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Dienstag, 23. Juli 2013

Zum Tier rückentwickelt

Die rationale Richtung des Denkens, die wir als den Aufklärungszug der Philosophie bezeichnen, hat ursprünglich keinen spezifisch philosophischen Charakter, schreibt Georg Misch. Dieser Zug erscheint uns Heutigen nur deshalb als der geeignete Ausgangspunkt für die Herleitung der Philosophie aus dem leben, weil wir am Ende der Entwicklung stehen, in der sich der Rationalismus durchgesetzt hat. 

Zwar ist das aufklärende Denken ebenso tief, wo nicht tiefer im Leben verwurzelt als das metaphysische, von dessen religiösem oder weltanschaulichem Untergrund wir sprachen, aber es reicht von sich aus nicht bis zur Philosophie hin, es reicht vielmehr in ein Stadium der Entwicklung der Intelligenz zurück, das der menschlichen Gattung mit den ihr nächststehenden höheren Tieren gemeinsam ist; denn auch die anthropoiden Affen sind zu einsichtigem Handeln fähig

Das Denken entspringt in der Tat im tierischen Lebensverhalten, vor der Schöpfung der Sprache, während es andererseits über das, was sich in Worte fassen läßt, hinausreicht. In dem einsichtigen Verhalten der Lebewesen zu ihrer Umwelt ist die unterste Stufe des Wissens zu suchen.




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Sonntag, 23. Juni 2013

Auswirkungen zur Religion (2)

Teil 2) Taoismus - Die Religion unserer Zeit




Daran zeigt sich, wie scheinbar klein oft die Weichenstellungen in den Philosophien und metaphysischen Konzepten auch der Weltreligionen sind, die in ihren Konseqenzen aber zu völligen Unvereinbarkeiten führen. Und sie sind logische Fehler, keine willkürlichen Auswahlen, die sich aus persönlichen Neigungen und Unfreiheiten (oder: Freiheit) ergeben und in eine völlig andere Praxis münden. Die Haltung zur Welt im Taoismus ist grundverschieden von jener des Christentums, es ist sinnlos, christliche Anschauungen zu unterlegen. Denn da "vereint" sie nichts. Da trennt es sich, und zwar schon in den allerersten Anfängen, den allerersten Grundgedanken.

DIESE, die allerersten metaphysischen Konzeptionen, auch im indischen Denken genauso wie im chinesischen, sind in vielem tatsächlich nahezu deckungsgleich mit der jüdisch-christlichen Sichtweise. Aber sie scheiden sich historisch nachvollziehbar, und werden (je nach Strömung) mehr oder weniger unvereinbar. Jene Haltungen, die im Europa so Mode geworden sind, die da meinen, es wäre in einem noch übergreifenderen Sinn alles vereinbar, irren auf groteske Weise, denn sie setzen diesen Konzeptionen eine vermeintlich überlegene Konzeption entgegen, die aber meist sogar schon bei oberflächlichstem Blick lediglich verabsolutierte Teilkonzepte aus solchen (auch logisch nachvollziehbaren) Fehlwegen sind. Hinter denen menschliche Haltungen, Lebenshaltungen stehen, so wie hinter allen Konzepten menschliche Haltungen und persönliche Entscheidungen stehen, aus denen auch die Religionen erfließen.

Und wieder wäre es ein Irrtum zu meinen, daraus würde sich die Relativität aller Religionen und Haltungen als mangelnder Wahrheitsanspruch ergeben.

Das Christentum verneint dies nämlich nicht nur nicht, sondern es beruft sich ausdrücklich auf diese Personalität, im inkarnierten persönlichen Gott, ja es sieht im Weltgrund selbst, dem Sein, einen personalen Gott. Und das weiß es nur aus Offenbarung, in deren Licht sich sämtliches weitere Denken aufhellt. Das Tao des Taoismus ist "Wirkung". Der Logos im Christentum ist "Gott". Daraus ergibt sich eine völlig andere Stellung des Menschen als Handelndem.

Komplexer wird die Angelegenheit, wenn man nun sieht, daß der Taoismus eine quasi idealisierte Welt sieht, dergemäß die Welt umgestaltet werden könnte, worauf sie in Harmonie stünde. In der es nichts herumzuwerken gäbe, die nur Schmiegsamkeit verlangte, um der wirkenden Kraft des Tao, dem Te, seinen Raum zu geben. Denn darin trifft sich scheinbar diese kosmische Ordnung mit ... dem Kirchenbegriff des Christentums. Die KIRCHE als ecclesia der Getauften ist exakt diese ideale Gesellschaft, die societas perfecta! Woran der Leser die Unterschiede in den tieferen Gedankenschichten erahnen kann, so er das möchte. Denn am Unterschied im menschlichen Handeln, an der Ethik läßt es sich deutlich erkennen: der Christ hat Gestaltungsaufrag weil Freiheit, ja die Verwirklichung der societas perfecta als Gestalt hängt davon ab, wo der Taoist nur Fügsamkeit kennt und damit Fatalist wird. Die schon erwähnte ganz andere Stellung zur Welt selbst läßt sich darin erkennen: dem Taoisten ist die Welt ein kosmisches Getriebe, das von den Reinheit des Alls ausgeht, dem Christen eine vitale Geschichte mit Gott.

Die Sache wird allerdings noch komplexer. Wenn man nämlich an den Punkt gelangt, an dem die abendländisch-christkatholische Metaphysik letztlich steht, und zwar nicht einfach nur in Thomas von Aquin bzw. der Scholastik, sondern in ihrer sehr aktuellen rationalistischen Philosophie, wie in A. N. Whitehead (bei allen Unterschieden, er landet scheinbar im Pantheismus, am Warum arbeitet der Verfasser dieser Zeilen noch) oder in der Phänomenologie ("Sein als Entwerden") und der Lebensphilosophie: Im Denken von Gott ALS AKT, als actus purus. Darüber wird an dieser Stelle wohl noch einiges zu lesen sein. Denn dabei geht es um subtile, immer streng logische, aber fundamentale Unterscheidungen. Keine nebensächliche Haarspaltereien.

Je tiefer, je früher die Unterscheidungen und Trennungen ansetzen, umso dramatischer wirken sie sich am Ende, im konkreten alltäglichen Leben genauso, aus. Das Problem der heutigen Moderne ist im übrigen gar nicht so sehr, daß sie philosophisch irrt. Das Problem ist, daß sie aufgehört hat, ihre Philosophie zu hinterfragen, sich überhaupt um ihre (bzw. die) Philosophie zu kümmern. Daß sie sich im Grunde von der Philosophie also verabschiedet hat, und nur noch im Bereich der "Meinungen" in blindem, auf praktischen Erfolg abzielendem Sophismus und damit längst irrational agiert. Und dabei meint, rational zu sein. Das macht die Gegenwart zu einer wirklichen Groteske. Aber noch mehr: Hierin kündigt sich das eigentliche kulturelle Problem Europas, ja der Welt ab. Das nämlich die Bedeutung des Konkreten, des Geschöpflichen zutiefst erschüttert hat. Wie sehr zeigt sich auch und nicht zuletzt in der Ähnlichkeit der taoistischen Haltungen zu den Haltungen des Gegenwartsmenschen. Gnade folgt der Natur, sagt die christkatholische Gnadenlehre, ja sie setzt sie voraus. Religion und reale Lebenshaltung sind Zueinandergefüge!





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Samstag, 22. Juni 2013

Auswirkungen zur Religion (1)

Der Taoismus, schreibt Georg Misch in seiner Untersuchung über die historischen Anfänge der Philosophie, sucht, von der geschlossenen Person loszukommen, sie ins All hinein aufzulösen. Als mystische Bewegung sucht er das Band, das die Menschen verbindet, nicht bloß außerhalb der politischen Machtverhältnisse, sondern in einer geistigen Region jenseits der Lebensbeziehungen, die durch die Familie oder durch gemeinsame Interessen und Einzelzwecke gegeben sind. 

Er verneint den Wert der Kultur, an den die Konfuzianer glauben, und schließt in diese Verneinung die Moralität ein, die er als bloßes Kulturphänomen faßt, in einen Gegensatz zu dem absoluten Wert stellt. Während ihn die Konfuzianer der persönlichen und sozialen Moral beimaßen. 

Durch diese negative Stellung zu den gesellschaftlichen Konventionen wurde der Taoismus zum Herd revolutionären Denkens, und zwar förderte er sowohl den Anarchismus wie sein Gegenteil, den totalitären Staatsgedanken.

Er zeigt sich nicht zufällig zu einem Zeitpunkt zum ersten  mal, zu dem sich nicht nur die chinesische feudale Ordnung auflöste, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft. Hier errichtet er sein Ideal des Heiligen, der jenseits von Gut und Böse steht, und damit die wahre Herrschernatur darstellt. Liebe ist kein Affekt mehr, der im Konkreten wurzelt und sich darauf bezieht, auch in der Scheidung von gut und böse, sondern ein geistiges Ideal, ein geistiger, vom Konkreten losgelöster, vorgeblich aber alles (abstrakt) einschließender Akt - amor Dei intellectualis, wie Spinoza sagt. 

Damit wird das konkrete Menschsein "schmiegsam", nachgebend, "schwach", "sanft". Was immer einem zustößt, bleibt als Ideal im Heiligen des Taoismus diese abstrahierte "Liebe". Einer Art universaler Sympathie, dem Stoizismus verwandt, die aus philosophischem Gleichmut entspringt, die in der Unpersönlichkeit des Gefühls der christlichen Liebe scheinbar verwandt, aber in Wahrheit entgegengesetzt ist.

Das Tao, der Weg, ist hier die Wahrheit "des Himmels" - ganz anders im Christentum, wo es heißt: "ICH BIN der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich." Der Weg des Christentums ist der durch das Konkrete hindurch, im Konkreten, auch deshalb im Fleisch real, ja die Erlösung zielt auf diese Fleischlichkeit (als Geschöpflichkeit) ab - während der Taoismus das Konkrete aufhebt, für unwesentlich, für bedeutungslos erklärt. Woraus sich natürlich eine völlig andere Stellung des Todes ergibt. Das Tao des Taoismus ist nicht seiend, sondern es ist lediglich wirkend, es ist das Wirkende, das was "am Werk" ist, das All-Waltende, als dynamische Konzeption - nicht personal.

Heißt es im Christentum bzw. in der Analyse der abendländischen Philosophie operare sequitur esse - das Handeln folgt dem Sein -, so wird im Taoismus "das Handelnde" pan(en)theistisch (in der Welt real vorhanden) absolut gesetzt. Das ist ein nur vermeintlich kleiner, aber entscheidender Unterschied zum philosophischen Gleichsetzen von Sein und Gott, aus dem analytisch nachvollziehbar (also nicht als mytische oder bloß bildliche Vorstellung oder als metaphysische These) die Welt zum Gleichnis und in der Teilhabe (und nur soweit) Träger wird, nicht zum Sein selbst. Das Tao ist "etwas für den Gebrauch" (Misch). Vereinfacht gesagt, ergibt sich aus dem rechten Raum für das Tao die Harmonie aller Dinge und Weltenläufte, als Wirkungsweise der Kraft des Tao (dem: Te).

Es braucht nicht viel Schlußkraft, um daraus die utopistische Konzeption des Taoismus zu ersehen, in allen Querverbindungen zu Stoizismus und Gleichgültigkeit hier, zum Totalitarismus und Fanatismus dort. Denn es bleibt nur der historische Mensch in seiner Situation, der dieser Harmonie im Wege stehen kann, die sich in der einen Richtung ins Absolute hinein auflöst, in der anderen Richtung im Konkreten verliert, das er ideal machen zu müssen meint.



 Teil 2 morgen) Taoismus - Die Religion unserer Zeit





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Mittwoch, 12. Juni 2013

Vom Einen zum Vielen (3)

Teil 3) Nachsatz. Konsequenzen





Das versucht Darzustellende hat natürlich Konsequenzen. Denn es zeigt, daß das Bemühen zu einer Rechristianisierung Europas oder der Welt, das sich auf eine Restauration der Innerlichkeit beruft, fruchtlos, wenn nicht gefährlich ist. Weil das scheinbar, dem Worte nach "rechte Tun"  in Wirklichkeit eine andere Seinsbewegung hat - und das Falsche bewirkt. Hier auf das Wunder der Gnade zu hoffen ist Vermessenheit.

Leider aber ist festzustellen, daß viele Bemühungen der Gegenwart genau das versuchen. Wo sie rational, mit Vernunftanspruch auftreten, sind sie oft nicht mehr als Versuche, das rationale Gebäude abzustimmen, das die Kirche quasi hinterlassen hat. Anstatt die Vernunft je neu zu schöpfen! 

In sehr vielen Fällen aber tritt diese (wenn auch verstehbare) Gegenbewegung als bloße Frömmigkeitsbewegung auf, die den Anspruch auf Welt stillschweigend aufgegeben hat. Also auf derselben Weltentwertung beruht, wie am Beispiel Indiens zu zeigen versucht wurde. Das bildet sich in oft sehr subtiler Weise aus - wie im Opus Dei. In dieser Hinsicht und unter Einbeziehung des bisher Erkennbaren, erhält damit aber auch das von höchster Stelle verkündete Schlagwort von der "Entweltlichung" den bedrohlichen Charakter eines fatalen Trugschlusses, der der Wirklichkeit der Welt nicht gerecht werden, sondern ihr entfliehen will. Wie ... in Indien.

Eine Reform der Welt kann natürlich nicht darin bestehen, ein Paradies auf Erden einrichten zu wollen. Das ist nie direkte Aufgabe des Menschen gewesen, und daß uns das auch gar nicht mehr möglich ist, ist ausreichend begründbar. Insofern liegt seine Aufgabe tatsächlich nicht "in dieser Welt". Aber sie kann auch nicht in einer Re-Moralisierung liegen, die das Wesen der Dinge nicht in ihrer Erfüllung selbst, sondern lediglich in einer Art "Gebrauch" sieht. Ethik kann nur aus Wesenswahrheit kommen. Dort liegt aller Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber. Ein Zug, der im übrigen auch allem religiösen Empfinden in allen Religionen gleich ist, und selbst die ethische Basis des Rationalisten ist, dem es ja nur an einem Unverständnis der Vernunft mangelt.

Weil es eben darum geht, die Welt als Selbstopfer Gottes in der Reinheit der Liebe ihm selbst vor Augen zu bringen, ist das was der Mensch zu tun hat gerade aber in seiner Freiheit ALS Welt zu suchen, in der größtmöglichen Seinsdimension, die ihm möglich ist: Als Teilhabe an der Liebe Christi, die es selbst ist, die die Welt vor die Augen des Vaters trägt.

Aber das verlangt auch ein Ansetzen am Ort des Kreuzes - und das ist die konkrete Welt. Mit all ihrem konkreten Tagesablauf, der nicht in sich banal, sondern nur ohne das Licht der Vernunft banal wird. Denn die Vielfalt menschlichen Seins ist nicht leerer Wahn, sondern sie ist es, die jenen Lobgesang darstellt, den Kirche eigentlich meint: Gemeinschaft der vollkommenen Weltgemeinschaft. Vollkommen in der Liebe, die das Sein ins Seiende treibt.

Wenn man etwas als Sendung verstehen will, so liegt sie darin: in der je konkreten Gestalt des Lebens. Nicht in deren Auflösung um eines vermeintlich nur innerlich möglichen Glückes wegen. Wer einen konkreten Ansatz sucht, sollte also durchaus bei den Jesuiten suchen - aber bei jenen, die in Paraguay alle Möglichkeiten, aber auch alle tatsächlichen Vorläufigkeiten zeigten. Die in beeindruckender Klugheit und Weisheit bei der menschlichen Kultur ansetzten. Nicht in Frömmlerei und Pharisäismus. Ihr Arbeitsfeld ist beispielhaft dem gleich, das jeder Mensch vorfindet. Heute aber nicht anders, als vor 500 oder 1500 Jahren.

Die Aufgabe des Menschen kann nie anders heißen als: Kultur. In der er sein Menschsein zur konkreten Entfaltung bringt - im Werkstück, im Familienleben, im gelungenen und gerechten Handel, in der entfalteten Liturgie, im poetischen Theaterstück, in Lied und Dichtwerk. Das ist die Quintessenz auch aller Philosophie der Menschheitsgeschichte, die in ihrer Stringenz in der Erfassung der Welt als Analogie und Abbildhaftigkeit der Wirklichkeit der Dreifaltigkeit mündet. Es ist die Basis aller Vernunft: Das Wort, das Gott war, das ausging, und das Fleisch geworden ist. Das Licht, von dem das Feuerwerk der Farbe ausgeht.





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Dienstag, 11. Juni 2013

Vom Einen zum Vielen (2)

Teil 2) Ins Personale zurückgeholte Vernunft





Was nicht heißt, daß es nicht in allen Religionen Einzelne geben kann, die diese Unfreiheiten erkennen, und vielleicht lediglich den Zugang zur Offenbarung des Alleinen nicht haben. Aber der Synkretismus der Gegenwart, der längst eine Allgemeinerscheinung ist, in dem also alle Religionen "eins" sind oder sein sollen, erkennt nicht (mehr) den prinzipiellen Unterschied, häufig, weil er den Katholizismus gar nicht (mehr) versteht.

Wo sich das Rationale nicht erledigt hat, sondern in einer wirklich umfassenden Offenbarung erst zur Kraft der Vernunft steigert. Die Offenbarung Christi hat auch die weltimmanente Rationalität durchleuchtet, das Reich der Vernunft ist nicht auf das Irdische begrenzt, aber in bloßer weltimmanenter Rationalität - die ja nur Anfang einer allumspannenden Vernunft sein kann - nicht erschöpfbar, ja unzureichend. Damit wird im Vielen das Eine gesehen, und es ist Ausfluß Gottes, der Vernunft IST.*

Die Entwicklung in den Vedas, die sich in ihrem Kern ebenfalls als Offenbarungen verstehen, daß dieser all-eine Gott selbst aber dem Menschen nicht direkt erkennbar ist, und zwar aus Gründen der Vernunft bzw. deren Wesen, ist spät, und sie weist bereits auf die zunehmend notwendige philosophische Ausprägung, dem Durchdringen mit dem Verstand, hin, als Folge des Zerfalls des Lebensganzen, wo das Leid immer mehr ins Blickfeld gerät. Das aber gelang dort nicht, das indische Denken verlief sich in theologische Spekulation, und darüber zerlief das konkrete Leben, das sich vom Religiösen ablöste. Aus einer ursprünglich äußerst lebens- und weltbejahenden Religion wurde im Zerfall der umfassenden Lebenssicherheit eine Religion des Asketentums, der Abwendung von der Welt. Der unbekannte Gott wurde nicht bekannt. Eine eigentlich zwangsläufige Folge - ohne Inkarnation Gottes selbst, wie es in Bethlehem hunderte Jahre später passierte, in dem Wahrheit Fleisch wurde, sodaß sich die Welt selbst in die Vernunft mit hineinhob.

Denn das Wissen, das erste und alles weitere aufbauende Wissen des Menschen ist nicht ein "Wissen von", sondern in ihm ist das Wissen selbst Sein - ein Sein-Denken, in der Form der Teilhabe dem Menschen zugängig, als Objekt der Sinne. Die reale Auswirkung einer Religion ohne inkarnierten Gott ist der fehlende Zugang zur tiefsten Vernunft. Diese Schwelle kann der Mensch aus sich heraus nicht überschreiten. Er bleibt in Ahnung und Gefühl. Es fehlen ihm sozusagen die Schlüsselbegriffe, aus denen heraus sein weiteres Denken erhellt werden kann. Er driftet entweder in Rationalismus ab, oder in bloßes religiöses, außerhalb strikter Riten haltloses Gefühl. Das Innere aber muß von aller empirischen Inhaltlichkeit gereinigt werden, um zur Erlösung von Leid und Tod zu gelangen. Die Welt verliert jede positive Bedeutung.

Weshalb der irrationale Religiöse Riten oder "Überzeugungen" oder Techniken, Methoden zu finden sucht, nur sie geben ihm Halt. Der irrationale Religiöse ist es damit auch, der fanatisch wird. Ihm wird das Begegnende immer zur potentiellen existentiellen Gefahr. Der Rationalist hingegen, der im Glauben an eine weltimmanente Rationalität erstarrt, daran gleichfalls fanatisch festhält, verdrängt seine religiösen Ahnungen überhaupt, taucht sie in scheinrationales Licht, oder tut ohne zu wissen was er tut, um sich dem Gefühl zu doch noch aufzureißen, dessen Wirkung er sich hinwiederum vergewissern muß. Beide Formen verschwimmen so gut wie immer ineinander, und sie zeigen idente, nur anders gelagerte Symptomatik. Etwa, indem der irrational Religiöse "theologistisch" wird, also sein Denken absolut an theologische Formeln anpaßt, dogmatistisch, ritualistisch und/oder moralistisch wird, und damit erst recht die Wirklichkeit als Begegnungsort mit Gott, dem Sein, verdeckt. Immer im Druck des Selbstvergewisserungszwangs - etwa im beweishaften "Erleben". Die Kombinationen sind zahllos und meist hoch komplex, denn die Wirklichkeit der Wirklichkeit kann niemand ganz ausblenden, sie umhüllt ihn immer.

Auch heute ist in unserer aus aller Einheit gerissenen, auseinander gefallenen Kultur der Mensch in den ruinenhaften Teilstücken dieser Kultur nunmehr mit Fragen konfrontiert, die auf einer (im wesentlichen: immanent philosophischen) Ebene liegen, die dem Einzelnen auf diese Weise gar nicht zugängig ist. Das Weltgefühl ist dem Einzelnen auf der Ebene, auf der die Fragen auftauchen, dem Rationalen, rational nicht mehr bewältigbar. Die meisten der heutigen Fragen sind deshalb entweder irrelevant, oder greifen in Bereiche, die die ihrer Art gemäße Lösekraft des Einzelnen weit übersteigen. Weshalb wir heute in einem schier unübersehbaren, durchaus wirren Geflecht menschlichen Daseins leben, das ein "glauben an und glauben jemandem" ist, auf der Schwelle zum vollständig Irrationalen. Die Worte schließen den Menschen ihr eigenes Inneres, ihre zentralen Fragen, gar nicht mehr auf.

Menschliches Wissen auch als Bewußtsein ist aber immer an personale Autorität gebunden, denn so ist das menschliche Wesen angelegt: personal. Denn das ist das Grundwesen der Welt - die nicht sinnlos ist.

Philosophie ist nicht eine Generalerscheinung des Menschen, sondern eine kulturell bedingte, sehr spezifische Leistung. Bricht, wie in Europa (und überall sonst noch in der Geschichte ist dasselbe zu beobachten) passiert, die Einheit der Kultur innerhalb der Religion auseinander, so wird nach und nach der Einzelne mit Fragen überschwemmt, die er auf die kulturell-faktisch gegebene Weise nicht mehr beantworten kann. Hier wird die Philosophie zur wirklichen Leistung.

Das ist umso tragischer, als die kulturelle Entwicklung als Zerfall der gesellschaftlichen Ordnungen zur Tatsache führt, als der Einzelne zwingend aufgefordert wird, sich sein Urteil auch über seine eigenen Grundlagen selbst zu bilden, um seinen Ort als Grundlage seines Daseins überhaupt zu bestimmen. Diese Frage muß zuerst geklärt sein, sonst wird jeder verrückt, völlig unfähig zu denken. Und sie wird bei jeder noch so kleinen Berührung mit der Welt, bei jeder noch so kleinen Tat (und alles, was ein Mensch ist, ist im Gegenzug Tat) neu aufgerissen. Die er in stetig neu aufzugreifendem Selbstgespräch - denn das ist letztlich Denken - neu zu bewältigen hat. Denn die Flucht in Romantizismen, Sondergesellschaften, Scheinordnungen oder zwanghaften, auch moralischen Neuordnungen wie Faschismen oder Kommunismen, aber selbst scheinbar orthodoxen Erneuerungsbewegungen und so mancher Gemeinschaften, erlöst ihn nicht aus dieser nur individuell zu bewältigenden Unruhe, der immer neu aufbrechenden Sorge um das rechte Handeln.

Ist die geistige Grundlage einer Zeit krank, und das heißt duchaus: ihre Öffentlichkeit, ihre (verbale) Oberfläche, vermag diese Gedankenzusammenführung nicht mehr zu einem Ergebnis zu finden. Dabei entscheiden aber ganz andere (nicht direkt religiöse), in gewisser Weise zufällig zu nennende Faktoren - wie die Faktizität hierarchischer Zuordnungen, die praktisch-faktische Lebensordnung seiner wirklichen existentiellen Situation als Grundlage seiner Welterfahrung** - über seinen Zugang zu Gott und Religion. Auf daß der Mensch das finde, was er immer sucht und was sich hinter allem Mühen und Streben und Umsichschlagen verbirgt: die Ruhe und den Frieden im Einen.


Teil 3 morgen) Nachsatz. Konsequenzen



*Die in der Gnosis weltimmanent wird. Dort besteht Transzendenz nur dem Namen nach - der Mensch vermag in ihr aufzugehen, sie quasi in sich identifizierend, zusammenfallend "herunterzuholen".

**Daran schließt ja die hier so vehement vorgetragene Kritik am Sozialstaat an, der nämlich eine Erodierung der Grund-Welterfahrung und damit eine Austrocknung des Menschseins nach sich zieht. Indem der Sozialstaat die Verlagerung eben dieses Menschseins in die Technik bedeutet. Richard von Weizsäcker sei als einer von vielen genannt, die bereits bei der Intensivierung des Sozialstaates vor 100 Jahren eindringlich vor den pädagogischen Folgen gewarnt hat. Die Entwicklung der menschlichen Haltungen, wie wir sie heute sehen und meinen, sie seien das zufällige Ergebnis freier zivilisatorischer Entwicklung, waren bis auf Punkt und Beistrich vorherzusehen.





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Montag, 10. Juni 2013

Vom Einen zum Vielen (1)

Vielfach wird argumentiert, daß der Monotheismus eine Entwicklung aus dem Polytheismus darstellt. Betrachtet man aber eine polytheistische Religion - wie die indische -, so stellt man das Gegenteil fest. Dann stellt man fest, daß der Polytheismus eine Folgeerscheinung kultureller Diversifikation darstellt. 

Gerade die Veden zeigen es in ihrer Entwicklung. Mit der Entfaltung einer Kultur im Fortschreiten der Zeit wurden je einzelne Aspekte des "Gesamtgottes" (den wohl alle polytheistischen Religion haben, betrachtet man ihr Verständnis davon genauer) für sich gestellt, entwickelten eine Art Eigenleben. Und daraus erwuchs der sogenannte Vielgötterglaube, weil hinter diesen spezifischen Erscheinungen spezifische Wirkmächte gesehen wurden.

Das hat viel mit der Entwicklung der Philosophie und ihrer Leistungskraft auf der einen Seite zu tun (die indische Philosophie, um beim Beispiel zu bleiben, hat sich aus der Metaphysik und Religion entwickelt), ist zum anderen - wie in Judentum, Christentum und Islam (der direkt an die Offenbarungskraft des Christentums anschließt, sie aber zu übertreffen meint) - gebunden an eine Offenbarung. Aus deren integrativer Kraft der Wahrheiten heraus erst alle Aspekte der Welt integriert werden können. Umgekehrt belegt sich das Gesagt aus dem historischen Umstand, daß in Indien wie in Griechenland leicht nachweisbar die Philosophie zum Zeitpunkt eines entwickelten Polytheismus entstand, als Versuch, das Viele wieder ins Eine* zu führen.

Gerade in den Vedas fallen sie aber wieder, in gewahrter Vagheit der Gestalt, in diesen Einen Gott zusammen, was belegt, was hier gesagt wird. Dort aber wird es zur "Priestertechnik", wie in Ägypten oder Babylon, schreibt Georg Misch. Zur widerspruchslosen rationalen Auflösung reichte die rein religiöse, disparat und widersprüchlich gewordene Bewegung nicht mehr, wiewohl der Bezug auf den allein-einzigen Gott (quasi: daneben) bestehen bleibt, weil nicht auflösbar ist. Die rein theologischen Grundbegriffe des Einen Gottes also bleiben erhalten.

In der Grundbewegung aber sind beide erwähnten Religionstypen gleich: Sie haben aus einer Zentralwahrheit heraus nach und nach, in historisch bedingten Prozessen, mit denen sich die Herausforderungen und Aspekte wandeln, ihre Lehrsysteme entwickelt. Sodaß sich in jedem Detail das Zentralgeheimnis wiederfindet, so wie das Licht sich im Prisma von der Einheit zur Vielheit (man beachte die religiöse Bedeutung des Regenbogens!) bricht.

Bis sich der personale Bezug des Religiösen mehr und mehr in metaphysisch-philosophische Systeme hinein auflöste, die in ihrer Reinform, den gnostischen Bewegungen, dieses Wissen selbst, abstrahiert, zu Gott selbst machten. Rein verbal (als Äquivokation) eine gar nicht so falsche Sicht - ihr Irrtum liegt auf anderer, eben praktischer und menschlicher Ebene der Unfreiheit (Klartext bei der Gnosis: Hochmut!)

HIERIN läßt sich das Verbindende (und nominell scheinbar, aber meist nur scheinbar Ähnliche, oft genug bloß Äquivoke) aller Religionen finden. Aber es hat keine Aussage über ihre soteriologische Dimension, hier muß alle "Panreligiosität" ihre Grenze finden. Denn das "Revolutionäre" des Christentums ist nur zum Teil aus ihrer Offenbarungswahrheit verstehbar. Hierin finden sich viele Parallelen und gemeinsame Grundzüge mit anderen, ja allen Religionen der Welt. Die theologischen Spekulationen der Vedas stimmen z. B. mit theologischen Deutungen der Dreifaltigkeit bemerkenswert überein!

Aber alles liegt in der Seinsdimension ihrer Heilswirkung - in der realen Inkarnation dieses "Gesamtgottes" selbst. Und das ist der zentrale Punkt der Unterscheidung aller Religionen und Heilswege auch untereinander. Dort wird auch die indische Religion zum Pantheismus, weil Welt und Gott in allem in eins fällt. Feuer IST ihnen Gott. Das Rind (Quell des Lebens) IST Gott, in Selbstzeugung Gottes (über den Weg Feuer - Erde - Leben etc.) entstanden. Aber selbst hierin noch in vielem mit katholischer Spekulation (z. B. Gottesmutter - Tochter des Sohnes ...) vergleichbar.

Nur von dieser Warte aus betrachtet wären die Unterschiede der Religionen also nur graduell zu sehen. Das Katholische des Christentums umfaßt aber tatsächlich alle Vielheiten der Welt in sich, und zwar nicht graduell, sondern prinzipiell anders. Weshalb der Zugang zu ihm in der je subjektiven Weise geöffnet oder verhindert liegt, in der der Einzelne sein Heil, das Ziel seiner Grundsehnsucht erblickt.

Sodaß sich auf dieser Ebene - nennen wir sie: kulturell - eine neue Ebene der Parallelen und Gemeinsamkeiten durchaus erblicken läßt. Aber hier liegt die Ebene der Freiheit. Das Allumfassende kann nur die Gesamtebene der Freiheit sein. Wer deshalb das Katholische zur Konfession umdeutet, macht denselben Fehler, wie ihn alle übrigen Religionen machen - er drängt sich (als einzig erkennbare Lösung) auf eine unfreie Wirkebene. Deshalb sind auch die pastoralen Wege (nennen wir so) aller dieser nicht-katholischen Religionen nicht nur ungeeignet oder graduell mangelhaft, sondern prinzipielle Verfehlung.

Im Katholizismus wird dieses Wissen, die Wahrheit selbst wieder in das Personale hineingenommen, der Ebene des rein Rationalen also wieder entrissen, in der das Wissen in sich austrocknet. (Deshalb auch neigt der Rationalismus ja zum Obskuren, zum "Geheimnisvollen" - als Versuch eines Auswegs. Rationalität, zeigt beweishaft Gödel, ist in sich nicht begründbar. Sie braucht also ein offenbarendes, jenseitige, transzendentes Element. Gödel verfiel in Spuk- und Verschwörungsglauben ... Oder wie Menschen, die mit der Relativitätstheorie argumentieren, und jeden Dienstag ihre Reiki-Meisterin besuchen.)



Teil 2 morgen) Ins Personale zurückgeholte Vernunft




*Georg Misch, der diese Entwicklungen ausgezeichnet ordnet, nennt dieses "Eine" den "nacktesten Ausdruck für den metaphysischen Gegenstand."







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Montag, 3. Juni 2013

Grundlage der Freiheit

Enthusiasmus, schreibt Georg Misch einmal in seinem wunderbaren "Der Weg in die Philosophie"², ist keine dauernde Lebensgrundlage. So viel Wert er in gewissen Momenten hat. Er vergeht, sooft man ihn auch wiederzuerwecken versucht, und ist insofern Erscheinung der Jugend, als die Umbrüche des jungen Menschen tiefe Fragen aufwirft, in deren Beantwortung er mit den Mitteln schwankt. Denn er steht zwischen zwei Möglichkeiten: Die emotionale Geborgenheit eines rundum geschlossenen Lebensvollzugs, oder der Gründung in seiner Vernunft, wo die nur selbst zu gewinnende Einsicht in das Leben in ihrer Positivität durch ihren eigenen Sinn feststeht, sodaß sie vor allem (!) Fragen - in der Vernunft - standhält.

Wer versucht, die Mittel der Jugend - im Enthusiasmus - ins Erwachsenenleben hinüberzuretten, gleicht genau jenen Höhlenbewohnern in Platos Gleichnis, die die Beunruhigung durch das größere Licht zugunsten der Sicherheit der Welt der Schatten und Täuschungen forzusetzen. Der versucht, sein Wohlgefühl zu schützen, das ihn in der Menge derjenigen umfängt, die gleich ihm den Kopf nicht wenden, sondern den Blick weiterhin starr auf die Schatten richten. Der versucht, auch ohne Selbststand als Individuum zu bestehen.

Deshalb kann auch keine Religion Bestand haben, die sich als Schattenspiel versteht, das der Menge geboten wird. Sie vermag zwar ein Gefühl einer Scheinsicherheit zu geben, aber erlöst den Einzelnen nicht aus seiner Blindheit. Es gibt kein "Sehen der Menge", es gibt nur das Sehen des Einzelnen. Es gibt keine Freiheit der Menge. Es gibt nur die Freiheit des Einzelnen, in der er dauerhaften Grund und Grundlage ethischen Handelns findet. Dazu aber muß er seinen Kopf umwenden.

Man könnte da noch etwas hinzufügen: Es gibt, schreibt Whitehead, keinen Teil, der nicht in sich alle Qualitäten des Ganzen wiederspiegelt. Nichts ist aus dem es enthaltenden Ganzen herauszulösen. Alles steht zueinander in organischer Beziehung. Es gibt deshalb auch keine quasi "heiligere Sphäre", in die sich ein Mensch flüchten könnte, um sich vor einer fallenden Welt zu bewahren. Nur wenn das Ganze "überwunden" wird, ist auch der Teil gerettet, und nur so wirkt er (in diesem Sinne) auf das Ganze zurück.

Es gibt deshalb auch keine Heiligkeit, die sich der Einzelne über den Kopf stülpen könnte, um dann unbeschadet - und isoliert - durch die Welt zu stapfen. Es gibt keine nicht-konkrete, HISTORISCH ungebundene Liebe*. Es gibt kein nicht-konkretes, nicht historisches Heil. Es gibt kein archäologistisches Zurückholen vergangener Erscheinungen, denn kein Moment ist wiederholbar, kein "gleiches Tun" bei Wiederholung "dasselbe Tun". Es gibt keine nicht-konkrete, a-historische Vollkommenheit. Und es gibt deshalb auch keine separierbare kulturelle Umgebung, die wie ein Kallus in der historischen Welt auf diese als Außen, als Hinzukommendes wirkt, weil es kein nicht-historisches, insofern immer relatives, bezogenes Werk gibt. Das Sein hat immer historisches Gesicht.

Wer deshalb das Christentum zur Weltanschauung macht, in der Verhalten und Lebensvollzug zum Bild eingeschmolzen wird, tötet es im selben Moment**. Wer das Wesen des Christentums in den evozierten Enthusiasmus verlegt, um sich seiner (eigenen Rettung) zu vergewissern, tötet es. Denn das Antlitz der Wahrheit muß jeden Moment neu geboren werden.

Die Philosophie hinwiederum ist NICHT, wie vielfach dargestellt und heute weit verbreitet, die ABLÖSE des vorrationalen Weltbildes der Religion und Mythologie (und, übrigens, auch der Kunst), sondern sie ist die historisch jeweils notwendig gewordene Leistung des Menschen, sich aus dem Zerfall der der Wahrheit dienenden Organizität der natürlichen Lebensordnung in dieselbe eine Einheit zurückzuführen, auf die sich auch die Religion (und die Kunst) bezieht. Deshalb ist sie historisch "Epoche" nennbar, deshalb aber ist auch klar, daß ein rationalistisches Zeitalter wie das unsere ihr nicht nur nicht ausweichen kann, sondern sie bei den Hörnern zu packen hat. Um zur Vernunft zu kommen.

Sie dient also lediglich der Teilhabe an der einen und selben Wahrheit des Seins. Insofern ist sie von Religion nicht trennbar. Aber auch nicht als "separabler" Weg, sondern als ein und derselbe, nur anderer Weg, ja sie ist nicht einmal aus der "Natur" des Lebens ableitbar. Sie ist eine historisch aufgetretene Erscheinung, die in verschiedenen Kulturen dann eine Rolle und Aufgabe erfüllt hat. Sie ist damit aber auch schlicht und ergreifend Teil unseres Schicksals geworden.

Wer zum einen die Aufgabe stellt, der Welt in der wir heute leben offen zu begegnen, ja sich ihrer "zu bedienen", kann deshalb auch nicht ihrer Überwindung - und der Philosophie - aus dem Weg gehen. Und er kann deshalb nicht a-historisch handeln: er muß seiner Epoche entsprechend begegnen, aber sie damit auch durchdringen, um in ihr frei zu sein, das heißt eigentlich: zu werden. 

Denn gleichzeitig ist eine solche Epoche (philosophische Epochen liegen immer im Abendlicht einer Kultur) auch nicht "restaurabel", indem sie ignoriert und über einen Rückgriff auf bloß "religiöse" Formeln und Verhaltensweisen (s. u. a. den lehrreichen Versuch Kaiser Julians "Apostata") zu retten versucht wird.

An der in solchen Epochen gewiß mühsameren Aufgabe Freiheit und Vernunft führt kein Weg und auch kein Enthusiasmus*** vorbei.



*Selbst die Liebe Gottes nahm (und nimmt) deshalb einen historischen Weg, trat in die Zeit.

**Das ist etwas vollkommen anderes als die Ähnlichkeit von Verhalten, über verschiedene Zeit betrachtet. Diese Ähnlichkeit kann nicht von "außen" kommen, sondern ist die Gleichheit des Wesens. Selbst Tradition hat nur dort Sinn, wo sie sich auf die Ehrfurcht vor diesem (ewigen, gleichbleibenden, absoluten) Wesen bezieht. Kein Verhalten der Welt aber vermag an sich zu "retten". Deshalb hat auch ein Ritus wahr und sachlich (und übrigens: historisch bezogen) zu bleiben, will er nicht zum heidnischen Selbstvergewisserungsakt mißbraucht werden. Denn - "Ite, missa est!" - er kann nur aus der Erfahrung des Ewigen in die Welt hinaussenden, nicht selbst faktische, banale Welt sein. Wer seinem Nächsten verzeihen will (etc. etc.), hat dies AUSZERHALB des Rituellen bzw. als Vorbedingung zu tun. Und sei es beim Pfarrkaffee.

***Der noch dazu die Verheißung der Bequemlichkeit enthält, weil der Enthusiasmus, der "bewegt", die Mühe der Eigenbewegung - Freiheit - scheinbar erspart.



²Dieses Büchlein ist noch sehr wohlfeil antiquarisch erhältlich. Es kann wärmstens empfohlen werden. Neben zahlreichen anderen Einführungen in die Philosophie (die am besten als Philosophiegeschichte sind), die man nicht als einmal abzuleistende Last, sondern als immer wieder zu erneuern notwendige Auseinandersetzung mit den Grundlagen des eigenen Denkens sehen sollte. Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken ist ja in höchstem Maß Auseinandersetzung mit dem Denken der Zeit, in der man lebt, beides ist gar nicht zu trennen. In Zeiten medialer Omnipräsenz, dem ständigen Zwang zur Meinung, zum Urteil, unerläßlich, ja es nicht (und immer wieder) zu tun führt zwangsläufig ins Narrentum.

Der Leser meint: Zuviel verlangt? Wer sich gewisser Möglichkeiten bedient, muß ihnen auch entsprechen können, daran führt kein Weg vorbei. Dabei geht es nicht, wie man meinen könnte, um gewissermaßen "Umfassendheit", bloß "Gewußtes" quantitativer Art. Es geht um die Notwendigkeit, von der menschlichen Eingesponnenheit in die Wortdecke aus, die uns ausnahmslos alle zudeckt und umfaßt, immer wieder jenen fruchtbaren Boden in uns zu finden, aus dem überhaupt alles menschliche Fragen und Wissen hervorgeht. Und der ist primär ein "Gefühlter", und er ist nur im konkreten Subjekt vorhanden. In einer globalisierten Welt sind die Ideen, die damit unausgesetzt nach uns greifen, aber so vielfältig und ineinandergeschoben, daß die Umkehrung - vom Beherrschtwerden zum Besitzen - viel Mühe notwendig macht. Wer sich dieser Mühe meint entziehen zu können, hat schon verloren. Natürlich, in gewisser Adäquatheit zu den Lebenskreisen, die man beschritten hat und beschreiten will oder soll. Das alleine macht klar, warum der geforderte Gebrauch des Internet als "allgemeines Medium der Information" völlig absurd ist. Wir lernen nicht "die Welt" damit kennen, und auch nicht die Welt ihrer Inhalte, sondern die Weltbilder der Programmierer. Das macht aber auch klar, warum Internetbenützer dazu tendieren, immer in denselben Kreisen der Informationsquellen zu verbleiben.



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Sonntag, 2. Juni 2013

Personen als Kulturträger

Es ist ein ganz aberwitziger Trugschluß zu meinen, Kultur wäre jemals über (technische) Medien weitergegeben worden. Misch zeigt in seiner grandiosen "Geschichte der Autobiographie", daß sich durch die ganze Antike bis in die Neuzeit Zweige und Linien, regelrechte Stammbäume persönlicher Lehrer aufweisen lassen, die sich über die Jahrhunderte ziehen. Wissen, Weisheit wurde immer nur persönlich weitergegeben, und steht auf dem Fundament, daß Erkenntnis eine Frage der persönlichen Sittlichkeit ist, nicht eines formalen "Wissens" oder Sprachspiels. 

Dabei zählte der nominale Inhalt immer eher wenig, manchmal war er überhaupt Nebensache. Die meisten Lehrer sind in ihren Lehren kaum wirklich einzuordnen, oder auch nur eindeutig. Sie haben aber erfolgreich gewirkt - als Erzieher zu einer sittlichen Lebenshaltung, IN DER Philosophie, Wissen, zu lebendigem Atem und Blut, und damit zur Religion wurde.

Träger der Weitergabe waren immer Personen, das persönliche Beispiel, die persönliche Wirkung. Plato, Aristoteles (... wer zählt die Namen ...) - sie alle haben durch persönliche Schulen (und Schüler) gelebt und gewirkt. 

Alfred N. Whitehead schreibt völlig richtig, daß das, was Plato wirklich gedacht hat (beziehungsweise gedacht haben muß), aus seinen überlieferten Dialogen direkt niemals hervorgeht. Es ist einer Geisteslähmung zu vergleichen, die schriftlichen Festlegungen zu direkt zu nehmen, sie gar zu einer "Lehre" einzudampfen. Sieht man Plato in der Lebendigkeit eines hinter seinen Schriften zu erfassenden Geistes, wird die Größe seines Denkens erst überhaupt bewußt, und seine Inhalte stehen in neuer, lebendiger Gestalt vor Augen. Und dann sieht man, wie organismisch Plato dachte, wie falsch es ist, seine Aussagen als abstrakt-mathematische Logikgebäude zu sehen.

Der Verfasser dieser Zeilen sieht den künstlerisch-dialogischen Charakter der Platonischen Texte übrigens genau in diesem Bezug: Als erstaunlicher Versuch Platos, über die lebendige Wirklichkeit von geschaffenen Figuren, Personen zu sprechen, im Personsganzen also, mit Schicksal, Charakter und Färbung, je auf ein Du gerichtet. Kein Sprechen (und kein Denken) ist anders möglich und zu sehen.

Verlagerte sich die Weitergabe auf technische Medien, geschah das immer zu einem Zeitpunkt, wo die Vermittlung von Kulturwissen und -inhalten schon gar nicht mehr funktionierte. Noch Plato wetterte deshalb (in seinen Schriften ...) gegen die Rolle der immer gebräuchlicher werdenden Schriftlichkeit. Denn in ihr kann Gewußtes gar nicht weitergegeben werden, sie hat bestenfalls hinweisenden Charakter, trägt aber die Gefahr in sich, daß sie für das Wissen selbst gehalten, also auf ihren Nominalwert reduziert wird.

Das läßt erneut begreifen, in welchen Wahn wir uns begeben zu meinen, über Internet "Wissen", über Algorithmen "Weisheit" weitergeben oder gar ausbauen zu können. Stattdessen wird Wissen zu bloßer Kenntnis, und bleibt kulturbezogen gesehen ohne Wirkung.

Der Verfasser dieser Zeilen weiß, daß man ihn als "Alarmisten" sehen könnte. Wie auch immer, aber er kann nicht anders als aufzuschreien, wenn er sieht, daß wir einer wahren Wissens- und Erkenntniskatastrophe mit Riesenschritten entgegeneilen, ja bereits mittendrin sind. Und sie ist vermutlich schon irreversibel.* So daß das eigentliche Kulturgut der Menschheit des Abendlandes gar nicht mehr vermittelbar ist - es kann gar nicht mehr aufgenommen werden, die Grundrezeption der Wirklichkeit ist bereits zu sehr deformiert. Wie die Jesuiten in Paraguay bleibt nur noch festzustellen, daß die Menschheit in tiefe, a-sittliche Kindheit gefallen ist.

Das, was wir täglich vor Augen haben, das uns vorgaukelt, daß doch noch alles stehen würde, sind nur noch die Fassaden und Museenwände, hinter denen bereits eine erschreckende Leere gähnt.** Spielzeug gleich, das ein Kind dem anderen staunend zeigt, mit dem es irgendetwas anzufangen versucht. Aber die Dinge sprechen nicht mehr, weil die Menschen nicht mehr sprechen. Nur das Sein-Denken hat überhaupt etwas zu sagen, und das verlangt "zu sein". Am Horizont ist sie längst aufgestiegen - die lange, dunkle Nacht. Der Tag ist erloschen. Unser nächster Blick wird der zu den Sternen am Nachthimmel sein (ja, ist er es nicht längst, wörtlich?), aus denen wir versuchen, wieder einen Gang und Sinn der Welt abzulesen.






*Wer sehen will, wie so ein Niedergang vor sich geht, der sollte zum Beispiel nur die Buddenbrooks von Thomas Mann aufmerksam lesen: Als Gesamtbewegung, in der kein Teilchen "großartig" oder "umwälzend" wirkt. Sondern als Zueinander fast unendlich vieler kleinster Faktoren zu sehen ist. Dazwischen mit einem größeren Geschehen politischer Natur, wo ZUM BEISPIEL eine Zollunion nicht laut schreit "seht her, was ich verändern werde!", sondern subtil das gesamte Geschäfts- und Privatleben der Menschen (mit) ändert. Und nach einiger Zeit, in der Rückschau, stellt man plötzlich fest, daß sich das Ganze verändert hat, daß das Ganze, in einer gewissen Unheimlichkeit fast, an vitaler Substanz verloren hat. Wenn die Buddenbrooks aussterben, so wird es zu einer großartigen Metapher einer Kultur als komplexer Gesamtbewegung, in ihrer Doppelgesichtigkeit - als Schicksal wie als Folge des Handelns Einzelner.

**Man erlaube in aller Beschränkung und Angreifbarkeit den Hinweis auf Platos "Theätet" (etc.), sowie auf sein berühmtes "Höhlengleichnis", die Wortwahl der Ausführungen oben ist nicht zufällig. Denn die sinnlichen Daten der Wahrnehmung können keine Gewißheiten liefern, das liegt in ihrer Natur als veränderliche Daten, und in der vielfachen Täuschbarkeit. Einzig die Umwendung "ins Licht", auf das, was die Erscheinungen erscheinen läßt, sie zum Schattensein beleuchtet, die gedankliche Abstraktion vermag das Wesen der Erscheinungen zu erfassen - das Unveränderliche ihrer Wesensidee, das nun allen Denkenden gleich erscheinen kann. Wer nur in den Sinnesdaten bleibt, kommt über subjektives und veränderliches Meinen nie hinaus, selbst wenn sein Meinen auch "richtig" sein kann, und Erkenntnis selbst nur subjektiven Charakter haben (weil im Subjekt stattfinden) kann. (Die "Generation Internet" hat auch deshalb viel Ähnlichkeit mit der antiken Epoche der "Sophisten".) Richtiges Meinen (das aber nie dem Wissen gleichkommen kann, weil ihm dazu die Sicherheit fehlt, also auch nicht durch die Festigkeit des Urteils dem Wissen gleichkommt) und noch mehr aber eben Wissen bedeutet immer deshalb ein Übereinstimmen des Erkennens mit dem Sein einer Sache - im Begriff. Je mehr Einzelnes (auch als Sinnesdatum) nun ein Sein (mit Vorsicht und lediglich als Analogie sei der Begriff hier verwendet: Seinsidee) in sich birgt, desto höherstehend ist es, bis zum höchsten Begriff, bis zum Sein an sich - Gott. Deshalb mündet jedes Wissen - in Gott, deshalb muß Gott allwissend (und sein Name allumfassend) sein. Während alles Wahre in einer Stufenfolge miteinander logisch verbunden ist, sich auf keiner Stufe widersprechen kann, wenn auch nicht im Aufbau nach oben quasi "additorisch" einfach ausrechenbar - wenngleich in der Mathematik, der reinsten Idee, darstellbar - wird.

Hier muß man freilich Plato ergänzen, denn die Wesenserkenntnis ist selbst empirisch verankert, die Erkenntnisarten (empirisch, mathematisch, philosophisch) vereinigen sich zu einer einzigen Erkenntnis. Im übrigen sei auf so manche Ausführung über das Wesen von Sprache hingewiesen (siehe unter anderem unter dem Stichwort Josef König), die sich hier findet oder noch finden wird. Denn auch der Begriff "Denken" müßte dazu weiter hier auseinandergelegt werden, als es vielfach geschieht. (König unterscheidet anhand eingehender Sprachanalyse zum Beispiel in "Sein-Denken" und "das Sein denken"; das genüge als Hinweis.) Der Verfasser dieser Zeilen hat den Verdacht, daß der Denk-Begriff Platos (bzw. sein Ideenbegriff) weiter zu fassen ist, als vielfach geschieht.

Dennoch - siehe die Ausführungen in dieser Zeit zu den Erkenntnissen von Melchior Palágyis Wahrnehmungsthesen - kann auch der Sensualismus (psychophysischer Parallelismus) nicht stimmen, wonach Erkennen mit Sinnesdaten parallel verläuft. Damit würde der Mensch nie zu Gewußtem kommen, was jeder Empirie widerspricht. Denn so beschränkt es auch immer sein mag: der Mensch KANN wissen. 





*020613*

Montag, 27. Mai 2013

Das Denken denken

"Denken, auf jeden Fall Sein-Denken - ist in sich ein Vernehmen. Wir sprechen im Deutschen von der Vernunft, aber auch von der Stimme der Vernunft. Wenn wir beides zusammenbringen, so stehen wir vor dem Selbstunterschied der Vernunft als einer sowohl kündenden als auch diese Kunde vernehmenden Vernunft. Die Koinzidenz von Künden und Vernehmen, von Reden und Verstehen der Rede macht Vernunft aus.

Für sich genommen würden sich Bestimmungen dieser Art sehr abstrakt anhören; sie werden faßlich auf dem Grunde des Selbstunterschieds des Sein-Denkens. 

Die Vernunft ist kein rein empfangendes und kein rein hervorbringendes Vermögen. Sie interpretiert sich selbst; d. h. sie interpretiert, was wir schon denken (den in sich bestimmten Eindruck), durch das Wort. Und ebensogut könnte man sagen, daß wir interpretieren, was sie schon denkt. 

Der Gegensatz zwischen uns und der Vernunft, die je unsere ist, hat hier seine Quelle. Die Vernunft ist dieses Sichinterpretieren. Der Charakter des Selbst, der ihr im Unterschied etwa zu dem Vermögen der Wahrnehmung zukommt, erwächst aus der immanenten rückwendig-produktiven Bewegung (s. G. Misch), die Denken des Denkens ist.

Das Problem der Vernunft ist das Problem des Gefühls, das zu uns spricht. Wir müssen ünden, was es kündet, wenn es künden soll."


Josef König in "Sein und Denken"






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Sonntag, 26. Mai 2013

An der Wegscheide (2)

 2. Teil) Der Heilige wird Aristokrat




Deshalb ist dem Griechen (und dem Abendländer) Homers Ilias, das Heroentum die entscheidende Lebenshaltung. Der Ritter, der Adel wird zum Lebensideal überhaupt.

Während dem Chinesen und Inder - in den Rigvedas und den chinesischen Erzählungen vom alten Reich der Harmonie - die entscheidende Lebenshaltung das Vermeiden von Konflikten wird, und auch hier: eigentlich: wurde, im Gegensatz zur Lebenshaltung in den Vorzeiten, die auch dort Heldengeschichten dokumentieren. Dem Griechen ist aber diese Haltung des Weltharmonisierens der Vernichtung der Welt gleich - wie es umgekehrt dem Asiaten der Kampf wird.

Asien beginnt einzuschlafen, weil es einschlafen will. Während das Abendland aufwacht, weil es wach werden will.

Wiewohl beide ursprünglich eine selbe und religiös-metaphysische Grundlage haben, die auch die Grundlage jeder Religion überhaupt ist: In Harmonie mit dem göttlichen Willen als das der Welt zugrundeliegende Gesetz ihres Ganges zu gelangen. Hier ist es aber der Logos in der Persönlichkeit, dort die praktische Harmonisierung durch Versenkung als Angleichung an das Weltprinzip. 

In Heraklith's Konzeption wird der Mensch in dem Maß vollkommener, als er sein Denken und Handeln an die objektive Vernunft anbindet. Die nicht im Vielwissen (als Wissen von Einzelnem) besteht, sondern in der Tugend, die auf das Modifizierende, Umfassende, den Sinn geht. Heraklith mündet in die Transzendenz, er sieht die Beschränktheit des Menschen, erkennt die Autonomie der sittlichen Persönlichkeit in ihrer Hingestrecktheit auf den Logos als Auftrag zum persönlichen Adel, mit dem (aus Realismus unerreichbaren) Endziel des Absoluten, der absoluten Werte und Tugenden.  Aber so nimmt er Teil an der göttlichen Macht (die in vernünftigen Gesetzen überhaupt zur göttlichen Ordnung gerinnt).

(Freilich bleibt ihm die Vollendung nur im Ruhm möglich, mit dem Dichter als Ruhmesrichter, als Künder und Hebamme, ja Schöpfer des Fortlebens, weil er das Göttliche in die Welt stellt und im Ruhm festigt. Denn als Teile der Welt sind die Menschen abhängig von dem "allen Gemeinsamen", woraus sich auch die absolute Stellung des Gesetzes ergibt.)

Beiden - Orient wie Abendland - prinzipiell gleich ist zwar auch das Bemühen der Selbsterlösung in einem pantheistischen Weltbild als Ausgangspunkt, wenn man so will. Weil ihnen natürlich das personale Prinzip*** eines inkarnierten Gottes (in der Dreifaltigkeit) fehlt, der sich nur selbst offenbaren KANN, weil Gott an sich unerkennbar ist. Welch letzteres eine logische Einsicht der fortentwickelten Philosophie wird, die natürlich den Lebensvollzug selbst erhellt. Erst aus der Dreifaltigkeit wird das Wesen des Seienden verstehbar, schließt sich auch der Denkbewegung auf - mit der Welt als Analogie Gottes.

Aber damit ist auch klar, daß sich die abendländische Philosophie und Kultur in ihrer Richtung auf die Inkarnation Gottes in Jesus Christus - auf eine Gesellschaft der Königssöhne - hin bewegte, die ihr wie ein Schlußstein - "in der Fülle der Zeiten" - zupaßte und alles aufhellte. Ganz im Gegensatz zu den asiatischen Konzepten, so ähnlich oder gar gleich die metaphysischen Ansätze und Ahnungen ursprünglich auch waren. Die entscheidenden Umbrüche standen in beiden Erdteilen in einer absolut vergleichbaren kulturellen Epoche (um 500 v. Chr.): dem Zusammenbruch der alten, feudal-hierarchischen Lebensordnung.
Es läßt sich bei Heraklith (gerade in der Gegenüberstellung mit asiatischen Religionsentwicklungen) hervorragend beobachten, wie eine Ethik, die aus der metaphysischen Grundbewegung des Menschen hervorgeht, Gestalt und Konkretion gewinnt aufgrund der in der (hier: aristokratischen) Gesellschaftsordnung ausgebildeten Rangordnung der Werte.**** Die Lebenswerte sind ihrem Wesen nach mannigfaltig; ihre Schätzung hängt von der Lage der Lebewesen ab, die ihrer bedürfen und sie genießen, schreibt er deshalb. 






***Die entscheidende Rolle der Schuldvergebung sei hier nur angedeutet, aber hier blitzt sie auf. Jacques Lacan übrigens, als nihilistischer Psychoanalytiker, weist in seinen Schriften darauf hin, daß als Ergebnis seiner Untersuchungen für ihn feststeht, daß der Mensch in seinem Tiefsten persönliche Vergebung vom Sein selbst, im Wort, sucht und benötigt.
 
****Heraklith hat sich politisch völlig enthalten. Denn ihm war die Demokratie, die sich zu dieser Zeit in Athen herausbildete, zutiefst verhaßt.




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Samstag, 25. Mai 2013

An der Wegscheide (1)

Die griechisch-abendländische Philosophie ist praktisch zeitgleich mit der indischen und chinesischen entstanden. Aber schon in ihren Anfängen zeigen sich die grundsätzlichen Unterschiede in der Haltung, die Gegensätze, die Georg Misch zusammenfaßt, die auf andere Weise auf Parallelen verweist, zu denen sich aber beide Kulturkreise je anders stellen.

Dem Inder und Chinesen ist die Welt jener Zustand, in dem er vom Ewigen, Alleinen getrennt wird. In der Vielfalt der Welt verliert er sich. Deshalb muß er ihr in den Subjektivismus entfliehen, sein Ziel ist der ewige Schlaf. Der Krieg, der Konflikt des Alltags reißt ihn in eine Wachheit, die ihn von seiner Bestimmung trennt. Nur die Harmonie des Alltäglichen, der Lebenskreise, die Konfliktfreiheit läßt die Erde als Gottes Stätte erscheinen. In China prägt sich das in der besonderen Zuwendung zum gesellschaftlichen Verhalten aus, in Indien in einem Fatalismus der Gesellschaft gegenüber.

Dem Abendländer liegt es genau umgekehrt, und prägt sich zur selben Zeit (um 500 v. Chr.) ganz anders aus. Heraklit sieht den Alltag als den Schlaf, aus dem es zu erwachen gilt. Ihn kennzeichnet die Weltoffenheit, aus der seine Konzeption des Pantheismus erfließt. Das Alleine liegt in den Dingen, sich ihnen zuzuwenden, darauf kommt es also an. Aus dieser Spannung der Dinge zueinander aber ist das All-eine, das alles Umfassende zu gewinnen. Er öffnet also dem Abendland den Weg zur Wissenschaft, zu einer Welt des Kampfes und der Spannung.

Die Welt der Sinne ist ihm dabei zu wenig. Denn nichts täuscht so sehr, wie sinnlicher Eindruck. ER ist es, der verstrickt. 

Darin könnte man in gewisser Hinsicht eine Parallele zur indisch-chinesischen Metaphysik finden - die Welt ist Stätte Gottes. Aber Heraklit geht den Weg in das Denken, in den Geist - die asiatischen Konzeptionen ziehen sich zurück ins Innere, das sie ins Alleine hinein, dem Ursprung, auflösen. Dabei würde eine Welt der Disharmonie nur stören.

Für Heraklit liegt dieser Ursprung im Logos, der sich in den Dingen ausspricht, und der ist nicht im sinnlichen Faktischen erschöpft, im Gegenteil, das alles Einende ist das, was den Sinnen nicht zugängig ist. Sondern dem Geist, dem Verstand - dem Sinn (logos). Denn der Sinn ist es, der die Dinge überhaupt Dinge sein läßt, nicht ihre den Sinnen allein zugängige Erscheinung. 

Deshalb gilt es, die Bedeutung der Dinge zu erfassen, vom sinnlichen Eindruck zu abstrahieren - durch das Verstehen. Und dazu muß der Mensch hinaustreten, sich verstricken - um dadurch die Eigenschaften der Dinge zu erfahren, und ins Allumfassende zu bergen. Dem der die Bedeutung der Dinge verschlossen bleibt, ist die Welt ein fremdes Land. In dieser Bedeutung, im Logos, im Sinn, dem Weg auf den die Dinge zugehen, erfaßt sich der Kreislauf der Welt, in der sich Gott in sich selbst zurückschließt.

Die Dinge sind beiden Erzählung Gottes, aber den einen in ihrer faktischen Deformation Hindernis, den anderen unter Umständen sogar genau damit Weg. Eine je völlig andere Richtung, eine vor allem aber völlig andere Haltung den Dingen der Welt gegenüber.

Dem Inder ziehen die Dinge ihre eigenen Kreise, ohne miteinander zusammenzustoßen. Harmonie heißt ihm, wenn die Dinge einander nicht stören. Heraklit, dem Abendländer hingegen liegt die Allgemeinheit in der Abstraktion des Besonderen, der Vielfalt, und das alleine, ja genau in der möglichst großen Ausformung dieses Besonderen - im Sein des Seienden also! - umfaßt diese Unterschiedenheit, diese Selbstidentität alles Einzelne. 

Alles geht auch ihm also vom Einen aus - aber dieses Eine ist der Endpunkt, das alles Einzelne umfassende, das damit zugleich den Anfangspunkt und Ursprung eröffnet. Das, worein sich der Asiate zu versenken sucht, wozu er der Welt entfliehen muß. Beiden aber ist die Weltseele selbst Gott, die in ihrem Ein- und Ausatmen ("Prana") die ewig gleichen kosmischen Kreisläufe hervorgehen läßt, innerhalb deren sich die Erde mitbewegt. Diese immer selbe Psyche ist allem immanent, auch dem Menschen, der "ist und auch nicht, neu an jedem Tag", als "wir" (Heraklit).* Mensch und Gott stehen sich bei ihm wie den Indern nicht gegenüber - sie sind in ein und derselben Weltseele, dem "Licht des Lichtes", eins. In diesem Pantheismus sind sich Heraklit und die Inder/Chinesen einig.**

Es kommt aber Heraklit nicht auf die sinnlich-oberflächliche Harmonie der Welt der Dinge an (wie dem Asiaten) - ihre Harmonie liegt darüber, in einer Spannung, "wie beim Bogen oder der Leier", und diese Spannung treibt die Dinge hervor. Wie ein Ton, der sich aus ihr löst, als dessen Ausdruck, als wirkende und alles bewegende Kraft, im Handeln und im Kampf. So ist sein Satz zu verstehen: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge."

Das Leben entsteht aus dem Kampf der Gegensätze - aus dem Prozeß der Dialektik. Wo alles Sinnenfällige eine Augenblicksform im ständigen Prozeß des Wandels ist, der Vergehen wie Entstehen in sich schließt. Deshalb bedeutet Denken - Leben. Insofern es die Gegensätze in die Einheit (Synthese) des Denkens führt.

Am Gegensatz zeugt sich alles Leben, aus dem Konflikt Männlich - Weiblich. Das daraus entstehende steht auf dem Boden des Todes der Vorherigen, es "lebt seinen Tod", denn das Werden ist nicht einfach ein unterschiedsloses, graduelles Fließen, sondern ein sprunghaftes Neuentstehen. Das vom Denken übergriffen wird. Das Hinzukommen von Attributen bestimmt nicht das Nomen, sondern es modifiziert es.*** Die Dinge werden zu Symbolen des Transzendenten, das sich im Denken aufschließt.



Morgen Tei 2) Der Heilige wird Aristokrat



*Heraklit geht tatsächlich von einem genuin nicht-personalen, nicht-substantiellen "Ich" aus, er kennt keine Person als für-sich-Bleibendes Wesen des Menschen, sie ist ihm dynamisch. Das was wir mit "ich" bezeichnen ist ihm in ein ständiges Werden und Vergehen eingebettet, weil sich Sein und Nichtsein als Weltphänomen treffen. Die menschliche Seele hebt sich aus dem Welteinen nur durch den (sich steigern vermögenden, ja sollenden - "erkenne dich selbst") Logos heraus, womit Heraklit die menschliche Seele nicht einfach faktisch mit dem Absoluten gleichsetzt, sondern ihr die Entwicklung in dieses All-eine hinein auferlegt - der Grundstein des abendländischen Humanismus. 

Anders als die Inder, die diese selbe geheimnisvolle Tiefe der menschlichen Seele mit dem All-einen identifizierten, das sich aber völlig anders (in der Auslöschung des kulturellen Selbst) emaniert. Ein signifikanter Unterschied, der sich in den kulturellen Entwicklungen klar ausdrückt. Denn damit war der abendländische Weg des Individualismus gegen das indische Konzept - unvereinbar, weil einander auslöschend! - gesetzt.

**Und darin unterscheiden sich diese Anschauungen vom Judentum und Christentum, aber auch vom Islam, fundamental. Im strengen Sinn müßte man sagen, daß die heraklit'sche Philosophie ebenso wie die der Inder und Chinesen keinen Gott HAT, auch wenn sie dieses All-eine so bezeichnet (Heraklit identifiziert es sogar als "Zeus"). Der Pantheismus ist seinem Wesen nach nihilistisch, ja man kann, bemessen am Verständnis des Juden- und Christentums (und Islams), gar nicht von Religion sprechen. Daraus aber wird vielleicht ein wenig besser verständlich, wie NEU und anders das durch das Christentum Hereingekommene für die damalige Welt wirklich war.

Es ist also überhaupt kein Zufall, daß mit der Hereinnahme der antiken Philosophie in der Scholastik im 13. Jahrhundert die ursprünglich (könnte man sagen) der gesamten Menschheit nahezu gleichen metaphysischen Anlagen auch zu einer Renaissance des Pantheismus (G. Bruno - Spinoza) als eine darin angelegte Möglichkeit in der Folge einer fehlenden oder mißverstandenen christlichen Aufhellung - die bis hinein in die Metaphysik reicht, diese erst auf ihre realen Schienen stellt - führte. Wenn viele heute der Meinung sind, daß da ja gar keine Unterschiede bestünden, so haben sie den alles entscheidenden Punkt ganz einfach nicht verstanden.

Das ist vergleichbar mit den Tatsachen in der Natur selbst, wo zwar die Lebewesen die anorganische Natur, auf der alle stehen, in sich aufnehmen, aber in diesem Aufnehmen von Grund auf verwandeln. Nur weil im Hund ebenso wie im Menschen oder in der Distel chemisch-analytisch "derselbe" Kohlenstoff enthalten ist, sind nicht alle gleich, sondern haben eine völlig andere Bedeutung und Wirklichkeit, die sich aus ihren empirischen "Bestandteilen" nicht erschließt. Synkretismus und Materialismus sind also ein Wort, sie bedingen einander. Die Esoterik der Gegenwart ist purer Materialismus.

Man kann selbst einen Cusanus oder Meister Eckhart pantheistisch lesen, und der VdZ gesteht, daß ihm das bei letzterem unterlaufen ist. Er hat sich auf dieselbe Weise in bzw. an den Worten gefangen, wie es Pantheisten tun. Bis er ihn neu zu verstehen begann, begriff, daß es auf die reale Position ankommt, in der man steht - auf die fleischliche Realität des Christentums. Und aus ihr hellt er sich völlig - anders auch in den zuvor dunklen Stellen - auf. Er ist KEIN Pantheist.

***Josef König stellt in "Sein und Denken" den Unterschied von modifizierenden zu determinierenden Prädikaten dar: Die sinnlich faßbaren Eigenschaften der Dinge - blau, süß, hart, eben sinnliche Qualitäten, die für alle gleichermaßen feststellbar sind - sind determinierend, während alles, was wir beurteilen, modifiziert: gut, ist, ist nicht, gerecht, schön, gütig, edel. Wir sehen und hören und riechen bei modifizierenden Prädikaten nicht analog zum Sein der Dinge. Uns bleibt nur das "wirken wie", als komplexes Urteil aus dem Sinn heraus. Während wir bei "blau" auf alles blicken, das wir in der Sprache "blau" benennen. Hier wechselt auch in den Sprachen der Welt nur das Wort, nicht der Inhalt. Während sich das Wort im vorgefundenen "Blau sein" also erschöpft, tut es das beim modifizierenden "gerecht (etc.)" nicht. 

Diese modifizierenden Worte aber sind es, die das wirkliche Wesen der Dinge, ihren Sinn, ihren Logos beschreiben. Es ist aber der Logos, der die Welt eint, nicht "das Blau". Damit wird auch klar, warum sich im Abendland Philosophie (und Wissenschaft) entwickelte - und nicht in Asien, wo sie in metaphysisch-mythisch/mystisch-theologischen Konzepten oder in reiner Lebenspraxis "der Harmonie willen" (oder in beidem) verlief. (Natürlich immer: grosso modo, von Einzelfällen oder Teilströmungen abgesehen.)


*250513*

Freitag, 25. Januar 2013

Beichtruhm

Als Mönche im 16. Jhd. Polynesien besuchten, waren sie so überrascht von manchen der aufgefundenen religiösen Bräuche, daß sie annahmen, sie müßten vom Heiligen Apostel Thomas hierher gebracht worden sein - denn sie waren den katholischen verblüffend ähnlich. Diese an sich niedrigen Kulturen hatten sogar eine der Beichte völlig gleichen Praxis der Entschuldung und Entsühnung. 

Dabei ging es nicht um "moralische" Prinzipien, sondern die Beichte war eine Form der Rechts- und Medizinpraxis. Denn Krankheit galt den Polynesiern als Besessenheit. Der Kranke samt seiner Familie wurde unter religiösen Zeremonien in ein Verhör genommen, wobei es sich wesentlich um die Frage handelte, ob er Tabuverletzungen begangen hatte. "Man beichtete ganz ehrlich, widerrief ausgesprochene Flüche, gab dem Priester Sühnegeschenke, die er verlangte." 

Aus Peru  liegen ähnliche frühe Berichte vor. Dort hatte die Beichte freilich ausgeprägte politische Zielsetzungen. Fielen Lebenswandel oder Sonderbarkeiten wie Zwillingsgeburten auf, wurde der "Täter" ins Verhör genommen und untersucht, ob er gegen die Staatsordnung verstoßen hatte. Ein Zufallsorakel entschied über die Absolution.

In Mexiko sowie einigen verwandten Völkern gab es die Institution einer freiwilligen Generalbeichte, die sich an den Gott des Gerichts, aber auch an die Göttin der Lust richtete. Unter einem Wahrheitseid wurde dann ein Geständnis der Vergehen abgelegt, worauf der Priester die Bus- und Marterübungen bestimmte. Weil sie von so großem Gewicht war, und nur einmal abgelegt werden konnte, verschoben viele Mexikaner sie so lange es nur ging, bis ins hohe Alter. Denn dann blieb sie in ihren Elementen für immer gültig, Rückfälle konnten nicht mehr gesühnt werden. Zugleich entzog man sich damit aber auch der gesetzlichen Verfolgung, denn die Beichte stand höher.

Aber auch von den höher entwickelten Persern (siehe das Avesta) und Israeliten (Altes Testament) sind ja ähnliche Einrichtungen bekannt, nicht anders als bei den Assyrern, wo es sich bald in der Form von Chroniken findet. Aber als tief religiöse Grundfunktion, die im Bekennen bis hin zum Topos des Gottesknechts geht, der stellvertretenden Sühne des Königs, des von Gott auserwählten Priesters (in seiner ursprünglichen Nähe und Ineinsfall zum König), die dann aus dem Judentum (Psalmen!) heraus im Christentum endgültige, reale Heilsgestalt annimmt.

Sogar bei den Ägyptern sind Sündenbekenntnisse in schriftlicher Form als Grabbeigaben bekannt. Sie sollten den Weg  nach Westen öffnen, und wurden an die Stelle des Herzens gelegt. Das Herz sollte nicht gegen die Rettung selbst Zeugnis ablegen, und tauchte sich deshalb ganz in Wahrheit: als jemand mit reinem Mund und reinen Händen trat er vor das jenseitige Gericht. 

Ähnliche Praxis ist von den Griechen bekannt, und lebt in den Grabinschriften in leisen Resten sogar bis heute. Aber bei den Griechen entwickelte es sich zur wirklichen Selbstreflexion. Georg Misch führt das in seinem vergessenen Monumentalwerk "Geschichte der Autobiographie" als frühe Formen der Bekenntnisse in der autobiographischen Literatur an, in deren Tradition damit sogar des Hl. Augustinus "Confessiones" keineswegs so außergewöhnlich erscheinen, wie oft angenommen wird. 

Das Bekenntnis (und sei es in der erstmals in Ässur auftauchenden Ruhmestafel) wurde in dieser Reinheit zu einem Reden Gottes über den betreffenden Menschen. Man würde also auch Ruhmesberichte dieser Art völlig mißverstehen: sie kommen nicht aus einem gefestigten, protzigen Selbstbewußtsein, sondern zum Gegenteil, aus dem Ringen um Rechtfertigung.* Denn je größer die Macht, desto größer die Relevanz vor Gott. Wer Feinde besiegte, besiegte ja die Feinde des Gottes! Und DARIN lag der Erweis der Rechtfertigung des Herrschergeschlechts, in welcher sich eine gewisse Bandbreite in der Ineinsetzung Herrscher, Macht und Gott verstehen läßt. Keine größere Katastrophe für einen Staat, wenn das Volk von der Religion abfiel.





*Das macht noch heute die "gute Nachrede" zu einem Gebet vor Gott: Er möge dem Toten seine guten Taten anrechnen, alles Schlechte vergessen.




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Dienstag, 22. Januar 2013

Vom Vater her gedacht

Die Nähe zum König ist die wahre Grundlage allen Strebens nach Ansehen innerhalb einer Gesellschaft, und wiederum nur in dessen Nähe zu Gott zu sehen. Alles Suchen nach Ruhm und Ehre definiert sich von dieser Wurzel her.*

Im alten Ägypten finden sich deshalb in den Biographien (oft in ihrer spezielle Form der Ich-Erzählung überliefert) die Lebenstaten eines Menschen ausschließlich in ihrem Bezug auf die Rezeption durch den König, und nur insofern auch als "moralische Tat". Religion als Realpräsenz der Wirklichkeit der Toten (als Hinübergegangene), als Geister, als Jenseitige, doch in diese Welt real hereinwirkende - dieser Gedanke findet sich in den ältesten Zeugnissen des Religiösen. Zeigen die untrennbare Nähe von Religion und Totenkult.

Denn in der Grabstelle (schon der Ägypter) wurde versucht, das "Ka", die äußere Form eines Menschen, zu erhalten. "Häuser des Ka" nannte man die Grabstätten. Bereit für den Tag, an dem er wiedergeboren wurde. Real, mit Fleisch und Blut. Mitsamt seinen Lebensformen, mitsamt seinen Beziehungen, seiner Stellung, die (durch Einbalsamierung, durch Steinskulpturen, Inschriften etc.) konserviert wurden. So entstand auch die bildende Kunst, die den Toten in seinem Wesentlichen, seinem Wirklichen darstellte. Als Figurine, als Statue. Wenn seine Seele aus dem Totenreich zurückkehrte, hatte sie so ihre Form wieder, in dieser real gewordenen Erinnerung. Fand er keine Erinnerung, fand er keine Form. Sofern sie (im Weiterdenken) in diesen Formen nicht überhaupt lebendig blieb. 

Welche Koinzidenz. Der Gedanke der "Erinnerung Gottes" spielt auch im Christentum eine entscheidende Rolle der Rechtfertigung. Nur aus ihr ist eine Neuschöpfung, ein Paradies, ein Himmel denkbar. Vereinfacht gesagt, begründet sich darin die menschliche Orientierung in ihrer Schlußfolge Sein - Wahrheit - Gutheit - Schönheit - Geist Gottes. Die Hölle, in die der Böse kommt, ist das Nicht-Anwesendsein im Gedächtnis Gottes. Das Böse selbst, die Untat, ist nämlich die Seinsverfehlung. Das Böse ist nur eine Haltung, es schafft kein Sein.

Dies auf der Grundlage einer ursprünglichen kollektivistischen Realität des Menschen.** Ein Ich-Bewußtsein der Individualisierung begann sich erst in Griechenland zu entwickeln, und es sei damit nicht gesagt, daß es sich dabei um eine "gute" Entwicklung handelt. Etwa ab dem 5. Jhd. v. Chr. findet es sich wunderbar nachvollziehbar (s. B. Snell, "Die Entwicklung des Geistes") in den überlieferten Schriften allmählich, von Stufe zu Stufe, herausentwickelt. Es war demgemäß das Typische, Allgemeine, das bis dahin in einem Menschen gesehen wurde. Eine Subjektivität im heutigen Sinn gab es nicht. Das Individuum lebte von seiner Nähe zur gesellschaftlichen Mitte, seine Tätigkeiten waren "allgemeine Tägigkeiten". Sie definierten seinen Charakter: das "man" spielt, feiert, singt, tanzt, arbeitet, kämpft, aus dem sich der Einzelne zusammensetzte. Erst bei den Griechen taucht der "bios" auf.

Aber wessen immer´sich die Menschen rühmen - Ruhm ist die Zuschreibung eines Allgemeinen. Niemand wird gerühmt, Werte erfunden zu haben, die nur er lebte. Der Ruhm zielt auf das, was man für andere war (bzw. ist). Weshalb er die größte Versuchung zur Rückgratlosigkeit darstellt. Aber auch hier: in tiefer Verwurzelung zu den Grundwahrheiten des Seins und Lebens. In den Guten Taten, die seine Moral anzeigen, seine Reinheit, seine Sittlichkeit, erlangt der Mensch Rechtfertigung, im Sein zu bleiben.***

Übrigens tauchte diese Form der (ägyptischen) Biographisierung des Menschen in der Renaissance wieder massiv auf - am Beginn des Massenzeitalters (gerade! in seiner Individualisierungssucht, die nur anzeigt, daß das Individuum beginnt, Angst vor Zerfall zu erleben). Denn der Kollektivismus der Frühzeit muß keineswegs als "Nicht-Individualität" gesehen werden. Vielmehr war das Individuum in seinem Einzelsein so sicher, daß es dieses Einzelsein nie thematisieren mußte. Erst als das Ganze zu zerfallen begann, dort, wo der Kreis der Bindungen und Zueinanderordnungen zu zerfallen beginnt, beginnt auch der Einzelne die Notwendigkeit zu empfinden, sich selbst (positivistisch) in der Welt zu halten, um der Angst individuell ins Nichts zu fallen zu begegnen.

Der Tod vereinzelt, das ist sein eigentlicher Schrecken: Trennung damit nämlich auch von Gott, dem Sein. Aber im Totenkult wird der Verstorbene im Sein des Kosmos gehalten weil darin präsent. Auch den Griechen war noch die schlimmste Vorstellung - vergessen zu werden.****




*Es erhellt noch mehr für die Gegenwart, wenn man die prinzipielle Nähe von Vater und König dazudenkt. Dazudenkt, daß alles kulturelle Leben eine Suche des Vaters ist, dessen Ideen - als Wurzel allen Glücks - ein geglücktes Leben darzustellen vermag.

**Oh Undenkbarkeit einer Revolution! Wer die Ordnung der Welt zerstörte, zerstörte auch den Frieden der Toten, ja des ganzen Weltkreises. Revolution und Apokalypse - untrennbar nahe. Der Vater als Schlußstein des Kosmos, ohne den alles zusammenfiel. - Das Offensichtlichste, übrigens, an Familien "ohne Vater" (also nicht, wenn er verstarb, sondern wenn er depotenziert oder gar hinausgeworfen wurde) ist die Zerrüttung der Identität der gesamten übrigen Familienmitglieder. Mit allen Begleiterscheinungen, wie Neid, Familienmobbing, etc.

***De mortui nihil nisi bene! Sie, die sich nur noch durch das Rückbleibende vor dem Gericht - dem Abwägen gegen die Wahrheit - rechtfertigen können, werden durch Rufmord noch nach dem Tod, durch Vergessen, ins Nichts gestoßen. Der Trost des Christentums liegt in der Erinnerung Gottes - in Jesus Christus wurde ein Weg der Verewigung gestiftet.

****Noch heute ist in den Partezetteln, Totennachrichten etc. dieser Gedanke sehr! lebendig. Dazu braucht es nicht, daß die Menschen die Zusammenhänge bewußt sehen oder denken, es ist für die Wirklichkeit des Tuns irrelevant. Sprüche wie "Tot ist nur, wer vergessen ist", "Lebst in unseren Gedanken weiter", sind auch heute äußerst verbreitet. Sie haben tief religiöse Wurzeln. Der wirkliche Tod auch der Väter, die man heute aus den Familien herausbricht, ist die bewußte Inszenierung ihres Vergessens, die Fälschung der Erinnerungsgeste. Dasselbe, was man heute im "Mobbing" so gerne zitiert - als Mord am noch Lebenden. Dieselben Wurzeln.




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