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Freitag, 11. März 2016

Rechtsprechung ist immer schöpferisch (2)

Teil 2) Warum das Parlament nichts anderes macht 
als ein absolutistischer Herrscher




Selbst das sprachliche Verstehen eines Gesetzestextes ist ja zuerst vom Selbstverstehen des Lesenden und Auslegenden geprägt. Denn jedes Verstehen kann nur das Eingehen in einen bereits vorhandenen Verstehenshorizont bedeuten, und seine Erkenntnis wird immer davon abhängen, wie glaubwürdig es dem Verstehenssubjekt selbst ist. Eine Richtigkeit des Rechts kann es deshalb nur im Verfahren selbst geben.

Der Gesetzestext selbst wird immer unvollständig sein, und - er MUSZ es sogar sein. Weil er nur in einer Allgemeinheit abgefaßt sein kann, der dem nie vorherwißbaren, unendlich vielfältigen Einzelfall Raum läßt, der von jedem Idealfall immer abweicht. Recht, das das nicht berücksichtigt, wird nicht nur ungerecht sein, sondern wird dies, weil es erstarrt. Entsprechend allgemein muß ein Gesetz auch formuliert sein. Univok, absolut eindeutig, kann ein Gesetz höchsten durch Zahlen sein.

Allzu strenge "Logik" kann leicht in Rabulistik umschlagen, und aus Rechtsfindung wird - Unrecht. Kaufmann erzählt dazu einen jüdischen Witz:

Ein Mann fragt seinen Rabbi: Rabbi, ist es meinem Nachbarn erlaubt, mit seiner Frau zu schlafen? Na klar, sagt der Rabbi. Rabbi, ist es mir erlaubt, mit meiner Frau zu schlafen? Na sicher, auch klar, sagt der Rabbi. Rabbi, ist es mir erlaubt mit der Frau des Nachbarn zu schlafen? Unter keinen Umständen, hebt der Rabbi die Hände. Und, Rabbi, ist es dem Nachbarn erlaubt, mit meiner Frau zu schlafen? Da sei Gott vor, hebt der Rabbi beschwörend die Arme. Rabbi, sagt nun der Mann, wo bleibt aber jetzt die Logik? Wenn ich mit einer Frau schlafen darf, mit der mein Nachbar nicht schlafen darf, um wieviel mehr darf ich dann mit einer Frau schlafen, mit der sogar er schlafen darf?




*In diesem Umstand lassen sich sogar Analogien zu dem nicht immer ganz verstandenen Satz finden, der da hieß, daß der König zugleich auch das Recht setze. Denn immerhin versteht sich der König als "Derivat" des Volkes, als Allerallgemeinster seines Volkes, das sich somit in ihm in einer abstrakten, alles Einzelne enthaltenen Weise wiederfindet. Damit ist auch klar (der Staufer Friedrich II. hat so argumentiert), daß sein Wille zugleich das Gesetz SEIN und in persona setzen muß, denn in ihm trifft sich ja umgekehrt auch Gottes Wille, im König verbinden sich also Himmel und Erde. Das ist übrigens eine uralte Menschheitsansicht udn reicht bis hinein in die ERlösungslehre der Katholischen Kirche mit Jesus, dem König der Könige, und den Erlösten als seine Brüder. Karol Woytyla hat deshalb auch ein Buch geschrieben, in dem der vom Menschen in "Königswürde" spricht. Es folgt derselben Linie.

Ein Parlament argumentiert aber ja auch nicht anders? Es muß sich sogar als Wille des Volkes verstehen, und umgekehrt die Legitimation haben, es mit Gesetzen (woher?) zu formen. Der Unterschied zu früheren Auffassungen der Rechtsetzung ist also verschwindend. Nur war sich der Staufer dieser Tatsachen mehr bewußt!




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Donnerstag, 10. März 2016

Rechtsprechung ist immer schöpferisch (1)

Es ist aburd davon auszugehen, daß ein Richter "neutral-objektiv" an ein Rechtsverfahren herangehen kann, schreibt Arthur Kaufmann in seiner "Rechtsphilosophie". Vielmehr gilt daß im Fall, wo ein Richter glaubt, daß das Recht aus einer Sumtion objektiver Gesetze zu finden sei, an seine persönlichen Wertbeziehungen zum Gegenstand der Rechtssprechung gebunden bleibt, weil er diese Tatsache nicht reflektiert und in seine Urteilsfindung einbeziehen kann. 

Die immer ein schöpferischer, also rechtsschöpferischer Vorgang ist. die sogenannte Gewaltenteilung hat also gewisse Grenzen und ist im Recht gar nicht strikt möglich.  Denn der Richter braucht sogar Voreingenommenheiten, um überhaupt an einem konkreten Fall mit seinen Vereinzeltheiten prüfen zu können, ob und wie es welchem Rechtsbruch (der ja ein Beziehungsproblem ist) entspricht. Das ist ein schöpferisches Vorgehen, und Richtspruch wird deshalb nie ohne Macht und Rechtsetzung möglich sein. Es ist eine Dezision, also eine Setzung der Macht, nicht einfach Determination, Subsumtion oder nur Interpretation.

Die Frage kann nur sein, ob dieses Rechtschaffen rational abgesichert werden kann, um es von der Willkür zu scheiden. Rational im Sinne von rationalistisch, also nur argumentativ, kann es aber nie erschöpfend "logisch" sein. Ohne Vorverstehen - als Vorauswerfen eines Deutungsbildes, dem die Fakten zugleich entgegenkommen und entsprechen müssen, eines also am anderen geprüft werden muß, sodaß es sich im Idealfall in der Mitte "irgendwie" trifft - ist überhaupt kein Verstehen möglich.

Recht braucht also vorausgehendes Rechtsgefühl. Schon die Gesetze selbst werden ja in Hinblick auf ein Bild erlassen, das als Unrecht oder Recht gilt.* Rechtsprechung ist deshalb immer auch eine Kunst, nie Wissenschaft im Sinne der exakten Naturwissenschaften. Eine Kunst, die wie jede Kunst ihre Bildkräfte aus der Tradition eines Volkes bezieht, auf das sie bezogen ist. Weil Recht eben Beziehung zwischen Dingen/Personen ist. Wissenschaft und Hermentuik sind also jeweils Versuche, Licht in eigentlich aber irrationale Vorgänge zu bringe. Das Urteil geht deshalb der "Rechtsprechung"... immer schon voraus!

"Das Rechtsgefühl nimmt das Resultat vorweg, das Gesetz soll dann nachträglich die Gründe und die Grenzen dafür hergeben," schreibt dazu Gustav Radbruch. "Es verlangt einen behenden Geist, der vom Allgemeinen zum Besonderen, und vom Besonderen zum Allgemeinen springen kann." Es braucht, wie Einstein es einmal formulierte, "mehr die Phantasie als das Wissen." Vorverständnisse sind das immer Menschliche an der Rechtsprechung, und kein Computer, keine noch so hochentwickelte Technik kann sie leisten. Erst das Vorverständnis ermöglicht es aber, im Zirkelhaften eines jeden Rechtsfindungsverfahrens zurecht zu kommen.

Das bedeutet, daß das Recht immer zwei Gesichter hat: Den des Rechtsempfindens, das ein Gefühl in den Menschen ist, und den des Tatsächlichen der Einzelheiten. Es ist einem Tunnel vergleichbar, der von zwei Seiten zugleich gegraben wird, und man sich im Idealfall in der Mitte trifft. Schiller beschreibt es in einer Xenie so: "Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die Häuft nur abschält? Was ihr hinein nicht gelegt, zieht ihr nimmer heraus."


Morgen Teil 2) Warum das Parlament nichts anderes macht als ein absolutistischer Herrscher





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Sonntag, 24. Mai 2015

Heroische Lebenshaltung als Schale des Geistes

Es ist schon sehr aussagekräftig, wenn ausgerechnet das, was "die Menschen des Islam" mit dem Christentum vielleicht am meisten verbindet, von den Christen am meisten abgelehnt wird: Und das ist das, was Hemmingway mit  vollem Recht als jenen Ort nennt, an dem das Leben seine größte Kraft entfaltet. Es ist die heroische Lebenshaltung!

Und dort liegen in den Augen des VdZ auch jene Anknüpfungspunkte, wo der Muslim, der wirklich Geist, Spiritualität sucht, sich seiner Bruderschaft mit dem Christen bewußt werden könnte, ja wo ein In- und Miteinander möglich würde, das wirklich die Tore zur "einen Religion" öffnen könnte. Wo der Islam seine Wüsten aus den eigenen Wurzeln heraus wieder bewässert. Und die sind das Christentum. Ja, wo wir von den Menschen, die sich Muslime nennen, sogar etwas lernen können. 

Denn wenn auch manches pseudologisch unwirklich geworden ist, so erinnert selbst der Fanatismus der IS und der Islamisten generell an diese Grundhaltung des Lebendigen. Das nicht aufatmet, weil es keine Todesgefahr mehr zu fürchten braucht, und rund um sich Polsterlandschaften der Sicherheit aufgebaut hat. Sondern das sich bewußt dem Tod stellt, um ihn dadurch zur Furchtlosigkeit zu überwinden. Diese genuin christliche Grundhaltung - "non timete!" - des Gekreuzigten ist aus überaus nachvollziehbaren (geistig-seelischen) Gründen "im Islam" in dieser Überzogenheit aufzufinden. Als Problem der Überführung des Geistes ins Fleisch, wie es beim Durchdenken der Konsequenzen des Arianismus (Jesus ist nicht Gott, nur Mensch, "mit Sendung", muhamad also) gar nicht anders kommen kann. 

Aus exakt demselben Grund hat sich Europa poseudologisch, "virtuell" entwickelt; auch hier hat sich die Tugend in den Voluntarismus und Positivismus verlagert - man beachte die heutigen führenden Moralgebote, die sich in zahllosen Lebensführungsregeln niederschlägt, von der political correctness über die Mülltrennung bis zum Klimawandelwahn

Ihre wirklichen Wurzeln liegen aber in der durch Jesus Christus offenbarten Grundhaltung des Menschen zu Gott hin: der heroischen Lebenshaltung, die sich ohne Furcht der Wirklichkeit stellt, den Kopf jederzeit zum Empfang eines Hiebes geneigt.

Die Entstehung wie Ausbreitung des Islam ist keineswegs geographisch belanglos universal. Sie setzt auf einer natürlichen heroischen Mentalität auf, wie sie sich in weiten Teilen der Welt tatsächlich noch erhalten hat. Eine Haltung, wie sie auch das Griechentum so großartig herausgestellt hat, bei allen spirituellen Verkürzungen, die mangels Offenbarung im Christentum kaum anders hätten eintreten können.

Das ist nicht die Wohlstandsmentalität, in der Europas Christentum zur verweichlichten, trägen Wohlstandsgrinsefigur verkommen ist, die ohne das Waten in Versorgtheit und Versorgungshaltung gar nicht denkbar wäre. Und aus demselben Grund die christliche Botschaft zur friedensverschwafelten Luschenbrühe verdünnt, die die Simulation von Liebe, die in Wahrheit gar niemanden berührt und bewegt, am allerwenigsten die die dauernd davon reden, zum Gebot erhebt. Weil man so dem Schmerz der Begnung mit dem Wirklichen, dem Sein, am elegantesten vermeidet, weil man DEM ANDEREN das Schwert des Muts zur Welt und zur Gestalt aus der Hand nimmt. Wo alles eingeebnet ist, ist nichts mehr gefährlich. Weil nichts mehr da ist, nur ausgekaltete Herzen.

Da tut es richtig gut, in den Muslimen - auch - diesen richtigen Impuls der Anti-Moderne zu sehen, aus dem sich so etwas wie "Anti-Amerikanismus" herausdestilliert hat. Denn dazu braucht es heute Heldentum. Man fürchtet im offiziösen Europa aber regelrecht diesen Impuls, diesen Geistesfunken, dessen Gebet ironischerweise die sogenannte "Europahymne" ist - dieses Ineinander von Schillers Ode an die Freude und Beethovens Lebenswerk im Enthusiasmus schloß, in der Erfülltheit mit Gott, im Chor der Schöpfung, in der der Mensch zum wahren Abbild Gottes in der Liebesumschlungenheit von Geist und Fleisch wird. Als Kraft, die wahrlich zu bewegen vermag.

Die Fahne, unter der sich dieser Kontinent angeblich sammelt, und die man in Wahrheit längst fürchtet, genau deshalb weil sie ihre Botschaft sendet. Weil sie da und dort auch europäische junge Menschen erfassen könnte.

Aber es ist diese Haltung des Heroischen, in der sich der Mensch zum Geist der Heiligkeit öffnet, auf daß er darin bade, von diesem übergossen werde, und sich zum wahren Leben im Geist erhebe. Hemmingway hatte völlig recht. Der Mensch ist nur, wenn er liebt. Er ist nur, wenn er heroisch lebt und sich in den Geist übersteigt. Und dort sind wir den Menschen jenes geographischen Raumes, der als islamisch bezeichnet wird, wirklich Brüder. In diesem Funken träfen wir uns wirklich. In jener Männlichkeit, die Hemmingway mit jeder Zeile meint.*

Denen freilich eines fehlt: Jenes Licht, das die Welt erleuchtet hat und erleuchtet, in carnatio, im Fleisch, als Gestalt, und den Menschen der sich zu dieser Gestalt öffnet, zum wahren Heldentum führt. Nicht als tragische Karikatur nach einer Erfülltheit hechelt oder auf eine Erfülltheit wartet (nach wie vor gibt es Strömungen im Islam, vor allem bei den Shiiten, die auf einen Mahdi, einen Erlöser warten), die sie umso mehr verliert, als sie sich danach willentlich explizit streckt.

Das ist dann der wahre Enthosiasmus, die wahre Freude, kein billiges Surrogat der Selbstmanipulation, zu der europäische, christliche Lebenshaltung verkommen ist. Es ist der Geist des Heldentums, der uns erst zu Christen macht, aus dem die Welt überhaupt nur lebt. Das erfassen Heiden, wie Hemmingway, zumindest als das, was dem Menschen wirklich fehlt. Weil sie sich einfach nicht von der Sattheitsmentalität, aus der diese Brühe kommt, die wir als angebliches Christentum durch die Welt spritzeln, einlullen haben lassen können. Zeigen wir allen doch, wo jenes Heldentum liegt, das die gottferne Fleischlichkeit so ersehnt, daß sie nicht auf den Erlöser warten will, den sie nicht sieht, weil wir, geschmackloses Salz, ihn verbergen.









*Oh, er habe sie nicht "gelebt", sondern nur in der Kunst herbeiimaginiert? Wer so redet, weiß nicht, was das Wesen des Künstlers und der Kunst überhaupt ist. Denn des Künstlers Werk ist, und darin unterscheidet er sich in nichts (außer der materia, dem Material) von den Menschen des weltlichen Alltags, des Nutzengeflechts, jenes Medium, in der er sein Leben wirklich lebt und vollzieht. Wie oft wird hier auch von Künstlern ein tragischer Fehler begangen, weil sie dem Druck des Menschseins wie alle anderen es leben erliegen. Und ihren Lebensacker verlassen, und sich auf fremdem Territorium lächerlich machen.



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Sonntag, 22. August 2010

Entweder - oder

Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
Sie heißen Hoffnung und Genuß.
Wer dieser Blumen eine brach,
begehre die andere Schwester nicht. 
Genieße, wer nicht glauben kann ...
wer glauben kann, entbehre.

(F. Schiller)

*220810*

Mittwoch, 18. August 2010

Rechtmäßigkeit ist Freiheit

Völlig zu Unrecht wird Schiller, sieht man von Jugendsünden ab, als der Künder des Individuums gefeiert, das sich gegen die Ordnung auflehnt. Vielmehr muß gelten, betrachtet man seine gesamten mittleren, späteren Dramen, daß Schiller die Legitimität der Ordnung über alles stellt. Sein Auflehnen ist nur ein Auflehnen gegen die ungerechtfertigte Regierung.

Ob in Maria Stuart - "Regierte hier Recht, lägest du vor mir auf den Knien, denn ich bin dein König!" - oder Johann von Orleans - "Hier steht die Gottgesandte, die Euch den angestammten König wiedergab!" - zu Wallenstein - "Das Jahr übt heiligende Kraft; sei im Besitze, und du wohnst im Recht, und heilig wird's die Menge dir bewahren." - Geht es ihm immer sehr deutlich um die Beseitigung aller Illegitimität, und die Herstellung eines in heiliger Ordnung fundierten Ordnung. Selbst im Freiheitsdrama par excellence, im Wilhelm Tell, heißt es: "Ein Oberhaupt muß sein, ein höchster Richter, wo man das Recht mag schöpfen im Streit."

So stellt sich Schiller's Freiheitskampf als Kampf gegen die Usurpateure der Macht dar, um die heilige und alte Ordnung wiederherzustellen - nicht, um eine neue zu schaffen. Die Mißstände der Gegenwart sind in der Ungemäßheit der Regierung gegründet. Sie fortzuschaffen heißt, dem Volke den Weg freizumachen zu seiner Natur gemäßen Gestalt - und erst dann kann sich Schönheit und Glück einstellen.

Nicht vergessen darf man, daß Schiller alle diese Dramen in einer Zeit schrieb (1798 bis 1805), in denen überall in Europa von einem Usurpateur, Napoleon, die alten Ordnungen beseitigt wurden. Der Glaube an die Kraft der Rechtmäßigkeit des im Gestern sich zeigenden Ewigen, Echten, das den Daseinsgrund gar bietet, hat die Unterjochten aber überleben lassen.

***

Nadler weist darauf hin, daß Schiller Wallenstein sogar sprechen läßt:

Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fürchte
Das ganz Gemeine ist's, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt
Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.
Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Weh dem, der an dem würdig alten Hausrat
Ihm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen.

*** 

Ja, es verklärt sich sogar - himmlische Mächte steigen dann schon hernieder, um für den rechtmäßigen König einzutreten und zu kämpfen. (Johanna von Orléans) Ein bemerkenswert barocker Gedanke, übrigens, auf den zu Schiller - mitten in der Romantik rund um ihn - sich hingearbeitet hat. Und nicht nur inhaltlich - die Jungfrau ist schon als Textmatrix angelegt, auf die Musik und Chöre (Massenszenen, auch im Tell!) gesetzt werden sollen. Schiller steht (wie Grillparzer) damit am Höhepunkt der Theaterkunst aus Humanismus und Barock.



*180810*

Samstag, 14. August 2010

Vollkommene Form

"Wenn man einen flüchtigen Blick durch das Thierreich wirft, so findet man, daß die Schönheit der Thiere in demselben Verhältniß abnimmt als sie sich der Masse nähern, und bloß der Schwerkraft zu dienen scheinen. Die Natur eines Thiers (in der ästhetischen Bedeutung dieses Worts) äußert sich entweder in seinen Bewegungen, oder in seinen Formen, und beide werden eingeschränkt durch die Masse. 

Hat die Masse Einfluß gehabt auf die Form, so nenne wir diese plump; hat die Masse Einfluß gehabt auf die Bewegung, so heißt diese unbehülflich. Im Bau des Elephanten, des Bären, des Stiers, usf. ist es die Masse, welche an der Form Antheil hat. Die Masse aber muß jederzeit der Schwerkraft gehorchen, die sich gegen die Eigene Natur des organischen Körpers als eine fremde Potenz verhält.

Dagegen nehmen wir überall Schönheit wahr, wo die Masse von der Form und (im Thier- und Pflanzenreich) von den lebendigen Kräften (in die ich die Autonomie des organischen setze) völlig beherrscht ist."

Friedrich Schiller in einem Brief an seinen Freund Körner -
"Der Grund der Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung."



*140810*

Dienstag, 10. August 2010

Gesetz des Kunstwerkes

Die Bestimmung des künstlerischen Tuns ist die Form, nicht der Begriff, und Kunstverständnis ist Formverständnis.

Die Form bedeutet die einheitliche innere Notwendigkeit, die sich in der Gesamtheit der anschaulichen Teilinhalte des Kunstwerkes gestaltend auswirkt. Die Form besagt die innere Notwendigkeit und Gesetzlichkeit, mit der der künstlerische Gedanke sich in dem Werk als seinem Ausdruck rein und erschöpfend darstellt. Jedes Schöne bedeutet ein Gesetz, das es in sich selber stellt und erfüllt. Der künstlerische Gedanke ist dies Gesetz, das gestaltend sich darstellt. 

Das Schöne ist die Einheit von Gestalt und Bedeutung. Als Gestalt, die mit der Sinnenwelt erfaßt wird, ist es ein Stück Natur. Als Erfüllung eines in sich selbst gestellten Gesetzes ist es Freiheit und Persönlichkeit. Das Schöne eint sich in Natur und Freiheit. Es ist Freiheit in der Erscheinung. Als Naturgebilde in die Bedingtheiten der Natur gefaßt ist es doch in sich selber abgeschlossen und vollendet und in der Bedeutung eines Unbedingten den Naturbedingtheiten entnommen; es ist ein Symbol der vollendeten menschlichen Bestimmung.

Hier rühren wir an ein letztes Geheimnis der Wohltat, die das Schöne dem Menschenleben bringt. Wir dürfen bei ihm in einer Welt des Scheins und im Spiel der Einbildungskraft der Vollendung genießen, die uns die Wirklichkeit versagt. Es ist, als ob sich die Menschheit als Natur vollende.

Eugen Kühnemann faßt Schillers Kunstphilosophie zusammen


***

Also wäre eine moralische Handlung alsdann erst eine schöne Handlung, wenn sie aussieht wie eine sich von selbst ergebende Wirkung der Natur. Aus diesem Grunde ist die vollendete Charaktervollkommenheit des Menschen moralische Schönheit, denn sie tritt nur alsdann ein, wenn ihm die Pflicht zur Natur geworden ist.

Friedrich Schiller zu seinen Folgerungen aus der Theorie der Schönheit - Das zur Schönheit gekommene Leben ist also auch das vollendete, vollkommene Leben. Sodaß sich die Folgerung ableiten läßt, daß es nicht die "Pflicht" ist, die ein Leben gelingen läßt, sondern die Schönheit! 

Wo die Neigung sich mit dem Gesollten, der Pflicht quasi trifft, ist sie Tugend - sohin ist die Tugend die Vollendung des Menschentums - in der Schönheit. (Nicht die einzelne "gute" Tat.)



*100810*

Sonntag, 9. Mai 2010

Ehret die Frauen!

Die Blütezeiten der deutschen Literatur charakterisiert Wilhelm Scherer (auf die für die frühen 1900er Jahre typische Weise, wo in Moralgebot umkippt, was reine Beobachtung eines Zustands ist, insofern aber dennoch aussagekräftig bleibt) in seiner vielbeachteten "Geschichte der deutschen Literatur" eigentlich unter interessantem Schlußaspekt ... dem Wissenden wohl aber keineswegs überraschend:

"In der (zweiten und dritten) Blüteperiode gewahren wir ein freies Umherblicken, das alle Vorurteile überwindet und im Adel der Seele das wahre Glück des Menschen sucht. Unabhängig von politischen Entzweiungen wächst die Achtung (auswärtiger Nationen)."

Man sucht in Hochzeiten den Wettstreit, doch überwiegt in allem der Wille, zu lernen. Und man ist großherzig genug, den anderen anerkennen zu können, ohne einen Schaden für sich zu empfinden. Mit dieser Toleranz geht auch die Lösung von starren Lebensgesetzen Hand in Hand. Milde, Liebenswürdigkeit erregt mehr Lust als eine Situation gewaltsam zu beherrschen.

"Das Individuum ist von starkem Selbstgefühle geschwellt, aber dieses entspringt aus dem Bewußtsein eines reinen Wollens. Den niedrigen Leidenschaften ist in guter Gesellschaft Schweigen auferlegt.

Den Frauen bringt man einen geläuterten Enthusiasmus, ja einen wahren Kult entgegen. "Ehret die Frauen!" mahnt Schiller; und Walther von der Vogelweide singt: "Durchsüßet und geblümet sind die reinen Frauen; nichts gleicht der Wonne, sie zu schauen, nichts in Lüften noch auf Erden noch in allen grünen Auen."

Die Frauen selbst bilden ihr besonderes Wesen mit Sorgfalt aus. Sie suchen nicht ihre Schwäche in einen blendenden Panzer zu stecken, um sie für Kraft auszugeben; aber sie weben das feine, unzerreißbare Netz, worin sich die Kraft wohl fangen läßt. Sie treten nicht an die Öffentlichkeit, um ins Allgemeine zu wirken; aber sie wirken auf den Mann und durch ihn auf die Welt. Ihr Lächeln entlohnt den Tapferen, den Gewandten, dem Schönredenden, dem Dichter. Sie sind der Hort der guten Sitte, sie verlangen maßvolle Haltung und gebildete Form. In ihrem Dienste wendet sich die Poesie vorzugsweise dem Seelenleben zu und leistet in Epos, Roman, Lyrik das Beste."

Immerhin - als Beobachtung die Beschreibung eines Zustandes, der Gelingen und Blüte, zumindest in bestimmter Form, ja in kultureller Höhe ... von der Frau abhängig macht. "Ehret die Frauen!" schrieb Schiller.




*090510*

Dienstag, 17. November 2009

Leben als Effekt der Werke

Hugo von Hofmannsthal im Vorwort zu "Schiller's Selbstcharakteristik":

"Es steht uns freilich nicht zu, einen großen Mann anderswo als in seinen Werken zu suchen. In dem Drang, anders zu verfahren, wirkt der beharrliche Irrtum, welchem sich unsere literarische Forschung seit Jahrzehnten hingibt; dieser schrankenlose Biographismus, in welchem das Werk, jenes einzig Wirkliche, sich auflöst in Funktion des Scheinbegriffes "Leben"; wo doch [...] der Autor und sein Leben weit mehr der Effekt der Werke sind, als daß sie deren Ursache wären."




*171109*

Dienstag, 15. September 2009

Grundlage der Moral

"Wenn keine Moral mehr gelehrt wird, keine Religion mehr Glauben findet, wenn kein Gesetz mehr vorhanden ist, wird uns Medea noch anschauen, wenn sie die Treppen des Palastes hinunterwankt, und der Kindermord jetzt geschehen ist. Heilsame Schauer werden die Menschheit ergreifen, und in der Stille wird jeder sein gutes Gewissen preisen, wenn Lady Macbeth, eine schreckliche Nachtwandlerin, ihre Hände wäscht, und alle Wohlgerüche Arabiens herbeiruft, den häßlichen Mordgeruch zu vertilgen. So gewiß sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstabe und kalte Erzählung, so gewiß wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze.

Friedrich Schiller in "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet"




*150909*

Montag, 26. Januar 2009

Einblick und Trost

Ganz unvermittelt bricht der Briefverkehr Schiller - Goethe bei Brief 1005 vom 25. April 1805 ab (in der Ausgabe von Emil Staiger), Goethe antwortet noch darauf.

Bis zuletzt bleibt Schiller klar bei Verstand, sind seine Kommentare sachlich und konzentriert, sofern er überhaupt noch in der Lage ist zu schreiben. Kein Jammern, auch zuvor nicht, über all die Jahre seit 1794, in denen sich in diesen Briefen Persönlichkeiten vorstellen, die man bei der Arbeit belauscht. Von diesem plötzlichen Ende berührt, schließt man das Buch.

Was ist das so ungemein ... Tröstliche? ... bei dieser Lektüre, war es auch schon für so viele andere - Hofmannsthal als Beispiel, auch nicht gerade der Unproduktiven einer. Nein, nicht daß man sich einfachhin vergliche. Aber man sieht, wie die Probleme dieser beiden unbestreitbaren Größen keine anderen sind als jene, mit denen man selber sich herumschlägt. Sie erteilen einem das Placet, ja, man darf diese Probleme haben, sie gehören dazu, sie sind keine Disqualifikation vom Beruf.

Nebenher erhält man einen ungeheuren Einblick in die Literaturszene der damaligen Zeit, und sieht, wie alle, wirklich alle mit Wasser kochen, aber immer aus ihrer Zeit herauskommen und in sie hinein antworten.

Man sieht Goethe unsicher werden, ob des enorm scharfsichtigen Gegenübers, ja oft wagt Goethe seinem Freund gar nicht mehr die unfertigen Werke vorzulegen, überrascht ihn schließlich schon mit Gedrucktem! Während sie in den ersten Jahren noch heftigst über quasi alle ersten Produktionsschritte und Projekte diskutieren. Man sieht, daß die Probleme am Theater dieselben waren wir heute, und man ist befreit vor allem auch, beider Ringen um jene "produktiven Stimmungen" zu sehen, die sie für ihre Werke benötigen, unter Anwendung sämtlicher Tricks, die man eben so kennt.

Man sieht und erkennt - zwei Künstlerleben. Die in ihren Briefen einen so tröstlichen Einblick in ihre Welt des Schaffens geben. Was auch immer man selber ist - man atmet auf, weil an sich in so vielem Empfinden wie Denken schlicht und ergreifend ... zu sich selbst, und nur dazu, und nur wieder einen Schritt mehr, legitimiert fühlt.




*260109*

Samstag, 24. Januar 2009

Von der Art - und vom Grad

Schiller an Goethe: 

"Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben der Poesie einen höheren Grad zu geben ihren Begriff verwirrt. Jeder der imstande ist, seinen Empfindungszustand in ein Objekt zu legen, so, daß dieses Objekt mich nötigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grad nach ein vortrefflicher. Der Grad ... [beruht] ... auf dem Reichtum, den er in sich hat, und ... auf dem Grad der Notwendigkeit, die sein 'Werk ausübt. Je subjektiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objektive Kraft beruht auf dem Ideellen. ... Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mit den Poeten.

Ebenso gibt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Produkt jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja [nicht einmal jene erreichen] die sie an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt nur der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dies, meine ich, wird jetzt zu wenig unterschieden.
"




*240109*

Es hebt im Dunklen an

Schiller an Goethe während der Arbeit an "Johanna von Orleans": 

"... habe ich Schelling den Krieg gemacht wegen einer Behauptung ... daß 'in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde, um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtsein ausgehe zum Bewußtlosen' .... fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzu wenig Not zu von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtsein seiner Operation nur soweit kommt, um die erste dunkle Total-Idee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wiederzufinden. Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose auszusprechen und mitteilen zu können, das heißt es in ein Objekt überzutragen. ... Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Produkt mit Bewußtsein und mit Notwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus."




*240109*

Dienstag, 20. Januar 2009

Der pädagogische Effekt der Maschine

Friedrich G. Jünger zeigt in "Die Perfektion der Technik" sehr überzeugend, daß die heutige Wissenschaftsauffassung - vor der er noch warnte, heute haben wir sie bereits als Postulat - eine Vorentscheidung ist: Nämlich die, reines Denken mit Technik und Mechanismus gleichzusetzen. Ähnliches führt ja auch Goethe als Kritik an der Wissenschaft an.

Diese Entwicklung erfolgt nach Jünger'scher Auffassung (und ich wiederhole: sie wirkt schon deshalb glaubhaft und überzeugend, auch wenn man nicht allen seinen Gedanken folgen kann, weil das, wovon er 1940 noch als Möglichkeit schrieb, heute vollständig und nachprüfbar eingetroffen ist - aber Intuition ist immer VOR jeder Theorie ...) deshalb und in breitem, die gesamte Kultur, ja die Welt umfassender Weise, weil die Herrschaft der Maschine unausweichlich ist.

Durch sie wird der Umwelt - wie erst dem Arbeiter, der durch die Maschine zum Proletariat herabsinkt, vom Handwerker zum Vollzieher einer nur noch mit abstraktem, nicht mehr sinnlich wahrnehmbaren Sinn belegten technischen Handreichung - das Unlebendige einer technischen Organisation aufgezwungen, der sich auch der Mensch zu fügen hat, ja gerade er. Während zwar auf der einen Seite - immer aber unter Raubbau betreibender Ausbeutung der Bodenschätze und der Menschen - Effizienz damit erreicht wird, wird auf der anderen (gemäß dem "Zweiten Thermischen Lehrsatz" vom Energieverlust) mehr Arbeit notwendig, die jedoch in die Bürokratie und die Organisation fließt:

Höhere Technisierung bringt laut Jünger also immer auch steigenden Bürokratismus mit sich.

Keine Frage, daß Jünger mit seinem Denkansatz eine große Gefahr für den Nationalsozialismus darstellte (er konnte gerade diese Schrift damals nicht publizieren): Denn das Aufgehen der Menschen in einem Volksganzen, das zu einem despotischen Organismus verschmilzt, ist für Jünger eine der schrecklichsten Gefahren des Technizismus.

Man übersieht blitzschnell, daß dieses "klare" logische (technische) Denken ein Hilfsmittel zum Erfassen der Wirklichkeit - und nicht diese selber - ist, womit wir wieder bei Goethe und Schiller wären.




*200109*

Heraufdämmern einer Fehlentwicklung

Es muß um die Zeit der Wende 18./19. Jahrhundert noch sehr evident gewesen sein, daß für die Annahme der Newton'schen Physik als allumfassende Erklärung der Welt - als Mechanismus - viel zu glauben war. Das geht für mich aus der Diskussion zwischen Schiller und Goethe hervor, soweit sie aus den Briefen nachvollziehbar ist.

Beide lehnen dieses Weltbild deshalb als völlig ungenügend ab, und sie bestreiten auch seine Wissenschaftlichkeit: Eben, weil es keinen ganzheitlichen Ansatz hat.

Diesen wiederum bei diesen beiden zu finden ist faszinierend, wie immer man zu ihnen stehen mag, und ich bin mir selbst noch nicht im Klaren darüber. Aus ihren Briefen finde ich aber eine Gesundheit der Weltsicht angezeigt, die diese in einer Universalität sucht, die die Ergebnisse heutiger Quantenphysik ebenso einschließt wie umfassende Warnung vor einer immer umfassenderen Technik, die damals erst dräuend am Horizont stand. Aber nah genug, um sie als Krankheit zu ahnen, die im Begriffe war, sich bereits allerorten festzusetzen.




*200109* 

Montag, 19. Januar 2009

Es gibt keine Ausbildung zum Künstler

Aus der Korrespondenz zwischen Schiller und Goethe die Bestätigung: daß eine Ausbildung zum Künstler im eigentlichen Sinn nicht möglich ist. Eine "Schule" macht nur insofern überhaupt Sinn, als erzieherisch eingewirkt werden kann, daß Unarten nicht zur Reife gelangen, sondern Raum wird für das (Schiller nennt es: Naive) Natürliche in ihm, das Reine sohin - so daß man nur in diesem Zustande von Freiheit überhaupt sprechen kann. Diese Arbeit muß in jedem Fall geleistet werden - und ist im höheren Alter meist mühsam und kostet viel Zeit, die für Produktionen verloren geht.

Schiller geht es vor allem um die "sentimentalische Stimmung", die auszurotten für ihn notwendig ist, weil sie der wahren Empfindung kontrapunktisch entgegensteht und eine Unart ist. Sowenig das "Schöne Naive" auch faßbar und überlieferbar ist. Aber es ist eben dem Wesen des Menschen natürlich. Hat sich aber Sentimentalisches bereits fest herangebildet, so meint Schiller sei auch von einer Schule nichts mehr zu machen. Wobei er überhaupt der Ansicht ist, daß "heute" (1798) Schulen fast nur noch kritisch (ausscheidend) denkbar seien, nicht mehr schöpferisch-produktiv (wie bei den antiken Griechen.) Einen festen Punkt freilich, um den herum sich die Bildung guten Geschmacks und künstlerischer Echtheit als Quelle ständiger Erneuerung formieren könnte, den kann Schiller auch nicht erkennen, so notwendig er ihn (bereits) sah.

Es ist vielleicht nicht ganz untypisch, daß Goethe (erst) gegensätzlicher Ansicht war: daß das Künstlerisch-Geniale in keiner Weise vermittelbar sei. Nicht nur in dem Punkt, hatte Schiller die überzeugenderen Argumente.

Die Kenntnisnahme der Zeit, der Traditionen des handwerklichen der ausgeübten Kunst sind noch weitere Ausbildungsfelder, die eine Schule sinnvoll machen können, wobei diese Bereiche auch das Leben selbst, und persönliches Bildungsinteresse vor allem, ersetzen können.

In dem Moment, wo das Künstlerische erlernbar und lehrbar betrachtet wird, erstickt es im (von den Sezessionisten so genannten) "Akademischen".

Dies betrifft nicht nur die Dichtkunst, sondern jede andere gleichermaßen, denn alle Künste haben an sich die gleichen Grundbedingungen zu ihrer Entstehung.

Ob die "Argumente pro" freilich die Gefahr, daß eine Schule nämlich die gerade für eine künstlerische Natur immense Versuchung darstellt, das Künstlertum in einer Art und Pose zur Identität einzufrieren, aufwiegen, steht auf einem anderen Blatt Papier, und muß aus der empirischen Erfahrung heraus fast ... verneint werden.




*190109*

Donnerstag, 1. Januar 2009

Die Teilung der Erde

Zum Zusammenfall von künstlerischem Ideal und jener Armut, wie sie den eigentlichen Weg des Kreuzes bedeutet, auch dieses Gedicht, von Schiller 1795 verfaßt:


"Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. "Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein."

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: "Der Zehente ist mein."

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern';
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn.

"Weh mir! so soll ich denn allein von allen
vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?"
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.

"Wenn du im Land der Träume dich verweilet,
Versetzt der Gott, "so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?" -
"Ich war," sprach der Poet, "bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
berauscht, das Irdische verlor!" -

"Was tun?" spricht Zeus. "Die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein."





*010109*

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Religion des Schönen

Schiller 1794 an Goethe: "... Hält man sich an den eigentümlichen Charakter des Christentums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in der Aufhebung des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das Christentum eine freie Neigung ersetzt haben will. Es ist also in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinne die einzige ästhetische Religion; daher ich mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück macht, und nur in Weibern noch in einer gewissen erträglichen Form angetroffen wird. ..."




*311208*

Montag, 29. Dezember 2008

Krank sein dürfen

Schiller in seiner Antwort auf eine Einladung Goethe's nach Weimar: er könne (aufgrund seiner Krämpfe) nicht dieses und nicht jenes, morgends schlafe er, weil er nächtens nicht schlafen könne, ja er könne an so gut wie nichts teilzuhaben versprechen, weshalb er bereits jetzt fest verspreche, an keinem von Goethe's Vorschlägen, etwas zu unternehmen, teilzuhaben, und er erbitte sohin dringend, ihn von allem entbunden zu sehen, wo andere an ihn gebunden seien - dann komme er gerne. "Erlauben Sie mir aber bitte, krank zu sein!"




*291208*

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Was nur man selbst kann

Schiller, zu der Zeit Geschichts-Dozent in Jena, fragt Dalberg, was er nun tun solle: als Schriftsteller historischer Schriften weiterleben, oder als Dichter weiterleben?

Dalberg antwortete: "... ich würde wünschen, daß Sie in ganzer Fülle dasjenige leisten, was nur Sie leisten können, und das ist das Drama."

Leisten, was nur durch einen selbst geleistet werden kann - die höchste Spitze des Menschseins, von der aus der Mensch selbst definiert wird, den es nur als Individuum gibt.

Das Höchste im Leben des Einzelnen wird Gestalt, wenn es aus der Wirklichungskraft des (gereinigten, reinen) Selbst steigt.

Ein Prinzip des "Höheren Guts." Eine Hilfe für Lebensentscheidungen.




*101208*