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Freitag, 18. März 2011

No, we are free

G, jahrelang in Mexico, Malaysia, zuletzt in Singapur, im Auftrag eines Konzerns, hatte in Singapur nun auch ihre Kinder zur Schule geben wollen, die in all der Weltenbummelei nun doch das Alter erreicht hatten. Dort unterhielt sie sich mit dem Direktor der "normalen" Mittelschule (denn sie wollte keine falschen Elitegedanken in ihrem Nachwuchs züchten), die sie für ihre Sprößlinge ausgewählt hatte, und das Gespräch kam auf die Schulgebühren.

Sie erzählte, daß in Österreich und Deutschland jedes Kind das Recht habe, kostenlos die Schule - und noch dazu: jede Schule - zu besuchen, die es besuchen wollte, und daß auch der Besuch einer Universität weitgehend kostenlos sei. Alle sollten gleich in ihren Chancen sein! Kostenlose Schulen sind weltweit aber eine Seltenheit, in Asien sowieso.

Der gebildete Mann - und im englischen Raum gibt es tatsächlich gebildete Männer, wir machen uns, meinte sie im Gespräch mit mir, davon oft völlig verquere vorstellungen: der Engländer aber, der Commonwealth-Bewohner habe nach wie vor einen Welt-Horizont, seine politischen und historischen Einsichten seien meist um Dimensionen besser als hierzulande - der Mann also schüttelte erstaunt den Kopf.

"Listen, we deny socialism. We are free and feel responsible." Mehr hatte er dazu nicht zu sagen.

Sie habe lange noch darüber nachgedacht, meinte G zu mir.

***


Dienstag, 30. März 2010

Dschungulesisch-amouröse Kontrolle

Das Leben der in Malaysia kämpfenden kommunistischen Guerillas wurde, schreibt Graham Greene, streng geregelt - Kontrolle und Disziplin hielt trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen im Dschungel, der für die Kommunisten zwangsläufig zum Gefängnis wurde, die Kampfmoral aufrecht. Wobei sich Greene über die Art der Moral wundert.

Denn in den Lagern der Guerilla gab es Kurse in Marxismus, hektographierte Lenin-Nachrichten und den Roten Stern zu lesen, gab es vor allem ständige Zusammenkünfte, in denen Selbstkritik geübt wurde. "Was für ein seltsamer naiver Gegensatz zu ihrem unbarmherzigen Terror. Man konnte sich aus erbeuteten Dokumenten ein Bild dieser Art zu leben machen, man erfuhr daraus, daß Li Kheng nicht hygienisch sei, daß Ah Tschang den freundlichen Gruppengeist besitzt, daß Lau Beng eher faul ist, flüchtig beim Lernen und überhaupt nicht besonders angenehm im Benehmen (manchmal ist er ängstlich angesichts der Situation, und seine Kameraden finden ihn ziemlich unreif)."

Liebe, schreibt Greene, sei mit Sympathie und Disziplin behandelt worden, schon gar weil es viele Frauen bei den Dschungeltruppen der Kommunisten gab. Einem abgefangenen Exemplar der Lenin-Nachrichten sei zu entnehmen gewesen, daß Genossen und Genossinnen, die nicht verheiratet waren, auch nicht miteinander leben durften. Doch konnte man von höheren Stellen Ausnahmegenehmigungen erhalten.

"Wir verbieten niemandem den Beischlaf; die Einstellung zum Beischlaf muß jedoch einwandfrei sein. Wird er ausgeübt, so ist dies unter Angabe genauer Gründe den Parteistellen zu melden. Die Angelegeheit wird durch die Partei untersucht, sodann werden die beiden Partner über die Beschlüsse informiert."

Die Untersuchung hatte folgende Punkte zu klären:
  1. Warum ist unter Kommunisten die Liebe ein ernst zu nehmender Trieb?
  2. Was ist die richtige Einstellung zur Liebe?
  3. Kommen auch in unserem Gebiet immer noch Fälle von selten gewordener unzulässiger Liebe vor?
  4. Was sind die Begleitumstände ihres Auftretens?
  5. Was ist die Ursache?
  6. Wie überwinden wir unzulässige Liebe? Welches Verfahren empfiehlt sich?

Die seltsame widersprüchliche Lebensweise der kommunistischen Guerilla führt zu grotesken Situationen. Einmal wird ein Guerillakämpfer aufgegriffen, der unachtsam war, weil er sich in eine Sprachübung vertieft hatte, bei der er in einem hektographierten Text, den er vor sich liegen hatte, Fehler finden und korrigieren sollte.




*300310*

Samstag, 27. März 2010

Nebeltaktik


Graham Greene beschreibt die Guerillataktik der Kommunisten in Malaya als Taktik des "nie endenden Krieges". Es gab nie eine Entscheidungsschlacht, und so endete auch nie "Krieg", sondern er durchdrang alles, jeden Tag, jede Handlung, jeden Atemzug der Bevölkerung wie der (englischen) Soldaten in Südostasien. "Der Krieg war wie Nebel; er durchdrang alles, er lähmte den Geist." Nach und nach löste vor allem Mißtrauen - fünf- bis sechstausend Kämpfern standen stillschweigende Helfer in der Bevölkerung gegenüber, die in die Hunderttausende gingen - die alltäglichen Lebensabläufe regelrecht auf. Einfachste Vorgänge wurden lebensgefährlich - wie eine simple Abholung am Bahnhof zu vereinbaren.

Mit Vorliebe suchten die kommunistischen Guerillas (einheimische) Pflanzer als Opfer ihrer Anschläge aus. Denn ihr erklärtes Ziel war es, das Land so zu devastieren, daß sich für die Kolonialherren eine Erhaltung der Kolonie, eine Militärpräsenz, einfach nicht mehr lohnte. Weil nun Malayas Reichtum auf Zinn einerseits, auf Gummi anderseits aufruhte, Zinnminen aber relativ leicht zu überwachen und zu verteidigen waren, waren die Plantagen die einzigen lohnenden Angriffsziele.

Die Überfälle auf die Eisenbahnen waren so alltäglich, daß in den Waggons Schilder in Chinesisch, Malaiisch, Tamil und Französisch hingen, auf denen lapidar zu lesen war:


                                       WARNUNG: TERRORISTEN

Bei Feuerüberfällen auf die Eisenbahn wird den Passagieren empfohlen, sich auf den Boden zu legen und unter keinen Umständen den Zug zu verlassen.




                                                      *270310*