durchgesetzt, als es die alte bereits zur neuen Kultur umgewirkt hatte.

Im Alltag aber waren Münzen der Kaiserlichen Prägungsanstalten, war die Kunst, waren Mönchsvisionen, aber auch die heidnische Poesie angefüllt mit seltsamsten Zwischenwesen - mit Sibyllen, Schutzgeistern, Dämonen, übermenschlichen Heilsbringern und Schädlingen.

Als schaffe sich eine Epoche ihre seelischen, geistigen Bilder, die zu einem guten Teil archaische Grundbilder seelischen und metaphysischen Idealbilder und tief inneren, noch unbegriffenen Erlebenswelten in Allegorien und Visionen. Boethius zum Beispiel erscheint die Philosophia als Greisin - voller jugendlicher Lebenskraft, in wechselnden Gestalten und Größen. Wobei das Motiv - die Verquickung von jung und alt - sehr dominant ist.

Die Kirche wird in einer berühmten Vision von Hermas z. B. als alte Frau gesehen, die sich zunehmend verjüngt. Claudius wiederum führt die vergreiste und verfallene Göttin Roma zu Jupiter, der sie ermutigt und verjüngt. Das Schema der "Altjungen" kann sowieso in der gesamten Menschheitsgeschichte als Archetyp für "Heilsbringer" ausgemacht werden. Erst allmählich,ab dem 5. Jhd., wird diese Allegorie zum rhetorischen Klischee entwertet.

Um  aber immer wieder aufzutauchen ... Curtius: "In messianisch odelr apokalyptisch erregten Zeiten können sich verblaßte Symbolgestalten mit neuem Leben füllen wie Schatten, die Blut getrunken haben." In der französischen Juli-Revolution von 1830 tauchen beispielsweise (Balzac!) solche Figuren wieder auf. Ein scheinbar verbrauchter Topos hatte sich überraschend wieder verjüngt. Archetypische Tiefenbilder der Seele, die dort nur schlummern, nie tot sind sondern - oft genug im Wechselspiel mit Konkretem aus Kulturrelikten, in denen sie über die Zeit heraufwandern - verschatten, tauchen plötzlich wieder auf. Auch solche Tiefenbilder, die längst zu dämonischer Eigengewalt gewachsen waren, schliefen - und nun wieder gerufen werden.

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Dienstag, 15. Februar 2011

Im Wesen der Sache

In gewisser Hinsicht, so schreibt E. R. Curtius, ist die Völkerwanderung überschätzt. Denn die Germanen haben sich in dem Moment assimiliert, wo sie ins Römische Reich eindrangen. Augenblicklich haben sie sich mir römischen Dichtern und Gelehrten umgeben, und ihre Schriftstücke wurden sofort in Latein abgefaßt. Sie haben der Antike nicht einen Gedanken hinzugefügt,. und trafen im christianisierten Rom eine überlegene Kultur, der sie sich unterordneten.

Zur gleichen Zeit, aber ganz anders die Araber im 7. Jhd. Sie waren nicht assimilierfähig, weil sich in ihnen Religion und Völkisches zu einer einzigen mächtigen Stoßkraft verband.

Das war anfangs auch kein wirkliches Problem, weil die arabischen Eroberer zwar schon wollten, daß sich die unterworfenen Länder - und das war fast der gesamte Mittelmeerraum! - dem Islam und Arabien im Gehorsam anschlossen, aber dies nicht aggressiv verfolgten. Nicht zumindest anfangs! Wo die Araber auch gerne an Kultur annahmen, was sie als tauglich und ihnen überlegen vorfanden - so von Persern und Griechen.

Ähnliche Stoßkraft hatten die aus Asien einbrechenden Hunnen und Mongolen. Der Germane wird romanisiert, wo er Rom erobert. Der Römer aber arabisiert, wenn er unter arabische Herrschaft kommt.

Der Einbruch der Araber aber bringt im 7. Jhd. das erste mal den wirklichen Einbruch des bisherigen Kulturstroms zustande. Mit gravierenden soziologischen Folgen - die Merowinger büßen ihre wirtschaftliche Vormacht im Mittelmeer ein, und verlieren so Macht an landreiche Fürsten, ein Faktum, das die gesamte europäische Geschichte durchzieht.

Ein Kulturstrom, der sich in seinen Spitzen nach ... Irland quasi zurückzieht, um von dort, 200 Jahre später, ganz Europa neuerlich zu befruchten. Gleichzeitig mit dem Sperren des westlichen Mittelmeeres, dem Abbau der Kultur (das Karolingerreich fällt auf eine primitive bäuerliche Stufe zurück), schwindet die Bildung der Laien. Lesen und Schreiben verliert sich als allgemeine Fähigkeit - und Karl der Große braucht bereits die Kirche notwendig für Verwaltungsaufgaben!

Das Latein selbst bleibt durch die Germanen (!), in höchst einfacher Form, eine Sprache, die allerorten verstanden wird. Es gibt keinen Beleg, daß noch im 9. Jahrhundert Priester in (eben diesem einfachen) Latein gepredigt hätten, und NICHT von allen verstanden worden wären.

Ein neuer Wesenszug erscheint nun: die Priesterkaste, die den Staat ihrem Einfluß unterwirft. Und nun erst, weil nur noch die Priester gebildet sind, wird Latein zur Gelehrtensprache, und im 12. Jhd. gilt es bereits allgemein als von Waisen erfundene, unveränderliche Kunstsprache.

Während die soziale Struktur der Germanen prägend wird - in deren Lehens-, Feudal- sowie im nordischen Städtewesen.

Weil aber die ursprünglich in Rom gesprochene Sprache den Deutschen natürlich eine Zweit-, eine Fremdsprache war, die es zu lernen galt, und wenn, dann eben richtig, erhielt sich das "richtige" Latein dort - in Deutschland, in England, in Irland! Während es im Mittelmeer durch den Gebrauch zur Ausbildung der romanischen Sprachen - romanisch/romantisch/Roman wurde so zum Synonym für Volkssprache, volkssprachlich - kam, mit einer zwar natürlicheren Quellnähe, aber realeren Fremde zum "Latein" der Gelehrten.

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Samstag, 12. Februar 2011

Wirklich: Erstmals

Curtius bezieht sich auf Toynbee, und beileibe: nicht nur die beiden sind der Auffassung, daß die antike Kultur, in ihrem Fundamentstein Homer, nie aufgehört hat, in ihrer Töchterlinie - Athen/Rom/Europa - fortzubestehen, mit jeweiligen Renaissancen. Aber es sind immer wieder dieselben Linien, die sich vorfinden, es sind immer wieder dieselben Gedanken, es sind immer wieder dieselben Personen, es ist immer wieder dieselbe Weltauffassung, die auch die Neuzeit von der Antike durch und durch gewirkt macht.

Nicht einmal im Frankenreich im 7. und 8. Jahrhundert kam es zum dauerhaften Bruch, zumal es später wieder nachholte, was mit den Karolingern kurzzeitig abzureißen schien.

Erst im 20. Jahrhundert, in einer Ausfaltung dessen, was im 19. Jahrhundert begann, begegnet uns plötzlich etwas, das Curtius "katastrophisch" nennt: Plötzlich scheint dieser Kulturstrom wirklich abzureißen! Plötzlich scheint diese Kultur wirklich zu Ende zu gehen. Plötzlich und erstmals reißt ihr Geistesstrom, die Weltbefindlichkeit der Menschen, wirklich ab.


*120211*

Freitag, 11. Februar 2011

Aufstieg und Fall

"Die Kulturkörper und ihre Glieder werden im Bilde von Menschen gesehen, die eine steile Felswand emporklimmen, wobei die einen zurückbleiben, die anderen hoch und höher aufsteigen. Dieser Aufstieg aus den Tiefen des Untermenschen und des stationäre Urmenschen ist ein Rhythmus in dem kosmischen Pulsschlag des Lebens. Innerhalb jeder Kultur gibt es führende Minderheiten, die durch Anziehung und Ausstrahlung die Mehrheiten zum Mitgehen bewegen. 

Erlahmt in jenen die schöpferische Vitalität, so verlieren sie ihre magische Macht über die unschöpferischen Massen. Die schöpferische Minderheit ist dann nur noch eine herrschende Minderheit. Das führt zu einer secessio plebs, das heißt zur Entstehung eines äußeren und inneren Proletariats und somit zum Verlust der sozialen Einheit."

E. R. Curtius in "Lateinisches Mittelalter und Europäische Literatur"

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Montag, 29. Juni 2009

Denn Poesie ist ...

"... ein Ringen mit dem Mysterium. Ihr Objekt ist das Okkulte. Nicht Gefühl oder Stimmung. Nicht subjektive Aufschönung, sondern objektive Aufdeckung der Welt. Dichter sein heißt: die mysteriöse Qualität des Universums wittern, sie aufspüren in allen Verbindungen, sie einritzen auf die Schallplatte der Sprache.

(Ernst R. Curtius in "Der junge Cocteau")




*290609*

Samstag, 27. Juni 2009

Wodurch der erste Beweger bewegt


Wodurch, fragt Aristoteles, bewegt Gott? Ja, wer ist der persönliche Gott? Er ist "das Denken des Denkens!" antwortet er. Selbst unbewegt, bewegt er das gesamte All.

Wodurch aber bewegt er?

Weil er sich in der Schöpfung selbst erzählt, dem Erkennen preisgibt, macht er sich also zum Objekt des Liebens - Gott bewegt durch die Anziehungskraft des Geistes, durch geistige Anziehung! Er bewegt dadurch, daß er - erkannt in seinen Geschöpfen - geliebt wird!

E. R. Curtius weist übrigens a. a. O. darauf hin, daß dieser christlich-metaphysische Ansatz die Entsprechung zum Orpheus-Mythos ist: der durch den Gesang bewirkte, daß man ihm folgte ... Aber er hält damit eine wichtige Analogie fest: jene von Gott - zum Schöpfertum des Menschen. Das eben nicht in einem bloßen "Selbstausdruck" (siehe den Satz a. a. O. im Blog hier) unfruchtbar sich um sich bewegt, sondern im "Schaffen eines Zieles der Liebe" besteht.

Denn, wie Antonio della Caraffa einmal sagt: "Man kann nur ETWAS lieben." Und: etwas zu lieben bedeutet, es als "etwas" erkannt zu haben, weil man nur lieben kann, was man kennt. Sonst liebt man nämlich ... gar nicht.





*270609*

Ein Satz wie eine Bombe

In seinem Essay über Toynbee, über die Lebensphasen von Kulturen, über Byzanz, das im osmanischen Reich seinen Körper aufgelöst hat und deshalb in unserem Bewußtsein so wenig präsent ist (sieht man von ihren Resten in der russischen Kultur und Orthodoxie ab), schreibt E. R. Curtius in einer Fußnote einen Satz, der wie eine Bombe erschüttert, weil er den wesentlichen Moment des Schöpferischen einfordert, dabei eigene Dekadenz bewußt macht: Daß Kultur den Willen zur positivistischen Tat braucht.

"Selbstausdruck ist nicht Schöpfertum!"

Selbstausdruck an sich ist statisch und unfruchtbar, bedeutet ferner den Verzicht auf Deutung, auf Einordnung in einen Sinnhorizont. Gerade in den Erzeugnissen der Kunst ist dies deutlich beobachtbar.

Curtius schreibt in diesem Essay übrigens weiter: In der letzten Phase einer Kultur, der Auflösung, die dem Niedergang folgt, hat der Einzelne im sozialen Verhalten nur noch die Wahl zwischen Mimesis (der Anpassung unter Selbstauflösung), und dem Martyrium.

(Nur in letzterem übrigens kann jene Klammer überleben, die Revolte mit Altem zur Zukunft verbindet.)

Unterscheidbar in je aktive und passive (persönliche) Tendenzen, zeigen sich in dieser Auflösungsphase Tendenzen von Archaismus (Beschwörung der Geister der Ahnen im "zurück zu"), und Futurismus (vergleiche die ständig neuen "Weltkatastrophen- und -rettungsideen"), in den Polen "Schuldbewußtsein" und beiden gemein ist die Flucht aus der Gegenwart, womit sie die Auflösung manifestieren, anstatt sie zu lösen. Während der Archaismus (der Begriff ist von Toynbee) einen Rückschritt zur Primitivität bringt, ergeht sich der Futurismus in Vermeidung der Passivität in die sinnlose Bewegung des Hamsters im Tretrad.

Im Sozialgefühl geht jedes "Stilgefühl" verloren, wie es einer wachsenden Kultur innewohnt. Die Seele überläßt sich der Formlosigkeit, und "im Schmelztiegel der Promiskuität" (cit. Toynbee) vermischen sich unvereinbare Traditionen und Werte. In Religion und Philosophie wirkt sich das als Synkretismus aus. Dem steht (im aktiven Part) das Streben nach einem Einheitsstil, einer Einheitsform entgegen, die das Chaos im Einzelnen durch eine kosmische (Zwangs-)Ordnung ersetzen will.

Dies alles auf der Grundlage eines "quälenden Gefühls des Versagens" als beherrschendem individuellem Empfinden.

[Was sich mit der hier schon mehrmals untermauerten Analyse trifft, daß das größte heutige Problem jenes der unbewältigten Schuld ist: Unser Leben besteht nahezu ausschließlich bereits aus Mechanismen der Schuldverdrängung statt -bewältigung (die nur durch Verzeihung möglich ist - ohne Religiosität ist Bewältigung also unmöglich)].

Im geistigen Bereich - um dieses Thema an dieser Stelle abzuschließen - findet Toynbee die Analogie in den beiden Polen "Apathie" (in Herstellung von "Unverwundbarkeit" - vom Mystizismus bis zur Stoa, buddhistische Auflösung etc., aber als Verzicht auf Selbstbestimmung auch durch die Betonung der Extreme "Zufall" und "Notwendigkeit") und "Verklärung."

Letztere, im Verbund mit der Loslösung eher dem futuristischen Aspekt (des Aktiven) entsprechend, ist ein Weg zu einem tatsächlichen geistigen Wandel, und sohin dem mythischen Schema "Rückzug und Wiederkehr" gleichzustellen - Rückzug in die Wüste, und Wiederkehr auf veränderter Basis.




*270609*

Montag, 22. Juni 2009

Nicht einfach Thema

Ernst Robert Curtius in einem Essay über Hermann Hesse:

"Motiv und Thema sind zweierlei [...] Motiv ist das, was die Fabel (den 'Mythos' der aristotelischen Poetik) in Bewegung setzt und zusammenhält. Das Motiv gehört der Objektseite an. Thema ist alles, was das originäre Verhalten der Person zur Welt betrifft. Die Thematik eines Dichters ist das Register seiner typischen Reaktionen auf bestimmte Lagen, in die ihn das Leben bringt. Das Thema gehört der Subjektseite an. Es ist eine psychologische Konstante. Es ist dem Dichter mitgegeben. Das Motiv ist eingegeben, gefunden, erfunden, was dasselbe bedeutet. Wer nur Themen hat, kann nicht zum Epos oder zum Drama gelangen. Auch nicht zur großen Lyrik! Wir berühren hier ein ästhetisches Gesetz, dessen beste Formulierung ich bei T. S. Eliot finde:

The only way of expressing emotion in the form of art is by finding an 'objective correlative'; in other words, a set of objects, a situation, a chain of events which shall be the formula of that particular emotion; such that when the external facts, which must terminate in sensory experience, are given, the emotion is immediate evoken.'

Mit dem Motiv, dem objektiven Korrelat, ist die Dürftigkeit des bloßen 'Erlebens" überwunden. Das Motiv ist ein organisches, autonomes Gebilde pflanzlicher Art. Es entfaltet sich, gliedert sich, verzweigt sich, treibt Blätter, Blüten, Früchte. War das Glasperlenspiel einmal da, so mußte eine ganze Welt darum aufgebaut werden.
"




*220609*

Dienstag, 2. Juni 2009

Nur noch Horizonte

Ernst R. Curtius schreibt einmal, daß es das Recht und die Pflicht der Jugend sei, zu urteilen. Daß es aber dann das Recht und die Pflicht einer späteren Phase (um nicht zu sagen: des Alters) sei, zurückzusehen und nachzumessen.

Man sieht nur aus der Ferne gut. Und mit dem Alter wächst die Fähigkeit wie Neigung, den Blick (nur noch) auf den Horizont zu halten.




 *020609*