Oder ein Faktor, der fortan alles ändern mußte.
Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Sonntag, 13. November 2022
Europa auf Spitz und Knopf geschoben (1)
Mittwoch, 23. März 2022
Die Geschichte ist voll davon (3)
Dienstag, 22. März 2022
Die Geschichte ist voll davon (2)
Montag, 21. März 2022
Die Geschichte ist voll davon (1)
Sonntag, 30. Mai 2021
Erst im Darstellen isset Welt
Das 19. Jahrhundert hat vom Museum gelebt; auch wir tun dies noch, ohne dabei zu bedenken, daß es dem Besucher eine vollkommen neue Beziehung zum Kunstwerk aufgezwungen hat. Ihm ist es zum guten Teil zuzuschreiben, wenn die Kunstwerke [...] ihrer eigentlichen Funktion enthoben und dafür in Bilder verwandelt sind: selbst die Bildnisse sind diesem Verwandlungsprozeß nicht entgangen.
Sind Cäsars Büste oder Karl V. zu Pferde immer noch Cäsar und Karl V., so ist der Herzog von Olivarez nur noch Velazquez. Was kümmert es uns noch, er der Mann mit dem Goldhelm, wer der Mann mit dem Handschuh gewesen ist? Sie heißen für uns Rembrandt und Tizian. Ein Portrait ist nicht mehr in erster Linie Abbild eines bestimmten Menschen.
Donnerstag, 14. Januar 2021
Die Reduktion der Frage nach dem Warum
Es ist das Thema des Films "Der eiserne Weg", und es ist das Thema des Jahrhunderts, ja der Knackpunkt unserer Kultur. Jene Weggabelung, an der sie falsch abbog. Und sich nunmehr auf den Bau von Hochhäusern und Wolkenkratzern, deren Spitzen allesamt in den Nebeln und Wolken verschwinden, verlegte. Es war nicht die Technik, die einbrach, das wird falsch gesehen, denn Technik würde nicht einbrechen, wenn sie nicht für jenen oder diesen Nutzen hätte. Dabei muß zwischen jenen unterschieden werden, die sie einsetzen, und jenen, die davon profitieren. Die das zumindest meinen.
Wobei sie nicht bemerken, daß sie immer zwischen zwei Fällen unterscheiden: Im einen geht es um den Zuerwerb einer Erleichterung, in der ihr Leben fortan verlaufen könne. Im anderen um den Verzicht auf jene Lebensmomente, die mit dem längeren Weg der weniger perfektionierten Technik verbunden waren.
Aber es gibt noch einen Punkt, und der erscheint überhaupt als der Wichtigste. Mit der Technik ist ein Welterleben verbunden, das die Welt selbst beherrschbar macht. Was keineswegs heißt "begreifbarer", nein, nur: Beherrschbarer. Man schneidet aus der Welt ein Bündel Zusammenhänge von Ursache und Wirkung heraus, und erzeugt das, was mit dieser kleinen oder großen Maschine (je nach Ausschnitt) eben beherrscht und hergestellt werden kann.
Im erwähnten Film geht es um diese Fragen. Die im 19. Jahrhundert sämtliche Menschen der abendländischen Kultur erfaßten. Daß sie mit den Antworten auf diese Fragen auch so grundsätzliche Weichen stellten ist den allerwenigsten klar gewesen. AM meisten noch den Besitzern und Betreibern der Maschinen, die sich in progressivem Tempo ausbreiteten, und einen Lebensbereich nach dem anderen herausrissen, umfaßten, beherrschten, und so die Lebensweise selbst umgestalteten.
Aber eben nicht nur in technischen Abläufen. Sondern in der Wahl von Wirklichkeiten. Denn nach und nach entstand so allgemein die Vorstellung einer Welt, die bis ins letzte zu erfassen, und bis ins letzte zu beherrschen ist. Aus einer Welt, die uns gegeben und zur Verwendung wie Verwaltung überantwortet ist, deren wahres Wesen aber so umfassend ist, daß es dem Menschen niemals gehören kann, stattdessen nur einem gehört, dem Urheber aller Dinge, dem Urheber und Betreiber der Welt selbst - Gott, wurde eine Welt, der das alltägliche Erfahren eine ganz andere Wirklichkeit zusprach: Die der menschlichen Herkunft und Herrschaft, damit Machbarkeit.
Der Mensch des 20. Jahrhunderts war somit ein Mensch, der meinte, alles sei machbar und ihm zu eigen. Damit wuchs seine Verantwortung, und damit die Notwendigkeit, seine Herrschaft auszuüben. Das vergangene Jahrhundert war somit folgerichtig gekennzeichnet von Ideen, die die Beherrschung der Erde (mit der Tendenz, darüber hinaus und in den Kosmos auszugreifen) zum Programm machten. Das nennt man nun Ideologien. Also die von einer Idee ausgehende, von dieser Idee und Logik beherrschte Grammatik der Welt. Der naheliegendste Zielpunkt dabei war der Mensch, die Kultur, die Gesellschaft.
Alles das hatte man - selbst aufs Spiel gesetzt, selbst in die Gottesprobe geworfen (und kein Gott griff scheinbar ein, um das Riskierte zu retten) - zerfallen erlebt. In vielen Kriegen, mit einem durch die Technik der Waffen eskalierenden Maß an Leid und Blut.
Die destillatorische Reduktion der Frage nach dem Warum
Das ist der innerste Kern von Faschismus und Kommunismus und wie die -ismen alle heißen, es ist der innerste Kern aber auch der Vorstellung von Problemen der Welt und deren physischer Verfaßtheit. Und auf letztere wollen wir den Blick lenken.
Denn mit der Technik entstand eine Vorstellung einer Welt, die so ganz anders war - und man konnte das ja scheinbar beobachten: Funktionierte Technik nicht? Konnte man mit ihr nicht die Lebenswirklichkeit in einer Totalitarität umgreifen, die nicht mehr zu überbieten scheint? Sagte uns die Psychologie nicht, daß es auch im Innenleben des Menschen, im "Geistigen", gar keine Transzendenz gab, sondern daß alles "weltintern erklärbar" war?
Was keinem auffiel war, daß die Frage nach dem Warum auf eine Weise reduziert wurde, die das Warum überhaupt aufgab. Sondern sich mit einer Erklärung über die technischen Abläufe zufrieden gab. Die aber gar kein Warum erklären weil enthalten! Warum ein Schotterberg verschwindet ist nicht damit erklärt, daß ihn ein Bagger verschaufelt und auf Lastwagen verladen hat. Sondern weil ein menschlicher Wille, also ein "rein geistig Ding", es so angeordnet und bewirkt hat.
In "Der eiserne Weg" wird deshalb Einiges recht gut sichtbar. Auch wenn die Position der Filmmacher recht klar ist. Mit diesem Film ist sogar eine Ära gekennzeichnet, die in jenen Jahren begann, und uns heute voll umfangen hält: Eine andere Behandlung der Frage nach dem Warum. Deren Beantwortung gar keine Antwort mehr isset, sondern die Antwort einfach weiterschiebt, und immer weiter, bis sie im Nebel des Hochhauses verschwindet und der Frager hoffentlich sein Interesse verliert.
Der VdZ hat eine diesbezügliche Stelle daraus markiert, auch wenn es deren einige gäbe. Es ist eine fünf Minuten dauernde Sequenz, die ab der 47ten Minute des Videos beginnt. Da wird ein Baum gefällt, und stützt auf einen Arbeiter, einen Bauern.*
Was wird dort sichtbar?
Da sagt der eine, der schon zuvor durch frommes Verhalten aufgefallen, daß dieser Unfall ein Zeichen Gottes sei. Das wischt der andere, der moderneren Sinnes ist (was er im Film auch beweist, ja, womit er die erzählte Geschichte überhaupt an sich reißt) glatt vom Tisch. Es sei kein Zeichen Gottes gewesen. "Es war ein Baum."
Und er hält sich dabei natürlich für überlegen weil gescheiter als dieses dumme Bauernpack, das sowieso nicht begreife, was da rundherum vor sich gehe. Und daß die Macher des Filmes auch dieser Auffassung sind ist kaum zu übersehen. Es ist der Grundtenor des Filmes, der da auch zeigen möchte, daß man sich nicht angemessen behaupten könne, wenn man nicht diese technische Ursache-Wirkungs-Ebene sehe und heranziehe. Denn nur dort sei auch um eine gerechtere, also schönere Welt zu kämpfen.
Ist das so? Was ist da passiert? Es wird einfach eine reduzierte Welt herangezogen. Die Vorgänge werden aus einem breiten, ja so umfassenden Wirklichkeitsfeld, daß es für den Menschen in der Unzugänglichkeit des Wissens und Vorsehens und Willens Gottes ausläuft, herausgefischt und für sich gestellt. Wie Figuren in einem Tischtheater steht nun eine völlig andere Welt vor einem. Eine, die an der Haut der Menschen, an den Mauern des Hauses, an den Zäunen der Welt, der auf technische Vorgänge und Verhältnisse reduzierte, endet.
Die selbst natürlich nur Interpretation sind, was im 20. Jahrhundert schließlich denn doch aufgefallen ist, sodaß sich - unter der Prämisse strikten Transzendenzverbotes - die Welt überhaupt aufzulösen begann, das Denken als Unzulänglich für die Welt und die Welt somit unerkennbar und unverstehbar ist. Alles Denken, alles Sprechen (aber natürlich auch alles Religiosieren) ist somit ein mit mildem, nachsichtigem Lächeln zu versehendes Spielfeld der Dummen, Minderbemittelten.
Über die die Schichte der Klugen, der Wissenden steht, die ihr Geheimnis, daß es gar keine Welt gibt, schließlich sogar für sich behält. Höchstens in den Zirkeln und Salons der Eingeweihten diskutiert, und mit einigen Flaschen Toskaner Rotweines, über dessen Finessen zu unterhalten weit ertragreicher ist als die Diskussion über Sein und Welt, hinunterspült.
Das alles, weil die Frage nach dem Warum nur bis zu einer Grenze zulässig ist, die sich dort befindet, wo das Warum begänne: Bei der Frage nach jenem Weltgesamten, wo es erst wirklich Antworten gäbe.
Sodaß der einfache Bauer, der im Film recht simpel und beschränkt rüberkommt, weit mehr Recht hat als der kluge Nachbar. Weil der nach einem Warum sucht, und ein DARUM kennt. Über das nachzudenken sich erst lohnen würde, weil es wirklich die Welt erklärt. Als so umfängliches Wirkliches, daß es in Gebet und demütig-dankbarer Beziehungsgestaltung viel treffsicherer zu adressieren ist als jede Wissenschaft es vermöchte. Denn die Welt ist im Sinn geborgen. Und sie ist aus Sinn entstanden.
Aber was für einen Sinn hätte ein technischer Ablauf - als sich selbst? Wäre das nicht nur eines: Eine sinnlose Welt? Aber warum lebt der Mensch dann noch? Und warum gibt es ihn überhaupt? Aus technischen Ablaufgründen? Das, bitte schön, ist aber keine Antwort auf die alles entscheidende Frage, die nach dem WARUM. Und in dieser Welt und Wirklichkeit wird plötzlich alles neu begreifbar. Weil in einer Welt des Sinnes tatsächlich alles ein Zeichen ist. Alles.
Auch ein Baum, der auf einen Bauern stürzt. Er wird nun wirklich zu einem Zeichen, zu einer Antwort der Wirklichkeit, ohne daß behauptet wird, daß diese Antwort immer leicht zu entziffern ist. Aber unter der Prämisse einer sinnvollen Welt erst wird diese Welt sichtbar, und erst dann begreifbar.
In einer Fülle und in einem Reichtum, der dem plumpen Sack, der sich aufs Fressen, Saufen und Huren beschränkt, weil ihm nichts sonst als seichte, auf die körperlich-sinnliche Ebene beschränkte Freuden an dieser Welt bleiben, die in Wahrheit das Auspressen einer trockenen Zitrone sind. Denn nur im Sinn, nur im Logos - der objektiv der Welt untergelegt ist, der sie formt, der sie trägt - wird auch Freude zuteil. Eine Freude, die jedes Huren um Dimensionen übersteigt.
Wer aber so denkt, reißt der Welt einen Teil heraus, und wundert sich dann nicht nur, daß das Teilegescheppere in der Hand so leblos ist, sondern wirft mit diesem auch die Welt selbst fort. Und genau das ist im 19. Jahrhundert nicht nur passiert, sondern genau das ist es, was hinter dem aufkommenden Ideenstreit steht.
In dem immer nur persönliche, beschränkte Interessen streiten, und zwar auf BEIDEN Seiten: Der der rücksichtslosen Gier (=Kapitalismus), und der des neiderfüllten Lasters (=Sozialismus), also der selben (!) sittenlosen Gier des Mächtigeren, der mächtig wurde, weil er besser wußte, wie er seine Selbstsucht durchsetzen konnte. Sodaß alles Fragen nach dem Warum nur noch in der Frage endete - und das ist tatsächlich passiert, in so einer Welt leben wir heute tatsächlich - warum man diese Mechanismen, diese Technik der Weltausquetschung, nicht selber besser in die Hände bekam, und wie man das erreichen könnte.
Sie beide benützen dieselbe Technik: Die der Leidvermeidung, aus Angst vor dem Schmerz und dem Tod, inmitten einer zum Guckkasten reduzierten, aber sinnlosen Welt. Hinter beiden Seiten also steht eine Entscheidung zur Sinnlosigkeit, die die Frage nach dem Warum gar nicht beantworten will, sondern sie nur benützt, um das Erkennen des Logos der Welt zu verhindern.
Sodaß die Frage noch einmal zu stellen wäre: Warum, bitte schön, soll man durch das Herausgreifen beschränkter Abläufe (in einer ebenso begrenzten, ja willkürlich begrenzten Welt, sodaß die Naturwissenschaften nur noch ein Streit um die willkürliche Antwort auf die Frage ist, wo man diese Grenzen denn setzen solle) die Frage nach dem Warum nicht mehr stellen? Denn es fällt nicht ein Baum. Es geschieht ein Vorgang in der unendlichen und unendlich reichen Wirklichkeit, der - ob so oder so - ein Zeichen ist, das sichtbar wurde.
*Bauern sind das erste, kaum wirklich distinkte, definierte Reservoir der arbeitenden Schichten eines Volkes, in denen aber alles Ausdifferenzierte enthalten ist. Die Bauernschaft ist somit die Grundmenge eines Volkes, dessen dritte Schichte, aus der sich im 19. Jahrhundert als erste das Proletariat herausdestilliert hat. Denn die Reduzierung der (freien) Bauern war der Zerstörung deren Lebensgrundlagen geschuldet, und brachte die Notwendigkeit mit sich, an Orte zu gehen, an denen sie überleben konnten. Das waren meist die Städte, als die Orte, an denen es Arbeitgeber - die Industrie - gab.
Bauern bilden somit (sogar als Allgemeinbegriff zulässig) die breite Basis der Pyramide eines gesellschaftlichen Organismus, deren nach oben folgende Schichten als nächste die des Kriegers und Soldaten kennt, und oben von der Kaste der Adeligen, Geistlichen, Künstler, Philosophen und Lehrer kennt, die im Gipfel in das Transzendente eintaucht: In die Nebel, die das verbindende Moment von menschlicher Gesellschaft und Gott im König umfängt.
Dienstag, 30. Juli 2019
Nur Schönheit kann Kultur, nur Schönheit besiegt Dummheit
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Sonntag, 12. Mai 2019
Ein Akt der Konterrevolution (2)
Moderne Kunst zeigt damit eine Welt der Sinnlosigkeit, in der der Betrachter zunehmend alleine gelassen. auf sich zurückgeworfen wird. Am deutlichsten sieht man das in den Strömungen des "De-Konstruktivismus", in dem aus dem fehlenden Objekt heraus der Betrachter angeregt werden soll, sich der Bilder und Ideen in sich zu bedienen bzw. sich ihrer aus den nunmehr offenen Beziehungssträngen der "Objekte" bewußt zu werden. Was er sieht ist nur Konstruktion in ihm selbst. Beispiel (eine Installation von Valie Export, die der VdZ gesehen hat): Aus einer Aufnahme einer Nische im Park, in der man ahnt, daß hier eine Bank zu stehen kommt, fehlt genau die Bank. Die Bank wird dargestellt, indem sie fehlt.
In der Architektur ist es ähnlich gelaufen. Wenn die bewußte Umgehung oder Zerstörung jeder Form, deren Kompletion man sich somit (als eigentlichen Akt der Rezeption) "denken" muß, oder Fassaden zu Glasfronten werden und jede Gestalt verweigern. Oder nur noch die Umgebung spiegeln, sodaß der Mensch, der dieses Haus betritt, als jemand gesehen wird, der nur die Außenbilder mit sich bringt, und das Innere des Hauses in diesem Licht sieht, auch wenn es nicht da ist. (Siehe das "Haas-Haus" am Wiener Stephansplatz.)
Diese koinzidierte mit einer nach dem Zerfall der Monarchien sich ausbreitenden Idee eines totalitären Staates. Hier drückt sich endgültig diese totale Macht des Staates aus, die einen zerbrechen und dominieren und zur Funktion reduzieren will. Der Mensch in seiner Ganzheit (und ohne die ist er nicht Mensch) ist in ihr verloren, er geht ja selber in Funktionen auf, wie die Naturwissenschaften sagen. Der logos des Bauhaus ist damit der logos der Aufklärung: Technik, Funktion, Nutzen. Ein Kampf gegen den logos, der jedem Juden als Grundhaltung innewohnt. Wir haben es heute mit einer Übernahme unserer Kultur durch Mächte zu tun, die Anti-logos-Kräfte sind.
Das unterscheidet sich ganz klar von der Sichtweise, die man über Homosexualität heute propagiert. Wo es als Haltung zu einem definierten Lebensstil und sogar zur Norm gemacht wird. Ist sie dort noch eine Sünde, und wir sind alle Sünder, wird sie nun - als zu erstrebender, zumindest aber gleichberechtigt zu wählender Lebensstil, dem "Normalität" zugeschrieben wird - plötzlich definitiv böse.
Samstag, 11. Mai 2019
Ein Akt der Konterrevolution (1)
Dienstag, 23. Juni 2015
Nicht Goethe, sondern Herder
Zu einem Kinde Ja sagen heißt nicht, daß man es auch erzeugt hat. Herder dagegen hat zu vielem und mit Ingrimm Nein gesagt, was dennoch von ihm bewirkt war. Es ist Herder gewesen, der die deutsche Seele verwandeln half. Sein schöpferisches Werkzeug war die Romantik. Das meiste, was romantisch heißt, stammt von Herder. [...] Der Sammelname Romantik hat den Namen Herder verschluckt. [...]
Zurück zu Herder. Denn was könnte uns Goethe helfen, der Bildungsaristokrat und Individualist, wo es um die entscheidenden Fragen unsere Gesellschaftslebens geht. Die entwurzelte Masse, die sich heute als Volk gebärdet, der gerade fehlt, was Herder suchte, das Unentwickelte, das Ursprüngliche, das Erneuernde, die muß in Herders Sinn wieder mit der Erde verflochten werden. [...] Der Kulturtypus unseres werdenden Zeitalters ist nicht Goethe, sondern Herder."
Dienstag, 21. Januar 2014
Weitsicht
Montag, 19. August 2013
Eine neue Art der Kriegsführung
So ist auch die eigentümlich gleichberechtigte Lage Frankreichs beim Wiener Kongreß in seiner ersten Phase zu verstehen, das territorial ungeschoren davonkam, ja nicht einmal seine zahlreichen zusammengestohlenen Kunstschätze zurückgeben mußte. Man akzeptierte Frankreich als nicht eigentlich beteiligt. Beteiligt waren nur die Rebellen, die Revolutionäre, das System Napoleon. Der in seine Verblendung jede Chance auf friedliche Koexistenz, und damit Machterhaltung, verspielte.
Dieser Schonung war es zu verdanken, daß Napoleon sich ermuntert fühlen konnte, 1815 für seine 100 Tage-Herrschaft zurückzukehren, die bekanntermaßen in Waterloo endete. Wobei Österreich und Preußen erst zögerten, gegen ihn überhaupt vorzugehen - wären nicht die Engländer gewesen, die (irrtümlicherweise) nicht glauben wollten, daß die Franzosen hinter ihrem Kaiser standen.
Und erst nach Waterloo wurden Frankreich 700 Mio. Francs Reparationen auferlegt, unter immer noch mäßigendem Einfluß von England, das kein Rachepotential im Erzfeind wollte. Ein Dreißigstel etwa jener Summe, die Napoleon während seiner Feldzüge an Kontributionen eingenommen hatte. Und erst jetzt mußte es seine geraubten Kunstschätze zurückgeben.
Es war überhaupt eine seltsame Art der Engländer, zu verhandeln. Castlereagh, der als dumm und unwissend galt und als einziger Staatsmann in Wien keine Orden trug, bestand etwa darauf, daß Leipzig nicht an Preußen fiel - wußte aber gar nicht, daß es in Sachsen liegt. Aber so blieb Sachsen durch Zufall wenigstens zum Teil selbständig. England widersprach nur Preußen (in seiner Nähe zu Rußland), um es nicht stärker zu machen.
Trotzdem konnte England im Endeffekt nahezu alle seine Ziele durchsetzen, und ein komplexes Balancesystem am Kontinent schaffen, das seiner Entwicklung höchst förderlich war.
Der Kongreß 1814/15 selber kostete an die 8,5 Mio. Gulden. Ein Vermögen, das die verschuldete Staatskasse schwerstens belastete. "Der Kongress geht nicht voran, er tanzt," hieß es.
Vor allem aber stieg England zur ersten Weltmacht auf. Castlereagh - alles andere als gierig, sondern mäßig und mäßigend - verzichtete auf Kolonien, blieb in seiner Zurückhaltung dabei ohne erkennbaren Plan, ja er hielt sich nicht einmal an Weisungen aus London. Java, Sumatra ließ der eigentlich als beschränkt geltende Mann an Holland zurückgeben, auch Frankreich erhielt alle Kolonien wieder. Denn Kolonien waren teuer (was man heute gerne vergißt), sie kosteten fast immer weit mehr als sie brachten. Der überaus nüchterne Castlereagh wollte nur einige Seestützpunkte. Das Kap der Guten Hoffnung. Ein belangloses Fischerdorf namens Singapur. Ceylon. Mauritius. Malta. Korfu. Helgoland. Holländisch Guayana ... es wurden die Eckpfeiler des kommenden Weltreichs.
Samstag, 10. August 2013
Sohn der Zeit
Dienstag, 19. Februar 2013
Geld kommt vom Bankkonto (2)
| Copyright FAZ |
Die einzige Kennziffer, die in diesem Zusammenhang deshalb überhaupt von Belang ist, ist die des jährlichen Wachstums des Gesamtenergieverbrauchs. Für Deutschland prognostiziert: 0,6 % (statt 1,2 % wie bisher), bei schärfsten Energiesparmaßnahmen ...
Was sich vor unseren Augen vollzieht - wir sehen es nur deshalb nicht deutlich genug, weil wir mitten drin stecken, verstrickt, involviert sind - ist das Scheitern eines gesamten Kulturentwurfs, als Afterkultur der abendländisch-christlichen, zu der er sich im 19. Jhd. formiert hat, als das Abendland in Wahrheit nach langer Krankheit endgültig zerfallen war. Wir betreiben seither nur noch Resteverwertung.
Es ist das Scheitern des Traumes, die Welt aus eigener Kraft, aus eigenem, rein weltimmanentem, endlichem Verstand eine Welt nach unserem Maß zu bauen. Das Ergebnis ist ... eine Hölle. Und keine Ökologiebewegung der Welt wird daran etwas ändern können, im Gegenteil. Sie ist selbst rationalistisch, ja noch weltimmanenter als "Marktmechanismen", und wer genau hinsieht bemerkt, daß sie gar nicht ändern WILL. Sie möchte nur den Fortbestand des gegenwärtigen Zustands sichern, indem sie ihn weiter perfektioniert****. Was auch immer noch wirkliche Lebensfreude bewirkt, sind jene Reste, nach denen wir nach und nach aber gleichfalls greifen und zur Technik profanieren - es sind die Reste der sakralen Welt.
Doch es bleibt eine andere Hoffnung. Der Mensch aß zwar vom Baume der Erkenntnis*****. Aber Gott ließ nicht mehr zu, daß er auch vom Baume des Lebens nahm. Nur der Rationalist glaubt, daß das Leben der Menschheit in unserer Hand liegt oder als "Überleben" unsere Aufgabe sein könnte, die wir nun zu lösen hätten. Und in deren Namen wir einstweilen auch manches Ungemach auf uns zu nehmen hätten - als Bedrängung des Lebens selbst.
In ihrer zivilisatorischen Nutzung haben wir uns aber die Natur als das, was ALLEN Dingen zugrundeliegt, als Wesen aus Form und Inhalt, zum Objekt der Vergewaltigung gemacht, und damit stehen wir in direkter Wesensfeindschaft. Wir können nur über die Art der Kriegsführung entscheiden. In der der Sieger aber immer schon feststand. Und der ist nicht die Zivilisation.
Gleichzeitig geht es hier (einschränkend sei es gesagt) nicht ums "Überleben der Menschheit", das uns als Aufgabe anheimgestellt wäre. Auch dieses Denken stammt aus exakt denselben Gespenstern des Größenwahns des Technizismus und steht jenseits aller unsere Möglichkeiten als Mensch. Aber es geht rein menschlich gesehen um viel Leid, das wir uns und den kommenden Generationen antun.
Und diese nihilistische Sichtweise, die sich sogar oft als Religion ausgibt (was sie in Wahrheit sogar ist, den sie hat einen Gott ...), Leben als technischer Prozeß, hat einen werkhaften Organismus hervorgetrieben, der in Analogie zu seinem Hervorbringer, dem Menschen, mit allen Wesensmerkmalen des Werkhaften, menschliches Gesamt abbildhaft (analog) zu reproduzieren sucht, einschließlich dem Faktor Geist, der sich in der Informationstechnologie findet. Elektrizität wird zu jener Kraft, die die Welt schafft. Selbst Mythen werden damit umgedeutet. Da wird dann Solarenergie zur Verwirklichung des Zusammenhangs Licht & Schöpfung, 3-D-Drucker zum Schöpfungsprozeß selbst, die die Gottwerdung des Menschen unmittelbar vor der Vollendung stehen läßt.
****Interessant und in Wahrheit wirklich zukunftsorientiert bleiben lediglich jene Strömungen innerhalb dieser Bewegungen, die auch wirklich begonnen haben, ihre Lebensvollzüge selbst fundamental zu ändern, indem sie die Teilhabe am System verweigern. Von unserer zivilisatorisch-technischen Höhe aus gesehen, kann das freilich nur als Rückschritt und Verweigerung gesehen werden. Der freilich oft noch rein in sich bleibt, eine Gesamtlösung als Kulturentwurf meist noch verweigert. Aber sicher ist auch, daß solch ein Entwurf nur aus religiöser Fundierung ernstzunehmen sein kann. Und in der Verwirrung um das, was überhaupt religiös ist, liegt auch seine größte Gefährdung. In einer Zeit, in der der technizistische Rationalismus selbst in Wahrheit nihilistische Scheinformen des Religiösen auszubilden begonnen hat. Verweigerung von Kultur und damit Form selbst ist die Folge. Fahrradfahrende, schlapprige Jeanshosenträger sind da keine Hoffnung. In der Kulturverweigerung, in die sich heute manches flieht, zeigt sich lediglich ein Grundimpuls - als Sehnsucht nach Abschütteln.