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Dienstag, 13. April 2010

Vom Nutzen der Armut

Anfang der 1950er Jahre traf Graham Greene in Neapel den dort seinen Lebensabend verbringenden, ehemaligen deutschen Ulanenoffizier, Baron Schacht. Der völlig mittellos war, und hauptsächlich von Pasta und Kräutern, die er in den umliegenden Bergen sammelte, lebte. Und von den zahllosen Einladungen seiner noch zahlloseren Freunde, die er dort gewonnen hatte.

Jedes Jahr, zum Geburtstag des deutschen Kaisers, zwängte sich der längst aus allem Leim gegangene, vor Gesundheit aber strotzende Baron in seine alte Reiteruniform, und salutierte in vollem Wichs vor dem Bild seines ehemaligen Herren. "Es war damals alles so friedlich," meinte er.

Die Regierung Adenauer bekam Wind von seiner armseligen Existenz, und setzte ihm eine standesgemäße Gnadenrente aus.

Das war der Untergang des Barons. Denn er war ein großzügiger Mensch, und ab nun in der Lage, alle freizuhalten, weil endlich alles zurückzuzahlen, was er erhalten.

Nach wenigen Wochen erlag er, nach einem der zahllosen Trinkgelage zu denen er geladen hatte, einem Schlaganfall.




*130410*

Montag, 5. April 2010

Opferlamm

Als Kubas Diktator Battista von Castro defacto gestürzt war, und vor den anrückenden Rebellen, die bereits das ganze Land in Händen hatten, mit Sack und Pack fliehen wollte, hatte er vor, den berüchtigten Hauptmann des Geheimdienstes der Armee, Ventura, als "letzter Tropfen im Glas" - Opfer für den Zorn des Volkes - zurückzulassen. Während er in der Dominikanischen Republik ein neues Leben in Stille und Zurückgezogenheit beginnen wollte ...

Ventura aber bekam davon Wind, riß sich von seinen Spielautomaten los, vor denen er endlose Stunden verbrachte, verschaffte sich wütend Zutritt zum Diktator, und setzte diesem die Pistole an die Brust.

Der mußte daraufhin am Flughafen einen Teil seines Gepäcks wieder ausladen, um in der Fluchtmaschine noch Platz für Ventura zu schaffen.




*050410*

Dienstag, 30. März 2010

Dschungulesisch-amouröse Kontrolle

Das Leben der in Malaysia kämpfenden kommunistischen Guerillas wurde, schreibt Graham Greene, streng geregelt - Kontrolle und Disziplin hielt trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen im Dschungel, der für die Kommunisten zwangsläufig zum Gefängnis wurde, die Kampfmoral aufrecht. Wobei sich Greene über die Art der Moral wundert.

Denn in den Lagern der Guerilla gab es Kurse in Marxismus, hektographierte Lenin-Nachrichten und den Roten Stern zu lesen, gab es vor allem ständige Zusammenkünfte, in denen Selbstkritik geübt wurde. "Was für ein seltsamer naiver Gegensatz zu ihrem unbarmherzigen Terror. Man konnte sich aus erbeuteten Dokumenten ein Bild dieser Art zu leben machen, man erfuhr daraus, daß Li Kheng nicht hygienisch sei, daß Ah Tschang den freundlichen Gruppengeist besitzt, daß Lau Beng eher faul ist, flüchtig beim Lernen und überhaupt nicht besonders angenehm im Benehmen (manchmal ist er ängstlich angesichts der Situation, und seine Kameraden finden ihn ziemlich unreif)."

Liebe, schreibt Greene, sei mit Sympathie und Disziplin behandelt worden, schon gar weil es viele Frauen bei den Dschungeltruppen der Kommunisten gab. Einem abgefangenen Exemplar der Lenin-Nachrichten sei zu entnehmen gewesen, daß Genossen und Genossinnen, die nicht verheiratet waren, auch nicht miteinander leben durften. Doch konnte man von höheren Stellen Ausnahmegenehmigungen erhalten.

"Wir verbieten niemandem den Beischlaf; die Einstellung zum Beischlaf muß jedoch einwandfrei sein. Wird er ausgeübt, so ist dies unter Angabe genauer Gründe den Parteistellen zu melden. Die Angelegeheit wird durch die Partei untersucht, sodann werden die beiden Partner über die Beschlüsse informiert."

Die Untersuchung hatte folgende Punkte zu klären:
  1. Warum ist unter Kommunisten die Liebe ein ernst zu nehmender Trieb?
  2. Was ist die richtige Einstellung zur Liebe?
  3. Kommen auch in unserem Gebiet immer noch Fälle von selten gewordener unzulässiger Liebe vor?
  4. Was sind die Begleitumstände ihres Auftretens?
  5. Was ist die Ursache?
  6. Wie überwinden wir unzulässige Liebe? Welches Verfahren empfiehlt sich?

Die seltsame widersprüchliche Lebensweise der kommunistischen Guerilla führt zu grotesken Situationen. Einmal wird ein Guerillakämpfer aufgegriffen, der unachtsam war, weil er sich in eine Sprachübung vertieft hatte, bei der er in einem hektographierten Text, den er vor sich liegen hatte, Fehler finden und korrigieren sollte.




*300310*

Montag, 29. März 2010

Kommunistische Eroberungen

Das Wesen des Kolonialkrieges in Malaysia, schreibt Graham Greene, sei keineswegs ein Krieg einer Nation um ihre Freiheit gewesen. "95 Prozent aller Guerillas waren Chinesen." In rein malaiischen Gebieten herrschte auch während der Kämpfe bunte, ja fröhliche Normalität. Dort aber, wo der Dschungel begann, dort begann auch der Guerillakrieg. Und der war von den Kommunisten perfekt organisiert - mit Politbüros, pädagogischen Einheiten, Schulungen, Ausrüstungsstützpunkten und Ausbildungslagern, einem unermüdlichen Geheimdienst und politischen Kommissaren.

Einige tausend Banditen standen hunderttausend Malaien von der bewaffneten Polizei, und fünfundzwanzigtausend britischen, malaiischen und Gurkha-Truppen gegenüber. Welche jene sich die Eigenheiten des Dschungels in Malaysia - besondere Dichte, extreme Feuchtigkeit, fast täglicher Regen, Insekten, alles durchdringender schwerer Verfaulungsgeruch der Vegetation ... - zu Nutze machten, um durch einen kaum greifbaren Dauerkrieg die Kolonialherren zu zermürben.




*290310*

Samstag, 27. März 2010

Nebeltaktik


Graham Greene beschreibt die Guerillataktik der Kommunisten in Malaya als Taktik des "nie endenden Krieges". Es gab nie eine Entscheidungsschlacht, und so endete auch nie "Krieg", sondern er durchdrang alles, jeden Tag, jede Handlung, jeden Atemzug der Bevölkerung wie der (englischen) Soldaten in Südostasien. "Der Krieg war wie Nebel; er durchdrang alles, er lähmte den Geist." Nach und nach löste vor allem Mißtrauen - fünf- bis sechstausend Kämpfern standen stillschweigende Helfer in der Bevölkerung gegenüber, die in die Hunderttausende gingen - die alltäglichen Lebensabläufe regelrecht auf. Einfachste Vorgänge wurden lebensgefährlich - wie eine simple Abholung am Bahnhof zu vereinbaren.

Mit Vorliebe suchten die kommunistischen Guerillas (einheimische) Pflanzer als Opfer ihrer Anschläge aus. Denn ihr erklärtes Ziel war es, das Land so zu devastieren, daß sich für die Kolonialherren eine Erhaltung der Kolonie, eine Militärpräsenz, einfach nicht mehr lohnte. Weil nun Malayas Reichtum auf Zinn einerseits, auf Gummi anderseits aufruhte, Zinnminen aber relativ leicht zu überwachen und zu verteidigen waren, waren die Plantagen die einzigen lohnenden Angriffsziele.

Die Überfälle auf die Eisenbahnen waren so alltäglich, daß in den Waggons Schilder in Chinesisch, Malaiisch, Tamil und Französisch hingen, auf denen lapidar zu lesen war:


                                       WARNUNG: TERRORISTEN

Bei Feuerüberfällen auf die Eisenbahn wird den Passagieren empfohlen, sich auf den Boden zu legen und unter keinen Umständen den Zug zu verlassen.




                                                      *270310*

Mittwoch, 24. März 2010

Teil des Lebens

Graham Greene über den Unterschied zwischen Franzosen und Engländern:

"Für den Engländer ist Krieg eine Abweichung vom Normalen, wie eine Leidenschaft. Für den Franzosen ist der Krieg einfach ein Teil seines Lebens: er kann angenehm oder unangenehm sein, wie ein Ehebruch. La vie sportive - so nannte ein französischer Kommandant sein Leben auf einem kleinen Landungsfahrzeug im Delta südlich von Saigon, wo er in den schmalen Kanälen, dem Granatregen von beiden Ufern ausgesetzt, Viet-Minh-Guerillas jagte."




*240310*

Montag, 22. März 2010

Revolution der Kinder

Graham Greene beschreibt eine "Revolution der Kinder", die er 1957 in den letzten Tagen des US-unterstützten Diktators Batista erlebt hatte, von der aber, wie er meint, kein Medium der Welt berichtet habe. Dabei waren zahlreiche Korrespondenten wie Greene Augenzeugen.

Wie so viele, war nämlich auch ein Vater von drei Töchtern, acht bis zehn Jahre alt, verhaftet worden, konnte aber entfliehen. Da tauchte die Armee in seinem Haus auf, und nahm die drei Töchter als Geiseln mit, und verbrachte sie in eine Kaserne in Habana.

Am nächsten Morgen hatte sich die Nachricht blitzschnell in allen Schulen verbreitet. An den höheren Schulen trafen die Kinder die Entscheidung selbst und gingen auf die Straße. Die Kunde verbreitete sich weiter. Nun kamen auch die Eltern und holten ihre Kinder aus den Volksschulen heraus. Die Straßen waren voll von ihnen. Die Kaufleute schlossen die Läden, erwarteten das Schlimmste.

Aber die Armee gab überraschend nach, und entließ die drei Mädchen. Sie konnte denn doch nicht ihre Feuerwehrschläuche auf kleine Kinder in den Straßen richten, wie sie es bei ihren Müttern getan hatten, oder sie an den Laternenpfählen aufhängen, wie es an den Vätern geschehen wäre.





*220310*

Sonntag, 21. März 2010

Frei in der Wirklichkeit

Als er in die Vierziger kommt (in den 1950ern), schreibt Graham Greene in seinen Lebenserinnerungen "Fluchtwege", gerät er in eine seltsame Verfaßtheit: er möchte nur noch fliehen. Seine Erfolge, vor allem im Film, haben es ihm gut eingerichtet, und nachdem er auch die Vorgehensweisen des Schreibens weitgehend ausgelotet hat, wird er zunehmend ihr Gefangener, auch weil diese Wege zu Methoden werden. Das war wohl ausschlaggebend, daß er sich auf eine Weise verändert hat, im Leben sich's eingerichtet hat, die im Gleichmaß der Behaglichkeit jene Angst bis zur Unmöglichkeit steigen läßt, wieder loszulassen, ja die den bewußten Zugang völlig versperrt.

Verzweifelt sucht er Wege, wie er sich selbst, dieser uneigentlichen Identität, zu der sich sein Leben verfestigt hat, wieder entflieht. Und er beschreibt es indirekt in "Das Ende einer Affäre". So deutlich, daß Papst Pius XII., der das Buch gelesen hat, zum englischen Bischof Heenan sagt: "Ich glaube, dieser Mensch ist in Gefahr. Sollte er je zu Ihnen kommen, dann müssen Sie ihm helfen!" (Greene hat Heenan freilich nie aufgesucht.)

"In dem Roman habe ich einen Liebenden beschrieben, der sich so sehr fürchtet, die Liebe könnte sich erschöpfen, daß er ihr Ende beschleunigt, um auch die Qual zu beenden. Dennoch floh ich diesmal nicht vor einer unglücklichen Liebe, ich war glücklich verliebt. [...] Ich suchte nicht das Ende einer Liebe, sondern des Lebens. Zum Selbstmord fehlte mir der Mut, aber ich machte es mir zur Gewohnheit, in Krisengebiete zu reisen, nicht um Stoff für Bücher zu sammeln, sondern um das Gefühl der Ungewißheit wiederzufinden, das ich während der drei Luftangriffe auf London so wohltuend empfand."

Die Ungewißheit, in der er sich selbst, einer übermächtigen Gewalt ausgeliefert, endlich entkommt, dem Scheinleben entkommt, um Gott neu zu finden, indem man endlich seine Hände aus allen Sicherheiten lösen, staunend ganz neu in die Wirklichkeit einzutauchen vermag ...




*210310*