Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Indianer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Indianer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 5. Dezember 2022

Die ergebnislose Suche nach der Heimat

Als sich 1883, wenige Jahren nach dem US-Bürgerkrieg, die Planwagen nach dem Westen in Gang setzten, waren miene eigenen Urgroßeltern noch Jugendliche, aber sie lebten bereits. Das gesgft, um die zeitliche Nähe bzw. die Kürze der historischen Spanne vor Augen zu bekommen, die in den beiden US-Fernsehserien "1883" und "Yelolowstone" umklammert werden.

Die eine spielt in dieser Zeit der Landnahme im Westen, als Millionen von Einwanderern, aber genau so auch entwurzelte ehemalige Südtstaatler aufbrachen, um sich in einem Niemandsland eine neue Heimat aufzubauen.

Und was das bedeutet, wird einem durch diese filmische Aufarbeitung sehr klar. Sie betraten nicht nur ein Land, in dem sie um jede Ecke nochmit Indianern zu rechnen hatten, die ihnen nach dem Leben trachteten um ihre eigene Heimat zu verteidigen, noch waren nicht alle "befriedet", das heißt in Reservate abgeschoben und eingehegt,, sondern das hieß auch in einen gesetzlosen Zustand einzutreten: 

Dort, westlich oder nördlich von Fort Worth und Fort Laramie, war zivilisatorisches Niemandsland, und dorthin auszubrechen war der bewußte Abschied von der Zivilisation. Man würde nichts mehr vorfinden, alles würde man selberr aufbauen müsen. Dort gab es keine Zivilisation, und was dann entstehen sollte, war eine im Grunde planlose, konzeptlose Schöpfung. (Daß es doch eine gewisse Form von Kultur gab, entdeckten manche denn doch, und manchen war die Kultur der Indianer sogar Lebensrettung.)

Dienstag, 10. Mai 2022

Woher die Indianer kommen (2)

Freilich wissen auch wir - Sie, werter Leser, ich - rein naturwissenschaftlich betrachtet nicht recht viel mehr. Also auch nicht, wie sich diese Kontinentaldruft, enstanden unter anderem aus dem immensen Druck der Wassermassen der Sintflut (von oben) und dem Auseinanderreißen des Planeten von innen her real abgespielt hat. 

Daß alles aber in sehr kurzen Zeiträumen geschehen sein muß, dafür spricht auch der Fußabdruck von tektonischen Katastrophen, die sich abgespielt haben müssen. Als sich schließlich die Landmassen endlich wieder hoben (und so das Wasser "in den inneren Abgrund hinein" ablaufen ließ (was dann noch einmal die Erdoberfläche gewaltig umgestaltete, man denke alleine an de Grand Canyon) 

Nur an Kometeneinschläge will ich nicht so recht glauben. Vielmehr hat da Hans-Joachim Zillmer eine Spur gezeigt. Der bei den "Kometenkratern" auch nicht von Einschlagspuren spricht, sondern von Eruptionslöchern. Nicht von oben also, sondern von unten sind sie entstanden. Das alles muß sich auf jeden Fall in so kurzen Zeiträumen abgespielt haben, bei denen nicht von Jahrmillionen o.ä, sondern von Wochen, Monaten oder Jahren gesprochen werden muß.

Montag, 27. September 2021

Nie mehr gewesen als eine Strafkolonie

Die Australier stehen vor einer seltsamen, bedrückenden Wiederholung ihrer Geschichte, die aber in vielem lediglich die Kontinuation einer Praxis ist, die das Wesen Australiens im Rahmen seiner Beziehung zu England seit der Gründung der Kolonie ausmacht. Wenn auch Australien heute keine offizielle Kolonie mehr ist, könnte man den Eindruck haben, daß alles, was sie in den letzten 100 Jahren erlebt haben, nur eine Art Gefängnisurlaub gewesen ist, der vor allem der Illusion diente, für militärische Dienste für England die Hoffnung auf Freiheit nicht ganz begraben zu müssen. 

Aber in seiner inneren Natur hat sich nicht viel geändert, das zeigt sich jetzt im Zuge der Corona-Hysterie. Sobald es der (englischen) Obrigkeit gefällt, werden die Aussies wieder in ihre KZs, Lager und Hausarreste verbannt. Vor deren Türen die Kopfjäger, brutalen Wächter und skrupellosen Polizisten stehen, die sie bei Ausbruch aus ihrem Gefängnis sogar mit Hubschraubern verfolgen und skrupellos niederknüppeln.

Impf-Unwillige werden gejagt und gestellt
               (Straf-)Quarantäne-Camp in Australien                  
Sie finden sich also zurückgestuft auf das, was sie für die Engländer, die sich auch in Australien als Oberschichte begriffen und sogar die Fauna bedenkenlos ruinierten, im dem sie etwa Kaninchen aussetzten, um schöne Jagdbedingungen zu haben (heute sind die Kaninchen eine der schrecklichsten Plagen, neben anderen, sämtlich ebenfalls durch Eingriffe der Engländer ausgelöst), immer waren: Bewohner einer Strafkolonie, mit der die britische Obrigkeit ihr Sozialprobleme gelöst hat. 

Samstag, 18. September 2021

Man wird weiß, gelb, schwarz oder rot (2)

Was wir vererben, was wir erwerben, was wir verderben. Die feuchten Träume vom Schokoladenpudding - Was hinsichtlich der oben angerissenen "Rassenfrage" auffällt ist, daß weltweit die Kinder annähernd gleich geboren werden. Die Stufen der Entwicklung sind gleich und auch die Zeiten, zu denen sie auftreten. Und zwar unabhängig davon, wie groß die "Rasse" später ist, unabhängig von vielen weiteren Merkmalen, die sich dann als "Rassenmerkmale" erkennen lassen. Sodaß ein Wind in jene Richtung weht, die in der gesamten weiteren Entwicklung der Individuen "innerhalb einer Rasse" das Insgesamt, die Umwelt, die Geographie, das Spezifische des Sozialen und so weiter und so weiter die entscheidende Rolle in der Herausformung solcher "unterschiedlicher" Gestalten spielt.

Mittwoch, 14. April 2021

Filmempfehlung (4) - Exkurs zu den Quellen des Rechts

 Teil 4) Exkurs zu den Quellen des Rechts


Am Sheriff des Ortes, in dem sich der "Let him go!" letztlich vollzieht, wird jedenfalls deutlich: Das offizielle Rechtssystem vollzieht das Recht einer regionalen, in Lebensweise und Wertewelt abgrenzbaren Bevölkerung. Dieses Recht (letztlich das Recht der USA, dessen Rechtssystem durch seine Rückkoppelung an den Volkswillen diese Mutung, der hier gewissermaßen ins Kochrezept geguckt wird, auch tatsächlich hat) wird also gar nicht von abstrakten Prinzipien getragen, sondern von einem viel stärkeren Lokalspirit. Das ist der vielleicht interessanteste Aspekt, sodaß sich einfach stärkeres "subjektives" Recht durchgesetzt hat. 

(Hintergrund-Parallelstrang, gewissermaßen der Kontrabass) Wenn aber, wie wir festgestellt haben, das irdische Recht (Recht in Welthaftigkeit, konstitutiv wie apperzeptiv, aus dem Numinosen, Transzendenten inspiriert) immer in einem realen Individuum wurzelt, ja wurzeln muß, das aber seine Subjektivität (als Willkür aus Eigenwillen) überwunden hat (also dem Transzendenten gehorsam ist), dann wird die Qualität dieses Menschen (was grosso modo als "Grad der Heiligkeit" zu verstehen ist) das Kriterium. 

Historisch hat in diesem Neusiedlungsland des Western Frontier lange Zeit furchtbares Chaos geherrscht. Der amerikanische Westen war - spätestens nach dem Rückzug der großen Mächte Spanien, Frankreich und England - vom Faustrecht bestimmt. Erst im 19. Jahrhundert hat sich ein Rechtssystem durchzusetzen begonnen. Das zuerst aber von Einzelkämpfern getragen war, die unter Einsatz ihres Lebens das schufen, auf dem sich dann überhaupt erst eine amerikanische Kultur und Zivilisation bilden konnte. 

Und es scheint auch wirklich so, als wüßte der Mensch davon, und seine instinktive Suche" nach einem menschlichen Verursacher ist keine Fehlleitung, sondern wahrhaftiger Instinkt.  

Weil nun der "normale Mensch" leben konnte, weil sich erst im Recht die wesentlichsten Eigenschaften der Menschen entfalten können. Im Faustrecht läßt sich keine Familie großziehen, kann sich keine Kultur entwickeln, die aus mehr besteht als aus Waffenpflege und Kampftechnik, vor allem aber: Kann sich keine Wirtschaft entfalten. Die immer als System sozialer Obligation (Verpflichtung) von auf Wechselseitigkeit und damit Vertrauen aufbauenden Leistung beginnt. Die aber Schutz vor Gewalt und Störung durch "das Fremde" braucht. 

Dem aber nun dieser "absolute, vollkommene Mensch" fehlt. Den es in zweifacher Hinsicht aber nun gibt: In der letzthinnigen Unfehlbarkeit der Kirche, die im Stellvertreter des Gottmenschen gipfelt. 

Dieses Rechtssystem, das sich von diesen Einzelkämpfern ausgehend allmählich und unter Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt hat, ist somit ursprünglich subjektiv bestimmt gewesen. Dem nur der Konsens der Mehrheit den Rücken stärkte. Worauf erst es sich durchsetzen konnte, weil Recht von allgemeiner Zustimmung abhängt. Erst danach hat ein Staat Platz, der dieses Recht an sich zieht. Was bis heute nicht ganz gelungen ist. Gott sei Dank. Weil es insoweit gar nie gelingen darf, als es soziale Organismen nicht mehr als subsidiäre Rechtsräume behandelt.

Der aber ein Pendant hat, vom eben Genannten in seiner metaphysischen Quelle nicht zu trennen - und das ist der König. Als Haupt eines Volkes, in dem auch das Pristertum enthalten ist bzw. ursprünglich war.

Aber Recht stammt aus der Moral. Und diese ist wiederum von der Religion bestimmt. Sodaß es eine unumstößliche Wahrheit ist, daß das heute (scheinbar) säkulare Recht ein bloß umgelegtes religiöses, theologisches Recht ist. Immer. In jedem Fall. Auf der ganzen Welt.

Historisch ist das auch nachweisbar: Der König (dieses Wort hier als Synonym für die höchste Leitung eines Volkes, das immer ins Transzendente reicht, also immer eine Doppelnatur hat: Prophet, Gottmensch und physisch präsenter Herrscher) 

Wie sehr das Thema, das sich sogar schon in einem der frühesten Kostner-Filme findet, in "The Untouchables - Die Unbestechlichen", ihm also scheinbar an den Füßen klebt, auch in "Let him go" aus dem Jahre 2020 Allgemeinwert hat wird noch deutlicher, wenn wir eine Analogie zur europäischen Geschichte ziehen. Denn die Legende vom Sheriff des Wilden Westens" ist das, was wir hier mit den Erzählungen aus der Ritterzeit im Erinnern präsent halten. Auch bei uns waren es Einzelne, auch bei uns waren es religiös bestimmte, todesmutige Männer, und auch bei uns setzten sie es als Minne, als Liebesdienst an der Frau um und damit als Recht durch. 

Die obere Schichte des (in generellem, weitestem Sinn) dreischichtigen Aufbaus eines Volkes (wie hier bereits spezifizierten, der Leser möge nachlesen, wenn er es nicht mehr präsent hat) ist dieser Sphäre der Verbindung mit dem Transzendenten generell zuzuordnen. 

Erst im 18. Jahrhundert, im Zuge der Aufklärung, setzte sich (von säkularer Macht verordnet; als hätte es vorher nie ein allgemein gültiges Recht gegeben! ist nicht das genaue Gegenteil der Fall?) in allen Ländern Europas so etwas wie ein abstraktes, aufs Land bezogenes Rechtssystem durch. Vorher gab es unzählige einzelne Rechtsräume, die stets ihren Ursprung in einem Kopf hatten, der sich auf den "Ritter" zurückführt: Auf den Pater familiae, selbst ans Transzendente als Quelle absoluter Legitimität - in der Kirche - gebunden, als Geber und Maßstab des Rechts als den Schöpfer des (weltlichen) Rechts, das nach und nach aufhörte, sich an einen Gott, das begann sich an das bloß Rationale zu binden.

Dieser Ausgang des irdischen Rechts ist also auch in Berufungen zu erkennen, für die das "Königtum" im weitesten Sinne gilt: Propheten, Dichter weil Poeten, und Priester generell. 

Erst hier setzte dann das ein, was wir heute "Nationalstaat" nennen. Als Staatsmaschine - siehe den Leviathan von Hobbes! - die über allem Persönlichen und schließlich über allem transzendenten Absoluten steht. Die Entwurzelung der europäischen Menschen im 21. Jahrhundert ist also kein Zufall. Sie ist systemisch im Löschen der persönlichen, dialogischen Beziehung zur Rechtsquelle.

Man kann darüber nachdenken, ob diese Zurechnung (die sich hier auf Einzelne und durch göttliche Vorsehung Herausgehobene - alle diese Genannten müssen eine "Berufungsgeschichte", also einen Ruf von außen, von "oben" haben - bezieht) auch durch Akklamation ("vox populi = vox Dei", also "Legitimität durch spontane Volkswahl durch Ausrufung im Konsens") real werden kann.

So glauben wir jedenfalls. Aber die Frage, ob das nicht dennoch auch heute so ist, daß sich also Recht im Subjektiven konstituiert, kann angesichts der Erfahrungstatsache, daß auch bei uns ein gar nicht unbedeutender, ja vielleicht sogar entscheidender Rest des scheinbar so objektiven, sachlich bestimmten Rechtssystems persönlich geblieben ist, auch heute nur bejaht werden. Wer einige Erfahrung damit hat (wie der VdZ) wird das bestätigen. Dieser Rest je Fall neu aktueller Rechtsschöpfung findet sogar in jedem Urteil statt, und zeigt sich nicht zuletzt in der Person der Rechtspfleger und Richter, die bei weitem nicht so "objektiv gerecht" sind, wie getan wird, und keineswegs frei von Einflüssen von außen sind. Ein Außen, das früher (stärker) aus der Religion stammte, das heute (als Beispiel) aus Ideologie und Politik kommt.

In so gut wie allen nicht-westlichen Völkern ist dieser Sinn für Menschen, die "heilig" (also von Gott auserwählt, in einer besonderen Nähe zu diesem) sind, oft sogar noch sehr lebendig. So, wie er das bei uns bis ins Hohe Mittelalter getan, hat, wo historisch das "santo subito" oder das "im Ruf der Heiligkeit stehen" noch erinnert wird.

Spätestens aber seit der "santo subito"-Akklamation von Hl. Johanes Paul II. meint der VdZ, daß diesen "spontanen Volksakklamationen" (zumindest im Westen) nicht mehr zu trauen ist. Zu sehr haben bereits massenpsychologische Phänomene um sich gegriffen. 
Selbst in der Bildung des "Rufs" eines Menschen sind die Elemente der gezielten, vernutzenden Manipulation (insbesonders durch die technische Entwicklung bei den Kommunikations-Medien) bereits enorm verbreitet.


*280321*

Montag, 12. April 2021

Filmempfehlung (2)

Teil 2) Der Kampf des Matriarchats um das Recht endet in Gewalt.

Einem pensionierten Sheriff (gespielt von Kevin Kostner), George Blackledge, und dessen Frau Margaret, die zurückgezogen auf einer Farm im südlichen Minnesota leben, stirbt bei einem Sturz vom Pferd ihr einziger Sohn. Er läßt eine junge Frau sowie einen kleinen Sohn zurück. Der in seinen ersten Lebensjahren als "Großelternkind" aufwächst. Margaret läßt auch der leiblichen Mutter wenig Spielraum, und reißt die Herrschaft über das Kind an sich. Das zu "ihrem" wird, weil in ihm der tote Sohn weiterlebt.

Die junge Mutter ist damit alles anderes als glücklich, und heiratet wieder. Vielleicht auch, um die Gewalt über ihr Leben zurückzuholen, denn die Wahl ihres neuen Ehemannes ist offenbar überstürzt und nicht sehr glücklich. Da ist der Bub etwa fünf Jahre alt. Und vielleicht hat bei der Wahl des neuen Mannes auch die Stärke der Herkunftsfamilie eine Rolle gespielt. Denn natürlich macht der neue Mann von seinem Recht Gebrauch, ein eigenbestimmtes Leben aufzubauen. Damit gerät er erst recht in Konflikt mit Margaret. Und eines Tages ist er sogar samt Frau und Kind verschwunden, ohne zu hinterlassen, wohin die junge Familie gegangen ist. 

Die Großeltern - vor allem Margaret will es, einmal mehr fügt sich ihr Mann George - machen sich auf, und suchen nach ihrem Enkelkind. Sie finden die Familie auf der Ranch der Eltern des Mannes in Nord Dakota. Aber dort wird er von einem starken Familienganzen bestimmt, das wiederum fest in die sozialen Gefüge der Region eingebunden ist. 

QR Trailer "Let him go"

Auch der Sheriff des Ortes steht somit hinter der Familie, deren Integrität offenbar hoch geschätzt wird. Womit der Stiefvater, der solche Eingriffe in sein Leben nicht zulassen will - ob aus Gehorsam zur Mutter oder aus eigener Lebensvernunft kann aber offen bleiben - selbstverständlich auch das staatliche Rechtssystem auf seiner Seite hat. 

Dieses autoritär strukturierte, soziale Gefüge gibt das Kind ganz sicher nicht mehr frei. Die Familie wünscht nicht einmal engeren Kontakt mit den Großeltern. Denen (unausgesprochen, doch schwingt es mit: Margaret ist eine "Pferdeflüsterin", was sie am deutlichsten zur Indianerin macht) ein Geruch von Indianischem anhaftet. Das dort nicht unbedingt erwünscht ist. Nicht als Kulturerscheinung. Dabei sieht sich Margaret sogar als Atheistin. Aber auch das ist ein Widerspruch zu ihrer Herkunft und ihren tiefsten persönlichen Wurzeln.

Aber wie in einer Handlungsnebenlinie ausgesagt wird, werden in Nord Dakota Indianerkinder mit dem Schulalter ihren Herkunftsfamilien entrissen, und der Zivilisation zu- und ein-erzogen. Was jedoch bei den Kindern, sobald sie in der Adoleszenz wieder "in die Welt entlassen" werden, zur Identitäts- weil Ortslosigkeit führt. Sie gehören als Erwachsene keiner Welt mehr an. Nicht der der leiblichen Indianerkultur, schon gar nicht aber der westlichen Zivilisation, der sie angeblich durch ihre staatliche Erziehung assimiliert sind.

Dieser Konflikt wird im Film zwar nicht direkt angesprochen, kommt aber als Motivgrund der Figuren klar zum Ausdruck. Zudem meint Margaret, daß die Schwiegertochter (und ihr Enkel) nicht ganz freiwillig auf dem Hof des Mannes lebt. 

Als Kostner und seine Frau keine Anstalten machen, wieder einfach zu verschwinden, wird ihnen das überdeutlich zu erkennen gegeben. George wird, als er Margaret schützen will, sogar brutal verletzt. Eigentlich will er nun endlich aufgeben. Aber das würde ihn von Margaret trennen. Die nun erst recht ihr Enkelking "befreien" will. Und George tut ihr auch diesmal den Gefallen, ihren Willen umsetzen zu wollen.

Margaret, gespielt von Diane Lane, wird dabei so entzückend ins Bild gesetzt, daß man als Mann freilich schon versteht, warum man ihr als Ehemann und freiwillig letztlich jeden Wunsch erfüllen möchte. Auch wenn die - männliche, sachliche - Vernunft so gar nicht dafür spricht und man weiß, daß man es bereuen wird, weil das Wertesystem der Frau mit dem des offiziellen Rechts in Konflikt steht. Ihre Gewalt über den Mann, der ihr, nicht dem Gesetz folgt, ist aber vielleicht nicht weniger skrupellos wie die der "Gegner". Sie ist zwar nicht explizit, aber sie liegt im Infragestellen der Gemeinschaft, in der Wahl, die sie ihm läßt, ob er sie weiterhin besitzen, weiterhin mit ihr leben möchte - oder nicht. Denn sie, sie wird diesen neuen und eigenbestimmten, eigensinnigen Weg beschreiten.

Das gesamte Geschehen wird somit dominiert von Frauen, von zwei starken Frauen. Die beide im Grunde ihr System betreiben, und sich hier unversöhnlich gegenüberstehen. Als Welt des Gefühlten, A-Rationalen, wie es auch das Indianische repräsentiert, und Welt der vernunftgeprägten, oder sagen wir besser: rationalen Zivilisation, repräsentiert von der Herkunftsfamilie des Stiefvaters. Die von der Mutter (ausgezeichnet gespielt von Lesley Manville) bestimmt wird, die bereits Witwe ist. Formal. 

Aber beide Frauen sitzen nun nicht im Stuhl der Herrschaft im Hause, die eine explizit, die andere mit psychologischer Gewalt, um das System für den Mann (ob Vater oder in dessen Nachfolger, dem Sohn) bereitzuhalten, um dessen Willen aufrechtzuhalten, sondern um nach ihrem eigenen Willen zu herrschen. Was der Handlung eine bemerkenswerte psychologische Tiefe und Erhellungskraft gibt. 

Ohne Vater, sind die vier Söhne somit nur die verlängerten Arme der Mutter. Sie erfüllen nun deren Willen und werden von ihr beherrscht. In so einer Situation verknüpft sich das bei Söhnen - weil Männern das Streben nach Ort, der immer mit Hierarchie einhergeht, quasi initial eingeschrieben ist - mit der Nähe zur Mutter. 
Sie in concretum, sie als Faktum, und nicht ein transzendentales Gesetz der Ordnung ist die Quelle der Autorität. Wer ihrem Willen gefügiger ist, steigt nach oben. Wer ausbricht, ja wer nur hinterfragt, wird verstoßen. Na? Fällt der Groschen, werter Leser, betrachtet man die seelische Situation heutiger Generationen?

Morgen Teil 3) Der Traum von einem Leben im Traum


*280321*

Sonntag, 11. April 2021

Filmempfehlung (1)

Kevin Kostners Phase der größten Erfolge liegt schon etwas zurück. Wenn jemand aber so hoch gestiegen war, gibt es gar kein Höheres mehr, dann kann alles nur noch geringer sein, mißt man es mit reinem Ehrungs- und Auszeichnungsmaßstab.

Denn zu Anfang der 1990er feierte er unter anderem mit "Dancing with Wolves - Der mit dem Wolf tanzt" und "Waterworld" große Erfolge. Aber bald mischte sich viel Mist in sein Wirken. Dennoch hat der VdZ seine Entwicklung als Künstler immer ein wenig verfolgt, und so auch seinen aktuellsten der Filme mit ihm, "Let him go - Laß ihn gehen" (2020), riskiert. 

Und es nicht bereut. Ab und zu finden sich eben Perlen in all dem Mist, den Kostner sonst noch gedreht hat. Ob es letztendlich in inhaltlicher Höherführung auch einmal kulminieren wird, sodaß der weltliche Ruhm posthoc eine ihm entsprechende Innendimension erhält, bleibt abzuwarten.

Kostners schauspielerische Leistung ist dabei das Überschaubarste an ihm. Seine Stärken (und die hat er) liegen woanders. Daß Kostner (halb-)indianischstämmig spielt dabei vielleicht eine Rolle. Es soll hier deshalb erwähnt werden, weil es nicht so überdeutlich wie in "Dancing with Wolves", sondern auch in "Let him go!" seine Bedeutung hat, aber viel komplexer. 

Nicht nur kommt dieses Erbe im mittlerweile gereiften Gesicht des Schauspielers durch, sondern es hat auch in diesem Filmgeschehen entscheidende Bedeutung. Aber auf subtile Art und Weise, und das macht schon Kostners frühere Filme interessanter als die Oscarflut, die sie manchmal auf sich zogen, verwischen könnte.

Einmal mehr ist ein Culture Clash thematisiert, als Aufeinandertreffen von Indianerkultur und westlicher Zivilisation. Welch letztere lückenlos und despotisch herrscht, unhinterfragbar ist, und deshalb nötigenfalls ohne Scheu mit Gewalt durchgesetzt wird. 

Es ist auffällig, wie eng Kostners Schaffen als Künstler wieder und wieder um eine Frage kreist: Der nach der Entstehung und Legitimität des Rechtsystems, in dem wir leben. 
Der Culture Clash könnte aber die Frage sein, ob es ein Recht gibt, das NICHT im Subjektiven wurzelt. Sodaß sich Gerechtigkeit als Motiv allen Rechts als Frage nach Zugang zu den immer transzendenten Quellen des Rechts sowie nach der Legitimität dieser Quellen herausstellt.

QR Trailer "Let him go"

Der Film steht also in einer inhaltlichen Kontinuität, die sich in den Hauptfilmen Kostners zeigt. Die alle die "Werdung des Rechts" zum Inhalt haben. "Let him go" ist damit aber sogar ein Western, und zwar im eigentlichsten Sinn. Das ist nämlich auch das Thema des Westerns! Es ist das Thema der Landnahme der Europäer, die den Kontinent überschwemmt und an sich gerissen haben, und deren Zivilisationswerdung. 

(Siehe Teil 4) Exkurs zu den Quellen des Rechts)

Man sieht diesen thematischen Kern im Schaffen Kostners auch daran, daß er gerne sogar als Produzent (wenn nicht Regisseur) mitmischt, wenn dieses Thema im Zentrum steht. Als Kampf um ein Rechtssystem und um einen Rechtsstaat, und zwar durch alles urtümliche Chaos durch.
Dieses Chaos ist aber - und das macht diese Filme von Kostner so interessant - von Frauen getrieben. Frauen, deren Willen die Männer aus Liebe durchsetzen. 
Dieser Wille ist aber nicht in Übereinstimmung mit einem objektiven Recht zu bringen, er nimmt darauf keine Rücksicht. Das Chaos ist also frauenbedingt, und wir werden davon bestimmt. 

Genau darum geht es auch in "Let him go - Laß ihn gehen", das im südlichen Minnesota und nördlichen Nord Dakota spielt. Ein Streifen Nordamerikas, der übrigens einen im Rahmen der USA weit überdurchschnittlich hohen Anteil deutschsprachiger Einwanderer hat, und deren Landnahme auf Kosten von Sioux-/Lakota-Indianerstämmen ging. 

Zwar kämpfen auch in "Let him go!" nur Männer. Aber sie kämpfen alle im Auftrag der Frauen.

Morgen Teil 2) Der Kampf des Matriarchats um das Recht endet in Gewalt.


*280321*

Samstag, 23. Januar 2021

Die ganz und gar legitime Vormundschaft

"Auf dem Festland essen sie Menschenfleisch. Sie sind mehr als irgendein anderes Volk unzüchtig. Gerechtigkeit gibt es bei ihnen nicht. Sie gehen ganz nackt, haben keine Achtung vor wahrer Liebe und Jungfräulichkeit und sind dumm und leichtfertig. Wahrheitsliebe kennen sie nicht, außer wenn sie ihnen selbst nützt. Sie sind unbeständig, glauben nicht an die Vorsehung, sind undankbar und umstürzlerisch. [...]

Sie sind gewalttätig und verschlimmern dadurch noch die ihnen angeborenen Fehler. Bei ihnen gibt es keinen Gehorsam, keine Zuvorkommenheit der Jungen gegenüber den Alten, der Söhne gegenüber den Vätern. Lehren wollen sie nicht annehmen. Bestrafungen nutzen bei ihnen nichts. [...]

Zu ihren Speisen gehören Läuse, Spinnen und Würmer, die sie ungekocht essen, wo sie sie nur finden. Wenn man sie die Geheimnisse der wahren Religion lehrt, erklären sie, diese Dinge paßten für die Spanier, aber für sie bedeuteten sie nichts, und sie seien nicht bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern. [...]

Ein je höheres Alter diese Menschen erreichen, desto böser werden sie. Wenn sie zehn oder zwölf Jahre alt sind, glaubt man noch, sie besäßen einige Höflichkeit und etwas Tugend, aber später entarten sie wahrhaft zu rohen Tieren. Ich kann versichern, daß Gott kein Volk je erschaffen hat, das mehr mit scheußlichen Lastern behaftet ist als dieses, ohne irgendeine Beigabe von Güte und Gesittung. [...]

Nein, das ist keine zeitgenössische Kritik und Anklage, und es stammt auch nicht aus den späten Tagen der Antike. Es ist einem Schreiben des Dominikanerpaters Tomas Ortiz entnommen, in dem er Mitte des 16. Jahrhunderts von dem Indianerrat in Madrid berichtet.

Die Diskussion im 16. Jahrhundert hat zwei elementare Seiten. Die eine ist, daß den Indianern auf Drängen der Kirche (Spanien hat in Philipp II. und seinem Vater Karl V. sehr fromme Könige) jedes Menschenrecht zugestanden wird. Eine Sichtweise, die vor allem gegenüber den stets sehr individuellen Charakterdefiziten der Soldaten mit unerhörter Strenge angediehen wird, so wenig sie denen auch gilt. Sie verfahren furchtbar mit den Menschen, denen sie überlegen sind. Meist unter enormem Schuldendruck, aber das rechtfertigt nicht den oft genug unfaßbaren Wahnsinn, der angerichtet wird. Die meisten sind aber, sobald sie in der Neuen Welt angekommen, bis über beide Ohren verschuldet, und wollen weil müssen aus den neuen sozialen Umfeldern herauspressen, was sie herauspressen können. Der Traum vom Reichtum ist für die allermeisten schon ausgeträumt, da haben sie noch kaum den Fuß auf den Strand der Neuen Welt gesetzt.

Aber da ist auch eine Sichtweise, die sich durchsetzt, und die tiefere Verankerung und Legitimation hat: Die Betrachtung der Indianer als Kinder, denen gegenüber man als Vormund handeln muß. Der Dominikaner Vitorio, der an sich nicht nur als Vater des Völkerrechts angesehen wird, sondern der auch als "Retter der Indianer" eingestuft werden kann, schreibt dazu: 

"Obwohl diese Barbaren nicht gänzlich ohne Urteilskraft sind, unterscheiden sie sich doch sehr wenig von den Schwachsinnigen. [...] Es scheint, daß für diese Barbaren dasselbe gilt wie für die Schwachsinnigen, denn sie können sich selbst nicht oder kaum besser regieren als einfältige Idioten. Sie sind nicht einmal besser als Vieh und wilde Tiere, denn sie nehmen weder feinere noch kaum bessere Nahrung als diese zu sich." [Ihre Dummheit] "ist viel größer als die der Kinder und Schwachsinnigen anderer Völker." 

Somit, schließt Francisco de Vitoria, ist es rechtens, in diesen (neuen) Ländern zu intervenieren. Denn damit kann eine Vormundschaft ausgeübt werden, die im Sinne des Gemeinwohls dieser Menschen, dieser Völker und dieser Welt notwendig ist. 

Der VdZ schreibt dies alles und an dieser Stelle nicht ohne Grund. Denn er sieht dies als nüchterne Bestandsaufnahme der Gegenwart, und damit auch als Menetekel dessen, was uns Abendländern dräut. Wir werden von stärkeren Mächten übermannt werden, so einfach muß man das sehen. Und das läßt unsere Zeit mit der des Spanien des 16. Jahrhunderts so ähnlich sein. 

Zumalen auch die Mächte, die uns überwinden (und darin ist alles nur noch eine Frage der Sichtbarkeit, nicht der Wirklichkeit) mit demselben Argument ihre Legitimation holen wie haben: Sie stehen Kindern gegenüber, die keine Tugend mehr haben, und sich zum Bösen entwickeln. 

Wir leben (dazu könnte man es komprimieren) inmitten einer sozialen Umgebung, in der der Nächste, ja wo jeder jeden der ein "anderer" ist, der also noch das hat, was man "Geheimnis" nennen könnte, der in jedem Fall aber "nicht ist wie wir", so betrachten, wie die Spanier des 16. Jahrhunderts die Indianer der Neuen Welt. 

Der springende Punkt ist aber der: Nicht, daß das etwas Neues wäre. Das gehört vielmehr zum Menschsein dazu, daß der Mensch das Menschsein von sich ausgehend ableitet. So wie Erkenntnis immer von sich ausgehen muß, sonst kann sie gar nichts erkennen. 

Der springende Punkt ist, daß es keine Gemeinsamkeiten als Gemeinschaft mangels einheitsbildender Macht der Wahrheit mehr gibt. Damit ... keine Freiheit mehr gibt. Daß somit alles, was sich heute als Gemeinschaft ausgibt, als Einheit, nur noch positivistisches, selbst- bzw. psyche-generierte Willenshaltung, Vorstellung, verpflichtende und verpflichtete Selbsttäuschung ist.

Diese Sichtweise, daß der andere "Wilder", "Indianer" ist, die - man schaue doch einfach genau hin! - so allgemein ist, daß man nicht weit suchen muß, weil sie hinter jeder Straßenecke hervorlugt - ist der wahre Grund für die Bevormundung, die wir in Medien, Politik, ja von so vielen und noch vieleren Stellen an uns getan wird. 

In einer Zeit gesagt, in der bald jeder jeden zu erziehen sich ankleidet, worin die Aussage doch mehr als deutlich wird, daß der GENERELLE Zustand der Menschen als so roh und barbarisch gesehen wird, wie die Spanier den Zustand der Indianer in der Neuen Welt beurteilt haben. Was bis zur Beurteilung der Nahrung geht, die wir zu uns nehmen.


*220121*

Donnerstag, 10. September 2020

Dinge, die zusammengehören

Bei vielen Indianerstämmen des amerikanischen Westens, beschreibt P. Wilhelm Schmidt in seiner "Geschichte des Eigentums", wird der Besitz des Verstorbenen nach seinem Tod vernichtet, ins Grab gegeben oder an Fremde verschenkt. Nur eher selten findet sich etwas, das man mit "Erbgut" bezeichnen könnte, also nach verschiedenen Gesichtspunkten hinterlassen und weitergegeben wird. Die Begründung ist weitgehend überall gleich: Man will den Schmerz vermeiden, indem man alles vernichtet, was an den Toten erinnert. Und das ist manchmal sogar das ehemalige Familienhaus. Sein Leichnam sowieso.

Es ist interessant, daß in unseren Kulturen das Auftreten der Verbrennung von Toten nicht nur mit dem Auftreten des Atheismus als Weltanschauung, sondern gleichzeitig mit den Gedanken der Verminderung oder Umverteilung eines Erbes durch Steuern gleichzeitig auftritt.*
Etwas, das bei uns tatsächlich weil massiv in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren durch politisch initiierte "Gesellschaftsreformen" einsetzte.
Nicht nur das, auch die Schlechtsprechung des Überkommenen, die Beladung der Tradition - auch das eine Auslöschung der Vorfahren - als Wurzel allen Übels mit Schuld, die in einem nächsten Schritt deren Beseitigung verlangt. 

Wie sie bei uns weitgehend noch in Einzelfällen, (auch wenn diese immer häufiger werden), in den USA bereits als Großbewegung stattfindet, von Denkmälern, Benennungen von Orten, und generell von Erinnerungsstellen erfolgt.  

Alles läuft auf dasselbe hinaus: Eine Auslöschung der Ahnen. Deren Folgen man bei den erwähnten Indianerstämmen exemplarisch ablesen könnte: Mit der Vernichtung und Ausschaltung des Erbes (als aktivem, präsenten Teil der jeweiligen nachfolgenden Gegenwart) hört jede Entwicklung auf.

Das ist auch dort der Fall, wo Kriege oder Seuchen oder Naturkatastrophen die physisch gewordenen Errungenschaften der Vorfahren (Häuser, Gebäude jeder Art, oder generell Einrichtungen des Erwerbes wie Staudämme, Stallungen usw.) vernichten. Was bis zum Sprichwörtlichen "Anfangen bei Null" gehen kann. 

Eine Haltung, die sich aber über kurz oder lang auch in einer Geringschätzung der jeweiligen Gegenwart äußert. Wer erfährt, daß der Mensch - also auch er selbst - nichts zu schaffen vermag, das über der Zeit steht, aus ihr herausgehoben ist, und damit ihn selbst überdauert, erfährt sich selbst, sein Leben, und somit auch das Leben seiner Nächsten als unbedeutend.

Weshalb eine Agenda zu oben genannter Gleichzeitigkeit von Erscheinungen unbedingt fehlt: Das der Verhütung von Nachwuchs einerseits, und das von seiner Auslöschung durch Abtreibung (also Eugenik) anderseits.


*Anfang der 1970er wurde auch im (wie Gesamtösterreich zum damaligen Zeitpunkt) von der SPÖ dominierten Geburtsort des VdZ (Amstetten in Niederösterreich) am Hauptfriedhof der Stadt ein "Krematorium" errichtet. So wurde der damals errichtete Neubau wenigstens kommuniziert, und das vertrat er somit für die Bevölkerung. Obwohl es noch so gut wie keine Einäscherungen gab! Die wurden damals nämlich noch als öffentliches Bekenntnis zum Atheismus gesehen, und das wollte niemand abgeben. 

(In Wahrheit wurden freilich damals wie heute Kremierungen in Niederösterreich nur in einigen zentralen Verbrennungsanstalten durchgeführt. Der Bau enthielt also - neben einer WC-Anlage - lediglich Räumlichkeiten zur Zwischenlagerung von Särgen, sowie einen angeschlossenen "neutralen" Einsegnungssaal, der wahlweise "Kapelle" oder "Verabschiedungssaal" hieß. Vom Aussehen her trug der Bau freilich schon den an einen Industriebau erinnernden Charakter eines Krematoriums, wie man es sich eben vorstellt.)



*240820*

Freitag, 3. Juli 2020

Weil es hier keine Indianer gibt

Als er die Bilder zu den Black Lives Matter-Demonstrationen in Wien sah, fiel dem VdZ eine Anekdote ein, die sich vor über zwanzig Jahren ereignete. Damals lebte und schrieb er in einer großartigen Terrassenwohnung über den Dächern Wiens, und genoß, wiewohl eigentlich in einer Millionenstadt, ein fast dörfliches, provinzielles tägliches Schauspiel auf den Straßen. Das hat wohl immer den Charme Wiens (und gewiß nicht nur Wiens) ausgemacht, daß man zwar einerseits Sitz und Herz eines großen Reiches und großer Ideen war, daß aber andererseits das Lebensumfeld eines Dorfes der Wiener hatte. 

Wien hat seine Lebensqualität, deretwegen die Stadt so gerühmt wurde, den zahllosen kleinen Räumen zu verdanken, die es dort gab. Den Grätzln, den Kleinbezirken, wo sich jeweils einige Straßenzüge, die sich irgendwie um ein Zentrum gruppiert hatten, in zahllosen Kleinigkeiten, Gebräuchen, Sitten, Sprachwendungen und Sprecheigenheiten voneinander so markant unterschieden, daß der eingefleischte Wiener schon am Aussehen, an der Gestalt und am Zungenschlag auf der Straße genau wußte, woher der Gegenüberstehende stammte. 

Die Wiener waren nicht "in Wien" verwurzelt, sondern in ihren Grätzln und Straßenzügen, in ihren wirklichen Lebensräumen. Noch einmal, das ist freilich nicht nur in Wien so (gewesen), das ist in allen Städten der Welt (gewesen), sonst wäre es nirgendwo lebenswert (gewesen). Das Universalistische, Abstrakte vermag nie zu verwurzeln, sondern es läßt des Menschen Seele leer und bodenlos, und deshalb auch so gefährlich, als Fremdes, das das je Eigene verdunkelt und zerstört, wo es noch wäre. 

All diese unzähligen Kleinräume waren auch voll mit Sonderlingen und Eigentümlichkeiten, die oft genug zum Schmunzeln anregen konnten. Sie machten auf jeden Fall ein Klima der Liebenswürdigkeit sichtbar, um das man weinen muß, denn es ist mehr und mehr verschwunden. Ja, es wird seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und im 20. Jahrhundert in größenwahnsinnigem Lebensbemächtigungswahn sogar gezielt zerstört - "umgestaltet" - worden.

Aber noch vor zwanzig Jahren fand man solche Eigentümlichkeiten. Auch auf den Straßen in jenem Wiener Grätzl in einem Bezirke "über der Donau". Nicht weit von jenem Kirchenbau entfernt, der als Kathedrale und Bischofssitz für eine vor hundertfünfzig Jahren unausbleiblich scheinende Teilung der Stadt und des Erzbistums angedacht und zu bauen begonnen worden war. Den man dann aber in einem Ernüchterungsschub zur Pfarrkirche reduziert hatte, die noch heute ihre ursprüngliche Sendung erahnen läßt. Und sei es durch den Platz, auf dem sie steht, und der eine geistige Größe vermittelt, der es heutigen Stadtplanungskonzepten so bedauerlich fehlt. 

Zum Alltagsbild dort, jedenfalls, gehörte auch ein damals schon älterer Mann, der mit seinem Schäferhund, der neben ihm hertrottete, seine täglichen Spaziergänge (oder soll man sie Inspiziergänge nennen?) unternahm. Sein braunes, schulterlanges, glattes Haar begrenzte er mit einem Stirnband, dessen Muster schon erklärte, warum man ihn "den Indianer" nannte. Diese Identität war kein Spott, sondern offensichtlich von ihm selbst so gewählt und gewollt, und seine Kleidung, sein Habitus ordnete sich entsprechend. Genauso, wie sein Alleinsein. Wie gesagt, es war nichts von Spott dabei, ursprünglich, wäre nicht seine Bemühtheit, sich als "Indianer" in jeder Hinsicht zu präsentieren, diese typische Tautologie des Narziß, der sich selbst spielt, aber nie ist, was zu sein er vorgibt. Und es versuche mal jemand, der in Wien - und das heißt immer: in einem Grätzl - geboren ist, "zum Indianer zu werden". Der wird bald sehen, wie (naiv gesagt) schwierig das sein kann. 

Dem VdZ ist es nie passiert, aber es wurde ihm zugetragen, daß es auch wenig Erfreuung enthielt, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Denn dieser Urwiener hatte eine Agenda, und das war die Sorge um die Indianer. Nun, es ist gewiß nicht so leicht, im alltäglichen Brotkaufen, an den Arbeitsstätten, in der Obsorge um Kinder, Weib und Hund auch noch Herzensraum für die Problematik eines Oglalla zu schaffen, dem man ein Stück Prärie heimtückisch abgeluchst hat, so tragisch oder furchtbar da vieles auch gewesen sein mag. Aber kein Wiener muß Sorge haben, daß er sein Seelenheil verfehlt, wenn er sich nicht dafür interessiert. Oder nicht über eine Petition an den US-Kongreß in Washington die Herausgabe eines Stückes Wald in Minnesota verlangt, das in der üblichen Art und Weise - dem Vertragsbruch, der meist einfach ein heimtückisches Unterlaufen von Vereinbarungen war, die in perfider schizoider Taktik der Sprache und damit der Vernunft entzogen wurden - im Jahre 1878 "unrechtmäßig" dem dortigen Cheyennevolk gestohlen wurde. Nein, zum Wiener-Sein gehört nicht unbedingt, sich dafür interessieren zu sollen, ganz gewiß nicht.

Anders für jenen einsamen Wolf. Der zwar jede menschliche Gesellschaft zu meiden vorgab (dabei sich, eiderdautz, umso eifriger als lebendige Botschaft genau an jene gemiedene Gesellschaft verstand), aber eines Tages doch zu einem von der Bezirksleitung arrangierten abendlichen Umtrunk einfand. Der Anlaß ist dem VdZ entfallen, oder kannte er ihn schon damals nicht einmal, denn er war offenbar so unwesentlich, daß er keiner Erinnerung wert war. 

Selbstverständlich war der Bezirksvorsteher - dem Range, der Stellung, der Befugnis nach einem Bürgermeister in einem beliebigen sonstigen Ort in Österreich gleichwertig - dabei. Denn wer läßt schon solche Gelegenheiten aus, sich dem zukünftigen Wähler (und Demokratie nach heutiger Praxis heißt praktisch immer im Zustande einer Vorwahl zu sein) als leutselig und sympathisch zu präsentieren. Was meist als "Mann wie Du und ich" interpretiert wird. Übrigens auch das ein schwerer Fehler, ja in Wahrheit eine Lüge, die niemandem verborgen bleibt, niemandem, schon gar nicht dem potentiellen Wähler.

Und vor allem als jemand, den jeder Bürger in seinen Anliegen ansprechen darf und sogar soll (angeblich), um dann zu beweisen, wie tatkräftig der Mann doch sein könne. Wie sehr er sich für die Sorgen und Nöte der von ihm regierten Menschen interessiere, wie sehr sie ihm ein Anliegen seien.

Dieses "ich tue etwas für die Leute" ist ja überhaupt das Mantra, unter dem jeder antritt, der ein Amt per Abstimmung anstrebt, es ist DAS Kriterium. So sehen es offenbar die Kandidaten, so sehen es noch mehr die Wahlstrategen und Werbeagenturen: Gewählt wird, wer am meisten verspricht, daß sich für den einzelnen Wähler die Stimmabgabe zähl- und meßbar rechnet. Weil er etwas für einen tut. Also ist jeder Kontakt auch bereits Gewählter (in der perennierenden Hoffnung, wiedergewählt zu werden) zu ihren Wählern oder Hoffentlich-Wählern ein permanentes Versprechen: Ich tue etwas für Dich, ich tue etwas für jeden.

Unser Indianer mußte genau dieses Versprechen im Kopfe gehabt haben, und er mußte daran glauben, als er sich nicht nur entschlossen hatte, diese abendliche Veranstaltung zu besuchen, sondern sich immer näher an den Vater der Gemeinde durch die dicht stehenden Menschen durch- und an besagten Mann heranarbeitete. Um ihm endlich gegenüberzustehen. 

Er baute sich auf, und blickte dem bald verlegen wirkenden Gemeindevorsteher fest in die Augen. Wohl so, wie es Winnetou selbst gemacht hätte, das wußte ja jeder, der die Karl May-Verfilmungen kennt, und damals kannte die sicher jeder Mann (der einmal Bub gewesen war).

Herr Bichlowetz, hub er mit fester Stimme an zu sprechen, darf ich Sie in einer wichtigen Angelegenheit etwas fragen?
Der Angesprochene faßte sich wieder, räusperte sich, und legte dem Indianer die Hand auf seine Schulter. Na selbstverständlich, stieß er nun aus. Wo drückt der Schuh?
Herr Bichlowetz, der Indianer wiederholte die Anrede, wohl um den Nachdruck zu erhöhen, mit dem er sein Anliegen präsentieren wollte. Ich habe die Frage an Sie ...
Der Angesprochene neigte sein Haupt, als wollte er den Bürger noch väterlicher ermuntern, ihm seine Worte gewissermaßen ins Ohr zu träufeln, auf daß sie dort umso leichteren Zugang weil Abfluß nach unten, ins Herz, finden mochten. 
... habe die Frage an Sie ...
Ja, bitte, wo drückt der Schuh? Bichlowetz lächelte nun, denn auch die übrigen ihn Umstehenden zeigten ein überlegenes Schmunzeln.

... also: Warum tut die Gemeinde nichts für Indianer?!

Einen Augenblick war Stille. Der Gemeindevorsteher wirkte reichlich verblüfft. Seine Verdutztheit zeigte die Unterlippe, die ihm mitsamt dem Kinne so nach unten rutschte, als wollte es jenes noch überholen. Wer ihn kannte, der wußte was das hieß: Der Bürgermeister dachte nach.

Und mit Erfolg. Als hätte ihn die Erleuchtung gestreift, huschte ein Lichtstrahl durch sein Gesicht, und der zog auch Lippe und Kinn wieder nach oben. Mit einem Wort: Bichlowetz straffte sich. Dann hob er zu sprechen an.

Weil es hier keine Indianer gibt. 

Was das mit dem Demonstrieren von sagenhaften fünfzigtausend Wienern zu tun hat, die mitten in Wien ein Beendigen des Rassismus gegenüber Schwarzen verlangten, ist dem VdZ freilich jetzt entfallen. Das Einzelne hat das Allgemeine, Verbindende, die Idee sohin, gewiß erdrückt.
Na, dem Leser fällt es möglicherweise leichter, jenen Zusammenhang herzustellen, der den VdZ wohl bewogen haben mochte, beim Sehen des Einen die Erinnerung an jenes gehabt zu haben.

Übrigens, so nebenbei: In diesem dem VdZ zugetragenen Geschichtlein fehlte bemerkenswert jede Aussage, was mit dem Indianer dann geschehen sei. Vermutlich ist er auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Zumindest würde das einem Dschingacscook oder Winnetou entsprechen. 



*270620*

Montag, 9. September 2019

Frankreich und der US-Katholizismus

Nur ein Gedanke sei aus diesem Interview herausgegriffen, das E. Michael Jones diesmal einem französischen Internetsender gab. In dem er auf die Rolle Frankreichs in der religiösen, geistigen Geschichte der Vereinigten Staaten eingeht. Denn Jones weist darauf hin, daß Amerika ZWEIMAL von französischem Katholizismus tief geprägt wurde. Und jedes Mal hat sich ein Kampf gegen den logos entzündet, der diesen Geist mit Gewalt austrieb. Von wem? Von einer Allianz aus jüdischen und protestantischen Kräften.

Die erste historische Stufe war den französischen Jesuiten zuzuschreiben. Die ab der Mitte des 17. Jahrhunderts eine äußerst erfolgreiche Missionierung der Indianer starteten, die binnen Jahrzehnten - mit dutzenden Märtyrern als Opfer am Weg - große Teile der Urbevölkerung zum Katholizismus bekehrten. Vor allem im Gebiet der Großen Seen fanden sich die englisch-protestantischen Einwanderer einer rasant wachsenden katholischen Bevölkerung gegenüber. Das wurde durch massiven Einfluß der Freimaurerlogen Englands durch die militärische Intervention Englands, die Kanada britisch machte, zerstört. Bis es zur in rein protestantischem, säkularem, aufklärerischem Geist gegründeten USA kam. Eine Geschichte, die kaum weniger massiven "wirtschaftlichen" Kräften zuzuschreiben war, die sich unter Zurückdrängung der Religion aus dem öffentlichen Leben (was vor allem ein Kampf gegen die Katholische Kirche war) freie Hand in der Entwicklung des Kapitalismus entfaltete. Und nun, durch die Privatisierung der Religion (die als Fortschritt in der Freiheit verkauft wurde), die Kirche als Korrektiv für jeden Staat entmachtete.

Der zweite Fall war das Ende der Phase des Neo-Thomismus, wie er - wieder - unter dem starken Einfluß französischer Intellektueller wie Jacques Maritain in den 1920er, 1930er Jahren große Resonanz fand. Zu dieser Zeit war die Kirche in Amerika enorm stark, und hatte sogar die reale Macht, das jüdische Hollywood über den Einfluß auf die Gläubigen als Kinobesucher im Griff zu halten. 

Das endete 1942 mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour, der allen historischen Belegen nach zwar nicht von den USA durchgeführt, aber zumindest provoziert und dann (unter vollem Wissen, was kommt) zugelassen wurde. Bis zu diesem Moment hatte die konservative, stark katholisch geprägte "America First"-Bewegung die Staaten bei einem strikten Nicht-Einmischungs-Kurs gehalten.

Mit Pearl Harbour endete diese "katholische Phase" abrupt. Das FBI suchte kurz nach dem Angriff am 7. Dezember 1942 die Büros der Bewegung auf, und beschlagnahmte alle Mitgliederlisten. Ab diesem Zeitpunkt wandelte sich Amerika zu einem Imperium, das seither und in zunehmendem Maß die Welt terrorisiert hat. Ab diesem Zeitpunkt war es unamerikanisch, der katholischen Soziallehre und Anthropologie zu folgen, die den Menschen unbedingt in einer Lebensumwelt verwurzelt sieht. Der nach 1945 folgende Kalte Krieg öffnete dem social engineering Tür und Tor. 

Das sich zum Ziel gemacht hatte, eine "amerikanische Identität", eine amerikanische Bevölkerung aufzubauen. Es begann mit dem Massentransport von schwarzen Arbeitern aus dem Süden in die Industriezentren des Nordens, wo man sie mitten in die ethnischen Gruppierungen verpflanzte, die sich binnen weniger Jahre auflösten. Und deren Bewohner zu identitätslosen Konsumenten machte, in der die so spezifischen, festgefügten sozialen Räume verdunsteten, und die nunmehr isolierten, vereinzelten Menschen zu wehrlosen Opfern staatlicher Interessen machte.

Damit war zum zweiten Mal der von Frankreich ausgehende katholische, abendländische Geist besiegt. 

Es gibt freilich noch einen dritten Sündenfall dieser Art, nur hat er nicht diese erkennbaren Zusammenhänge mit Frankreich. Aber die Ereignisse von 9/11 können durchaus als nächster Schritt des social engineering gesehen werden. Auch hier - nicht gemacht, davon dürfen wir wohl ausgehen, aber auf erschreckende Weise zugelassen. Er hat die Amerikaner der staatlichen Beeinflussung und Steuerung, im besonderen aber dem "amerikanischen Imperium", auf eine kaum noch zu begrenzende Art unterworfen. Und sie den verzweifelten Bestrebungen, das weltweite Imperium zu erhalten, ausgeliefert. Diesmal auf der Grundlage der social media, das Internet als Vehikel, das über eine zunehmend restriktive Art die Bevölkerung (weltweit) zu steuern versucht. Vielleicht haben wir es schon vergessen, aber das Motto, unter dem diese Beschränkungen liefen und laufen, ist "Terrorismus".
Aktueller Hinweis: Nachdem immer wieder sämtliche Videos von E. Michael Jones auf Yotube gesperrt wurden, bringen wir den Link zu seiner Webseite CultureWars.com, wo sämtliche Videos abrufbar sind.






Sonntag, 29. April 2018

Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christenheit (3)

Teil 3)


Als die Mohawks als nächstes dem Jesuitenpater Speere ins Fleisch stoßen, betet der laut: Jesus, habe Erbarmen mit uns! Und die Huronen, die mit ihm gemartert werden, wiederholen seine Worte. Um diesen Priestergiganten endlich zum Schweigen zu bringen, schneiden ihm deshalb die Peiniger die Unterlippe weg. Dann nehmen sie einen Speerschaft und stoßen ihm diesen in den Rachen. Aber immer noch gibt Brébeuf keinen Schmerzenslaut von sich. 

Also holen sie nun seinen jungen Mitbruder, Pater Gabriel Lalement. Auch er ist nackt. Sie schnallen rund um seine Hüfte einen Gürtel aus Birkenrinde. Wir werden zu einem Spektakel für die Welt gemacht, für die Engel und die Menschen, ruft Lalement aus. Er wird an einen Marterpfahl direkt neben Brébeuf gebunden, ehe die Mohawks seinen Gürtel anzünden. 

Mittlerweile haben die Indianer rund um Brébeufs Nacken ein Halsband aus rotglühenden Tomahawk-Klingen gelegt, vorne drei, hinten drei. Das hat den Sinn, daß er jedesmal, wenn er seinen Oberkörper um den Schmerz zu lindern nach vorn oder nach hinten beugt, von der anderen Seite umso mehr verbrannt wird. Wieder stößt er aus: Jesus, hab Erbarmen mit uns! 

Die Indianer toben vor Haß und Wut, weil sie den Pater nicht brechen können. Zunächst schnallen sie auch ihm einen Hüftgürtel aus Rinde um und stecken diesen in Flammen. Und nun treten Huronen, die vom Glauben aus Angst vor den Martern abgefallen sind, an ihn heran, und gießen ihm in einer Nachäffung der Taufe kochendes Wasser über den Kopf und verspotten ihn: Wir taufen Dich, damit Du im Himmel glücklich bist! Du weißt ja, ohne gute Taufe kann niemand gerettet werden! Du hast doch immer vom Wert des Leidens erzählt, Du solltest also glücklich sein, daß wir Dich leiden lassen. 

Immer noch gibt Brébeuf keinen Klagelaut von sich. Nun werden ihm aus seinen Beinen Streifen von Fleisch geschnitten. Das die Indianer dann vor seinen Augen essen in der Hoffnung, endlich den außergewöhnlichen Mut des Priesters zu brechen. Der aber betet laut für seine Peiniger. Die Indianer toben immer mehr vor Wut. Sie schneiden ihm die Nase ab, dann seine Oberlippe, und schließlich seine Zunge. Sie stecken ihm eine brennende Fackel in den Mund und reißen ihm die Augen aus den Höhlen. Dann schleifen sie ihn zu einem Podest und schneiden ihm die Füße ab. Daraufhin skalpieren sie ihn. Schließlich öffnen sie seinen Brustkorb, reißen ihm das Herz heraus und essen es. In der Hoffnung, den außergewöhnlichen Mut des Priesters in Besitz zu nehmen, trinken sie sein Blut, bis sie dem Leichnam mit einem Tomahawk das Gesicht spalten. 

Pater Lalement wird noch die ganze Nacht weitergefoltert, langsam und sorgfältig, um ihn nicht vorzeitig zu töten. Also bringen sie ihn stets nur an den Rand des Todes, um ihn dann wieder ins Leben zurückzuholen. Im Morgengrauen schneiden sie ihm die Zunge heraus, reißen ihm die Augen heraus, stecken ihm glühende Kohlen in die leeren Augenhöhlen, und schneiden ihm dann die Hände und die Füße ab. Aber das Herz des jungen Priesters schlägt immer noch. Also schneiden sie auch ihm Fleisch vom Körper und essen es, skalpieren ihn, öffnen seinen Brustkorb und schneiden ihm das Herz heraus, essen es, trinken sein Blut. Auch er hat während der ganzen Tortur nicht einen Moment geklagt.

Dabei wäre Lalement gar nicht zur Mission vorgesehen gewesen. Seine Oberen zweifelten an seiner Konstitution. Er sei zu schwach für die Härte der Mission in Kanada, meinten sie. Vielleicht stimmt es, vielleicht war er physisch wirklich nicht der Stärkste. Trotzdem hielt er sechzehn Stunden der härtesten Martern durch.


***

Am Ende der "Biberkriege" 1640 bis 1701, in denen die Irokesen ihr Stammesgebiet ausweiten und sich das Monopol als einzige Fellhändler (und als Mittler zwischen den Weststämmen und den Handelsniederlassungen an der Ostsee) aneignen wollten, werden die christianisierten Huronen (neben anderen mit den Franzosen verbündeten Stämmen) durch die vereinten Südstämme der Irokesen unter der Führung der Mohawk in einem Genozid vollständig ausgelöscht oder vertrieben sein. Sie konnten den Angriffen von Feinden, die in Gier und Haß keine Grenzen kennen und keine Grenzen kennen wollen, die in Dämonie versunken sind, nicht standhalten. Es war einer der grausamsten, blutigsten Kriege in der Geschichte Nordamerikas, der die gesamte Geographie der Indianer Nordamerikas dauerhaft veränderte. Die Huronen sind letztlich als Märtyrer gestorben. Wenige Jahre später verloren die Irokesen die niederländischen Händler, und die immer zahlreicher einsiedelnden Franzosen und Engländer übernahmen den Handel selbst. Letztlich war also alles umsonst gewesen.

***

Den vollen Sinn und Wert des stellvertretenden, sühnenden Leidens, den Wert des Martyriums, können wir nur begreifen, wenn wir begreifen, daß die Getauften in der Kirche in einem geistigen "mystischen" Leib zusammengeschlossen sind. In diesem Zusammengehören kraft der Taufe als "Kirche" ist das, was dem Teil geschieht, dem Ganzen geschieht, und umgekehrt.

Es ist ein Organismus und insofern eine Antwort auf den Universalienstreit des späten Mittelalters, der die Möglichkeit, die Erlösung Christi zu begreifen, immer mehr ausgetrocknet hat, weil er die Stellvertretung nicht mehr begreifen ließ. In dem es nämlich darum ging, ob universale Begriffe, Abstrakta sozusagen, Gattungsbegriffe, übergreifende, zusammenfassende Begriffe eine objektive Wirklichkeit sind oder nur Gedankendinge. Denn wenn sie geistige, abstrakte, aber reale Wirklichkeiten sind, kann diese Stellvertretung gedacht werden. Letztendlich läßt sich also auch die Erlösung durch Jesus Christus nur dann begreifen, wenn wir begreifen, daß Christus "als Mensch" dieses "volle Menschsein an sich", an dem wir teilhaben, je mehr wir Christus ein- und angehören, ihm ähnlich sind, in das göttliche innertrinitarische Leben hineingeholt hat. Durch seine Fleischwerdung.

Die Märtyrer Kanadas, von deren einigen oben gehandelt wird und von denen es insgesamt hunderte, wenn nicht tausende gibt, haben also mit Gewißheit der Kirche insgesamt, aber auch dort, jenen Boden bereitet, aus dem sie sich in Kraft entfalten hatten können. Immerhin war Kanada zumindest in seinem französischen Westen - also dem Raum der katholischen Kirche - immer ein tief katholisches Land gewesen. Daß es heute mit umso größerer Vehemenz von den Dämonien der Gegenwart gebeutelt wird - Genderismus, political correctness, Verrücktheiten sonder Zahl sind dort auf eine Weise implementiert, die man nur noch als kollektiven Wahnsinn bezeichnen kann - kann man deshalb nur als ebenso wütenden Haß verstehen, wie ihn die Mohawk angesichts des unglaublich mutig ertragenen Martyriums der beiden Jesuitenpater Jean le Brébeuf und Gabriele Lalement erfaßt hat. Denn es ist tatsächlich das Blut der Märtyrer, das den Samen der Christenheit bedeutet.



*190418*

Samstag, 28. April 2018

Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christenheit (2)

Teil 2) Einfügen in die Lebenswelt


Dabei stellte Jean de Brébeuf fest, daß die Sprache der Huronen viele Begriffe nicht kannte, die aber für ein Verständnis des Glaubens unumgänglich waren. Die Franziskaner zuvor hatten dies dadurch "gelöst", also sie die fehlenden Begriffe durch englische oder lateinische Wörter einführen wollten, was natürlich ohne jeden Erfolg blieb. Brébeuf verfaßte hingegen nicht nur in jahrelanger Arbeit eine Grammatik des Huronischen, sondern versuchte, das in diesen notwendigen Begriffen erfaßte in Huronisch zu umschreiben.

So kannten die Huronen die Begriffe Vater oder Mutter oder Bruder etc. nicht. Obwohl ihre Sprache in vielerlei Hinsicht durchaus komplex und vollständig war (Fälle, Geschlecht etc.) kannten sie diese Beziehungen nur, wenn sie in Verbindung mit einem Possessivpronomen vorkamen, also: Mein, Dein, etc. So konnten sie aber schon mit dem Kreuzzeichen "Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes" nichts anfangen! Brébeuf dachte lange nach, und suchte schließlich bei den Ordensoberen in Frankreich um die Genehmigung der Formel "Im Namen unseres Vaters und seines Sohnes und ihres Heiligen Geistes" an. Was theologisch subtil und wahr ist, und ihm auch gewährt wurde.

Die Jesuiten in der Mission waren intellektuelle Giganten, hoch gebildet und kultiviert. Doch sie nahmen auf sich, sich in primitivste Gesellschaften zu integrieren, und die Wahrheit des Glaubens vollgültig und wahr in die einfachen Verhältnisse zu transformieren. Brébeuf erhält bald unter den Huronen den Spitznamen "Der Mann, der alles trägt". Sie akzeptieren und mögen ihn, aber dennoch muß er ständig damit rechnen, daß sie ihn umbringen. 

Das Martyrium

Mitte der 1640er Jahre bricht der "Biberkrieg" aus. Die südlichen Irokesenstämme dringen in die Bibergründe der großen Seen im Norden ein, und machen den Huronen eine ihrer Lebensgrundlagen streitig. Am 16. März 1649 haben Pater Brébeuf und sein junger Mitbruder Lalement gerade die Messe fertig gelesen, als die Irokesen auch das Huronendorf überfallen, in dem die Jesuiten leben. Und deren Bewohner großteils bereits christianisiert sind. Alle werden gefangen genommen. Die meisten Huronenchristen werden auf der Stelle abgeschlachtet, ihre Schädel mit Tomahawks gespalten, ihre Kehlen durchgeschnitten. Alte, Kranke, Kinder, Frauen werden in Langhäuser getrieben und diese angezündet, sie verbrennen bei lebendigem Leib. 

Brébeuf und Lalement werden wie die noch verbliebenen Huronenchristen gefesselt und in das Nachbardorf St. Ignatius (alles in Ontario, an der Ostseite des Lake Huron/Huronsees) getrieben, das die Irokesen bereits zuvor geplündert und niedergemacht hatten.

Es gibt Berichte von den nun folgenden Ereignissen durch später entflohene Huronen, die es bis zur Jesuitenmission schafften. Der Jesuit Christophe Regnault ging daraufhin an den Ort des Todes der beiden Mitbrüder zurück, und fand deren Überreste und die Spuren der Ereignisse so, wie es berichtet worden war. Sein Bericht geht wie so viele andere Berichte sofort nach Frankreich.

Die Jesuitenpater werden zwar als das besondere Objekt der Folter angesehen, gemartert werden aber alle gefangenen Huronenchristen. Die mit dem rituellen "Gassenlauf" beginnt. Einem Spießrutenlauf, wo die Opfer von den eine Gasse bildenden Indianern (in der Mehrheit Mohawks, aber auch andere Stämme aus der "Allianz der sechs") mit allem geschlagen werden, was denen in die Hände kommt. Bleiben sie stehen, werden sie totgeschlagen. Zusammen mit den Huronenchristen, reißt man den Patres die Kleider vom Leibe und schickt sie in die Gasse. Mit Müh und Not überstehen die Jesuiten diesen ersten Durchgang

Währenddessen haben andere Mohawks und Algonkins und Seneca bereits Wälle aus Feuerholz und Ästen rund um die Marterpfähle aufgerichtet und entzündet. Zunächst aber werden die Jesuiten mit den Huronenchristen gemeinsam in eine kleine Hütte gesperrt, die einmal als Kapelle hergerichtet hätte werden sollen. Die Christen trösten einander, die Priester erteilen allen nacheinander die Absolution. Schließlich holt man Brébeuf und die Huronen zur Marter.

Im nun beginnenden nächsten Durchgang (die Irokesen sind berühmt dafür, daß sie Marteropfer nur soweit quälen, als sich diese wieder erholen, so daß die Qualen über Tage gestreckt werden können) werden den Gefangenen die Finger gebrochen. Dann werden alle Fingernägel herausgezogen, und alte Frauen und Kinder kommen und nagen an den Enden der Finger. Dann wird Brébeuf allen voran an den Marterpfahl gestellt und daran gefesselt. Als der Pater an seinem Pfahl herantritt, küßt er ihn.

Zunächst legen die Indianer Glutnester um seine Füße, und fahren ihm mit brennenden Fackeln am Körper langsam hinauf und hinunter.  Besonders langsam sind sie zwischen seinen Beinen, in den Achselhöhlen, und um den Hals. Das Fleisch des Heiligen beginnt bereits Blasen zu bilden. Aber er gibt keinen Laut von sich. Das beeindruckt sichtlich die Peiniger. Deshalb beginnen sie, ihm mit ihren Messern tiefe Fleischwunden zuzufügen. 

Während aller dieser Torturen wendet sich Brébeuf immer wieder an seine Mitbrüder, die mit ihm gemartert werden, und tröstet sie: Meine Söhne, sagt er, meine lieben Brüder, laßt uns in unserer Bedrängnis die Augen zum Himmel heben! Laßt uns nicht vergessen, daß Gott Zeuge unserer Leiden ist, und schon bald wird er unsere alles übertreffende Belohnung sein. Laßt uns im Glauben sterben, laßt uns auf ihn und auf die Erfüllung seiner Verheißungen hoffen. Ich habe um euch mehr Sorge als um mich. Bleibt fest, am Ende unserer Leiden erwartet uns die Fülle der Gnade, und die Glückseligkeit wird ewig währen. 


Morgen Teil 3)



*190418*

Freitag, 27. April 2018

Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christenheit (1)

1539 wurden die Jesuiten gegründet. 1615 hatten sie bereits dreizehntausend Mitglieder, obwohl der Gründer des Ordens, der Hl. Ignatius von Loyola, die Höchstzahl der Mitglieder auf sechzig begrenzt hatte. Der Zulauf war enorm, dabei waren sie durch ihre ungeheure Strenge bekannt. 1645 betrieben sie am europäischen Kontinent bereits fünfhundertzwanzig Hochschulen und Seminare.

In einem Zeitalter, in dem die Wissenschaft erstmals in Europa zu einer nie gesehen Blüte kam, gehörten die Jesuiten zur absoluten geistigen Elite des Kontinents. Fünf, sechs, sieben Sprachen waren üblich, und unter heutigen Bedingungen würde wohl jeder der damaligen Jesuiten zu den Hochbegabten zu zählen sein, die ein Leben in Forschung und Wissenschaft vor sich hätten.  

Aber sie sahen eine ihrer Hauptaufgaben - neben Bildung und Erziehung - in der Mission. Und trotz ihrer intellektuellen Führerschaft in Europa, war der Drang der Jesuitenbrüder in die Mission, wo sie auf alles das verzichteten, das ihnen in Europa Ansehen und Anerkennung hätte bringen können, so groß, daß die Ordensoberen im 17. Jahrhundert extrem sieben mußten und konnten. Denn gerade die Besten drängte es am stärksten in die Welt, um das Evangelium zu verbreiten und den Menschen die Erlösung zu bringen. Sie sahen mit der allergrößten Klarheit die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, begriffen am hellsten, was diese Erlösung brachte. 

Und in der Mission kam es ganz besonders auf ein Leben im Streben nach Heiligkeit an. Den Jesuiten war damals völlig klar, daß nur ein Heiliger auch missionieren konnte. Missionare mußten also nicht nur psychisch absolut stabil und intellektuell auf voller Höhe sein, sie mußten vor allem im geistigen und geistlichen Leben auf voller Höhe sein. Und die Glanztaten die die damaligen Jesuiten erbrachten, stehen bis heute an Ehrenplätzen in den Geschichtsbüchern.

Umso mehr ist dieser Drang der damaligen geistigen Elite in die Welt bemerkenswert, als sich bald herausstellte, daß ein Missionar nicht nur oft mit extremen Strapazen und Anforderungen fertig werden, sondern überaus häufig mit dem Martyrium rechnen mußte. Allein zwischen 1645 bis 1660 wurden zweihundert Jesuiten von Indogenen umgebracht. Kaum ein Jesuitenmissionar erlebte sein vierzigstes oder gar ein fünfzigstes Lebensjahr, ein höheres Alter war überhaupt extrem selten. Und dennoch drängten die Jesuiten in Europa darauf, ließen ein Leben an Universitäten und in Lehrstuben zurück, um unter den härtesten Bedingungen den Glauben zu verbreiten. Getrieben von einer Liebe zu den Seelen, wie sie eben Heiligen ansteht.

Dafür hatten sie Erfolge, die zuvor nie gesehen wurden, und die die manchmal doch recht dürftigen Erfolge der Franziskaner weit in den Schatten stellten. Franz Xaver etwa, der später in China starb, hatte alleine in Indien, wo die portugiesischen Franziskaner kaum etwas weitergebracht hatten, schätzungsweise eine Million Menschen getauft und bekehrt. Er war es auch, der hundert Jahre vor den Ereignissen in Kanada, von denen unten die Rede sein wird, die jesuitische Missionsmethode begründete. Die immer erst eine lange Phase des genauen Studiums der Gastkultur vorsah. Ja, erst einmal mußte sich der Missionar quasi assimilieren, erst dann konnte er missionieren. 

Also sollten, auf der Basis einer bestmöglichen Sprachkenntnis, Ähnlichkeiten mit dem katholischen Glauben erkannt und als Anknüpfungspunkt verwendet werden. Das persönliche Vertrauen wurde dadurch gewonnen, als jeder Missionar sich bemühte, die Lebensweise der indigenen Völker so weit wie möglich anzunehmen und als "einer der ihren" unter ihnen zu leben.

Die Mission in Neufrankreich-Kanada

Als einer der härtesten Böden für eine Mission galten die Indianer Nordamerikas. Teilweise lebten die Indianerstämme in Zuständen, die unbeschreiblich waren. Das galt vor allem für die meisten der Stämme in Neufrankreich im Osten des heutigen Kanada, wo im Gebiet der großen Seen im Süden die sogenannten "Sechs Stämme" lebten, die unter dem Sammelnamen "Irokesen" ein so passables "Föderalsystem von Staaten" eingerichtet hatten, daß es sogar für die Gründerväter der Vereinigten Staaten gewisse Vorbildfunktion hatte. Ihnen standen nördlich der großen Seen die Huronen gegenüber, deren kultureller Zustand ganz besonders erbärmlich war.

Wir haben heute ganz umfassende Berichte und Schilderungen aus jener Zeit und von jenen Kulturen. Denn jeder Jesuitenmissionar sandte fortlaufend Bericht an die Zentrale in Paris. Dort sammelte man diese Berichte und legte so im Laufe der Zeit eine schließlich siebzig gewaltige Folianten umfassende Chronik an, das heute ein unschätzbares Archiv genauester Kultur- und Tätigkeitsbeschreibungen darstellt. Und aus dieser Chronik stammt auch der Bericht von einem der unglaublichsten Fälle von Martyrium, dem von Jean de Brébeuf, der am 16. März 1649 als Märtyrer starb. Ihm zur Seite sein weit jüngerer Mitbruder, Gabriel Lalement.

Jean de Brébeuf

Jean de Brébeuf wurde am 25. März 1593 in Frankreich geboren und trat erst im Alter von vierundzwanzig Jahren dem Jesuitenorden bei. Nach Studium, Noviziat und Priesterweihe, sowie drei Jahren als Universitätslehrer in Rouen ging er endlich, seinem brennenden Wunsche nach, 1625 nach Neufrankreich (Kanada). Er blieb bei den Huronen für den Rest seines Lebens, also 24 Jahre, bis zu seinem schrecklichen Tod. 1925 wurde er selig-, zusammen mit sieben weiteren Jesuiten-Missionaren 1930 heiliggesprochen. 1940 erhob ihn Papst Pius X. zum Patron Kanadas.

Als Brébeuf in Quebec in Kanada ankam, das damals ein kleines Fort von der Größe eines halben Fußballfeldes war, war die Mission durch die Franziskaner dort so gut wie gescheitert. Mit unendlicher Geduld näherte sich der Jesuit den ersten Huronen, ging ihnen immer tiefer nach und lebte schließlich drei Jahre mitten unter ihnen, teilte vor allem ihre harte Lebensweise. Dabei sprach er drei Jahre praktisch kein Wort, sondern hörte nur zu, studierte nur ihre Sprache und ihre Lebensweise. Aber noch immer blieb er äußerst vorsichtig, lebte dazu in ständiger Todesgefahr, denn ein ausbleibender Regen, einmal Unglück bei der Jagd, und er hätte jederzeit erschlagen werden können. Aber das unterschied sie auch fundamental von den Missionsbestrebungen der Protestanten, die diese Wege nie gingen und entsprechend erfolglos blieben.

Ganz langsam gewann Brébeuf die Zuneigung und das Vertrauen der Indianer, schließlich adoptierte ihn sogar eine alte Frau, und er war fortan halbwegs geschützt. Aber erst 1635 ließen sich die ersten Indianer taufen. Als 1640 eine Windpockenepidemie fast die Hälfte der Huronen hinwegraffte, begannen ihn die Huronen ob seiner Furchtlosigkeit, mit der er bei ihnen aushielt, endgültig zu bewundern, und erste Massentaufen fanden statt. Bald nahm die Bekehrung der Huronen großen Umfang an, und der ganze Stamm änderte nach und nach seine Lebensweise. Es sollte sich für sie tragisch auswirken, umso mehr verdienen sie unsere Achtung. Denn den Indianern waren die Folgen wohl bewußt: Das Christentum macht auf eine gewisse Weise gegen das Böse wehrlos, denn es ist durchdrungen vom Prinzip, daß kein Gut durch ein schlechtes Mittel angestrebt werden kann. Diese Wahrheit über das Sein ist das vielleicht am meisten am Christentum Unterschätzte.

Die Lebensumstände der Huronen

Bis zum Eintreffen Brébeufs lebten die Huronen in unsäglichen Zuständen. Sie wohnten (wie fast alle der Indianerstämme in Neufrankreich) zu zwanzig bis vierzig Menschen unterschiedlichster Familien in aus Rinde und Ästen erbauten Langhäusern, in deren Mitte offene Feuer als Kochstelle und Wärmequelle in den extrem kalten, langen Wintern und überaus feuchten Übergangszeiten brannten. Nur ein kleines Abzugsloch im Dach ließ den Rauch entweichen. Somit fiel einem im Inneren ob des bissigen Rauchs das Atmen schwer, und die Augen Brébeufs waren ständig rot, tränten und bissen.

Die hygienischen Umstände waren extrem. Jeder urinierte oder defäkierte wo immer es ihm gerade einfiel. Dazu kamen die Hunde, die ein gleiches taten. Dennoch spielten die Kinder am Boden. In den Hütten stank es bestialisch. Man wusch sich kaum. Was für ein gewaltiger Unterschied etwa zu den in Mexiko lebenden Azteken, die hygienischer lebten als die eintreffenden Spanier.

Überall herrschte aggressive Promiskuität. Orgien standen an der Tagesordnung. Was mit sich brachte, daß die Stämme viele Fragen wie das Erbrecht matrilinear (aber patriarchal) geregelt hatten, weil kaum jemand seinen Vater, sondern nur seine Mutter kannte. 

Regelmäßig fand ritualisierte Folter statt, und zwar an Gefangenen und Sklaven ebenso wie willkürlich aneinander. Die mit Methoden ungeheurer Brutalität und Raffinesse ausgeführt wurde. Die Nahrung war übelschmeckend, nährstoffarm, zufällig und primitiv, und nach hygienischen Gesichtspunkten widerlich. Die Grundnahrung bestand aus in bloßem Wasser gekochtem, geschmacklosem Wildgetreide, ab und zu mit Aal oder was eben leicht gefunden wurde. 

Schamanen und Medizinmänner hatten Einfluß auf jede Lebensregung, und hielten die indianische Bevölkerung in einer Atmosphäre pausenloser Furcht und Unberechenbarkeit, also in einer alle beherrschenden Dämonie. Sie vor allem davon zu befreien war Brébeufs innerstes Anliegen, und sein Herz brannte in einer Liebe zu diesen Menschen, wie sie eben Heiligen möglich ist. Er wollte ihre Seelen retten, wollte ihnen die Erlösung von dieser Dämonie bringen.


Morgen Teil 2) Einfügen in die Lebenswelt



*190418*

Mittwoch, 1. November 2017

Nie von seinem Volk trennbar

Die Wahrheit in die Welt zu holen heißt, das Denken des Denkens selbst (also das Denken Gottes, der das Sein ist) in die Welt zu holen, ihm in der menschlichen Sprache ein passendes Kleid anzuschneidern, wenigstens mit der Zeit. Niemand erträgt aber auf Dauer, die Wahrheit zu denken (das ein Offensein für die Wahrheit, also Gott ist, um im Gehorsam Mensch und Gott anzugleichen; das ist es, was man Sittlichkeit nennen kann) und falsch, also nicht der Wahrheit gemäß, zu leben.

Denn wahr zu denken aber falsch zu leben heißt, ständig das Gericht ganz konkret mit sich herumzutragen. Also muß man sich entscheiden. Die Entscheidung der allermeisten Menschen fällt eindeutig zugunsten des faktischen So-Seins ihrer Fleischlichkeit aus, und seiner Tendenz, sich in der Welt zu verbergen, sich ihr anzugleichen (nicht: Gott). Zu viel wäre zu tun, zu schmerzhaft wäre das Leben als Prozeß selbst, denn dann würde es das, was es ja eigentlich ist: Fegefeuer. Sie schieben dieses Fegefeuer in vager Hoffnung, daß es dafür reicht (und nicht in völliger Abwendung vom Sein, also in der Hölle endet), auf. 

Das ermöglicht zwar noch Stücke "richtigen" Denkens, also auch richtigen Sprechens, aber nie darf man sich dabei zurücklehnen. So zu leben, so zu denken ist also auch anstrengend, man kommt nie zur Ruhe. (Das erklärt auch die Vielzahl von "Methoden", mit denen man zur Ruhe zu kommen versucht, auch ohne Wahrheit. Man überläßt die Anstrengung einer Technik, einer Maschine, die tun soll, was man selbst nicht vermag. Gleichzeitig muß man das Denken, die Sprache verwischen.)

Das ist der Grund, warum die Menschen nicht wahr denken wollen, und ihre Sprache, ihr Denkgebäude dem Fleisch anpassen, nicht dem Sein selbst. Das ist der Grund, warum sie mit der Zeit auch ihre Sprache entgründen, die Begriffe verwischen, im Unklaren lassen. Denn die Last des Gerichts (also des Gewissens) ist auf Dauer zu groß.

Wahr zu denken, als das einzige wirkliche Denken ist aber nicht so sehr die Frage, ob man bereits alle Tugenden besitzt. Es ist vielmehr eine Frage der Bereitschaft, sich dem Gericht - der Wahrheit - zu stellen und immer auf sein Urteil zu hören. Aber wehe dem Denken des Menschen, der diesem Urteil nicht letztlich folgt. Es wird trübe.


Nach K-apisehimuh (Ottawa-Indianer), Der große Geist



*041017*

Sonntag, 22. Oktober 2017

Unterwerfung der Indianer Europas

Wenn wir uns öffnen, wenn wir uns hingeben, können wir die Wirklichkeit oder den Geist vieler Dinge erkennen - "die wirkliche Welt hinter dieser, und alles was wir hier sehen, ist wie ein Schatten jener Welt," um es in den Worten Black Elks zu sagen. Wenn wir uns in Resonanz mit diesen Geistern, unsere eigene Mitte mit ihnen zusammenbringen, dann können sie zu uns sprechen, uns lehren, uns führen, uns helfen, uns schützen und uns mit der Macht ausstatten, die in allem manifestiert ist.

[Hier wird es natürlich problematisch. Dazu ein andermal mehr. Kurz diesmal nur: Es geht nicht über Medialisierung, die K-apisehimu hier meint. Dazu fehlt ihm aber das Personsverständnis bzw. der Personsbegriff. Letztendlich materialisiert, verdinglicht er DOCH den Geist. Damit wird er magisch, also technisch, also dinglich. Und das zeigt sich im nächsten Absatz:]

Unsere Welten sind Wunder und Magie,  weil wir sie erschaffen. Eine Stammeskultur ist ihren Menschen sehr nahe, das heißt, sie wächst in Harmonie mit ihnen, indem sie das aufnimmt, von dem diese glauben, daß es mit ihnen in geistiger Harmonie ist. Je reicher eine Kultur ist - an Mythen, Liedern, Zeremonien, Bräuchen etc. - umso mehr Leben und Bewußtheit und Freude und Eintauchen in das Sein ist geschaffen.

In diesem Sinne haben die Anglo-Amerikaner [die zum überwiegenden Teil Protestanten sind! erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein starker Zustrom von katholischen Einwanderern in Nordamerika ein: dem Katholischen sind die indianischen Vorstellungen viel näher, ja sie reinigen sie geistig/gedanklich, weshalb die Evangelisierung in Kanada durch französische katholische Geistliche oft so großen Erfolg hatte. Sie erkannten das natürliche Gute, griffen es auf, und erhöhten es nur] fast gar keine Kultur.

Ihr Ideal des "rauhen Individualismus" läßt ihnen kulturelle Formung als im Widerspruch zu individueller Selbstbestimmung erscheinen oder als eine Form von Gehirnwäsche oder als ein Symptom von Schwäche. So ignorieren sie die Weisen, auf die sie geformt werden und verwechseln folglich ihre eigenen Maßstäbe, Sitte und Mythen mit Absoluta.

[...] Die Auflösung der Stammesidentitäten zu einem einzigen Brei von "Indianertum", wie es in den Städten zu geschehen scheint, ist eine Falle. So können die Eindringlinge sogar unsere Kultur zerstören, während wir an unserer indianischen Identität festhalten. Wir wissen, daß wir nicht wegen der Einheit des Stammes auf unsere Individualität verzichten müssen - genau so wenig müssen wir das Stammestum der Solidarität zwischen den Stämmen opfern. Ein Vogel kann nicht einfach nur ein Vogel sein, ohne einer bestimmten Art anzugehören - darum besteht "Indianertum" darin, einer bestimmten Kultur anzugehören. 



Nach Aufzeichnungen von K-apisehimu von den Ottawa-Indianern


Nachbemerkung: Im Grunde machen die protestantischen Amerikaner mit Europa, ja weltweit genau das, was sie vor 150 Jahren mit den Indianern gemacht haben. Auch wenn sich der Katholizismus von der letztlich pantheistischen Naturreligion der Indianer wesentlich (!) unterscheidet, bezieht er sich doch auch auf das Naturrecht. Und setzt die Gnade auf der Natur auf. Er ist deshalb seinem Wesen nach föderalistisch, regionalistisch, individualistisch, zugleich volks- und kulturbezogen, anti-zentralistisch und subsidiär.






*041017*