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Freitag, 29. April 2016

Wer nicht jätet opfert den Garten (4)

Teil 4) Nur in Anrissen Fortsetzungen, die noch zu leisten und geplant sind
- Themen, die sich aus Amoris Laetitia aufdrängen



- In einem falschen System ist nichts Richtiges möglich (Adorno); warum wir es hier mit einem ganz aktuellen Grundsatz der Gegenwart zu tun haben, dem ausgerechnet die Kirche in Aktualitätsstreben widerspricht. Selbst die Öko-Moral versucht sich aus dieser Gesamtperspektive des Gesamtsystems (Weltklima, Fair Trade beim simplen Kaffeekauf, Öko beim Fischfilet, Ablehnung von Fleisch, etc. etc. als Beispiele) heraus zu beurteilen. Ein Widerspruch zu einem ahndungsvollen Bedürfnis der Welt wenn der Papst nun sagt, daß zwar die Gesamtsituation falsch sein kann, es dennoch Rettung im Gesamten gibt, wenn die Einzelhandlung "gut" ist. Wie das Essen eines köstlich schmeckenden Fischfilets, das ja auch etwas Gutes ist, egal, ob dafür fünf Fischzüchter auf Borneo ausgepeitscht worden sind, oder 8000 Tonnen Antibiotika den Mekong verseucht haben - der Fisch bleibt gut. Oder widerspricht sich hier die Kirche selber?

- Wie weit läßt sich Gutes reduzieren, aus dem Gesamtgut herauslösen? Etwa durch Berufung auf die in Amoris Laetitis (mit vollem Recht - es ist eine der schönsten Stellen im Dokument) gepriesene Leidenschaft (also: Leidenschaft ist ein Gut) zur Hure gehen, ohne daß mich noch zu interessieren braucht, daß ich nicht verheiratet bin, und das parfümgetränkte Mädel als Sexsklavin aus Thailand eingeschleppt wurde? Wer legt dann die Grenzen fest? Ist ein brutaler Diktator dann nicht doch ein gerechtfertigter Mensch, weil er kurz, bevor er dem Gefolterten eigenhändig den Schädel abschlägt, ihm noch eine hochwertige Zigarette aus seinem Privatfundus und ein paar nette Worte zukommen läßt?

- Oder stehen wir hier nicht vor einer über die Hintertür schnurstracks wieder eingeführten kasuistischen Moral?

- Zur "graduellen Gutheit" in objektiv ungeordneten Lebenssituationen - Gutes im Falschen kann es nur geben, wenn das Falsche widerrufen wird, im Guten also das umfassendere Falsche aufbricht - Lebenswirklichkeiten sind nicht ideologisch umgewichtete "Vorstellungen von Lebenswirklichkeiten" - Lebenstatsachen sind noch keine Qualitäten

- Der Empfang der Eucharistie festigt JEDEN Zustand, in dem der Empfänger subjektiv als Haltung (weil substantielle Gerichtetheit) steht. Das heißt, daß sie jemandem, der in falscher Haltung vor dem Priester steht und die Kommunion empfängt, auch diese falsche Haltung stärkt - indem sie sie verewigt, als ewigen, unveränderbaren Zustand vor Gott stellt. Denn jede Kommunion ist auf eine Weise ein Jüngstes Gericht. Wo ist also die Barmherzigkeit der Kirche, wenn man jemandem, der in falscher Haltung - einer objektiv ungeregelten Situation - kommunizieren möchte, die Hostie auf die Zunge legt? Ist das nicht der nächste eiskalte Zynismus einer brutalen, eiskalten Kirche, die Liebe nur noch als schauspielerisch-psychogene Selbstmanipulation zu simulieren vermag, Heil als psychogenes Befindlichkeitstheater mißdeutet? Ist nicht genau das der Irrtum des Martin Luther, ist nicht genau das in der Verweisung auf subjektives Gewissen eingeleitet, als könnte ein bloßes Selbstgefühl etwas über Rechtfertigung aussagen?

- Eine Sache, jede Sache ist nur und jeweils soweit Sache, weil sie als Mitte - und damit Normalität - verstanden wird, auch wenn sie in sich immer ein gleichzeitiges Oszzillieren aus Nichts und logos ist; diese Mitte aber, die die Sache ausmacht, und die ein Begriff erfaßt weil meinend verweist, ist die Welt, die eine Welt der Dinge ist. Sie muß Inhalt des Sprechens sein, weil sonst das Sprechen sich auflöst, so wie sich die Welt auflöst. Es gibt Ränder, über die schon nur zu sprechen sich also verbietet, weil sie mit der Mitte der Dinge - mit Begriffen - gar nie zu erfassen sind, weil man damit Nicht-Zustande in Zustände heben will, was aber nicht möglich ist.

- Wer fällt, aber weiß oder erkennt, daß er gefallen ist, und diese Trennung vom Heil nicht möchte, wen es reut, wer sich bessern möchte etc., der kann sich in der Beichte ins Gute seines Gesamtheils zurückstellen lassen. Und selbst, wenn er täglich fällt - er kann täglich zurück. Wer aber fällt und nicht ins Gute zurückwill, bleibt gefallen; ihm hilft auch keine Beichte. Ihm hilft nicht einmal ein Zusprechen von außen, das ihn entlasten will. Denn die Lösekraft der Kirche kann sich nur auf eine ontologische Wahrheit beziehen, die sich im Einzelnen auch dann meldet, wo er ihr objektiv widerspricht, wo ihm subjektiv aber Entlastung zugefächelt wird. Das ist gemeint wenn man sagt, daß im Priester Gott selbst verzeiht.

Das ist keine Magie wie in Heidenreligionen, sondern "in Jesus, der Wahrheit stehen und wirken", welches Wirken ihm sakramental zugestellt ist SOFERN ER WILL WAS DIE KIRCHE - als sponsa Christi, im Gehorsam dem logos gegenüber, ihrer Form - WILL. Eine Lossprechung subjektiver Willkür ist Sakramentensimulation.

- Meist ist die ablehnenden Haltung der Beichte gegenüber purer Neid vor dieser Möglichkeit, die der Katholik hat. Denn der Katholik ist nicht primär der, der so viel "besser" als andere ist, sondern der, der es ganz real und objektiv besser HAT. Nur ihm können Sünden wirklich, real und mit realer Wirkung vergeben werden. Nicht er macht sich besser, sondern er wird besser gemacht, ohne daß er es sich selbst vormachen oder einreden muß. Deshalb zielt das Anti-Christliche (aber auch viele Protestanten) sehr deutlich auf das Aufrechterhalten eines Gefühls von aktualer, fortbestehender Schuldigkeit, die aber objektiv gar nicht mehr gegeben ist.

- Ist es verantwortbar von "Sexualaufklärung" zu sprechen, wenn die Realitäten in so vielen Staaten haarsträubende, ja verbrecherisch kulturzerstörerische Sexualaufklärungsprogramme in Form schulisch etablierter Zwangs-Entsittlichung heißt? Wer wird durch solche Hinweise gestärkt? Das wird auch nicht besser, wenn einige meinen, man müsse eben einen "christlichen Aufklärungsunterricht" dagegensetzen. Diese Sichtweise, die da meint, es würde zu allem und jedem genügen, ein paar Gedankenschrauben zu drehen, und "die christliche Sicht" der Dinge den Dingen aufschnüllen wie ein Rosenquasterl ist protestantische Verwirrtheit. Sexualaufklärung ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit, wo nur Eltern entscheiden können und müssen, ob sie angebracht, und wenn, wie weit sie überhaupt notwendig ist. Dafür gibt es keine "Methode", und sei sie noch so "behutsam" oder "christlich", und Sexualität geht keine Öffentlichkeit überhaupt etwas an.

- Tagesaktueller Nachtrag: Ein soeben auf CNA erschienenes Interview mit Robert Spaemann, der bei Amoris Laetitia von einem nachweislichen "Bruch mit der Lehrtadition" spricht, und in diesem Dokument "das Chaos zum Prinzip erhoben" sieht. Das ist jedem denkenden Menschen, der die Lehrtexte der Kirche kennt, unweigerlich klar. "Die Folgen sind jetzt schon abzusehen: Verunsicherung und Verwirrung von den Bischofskonferenzen bis zum kleinen Pfarrer im Urwald." Die Konzentration der Kritik auf die heiklen Stellen sei berechtigt, kein Fehlersuchen in einem ansonsten ordentlichen Text, der im übrigen sehr "ausgesucht" Richtung Situationsethik argumentiert, also auch mal wegläßt, was etwa Thomas v. Aquin sonst noch sagt. Denn mit ihnen wird ja der Text ausgehebelt. "Man kann bei einem päpstlichen Lehrschreiben nicht erwarten, dass sich die Menschen an einem schönen Text erfreuen und über entscheidende Sätze, die die Lehre der Kirche verändern, hinwegsehen. Es gibt hier tatsächlich nur eine klare Ja-Nein-Entscheidung. Kommunion geben oder nicht geben, dazwischen gibt es kein Mittleres." 

Wie weit dieser Verfall bereits geht bestätigen übrigens genau jene am meisten, die er Welt erklären und via Zitatenauswahl "beweisen", daß Franziskus "es im Sinne der Lehrtradition meine". Dahinter steht eine Respektlosigkeit dem Amt gegenüber, ein Aufschwingen zum Lehramt selber, das sehenswert ist.




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Donnerstag, 28. April 2016

Wer nicht jätet opfert den Garten (3)

Teil 3) Wovor sich die Kirche aber völlig drückt
und warum auch das alles entwertet




Ein rein subjektiv konstituiertes "reines" Gewissen gibt es also gar nicht, zumindest nicht bei so anthropologisch zentralen Themen wie Ehe und Sexualität. (Nicht einmal in einzelnen scheinbar "profanen" Sachbereichen kann es das geben; sagen wir: im Verfertigen einer Holzschachtel als Verpackung zum Versand; selbst hier bezieht sich der Maßstab zum Urteil auf eine äußere Autorität, auch wenn diese internalisiert wurde, sodaß sie gilt, auch wenn der Chef - sagen wir, zur Illustration - schon gestorben ist.) Denn diese sind die ersten Prinzipien der Welt, und des Menschen. 

Denn das Wesen der Welt ist ehelich, das Wesen der Schöpfung ist ehelich, ein Zeugungsakt,. also erotischer Natur. Eros ist also die Grundverbindung zwischen logos und materia prima. Als Bezug von Form auf Inhalt, Materie. Der Mensch als Abbild Gottes trägt dies in seiner zweigeschlechtlichen Entsprechung einer prinzipiellen Verschiedenheit also in seiner fundamentalsten Schichte - als Ergänzung von Mann und Frau wird dieses erotische Verhältnis abgebildet. Das ist das Wesen der Sexualität.

Deshalb ist es unvollständig und insofern sogar falsch, von einer "Gleichheit der Geschlechter" zu sprechen, wenn man zugleich Bezug auf ihre Komplementarität nimmt. Denn diese Komplementarität ist NICHT zufällig, wie sie sich halt mal bildet - hier ist halt die Frau die Starke, der Mann schwach, hier muß halt der mann die Küche schaukeln, weil die Frau arbeiten geht, etc. etc., darauf läuft nämlich diese "reduzierte" Komplementarität hinaus, die damit (und das ist ja das Groteske) dem Gendering sogar noch ihre theoretische Rechtfertigung liefert bzw. darin völlig übereinstimmt (weshalb eine Ablehnung des Gendering mit der Hinterhand zum leeren Geschwafel wird) - sondern selbst dort, wo sie von Mann oder Frau nur unvollständig erfüllt wird (WEIL halt die Frau auch bestimmte technische Fähigkeiten hat, oder der Mann lieber strickt als Scheunen repariert), muß diese prinzipielle Eigenschaftlichkeit jener Punkt sein, auf den hin sich je Mann und Frau selbst transzendieren, von dort her also formen lassen (denn Opfer heißt: Rapport zum logos, zum Formgebenden, zum Übergeordneten). Und IN diesem logos liegt auch jene Komplementarität als Eigenschaftlichkeit der je einzelnen Person im Geist der Liebe begründet wie als ontische Struktur verborgen, die sich beide dann im Geist "zuhauchen".

Deshalb ist auch eine rein biologistische Argumentation, die auf "biologische Verschiedenheit" verweist, unvollständig oder gar falsch. Denn selbstverständlich ist das Erste, das Wesentlichere der Vorentwurf (weil logos), auf den hin sich je Mann und Frau überschreiten müssen. Damit wird mannsein und Frausein tatsächlich zum Kulturkonstrukt! Das zwar in der Geschichte (offengehalten durch die Selbsthingabe in der Selbsttranszendenz) ein je aktuelles Gewand trägt, aber in diesem Gewand von seinen prinzipiellen Eigenschaften nicht abweicht. Darin macht also das blau der Bübchen, das rosa der Mädche, darin machen die Heldenvorbilder für die Jugendlichen, die demütigen, sanften Frauen als heilige Liebesziele mehr als nur Sinn. Sie sind Leitlinien zum Gelingen des Individuellen und damit des Gesellschaftlichen, sie sind die eigentlichen Fundamente einer gesellschaftlichen Ordnung. Die eben nicht "von unten heraus" zufällig wächst, die der Materialismus (und Evolutionismus) annimmt.

Diese Gedanken aber wagt die Kirche offenbar und schon lange nicht mehr in den Mund zu nehmen, ja im Gegenteil, sie biedert sich auch in Amoris Laetitia genauso diesem Zeitgeist an, der eigentlich alles zerstört, was sonst aufzubauen versucht wird, dem er sogar sein reales Fundament entreißt. Auf reiner Komplementarität ist Ehe nämlich nicht aufzubauen! Eine moralistisch-positivistisch verstandene "Treue" ist nicht primärer Ehezweck, das können auch Heiden und Kommunisten. Die gegenwärtigen Fakten, überhaupt gleich auf Ehe zu verzichten, denn man kann ja auch sonst treu sein, Kinder haben etc., zeigen ebenfalls dasselbe. Ehe läßt sich nicht als bloßer Funktionalismus begreifen, der bestimmte Ergebnisse hervorbringt. In Wahrheit sind die Ergebnisse einer Ehe nämlich eine "Überraschungsbox", deren Inhalt Gott, das Sein selbst, im logos füllt, auch wenn oft scheinbar Ähnliches drin ist, öffnet man sie mit der Zeit.

Nur aber mit Jesus Christus als diesem Schlußstein, nur im sakramentalen Begreifen, wird diese ununterbrochene Kette der Welt (in Gehorsam und logos-Autorität) verantwortbar und sinnvoll. Rein irdisch wird sie zwar in allen Kulturen gleichermaßen nachgebildet, natürlich, das kann gar nicht anders sein (denn ontologische Gegebenheiten drücken sich in der bloßen Materie als chthonische Strebungen "aus sich" aus, wenn man so will: als bloß weltimmanente "reduzierte" Natur verstanden), aber in heidnischen Kulturen endet dies mit schöner Regelmäßigkeit in einem absoluten (irdischen) Herrscher, in Zentralismus und mehr oder weniger religiös definierter (als Nachahmung des Schlußsteines "Gott" aus Ahnung) Despotie.

Wir wollen hier schließen. Auf alles einzugehen, das in Amoris Laetitia steht, ist ohnehin fast unmöglich, zu viel steht auf diesen langen (je nach Fassung) 250-300 Seiten. Was aus Dokumenten dieses Papstes ja bekannt ist, der einfach alles sagt, um nicht angreifbar zu werden, und sich einer zahlreichen Gefolgschaft sicher sein kann die tagaus tagein damit beschäftigt ist, die passenden Stellen je nach Anlaß zu suchen. Wer aber alles sagt, sagt nichts. Wer jede Option offenläßt, gibt keine Wegweisung. Er weicht vielmehr der Verantwortung aus, indem er das klare Urteil (und das klare Denken) ablehnt und durch nichtklare, also subjektivistische "Ethik" zum Trümmerfeld auflöst. Denn Verantwortung ist eine Frage der konkreten Situation - siehe Levinas - und jedes irdische Selbstsein, jede Rolle (und das heißt: Personsein) ist nur Rolle, weil sie in immer konkreten Beziehungsfeldern steht.



Morgen Teil 4) Nur in Anrissen Fortsetzungen, die noch zu leisten und geplant sind
- Themen, die sich aus Amoris Laetitia aufdrängen 





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Mittwoch, 27. April 2016

Wer nicht jätet opfert den Garten (2)

Teil 2) Warum es kein sicheres subjektiv hervorgerufenes Gewissen gibt - 
Warum darauf zu verweisen ein Akt der Unbarmherzigkeit ist




Also genau NICHT bloß faktisch-subjektives Gewissen, sondern als subjektives Gewissen sich äußernde objektive Wahrheit, die nur soweit objektiv ist und bleibt, als sie im Hören, im Gehorsam auf den ewigen logos steht, als in "ethischer Öffnungshaltung".

Dies wiederum wird noch tiefer verstehbar, wenn man die Struktur des Selbst als Sprache (Derrida, Lacan) kennt - die GEGEBEN ist. Das menschliche Denken braucht den Bezugspunkt "Allgemeinheit", das autoritative Außen, das es im Vertrauen übernimmt und als Urteilsbasis heranzieht, um sein Denken zu ordnen, muß man hier ins Christliche (als Religion der Inkarnation Gottes in Welt; dieser Gedanke fehlt ja bei den meisten dieser Philosophen, die meist auch jüdischen Glaubens sind) weiterführen.

Das ist Logik aus logos, das ist Grammatik als Struktur der Vorsehung (als logos), das ist dann Rhetorik als Entfaltung des logos in Weltstruktur (also als Quellkasten des Wissens, der Wissenschaft, der Wahrheit in der Welt.) Jesus Christus, der fleischgewordene Gottmensch, ist jener Schlußstein, in dem sich diese Zueinanderhin-Ordnung der Welt (man beachte die Symbolik des gotischen Gewölbes mit dem zentralen oberen Schlußstein!) nicht nur hält, sondern auf der sie beruht. Er ist die ultimative Gewissensautorität, aus der alle übrigen subjektiven Gewissen letztlich dieses "Außen", diese Autorität der Weltmanifestation in der Gewißheit (im Glauben) beziehen.

Das schließt zufälliges Faktisches aus, das eben nur zufällig und rudimentär Wahrheit (aus logos bzw. in logos) enthalten kann. Diese feine, aber entscheidende Unterscheidung wird oft nicht gesehen, und deshalb übersehen. Denn die Aktualitätslehre, auf die sich der Papst zu recht bezieht und die in der Philosophie eine wirkliche Entwicklung bedeutet, in einer Linie, die sich v. a. seit dem späten Mittelalter, von Kues über die Mystiker (Eckhart, J. Böhme), die Philosophie des 19. Jhds. und v. a. dann des 20. Jhds. (und nicht nur im genuin christlichen Raum, man denke an Buber oder Rosenstock, oder zuvor an Kierkegaard) über Ferdinand Ebner etc. etc. (denn es gibt dazu viele Namen zu nennen) in den katholischen Raum trägt. Wo sie heute die tatsächlich historisch aktuellste geistige Strömung darstellt, von der etwa Papst Johannes Paul II. (der sie weitgehend aus der Befassung mit Max Scheler oder Edith Stein schöpft) zutiefst geprägt war. Eine Linie, die im übrigen in den Kirchenvätern bereits reichste Entfaltung fand.

Das Problem weltlich manifestierter Autorität - ohne die es kein irdische Organisation, keine irdische Manifestation von Gesellschaft, auch nicht der societas perfecta, gibt - ist, daß sie in historischen Fragen entscheiden muß, in welchem konkreten Urteil sich der ewige logos ausdrückt. Das verlangt schlicht und ergreifend die Last des Führungsamtes auf sich zu nehmen, die eben ein Kreuz ist, und die Verantwortung zu übernehmen. Wenn sich aber eine Autorität dieser Verantwortung entschlägt - und das passiert heute schon fast überall, es ist ein Zug der Zeit! - so ist sie nicht besonders liebevoll und rücksichtsvoll vor dem Komplexionen des Einzelfalls, sondern im Gegenteil: 

Sie ist brutal unbarmherzig, weil sie dem "Unteren", dem in seinem Gewissen von ihr im Gehorsam ABHÄNGIGEN, dem der dieses Außen, diese Autorität BRAUCHT um sein Gewissen überhaupt bilden und erfüllen zu können, diesen notwendig zu leistenden Dienst vorenthält. Das ist nicht nur verantwortungslos, das ist vor allem UNBARMHERZIG, und noch mehr unbarmherzig, als es das als Ethik der Liebe oder "Zärtlichkeit" verkauft. Das ist eine glatte Lüge.



Morgen Teil 3) Wovor sich die Kirche aber auch hier völlig drückt,
und warum auch das alles entwertet





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Dienstag, 26. April 2016

Wer nicht jätet opfert den Garten (1)

(Erste Fragmente einer Kritik von Amoris Laetitia

"Die Beseitigung der Regel durch die Ausnahme." 

Weitere Punkte sind geplant, aber aus Zeitgründen noch nicht ausreichend ausgearbeitet.)


[...] Staunen, wenn nicht gar Ärgerlichkeit erregt der Verweis auf ein sogenanntes Subjektives Gewissen: Letzthinnig ist Entlastung nur durch ein Außen möglich. Gewissen und Selbst sind Sprachkonstruktionen, Sprachsysteme, Systeme des logos tragen es. Aber diese Sprache ist strukturiert durch Urteile, und diese sind objektiv vorgegeben, nicht subjektiv hervorgebracht oder erfunden, abhängig vom Kreis, der durch die Tat berührt wird. Im Fall der Ehe, der Sexualität, des Zusammenlebens zweiter ist die Öffentlichkeit unabtrennbare Dimension. Deshalb braucht es auch die Außenposition, die rechtfertigt oder nicht. Wie sagte einmal + Bischof Krenn: "Die Wahrheit, die mir Christus in der Kirche gibt."

Kirche ist societas perfecta, wo sie deformiert ist durch Sünde ist sie unvollkommene Abbildung des Ewigen Jerusalem. Aber es ist verheißen, daß dieser Bauplan des Ewigen Jerusalem nie aufhören wird, sich irgendwo zu manifestieren, und damit in der Welt wirksam zu werden, so klein die Kirche nach außen sein mag.

"Love ist not of making people feel good," sagt Steve Skojec in einen Radiointerview auf Fox News. Abgesehen von den grundsätzlichen Einwänden, ist es ein höchst fragwürdiges Vorgehen zu meinen, man könne für eine sehr kleine Minderheit (und das sind die wiederverheirateten Geschiedenen, die einen wirklichen Platz in der Kirche suchen) die Eintrittsschranken öffnen, während man damit die überwiegende Mehrheit der Katholiken verunsichert, weil man die Glaubensgewißheiten aufweicht, ja eigentlich in Frage stellt, wenn man ihre Relevanz plötzlich auf subjektive Gewissensentscheidung reduziert. Die es in Fragen der Ehe ja gar nicht - nicht mit absoluter Sicherheit - geben kann, und deren Konsultation einen prinzipiellen Gnadenausschluß als inneren Schritt bereits voraussetzt: Den des mangelnden Gehorsams. Abgesehen davon macht man die Kirche lächerlich, die einerseits behauptet die Wahrheit über die Ehe zu kennen, um sie anderseits selbst zu relativieren.

Es gibt schöne, es gibt sogar sehr schöne Stellen in dem Dokument, vor allem in seinen ersten Kapiteln über Ehe und Sexualität. (Die mancherorts gerühmten "praktischen Tipps" späterer Teile dazu sind zum Teil freilich so lächerlich, im übrigen ungenügend, daß wir sie nicht erwähnen wollen. Hier von Kenntnis der Wirklichkeit zu sprechen ist schlicht und ergreifend nur jenen möglich, die selber keine Ahnung von der Wirklichkeit haben. wenn man schon über Handys spricht, müßte man zumindest einmal in den Topf der Medienkritik hineingeschnüffelt haben, sonst wird es einfach inkompetent und unzutreffend. Handys werden nicht besser, wenn man sie zum Essen aus der Hand legt.) Aber durch diese Passagen wird diese Schönheit in den Verdacht gestellt, Lüge zu sein. Weil vielleicht vorgespielt werden soll: Seht her, wir wissen sehr wohl, wie es sein muß oder müßte. (Was im übrigen auch nicht ganz stimmt, dazu später.) Dazu die vielen griechischen Phrasen, die linguistische "Tiefe", die demonstriert wird (und mit der sowieso der Großteil der Menschen nichts anfangen können.) und die den Glauben festigen sollen, hier würde von vollem Nährboden des Glaubens aus argumentiert.

Was im übrigen nicht stimmt, gerade auch bei einem Verfasser, der Riceur oder Lacan oder Derrida oder Levinas als Referenznamen anführt, denen zumeist freilich eines fehlt: das christliche Licht. Nur soweit kann man aus ihnen also schöpfen, aber so weit kann man tatsächlich viel aus ihnen schöpfen, viel über den Menschen, viel über seine geistigen Strukturen, viel über die geistige Struktur der Welt. Das gilt auch für Letzteren, Emanuel Levinas, einem Juden, und der weist deshalb sehr gut auf, daß sich das Wahre, Ewige, Transzendente nur im Konkreten manifestieren kann - und in diesem Anspruch des logos steht der Einzelne in einer Antwortpflicht. Die ist es erst, die ihm als Selbst Substanz gibt, und zwar also vom Anderen her, auf den es zu überschreiten gilt.

Die Welt wird damit zu einem Substanzusammenhang insofern, müßte man seine Gedanken "kritisch" weiterführen (Levinas lehnt die absolute Ich-Substanz der Metaphysik ab), als sie sich in ihrer wechselseitigen Anfrage zwar nicht metaphysisch/absolut konstituiert, aber in diesem Geflecht aus Anfrage und Antwort wechselseitig in der Welt zur Welt substantiiert. Gottselbst äußert sich dann über das Einfallstor der Ethik.

Denn der Ort der Transzendenz ist die Konkretion, so die Erkenntnis, die man aus Levinas mitnehmen kann, keine über allem schwebende Moral oder ähnliche Konzepte. Und in der hingebungsvollen historischen Konkretion liegt auch die Erfüllung des Ewigen, des Dahinter, die Manifestation des Seins. Aber das tut sie nur bei Selbsttranszendenz, das tut sie nur auf dem Nährboden des Nichts, in das der Mensch fällt, der zu sterben bereit ist - im Gehorsam als Überantwortung an das (menschlich gesehene) Nichts dem gegenüber, was sich im logos herabsenkt. Ähnliche Gedanken finden sich übrigens in der katholisch geprägten Phänomenologie etwa eines Peter Wust (mit seiner "Insecuritas")


 Morgen Teil 2) Warum es kein sicheres subjektiv hervorgerufenes Gewissen gibt - 
Warum darauf zu verweisen ein Akt der Unbarmherzigkeit ist





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Sonntag, 30. September 2012

Vom Weltweib

Als "das Andere" wird die Welt dem Subjekt zum Weib, schreibt Emanuel Levinas in "Vom Sein zum Seienden". Im Eros angewegt, setzt das Seiende ("Ich") sich (in der Hypostase) aus dem (gewissermaßen) anonymen Sein (zum "Selbst"), auf das es sich im Schlaf, in der Müdigkeit als Bewegung, ausruhend, aber nicht auflösend (es bleibt also hypostatisch tätig), setzt - dem Unbewußten, das die Ausgangssituation des Menschen bildet.

Zur Anteilhabe des Seienden am Sein, als Akt - und darin im Seienden bleibend - zu denken, als Bezogenheit auf, als Beziehung zu, als erlebtes Leben bewußt werdend, als Denken Bewußtsein konstituierend. Im Selbstvollzug des sich selbst darstellenden Lebens, als Anstrengung, als Mühe - darf man den Konnex zu Michel Henry ziehen. Und in der Selbsttranszendenz auf die Welt hin, die sich so aneinander in einem riesigen Miteinander im Seienden hält, und damit in der Individuation als transzendenten, sich überschreitenden Vollzug der Bezüge das Sein der Gestalten der Welt hält. Nicht aber - noch einmal - überhaupt das Seiendsein des Subjekts selbst, das sich im Objektiveren von der Welt lösen und damit zur Welt verhalten kann.

Gibt die Welt ihre Individuation auf, ihr Seiend-Sein, ihr fleischliches Bezogensein, fällt auch ihre Umgebung auf sich zurück, löst sich Welt auf. Sodaß das Selbst nun um sein Überleben kämpft, im Versuch der Selbsthaltung (sichtbar z. B. in der ein Selbst behauptenden Haltung). Die Welt fällt also nicht ins Nichts, das wäre zu weit gedacht, sondern in die Formlosigkeit, und in ihr verweigert diese "Neutralität" (als bloßes "es gibt etwas" - das "Unbewußte") den übrigen Figuren ihre Gestalt, sie bleiben in den Grundkonstellationen stecken, die aber nicht zur Welt finden.

So, wie Arme ins Nichts greifen, greift also das Selbst der Subjekte auf glatte Oberflächen, kann keinen Halt gewinnen, um adäquate Gestalt zu werden. Denn Menschsein heißt immer, in einem sozialen Raum sein. Hieraus wird die Bedeutung von Jesus Christus - als fleischgewordener Gott - erkennbar, in dem, aus dem alle Welt Sein und Bestand hat. Und über den alle Welt in einem Punkt zusammenläuft: als Gestalt "gegenüber", als "anderer", in dem und aus dem ich aber erst bin. Denn das Heil des Subjekts kann damit auch nicht aus sich selbst kommen - nur die Heilsergreifung bleibt als subjektiver Akt.

Menschsein heißt damit auch, einander wie Mann und Frau zu sein. Die Ehe ist somit Urbild der Welt überhaupt, damit auch Kultur an sich. Wer keine Ehe mit dem Außen (in ihrer alles haltenden Spitze: Jesus Christus) schließt, verliert die Welt, deren Gestalt Kultur IST - aus dem Kult hervorgehend, in dem das dialogische konkrete Gegenüber sich zur Weltwerdung vollzieht. Und zwar ... aus den Grundformen der Liturgie heraus, die der Weltgeburt ihren Rhythmus gibt.*






*(Diesen Punkt noch ausführend, wird also eine Kultur so, wie ihre Kirchen sind. Als Diözesanreferent hat der Verfasser dieser Zeilen seinerzeit, als er viele Pfarren besuchte, wohl nicht zufällig eindeutige Relationen zwischen den Kirchenbauten und der darin ablaufenden Liturgie, aber letzteres fast noch weniger bzw. sekundärer, und den Menschen, die er antraf, festgestellt.)


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