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Sonntag, 18. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (3)

Teil 3)



Dem absehbaren und längst schon (durch Umvolkung und Verdunstung der kulturellen Hegemonie weil Identität) eingeleiteten Zerfall des "Staates Deutschland" in mehrere oder viele Kleingebiete, Regionen und Einzelidentitäten haftet, wenn man das einmal begreift, somit etwas "Natürliches" an. Etwas, das gar nicht anders kommen konnte, weil es ein ideologisches Konstrukt (wie es diese Staatsgründung 1871) war, das einem je spezifisch verwurzelten Volksgemenge aufgesetzt wurde. Daraus muß folgen, daß sich die Gesamtidentität, die nur durch "große Ereignisse" gefestigt und erhalten werden kann (man denke an die beiden Weltkriege; an die Kriegsführungsnotwendigkeit der USA, etc. etc.), die diesen "Staat" durch Begrenzung quasi je neu "schaffen" (weil er sonst gar nicht im Geist der Menschen bleibt als durch Bewußtheit, immer wieder neu zu errichtende Bewußtheit, und das ist eben die Eigenschaft von Positivismen),  daß sich diese "Staatsidentität" notwendig über gewisse Zeit hin wieder auflösen muß. *

Und genau da stehen wir ja heute! Was die politischen Lage der Gegenwart erst so richtig begreifen hilft. Wo die einen das Festhalten an dieser künstlichen Identität ("Deutschland!") fordern, und die anderen sich dieser Künstlichkeit entledigen wollen. Wenn sie auch kein brauchbares Gegenkonzept haben, zumindest nicht darum wissen. Aber unter dieser Perspektive, unter diesem Blickwinkel, löst sich doch etwas von der Verbitterung auf, die beide Lager angesichts ihrer Gegnerschaft zuweilen befällt.

Die historisch-strategische Entwicklung läuft wie das Werk einer Uhr aber genau darauf zu. Denn man muß tatsächlich von einem Ende der Westfälischen Ordnung sprechen. Die somit aus der Zeit heraus in die philosophischen Strömungen eingefügt erkennbar wird, die die europäische Kulturentwicklung seit dem 17. und 18. Jahrhundert zu bestimmen begann. Wo als Wirkung des Nominalismus des auslaufenden Mittelalters heraus die Weichen in Richtung Aufklärung gestellt waren. In der der Mensch nur noch als "animal raionale" begriffen wurde, als "Verstandes-Tier". Das sich ausschließlich durch sein bewußtes "Denken" (das nun nur noch als Rationalität, als mathematische Operation verstanden wurde) als Mensch definierte, und sich diesem Denken gemäß auch in seiner Verfaßtheit jederzeit und beliebig ändern könne.**

Das öffnete auch in der Politik dem Rationalismus Tür und Tor. Und es kam überall zu positiv postulierten Staaten. Denen aber die Verwurzelung in ethnisch-religiös verbundenen, erst so (bzw. aus der Familie heraus) entstandenen Völkern fehlte. Läßt die Kraft dieser positivistischen Behauptung nach - und das tut sie heute angesichts vielerlei Entwicklungen - dann steigen die Menschen wieder auf diese natürliche Basis zurück. Denn nur sie vermag wirklich durch die Geschichte zu tragen. 

Eine noch weitere, größere, umfassendere Sicht macht es also möglich, auch Münklers kleinen "Fehler" zu überwinden (der wohl in seiner Weltsicht per se angelegt ist). In dem er vielleicht zu sehr die Endpunkte der einzelnen Linien in pragmatische Auslösungen stellt. So wenn er sagt, daß es die fast einzige, auf jeden Fall klügste Lösung war, die marodierende Soldateska, die nichts sonst gelernt hatte als vom Kämpfen zu leben, der Kämpfen Beruf war, in stehende Heere zu verwandeln. Denn diese Heere selbst wiederum waren eine andere Konsequenz. Sie waren die Konsequenz des aufdämmernden Zentralismus, der Verwandlung des Staatsbegriffs überhaupt, wie er letztlich durch Frankreich (als erstem zentralistischem Staat Europas) eingeleitet wurde. 

Und dort war das seit hunderten von Jahren vorgezeichnet und hat mit der Herauslösung aus dem Reich - weltlich wie religiös - zu tun. Es war also bereits im 10. Jahrhundert grundgelegt, und nicht zuletzt als Reaktion auf das, was viele heute als Geburtsstunde Deutschlands bezeichnen - unter Heinrich dem Sachsen. Damit wurde die Reformierung als Römisches Reich, als "Weltreich" bzw. "Welt als Reich", in dem auch Frankreich seinen festen Platz hatte, verspielt. Wiewohl selbst noch Kardinal Richelieu von Paris aus eine Re-Integration versuchte, wenn auch von französisch-selbstischen Motiven begleitet.

Denkt man also Münklers Vortrag bzw. das Fazit, auf das er hinweist, wirklich weiter, dann kommt einem das heutige Geschehen (das bereits läuft oder sich wie vorgeschrieben vorhersagen läßt) auf den Weltbühnen gar nicht mehr so fremd und feindlich vor. Aus diesem Erkennen könnte sogar ein Neubesinnen einsetzen, in dem heraus tatsächlich eine Zukunft deutlich wird, die wir uns schaffen können weil müssen. Denn nur das Aktive, das Sinnbestimmte, das eine Richtung nimmt, lebt und ist. Alles andere zerfällt. Es geht also darum, ob wir sie aktiv gestalten wollen, und uns nicht von allem was da kommt einfachhin überraschen lassen wollen.

Ob Herfried Münkler diese Konsequenzen selbst vorhersieht, die Linien weiter verfolgt hat, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Eher bezweifelt es der VdZ. Aber er zeigt Zeichen an der Wand, die so deutlich sind und so viele weiterführende Schlüsse zulassen, daß wir sie ernst nehmen sollten. Denn nur darauf werden wir aufbauen können. Und nur darin werden wir manche Konflikte der Gegenwart überwinden können. Aber auch nur darin werden wir sie überhaupt als zu führende Konflikte begreifen.








*Als einer der stichhaltigsten Belege für die hier vorgestellte These kann die Tatsache herangezogen werden, daß sich weltweit die Regierungen, das Establishment, kurz alles, was sich als "Kopf" bezeichnen ließe, und das sie durch Schul- und Erziehungseinrichtungen mit Nachschub füllt, von den, was sich an geistigen Bewegungen im jeweiligen Volk abspielt, vom gesunden Menschenverstand also, fast vollständig getrennt ist. Ja, diesem diametral entgegensteht. So daß Politik immer mehr nur noch "verhängt", anordnet, sogar heimlich anordnet und die wahren Ziele verschleiert, um den Volkszorn nicht zu sehr aufkommen zu lassen.  Oder das Volk mit dem Schein von Anhörung täuscht (wie durch gelegentliche Anlaßgesetzgebung oder Volksabstimmungen). Während es seine Macht, die es immer natürlich hat, skrupellos benutzt, um den Volksgeist "im Namen des Guten", das nur sie erkennt, zu manipulieren. Nicht zuletzt über den Sprachgebrauch. 

Das zeigt am eindringlichsten, daß die institutionalisierten Staaten und ihre Institutionen nur noch der fiktiven Behauptung und dem Erhalt des nominellen Staatsgebildes dienen, nicht mehr seine eigentliche Gesundheit weil selbstverständliche Einheit aus Volk und Staat hat. Diese Eigenart der Politik ist besonders deutlich eben in Staaten zu erkennen, deren Bestand eine rein positivistische Behauptung ist. Deutschland etwa. Oder die USA. Österreich nicht weniger. In diesen Ländern ist auch der öffentliche Disput ganz besonders eingeschränkt, unfrei und Objekt von Steuerungsversuchen. 

Das ist nicht zu verwechseln (wenn auch nicht ganz leicht zu unterscheiden) mit dem legitimen Bedürfnis einer homogenen Volk-Staat-Einheit, in der die Mehrheitsanschauung im Sinne einer Kultureinheit bestimmte öffentliche und destruktive Meinungsdarstellungen (nicht Meinungen selbst! dafür braucht es immer einen Raum, wo alles, wirklich alles möglich ist, und sei es als Karneval) verhindern möchte. Deshalb ist in unseren seiner Grundlagen fremden Staaten die Forderung nach Meinungsfreiheit innerhalb eines gleichbleiben sollenden Gefüges ein zweischneidiges Schwert, das ist vielen gar nicht klar.

**Kurz gesagt: Unsere europäisch-abendländische Kultur fand im Mittelalter seinen Höhepunkt. Um dann, nach Rückzugsgefechten, Erhaltungskämpfen und Selbstbehauptungsversuchen im Spätmittelalter, ab der Renaissance einen sich mehr und mehr beschleunigenden Abwärtskurs einzuschlagen, in dem sie sich immer mehr zu verfehlen begann. Bis wir uns heute völlig verfehlen. Dann aber muß eine Kultur definitiv zerfallen. Der Westphälische Friede hat somit auf einer Lawine, die bereits talwärts rutscht, noch einmal eine Kulisse zu errichten versucht. Aber es war gar kein Gebäude mehr, denn auf rutschendem Fundament läßt sich nichts mehr errichten. Es war nur "Zeitgewinn".






*161018*

Samstag, 17. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (2)

Teil 2)



Zurück aber zu Münkler, zurück zu seinem Vortrag und seinem Zeigen von vier Grundlinien, die das Geschehen, das wir 30jährigen Krieg nennen, trugen und vielfach verstehen lassen. Da ist einmal die staatlich-konstitutionelle Ebene, in der das Kaiserreich seine Souveränität nicht angezweifelt lassen konnte, wie es die Böhmen (und die Niederländer) taten. Denn damals wie heute ist die Reputation eines Staates wichtigstes Instrument in der Außenpolitik, und damit im Eigensein eines Landes. Denn jedes Land findet sich ja in einem größeren geographischen Raum wieder, mit Ländern und Völkern und Interessen, mit denen er wechselwirkt. Zeigt ein Land Schwäche, kann es seine Interessen in diesem Raum nicht mehr ausreichend wahrnehmen, so daß die Entwicklung im Volksleben (kulturell, wirtschaftlich) leidet.

Dann ist da die logistisch-wirtschaftliche Ebene, die den Verlauf des Krieges so wesentlich bestimmte. Und in der die Eskalation der Kriegshandlungen davon getragen war, daß von überall her Geld und Soldaten kamen, die die Konflikte erst möglich machten, dann nährten, und immer wieder neu entfachten. Bis sich ausländische Mächte (Schweden, Frankreich) direkt weil militärisch einmischten. Vieles am Verhalten Wallensteins ist daraus erklärbar: Er steckte in einem Dilemma. Wirklich zu gewinnen war dieser Krieg nicht, er war ein Krieg der Erschöpfung, in dem er gar nicht gewinnen konnte. Er selbst wollte ihn zunehmend nicht, aber er mußte ihn (wie eine Pachtpflicht) führen, weil er sonst ins wirtschaftliche Nichts gefallen wäre.

Dann gibt es die konfessionelle Ebene. Aber die spielt in gewisser Weise nur eine untergeordnete Rolle, auch wenn viele den 30jährigen Krieg als "Religionskrieg" darstellen wollen, vornehmlich, um dem Christentum und noch mehr dem Katholizismus am Zeug zu flicken. Diese Frage war rein politisch gesehen aber eher Unterfutter als Motiv, wenn darin auch nicht unbedeutend. (Man sieht es am deutlichsten am Verhalten des Sachsenkönigs.)

Am ehesten trug diese Frage noch zur Schärfe jenes Konflikts bei, den Kaiser Ferdinand durch Verschiebung des Kurfürstentitels der Pfalz zum Bayrischen Herzog hin riskierte. Den er wiederum aus militärischen Gründen brauchte. Damit aber verschob sich das Gewicht unter den Kurfürsten, die ja den Kaiser wählten, zugunsten der Katholiken.

In diesen Fragen zeichnet sich bereits die Frage um die Natur der Herrschaft ab, die dann in den Absolutismus mündete. Wie er in Frankreich vorbildlich (gewissermaßen) für den Rest Europas wurde. (Schon aus diesem Grund ist das Studium von Ludwig XIV. - mit seinem Kanzler Richelieu ("Könige herrschen, Regierungen regieren") so interessant, der in vielem an den Stauferkaiser Friedrich II. anknüpft, ohne es zu wissen. Sie endete auch in Österreich im Absolutismus der Aufklärung, endgültig in Maria Theresia und ihrem Sohnes Josef II. Sie schufen ein künstliches Österreich. Was sonst hätte 1918 zerfallen können?

Es ist alles also viel grundsätzlicher, als es scheinen mag, die Fragen sind (bis heute) dieselben. Und kamen in der Geschichte Bayerns, als Beispiel, unter Ludwig II. zu tragischer neuer Bedeutung. Weil gerade an diesem entscheidenden Punkt eines neu entworfenen Bismarck'schen "Deutschen Reiches" als "Deutschland". Das aber nur nebenbei. Der Leser möge damit angeregt sein nur nicht glauben, daß diese Herren alle "auf der Nudelsuppe daher geschwommen" kamen. Die wußten schon, welche Bedeutung ihre Fragen hatten. Wissen wir das aber heute noch? Der VdZ meint - nein. Wir sind ein völlig ahnungsloses Zeitalter, ja - ein extrem dummes, vertrotteltes Zeitalter.)
Dann gibt es die europäische Ebene, wo es vielen Mitspielern um Position wie Selbstbehauptung in Europa ging. Den Franzosen, den Spaniern, den Habsburger Kaisern, den Schweden, den Engländern, den Niederländern ... Ja sogar die Türken spielten eine bedeutende Rolle, weil deren Kriege im Osten erst ein so intensives Engagement der Habsburger in Böhmen ermöglichten, weil Truppen im Südosten nicht mehr notwendig waren. Als sich das änderte, die Türken sich wieder dem Balkan zuwandten, hatte das die umgekehrte Wirkung - und trug 1648 zur Bereitschaft bei, Frieden zu schließen. Und die Russen, die Balten, die Polen, weil sie die Schweden in eine gefährliche Situation brachten, in diesem Raum ein Machtvakuum entstanden war, in das Kräfte drängten, mit demselben Effekt wie bei den Habsburgern.

Und dann ist da natürlich noch die rein militärisch-strategische und taktische Seite, die die übrigen Geschehen ebenso maßgeblich bestimmte. Die Art zu kämpfen, die Überlegungen der Feldherren und deren Bedeutung im Schlachtengeschehen, die Militärtechnik und ihre Konsequenzen, die Natur von Soldaten als Söldner, die den Großteil aller Heere ausmachten, was viele Konsequenzen nach sich zog, sich nicht zuletzt entscheidend auf die Länge des Krieges auswirkte, weil sie ihren Broterwerb nicht aufgeben wollten. Alles wieder mit seinen logistisch-wirtschaftlichen Seiten.*

Alle diese Ebenen wirken in- und nebeneinander, sind unaufflechtbar verwoben, eines bedingt das andere. Münklers Darstellung ist deshalb auch so erhellend. Weil er bereit ist, alle diese Bereiche zu überschreiten, und auf die Einflüsse der anderen hin aufzubrechen. So werden interessante Details, die er schildert - so wie Taktik konventioneller Heere, auf den Schlachtfeldern zu kämpfen - nicht zu Ablenkungen, sondern zu Illustrationen. Aus seinen Ansätzen heraus wird das Einzelgeschehen jeweils verständlich, oder viel verständlicher, und man hat am Ende des Vortrags das Gefühl, endlich das Gesamtgeschehen in seinen Dimensionen und seiner historischen Bedeutung hinlänglich zu erfassen.

Sogar die Problematik von "Deutschland" wird greifbar, um das heute so viel kreist. Wie es in der Reaktion des späten 18. Jahrhunderts begann (wo erst der 30jährige Krieg zum "deutschen Krieg" erklärt wurde). Als sich nach und nach diese "Nation" als Staat in Vorahnungen und spätromantischen Sehnsüchten abzeichnet. Obwohl es nie eine solche Identität real gab, nie ein solches "deutsches Volk" gab; sondern eben immer nur spezifische, regionale, kleinräumige Identitäten und damit staatsbildenden immanenten (!) Willen weil dessen immanente, natürliche Voraussetzung. (Erst dann wird ja Staat zur Kulturstufe, und nicht zum Diktat, notwendig zum nur noch zweitwirklich, propagandistisch zu stützenden Korpus eines Zentralismus.)

Wir gehen auf diesen Punkt, den wir hier schon öfter behandelt haben, deshalb näher ein, weil man aus dem Begreifen des 30jährigen Krieges sicher auch besser begreift, warum der VdZ immer davon spricht, daß die Ereignisse von 1871 (wo Deutschland als Staat - wenn man es auch Reich nannte, was aber eher nur noch Camouflage war, um Zustimmung bei allen Einzelstaaten formell zu rechtfertigen - entstand) eine Fehlgeburt war, die scheitern mußte. Und heute dabei ist, zu zerfallen.

Das Geschehen auch in der Gegenwart wird somit in vielerlei Hinsicht vielleicht auch dem Leser begreifbarer. Weil wir ständig mit politischem Geschehen konfrontiert sind, das man nur als "Auflösung des Staates und des Rechts" bezeichnen könnte. Eine solche Entwicklung läßt sich (der Leser sei an die vor kurzem hier beschriebenen Thesen des amerikanischen Militärhistorikers William S. Lind erinnert) somit historisch-zeitlich bestimmen: Sie begann 1648, und endet ... im Heute. Da endet ein aus Irrtümern, die in der Zeit lagen und uns bis heute bestimmen, fehlgeschlagenes Experiment. Es endet die Aufklärung als deren letzte weil mortale Phase.**


Morgen Teil 3)



*Ein Detail, an das man sonst kaum denkt: Es gab nämlich auch Profiteure, die in dieser Zeit aufblühten und reich wurden. Hamburg als logistisches Zentrum etwa. Oder Städte wie Nürnberg, Steyr, Waidhofen/Ybbs, die Waffenschmieden waren. Nicht zuletzt wurde Wallensteins Nordböhmen und -mähren reich, weil es Lebensmittel liefern konnte, was den Schweden freilich nicht verborgen blieb.

**Robert Spaemann zeigt in seinem großartigen Buch über Rousseau, wie der heutige Mensch in allen seinen Regungen, Denk- und Lebensweisen sich in diesem Gipfelpunkt der Aufklärung bereits vorfindet, daß man nur verblüfft sein kann. Auch das ist ein Hinweis darauf, daß wir heute nur die Vollendung der Aufklärung sind, diese also heute ihre Verwirklichung erlebt.





*161018*

Freitag, 16. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (1)

Die meisten Monographien zum 30jährigen Krieg 1618 bis 1648 machen den Fehler, daß sie der Versuchung unterliegen, sich den zahllosen Details und Einzelgeschehen zu sehr zu widmen. So daß es schwierig ist, sich daraus so etwas wie ein "Verstehen des Ganzen" zu bilden. Man sieht meist den Wald vor lauter Bäumen nicht, und kaum jemand vermag jene tiefsten Kräfte zu orten, die das Ganze dennoch bestimmen. 

Herfried Münkler macht diesen Fehler in diesem Vortrag nicht.* Stattdessen wählt er vier große Hintergrundlinien, aus welcher Beschränkung heraus vieles Einzelne verstehbar wird. Und darin verdient er Anerkennung - denn er schafft es durch seine Auswahl bis zu einer gewissen Tiefe der Gesamtgeschehnisse. Es geht freilich noch tiefer, Münklers Funde lassen sich in einen noch größeren Rahmen stellen, dazu später.

In einem Krieg, den Münkler in zwei Phasen teilt, wo die eine Strategie (die Suche nach Entscheidungsschlachten) versagte, woraufhin der maßlose und erst wirklich verheerende Krieg anschloß, wie er unser Bild davon bestimmt. In dem eine marodierende Soldateska, der Krieg einziger Erwerbszweig war, zu überleben suchte und aus einem politischen Krieg ein Krieg gegen die Bevölkerung wurde. Denn spätestens nach dem Tod von Wallenstein und Gustav Adolf 1634 löste sich die Ordnung der militärischen Operationen weil Heere weitgehend auf, und diese zerfielen. Größere Schlachten gab es dann kaum noch. Aber dazu trugen auch die taktischen Entwicklungen bei. Wie gesagt - die Ebenen hängen alle eng zusammen.

Genau in diesem Punkt zieht Münkler eine wirklich interessante Parallele. Denn darin zeigt er indirekt, daß die Entwicklung seither (um die sich der Wiener Kongress 1814/15 noch einmal so intensiv bemüht hatte, so daß er sie längere Zeit aufhalten konnte) ein grundsätzlicher Irrtum war. Denn genau das hat sich 1943 vollendet, das man deshalb als das Ende dieser Art von Kriegsauffassung bezeichnen kann, die 1648 formiert wurde. Da war Stalingrad einerseits als das Ende des Glaubens an Entscheidungsschlachten (in Kursk 1944 noch einmal versucht, aber das war nur noch ein verzweifelter Versuch), und mit dem Beginn des Bombenterrors der Alliierten anderseits. Seither herrscht so etwas wie Schockstarre.

Diese mittlerweile allen bewußte Tatsache - daß sich jeder Krieg unter Staaten zum Krieg einer marodierenden Soldateska gegen die Bevölkerungen ausweitet - bestimmte allmählich das politische Denken seither. Und in der Gegenwart werden bereits gar keine Kriege mehr gefochten. Stattdessen findet ein Kampf gegen bestimmte Personen und Gruppen statt. Siehe Cyberwar. Siehe Drohnen. Siehe die immer noch nicht ausreichend rezipierte psychologische Kriegsführung, die den "harten Krieg" weitgehend schon völlig ersetzt hat. Denn heute fallen Staaten und entscheiden sich Kriege durch gezielte Zersetzung ihrer inneren Ordnung, und werden durch den Selbstmord der Feinde gewonnen.



 Morgen Teil 2)




*Was umso erstaunlicher ist, als so mancher Herfried Münkler nicht so sehr unter die großen "Deuter", sondern eher unter die "Vielwisser" eingeordnet haben mag. Darin dem österreichischen Historiker Manfred Rauchensteiner recht ähnlich - und das scheint überhaupt eine Tendenz der gegenwärtigen Historischen Wissenschaft zu sein - der in seinem Monumentalwerk zum Ersten Weltkrieg Detail um Detail aneinanderreiht, 1300 Seiten lang, um nur in einem einzigen Kapitel - dem über den Ostkrieg mit Rußland - zu einem Punkt zu kommen, der ordnet. Sonst nur archivarisch tätig ist. 

Diese reine Aneinanderreihung von (immer damit willkürlich sein müssenden) Tatsachen hat zwar auch seinen Wert, aber sie ist in den Augen des VdZ für einen Historiker - und schon gar für einen Leser - nicht ausreichend und eine rationalistische Berufsverfehlung. Der VdZ kannte Münkler bisher nur unter dergestalten Herangehensweisen, und dessen Aussagen zum Ersten Weltkrieg, die der VdZ kennt, sind entsprechend aussagelos. Aussagelos wie die Bücher von Rauchensteiner. Aber gut, das ist ein Merkmal des heutigen Mißverständnisses von Wissenschaften: Viel - von nichts. Münkler hat diese Impotenz aber in diesem Vortrag durchbrochen. Wenn auch nicht zu Ende geführt.

Es zeigt sich hier wohl, was jedem einsichtig ist: WAS man tut, hängt direkt mit den Anforderungen zusammen, also mit dem Beziehungsfeld, dem Rahmen. Er erst gibt das Wesen vor, er erst (im Faktischen) bedingt seine Wirklichung und damit WELT. Eine derart lächerliche, kastrierte Gesellschaft, wie wir es in allen Bereichen sind, wird deshalb nur Kiki und Lulus zur Antwort bekommen. Der Spiegel wirft diesmal wirklich nur das Gespiegelte zurück. Münkler hatte hier offenbar Glück, der Vortrag ist in den Augen des VdZ seine bislang beste Leistung. Die vielen sonstigen seiner Äußerungen, wie sie in Buchform oder im Netz abzurufen sind, sind belanglos und irrelevant, sind nur Datumfülle, ohne je zum Faktum zu werden. Denn das wird ein Datum nur durch Sinn.





*161018*

Donnerstag, 15. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (0)

Vorwort




Was wir heute erleben wird nicht ausreichend unterschieden und deshalb nicht richtig eingeordnet, somit nicht richtig beurteilt. Wir erleben nicht einen "Zerfall der Staaten", so daß sich eine supranationale Ebene als Quasi-Staat einrichten ließe. In Wahrheit zerfallen Staaten nicht - denn es zerfallen auch nicht die Völker, die immanent, also in sich den irgendwann irgendwie auch explizit gemachten Staat errichten und bedeuten.

Was wir heute erleben ist somit, daß jene Staaten als Staatsgebilde zerfallen, an Selbstschwäche und mangelndem Behauptungswillen sterben und sich fremden, feindlichen Einflüssen gegenüber nicht zu wehren vermögen, die gar kein Staatsvolk zur Grundlage haben. Die nur "Bevölkerungen", also "anwesende Menschen" haben. Die also gar keine natürlichen Emanationen sind. Sondern die rationalistisch behauptet und als Behauptung gegründet wurden. 

Staaten, die ein authentisches Volk zur Grundlage haben, zerfallen nämlich mitnichten. Und ihnen fehlt es auch nicht am Selbstbehauptungswillen. Man möge nur die Ungarn hernehmen, auch wenn das ein Beispiel mit Schatten ist (denn der Positivismus des Calvinismus hat in Ungarn viel Terrain). Somit werden manche europäische Staaten - und es sind vornehmlich jene, die die geistigen Fehlentwicklungen der Neuzeit am intensivsten mitgemacht haben - tatsächlich zerfallen. Und nur jene werden "bestehen" bleiben, zumindest auf gewisse Zeit und als formale Konstrukte, die sich zu Diktaturen und Totalitarismen entwickeln. 

Ihnen werden die "Natur-Staaten" gegenüberstehen, egal wie groß oder klein sie sein mögen. Nur in ihnen kann es noch Kultur und Freiheit und Menschenwürde und ein Recht geben, das nicht zu "Gesetzen" verdörrt ist. Und nur dort kann es auch Religion weil Kult und Ritus geben.

Wir erleben deshalb heute das Ende eines Positivismus, der da in geistiger Verirrung meinte, der Mensch wäre in der Lage, Substantielles durch bloßen eigenen, rationalistischen Willensentschluß zu schaffen. Der da meint, es gäbe ein Sein außerhalb des Seins, nur aus dem Menschen heraus. Das wird immer Schein bleiben. Und es zu behaupten ist alles, was der Mensch vermag. Aber irgendwann wird es ihm aus den Fingern gleiten. Irgendwann, weil er nie verstand, die Historie richtig zu lesen. Und verabsäumte, all die Kriege, Konflikte, Verwirrungen und Unbill als Krankheitssymptome eines Scheingebildes zu verstehen.

Was wir heute erleben, ist deshalb der Konflikt von Todesangst und Todessehnsucht, ist Sterbeschmerz und Flucht davor. Die Geburtsschmerzen, die sich da hinein mischen, und die wir freudig-bangend begrüßen sollten, die sehen wir aber nicht. Und deshalb sehen wir auch nicht, wo Furcht und Schmerz nur das Zerfallen und Loslassen eines Scheins bedeuten, in den hinein wir uns trotzig-angstvoll gegründet haben.


Morgen Teil 1)




*161018*

Samstag, 10. November 2018

Ein Rückschritt, der bereits angelegt war (4)

Teil 4)




Deshalb hat es nur Sinn, wenn es gelingt, das Establishment hinauszuwerfen. Wenn es gelingt, Leute nach oben zu bringen, die noch Kontakt mit der Wirklichkeit haben. So wie Moskau, so wie Putin. Die sind Realisten, das ist auch alles, und das ist den USA mittlerweile gefährlich geworden. Das ist das ganze Geheimnis rund um den heutigen Rußlandhaß Amerikas, das nur in überholten Kategorien des Kalten Krieges denken kann. Und dasselbe kann man von China sagen. Auch die sind einfach Realisten.

Wenn es aber nicht gelingt, das heutige Establishment loszuwerden, dann wird dieses wirklichkeitsfremde Establishment den Staat mit sich in den Abgrund ihres eigenen Verschwindens reißen.

Pfuh ... Hörenswert, der Mann!







*Man muß etwa einem Bismarck zugute halten, daß er nach dem Sieg von Königgrätz 1866 gegen Österreich nicht auf Wien durchmarschierte, wie es die Generäle vorschlugen, die nur die militärischen Möglichkeiten sahen. Sondern einhielt, um die Regierung nicht zu destabilisieren. Was ihm freilich nur zum Teil gelungen ist, die Folgen waren 1914/18 evident. Er wußte aber, daß Europa diesen "Staat" brauchte. Das wußten die westlichen Alliierten 1918 nicht. Was sie deshalb gemacht haben, war gelinde gesagt - Wahnsinn.

In den europäischen Kabinettskriegen VOR Napoleon - Napoleon war ein Berserker, im Grunde ohne Verständnis für Politik und Europa - immer der Fall gewesen ist war, daß kein Krieg die Regierung des besiegten Staates infrage stellte. Das war weit mehr als "Keine Krähe hackt der anderen das Auge aus". Das war klares Verstehen, daß man weitgehend intakte Länder an seinen Grenzen BRAUCHTE, wollte man nicht mit Chaos zu tun haben. Und das war nie zu besiegen, wie sämtliche Revolutionen (siehe Reformation, siehe Österr. Niederlande!) belegen. Der 30jährige Krieg war ja selbst eine Folge von aus der Reformation heraus - als Auflehnung gegen Ordnung, gegen Autorität - geschwächter Staaten. 

Die herrschenden Häuser zu entfernen, wie es Napoleon überall tat, hieß, den nunmehr durch ihn beherrschten Staat ins Chaos zu stürzen. Spanien hat es exemplarisch vorgemacht was dann folgt: Guerilla. Rückschritt auf kleine und kleinste Organismen. Davon profitierte aber niemand. Doch Napoleon war eben von der Aufklärung verblödet, die alles als "technischen Apparat" sehen wollte. Umso mehr war er also Technizist, der seine Schlachten auch nur deshalb gewann. Weil er keine Skrupel kannte, nur den Effekt sah, und den Krieg als Kultur und Ritus, eine Ordnung (zwischen Staaten, bzw. in einem geographischen Raum) zu etablieren, nie begriffen hat. Das hat auch der geistlose Hitler, der sich als Epigone Napoleons begriffen sehen wollte, nie verstanden. Die Folgen waren deckungsgleich: Totale Niederlage, Zerfall der jeden Staat im Inneren erhaltenden Ordnung. Nur hatte Hitler keinen Metternich, wie Napoleon, der darum wußte und Frankreich leben ließ. Deshalb (sic!) der Wiener Kongress. Der heute auch nicht mehr verstanden wird.





*131018*

Freitag, 9. November 2018

Ein Rückschritt, der bereits angelegt war (3)

Teil 3)




Sollte es aber dennoch gelingen, einen Staat (in einem Krieg unter Staaten) zu besiegen, zerfällt dort die staatliche Ordnung - und wir haben es ab sofort mit einer Kriegsführung der Vierten Generation zu tun. Und dann haben wir weit mehr Probleme als uns der Staat gemacht hat, den wir gerade bekämpft haben. Es macht also überhaupt keinen Sinn, STAATEN in KRIEGEN zu bekämpfen! In dem Sinn, als im Fall des Sieges deren Ordnungssystem verloren geht.

Aber nur Israel ist dabei, das zu begreifen. Denn es hat seine wahren, gefährlichen Feinde in den zahllosen Gruppierungen erkannt, die überall in den quasi besiegten Staaten rundum entstanden sind. Die sklerotischen Staaten, die das Land heute umgeben, sind ja gar keine Gefahr. Im Gegenteil, sie sind notwendige Alliierte.

Was uns also fehlt ist genau das: Wir können aufhören, uns auf einen Krieg zwischen Staaten vorzubereiten. Stattdessen sollten wir uns mit Allianzen beschäftigen, die den Feind in Gruppierungen erkennen, die keine Staaten sind und alle gleichermaßen bedrohen weil ortlos sind. In zwischenstaatlichen Kriegen verlieren alle, auch die vermeintlichen Sieger.*

Deshalb ist es für Lind grotesk, daß die USA auf eine Auseinandersetzung mit Rußland und China hinarbeiten. Denn gerade diese Länder können am meisten FÜR die USA tun. Bleiben sie starke Ordnungsgeber für geographische Räume, verhindern sie auch die Entstehung solcher Gruppierungen. Denn deren Existenz ist nicht in ihrem Interesse.

Übrigens: Was der amerikanische Strategie-Philosoph da sagt, zeigt sich tatsächlich ganz real in der Ukraine. Glaubt der Leser wirklich, daß die Gruppierungen, die dort bereits - mangels Stärke einer Zentralmacht, eines starken Staates! - entstanden sind und weitgehend "auf eigene Rechnung" und mit ganz eigenen Zielen die Kämpfe im Osten führen, im Sinne der USA oder der NATO agieren? Wenn, dann benützen sie deren Armeen und Waffen doch nur, um ihre eigenen Interessen zu nähren. Sind diese erreicht, haben USA wie NATO - natürlich auch Rußland - einen nicht besiegbaren Dauerfeind. Siehe ... Afghanistan. Siehe ... Irak. Siehe .... Libyen. Siehe ... Somalia und Eritrea.

Wie kann man aber die USA zum Umdenken bringen? Da wäre einmal die Möglichkeit, ihnen den Geldhahn zuzudrehen. Nur - das ist ja bereits geschehen. Die USA sind ja definitiv pleite, und halten sich nur noch mit Krediten am Leben. Die es schon für seine gesamte normale Politik aufnehmen muß. In diesem System spielt die Armee aber nicht mehr die Rolle, alles abzusichern! Es ist nur die größte Wohlfahrtsproduktionsgesellschaft, die sich ein Land jemals geleistet hat. Denn militärischen Sinn hat sie nicht. Die sich die USA aber gar nicht mehr leisten kann.

Ab dem Moment, wo das Geld ausgeht, ist das Establishment und der "Deep State" aber in einem mittelschweren Dilemma. Denn sie funktionieren nur, wenn sie viel viel Geld haben und zu verteilen haben. Ihre Art zu existieren beruht auf viel Geld, sie sind in sich eine eigene Welt, die nur von der Wirklichkeit "da draußen" lebt. Die aber aufgehört hat, zu existieren. Die Melkkuh ist gestorben, sozusagen.

Morgen Teil 4)




*131018*

Donnerstag, 8. November 2018

Ein Rückschritt, der bereits angelegt war (2)

Teil 2) Dabei ist dieses Establishment von vier Merkmalen geprägt. 




Erstens: Es kann nicht dafür sorgen, daß die Dinge, die es beschließt auch funktionieren.  Man schaue sich nur die US-Verteidigungspolitik an, die eine einzige Aneinanderreihung von Fehlern ist.  Dazu genügt, den Blick auf den Nahen Osten zu wenden. Die USA bricht dort (mehrmals) ein, zerstört die bestehenden staatlichen Strukturen - ohne daß die aber jemand wieder zu errichten vermag. Letztendlich mündet alles in einem Kampf gegen die tiefsten Strukturen der "besiegten" Gesellschaft, die noch dazu zuvor die USA selbst geschaffen bzw. gestärkt (emanzipiert) hat, um den Staat zum Einsturz zu bringen. Was passiert? Amerika verliert, die Truppen kehren heim, um vom Establishment geführt genau dasselbe Konzept des Mißerfolgs woanders zu versuchen.

Eines ist sicher: Das Establishment spricht sich dann selbst (Medien!) von aller Verantwortung für seine eigenen Fehler frei. Nicht nur das. Es geht ihr nur um ihre Interessen, um ihre unveränderte Existenz. Sie urteilen über Zuwanderung, stellen Forderungen an andere, und leben selber in abgesicherten Gemeinschaften, in denen sie die Probleme der andern ("verdientermaßen, sie haben Erfolg") nur vom Schreibtisch her, bestenfalls in theoretischer Form, kennen.

Dem Establishment geht es nur darum, zum Establishment zu gehören. Und dafür küssen sie jeden Arsch. Ihre Denkweise macht das "wertneutral", weil ablauftechnisch gesehen "notwendig". 

Und dafür muß man unabdingbar der Frankfurter Schule zustimmen, aus der die "Political Correctness" letztlich stammt. Damit haben wir es heute mit einem "Establishment" zu tun, das sich im ständigen Krieg mit der Tradition der gesamten Gesellschaft sieht. Das Establishment kann also gar nicht (mehr) anders, als sich im Krieg mit der Mehrheitsgesellschaft zu sehen.

Das ist jedem Bürger erkennbar, so wenig das der wirklichen Wirklichkeit entfremdete weil in sich einer Eigendynamik folgende Establishment das auch glaubt. (Ohne diesen Irrglauben wäre es ja nicht einmal entstanden.)  Es ist eine Frage der Anthropologie, der ontologischen Verfaßtheit des Menschen. Die permanent verfehlt wird. 

Deshalb wenden sich die Menschen weltweit wieder an die Kriterien, die VOR dem westfälischen Frieden gegolten haben. Und deshalb stehen wir am Beginn einer Periode der "vierten Generation des Krieges".

Sie kennzeichnet ein Rückgriff auf die Zustände VOR dem westfälischen Frieden von 1648. Womit wir es heute also zu tun haben, wollen wir über Frieden sprechen, macht ein völliges Neudenken nötig. Denn die Situation, in der wir stehen und auf die wir ganz offensichtlich zugehen macht sämtliche bisherigen Formen von Außenpolitik, Diplomatie und Kriegsführung obsolet. Wir können überall nicht mehr von staatlichen, zwischenstaatlichen Ebenen sprechen. Wir haben zwar überall "Regierungen", die "Dienst wie immer" machen. Aber die wirklichen Vorgänge haben sich schon längst auf ganz andere Ebenen verschoben.

Was wir deshalb benötigen, dringend benötigen, wollen wir unsere Staatlichkeit "retten", sind legale, rechtmäßige Wege und Prozeduren (denn Staat heißt ja: Herrschaft des Rechts bzw. im Recht), in denen wir das Establishment der Gegenwart abwählen können. Wir benötigen Prozeduren der Legalität, in denen Leute nach oben kommen, die wirklich in der Lage und Willens sind, Dinge zu ändern. 

Man kann sagen, daß so gut wie alles Geld, das wir heute für Landesverteidigung ausgeben - in den USA sind das beachtliche 900 Milliarden Dollar pro Jahr - völlig beim Fenster hinausgeschmissen ist. Denn mit herkömmlichen Armeen kann niemand mehr einen Krieg der 4. Generation gewinnen. Und je mehr high-tec-Ausrüstung sie bekommen, desto schneller werden sie geschlagen werden können.  Ein popelnder, verschwitzter, findiger Student als Computer-Hacker im schmuddeligen T-Shirt aus der Ausverkaufskiste genügt.

Morgen Teil 3)





*131018*

Mittwoch, 7. November 2018

Ein Rückschritt, der bereits angelegt war (1)

Wer da freilich glaubt, daß die obersten Militärs und Exekutivchefs der Weltmächte auf der Nudelsuppe daher geschwommen sind und denselben lächerlichen Mist denken, wie er in den Bevölkerungen kursiert oder diesen Zuordnungskriterien gehorche, der irrt gewaltig.  Auch der VdZ hat immer den allerbesten Eindruck von den Exekutiven gehabt, zumindest gibt es innerhalb deren Organisationen Leute mit so tief getäuftem Hausverstand und Realitätssinn, daß man nur den Hut ziehen kann. Wie auch anders? Diese Leute haben mit Realitäten zu tun, mehr als alle die Harvard-Absolventen und Uni-Wien-Magistrierten Fuzzis, deren Gedankenwerke meist das Papier nicht wert sind, auf dem es zu lesen steht. Täte das jemand. Denn der Instinkt der Menschen ist schon richtig. Lernen, lernen kann man nur von ganz anderen Leuten etwas. 

Und einer von diesen überaus hoch zu schätzenden Persönlichkeiten dieses Genres ist (unter vielen anderen) der amerikanische Strategie-Wissenschaftler William S. Lind. Er zeigt in diesem Vortrag, der zu seinem Grundwerk, der These über den "Krieg der vierten Generation" gehört, daß die Ordnung der Kriege seit dem 30jährigen Krieg derzeit völlig umbricht. Damals, 1648, im Frieden von Münster, hat sich der Staat endgültig das Monopol über den Krieg gesichert. Mit gehöriger Zustimmung der Bevölkerungen aller Länder. Die die marodierenden, aber im Grunde auf eigene Rechnung herumziehenden Soldaten leid und über alles froh war, wo eine ordnende Macht diese Landplagen an den nächsten Galgen hing. Was ja passierte.

Sämtliche Bevölkerungen Westeuropas, aus denen ja auch die USA hervorging, waren also mehr als einverstanden, daß ein "Staat" das Gewaltmonopol (für Krieg) endgültig an sich zog. Das hat sich bereits in der Renaissance angedeutet. Denn wenn ehrbeflissene Ritter nur noch dazu gut sind, auf Tournieren ihre "Kunst" zu zeigen, merkt niemand, daß das wahre Kriegsgeschehen bereits von Musketieren, von Schützenreihen übernommen wurde. 

Genau das ist auch in der Kriegstechnik nach dem 30jährigen Krieg passiert. Krieger wurden unwichtig, ja ein Hindernis. Ab sofort (das hatte der Krieg gezeigt) ging es um "Bediener von Technik". Die mußten gar nichts mehr "können", die mußten schon gar nicht ehrerfüllte Kulturrepräsentanten sein, im Gegenteil! Sie wurden umso wichtiger, umso "besser", je weniger sie Ehre und Persönlichkeit in den Kampf einbrachten. Je williger dem staatlichen Befehlshaber - desto besser. Persönliche Motive waren nur noch hinderlich. Das wurde durch die vielen Gehenkten auch signalisiert. Die für die Bevölkerung nur noch eine Plage und Last waren. Also konnten die Regierenden (der Absolutismus war in der Startrampe, oft schon gestartet, wie in Frankreich) sich auf die Bevölkerung auch verlassen, sie stand hinter ihnen.

Seit dem "Westfälischen Frieden" von 1648 haben wir es also nur noch mit "Krieg zwischen Staaten" zu tun. Vorher, in der gesamten Menschheitsgeschichte, war ein Krieg eine Summe vieler einzelner Ereignisse gewesen. Als Krieg zwischen Familien, Stämmen, Städten, Religionen, ethnischen Gruppen und Rassen, Kulturen, Unternehmen und Wirtschaftsgesellschaften, sie alle fochten seit je Kriege aus. Indien wurde nicht von "Großbritannien" erobert, sondern von privat finanzierten wie geführten Armeen der Ostindien-Gesellschaft, die auch eine Kriegsflotte unterhielt. (In Kanada war es nicht anders.) Und dem setzte "der Staat" nun ein Ende. (In Indien freilich nicht einmal noch im 19. Jahrhundert.)

Das war seit je eine Realität. Aber diese Realität ändert sich heute. Denn mehr und mehr finden sich staatliche Armeen nicht mehr staatlichen Armeen gegenüber, sondern Armeen der "4. Generation". Gruppen von Kriegern, die wie in alten Zeiten für alle möglichen Gründe kämpfen. Und in ihrem Kampf für "ewiges Leben" (das ist ja der wahre Kern jedes Kampfes) die Interessen von Wirtschaften, Stämmen, Religionen und so weiter bis zu ihrem Tod erkämpfen wollen. 

Damit kehrt die alte Konstellation von Krieg zurück. Wo Krieg und Verbrechen kaum noch unterscheidbar werden. Die Ordnung VOR dem westfälischen Frieden kehrt also zurück. Weil diese Ordnung sich heute als falsch angelegt erfährt. Und wo immer staatliche Armeen auf solcherart motivierte und aufgestellte Armeen treffen - verlieren sie. Das ist den Soldaten bis zum Rang eines Obersten auch noch recht oft klar. Nicht klar ist es aber den Generälen, den obersten Führern.

Warum ist das so? Weil sich die Staaten in einer tiefen Krise befinden, ohne daß sie deren Dimension erahnen. Und diese Krise ist eine Krise der Legitimität. 

Und hier beginnt die Diskussion um den "deep state", den "tiefen Staat", ihr wahres Gesicht zu zeigen. Wenn sich diese Legitimitätsfrage auch nicht - noch! - überall gleichermaßen deutlich stellt, so ist sie weltweit zu beobachten. Denn "der Staat" ist Objekt privater, persönlicher Jagd geworden. Es geht heute überall nur noch darum, auf den Staat, auf die Regierungen möglichst viel Einfluß zu gewinnen, sie möglichst unter Druck zu setzen, um den eigenen Interessen gefügig zu sein. Das ist der Moment des "Establishments", einer mit den wahren Legitimitätsbedürfnissen der Bevölkerungen nicht mehr zusammenstimmenden, ja diese immer offener, immer frecher düpierenden gesellschaftlichen Schichte. 

Worüber sich alle sicher sein können ist, daß der nächste Präsident seines Staates ein Mitglied dieses Establishments sein wird. Und nichts wird sich ändern. Auch wenn das Volk - weltweit, überall - immer mehr darauf erpicht ist, eine Führung zu erhalten (meist: zu wählen), die NICHT "zu diesem Establishment" gehört. Aber Lind meint, daß er jedem versichern könne: Das wird nicht passieren.

Morgen Teil 2)




131018*

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Tanz um den Funken Wahrheit

Was den VdZ mißtrauisch macht ist, daß die Gegenwehr gegen kollektive Schuldzuweisungen für Holocaust und Kriegsschuld (1914 wie 1939) dazu neigt, einen Schuldigen zu verteidigen, der sich von so manchem Mitgemeinten deutlich unterscheidet. Denn was hier anzuklagen wäre - und hier hätte auch tatsächlich so manche Schuldzuweisung ihren tieferen Sinn - wäre eine Auffassung von Staat, die doch tatsächlich abzulehnen ist. Selbst wenn sie nur eines der Gewächse europäischer Staatsentwicklung ist.

Aber der positivistische Staat - aus Hegel und Preußen gemixt - hat keine Verteidigung verdient. Er ist der Totengräber wirklichen Volkstums, das er aus seiner Verwurzeltheit in Sphären pseudologischer, zweitwirklicher Rationalismen drückt, bis es entschwunden ist, weil man danach handelt. Er ist ein Produkt der zentralistischen Propaganda, einer Ebene des Menschen, wo er sein Wahrnehmen und seinen Dialog mit dem Wirklichen durch Worthülsen überlagern läßt, um es salopp zu formulieren. Auf daß er sich selbst entfremdet wird.

Also verteidigt so mancher Gutmeinende, dessen Heimatliebe gar nicht an Abrede gestellt werden soll, ein Deutschland, das in Wahrheit bereits die Selbstentfremdung der deutschen Menschen mit sich selbst war. Und das begann mit Bismarck, dem Kaiserreich der Hohenzollern (und in hinkendem Gleischritt dazu dem österreichischen Kaiserreich), wenn nicht als Folge des 30jährigen Krieges. 

Der Verdacht drängt sich auf, daß dahinter ein Wunsch und verführerischer Traum von Größe steckt, der selbst keineswegs ein wünschenswertes Ziel ist, sondern bestenfalls Folge eines starken Selbstseins der Deutschen ALS jeweilige Teile eines Umfeldes oder als Summe von Teilvölkern, die sich zu Staaten formieren, sein kann. Der aber das Eigensein, und nur dort gäbe es die erwünschte Stärke, überfliegt.

Das erklärt nach Auffassung des VdZ sogar vieles an der deutschen Politik, besonders in der Gegenwart. Die in ihrer Halbherzigkeit egal in welcher Richtung wirkt, als würde man einfach zu keinem Entschluß kommen können, einerseits ein totes Pferd zu reiten, anderseits dieses tote Pferd zu neuem Scheinleben aufzublasen, etwa um "der realen Bedeutung Deutschlands in Europa ihre Gestalt zu verleihen", ohne einen schöpferischen Umgang mit dem Deutschsein überhaupt zu kennen oder zu wagen. So baut man, im Dunkelen herumtappend, unbewußt weiter an einem zentralistischen Deutschland, dessen Schatten an der Wand man aber wieder auszutreten sucht. Und zwar sogar durchaus mit Recht.

Nur dort aber, in für viele neuartiger, aber notwendiger Differenzierung, könnte ein Weg zu einem für alle Seiten überraschenden Konsens auch in der historischen Aufarbeitung zu finden sein. Der sowohl den sogenannten "Nestbeschmutzern" wie den "Verteidigern" den Wind aus den Segeln nimmt, aber diesen berühmten Funken Wahrheit aufgreift, um den beide Seiten herumtanzen, ohne ihn aber zu sehen. Dessen nie artikulierte Stellvertreterfunktion sie hier nicht loswerden, dort aber nicht überwinden - weil er der wahre Kern in den geschichtlichen Ereignissen, der damit in der Gegenwart fortwirkt.

Denn der Irrtum, der Fehler war nicht "der Holocaust" oder "der Nationalsozialismus", sondern diese (preußische, im wahrsten Sinn: moderne) "Idee von Deutschland", die tatsächlich von so vielen politischen Entwicklungen nicht zu trennen ist. Und nur deshalb hielt, weil das wahre Deutschland - das zumindest aus zwei Kulturkreisen und Volkswesen und damit Staaten besteht (Stichwort "Weißwurstäquator") - von einer Ideendecke ins Vergessen abgedrängt und künstlich zu einem "neuen Deutschland" gemacht wurde. Das tatsächlich "neu" war. Und der sich im Nationalsozialismus (was an dieser Stelle schon hinlänglich begründet wurde) als Prototyp des heutigen modernen Staates nur auf die Spitze brachte, in Wahrheit aber nicht aufhörte, auch nicht 1945.

Gelingt es nicht, diesen gewissermaßen "dritten Weg" zu beschreiten, droht Deutschland in den nächsten Jahren neuerlich in bloße dialektische Gegenreaktion zu verfallen, um sich - notwendigerweise! - einen Platz in der Welt zu sichern. Denn das derzeitige Vokabular, das auch in sogenannten rechten Kreisen auftaucht, ist völlig ungeeignet und voller Widersprüche. Damit wenig geeignet, das Mißtrauen, das man dabei unwillkürlich empfindet, zu überwinden.*




*Nicht unähnlich der Reaktion vieler, die gegen den Islam wettern, und mit den neblichten Schlagworten Demokratie und Stellung der Frau als zu verteidigende Werte argumentieren. Und sich damit auf derselben Wesensebene wie der Islamismus bewegen, nur die eine Blüte gegen eine andere austauschen wollen, "weil sie halt recht haben".




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Montag, 17. Dezember 2012

Tausende Tropfen - ein Strom

aus 2010) Was Huch in "Der 30jährige Krieg" so wunderbar gelingt ist, zu zeigen, wie dies so komplexe historische Geschehen in seinen zahllosen Kleinhandlungen in jeweils persönlichen Beweggründen und Schicksalen gründet. Aus vielen kleinen wie großen Quellen, die einander verstärken, behindern, Wirbel erzeugen, Bäche ergeben, Flüsse ... erfließt schließlich ein gewaltiger Strom. Und so ist es wohl mit allem "Großen".


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Mittwoch, 13. Oktober 2010

Amerikanische Metastrategie

Nachdem die USA absehbar gegen die neuen Weltmächte China, Indien, Rußland, Südostasien, eventuell sogar Brasilien, unterliegen wird, mußte es seit Jahrzehnten eine andere Strategie verfolgen.

Denn mit den herkömmlichen Methoden würde es auf Sicht nicht bestehen können, weder mit wirtschaftlicher Macht, mit Kapital, noch militärisch, letzteres abhängig von ersterem. Auch die USA haben sich zu Tode gehetzt.

Während die genannten Länder die entscheidenden Faktoren besitzen: Menschen, damit Wirtschafts- und Produktivitätskraft, und damit militärische Macht. China hat nach übereinstimmenden Berichten so stark aufgerüstet, daß es die USA auch technologisch bald hinter sich lassen wird. Indien folgt am Fuß, und Rußland hat nur eine gewisse Zeit ausgeruht, und holt erneut auf. Selbst Kolonien besitzen diese Länder, noch heimlich, noch verdeckt - aber durch die Kapitalmacht arbeitet bereits die Hälfte der übrigen Weltbevölkerung für diese Länder, für deren Kapital.

Während die USA so hoffnungslos verschuldet ist, daß sie selbst nicht mehr glaubt, je soliden Boden unter den Füßen zu bekommen. Also hat man sich etwas einfallen lassen ... und nach der nächsten Stufe der Macht gegriffen. Der einzigen, die noch im Bereich des Erreichbaren gelegen ist - die Information über die Menschen. Und diese Strategie lag gewissermaßen auf der Straße. Sie ist die Tangente der gesellschaftlichen Strömungen, die sich in den USA im 20. Jahrhundert formierten.

Wer sich die Natur der technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ansieht muß zu dem Schluß kommen, daß die Unternehmen der USA exakt dort groß wurden, wo es um die Beherrschung des persönlichen geistigen Bereiches, der (persönlichen) Information ging: Personal Computer, Internet, und Internet-Kommunikationsformen, aber selbst die "Auslagerung" seelisch-persönlicher Vorgänge in den speziellen Formen der Psychologie/-analyse. Der Druck der USA, weltweit Zugang zu persönlichen Daten auch der übrigen Welt zu erhalten, hat ebenfalls exakt diese Farbe. Ja, selbst die reinen Erfolgsstories - von Coca-Cola über McDonalds - sind geistige Geschichten, nicht Geschichten wirklicher Produktion! Es sind Imagestories, also psychotechnisch angelegt. Und aus keinem anderen Grund entstanden Massenhysterien der Gegenwart, wie die "Klimakatastrophe", in amerikanischen Köpfen. Gezielt, geplant, als 'business professionell' aufgezogen. Als Kristallisationspunkte amerikanischen Gesellschaftsklimas. Um das zu beherrschen, was bislang herrschte, die konventionellen Dinge, die "realen" Dinge. Amerikanische Produkte überzeugen nicht durch zentrale Produkteigenschaften, sondern durch "brain", das in den Verwender geflossen ist.*

Und sei es, daß er finanziert wird, damit durch Mitschuld korrumpiert wird. Exakt das, was in der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre aufbrach - die Schulden, auch und vor allem der Konsumenten, die den Kreislauf am Leben hielten, die damit jene Kredite finanzierten, die sie erhielten ...

Und hier ist auch der einzige Bereich, wo reale Macht** entstanden ist, die den übrigen Machtausübungen überlegen ist. Hier hat die USA auch viel Vorsprung, wenn auch die Zeit drängt. Deshalb wird der Druck auf jene Länder, die sich der Preisgabe sämtlicher (!) personaler Daten - ein großer Teil wird ohnehin bereits von den USA überwacht, nämlich die gesamte weltweite Kommunikation, in Handy-/Telephon-, und Mailverkehr - widersetzen, sehr stark werden.

Es konzentriert sich sohin auf die Bestandteile der Mechanismen persönlicher Integrität und damit der Auslieferung der Menschen selbst. Im Kampf gegen Asien versucht sie, sich so viele Hörige wie nur möglich auf seine Seite zu bringen. Es ist zu schwach, das ist die Lehre nicht zuletzt aus der Wirtschaftskrise der letzten Jahre, die ja eine Systemkrise ist - ihr Vorbeben, oder bereits das Vorspiel zum Hauptbeben. Und das geht bis hinein - völlig unterschätzt, bislang fast totgeschwiegen! - bis in die Relationen hinein, die exakt denselben Erscheinungen unterliegen, in den Erneuerungsbewegungen, die sämtlich aus dem amerikanisch-protestantischen Raum der Schwärmerbewegungen kommen, und das konventionelle Christentum, die Katholische Kirche vor allem, regelrecht ausgehoben haben. Aber selbst Pseudoreligionen, wie Scientology - sie sind in einer Gesamtbewegung der USA zu sehen.

Aber hier, in diesem Bereich, verspricht man sich jene Macht der Zukunft, die die "konventionellen" Bereiche übertreffen wird. Was auch immer da passiert, es trägt alle Merkmale dieser zentralen Idee. Und es wäre nur zu folgerichtig. Denn die USA sehen mit Gewißheit nicht einfach zu, wie sie mehr und mehr auf die Hilfe der Welt angewiesen sein könnten. Sie suchen mit gleicher Gewißheit Auswege aus der Ausweglosigkeit, das IST amerikanisch, und sie haben kaum eine andere Wahl. Denn jetzt geht es um die Wurst, um die weltpolitische Konstellation für die nächsten Jahrhunderte. In der Amerika, als vom Wind abgehobene, verblasene, substanzlose "Geistige Flocke" eines allmählich absterbenden Europas, nur diese Wahl hat, wenn es als es selbst überleben will.

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*Nun könnte man ja sagen, wie es ja die Hekatomben Wirtschaftsakademiker tun, die unsere Universitäten nach amerikanischem Vorbild ausgespuckt haben, daß auch Ideen ein Gut sind, also wäre darin ja ein besonderes Qualitätsmerkmal, das Überlegenheit begründe, erkennbar?! Gefehlt - es gibt nämlich etwas wie ein "Wesen der Dinge". Das ist für den gelernten Amerikaner natürlich nicht nachvollziehbares Denken, denn der Amerikaner, und mittlerweile auch der Europäer, ist metaphysiklos! Die Amerikaner produzieren seit Jahrzehnten Ideen, die an allen Ecken und Enden mit dem Wesen der Dinge, mit der Natur also, kollidieren, und bestenfalls diese vergewaltigen. Sie produzieren also - ihrer Philosophie exakt folgende - FALSCHE Ideen.

** Ein weiteres Indiz für das Gesagte: Seit Jahrzehnten sind die Nobelpreisträger für Wirtschaft - Amerikaner! Weil dort Wirtschaft und Geld längst völlig abgekoppelt von der "harten" Wirklichkeit (metaphysiklos, wir wissen ...) zu einem unglaublich ausgebauten Gedankensystem geworden ist. Das hat auch mit der Notwendigkeit zu tun, das eigene, längst zum Moloch, zur alles fressenden Maschine gewordene System am Laufen zu halten, sowie zu rechtfertigen.

 
*131010*

Freitag, 23. Juli 2010

Meister der Haut

Rubens vermochte speziell die menschliche Haut in allen ihren Zuständen, Altern, ja im Geschlecht unglaublich wirklich darzustellen. Im Bild der "Helena Fourment" (seiner zweiten Frau, die zum Bade geht; das Bild auch genannt "Das Pelzchen") schafft er es, daß sich der Betrachter vom Gesamteindruck der Frau bezaubern läßt, von ihrer Schönheit, ihrer Erotik, ohne daß er auch nur ein Yota vom realistischen Zustand ihrer Haut abweicht.

Rubens' Nacktheit (auf seinen Bildern) wird nie zum Objekt, das man nur hinter Vorhängen hängt. Er, dessen ganzer Charakter als ungemein abgerundet, tugendhaft, liebenswürdig beschrieben wird, der in allem materiellen Erfolg sittsam und mäßig blieb (dabei konnte er leben wie ein Fürst), dessen Naturell (er malte in einer Zeit, wo ganz Europa in den Spannungen des Dreißigjährigen Krieges ächzte und krachte) ihn zum Diplomaten wie geschaffen machte, sodaß manchen Meinungen nach seine diplomatischen Erfolge noch über jene der Malerei zu stellen sind, war ganz gefangen von der Schönheit und Heiterkeit. In der er es nicht für notwendig hielt, die Welt "zu verbessern" - er fand das Schöne als alles Wirkliche durchwaltende Gesamtidee. Rubens ist nie sentimental - er ist lebensfroh und -voll. Seine Frauen zeigen übrigens seinen Umgang an, es sind Antwerpener Damen aus hohen Kreisen.


*230710*

Mittwoch, 31. März 2010

Geheimnisvoll gestaltende Hand

Selbst nach abertausenden Seiten Lektüre unterschiedlichster Autoren wird die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Geschichte Europas, die im Dreißigjährigen Krieg sich einfaßte, nicht einfacher zu abstrahieren. Vielmehr zerläuft diese Epoche in ein einem Bienenhaus gleichendes Gemengelage eigentümlichster Figuren und Charaktere und alles zerreißender Motivstränge. Und eine der wahrlich seltsamsten dabei ist die des Pater Joseph, der "Grauen Eminenz", wie man diesen Kapuzinerpater, den engsten Vertrauten, die rechte Hand von Kardinal Richelieu, nannte.

Dieser Mann, der meist zu Fuß zwischen Rom, Wien, Deutschland, ja Schweden, und Paris unermüdlich hin- und herlief, war der eigentliche Drahtzieher eines Europas, das den tödlichen Keim des Zerfalls, den Frankreich sehr real anbot, schluckte - und daran zerweste. Es sind nicht die geringsten Historiker, die in den Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges, und vor allem in der Konstellation, die im Westfälischen Frieden 1648 geschaffen wurde, die vitale Wurzel der furchtbaren Kriege des 20. Jahrhunderts sehen.

Und dieses Drahtgeflecht, diese Mißgeburt, wurde von einem Mönch geflochten, der auf diesen abertausenden Kilometern, die er auf Schusters Rappen, in einfachen Sandalen oder gleich barfuß  zurücklegte, in fortwährendem Gebet versunken, sein Leben Gott hingab, für Frankreich im mystischen Sinne starb. Er, Francois Leclerc du Tremblais, Pater Joseph (1577-1638) war der Täter, er führte nicht nur aus, sondern er gestaltete, verhandelte, vereinbarte - völlig im Hintergrund, und nur in grober Abstimmung mit dem offiziellen Architekten, Richelieu.

Ein schlichter Bettelmönch brachte das Kaiserreich, die einzige Hoffnung Europas, zum Einsturz, indem er ihm auf diplomatischem Wege (der natürlich auch Intrigen umfaßte) unheilbare Wunden zufügte, schwächte weil spaltete Deutschland auf Jahrhunderte, entschied den Krieg durch Allianzen, brachte Spaniens Vormachtstellung in Europa zum Einsturz, setzte geschickt den Papst politisch für seine Zwecke ein, stimmte über das weltweite Informationsnetz der Kapuziner die Politik seines Landes auf geostrategische Momente ab, steuerte über Massenmedien - die ersten "Parteizeitungen" - Stimmung und politische Meinung in Frankreich selbst, und stärkte, nein schuf so Frankreich als europäische Großmacht.  Ein Ziel, dem er sich auf spirituelle Weise, als so verstandenen Auftrag Gottes an ihn, in aller Totalität unterordnete.

In einer Zeit voll der gleichermaßen bemerkenswertesten wie seltsamsten Figuren. In deren Hand auch unsere Gegenwart lag.



*310310*

Montag, 8. Februar 2010

Ein recht junges Ehepaar

Zur Stärkung seiner Forderung auf Eingliederung von Lothringen in sein französisches Reich hatte dessen legendärer König Heinrich IV. den Plan, seinen Sohn Ludwig (den späteren König Ludwig XIII.) mit der ältesten Tochter des damaligen Herzogs Heinrich von Lothringen zu verheiraten. Nach einem Jahrhundert, in welchem die Hausmacht der Habsburger durch Heirat ohnehin bereits in schwindelerregendem Tempo gestiegen war, sah er die Notwendigkeit, auch seinen Machtbereich durch Allianzen zu stärken, und Frankreich befand sich mit dem Deutschen Reich ohnehin schon jahrhundertelang im Dauerstreit.

Der Plan scheiterte. Aber nicht, weil das Objekt der Pläne, die lothringische Herzogstochter Nicole, zum Zeitpunkt der Heiratsverhandlungen ... erst ein (!), der Sohn Heinrichs, Ludwig, auch noch recht zarte acht Jahre alt war, sondern weil Heinrich IV. einem Attentat zum Opfer fiel. Und seine Witwe, Maria de Medici, dynastisch Habsburgerin, anschließend sofort die Heiratsallianz mit Spanien suchte.

Da trat Franz II. von Vaudémont auf, um Nicole für seinen Sohn Karl, geboren 1603, also damals sieben Jahre älter als das fürstliche Kleinkind, der spätere Karl IV. von Lothringen, zu erhalten. Doch Heinrich lehnte ab, Nicole sollte nach den Plänen ihres Vaters, Herzogs Heinrich II., dem Baron von Ancerville, mit dem Sohn des 1588 ermordeten Kardinals von Guise, vermählt werden, einem Mann von dreißig Jahren. Worauf es im Adel und im Volk zu einem Aufbegehren kam - Anceville wäre zu ... französisch, Lothringen immerhin (damals noch) dem deutschen Kaiser sowie dem Bischof von Trier untergeordnet. Also gab Heinrich nach, und das Kind wurde die Frau des Sohnes von Franz II. von Vaudémont, mit dem sie dann auch nach dem Tode des Vaters 1624 die Regierung übernahm. Da war Nicole zwölf, ihr Gemahl neunzehn Jahre alt.

Die Ehe wurde sehr unglücklich. Heinrich II. sagte über seinen (ihm aufgezwungenen) Schwiegersohn: "Ihr werdet sehen, daß dieser Tölpel alles verlieren wird." Und er ließ im Ehevertrag festhalten, daß Nicole nicht nur gemeinsam mit Karl regieren würde, sondern dieser verblieb in seinem (geringeren) Adelsrang.

Das Lothringen Heinrich II. beschrieb der französische Memoirenschreiber Nicolas Coulas als kleines Paradies: "Stellen Sie sich große dichtbevölkerte Marktstädte am Ufer schöner Flüsse vor, fette Viehherden aller Art, mit Reben bedeckte Hügel und Täler, die so fruchtbar sind, daß man das Getreide kaum zu ernten vermag; da leben Bauern, an deren Häusern es überall mit Glasscheiben versehene Fenster gibt, und diese Landleute verwahren in ihren Truhen große silberne Becher. Stellen Sie sich all dies vor, und Sie werden nur eine ungefähre Ahnung vom Glück dieser Gegend haben, so wie es herrschte, bevor der Krieg ausbrach. Nie mehr sah ich wie einstmals dort den wahren Überfluß und nie mehr das Bild solcher Harmonie."

Die Voraussage Heinrich II. ist eingetroffen, auch wenn Karl IV. von Zeitgenossen als schlagfertiger, witziger und körperlich sehr gewandter Fürst mit kühnem Temperament geschildert wurde. Aber er war im Lavieren zwischen Frankreich und Deutschem Reich, in dem der Dreißigjährige Krieg tobte, überfordert, und überschätzte sich in seinen politischen Fähigkeiten noch dazu lächerlich maßlos.

1625 brach ein schwerer Ehestreit zwischen Nicole und ihrem Gatten Karl IV. aus. Karl war formal ja nicht Herzog, sondern seiner Frau untergeben. Das wollte er nicht mehr dulden.

So griff er zu einer List: ein (vermutlich gefälschtes) Testament eines Vorfahren seines Schwiegervaters Heinrich II. tauchte plötzlich auf, das Frauen die Regierungsgeschäfte nur dann zusprach, wenn die Linie keinen Nachfolge habe. Er ließ deshalb seinen Vater erheben - und der ... verzichtete wenige Tage nach der Inauguration zugunsten seines Sohnes - Nicole war entmachtet.

Aber von nun an ging's bergab: Erst brachte Karl IV. ins eigene Land Unruhe, indem er die langjährig bewährte Harmonie der Stände zerstörte. Und schließlich gelang es ihm, als labilem Charakter, durch ungeschicktes und widersprüchliches Lavieren nicht, Frankreich gegenüber neutral zu bleiben, ja dieses mußte annehmen, er stünde auf der Seite auch innerer Feinde. Karl IV. suchte und fand Schutz bei Kaiser Friedrich III., der garantierte ihm Beistand - und so wurde 1630 der erste zentraleuropäische Friedensschluß, der aus dem Dreißigjährigen einen Zwölfjährigen Krieg gemacht hätte, verhindert: Richelieu zerriß den unterschriftsreifen Vertrag wegen der Garantien für Lothringen.

Während aber der Kaiser militärisch bereits zu schwach war, Lothringen wirklich zu schützen, wurde die Souveränität Lothringens nach und nach vom "bedrohten" Frankreich ausgehöhlt, und als die Schweden München einnahmen, nützte Richelieu die zweifelhafte Legitimität Karls, nannte Nicole die rechtmäßige Regentin, und marschierte unter fadenscheinigen Gründen in Lothringen ein.

Verzweifelt wandte sich Karl an Habsburg und Wallenstein - doch der ließ seine Truppen unter General Aldringer wieder umkehren ...

Karl wurde von Ludwig XIII. 1633 schließlich abgesetzt, soll heißen: er verzichtete zugunsten seines Bruders, eines Bischofs, auf die Regierung, und trat Lothringen vorerst zeitlich begrenzt an den französischen König ab. Anschließend floh er nach Deutschland und wartete auf den Tag der Wiederkehr - als Herzog.

Richelieu freilich holte konsequent Nicole nach Paris, als Gefangene, und rechtmäßige Thronfolgerin. Dort starb sie auch - völlig vereinsamt. Während Karl IV. sogar ... eine offizielle Parallelehe führte.

Und während Richelieu "nachweisen" ließ, daß Lothringen historisch belegt seit 1285 französisches Eigentum sei.

Die Bevölkerung freilich hielt zu "ihrem" Herzog, ja verehrte ihn wie einen mittelalterlichen Heiligen, der für sie die Freiheit erkämpfte ... Sie sollte es bitterlich büßen: Karl kehrte tatsächlich zurück und führte bis 1675 Krieg gegen die Franzosen, die die Taktik der verbrannten Erde anwandten, Lothringen letztlich völlig verwüsteten, und die Bevölkerung auf brutalste Weise dezimierten.




*080210*

Freitag, 29. Januar 2010

Geldvermehrung

Eine zu früheren Zeiten gerne verwendete Art der Geldvermehrung - die aber von der heutigen Art, über nur durch Zukunft gedeckte Kredite, nicht wirklich unterschieden ist - war die "Münzverschlechterung", wie sie z. B. per am 18. Januar 1622 gegründeten "Münzkonsortium" des Habsburgerreiches durchzuführen beschlossen wurde:

Der Kaiser verpachtete (gegen jährliches Fixgeld von sechs Millionen Gulden) die Münzprägung an Wallenstein, Karl von Liechtenstein, den Finanzmann Hans de Witte (einem Calviner!), Graf von Weitzenhofen, und, neben einigen weiteren, dem jüdischen Prager Finanzfachmann Bassevi (an dem der Ruf hängenblieb).

Damit war das Recht erkauft, auf 46 Gulden, durch Reduktion des Gold- u Silbergehalts, 70 zu schlagen.

So war mit einem Schlag sogar der Krieg (halbwegs, und scheinbar) finanziert: durch eine (stille) Inflation von 30 Prozent, hervorgerufen - durch eine Geldvermehrung um eben diesen Betrag, den man an zusätzlichem Geld in die Wirtschaft steckte.

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Realwirtschaft darauf - durch Preiserhöhung - reagierte. Was, wie im Falle Wallenstein, nur den Kaiser in nächste Bredouillen brachte: denn Wallenstein war zugleich auch der Ausrüster der von ihm aufgestellten Heere.

Wie wurde solch ein marodes Finanzsystem wieder saniert? Durch Roßkuren. Leibniz hat es in Braunschweig-Hannover vorexerziert: Durch "Münzbesserung" wurde dem Markt nach und nach wieder Geld, und damit: Nachfrage, entzogen, wobei Leibniz dafür sogar noch zusätzlich gewonnenes Edelmetall verwendete, was ja riskant war - weil den inneren Kaufwert der Währung erhöhte. Was hinwiederum, vor allem durch selektiven Import, aber auch durch staatliche Unternehmungen, wie den Bergbau, die Salpetergewinnung, die Wirtschaft denn doch ankurbelte! Denn nach der Hannoveranischen Währung bestand nun hohe Nachfrage: man wollte mit dem Land ins Geschäft kommen. Dadurch ... senkten sich die Preise wiederum.


*290110*

Donnerstag, 28. Januar 2010

Krieg der Biersäufer

So ganz wohl war da niemandem, als Friedrich V. von der Pfalz den Antrag der böhmischen Stände zum König in Prag annahm und sich am 4. November 1619 krönen ließ. Zweifellos ein Akt gegen den wenige Wochen zuvor in Frankfurt zum Kaiser gekrönten Ferdinand II., dem Habsburger. Selbst sein Schwiegervater, der englische König Jakob I., riet ihm dringend ab. Aber Friedrich entschied sich anders, und verbrachte mit seiner schönen und lebenslustigen Frau vorerst gleich einmal einen Winter in einem wahren Rausch der Sinne in Prag.

Johann Georg I. von Sachsen
Selbst protestantische Landesherren stellten sich hinter den katholischen Kaiser. Allen voran der sächsische Kurfürst Johann Georg I. Ein legendärer Biertrinker im übrigen: angeblich betrug sein täglicher Konsum ca. zwanzig Liter. Im Durchschnitt. Bei manchen Anlässen stieg sein Verbrauch noch erheblich. Gegen welchen sich denn doch Unmut erhob, trotz seiner erklärbar leutseligen Stimmung und unstillbaren Jagdlaune. Nicht nur, weil er stets etwas betrunken war (der Volksmund nannte ihn "Bierjörge"), sondern seine Hofhaltung war vielen einfach zu verschwenderisch. Aber so nüchtern blieb er denn doch, daß er die Calvinisten in Prag noch mehr als die Katholiken zu hassen nicht vergaß. Wie alle Lutheraner im übrigen.

Zupaß kam dieser Konfliktherd lediglich einer Reihe von Feinden des Reiches. Allen voran den Türken, sowie den Siebenbürgern unter Bethlen Gabor. Nebst vielen protestantischen Ungarn, die die türkische Schreckensherrschaft vorzogen, auch wenn sie letztendlich 90 Prozent der Ungarn das Leben kostete.

Weshalb neuerlich Deutsche in einer zweiten Welle ins Land geholt wurden. Womit man gleichzeitig das Protestantenproblem per 1648er Frieden - "eius regio - cuius religio" - elegant zu lösen meinte.

Aber die Böhmen selbst hatten ein schlechtes Gewissen erster Güte. Ein böhmischer Adeliger, wird überliefert, schrieb dazu (und hier soll es gebracht werden, zum Schlaglicht auf das Thema, welche Motive denn hinter diesem 30jährigen Kriege gestanden hätten):

"Bethlen Gábor [der bekannt hinterlistige, ja verschlagene Fürst von Siebenbürgen, als Vasall von Istanbul recht fest im Sattel; Bild: die 2010 aktuelle Ungarische Banknote mit seinem Konterfei; Anm.] sagt: er suche nicht Gerechtigkeit, sondern Herrschaft. [Der Herzog von; Anm.] Anhalt sagt: er suche Geld; ebenso die anderen Obersten und Hauptleute. Darin liegt eine gewisse Ehrlichkeit. Aber auch das Gewissen will befriedigt werden, und deshalb schiebt man die Religion vor. In Wahrheit war das Bekenntnis unter den Habsburgern zehnmal freier als unter den Calvinisten. Darum haben der Kurfürst von Sachsen und die anderen Lutheraner mit weisem Bedacht die Partei des Kaisers ergriffen. Was hat denn auch unser König [Friedrich V. von der Pfalz, Anm.] getan? Er hat Bilder zerstört, das Wohl der Generalstaaten in böhmischem Bier getrunken und mit böhmischen Damen getanzt.

Mögen wir Sieger sein oder Besiegte: unser Los ist schwer. Siegen wir, so steht die lange Reihe derer da, die Friedrich geholfen haben, gierig nach Besitztum und Geld auf unser Kosten. Werden wir besiegt, so kommt über uns der Zorn des schwer beleidigten Kaisers. Was ist auch anderes zu erwarten? Wir haben dem Kaiser genommen, was des Kaisers ist, und was Gottes ist, haben wir dem Türken angeboten."

Entsprechend sah dann 1620 zur entscheidenden Schlacht am Weißen Berg auch die Streitmacht Friedrichs d. V., des "Winterkönigs" - weil er nicht länger regierte - aus, mit der er sein äußerst wohlhabendes Königreich Böhmen verteidigen wollte: fast keine Tschechen fanden sich da, sondern nur Deutsche, Ungarn und Engländer.



*280110*

Dienstag, 12. Januar 2010

Der völlige Auseinanderfall

Man bezeichnet den Barock gerne als letzte gesamteuropäische Kulturepoche. Nun, das stimmt auch wohl.

Aber betrachtet man seine Formensprache genau, so könnte einen der Verdacht beschleichen, daß der Barock - in seinem Explizitmachen, seiner Verbalisierung alles dessen, was zuvor immanent war, in seiner Liebe zu Allegorien - erschreckend deutlicher gesamteuropäischer Ausdruck der Entfesselung alles zuvor Gebundenen, in "intaktem" Zustand also Schweigenden ist.

Aufgestachelt durch die Reformation, in einem Atemzug mit der Gegenreformation ausgeblüht, ließ sich das allem Ganzen innewohnende Immanente plötzlich in seiner Vereinzelung - als Ding, das auch außerhalb seines Sinnbezuges wirken könne - erfassen, begann (und vermutlich, wie nämlich immer, das bereits Fehlende oder Bedrohte) plötzlich zu sprechen. Als Hauch der heraufziehenden Pest, zum tödlichen Keuchhusten gesteigert, wie ihn die Aufklärung sinngemäß bedeutet, die den Hammer der Zertrümmerung darstellt.

Unbedingt dafür spricht, daß nicht nur nach dem Barock Europa definitiv zerfiel, daß mit ihm die Europa noch einen sollende Reichsidee endgültig zerbrochen war (zu Tode gekommen durch ... französische Politik, die nur dadurch Frankreichs Bedeutung erhöhen konnte, daß Europa als Reich unter einer Reichskrone verhindert wurde, fixiert im Westfälischen Frieden 1648) sondern - betrachtet man den französischen Barock als Übersteigerung des Barock, so deutet sich darin sogar bereits die Französische Revolution an: die Explosion des Gefüges.

Und die Entwicklung des Theaters - losgetrennt von allem Kult - als Verbalisierung reiht ihn in kulturelle Gesamtentwicklungen ein, die die Literatur als Ausdünstung geistigen Todes entlarvt.


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Samstag, 19. April 2008

Da verkühlte sich selbst der Winterkönig

Da hat er's dann wohl übertrieben, der "Winterkönig" Friedrich V. von der Pfalz, dieser ehrgeizige Schönling. Den sein Ehrgeiz sogar dazu getriebenhatte, dem Kaiser Opposition zu bieten, und sich mit seiner attraktiven Engländerin als Frau, von den nun protestantischen Böhmen dem Habsburger die Königskrone von Böhmen vor der Nase wegschnappte. Und das wollte was heißen, denn Böhmen war damals einer der reichsten Landstriche Europas. Und Geld hieß Macht weil bezahlte Heere.

Und seine Frau war mit ihm eines Sinnes. Sie befahl, man solle doch den "unsittlichen, nackten Badenden" von der Brücke reißen. Aber damit ging der Reformeifer den Pragern allmählich zu weit. Nun gar den Gekreuzigten so zu entheiligen, dagegen verwahrten sie sich, und den ließen sie sich unter der Androhung bewaffneten Widerstands nicht von der Karlsbrücke reißen.

Schon zuvor aber hatte da Murren begonnen. Als Mägde aus dem Veitsdom und aus der Jesuitenkirche Reliquien eingesammelt hatten, um sie als Brennmaterial zu verwenden. Selbst das Grab des Hl. Wenzel war diesen nicht heilig gewesen und aufgebrochen worden. Endgültig zu weit ging es den Bürgern, als der Bilderstürmerei der Glaubensreformer sämtliche Bildnisse aus den Kirchen zum Opfer fallen sollten. Hus-Tradition hin, Hus-Tradition her, einmal war Schluß.

Dabei trieben's die neuen Herrschaften auch sonst recht seltsam und sogar in unseren Augen "modern", was meist einfach schamlos heißt. So badete der fesche Ludwig gerne nackt in der Moldau. Vor seiner offenbar sinnesfreudigen Holden, und auch vor deren gesamtem weiblichen Hofstaat, gaffende Prager im Hintergrund inklusive. Und diese Offenheit zog sich quer durch alles. Selbst der Hradschin, die Königsresidenz, wurde unbeschränkt öffentlich zugängig gemacht. Wem immer es einfiel,  konnte nun dort ein- und ausgehen, und er wurde sogar bewirtet, wenn es ihn vom Aufstieg auf den Burgberg hungerte und dürstete. 

Und den königlichen Sproß durfte man auch noch knuddeln, wenn es einem danach verlangte. Also das gab's ja wirklich noch nie. Welch Sorglosigkeit, im übrigen, irgend jemanden verleitet haben mochte, heimlich dem Knäblein die wollenen Patscherl auszuziehen, weil er sie offenbar selber gut gebrauchen konnte.

Richtig verscherzt hat Friedrich es sich erst durch andere Neuerungen. Nein, gar nicht so sehr, weil er es nicht schaffte, ein Heer aufzustellen. Das würde Gott schon noch richten. So richtig Unmut hat er erregt, als er die Ratssitzungen um sieben Uhr früh ansetzte. Das war zuviel. Gegen eine derartige Privilegienverletzung protestierten die Prager Edelleute und auf das Allerheftigste. Sie hätten, bitte schön, das hochwohlgeborene und seit ewigen Zeiten angestammte Recht, länger zu schlafen, und das hat auch ein König zu respektieren.

Auch in jemen Herbst, in dem schließlich die katholische Liga mit 25.000 Bayern und noch einmal so vielen Spaniern aus Brabant gen Prag anrückte. Und zwar keineswegs heimlich, sondern mit allem Brimborium und gewaltigstem Tamtam, samt der feurigen, halt typisch jesuitischen Anfeuerungspredigern, die die Moral des je an den Straßenrändern stehenden Volkes stärkten. Was alles zwar niemanden wirklich wunderte, weil es allen für diesen Heerzug perfekt passend schien. Dessen Herr, der Feldherr Tilly, war ohnehin als "der geharnischte Mönch" bekannt. Aber diesmal war es so beeindruckend - man muß sich vorstellen, daß jeder Soldat je nachdem ein, zwei, ja Offizere 10 oder mehr Frauen, Kinder, Diener, Bäcker, Knappen und so weiter bei sich hatte, sodaß es also ein gewaltiger Zug gewesen sein muß, wie er hier wie ja in allen Kriegen dieser Zeit unterwegs war - daß sich im Volk die Meinung bildete, es handele sich um einen kirchlichen Kreuzzug. Und ein bißchen Wahres war da dran.

Die Rücksichtslosigkeit den Edelen gegenüber haben aber die Prager ihrem Winterkönig und seiner englischen Königstochter, die sich beharrlich geweigert hatte, Deutsch zu lernen, weil es ihr zu vulgär (und zu anstrengend) war, nicht vergessen. Sie waren offenbar nachtragend, und haben es dem König samt Zinsen zurückgezahlt, als - und das war unschwer vorherzusehen gewesen - am 8. November 1620 die Schlacht am Weißen Berg verloren ging. Die furchtbar geschlagenen Truppen strömten nun zurück zur Stadt, um sich hinter deren Mauern zu verteidigen. Doch zu ihrem Entsetzen hielten die Prager die Stadttore verschlossen. 

Mehr noch. Die Böhmen, die sich mit einem mal ihrer doch immer schon gehabten Treue zum Kaiser erinnerten, waren jetzt sogar entschlossen, Friedrich und seine Prinzessin an den Bayernherzog Maximilian (dem Friedrichs Heimat, die Pfalz, als Treuelohn versprochen worden war, und seither gehört die auch zu Bayern) auszuliefern, und strömten zur königlichen Burg. 

Im letzten Augenblick gelang den Hoheiten aber noch die Flucht, mit nicht viel mehr bei sich als die Kleider am Leib. Wobei die enttäuschten Turteltäubchen in der gebotenen Eile zwar die Kronjuwelen einpackten (also was halt in die Kleidertaschen paßte), aber das Baby (ohne Patscherl) in seiner Wiege liegen ließen - weil schlicht vergaßen. Aber einer der wenigen mit Friedrich fliehenden Räte nicht, und der schaffte es dann Gott sei Dank, das königliche Kindlein gerade noch rechtzeitig nachzubringen.



*190408*
Glattgestrichen *120322*