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Sonntag, 18. November 2012

Mitten im Totalitarismus (III)


3. Teil - Sprache steigt aus dem Schweigen



Noch bis ins 12., 13. Jahrhundert war es unüblich, einzelne Worte "zu trennen", man schrieb - so wie man sprach - immer in Sinneinheiten, Gesamtaussagen. Der Leerraum zwischen den Worten war nur eine (Vor-)Lesehilfe, die aber dann dramatische Auswirkungen auf das Denken, eben auf die Sicht der Sprache hatte: Als wäre die gesamte (denkbare) Wirklichkeit nur die Summe von Bausteinen, die in sich Eigenschaften hätten, die auch ohne das Ganze, ihre reale Situation, sie selbst bleiben, wie es dann (und: auch deshalb) die galiläische Naturwissenschaft auffaßte. (Als Beispiel, wie ein Medium, eine Technik, sich auf das Weltbild der Menschen auswirkt.)*

Denn: SO WEIT WOLLEN WIR im Umkehrschluß NICHT GEHEN, und vielleicht eine "positive Wesensbeschreibung" (von Frau, von Mann) erstellen, die nämlich AUCH zum ideologischen Problem werden kann. Das Wort alleine erzählt uns über das Wesen der Dinge, es ist selbst, bildhaft, ganz, was es (nie zureichend) rational erklärt. Entscheidend ist, daß über eine dekretierte "Sprachregelung" das je individuelle Erfahren (!) der Wesenheit im Erfahren des Übereinstehens der Affiziertheiten beeinträchtigt und verhindert wird. Nur von dort, individuell, kann Sprache gesättigt werden, soll sie mehr sein als leeres, hilfloses, rationales Geplappere, deren eigentliche Botschaft ganz woanders steckt als in ihren Inhalten. WAS also eine Frau ist, ist nur in der Begegnung erfahrbar, und aus dem Erfahrenen im ureigensten Reagieren (immer ungenügend) abbildbar, darstellbar - es ist nicht dekretierbar. Im Letzten ist Sprache also dem Schweigen entstiegen wie entnommen, und endet dort, im Logos, dem unsere Ratio niemals genügen kann, in der letzthinnigen Ungewißheit, die menschliche Weltkonstitution eben bedeutet. Und doch haben wir nur schöpferische Darstellung in der Sprache, um das Sein selbst zu erfahren. Begriffe rational herunterbrechen zu wollen, ist also immer und zuerst banal immanentistisch, ja lächerlich ungenügend und dumm.

Die Inklusivsprache soll (wie jede totalitär verordnete Sprache, entstammt sie damit auch der Angst vor dem Wirklichen) aber genau das: den Mut zum eigenen zutiefst eigenen Rezipieren und Wahrnehmen brechen, ja sogar verbieten. Darin sehen die Feministen nämlich die Gefahr - im Lösen des ideologischen Bandes, mit dem sie alles umschlingen wollen. Um das immer nur subjektiv Mögliche - auf die tradierte Sprache (Muttersprache!) HINFÜHREN soll - durch eine vermeintlich "bessere Objektivierung" zu ersetzen.** Gezielter kann man Sprache - und damit das Denken - nicht töten.

***

"Der flüssige Strahl des kommenden Atems erweckt einen späten Geist. Die tiefe der Kehle verleiht ihm, unter vibrierendem Zittern eines schwächlichen Atems, einen weltlichen Leib, eine Ortschaft. Ein mich durchziehendes, lauschendes Bewegen schenkt ihm leibhaftige Kraft: Ich bin nur der Sinn eines schweigenden 'motorischen Echos', das selbst zu mir spricht - in mir, in einem die Weile eröffnenden Schweigen. Durch mich als widerhallendes Vermögen spricht es erbend als schenkende Geste den Sinn jeder Welt, indem diese wird. [...] Es wird eine Tradition gestiftet worden sein, in der die Verwirklichung des Logos im Menschen nicht dessen Eigentum ist." (M. Staudigl, in einer "Annäherung an das Spätwerk Merleau-Pontys")

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*Frau kommt übrigens von "Fron", dann "Fron-a/e/Frouwe" etc., als dem Herrn (Fron) zugegebenes/von ihm genommenes Weib; "Männin". Wie es als Endung "-in/-ne" ("Josefi-ne") in allen indogermanischen Sprachen (z. B. im Slawischen ("-na", "sche-na"=Frau, "schith", Leben; siehe auch: Eva=Lebensspenderin) existiert, wahrscheinlich überhaupt auf das "a" zurückgeht. Selbst in einer nicht-indogermanischen Sprache wie dem Ungarischen, wo "-ne" diese Bedeutung hat, "nö"=Frau heißt (wo übrigens auch das Jahr "eve" heißt, das ganze Leben umfaßt.) Die vom Mann Genommene ... Mann = Idee, Frau = Lebensboden.

**Die zunehmend feststellbare Unfähigkeit der Jugend, "sinnerfassend" zu lesen, hängt genau damit zusammen.

***Logos - innertrinitarisch der Sohn, der das Wort IST. Entsprechend ist der Zugang zum Erkennen der Welt nur als personaler Akt der Begegnung möglich.



*181112*

Sonntag, 11. November 2012

Mitten im Totalitarismus (II)

2. Teil - Sprache und Erkenntnis


Natürlich kann es also Sprache nur intentional geben, so wie es Wesen nur als Sinn gibt. Weil das Wesen der Welt Beziehung, Bezüglichkeiten sind, ist auch die Sprache, die dieses Dingsein in die Sphäre des Logos*** hebt - damit der Urangst des Chaos entreißt (und in den ewigen Sinn des Logos eint) - abbildhaft intentional. Als Synthese eines unendlich kleinen Punkts ursprünglichen Affizierens, das sich im Konkreten des jeweiligen Menschseins, und in seinem Maß, in die Affektionalität des Sprechens (gleichermaßen) hebt. Wie es im menschlichen Selbst sich zeigt, das in der Sprache zu sich kommt.

Diese Synthese heißt aber auch: Untrennbarkeit von Intention von Begegnung, die nur als Wesensdefinition und -erfassung möglich ist. Ohne Sprache würde es keine Welt geben - die Sprache ist das Pendent zum Weltsein. Deshalb ist sie untrennbar mit dem Hören verbunden, dem Empfinden, dem - je subjektiven, in der Gesamtheit aber objektiven - Empfangen. Wobei der jeweils, in jedem Menschen ORIGINÄR vorhandene Lebenspathos selbst der Garant dafür ist, daß die Sprache auch im Heranwachsenden nach und nach dem originären Wesenskern einer Sache entspricht.

Solange also die Kräfte einer Kultur sich steigern, wird deshalb auch die (allgemeine) Sprache immer präziser, differenzierter. Sie verludert, wenn die kulturellen Formen zur Lebensverminderung werden. Im Absteigen einer Kultur verfügt das Individuum also immer noch über mehr Kraft, als die "Kultur" ihm abfordert - Lebenssteigerung zieht sich aufs Privatime, und letztlich Solitäre zurück.

Zerreißt man dieses unlösbare Band der Sprache durch eine vermeintliche "Objektivierung" des Sprechens (in gegebenen, diktierten Worten), schreibt man einen Gebrauch vor, verliert die Sprache ihre Kommunikationsfähigkeit weil Aussagefähigkeit. Die Angst bleibt unberuhigt, und sucht sich andere Wege der Objektwerdung für das bzw. im Selbst. Der Mensch aber wird in die Isoliertheit geworfen, seine Sprache verliert ihre weltbildende Kraft, verweist ihn nur noch auf a-sprachliche Formen sich als Selbst zu halten (vorwiegend im Kollektivismus): durch ein Gruppenselbst, das das eigene Selbst substituiert.

Die Ordnung der Welt aber wird zerstört. Und darauf zielt die Genderisierung ja ab. Sie will eine neue Ordnung schaffen. Nicht: die Ordnung der Welt darstellen. Hybris.

Sprache kann also an sich niemals von oben diktiert werden - ein Unding, an dem die deutsche Sprache - in der heutigen Form eine synthetische Kunstsprache - ohnehin seit 500 Jahren leidet. Sodaß Mark Twain sie sogar als größte "lebende TOTE Sprache" bezeichnete, die in genau solchen objektivierten Regelungen (Stichwort "Duden", und sein Gebrauch) erstickt. Jacob Grimm wußte (Mitte des 19. Jahrhunderts) noch, warum seine Grammatik (auf die alle heutigen Grammatiken zurückgehen) eigentlich nur eine beschreibende, rückführende Bestandsaufnahme des lebendigen Sprachgebrauchs war. Niemals wäre ihm eingefallen, eine Grammatik, eine Sprache, oder Worte zu "erfinden", weil es so und so praktischer wäre. Erst so gibt Sprache wirklich Identität - in ihren überlieferten Inhalten und Gestalten, in denen übrigens niemals ein Wort einfach für sich steht, sondern immer in ein Sinnganzes eingebettet ist.



*111112*

Sonntag, 4. November 2012

Mitten im Totalitarismus (I)

Es ist kein Kavaliersdelikt, sondern geht über die Sprache ins Denken, das in seiner Begrifflichkeit - die auf das Erfahren der Wirklichkeiten zurückgeht, sich in der Tradition, in den "gesellschaftlichen Konstrukten" lediglich seine historische Gestalt sucht: das "Genederisieren" von Texten. Wie bei der Polioimpfung, die mit einem Stück Zucker vor sich geht, wird universitäre Autorität längst dazu mißbraucht, diese in seinen Auswirkungen auf die Vitalität der Menschen völlig unterschätzte Ideologie unter Zwang zu realisieren.

Andreas Untersberger bringt ein konkretes Beispiel, wie an einer Fachhochschule eine Seminararbeit nicht angenommen wurde, weil die Verfasserin ihre Arbeit nicht "genderisiert" hat (was im übrigen den Umfang um 20 Prozent aufgeblasen hat, ohne daß auch nur ein zusätzlicher Gedanke darin enthalten wäre.)

Die meisten Studenten, heißt das zusätzlich, haben sich in den Zwang längst eingefügt, ihnen erscheint diese Sprachzerstörung nicht einmal mehr störend, sie sind es aus ihrer bisherigen Schulkarriere wohl längst gewöhnt. Die meisten Lehrer und Dozenten sind also längst Handlanger des Totalitären. Was ohnehin - bei zentralistischen Schulsystemen - kaum je anders war. (Ja, gerade die, die dann "nie wieder Faschismus" rufen, und jährlich Gedenkveranstaltungen in Mauthausen als Schulexkursion abführen.) Und gehirngewaschen verlassen sie bereits die Ausbildungsstätten und Universitäten.

Und da diskutiert man gelegentlich, wo denn der Totalitarismus zu finden sein solle? Er ist schon so alltäglich, so internalisiert, daß er gar niemandem mehr auffällt. Befragt, meinen weit über 90 Prozent der Jugendlichen heute, daß sie "frei von Ideologie" in ihren Ansichten wären, ja Ideologie ablehnten ... Da kann man schon in Bitterkeit fallen, solches zu hören.

Wobei die Rechtschreibreform vor 15, 20 Jahren diesen Ideologisierungsschub in der Sprache vorbereitet hat, das muß man in seinen Zusammenhängen sehen. Denn in ihr wurde Sprache erstmals zur Regierungsangelegenheit, zur Angelegenheit einer positivistischen Verordnung, entrissen der Verwurzelung in der Wahrnehmung - sondern beliebig. Damit wurde die Schule mit ihrer eigenen Waffe geschlagen: denn wenn Sprache auch entgegengenommen und in Besitz genommen werden muß, darin die Haltung der Demut braucht, so macht das dem Totalitarismus dann kein Problem, wenn die Lehrer bereits seine Handlanger sind. Die sie einerseits mit dem Versprechen der (autonomistischen) Beliebigkeit aus der Tradition herausbrechen und Sprache schon im Kind gar nicht verfestigen läßt, anderseits genau damit radikal Schluß machen, wenn es um die Verfestigung in der Darstellung dieser Ideologie geht. Womit das Sprachempfinden doppelt düpiert wird.

Es ist die reale Lebenspraxis, die den Geist bildet und verändert, so wie jede Erkenntnis persönlicher Akt ist (rein rationales Ineinanderfallen unabhängiger Inhalte). Selbst noch so rationale Kritik kann daran nichts ändern, sie kann nur auf die Veränderung der Praxis abzielen. Der Totalitarismus zielt eben auf die Lebenspraxis ab, nicht auf Diskurse. Er ist ein Problem der Macht, nicht der Wahrheit.

Wirkliche, nachhaltige Propaganda, zeigt Jacques Ellul in "Propaganda", zielt auf die Entstehungsstrukturen der Weltanschauungen ab, nicht auf Inhalte. Sie überläßt die Einpflanzung von geistigen Haltungen den Ergebnissen des Alltags selbst, und zielt deshalb auf die Veränderung der Lebensgewohnheiten ab, um so einen "Charakter der Propaganda" zu schaffen. Dem das Leben selbst (im wahrsten Sinn) Todfeind ist, das sie ausschalten, fernhalten muß. Mit dem sie dann aber machen kann, was sie will. Denn Inhalte sind austauschbar. Nichts aber ist so überzeugend, wie die Einübung in Abläufe und die Sprache der Technik. In der Genderisierung aber wird die Sprache dem subjektiven Wirklichkeitsempfinden entrissen, und ein Weltbild geprägt, das diesem originären Empfinden sui generis widerspricht: weil die Ideologisierung des Sprechens die Durchblutung der Sprache selbst verhindert. Der Mensch wird damit als Individuum orientierungslos, ihm bleibt nur noch der voluntaristische Akt, einer "Überzeugung" beizutreten, um diesen Halt zu finden, ohne den er nicht leben kann. Weil sein Denken seine Aufgabe nicht mehr erfüllt: Die Erscheinungen der Welt in der Wahrheit zusammenzuführen, im Logos, der in allen Dingen steckt, den aber nur der Hörende vernimmt.

Die Genderisierung der Sprache - wie es letztlich auch Untersberger macht - mit utilitaristischen Argumenten zu verweigern, ist deshalb nicht nur ungeistig-primitiv (und selbst objektivistisch), sondern völlig ungeeignet, weil die Umständlichkeit des "Genderns" nur als Ausdruck seiner Wesensfremdheit zur Sprache selbst von aussagender Bedeutung ist. (Und Beispiele gibt es ja genügend, daß die Gendersprache das gesamte Sprachgefüge, ihre Aussagekraft, entscheidend deformiert und auflöst.) Künstliche Begriffe wie das Gendern einfordert, zerreißen nur das Gewebe der Sprache, und daß die "Ökonomie" der Sprache verloren geht, zeigt das nur an: sie lösen die Sprache generell auf.

Es stimmt auch keineswegs zu behaupten, daß die maskulinen Formen für allgemeine Begriffe (genauso aber, wie feminine!) aussagelose, neutrale Plurale wären. Das sind sie nicht, sie sind sehr wohl Aussagen über die Natur und das Wesen ("ousia", "essentia", am besten mit "wesen", kleingeschrieben, übersetzt) des mit einem Wort Bezeichneten (Scheler nennt Worte einmal "Zeigestäbe auf Wesenheiten"), der Idee die in einem Ding steckt. Und der Haltung, die eine Kultur dieser Idee und seiner im Konkreten vorgefundenen Wirklichkeit (die nur durch die Idee überhaupt erkennbar wird) gegenüber einnimmt, wie sie ihr begegnet, wie sie sie rezipiert, und vor allem: über gar nicht absehbare Zeiten begegnet IST.

Bis zum letzten Grund der Worte, als Symbolon, als Bild, als Wirkbild, das für sich steht, und von der Menschheit als Ganzes wieder und wieder gebraucht, angeschmiegt, verwendet und für zutreffend befunden wurde. Diesen Bildern haben wir zuzuhören, sie gehen uns voraus - nicht wir "machen" sie. Wer die Welt im Geist erfassen will, der gehe den Worten nach! Sie sind das Fundament, auf dem wir auch heute stehen.

In der Sprachtradition - einem dicht gewobenen Netz vergleichbar, in dem ein Faden den anderen trägt und quert - also erhält sich die Weisheit, ja die Welt der Menschheit, die zu ergründen jedem auferlegt ist. Zahllose Generationen und historische Epochen haben an diesen Wortwerden mitgewirkt, und immer waren es die Menschen selbst, die auch diese komplexe Wirklichkeit der Worte verwendeten, in ihrem Erkennen wandelten, und neuerlich weitergaben. Wer die Sprache willkürlich ändert, behauptet also von sich, daß diese Weisheit nicht nur obsolet ist (und die Vorvorderen dumm und unmündig waren), sondern daß er sie endgültig übertrifft. Und schon diese hochmütige, ja dumme Haltung alleine ist an sich weisheitsfeindlich, konkret stammt sie aus dem objektivistischen Denken der Gegenwart, und nicht zufällig ist solches Sprachdekretieren typisches Merkmal von Diktaturen.



2. Teil in einer Woche: Sprache und Erkenntnis


*Ohne diese allgemeine Idee hinter den Dingen, ohne allgemeines Wesensbild, wäre kein Ding erkennbar, gäbe es kein Erkennen, und keine sinnvolle Sprache.



*041112*

Donnerstag, 7. April 2011

Erfüllung der innigste Wünsche

Die Phantasie des Märchens kreist um das zum Höchsten gesteigerte menschliche Leben, voller Wunder und Wunderlichem, Vorstufe und Abglanz allen dichterischen Bildes einer solchen höchsten Welt, schreibt Robert Petsch.

Dazu braucht es die Freiheit des Spieles mit den Elementen der Erfahrung und der Vorstellung unter der Herrschaft unserer letzten, unserer Idealvorstellungen, die die deutsche Sprache mit dem Wort "der Wunsch" umschreibt.

Jacob Grimm dazu: "Den Inbegriff von Heil und Seligkeit, die Erfüllung aller Gaben scheint die alte Sprache mit einem einzigen Worte, dessen Bedeutung sich nachher verengerte, auszudrücken, das hieß der Wunsch. Dieses Wort ist wahrscheinlich von wunja, wunnjo, Wonne, Freude abstammend, wunnisc, wunsc, Vollkommenheit in jeder Art, was wir Ideal nennen würden."

Im Märchen wirft der Mensch alle Begrenzungen fort, verzichtet auf jeden Anspruch auf Zweck und reales Für-wahr-halten, und öffnet sein Gemüt für die höchstmögliche Befriedigung. Diese Hochstimmung stellt sich so der Angst entgegen bzw. gegenüber. Und diese Struktur ist letztlich die Struktur allen dichtenden Erzählens.

***

Mittwoch, 14. April 2010

Das Anhauchen Gottes

Etymologien von Worten - die Geschichte ihrer Herkunft, die im Grunde eine Geschichte ihrer Verwendung ist - gehören wohl zum Erbaulichsten, das es zu lesen gibt. Und sind oftmals reine Poesie.

So das, was die Brüder Grimm (ihr Wörterbuch; sie selbst waren es in dem Fall nicht mehr) über GEIST schreiben. Sie zeigen, daß es aus dem Verstehen als "Hauch" herkommt, seine Wortentstehung leitet sich aus dem nordischen ab, wo es als "gajst" etc. in der Bedeutung von Hauch oder Atem vorkam wie kommt.

Und entsprechend wird Geist als Wind oder Atem verstanden. In diesem Zusammenhang wurde es auch als Zeichen verwendet, so wenn Jesus seine Jünger anhaucht ("Empfanget den Heiligen Geist!"), ehe er sie aussendet, oder wenn der Priester (leider nur im "alten" Ritus) den Täufling anbläst.

In diesem Sinne ist es als 'Seele' und Lebensgeist zu verstehen, was sich in vielen Schöpfungsmythen ausdrückt, wo Gott zum Beispiel dem von ihm geformten Leib des Adam über die Nase Lebensgeist, Lebensatem einbläst.

Im Lateinischen - spiritus - stammt es ja offensichtlich aus derselben Quelle, und ist in dieser Verquickung reine Poesie: spirare. Hauchen. Ausatmen.



*140410*

Samstag, 10. April 2010

Vernunft als Sprachaufbau

Die Abstraktion als vornehmstes Instrument der Vernunft ist nur noch in der Bildung von Begriffen möglich, die ihre Anschaulichkeit umso mehr abgelegt haben, als sie allgemeiner sind (Sein, Wesen, Ding ...) Auch wenn sich die Sprache noch um eine "Mitnahme" von Anschaulichkeit (in den eigenschaftlichen Zuordnungen von Selbst- und Mit-Lauten, siehe unter anderem Jakob Grimms Schriften über die Entstehung der Sprache) mühen mag. (Bis zu dem einen Wort, in dem sich alles enthält - Gott. Anm.)

Also ist der Aufbau von Vernunft an den Aufbau von Sprache gebunden (was die Behinderung des Taubstummen so dramatisch macht). Das Tier ist zu solchen Abstraktionen unfähig, es vermag nur Eigennamen zu erkennen. (Laut Grimm übrigens hebt die Sprachbildung beim "ich" an.)

Der Aufbau der Vernunft, im Gleichschritt mit dem Aufbau der Sprache, beim Kind ist sohin nicht eine Schule der Logik. Diese ist ja auch Vernunftgestörten möglich, wie manche exorbitanten Leistungen auf Spezialgebieten der Logik bei solchen Personen beweisen.

Aufbau von Vernunft heißt, den Gebrauch der Logik zu lernen. So, schreibt Schopenhauer, wie ein Mensch von musikalischer Anlage die Regeln der Harmonie, ohne Noten und Generalbaß, durch bloßes Klavierspielen durch das Gehör, erlernt.

Erst in dieser Abstraktion ist von Wissen zu sprechen möglich (Aristoteles: "Ohne das Allgemeine ist Wissen unmöglich"), indem es mit Phantasiebildern zusammengedacht, anschaulich (und damit: besessen) und geordnet (ob nach Regeln ordenbar, oder auf Bilder zurückzuführen) wird, erst in diesen Begrifflichkeiten (Universalien) vermag man von Denken zu sprechen, und Heinrich Reinhardt geht in "Johannes - Die Rede von Gott" sogar so weit, daß Philosophieren nur das Nachdenken über das, was ein Wort überhaupt ist, heißen kann.



*100410*

Am Anfang war das Wort

Jacob Grimm läßt (kompakt zusammengefaßt u. a. in seinem Vorlesungsmanuskript von 1851, "Über den Ursprung der Sprache") keinen Zweifel: der Aufbau menschlichen Ausdrucks erfolgte historisch - und erfolgt in jedem Menschen, ja tagtäglich in einzelnen Emanationen immer wieder neu - vom Wort ausgehend, und zwar vom Pronomen (Fürwort) und Zeitwort. Erst ist also das "was" - dann erst das "wie" menschlichen Gestaltens.

Grimms (im Prinzip: weltweite) Entdeckungen über die Ursprünge und Entwicklung menschlicher Sprachen stehen in völligem Widerspruch zu einer evolutionistischen Sicht des Werdens des Menschen - die zu seinen Schlüssen genau umgekehrte Prämissen fordert. Aber Grimms Arbeit deckt sich mit den Belegen jüngster (und nun wirklich weltweiter) Forschungsarbeiten eines Roger Liebi, der in seinen Arbeiten (empfehlenswert: "Herkunft und Aufbau der Sprachen", Hänssler-Verlag) nachweist, daß gerade die urtümlichen Sprachen hochkomplex und subtil im Ausdruck waren, also auf eine der unseren zumindest gleichwertigen, wenn nicht überlegenen, nur nicht auf unsere Weise differenzierten (soll heißen: ausgewählten) geistigen Welt Bezug nehmen, ein Sprachaufbau also keineswegs teleonomisch geschehen sein konnte (das Lallen von Babys ist also keine physiologische Entwicklungssstufe des Menschseins an sich, sondern ein Ringen um die Herrschaft über das, was möglich weil angelegt ist), wo aus primitiven Lauten aufbauend irgendwann festgelegte (vereinbarte) Worte "entstanden". Sprache ist eine genuin menschliche Schöpfung (und erst in dieser, zweiten Linie Vereinbarung) - im gesamten Indogermanischen ist sogar das Wort "Mensch/Mann" darauf bezogen: der der denkt, der der spricht.

"Aus betonter gemessener Rezitation von Worten entsprangen Gesang und Lied, aus dem Lied die andere Dichtkunst, aus dem Gesang durch gesteigerte Abstraktion alle übrige Musik die nach aufgegebenem wort geflügelt in solche Höhe schwimmt, daß ihr kein Gedanke sicher folgen kann.
Wer nun die Überzeugung gewonnen hat, daß die Sprache freie Menschenerfindung war (im Gegensatz zu Ansichten, daß Sprache gottgegeben von Anfang wäre - Sprache, nicht Sinn, oder Wort!; Anm.), wird auch nicht zweifeln über die Quelle der Poesie und Tonkunst in Vernunft, Gefühl und Einbildungskraft des Dichters. Viel eher dürfte die Musik ein Sublimat der Sprachen heißen als die Sprache ein Niederschlag der Musik!"




*100410*

Freitag, 19. März 2010

Ein Volk von Brüdern

"Unter Sippen und Blutsverwandten dauert ja die lebendigste,vollste Kunde, und ihnen stehen von Natur geheime Zugänge offen, die sich den anderen erschließen. Nicht allein leibliche Eigenheiten und Züge haben sich einzelnen Gliedern eines Geschlechts eingeprägt und zucken in wunderbarer Mischung nach, sondern dasselbe tut auch die geistige Besonderheit, daß man oft darüber staunt; da hält ein Kind den Kopf oder dreht die Achsel genau wie es der Vater und Großvater getan hatte, und aus seiner Kehle erschallen bestimmte Laute mit derselben Modulation, die jenen geläufig war; die leisesten Anlagen, Fähigkeiten und Eindrücke der Seele, warum sollten nicht auch sie sich wiederholen? [...]

Mir erscheint nun, daß dieser edle, die Menschheit festigende und bestätigende Hintergrund seine größte Kraft hat zwischen Geschwistern, stärkere sogar als zwischen Eltern und Kindern. Geschlechter haben sich zu Stämmen, Stämme zu Völkern erhoben nicht sowohl dadurch, daß auf den Vater Söhne und Enkel in unabsehbarer Reihe folgten, als dadurch, daß Brüder und Bruderskinder auf der Seite fest zu dem Stamm hielten, nicht die Descendenten, erst die Collateralen sind es, die einen Stamm gründen, nicht auf Sohnschaft sowohl als auf Brüderschaft beruht ein Volk in seiner Breite. [...] 

So will ich den einfachen Grund angeben, warum Brüder sich besser verstehen und erkennen als Vater und Sohn. Eltern und Kinder leben nur ein halbes Leben miteinander, Geschwister ein ganzes. Der Sohn hat seines Vaters Kindheit und Jugend nie gesehen, der Vater nicht mehr seinen Sohn als reifen Mann und Greis erlebt. Eltern und Kinder sind sich also nicht volle Zeitgenossen, das Leben der Eltern sinkt vornen in die Vergangenheit, das der Kinder steht hintern in die Zukunft. [...]

Niemand weiß folglich bessern Bescheid zu geben als vom Bruder der Bruder, und diesem natürlichen Verhalt hinzu tritt noch ein sittlicher. Der Vater vom Sohne redend wird sich seiner Gewalt über ihn stets bewußt bleiben, der Sohn Zeugnis vom Vater ablegen der gewohnten Ehrfurcht nie vergessen. Geschwister aber stehen untereinander, ihrer wechselseitigen Liebe zum Trotz, frei und unabhängig, so daß ihr Urteil kein Blatt vor den Mund nimmt.
Und dazu noch die leibliche Geschwisterähnlichkeit, also insgeheim auch die geistige, dem Vater gleicht der Sohn nur mehr oder weniger als halb, weil er auch Mutterzüge in sich aufnimmt, hingegen Brüder teilen sich in des Vaters und der Mutter Gesicht und besitzen von jedem irgendetwas; laßt Brüder sich in der Kindheit noch so unähnlich erscheinen, im Alter, wenn ihre Wangen einfallen, gleichen sie einander durch die Bank."



Jacob Grimm in seiner Gedenkrede 
an den Bruder Wilhelm, 1860



*190310*

Dienstag, 2. Februar 2010

Geschlecht, Recht, und Sprache

Das wirkliche Hauptwerk Jacob Grimms ist weder die Märchensammlung (mit seinem Bruder), noch ist es das unvollendet geblieben (erst 1988 fertiggestellte) in jeder Hinsicht monumentale Deutsche Wörterbuch. Es ist die Deutsche Grammatik, es sind seine Schriften über Ursprung, Herkunft und Wesen der Deutschen Sprache.

Grimm sieht die Herkunft der Sprache als historisch mehr oder weniger überlagerte Botschaft aus dem urtümlichsten Menschsein, das denkbar ist - jenes Menschsein, das als Zeitalter der Mythen ferne, aber umso konstitutiver für das Menschsein jedes Volkes, und in diesem eingebettet, dem Einzelnen in gewisser Hinsicht vorgeordnet, jedes Individuums ist. Und er findet in Namen wie Wilhelm von Humboldt oder Friedrich Creuzer, ja er findet in einer ganzen geistigen Bewegung des 19. Jahrhunderts, seine Gesellen. Und nicht zuletzt: im Mutterrechtler Johann Jakob Bachofen, der ihn regelrecht anbetet.

Denn Grimm, zeitlebens zutiefst seiner Mutter verbunden (er hat nicht einmal geheiratet), der er auch die Grammatik widmet, begreift die Sprache als herabgesenkt auf uns Heutige, aus der langen langen Reihe, die uns mit den Ahnen verbindet, und wo in der Tradition uns das Heiligste, der Bezug zum Wesen der Welt im Mythos, im Grundempfinden, und insofern mutterrechtlich eingebettet. Denn das Wesen der Frau ist das Überindividuelle, Volkhafte, Sprachhafte, Unbewußte.

Und in besonderer Weise hat sich Jacob Grimm in die Problematik des grammatikalischen Geschlechts regelrecht verbissen, was entzündet vom Erkenntnisinhalt der Sprache selbst. Er sieht die Geschlechtsfrage der Substantive tief symbolisch, ja mythisch gegeben und erfaßt, und jedem menschlichen Willküren völlig entzogen.

Die Sprache selbst teilt uns so Botschaften aus einem Zustand des Menschseins mit, den mit "Paradiesisch" gleichzusetzen, in dieser Ferne zu verorten, geboten ist: hier erzählt sich das bessere, heilere, glücklichere Menschsein, das zugleich ein Dasein der Poesie ist - denn wie die Sprache, so ist damit zusammenhängend das Recht eines Volkes GEGEBEN, nicht gemacht, und auch keinesfalls logizistisches Konstrukt, sondern jeder Rechtsfindung gingen die Symbole, die Mythen VORAUS. Aber die Frau, auch symbolhaft für das Volk, gibt diesen Funken weiter, von ihr hängt ab, ob er lebt, oder verkümmert.

Aus ihnen erst hat sich der Maßstab von Recht und Gerechtigkeit, aus dem tiefen Erkennen der Natur selbst die Sprache gebildet, deren historische Entwicklung so wie jede Geschichte gleichfalls nicht beliebig erfolgt sein kann - denn was immer dem Gut abläuft, geht zugrunde. Dauer ist - dazu muß man nicht einmal Scholastiker sein, dazu genügt die Empirie - eine Qualität des Wahren! (sic!)

Die Sprache sei "gleich allem Natürlichen und Sittlichen ein unvermerktes, unbewußtes Geheimnis", es waltet der unermüdlich schaffende Sprachgeist, der "wie ein nistender Vogel wieder von neuem brütet, nachdem ihm die Eier weggetan worden; sein unsichtbares Walten vernehmen die Dichter und Schriftsteller in der Begeisterung und Bewegung durch ihr Gefühl."

Er teilt in einer ganz groben Systematik die Worte in folgende Symbolträger, und aus ihr die Geschlechter folgend, ein:

"Das Maskulinum scheint das Frühere, Größere, Festere, Sprödere, Raschere, das Tätige, Bewegliche, Zeugende; das Femininum das Spätere, Kleinere, Weichere, Stillere, das Leidende, Empfangende; das Neutrum, das Erzeugte, Gewirkte, Stoffartige, Generelle, Unentwickelte, Kollektive." (Deutsche Grammatik, III)

Die Geschlechtlichkeit ist also eine Erhellung des Wesens des bezeichneten Dings, das Wort ist sein Symbol, im Gehorsam gefunden - nicht willkürlich gesetzt. Die Sprache ist für Grimm wesentlich lebendige Mythologie, (wobei man Grimm vielleicht nur, aber gerade eben, dort widersprechen muß, wo er Mythus in die Mythologie zu weit ausdehnt - denn der Mythus ist unbewußt und "kollektiv" übernommen, gehört dem Volk - die Mythologie, als Geschichte, aber ist zweifellos positive Einzelleistung, wie A. W. Schlegel aufzeigt) tradiert aus "reinen Zeiten" (denen er, mit Bachofen, sogar freie Liebe als die poetischere zuschreibt, immerhin ist ja auch der Minnesang immer auf "Ehebruch" abgespannt). Und in dieser Geschlechtsidentifizierung ordnet er die gesamte Sprache, und sieht auch deutlich den Einfluß der Frau auf die Sprachtradition selbst.

Doch auch wenn Grimm der Frau die wesentliche Aufgabe in der Überlieferung zuschreibt, so sieht er immer das Maskulinum als das Frühere, das Zeugende, das "lebendigste, kräftigste und ursprünglichste", und er sieht den klaren und erhellenden Zusammenhang mit den Mythen der Völker, in denen (fast) überall der Mann der Frau vorausging beziehungsweise diese aus ihm geschaffen wurde.