Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Thibon (Gustave) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Thibon (Gustave) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. September 2021

Mängel der Genies, der Heiligen usf.

Man diskutiert, um festzustellen, ob sie trotz oder wegen ihrer Mängel groß waren... Als ob diese beiden Dinge in der unteilbaren Ganzheit des Lebens nicht verschmölzen! 
Aber wenn man so diskutiert, stellt man sich ihre Mängel wie Fremdkörper vor, welche durch Zufall in sie eingedrungen wären, nach Art eines Kohlenkörnchens im Auge oder eines Dorns in der Ferse. 
In Wirklichkeit ist ein Mangel durch das Gesamt der Elemente des ihn besitzenden individuellen Systems bedingt, begrenzt und besonders gekennzeichnet. 
In diesem System atmen das Positive und das Negative eins durch das andere: die Mängel eines großen Menschen gleichen nicht denen eines geringeren Menschen: sie sind das Lösegeld und die Ergänzung zu etwas anderem. 
Vermöge des Gesetzes der gegenseitigen Durchdringung, welche jedes organische Ganze regiert, sind die Mängel eines außergewöhnlichen Menschen im Verhältnis zu seinen Qualitäten verteilt und sind mit diesen solidarisch: der Mangel steht in geheimnisvoller Verbindung mit dem Reichtum. 
Das Hindernis ist, ohne deshalb aufzuhören, ein Hindernis zu sein, auch eine Ursache des außergewöhnlichen Werkes: das Hindernis und der Sprung rufen einander wechselseitig, - unsere Lasten sind auch unsere Flügel.*

Gustave Thibon, Aphorismen

Donnerstag, 9. September 2021

Das ewige Rätsel Mensch

Rätsel Mensch. Aus einem winzig kleinen Mißgeschick - die Frau hatte beim Aufstehen vom Stuhl für den Gang aufs Klo meinen Stock umgeworfen - hatte sich binnen weniger Minuten ein wunderbares Gespräch entwickelt. Und während wir die erste halbe Stunde über die Tische hinweg über Gott und die Welt geredet hatten, hatte ich denn doch noch einen Stuhl genommen und mich in die Nähe des Ehepaares aus Bochum gesetzt. 

Selbstverständlich war er Vertriebenennachkomme, der eine Westfälin geheiratet hatte. Ostpreuße wie er im Buche steht, man hört das sofort an der Aussprache, samt auf -ow auslautenden (das ist nicht nur slawischer Art, sondern heißt eigentlich sogar "von". Und erinnert darin an früher, ganz früher, denn da war eben der Mensch noch Adeliger, jeder, vom Paradies her, denn der Mensch ist König, wie + Hl. Johannes Paul II. es in zahlreichen Büchern schrieb, und das Neue Testament ständig sagt). Familiennamen, und eine gute Stunde lang fanden wir uns in einem Einmut, der mich weniger, sie aber ordentlich überraschte, ja verblüffte.

Wir hatten einfach nur übers Leben gesprochen.

Donnerstag, 26. August 2021

Gedankensplitter (1201)

Es hat etwas von Peinlichkeit, aber von einer Peinlichkeit die uns verordnet ist, zu sehen, daß so häufig Kinder roter Eltern, die gar noch mit einer Karriere im Beamtenstand zu Ansehen und vor allem Wohlstand gekommen sind, nach Absolvierung ehrgeizigster Studiengänge, samt Auslandsaufenthalten und Praktika bei Google, daß also solche, Hervorkömmlinge also später in Stellungen und Berufe kommen, in denen sie zwar genauso wie die Eltern abseits stehen, aber von dort der Welt sagen, wo es lang zu gehen hat.

Nämlich in einem liberalistischen Kapitalismus, der am Reißbrett entworfen eine Freiheit fordert, die in Wahrheit der Aufruf zu perfidester Skrupellosigkeit ist. In der die Mittel gleichgültig sind, mit denen man "nach oben" kommt, und deren Weg immer mit Leichen gepflastert ist. 

Die eine Grammatik vorschreiben wollen - und mit Haken und Ösen und der ganzen Schläue blinden Ehrgeizes darum kämpfen, daß diese von der Politik auch zum Programm gemacht wird - die noch nie die Luft der wirklichen Welt geatmet hat. Aber mit cleverer Rhetorik der Menschheit erklären will, wie die Dinge zu laufen hätten, damit alles "gut" würde. Rezepte, an die sie in keinem Moment wirklich glauben. Schon gar, weil sie sich in keinem Moment als Maßstab ihres eigenen Lebens beweisen haben müssen.

Mittwoch, 25. August 2021

Übel ohne Ausweg

"Was haben wir gewonnen? Die Übel der Vergangenheit waren notwendig, sie erneuerten, sie befreiten irgend etwas, sie hatten einen Ausgang, sie glichen den Schmerzen der Geburt. Wir haben an ihre Stelle künstliche Übel gesetzt - ohne Notwendigkeit und dadurch ohne Ausgang. 
Die Kriege der Vergangenheit hatten etwas von der Furchtbarkeit des mütterlichen Widerstreites Herakliths, die von heute schaffen nur Besiegte; statt des Mangels ist es der Überfluß, der den Hunger hervorbringt; kraft "Hygiene" und giftiger Mittel hat man die ansteckenden Krankheiten, welche reinigten, durch die krankhaften Zustände der Entartung ersetzt, welche ohne Widerruf verzehren. 
Das Übel war ein Engpaß, wir haben eine Sackgasse aus ihm gemacht. Wo ist der Gewinn?"

Gustave Thibon, Aphorismen


Sonntag, 25. Juli 2021

Die vorgeschriebene Lieblosigkeit

Im Feminismus wurde das Bild der Frau dermaßen verwirrt, verzerrt, bis zum völligen Abtauchen vernebelt, daß jeder, der sein Wesensbild aus der Erfahrung nimmt etwas ganz Seltsames erleben wird: Daß sein originäres Urteil (das im übrigen mit dem Urteil der Jahrtausende übereinstimmt) als "frauenfeindlich", ja er selbst sogar als "Frauenhasser" verdammt wird. 

Selbst die Frauen sind dieser Groteske bereits aufgesessen, und liefern ein bedauernswertes Bild ab. Auch dort, wo sich der Bezug auf die Natur in "überlieferten Wesensbildern" den Weg für dieses erfahrensbasierte, traditionelle Frauenbild freizumachen vorgibt, ist das mangels lebendiger Nahrung, von der sie sich durch die Ideologie selbst ausgesperrt haben, erstarrt. Das solcherart bewußte Wollen, das das Insgesamt des Alltags in Einzelhandlungen fragmentiert, die "fraulich" sind, wendet in Wahrheit die formal verdammten ideologischen Schemata zur Analyse der eigenen Seelenbewegungen an. Und führt deshalb ins Nichts, und zu Widersprüchen, die vor allem im drängenden Fall einer Krise etwa zu falschen Urteilen und Entscheidungen führen.

Dienstag, 20. Juli 2021

Über die Liebe der Frau (2)

Liebe hat Gründe - Lieben läßt sich nur das Geachtete - Was aber, wenn das Geliebte nicht geachtet werden darf?

*Wobei wir an dieser Stelle darauf hinweisen wollen, daß es keine Liebe "ohne Grund" gibt! Diese reine "abstrakte" Liebe gibt es nicht, sie hat immer einen realen Untergrund, eine Schicksalsfügung, in der zwei Menschen etwas "füreinander" sein können. DAS ist es, was sich sucht, was ist, was man empfindet, wenn man "den/die Bestimmte(n)" trifft, ohne damit sagen zu wollen, daß das "nur einer" sein könne. Ja, es hat sogar Bedingungen, die mit der Lebensphase, die man im Altern durchschreitet, Veränderungen unterworfen sind.

Aber: Liebende "ahnen", was sie einander sein können, und (sic!) sie "erwählen" einander, was immer ein Schritt über das Vorhandene hinaus, also eine mögliche "Aufgabe" ist. Niemals aber ist das zu denken ohne die konkrete Person, als wäre ein Zueinander ein technisches Apparatum. Es heißt somit "ich liebe Dich, WEIL du mir das und das bist ...", ja, aber es heißt gleichermaßen "ich liebe dich, weil DU es mir schenkst."

²Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem aller Reflexion über die Liebe die Besinnung auf die sittliche Pflicht vorangestellt werden muß, sich selbst zu achten. Und zwar genau NICHT in dem, was ich "bin", sondern in dem, was ich vor Gott bin als "zu sein habe". Mangel an Selbstachtung ist ein Laster, eine Frucht der Acedia (Melancholie), und keine Wunde, die andere geschlagen haben!

Mangel an Selbstachtung ist immer ein Mangel an Achtung FÜR DEN ANDEREN.

Montag, 19. Juli 2021

Über die Liebe der Frau (1)

Daß Frauen dazu neigen - und wie! - ihr Seelenleben, ihre Motive, ihre Ziele und Vorstellungen als höchst kompliziert darzustellen, liegt daran, daß sie ihre Einfachheit zu verbergen suchen. Die in dem bloßen Verlangen nach Hingabe, in der Forderung an den Mann, diese Hingabe anzunehmen, ja sich zu nehmen, einer ungeheuren Verletzbarkeit ausgesetzt ist. Sodaß sie sich schützen wollen.

Zumalen diese Hingabe mit einer Forderung verknüpft ist, und zwar dem Wesen nach: Nicht nur nämlich, EINEM anzugehören, und DIESEM EINEN ALLES zu sein. 

Diese Selbstsucht, die eine Form des Geizes und der Gier der Habsucht ist, ist ihre Art der Selbstsucht, die unrealistisch und gefährlich ist. Sich von ihr zu reinigen ist ebenso geboten, wie sich der Mann von seiner Art der Selbstsucht reinigen muß. In der er undifferenziert nimmt, was ihm angeboten wird. Er muß somit eine Treue und Einzelzugehörigkeit lernen, die freilich der Frau wesenhaft ist.

Die Liebe ist rein, schreibt Thibon, wenn ihr Durst nach dem Glück vor der Leidenschaft nach dem Einssein zurücktritt. Daß hierin die Frau "keine Moral" kennt, ist - oh Quäkerseele, verschließe Dein Schandmaul - ihr wesensgemäß. Denn ihre Erfüllung ist die Hingabe, die nicht nach Kriterien fragt. Die Frau kann also jeden lieben, und sie fragt nicht mehr weiter.* Auch nicht nach Moral, denn Moral ist eine Sache des Mannes. 

Er ist es, dem das Gesicht nach außen ein erstes Anliegen ist, etwas das ihr (vom Wesen her, nicht nach dessen Verbildungen, wie sie die Gegenwart zeitigt) völlig gleichgültig ist. Was dennoch beiden eigen ist, ist die wohl schönste Eigenschaft einer Liebe zweier Menschen, und das ist die der Verschmelzung zweier Schicksale zu einem. Zwei Liebende sind keine Summe, sondern ihr Einssein bildet eine neue, unvorhergesehene Wirklichkeit, die sich in dem Maß realisiert, als beide über das Nichts des Sterbens der Selbstlosigkeit, das darin liegt, wenn man dem anderen gehört. Es bedeutet erst jene Öffnung für das Geschenkhafte, das der höhere Sinn ihrer Liebe ist und beide - in ihrer jeweiligen Eigenart - zu neuen Menschen macht.

Insofern ist EIN Merkmal der Liebe doch konstatierbar. Es ist das der Achtung. Denn man kann nur lieben, was man auch achtet. Daß man dann der Welt auch diese Achtung abverlangt ist der sicherste Aufweis der Fügung, von der oben die Rede ist. Denn im anderen werde ich insofern geachtet, als das was jemand für mich ist als "ich selbst" geachtet werden muß.²

Freitag, 16. Juli 2021

Das Wissen der Liebe

Heidnische und christliche Geschlechtlichkeit. - Von Catul bis Pierre Louys erblickt die heidnische Liebe die Seele in der Frau durch den Leib. Die christliche Liebe dagegen betrachtet und liebt den Leib durch die Seele. 

Die erstere verkleinert die Seele nach dem Maße des hinfälligen, sterbenden Fleisches - all ihr Klagen über die enttäuschende Kürze der Liebe und des Glücks hat keinen andern Sinn; die letztere erweitert, verewigt das Fleisch nach dem Maße der Seele - Dogma von der Auferstehung des Fleisches!

Wer schätzt folglich das Fleisch höher, derjenige, der ihm alles preisgibt, selbst den Geist, oder derjenige, der es mit der ewigen Reinheit des Geistes vermählt?

***
Zweifache Quelle der Trunkenheit. - Die Trunkenheit, die nicht lügt, ist nicht jene, die von den Lippen ins Herz hinabsteigt, sondern jene, die sich vom Herzen zu den Lippen erhebt. In einem Epigramm aus dem 18. Jahrhundert steht unter einer Darstellung des Liebesgottes der folgende Schlußvers:
 
"Und ich sterbe durch den Genuß."

Dieser banale Ausspruch erscheint heute tiefsinnig. In unserer Zeit einfältiger und hinfälliger Überschätzung der Wollust (ich sage nicht der Wollust an sich, sondern jenes üblen, armseligen Zerrbilds geschlechtlicher Erfüllung, die der moderne Mensch als Wollust beweihräuchert) stellt man gerne fest, wie gut man zu Voltaires Zeit noch wußte, daß es tödliche Vergnügen gibt.