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Mittwoch, 23. November 2022

Wo der Sinn liegt, liegt das Leben (2)

Wer zu retten versucht, wird verlieren - Wenn wir heute feststellen, daß die Geburtenzahlen im Westen dramatisch zurückgegangen sind, wenn wir feststellen, daß der Pessimismus in unseren Bevölkerungen kaum noch überbietbar schient, wenn die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch zu stehen schient, wenn Tag für Tag neue Ängste und Bedrohungen an die Wand gemalt werden, vor denen wir uns zu fürchten hätten, sodaß wir um alles in der Welt doch bitte den Plänen und Anleitungen der Obergescheiten und Mächtigen folgen sollen, 

weil nur die uns RETTEN können, wenn wir immer unübersehbarer feststellen müssen, daß die gerde erst vergangenen Weltrettung als Rettung vor einem "Virus" (all die Lockdowns, die Masken, die Verhaltenszwänge, die Impfungen und so weiter) oder vom "Klima" weit größere Schäden angerichtet hat, als die Gefahr (hätte es sie je gegeben, das ist ja bis heute nicht "beweisbar") angerichtet hätte, wenn wir feststellen, daß wir nahtlos von der einen "Katastrophe" in die nächste geführt worden sind, in der nun ein Krieg von uns entschieden werden soll (auf den ich nun gar nicht näher eingehen möchte), der unsere Gesellschaftssysteme weit mehr devastiert, als und das noch bewußt ist, wenn also alles das ...

Dienstag, 22. November 2022

Wo der Sinn liegt, liegt das Leben (1)

Wieder einmal bin ich an dem Punkt angelagt, mich zu fragen, wie es mit diesem Blog weitergehen soll; worum es gehen soll, wenn ich es weiterführe. Gerade der Abschluß des Jahres (der mit dem Christkönigssonntag begangen wird) konfrontiert mich erneut mit der Frage, was denn das wirklich Wirkliche ist, um das es geht. Das zu suchen war immer das, worum es mir ging. Und jeder Halbschritt, jedes Schürfen ließ mich noch mehr an die Tatsache stoßen, daß es noch tiefer, noch weiter zu gehen habe. Daß alles das nur Vorstadien sind, die ich da zutage fördere.

Zugleich wird die Einsicht immer stärker, daß wir uns (auch an dieser Stelle noch immer) zu sehr wie Zuschauer verhalten, die in der Pause eines Stücks, bei Sekt, Cola und ein paar Häppchen, den Raum mit Geplappere füllen, wie es auf der Bühne weitergehen wird. So dicht ist diese Atmosphäre, daß wir aus dem Theater gar nicht mehr hinausgehen wollen, und uns dort schon regelrecht eingerichtet haben, von Pause zu Pause leben, um uns zu laben, und so zu tun, als wäre das, was wir tun Leben, Gespräch, Kommuniktion, und vor allem - der Sinn unseres eigenen Lebens.

Sonntag, 2. Oktober 2022

Gefangen im Archetyp (2)

Was es deshalb zu unterscheiden gilt, will man Trost findenDenn auch in dem, was sich im Osten bildet - das SCO Shanghai Cooperation Organisatoin - haben wir (analog zum Westen, wo es die USA ist) einen klaren Führer, und der ist China. Auch wenn sich von China aus ein scheinbar für sich wertvolles Verkehrsnetz, Energieversorgungsnetz, Produktions- und Konsumnetz ausbreitet, so hat es ein Zentrum, und das ist Peking. Natürlich NOCH sind alle "frei", die sich daran beteiligen. 

Aber mit der Zeit, mittel-, lanfristig, wird sich ein einziger Organismus herausbilden, so wie es mit der EU und seinem eigentlichen Grund, der NATO, geschehen ist und geschieht. Es ist doch eine Illusion zu meinenn, es gäbe ein "freies Nebeneinander", das sich nur dort berührt, wo man gerade mal ein wenig Handel betreibt, oder Produkt-Wertschöpfungsketten aufbaut, and enen mehrere Staaten beteiligt sind. 

Man sollte nicht vergessen, daß jeder historische Kolonialismus seinen ersten Grund in der Pollitisierung vorerst aber nur wirtschaftlicher Netze hat. Weshalb die Rede von der Globalisierung als Grundlage des Friedens in jeder Weise sinnentleertes Gequatsche war - wir erlebgen es ja gerde.

Donnerstag, 29. September 2022

Gefangen im Archetyp (1)

Durch den Ukrainekrieg werden unsere Gesellschaften gespalten, wer wollte das bestreiten. Aber wodurch? Durch eine wie auch immer motivierte Identifikation mit iener der beiden Seiten, mit der Ukraine, mit Rußland. Die Reaktion und (eigentlich war es sogar nur eine solche, denn die Seite der Reaktion könnte man durchaus Rußland zuweisen) Aktion des Westen hat ganz offensichtlich voll willentlich und bewußt eine Abwendung Rußlands hier, und eine Zuwendung zum chinesischen Volk und System bewirkt. Mehr - von Anfang an bewirken SOLLTE. Samt em Glauben, der uns "Putin-Verstehern" aufgekitzelt wurde, die USA wären zu blöde, um das noch zu begreifen.

Ein Volk, das in den letzten Jahren durch ein sogenanntes "social credit system", das auf der Totalüberwachung und Steuerung der Bevölkerung (un zwar jedes einzelnen) durch Algorithmen und Künstlicher Intelligenz beruht,

Dienstag, 14. Juni 2022

Der Weise, der schon 1998 alles kommen sah (2)

Kurz und gut: Alexander Solschenizyns 1998 veröffentlichtes Buch "Rußland im Absturz" wirkt wie eine Brücke zur unmittelbaren Gegenwart. Gerade WEIL der Autor Vladimir Putin noch nicht kannte, und dieser noch nicht einmal am Radarschirm der Öffentlichkeit aufschien. 

Denn alle die Konzepte, die der vom Sowjetsystem so schwer bedrängte, schließlich ausgebürgerte Russe, alles das was zu fehlen schien, dürfte zu einem hohen Prozentsatz auf wunderbare Weise doch noch ihren Vertreter gefunden worden sein. 

Nicht, daß wir damit Putin verherrlichen wollen. Aber war ich bei aller persönlicher Sympathie für den Typ doch noch recht zurückhaltend, ja aus Verstandesgründen gar ablehnend ihm gegenüber geblieben, so könnte sich meine Haltung zu ihn korrigiert haben.

Montag, 13. Juni 2022

Der Weise, der schon 1998 alles kommen sah (1)

Lange schon lag das Buch auf meinem (dritten) Stapel, irgendwann wollte ich Alexander Solschenizyns "Rußland im Absturz", das ich 1999 erworben und ungefähr zu dem Zeitpunkt auch gelesen hatte, wieder überfliegen umzu sehen, was ich alles nicht bemerkt und übersehen hatte. Kurz - ich habe es vollständig noch einmnal gelesen, und zwar unter so neuem Licht, daß es mir ein ganz neues Buch wurde.

Ein Buch von dem ich sage, daß man es gelesen haben MUSZ, will man über Rußland überhaupt etwas sagen. Denn Solschenziyn hat dieses mehr als besorgte Fazit aus vier Jahren Reisetätigkeit, tausenden Gespräche, hunderten und aberhunderten Korrespondenzen und an die siebenhundert Besuchen vor Ort nicht nur geschrieben ,um den Fingr auf offene Wunden zu legen und zu erklären, was sich in Rußland nach der Gortbatschowschen Wende 1990 abgespielt hat. Um so den irrwitzigen Zustand des Landes zu erklären, das in den Augen vieler unrettbar zerrüttet war.

Schon 1998 (sic!) hat Solschenizyn aber auch die Wurzeln zuklünftiger Konflikte benannt weil erkannt. So auch den heutigen Krieg in der Ukraine, der bereits 1922 von Lenin angelegt worden ist. Der in typisch marxistischem Größenwahn willkürliche Landesgrenzen gezogen hat, die im vormaligen Zarenreich keinerlei historische und ethnische und damit kulturelle Grenzen berücksichtigt haben.  

Dienstag, 9. Juni 2020

Der Beginn des Weges zum Ende (2)

Teil 2) als Fortführung der Anmerkung - 

Warum der Beginn der wissenschaftlichen Weltanschauung 

das Ende allen Wissens ist


Das alles ist prinzipiell aber noch ein völlig normales, natürliches Geschehen! Weil Wissen, das ein geglaubtes Wahrsein ist, immer an Hierarchie und Autorität, weil an persönliche Übermittlung, an Offenbarung und Glaubwürdigkeit gebunden ist. 

Die Theorien über "Massenpsychologie" usw. usf. versagen in diesem Punkt sämtlich, weil sie einem falschen, nicht erhellten Menschenbild folgen. Zum Gegenteil, wird der Ausweis, "nicht vermasst" zu sein, sogar noch zu einem irrationalen, rein emotional verankerten (erkennbar daran, daß er benutzt wird) Wirkfaktor der Selbstabschließung, als der selbst verhängten Ausschließung der Wahrheitsfindung als Teilhabe an ihr in interpersonalen Prozessen.
Wahrheit beziehungsweise deren Findung ist immer ein Prozeß des Zeugens und Empfangens, weil jedes Begegnen von Menschen der Grammatik der Begegnung von Mann und Frau folgt. Wobei die Verteilung der Rollen in einem Gespräch in gewisser Weise auch wechseln kann, ja praktisch immer wechselt. Die Ebenen innerhalb einer allerdings die Begegnung im Ganzen umgreifenden und bestimmenden Hierarchie sind komplex und abgestuft.
Immer aber ist Wahrheit ein "Ort", den beide Dialogpartner betreten, und der die Teilnehmenden charakterisiert, sofern sie das zulassen wollen zum Guten, sofern sie es verweigern auf komplexe, aber andere, in jedem Fall reaktive Weise. Jeder Mensch steht prinzipiell der Wahrheit selbst in der Charakteristik eines Empfangendes gegenüber einem Spendenden.
Und hier wird vielleicht verstehbarer, wenn es denn heißt, daß die Wahrheit Person, und welthaft (als "in" der Welt wie "Welt schaffend") in der Person der inkarnierten Person im dreipersönlich-dreifaltigen Gott - Jesus Christus - ist. 
Aber daß die Menschen so nach Gallionsfiguren hecheln, wie wir es heute beobachten, ist nicht prinzipiell "falsch" oder "schwach". Sondern folgt prinzipiell, also dem menschlichen Wesen entsprechend, einer wahren, richtigen, natürlichen, also gottgewollten und -geschaffenen Wesensgrammatik. 

Eine Suche, die freilich unter diesen Voraussetzungen der Spaltung von offiziellem Narrativ und absoluter Wahrheit (noch dazu unter der Bedingung, daß eine "gewählte" Regierung niemals im Absoluten verankert ist, und deshalb niemals legitim ist) immer unbefriedigend endet, also rastlos wird weil werden muß.
Das ist der Beginn des Fanatismus als Generalzustand einer Gesellschaft. Denn nur noch die subjektive Anschauung, das "Gewußte", vermag im Sein zu verankern. Jeder wird zu dem, was er "weiß", das wiederum das ist, was er JEMANDEM glaubt.
Jeder bezieht sich somit zwar auf Personen als autoritative Quellen, aber es gibt keinen offiziellen (weil im absoluten verankerten) Legitimitätsausweis, es gibt keine offizielle Hierarchie der Wahrheiten hin zur einen, alles umfassenden und einenden Wahrheit. Mehr. Denn das ist immer die Aufgabe der Religion, diese Hierarchie zu schaffen.

Das zu umgehen war aber aller Sinn des Strebens, das im Wesen immer auf dem Boden der Rebellion von Menschen aufgerichtet ist, die Kirche aus dem öffentlichen Leben und hierarchischen Gefüge mehr und mehr auszuschalten. Wie es erstmals in Luther so konkrete Gestalt annahm und in der Aufklärung zum säkularisierten, zivilen Ziel wurde.
Bis zum grotesken Leitspruch einer angeblich der Wahrheit dienlichen "Trennung von Kirche und Staat." Damit hat man die Logik der Welt aber völlig aus dem göttlichen Plan herausgeschält. Und damit ist die Welt sogar aus der Erkennbarkeit herausgefallen. Der angebliche Beginn der Wissenschaft als neuer Autorität ist also in Wahrheit das Ende allen Wissens. 
Wie in einem Kartenspiel gleichen heute somit Gespräche, die an und für sich dem Herausschälen der Wahrheit in der Rhetorik und Dramatik der Begegnung von Menschen (als jeweiliges "Du") dienen sollten, oft nur noch dem Ausspielen von subjektiv hochgehaltenen Trumpfen, in der Hoffnung, daß das eigene sticht. Trumpfe, denen aber das Entscheidende fehlt: Die Legitimität, die Legitimisierung durch das Absolute, dem als Repräsentanz eine Regierung noch am nächsten kommt. Die aber nur von Gott kommen kann.

Die Menschheit ist ab dem Punkt rettungslos verloren, an dem die Präsenz Gottes im Fleisch (und das ist die Kirche) verloren geht. Ab da ist sie sich selbst und damit der völligen Ungewißheit überlassen. Mit allen Dynamiken, die oben angedeutet wurden.



*200520*

Montag, 8. Juni 2020

Der Beginn des Weges zum Ende (1)

Alexander Solschenizyn schreibt in einem Tweet aus diesen Tagen, daß lange vor Hitler Josef Stalin auf die Idee gekommen ist, jeweils von bestimmten Menschengruppen zu verlangen, daß sie aufs Amt zu kommen hätten, um sich dort registrieren zu lassen. 

Jeden Ortswechsel mußten sie fortan bei sonstiger Strafe bekanntgeben. Die Menschen taten es, denn es schien völlig harmlos. Vom Rest der Bevölkerung wurde es deshalb begrüßt, weil sie der Propaganda glaubte, daß dies der Sicherheit des sozialen Fortschritts diente. Vor manchen Gruppen mußte man der Volksüberzeugung nach "tatsächlich" Angst haben. 

Die Menschen meinten lange, daß das "nur die anderen" beträfe, und schwiegen darüber. So manchem wünschten sie es ja ohnehin. Selbst die Betroffenen hielten sich für Einzelfälle weil Angehörige einer "Risikogruppe"! Damit aber fiel niemandem auf, daß es bald alle betraf, sodaß sich niemand mehr sicher sein konnte, daß er nicht eines Tages abgeholt werden würde. Soll heißen: Nachts, in der Dunkelheit. Denn auch diese fehlende Sichtbarkeit war Bestandteil der Taktik der Verhinderung von Informiertheit und der Gewißheit von Wissen, alles blieb auf der Ebene von Gerüchten.*

Dies war aber der erste Schritt, schreibt Solschenizyn schon in "Archipel GULAG", um fortan auf Knopfdruck (also Erlaß, wozu eine handschriftliche Kurznotiz von Stalin auf einen Schmierzettel genügte) ganze Bevölkerungsgruppen verschwinden zu lassen. Indem man sie erst aus dem öffentlichen und sozialen Leben ausschloß, um sie geräuschlos im System GULAG verschwinden lassen zu können. 

Besser kann man eine Corona-App nicht charakterisieren, die alte Wünsche mit den gigantischen Möglichkeiten der Gegenwart verwirklicht. Auch da beginnt es mit der "harmlosen" (weil der "Sicherheit dienlichen") permanenten Registrierung des Ortes, an dem sich eine Person aufhält. 

Die unter dem Argument Sicherheit (=Gesundheit) von einem erschütternd hohen Prozentsatz der Bevölkerungen weltweit gutgeheißen wird. Untersuchungen gehen von über 50 Prozent Zustimmung zu einem "social credit"-System wie in China aus. Zeigen zugleich aber auch, wie wenig die Menschen davon wissen. Das Nebelwort Sicherheit als Wunsch und Verheißung genügt.



*Heute ist das die Ebene der "Verschwörungstheoretiker" und Verschwörungstheorien. Offiziell verbreitete Informationen widersprechen der Wahrnehmung des Einzelnen. Also sucht der nun nach alternativen Quellen (Medien), um sich einen Reim auf das Geschehen zu machen. Plausiblere Information hat so jedoch nie den Stempel gesicherten Wissens des offiziellen, allgemeinen Narrativs, sondern bleibt dem subjektiven Spekulieren der Menschen überlassen. Belastet mit dem offiziell verbreiteten Ruf, daß alternative Sichtweisen lächerliche Verschwörungstheorien seien, breitet sich allgemeine Verunsicherung aus.

Damit hat die "Stunde der Gurus" geschlagen. Die wie Ratten aus allen Löchern kommen und in ihrer Qualifizierung und Legitimität für die allermeisten Menschen fast ununterscheidbar werden. Ihr einziges Kriterium bleiben noch Stichwörter, und dieses "Triggering" ist die einfachste Methode des Ausweises von "Wahrheit".

Morgen Teil 2) als Fortführung der Anmerkung - 
Warum der Beginn der wissenschaftlichen Weltanschauung 
das Ende allen Wissens ist



*150520*

Freitag, 10. April 2020

Dreimaliger Verrat

Dreimal, schreibt Solschenizyn im Archipel GULAG, für das er - sicher auch aus politischen Gründen im Kalten Krieg, denn heute ist Solschenizyn den Anti-Kommunisten von damals, also den Gutmenschen von heute, wohl eher peinlich - den Literaturnobelpreis erhielt, dreimal sind die russischen Soldaten im und nach dem Zweiten Weltkrieg verraten worden. 

Einmal, weil man sie ohne ausreichende Ausrüstung und mit einer desaströsen Führung in den Krieg schickte, wo sie millionenfach sinnlos verbluteten oder zu Millionen in die Gefangenschaft gingen. 

Zweimal, weil sich die Sowjetunion weigerte, das Kriegsgefangenenmemorandum von Genf zu unterschreiben. Welches die Regelung enthielt, daß im Kriegsfall Kriegsgefangene erstens von den Siegern ähnlich gut zu versorgen waren wie die eigenen Soldaten, zweitens mußte gestattet werden, daß Kriegsgefangene von der Heimat und von internationalen Hilfsorganisationen (wie dem Roten Kreuz) mit Hilfsgütern versorgt werden durften. Was in deutschen Kriegsgefangenenlagern unter inhaftierten Engländern und Franzosen manchmal zur grotesken Situation führte, daß diese die Versorgung durch deutsche Lagerhaltung verweigerte, weil sie sich aus Hilfsgütern besser versorgen konnten. Die UdSSR hatte das alles verweigert, weil sie verhindern wollte, daß Truppen vorzeitig den Kampf aufgaben, und das "Paradies" der Gefangenschaft dem Elend in den Schützengräben oder dem Tod fürs Vaterland vorzogen.

Zum dritten Mal wurden sie dann verraten, weil sie bei der Heimkehr nach Rußland praktisch ohne den Zug zu wechseln sofort in Straflager nach Sibirien weitergeschickt wurden. In dem letztlich jeder Ideologie eigenen System der Paranoia, wo jedes Kennenlernen eines "anderen", eines alternativen Lebens, schon gar eines Lebens mit "mehr Freiheit", zur substantiellen Bedrohung des notwendigen "treuen" Glaubens an das eigene Aufbauprojekt wird, war jeder, aber wirklich jeder, der mit dem Westen Kontakt bekommen hatte, zur Gefahr erklärt. Das traf auch für die Millionen sowjetischer Kriegsgefangener zu, die im Zuge des Zusammenbruchs des Dritten Reiches aus deren Lagern befreit wurden. Meist sogar von den westlichen Alliierten! Die aber nun - eiderdautz! - dem Genossen Stalin, mit dem man (und dabei vor allem Roosevelt) sich's keineswegs verscherzen wollte, diese Millionen Soldaten kurzerhand geschlossen auslieferte. Und das obwohl man um die wahre Natur des Sowjetregimes wußte. 

Erschütternd manche Berichte, in denen sich sowjetische Soldaten (oder ganze Völker, wie die Kosaken 1945 in ihrem Lager in Kärnten) vor der "Rückkehr in ihre Heimat" zur Wehr setzten. 

Erschütternd, noch mehr tragisch aber auch die Freude und Ergebenheit so vieler russischer Soldaten, die trotz des Wissens um ihr künftiges Schicksal die Rückkehr in die Heimat wählten. So ist er, der russische Mensch, schreibt Solschenizyn, er zieht alles, auch den größten Schrecken vor, wenn er nur in der geliebten Heimat sein kann. Dort hat alles dann eben schicksalshaften, ja gottgewollten Charakter, den man vertrauensvoll hinnimmt. Aber kein Russe, der ein solcher ist, zieht die Entwurzelung vor, weil er sich irgendwelche scheinbaren Lebensvorteile verspricht. Was sind die wert ohne Heimat, ohne Teil des eigenen Volkes und seiner Kultur zu sein?
Kein schlimmeres Übel als die Ortslosigkeit! Kein größeres Elend als das Fehlen des Sinns, der sich erst aus der Zugehörigkeit zu einem Ort erschließt.







Sonntag, 29. März 2020

Es geht um Rechtfertigung

Nein, es gibt ihn nicht [den reinen, klaren, eindeutigen Bösewicht; Anm.]! Nicht so! Um Böses zu tun muß der Mensch es zuallererst als Gutes begreifen oder als bewußte, gesetzmäßige Tat. 

So ist, zum Glück, die Natur des Menschen beschaffen, daß er für seine Handlungen eine Rechtfertigung suchen muß.

Noch alle Shakespeare'schen Bösewichter zerbrachen nach einer Zeit, an ihrem Gewissen, an zwölf Toten. Dann war ihre Geisteskraft und ihre Phantasie am Ende. Es fehlte ihnen etwas. Was?


Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtfertigung und dem Bösewicht die nötige zähe Härte gibt. Jene gesellschaftliche Theorie, die ihm hilft, seine Tage vor sich und vor den anderen reinzuwaschen, nicht Vorwürfe zu hören, nicht Verwünschungen, sondern Huldigungen und Lob.

So stärkten sich die Inquisitoren am Christentum, die Eroberer an der Erhöhung der Heimat, die Kolonisatoren an der Zivilisation, die Nationalsozialisten an der Rasse, die Jakobiner (die früheren und die späteren) an der Gleichheit, an der Brüderlichkeit und am Glück der künftigen Generationen.

A. Solschenizyn in "Archipel GULAG"



Mittwoch, 25. März 2020

Neulich unter Stalin (4)

Erst als Alexander Solschenizyn auf der Gefängnispritsche lag, hat er über diese seine Vergangenheit nachgedacht, über seine Offizierslaufbahn in der Roten Armee. Und sich an die Grauen der ersten Jahre seiner eigenen Ausbildung erinnert, an die Erlebnisse mit schikanierenden Vorgesetzten, mit Menschen, die seiner nicht würdig waren, wie er damals, als Leidender, zu erkennen meinte. Aber dann kamen die Sterne aufs Schulterstück, einer, zwei, drei, vier, fünf, und plötzlich war alles Schlimme ... vergessen.

Und er erinnert sich an jene 'glücklichen' Jahre als Offizier. An den Moment, wo er einfach begann, die "Freude des Moments" zu genießen, in diesem "einfach so leben", einfach dazugehören. Wo er Offizier unter Offizieren war, und nicht nachdenken mußte. Auch er erlebte die Freude, zu einer Art zu gehören, zu leben wie alle lebten, sich darein einzufügen, wie es halt Brauch war.  Wo der zufriedene Augenblick manche Erinnerung auszulöschen schien.
Die Freude, manche seelische Finesse zu vergessen, die man von Kind an in mir gepflegt.
[Dabei - wie war er selbst als junger Soldat sinnlos, auch mit Schlafentzug, geschunden worden! Aber sieh da ...] Endlich hatten wir die Würfel am Kragen! Und es war noch kein Monat vergangen, da ließ ich, als ich im Hinterland eine Batterie formierte, den Soldatenjungen Berbenjow wegen einer Unachtsamkeit zur Schlafenszeit vom widerspenstigen Sergeanten Metlin schleifen ... (Ich habe es VERGESSEN, habe es in all den Jahren aufrichtig vergessen! Jetzt beim Schreiben kommt mir die Erinnerung ...) Und ein alter Oberst, der gerade Revision hielt, ließ mich zu sich kommen und redete mir ins Gewissen. Ich aber (nach der Universität, wohlgemerkt!) rechtfertigte mich damit, daß man es uns in der Schule so beigebracht hat. Das heißt also: Wozu das Alle-Menschen-sind-Brüder, wenn wir in der Armee sind?
Es setzt das Herz den Stolz an wie das Schwein den Speck.
Und er erinnert sich, wie er seine Untergebenen geschunden, sinnlose Befehle gegeben, die manchem sogar das Leben gekostet hatten, oft sogar nur, um seinen Vorgesetzten zu genügen. Wie er respektlos und gierig gewesen war, wie er Vorteile ausgekostet und sogar ausgeschlachtet hatte, wie sie das Offiziersdasein eben gewährte.
Das alles machen die Achselstücke aus einem Menschen. Und wo sind nur Großmutters Unterweisungen vor der Ikone geblieben! Und wo die Träume des kleinen Pioniers über das künftige Reich der Gleichheit!
Und als mir die 'Smersch'-Leute beim Brigadekommandant damals diese verfluchten Achselstücke samt der Koppel herunter rissen und mich vor sich her schoben zu ihrem Auto, da war ich angesichts dieses Trümmerhaufens meines Daseins auch noch dadurch zutiefst betroffen, daß ich nun in solch' degradiertem Zustand durchs Zimmer der Telefonisten gehen sollte, o Schreck, daß mich Gemeine in diesem Aufzug sahen! 

Am darauffolgenden Tag begann mein Fußmarsch in Richtung Sibirien.

 Wird fortgesetzt

Sonntag, 22. März 2020

Neulich unter Stalin (3)

Aber wäre er nicht auch fähig gewesen zu einem jener Monster zu werden, wie sie Merkmal des Systems waren? Solschenizyn stellt sich die Frage, und er, der viele Jahre das System GULAG durchmessen hat, der es von allen Seiten kennt, kann diese Frage nicht beantworten. Es wäre möglich gewesen, schreibt er stattdessen, und er könnte nicht sagen, was ihn davon abgehalten hat, NICHT in den NKWD einzutreten, nicht einer der Schergen zu werden.

Woher kam sie überhaupt, diese Wolfsbrut im russischen Volk? Ist sie nicht von unserem Stamm, von unserem Blut? Es ist eine grausige Frage: Wäre aus mir ein gleicher Henker geworden, wenn das Leben ein bißchen anders gelaufen wäre?

Denn sie waren als Studenten, als Jugendliche unfaßbar naiv, und voller Hoffnung auf die versprochene, leuchtende Zukunft der Sowjetunion. Sie liefen eben am Tag, mit ihren Fahnen und Parolen der strahlenden Welt des Sozialismus. Die Schergen aber arbeiteten, die Gefängniswagen fuhren in der Nacht.

Und ein Vierteljahrhundert später, hätte man da nicht sagen können: Jetzt aber, jetzt hat man das System durchschaut, von der Folter erfahren, von den rund um uns herum brodelnden Verhaftungen, von den vollen Gefängnissen, den Lagern wissen können. Aber immer noch - nein! [...] Woher hätten wir über die Verhaftungen wissen und warum darüber nachdenken sollen? Daß alle Honoratioren der Gegend abgesetzt, abgelöst wurden - das war uns entschieden gleichgültig. Wenn diese oder jene Mitstudenten über Nacht weg waren, wenn zwei oder drei Professoren verschwanden, was machte es? Wurden halt die Prüfungen leichter. 

Der Kampf gegen den inneren Feind war eine logische Aufgabe des historischen Materialismus, die Vorlesungen sprachen unverblümt davon. Was das aber hieß machte sich niemand klar. Und wie groß doch die praktischen Vorteile waren, wenn man einfach im System blieb?! Warum also nicht dem NKWD beitreten? Das war doch allemal besser als ein kümmerlich bezahlter Lehrerposten irgendwo in einem gottverlassenen Landkreis. Die NKWD-Schulen lockten stattdessen mit üppigen Naturalien und doppeltem bis dreifachen Gehalt. Was hatte wenigstens die meisten auch seiner Mitstudenten, was ihn also abgehalten, was zum "Nicht-Bösen" werden lassen, wo doch alle Argumente dafür sprachen?

Was wir empfanden, hatte aber keine Worte. (Und wenn, dann hätten wir sie aus Angst einander nicht anvertraut.) Irgendwo, nicht im Kopf - in der Brust saß der Widerstand. Von allen Seiten können sie auf dich einreden: "Du mußt!" und dein eigener Kopf ruft im Chor: "Du mußt!"
Bloß die Brust sträubt sich: Ich will nicht, ES STINKT. Ohne mich, wie ihr wollt, aber ich bleibe draußen!

Das kam von weit her, von Lermontow vermutlich. Von jenen Jahrzehnten russischen Lebens, als es für einen anständigen Menschen, offen und laut gesagt, keinen schlimmeren Dienst gab als den des Gendarmen. Nein, von weiter zurück.
Das waren, ohne daß wir es wußten, nur die Kupfermünzen der Kopeken, mit denen wir uns von den vorväterlichen Goldrubeln loskauften, von jener Zeit, da die Sittlichkeit noch nicht als etwas Relatives galt und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse einfach mit dem Herzen getroffen wurde.

Später wird er freilich einmal schreiben, daß er begreifen hat müssen, daß man genau diese Gefühle ablegen muß, will man ein System wie das des GULAG überleben. Man muß alles Menschliche, jedes Gefühl, jedes Mitgefühl mit dem anderen, jede liebende Erinnerung, alles ablegen - man muß zum Stein werden, will man das System, will man die Verhöre, will man den GULAG überleben.

Wird fortgesetzt



Dienstag, 17. März 2020

Neulich unter Stalin (2)

Zar Alexander II., auf den insgesamt sieben Attentate verübt wurden, ließ sich einmal im St. Petersburger Untersuchungsgefängnis für eine Stunde in der Zelle Nr. 227 einsperren. Denn er wollte wissen, wie sich die Verurteilten fühlten. Und bei aller Gewalt, die er verwendete, um die anarchistischen und sozialistischen Strömungen in seinem Reich zu bekämpfen, ist dieses System eingebettet in das kulturelle gesellschaftliche Umfeld zu verstehen. Was immer man über die Zarenherrschaft sagen will, man kann ihnen nicht absprechen, daß ihr Bemühen, ihre Regierung und ihr Handeln vom Geistigen her zu sehen, nicht einfach nur Gebot, sondern persönliches, sittliches Bedürfnis war. 

Das sich im Volk fortsetzte, und Rang und Stand und Stellung der Verhafteten auf heute kaum faßbare Weise respektierte. Allein darin zeigt sich ein gravierender Unterschied zur Gewalt, die das sowjetische System seit Lenin, vor allem aber dann unter Stalin, über das Volk kommen ließ. Vor allem aber zeigt sich, wie sich daraus die Entsittlichung des ganzen Volkes ausbreitete, das nur noch den Kopf gebückt zu halten lernte.

Kultur aber bedeutet immer, den Kopf zu erheben!

Unter dem Zaren war es undenkbar, daß etwa ein Offizier von einem ihm rangmäßig unterstellten Mann verhört worden wäre. Im Sowjetsystem war aber genau dies grundlegendes Motiv, in einer Gesellschaft, in der angeblich "alle gleich" waren. In Wahrheit waren nun dem Haß der Subalternen Tür und Tor geöffnet, die alle Möglichkeiten hatten sich an Personen und Gesellschaftsschichten "zu rächen", an die sie sonst nie herangekommen wären. Was lag doch alleine in der Demütigung, im Sadismus einem Adeligen gegenüber, sofern sich später überhaupt noch einer fand (der nicht ermordet oder ins Ausland geflohen war) für Genugtuung! 

Besonders aber im Apparat der Geheimpolizei und der Geheimdienste war dieses Motiv entscheidend für die uferlose Gewalt, die Unmenschlichkeit, für die Entfesselung primitivster Lüste und Triebe, die dort herrschte, meint Alexander Solschenizyn in "Archipel GULAG". Dazu kam die Stellung in der Öffentlichkeit, wo dieses System quer durch alle Schichten gefürchtet war, weil es nicht der normalen gesellschaftlichen Hierarchie eingeordnet war, sondern quer zu dieser auf alle Schichten durchgreifen konnte.

Hier ein "Held der sozialistischen Arbeit", dort ein verdienter Künstler, oder ein hochdekorierter Kriegsheld? Einmal hingeblasen, und weg war er.

Was war es dann doch für eine Genugtuung, wenn ein einfacher Leutnant des NKWD die Frau eines Oberstleutnants der Armee vergewaltigen und nötigen konnte, ohne daß sich deren Ehemann wehren konnte. Wie leicht war es nun doch, überall geachtet weil gefürchtet zu werden. In jeder Versammlung, egal welcher Art, war das Wort des dümmsten Schinders in der Lage, sämtliche Beschlüsse umzustoßen. Kaum war bekannt, daß man einem dieser Systemdienste angehörte, waren die Tore zu allem und jedem weit aufgestoßen, mit dem man das übliche Gefühl für Anstand oder Scham aushebeln konnte.

Wenn einer aber so stark ist, daß er durchaus nicht aufgeben will, alle deine Methoden zunichte macht? Du bist wütend? Tu dir ja keinen Zwang an! Es ist ein enormer Genuß, ein Höhenflug! - deiner Wut freien Lauf zu lassen, außer Rand und Band zu geraten, wo dich keiner aufhält!" Brust heraus und rette sich wer kann! Genau der Zustand ist's, in dem man Priester an den Haaren durchs Zimmer schleift oder an die Decke hängt, dem Mann auf den Knien ins Gesicht pißt, ihm langsam seinen Hoden zerquetscht, der Frau eine Flasche in den Unterleib rammt, daß sie an den Verletzungen später stirbt. Nach der Raserei fühlst du dich als echter Mann! Und fürs Protokoll läßt du dir eine Sekretärin kommen, und die ist hübsch, verlier' also keine Zeit und greif hinein in ihre Bluse. Wegen des anwesenden Bürschleins brauchst du dich nicht zu schämen, der ist kein Mensch, der ist nur ein Häftling. Vor wem überhaupt sollst du dich genieren? Wäre dumm, deine Lage nicht zu nutzen. Dem einen wird deine Kraft imponieren, die anderen werden aus Angst nachgeben. Ist dir ein Mädel über den Weg gelaufen, merk dir bloß den Namen - und sie gehört dir, wohin soll sie denn? Hast du am Weib eines anderen Gefallen gefunden - sie ist dein! Denn den Gatten aus der Welt zu schaffen kostet dich keine Mühe.

Nichts war zu niedrig, nichts zu banal, man kommt beim Lesen der Zeugenprotokolle nicht aus dem Staunen heraus. Der eine will nur die Handschuhe, der andere die Feldtasche, die du umgehängt hast, dem dritten geht es nur um dein Zigarettenetui, welches nur eine Schachtel ist, aber die ist in wunderschönem Purpur gefärbt.  Tausend Weißbücher, schreibt Solschenizyn, würden nicht ausreichen, alle diese Fälle auszuzeichnen. Die Habgier war unermeßlich, das System ein einziges Raubsystem, das sich keineswegs auf kleine Dinge beschränkte. Waggonweise verschwanden Ladungen und endeten in privaten Datschen, scharenweise wurden Frauen requiriert, um Wodkaexzesse mit erotischen Erlebnissen zu garnieren. Man mußte nur darauf achten, daß sich niemand rächen konnte.

Es ist unvorstellbar, schreibt der spätere Literaturnobelpreisträger, daß sich auch nur ein Untersuchungsrichter, auch nur ein Minister dafür interessiert hätte, was ein von ihm verurteilter Gefangener fühlte oder wie er dachte.
Sie sind von Dienst her nicht verpflichtet, ein Bedürfnis nach Bildung, Kultur und tieferen Einsichten zu haben - so bleiben sie denn ohne. Sie sind von Dienst wegen nicht verpflichtet, logisch zu denken - so lassen sie es denn auch sein.
[...] Die Untersuchungsrichter, die waren doch die letzten, an die selbsterfundenen Fälle zu glauben. Sie haben doch nicht allen Ernstes amtliche Konferenzen ausgenommen, einander und sich selbst einreden können, daß sie Verbrecher entlarven? Und haben trotzdem Protokolle zu unserem Verderb geschrieben, fein säuberlich, Blatt um Blatt. Am Ende war's glatt Unterweltsmoral: "Stirb du heute und ich - morgen!"

[...] Sie verstanden, daß die Fälle erfunden waren, und dienten dennoch fleißig Jahr für Jahr. Wie das? ... Entweder sie zwangen sich, nicht zu denken (was an und für sich schon den Menschen zerstört), meinten einfach: Es muß sein! Die für uns Instruktionen schreiben, können nicht irren. 
"Hauptsache, wir kriegen den Mann - um den Fall sind wir nicht verlegen!" Das war in ihren Kreisen ein beliebter Witz, eine stehende Redewendung. In unserer Sprache hieß es "foltern", in der ihrigen - "gute Arbeit leisten". Die Frau des Untersuchungsrichters Nikolai Grabischtschenko (Wolgakanal) säuselte beim kleinen Hofklatsch: "Mein Kolja ist eine tüchtige Kraft. Einer hatte lange nicht gestanden, bis sie ihn Kolja übergaben. Der brauchte nur eine Nacht - und das Geständnis war fertig."

Die Quoten, die Zahlen von Verhafteten waren vorgeschrieben. Und die Gebietsverantwortlichen taten mit viel Phantasie alles, sie zu erfüllen. Daß es keine zu Verhaftenden mehr gab war ohnehin völlig unmöglich.  

Und Stalin selbst hätte es nicht geglaubt. Er hätte IHNEN nicht geglaubt! Weil er nicht glaubte, daß er in einem Gebiet, einer Stadt, einer Armeegruppe plötzlich keine Feinde mehr hätte.

Wird fortgesetzt


Donnerstag, 12. März 2020

Neulich, unter Stalin (1)

Jederzeit konnte die Staatsgewalt zuschlagen. Denn wenn einem solche Straftaten - Vorbereitung, Planung in Gedanken, Sabotage staatlicher Vorhaben und Absichten ... - vorgeworfen wurden, gab es nicht den Funken einer Chance auf Gegenwehr und Entkräftung. Und hatte die Planung der Leitungsorgane versagt (und das war praktisch immer der Fall), war Sabotage und Ablehnung staatlicher Anordnungen stets brauchbarer, "nachweisbarer" Grund. Bisher war es Willkür der Behörden, die sich aber im Widerspruch zu Gesetzen wußten und diese beugen mußten. Nun war es auch die Willkür der Gesetze. Einen übergeordneten, absoluten Maßstab für "Wohlverhalten" gab es nicht mehr. Was heute galt, konnte in drei Jahren Grund für zehn Jahre Sibirien sein. Wobei zur Feier des 30-jährigen Jubiläums der Oktoberrevolution sogar die 25-jährige Gefängnisstrafe eingeführt wurde.

Noch ehe diese Gesetze erlassen wurden, wurden freilich die Gefängnisse im ganzen Land umgerüstet, und die Zellen durch Stockbetten auf ein Mehrfaches der früheren Gefangenen vorbereitet. Der nun einsetzende Gefangenenstrom wurde sogar den Folterknechten zuviel. Also stieg man auf Gruppenfolter um: Man gab den Häftlingen nur stark Gesalzenes, verweigerte ihnen aber dann das Wasser. Nur wer geständig war, also "zusammenarbeitete", hatte Chancen, auch Wasser zu erhalten. Wer gar Gold ablieferte, das das System dringend brauchte (1937 aber so gut wie keiner mehr besaß, weil es den früheren Mittelstand oder die reichen Eliten nicht mehr gab, und dann noch "im richtigen Augenblick" dessen Besitz gestand) hatte sogar kleine Chancen, wieder frei zu kommen.

Aber noch etwas hat sich 1937 in der Sowjetunion unter Stalin geändert. War bis dorthin die Folter vom Gesetz sogar untersagt, wenn auch trotzdem häufige Praxis, wurde sie nun offiziell als Mittel erlaubt - und damit die Regel bei "Verhören". Solschenizyn beschreibt erstaunlicherweise das, was in der Sowjetunion passiert so: War auch der Hitlerismus und der Stalinismus prinzipiell direkt vergleichbar, so hatte bei aller Härte die in Deutschland angewandte Folter "die Wahrheit" zum Ziel. Wurde sie nicht erreicht, war auch ein erpreßtes Geständnis nicht glaubwürdig, war jemand nicht wirklich Gegner des Regimes und hatte er sich auch in dieser Hinsicht betätigt, wurde das Opfer wieder freigelassen, denn anders war kein Gerichtsverfahren möglich.

Nicht in der Sowjetunion. Praktisch jeder, der in die Gefängnisse eingeliefert wurde, war unschuldig, und die Richter und der Geheimdienst wußten das auch. 1937 Schuld zu finden war kein Kriterium. Hier ging es um die apriori feststehende Vernichtung von Personen, und vor allem von Personengruppen. Das Urteil stand bereits zum Zeitpunkt der Verhaftung fest. Die Vorwürfe waren so gut wie immer erfunden, in den meisten Fällen grotesk bis lächerlich.

Umso schrankenloser waren die Verhörenden in ihren Methoden, umso desinteressierter und peinlicher die Untersuchungsrichter. Es ging um Geständnisse, und um den Verrat von "Komplizen."* Die Gefängnisse quollen über. Aber auch die Platzknappheit wurde eingesetzt. Ein Quadratmeter für drei Personen, man konnte kaum stehen, bekam kaum Luft, oft nackt, manchmal sogar Frauen und Männer gemischt, Tag um Tag, die Notdurft mußte oft in einem überquellenden Eimer verrichtet werden. Durch die wegen der Ausdünstungen, der Körperwärme entstehende Hitze stieg die Raumtemperatur manchmal auf vierzig, fünfundvierzig Grad, auch im Winter. Und wer sich nicht angewöhnte (und das konnten nicht viele), stehend zu schlafen, war schon wegen Schlafnot bald erledigt. Neben dem quälenden Hunger, denn morgens gab es eine wässrige "Suppe" und achtzig Gramm Brot. 

Neben der Ungewißheit, denn manche wurden wochenlang nicht verhört, wußten überhaupt nicht, was los war, und grübelten, was sie falsch gemacht haben könnten, hofften - welch' lächerliche Idee! - auf einen Irrtum. Und fürchteten sich. Folter mußte man gar nicht androhen. Die Geschundenen, die von den Verhören zurückkamen, meist nicht mehr stehen konnten, waren Hinweis genug, was einen erwartete.

Verhört wurde meist nachts. Denn dann waren die Inhaftierten weniger geistesgegenwärtig. Manchmal tagelang, in Reihen, das heißt, daß sich alle vier Stunden die Vernehmenden abwechselten, wieder und wieder mit denselben Fragen begannen, dieselben Scheinprotokolle vorlasen und eine Unterschrift verlangten. Aus den Nachbarzimmern drangen währenddessen die Schreie anderer "Verhörter".

Die Verfahren waren zynisch und vor allem ... unglaublich korrupt. Es gab niemanden in dem ganzen Unterdrückungsapparat aus Geheimdiensten und Gerichten, schreibt Solschenyzin, der nicht im Grunde sogar ganz primitiven Diebstahl im Sinn hatte. Theoretisch gesehen, war dadurch sogar der Schaden für die Volkswirtschaft immens. Weil buchstäblich jeder nur daran dachte, sich zu bereichern. Umso brutaler, umso unfaßbar grausamer wurden die "Untersuchungen" der Inhaftierten, denen in lächerlichen Verfahren absurde "Verbrechen" vorgeworfen wurden, die ein "Geständnis" abrundete.

Aber noch größer, so Solschenizyn, ist der kulturelle Verlust, den Rußland auf unbestimmte Zukunft hin durch das Sowjetsystem erlitten hat. Denn systematisch wurde alles Geistige ausgerottet, alles Kreative ausgelöscht, die Vernunft als Gefahr und Bedrohung unterdrückt. Alles das, was ein Volk trägt und ausmacht, alles das, was auch den Wohlstand eines Volkes als Gemeinwohl bewirkt, war ohne Belang.
Es ging nicht einmal darum, sich einer Ideologie zu fügen. Auch die war unvorhersehbar, und wer heute dachte, wie die vorgegebene Doktrin es verlangte, konnte genau deshalb morgen im GULAG aufwachen. Das System war stattdessen rein auf persönlicher Willkür aufgebaut. Nichts, aber wirklich nichts war berechenbar. Es blieb nur Angst und Vorsicht, nur ja nicht aufzufallen, um allenfalls noch reagieren zu können. 

 Wird fortgesetzt


*Wenn freilich ein Inhaftierter meinte, sich durch ein frühzeitiges Geständnis von der Folter freisprechen zu können, dann hatte er sich in der Flexibilität der Dialektik der Häscher getäuscht. Die immer einen Grund für "Maßnahmen" fanden. Wenn jemand früh gestand, dann hatte er etwa noch mehr zu gestehen, und wollte die Verhörenden darüber hinwegtäuschen.


 


Montag, 9. März 2020

Neulich, unter Stalin (0)

Und so ist's gewesen; hier ein Schnappschuß aus jener Zeit. Eine Bezirksparteikonferenz (im Moskauer Gebiet. Den Vorsitz führt der neue Bezirkssekretär anstelle des Sitzenden (also bereits verhafteten; Anm.) früheren. Am Ende wird ein Schreien an Stalin angenommen, Treuebekenntnis und so. Selbstredend steht alles auf (wie auch jedesmal sonst der Saal aufspringt, wenn sein Name fällt). Im kleinen Saal bricht "stürmischer, in Ovationen übergehender Applaus" auf. Drei Minuten, vier Minuten, fünf Minuten - noch immer ist er stürmisch und geht noch immer in Ovationen über. 

Doch die Hände schmerzen bereits. Doch die erhobenen Arme erlahmen. Die Älteren schnappen nach Luft. Und es wird das Ganze unerträglich dumm selbst für Leute, die Stalin aufrichtig verehren. Aber: wer wagt es als erster? Aufhören könnte der Erste Bezirkssekretär. Doch er ist ein Neuling, er steht hier anstelle des (seit voriger Woche; Anm.) Sitzenden, er hat selber Angst! Denn im Saal stehen und klatschen auch NKDW-Leute (Geheimdienst bzw. -polizei, Anm.), die passen schon auf, wer als erster aufgibt! Im kleinen, unbedeutenden Saal wird geklatscht ... und Väterchen (Stalin, Anm.) kann's gar nicht hören ... sechs Minuten! Sieben Minuten! Acht Minuten! ... Sie sind verloren! Zugrunde gerichtet! Sie können nicht mehr aufhören, bis das Herz zerspringt! 

Hinten, in der Tiefe des Saales, im Gedränge, kann einer noch schwindeln, einmal aussetzen, weniger Kraft, weniger Rage hineinlegen - aber nicht im Präsidium, nicht vor aller Augen! Der Direktor der Papierfabrik, ein starker und unabhängiger Mann, steht im Präsidium, begreift die Verlogenheit, die Auswegslosigkeit der Situation - und applaudiert - neun Minuten. Zehn! Er wirft sehnsüchtige Blicke auf den Sekretär, doch der wagt es nicht. Verrückt. Total verrückt. Sie schielen mit schwacher Hoffnung einer zum anderen, unentwegt Begeisterung auf den Gesichtern, sie klatschen und werden klatschen, bis sie hinfallen, bis man sie auf der Tragbare hinausbringt. Und auch dann werden die Zurückgebliebenen nicht aufgeben ... 

Und so setzt der Direktor in der elften Minute eine geschäftige Miene auf und läßt sich in seinen Sessel im Präsidium fallen. Und - o Wunder! - wo ist der allgemeine, ungestüme und unbeschreibliche Enthusiasmus geblieben? Wie ein Mann hören sie mitten in der Bewegung auf und plumpsen ebenfalls nieder. Sie sind gerettet. Der Bann ist gebrochen.

Allein, an solchen Tagen werden unabhängige Leute* erkannt. Erkannt und festgenagelt. In selbiger Nacht wird der Direktor verhaftet. Mit Leichtigkeit werden ihm aus ganz anderem Anlaß zehn Jahre verpaßt. 

Doch nach Unterzeichnung des abschließenden Untersuchungsprotokolls vergißt der Untersuchungsrichter nicht die Mahnung: "Und hören Sie in Zukunft nie als erster mit dem Klatschen auf!"

 Alexander Solschenizyn in "Archipel Gulag"

Eine Tatsachenepisode, die die Stimmung während der zweiten großen Verfolgungswelle unter Stalin 1937/38 illustriert, die endgültig sämtliche Bevölkerungsgruppen gleichermaßen in Angst und Schrecken sah und Gerichte endgültig zu Willküranstalten machte. Vorbereitet war dieser zweite große Strom, der die Gefängnisse und GULAGS mit Sträflingen vollschwemmte, durch Gesetze, die durch undefinierbare Straftatbestände wie "Vorbereitung einer kriminellen Vereinigung", "Vorbereitung oder Planung einer Straftat" oder "Widerstand und Sabotageakte gegen staatliche Absichten und Vorhaben" jeden und alles umfaßte. Hier traf es Einzelne, dort und meist aber Gruppen, denen man zufällig auch zugehörte, dann traf es ganze Völker.



Wird fortgesetzt

*Sie waren überall bevorzugtes Ziel der Behörden. So traf es zuerst und überall die Besten, die Tüchtigsten, in allen Berufen und an allen Orten. Zurück blieben die Ducker und Emporkömmlinge und die Drückeberger, alle, die flexibel genug waren, im System mitzuschwimmen, ohne das sie nichts geworden wären. Bis es eines Tages doch auch sie erwischte.