Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Gehör werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gehör werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 27. März 2020

Was aber steht wirklich in der Bibel?

Wir beziehen uns zur Abwechslung wieder einmal auf einen Artikel auf OnePeterFive. Der nämlich etwas von so großer Bedeutung gelassen ausspricht, daß es unbedingt aufgegriffen und den werten Lesern als glänzender Edelstein vor Augen gehalten werden soll. Es geht vorerst um eine Stelle, die so leicht zu verstehen scheint, die auch schon so oft zitiert worden ist, daß es fast nicht der Mühe wert scheint, sie noch einmal anzusehen. 
Als viel Volk zusammenkam und die Leute aus allen Städten ihm zuströmten, sagte er in einem Gleichnis: "Ein Sämann ging aus, seinen Samen zu säen. Beim Säen fiel einiges an den Weg, wurde zertreten, und die Vögel des Himmels pickten es auf. Anderes fiel auf steinigen Grund. Es ging zwar auf, verdorrte aber, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Anderes fiel mitten unter die Dornen. Die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Und anderes fiel auf gutes Erdreich, ging auf und trug hundertfältige Frucht." Bei diesen Worten rief er aus: "Wer Ohren hat zu hören, der höre!" Da fragten ihn seine Jünger, was dieses Gleichnis bedeute. Er antwortete: "Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Den anderen werden sie nur in Gleichnissen dargeboten, damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen. (Lk. 8, 4-10)
Was der VdZ meint wird vielleicht klarer, wenn man weiß, daß diese Übersetzung (aus dem Griechischen) zwar gebräuchlich, im Grunde auch nicht falsch, aber eine Interpretation ist. Die sich natürlich nach jenem Verständnishorizont richtet, den der Übersetzer hatte oder beim Publikum annahm, während er den buchstäblicheren, sich direkter aus dem Originaltext ergebenden Sinn als für das normale Ohr unverständlich ansah. So ungefähr muß das sein, und nach wie vor wird diese Stelle so übersetzt und verlesen. 

Was steht da aber nun im Original? Was der VdZ mit diesem Gewese meint wird dem, der hören will, klarer, wenn er hört, daß da nicht steht, daß der Sämann einfach "einen Samen sät", sondern dieser Samen ist etwas anders - denn im Original steht, und so müßte man es lesen, daß der Sämann SICH sät. 

Mehr wollen wir aufs erste auch gar nicht dazu sagen. Außer, daß aus dieser Stelle klar wird, warum die Liturgie, warum das Opfer vor Gott, warum die Heiligen Zeremonien im Altarraum nur von Männern durchgeführt werden können. Nicht, daß man sich noch dazu als "Begründung" darauf berufen kann oder soll, wie es (leider) so oft geschieht. Weil man die tiefere Erklärung entweder selber nicht kennt, nicht versteht, oder dem anderen nicht zumuten will. Auch das Volk (s. o.) murrte, als Jesus auf die Bitte, er solle die Heilsspeise (oder, an anderer Stelle, am Jakobsbrunnen auf Durst und Wasser bezogen) geben, antwortete, daß ER diese Speise sei. Worauf das Volk dann abwinkte, weil nicht verstand: Was für ein Unsinn, wie kann jemand sich selbst zur Speise geben?

Er kann. Ja, das Zueinander der Dinge, die Schöpfung im Insgesamt also, ist ein Zueinander der ... Gestalten. Und aus diesem Zueinander von Gestalten ernährt sich alles, so wie alles einander Speise ist. Und Same, der - siehe oben - aufgeht, oder vertrocknet, und so weiter. 

Nicht Funktionen sind es, die auch auf Gestalt verzichten könnten, die die Schöpfung, die Welt im Dasein hält. Effekte sind nur die Folge des Aufeinanderwirkens von Gestalt - Agere sequitur esse/Das Handeln folgt dem Sein - und deshalb an eine Gestalt GEBUNDEN.

Aber noch mehr! Das Bildhafte, das die eigene Gestalt in die Welt trägt, hat in Wirklichkeit keinen lediglich chimärenhaften, sondern den wahren Charakter einer "festen Speise", eines "festen Dings". Jedenfalls wäre es unserer Vorstellungswelt angemessener, es so zu imaginieren. 

Denn alles gibt einander Speise, alles ist einander Speise. Aber es ist einander nur dort und deshalb Speise, wo es Sein hat, also auch am Guten teilhat, gut "ist". Und gut ist etwas in dem Maß, als es am Gut selbst, also an Gott, teilhat - also auferbaut aus der Gestalt Gottes ist. Nur dieses Gestalthafte, dieser Same der Gestalt Gottes läßt die Welt überhaupt bestehen. Deshalb mußte Jesus, der Sohn Gottes, Mensch werden, deshalb mußte er sich uns im Abendmahl geben, deshalb muß er bei uns in den Zeichen von Brot und Wein bleiben.

Wissen Sie, geneigter Leser, was Jesus also meint? 



*120320*

Dienstag, 8. Oktober 2019

Mehr Podcasts bedeuten mehr Dummheit

Die Nachricht ist nicht erfreulich, auch wenn andere das anders sehen mögen. Webwizard berichtet von einer Erhebung in Deutschland, in der eine immer weiter steigende Beliebtheit von Podcasts (im Netz wie im Radio) festgestellt wurde. 35 Prozent aller Deutschen hören mehr oder weniger regelmäßig solche Features. Unter denen ein erstaunlich hoher Prozentsatz (45 Prozent) Politik und politische Themen, und fast 30 Prozent weitere Informationen und grosso modo Bildung zum Inhalt hat. (Der Leser möge selbst die genaueren Daten nachlesen.)

Am liebsten hörten die Menschen, so die Umfrage, Podcasts neben anderen Tätigkeiten. Wenn sie bügeln (wollte der VdZ schon gleich sagen), oder Sport treiben. Die iPhones und ähnliche Geräte ermöglichen das auf bequeme Weise. 

Nun könnte mancher verleitet sein zu sagen, daß das doch toll sei! Die Menschen würden jede "ungenützte" Minute, bei der früher der Kopf frei gewesen sei, dazu nützen, sich im Geiste voranzubringen, nicht wahr? 

Leider ist das genaue Gegenteil der Fall. Und zwar selbst dort, wenn auch in etwas geringerem Maße, wo man meinen könnte, es seien bestimmte Bedingungen erfüllt, wie Konzentration und Ausschließlichkeit des Zuhörens (sodaß also keine Nebentätigkeit erfolge). Warum ist das so? Weil diese audiovisuellen Medien einen Akt vorwegnehmen, den Konsumenten in völliger Passivität verharren läßt, der aber für Bildung und Informierung entscheidend ist. Und das ist die schöpferische Eigentätigkeit.

Hören ist nämlich ein Akt, keine "Zustoßung", in der man sich's bequem machen kann. Das Gehörte kann und darf nur anregen, verlocken, verführen, um dann die Inhalte selbst nachzubilden. Erst so wird das Gehörte zum Besitz, also zur Bildung. Wörtlich sogar, denn in diesem Tun formt sich der Mensch dem Gehörten gemäß. Aus eigenem Wollen, somit auch in eigenem Urteil wird das an die Tür Klopfende eingelassen und zum eigenen Besitz. Dann ist der Hörer (oder Seher, im Sehvorgang, ja in jedem sinnlichen Vorgang ist es nicht anders) auch "informiert", und er ist es im Maß seiner eigenen sittlichen Haltungen. Ob im Gehorsam, dem man zustimmen muß, oder in der kritischen Haltung, die selbst im Indirekten (des Abgelehnten etwa) noch eine innere Formung und Haltung schafft und stärkt.

Somit gibt es nichts, das den persönlichen Kommunikationsakt ersetzen kann, der eine ganz-personale Begegnung ist, die den gesamten Menschen (an seinem Ort) zu einer Haltung auffordert, die dem über Ton und sämtliche Sinneseindrücke eintreffenden Gehalt aufnimmt beziehungsweise darauf in einer ganz personalen Haltung reagiert, die den ganzen Menschen erfordert und damit formt. Als Eigentätigkeit in Freiheit, nicht als Manipulation.

Bereits in geringerem positivem Maß ist noch das Lesen einzustufen, in dem ebenfalls die Inhalte nur durch Aktivität angeeignet weil nachgebildet, ja selbst geschaffen werden können. Von selber liest sich nichts, und ohne eigene schöpferische Phantasie wird kein noch so gut geschriebenes Bild zu einem Bild im Kopf. 

In den neuen Medien aber, in der Form von Ton- oder Video-Konserven, dringt zwar ein Reiz an die Tore des Konsumenten, aber dieser kommt in einer Form, die scheinbar keine weitere Tätigkeit des Rezipienten verlangt. Er muß sich nur "aussetzen". Sodaß man aus Beobachtung durchaus sagen kann, daß sich die Gewohnheit des "Dauertragens von Ohrstöpseln", über die "gehört" wird, wie ein Versuch ausmacht, sich in aller Faul- und Trägheit doch Inhalte quasi "einhämmern" zu lassen. Alles, was man auf diese Weise an Informationen erhält, ist damit aber nicht besessen, sondern wird zu einem "schon gehört" (oder gesehen) haben. Nicht aber zur Bildung.

Wer sich selbst beobachtet wird sogar feststellen, daß bei einem solchen Hörvorgang oft sogar jede weitere innere Tätigkeit ausbleibt. Man ist innerlich meist wie leer, wenn man auf diese Weise "hört", und nur das Geräusch des vom Gerät herangetragenen Tones steht noch im Raum. Das einen "kitzeln" soll, ohne daß man selbst aktiv wird.

Worin sogar einer der Gründe liegt, warum Kinder speziell so gerne Hörkassetten etc. konsumieren. Sie sind innerlich noch ungeformt, und deshalb stehen sie gewissermaßen auf dieser Hörstufe noch "auf Augenhöhe". Jedoch mit einer noch dringlicheren Gefahr: Sie werden weniger oder gar nicht erst zu Hörenden heranwachsen. Weil sie gar nicht mehr lernen müssen, daß ihnen ein Außen den eigentlichen, aktiven, ja geistigen wie geistbildenden Hörvorgang, der eigentlichen Quelle inneren Erlebens, niemals abnehmen kann.

Bildung ist formende Selbsttätigkeit, nicht Berieselung mit Sprache, die Wissen enthält. Oder nicht.

Der immer stärker steigende Konsum von Podcasts (der sich auch bei Youtube- und Webseiten-Erhebungen bestätigt: Immer mehr Besucher solcher Seiten und Plattformen wollen nicht mehr lesen, sondern multimedial versorgt werden) bewirkt somit mit Sicherheit keine bessere Informiertheit oder gar Bildung, sondern er ist sogar Ausdruck eines Desinteresses, das das zu Hörende so sehr abwertet, daß man ihm nicht einmal die Achtung der eigenen Mittätigkeit oder des eigenen Urteils widmen muß. Solcherart aufbereitete Information ist also eine Abwertung der Information (beziehungsweise der Inhalte) selbst, und das umso mehr, je häufiger es angeboten wird. 

Der geistige Genuß, die wirkliche Bildung, die eine Selbsttätigkeit sind, lösen sich auf diese Weise völlig auf. Sie werden ersetzt durch einen "Nervenkitzel" im wahrsten Sinn, den die Schallwelle von alleine erbringen soll.

Dem entspricht eine weitere Tatsache, die aus der Tonträger-Industrie bekannt ist. Der gemäß nämlich die Ausgangslautstärke von Aufnahmen in den letzten Jahrzehnten um oft weit über hundert Prozent gestiegen ist. Der stärkere Schall soll sich selbst den Weg zur eigenen Formierung suchen, und dazu braucht man ihn mit mehr Wucht. 

Das ist der Grund, warum gleichermaßen bekannt ist, daß das Häufige und laute Hören via Ohrstöpsel oder Kopfhörer Taubheit bewirken kann.  Die steigende Lautstärke ist aber nicht der "Grund", sondern die innere Abwendung vom Außen, die diese höhere Lautstärke nötig macht, weil sonst "zu wenig gehört" wird. Sodaß dauerhafte Taubheit sehr häufig Ergebnis einer In-sich-Verschließung ist, die das Außen gar nicht mehr für relevant hält, sodaß man sich ihm zuwenden wollte, um Inhalte in sich zu bilden.




*Sogar Autismus als angeblich jeden zehnten Jugendlichen betreffende "Erkrankung" hat in derselben Problemlage seine Ursachen, und ist deshalb nicht zufällig mit einer Pädagogik eines überversorgten, sinnlich überforderten, emotional aber ungeformten, deshalb so leicht und zunehmend seelisch überforderten Kindes zu tun, das sich in sich abschließt.





Dienstag, 26. März 2013

Wahrheit und Persönlichkeit

Das Richtige ist nicht anders zu erfahren als in dem Erkennen, daß es direkt an mich gerichtet ist. Nur in diesem Anruf - unter Namen! - wird es zu jener Bedeutung gehoben, die es den Hörenden hören und ergreifen und als Teil seiner selbst annehmen läßt. Die ganze Erziehung, die ganze Schule, muß also ein Heranreifen in diese Bedeutung der Namentlichkeit sein, muß in allen Stufen den Namen des Kindes betreffen. Als bloß an eine Menge gerichtet, versinkt es dem Kind in der Bedeutungslosigkeit. Der Schallring des genannten, gerufenen Namens aber nimmt es hinein in das Gehörte.

In dieser Bedeutung seines Namens erkennt es, daß es diesem seinem Namen - im Wahren wie Schaffen seiner Ehre - gehorsam sein muß. Heißen, Hören und Gehorsam hat dieselbe Sprachwurzel. Denn die Form des "Ich" in der Welt ist das "Ich bin", eine andere hat es nicht - als Tätigkeit, ja als eigentliche Sittlichkeit.

Das bedeutet natürlich noch lange nicht, daß nur "Einzelunterricht" möglich und sinnvoll sei. Fast zum Gegenteil, weil Ehre sich wesentlich auf die anderen bezieht. Es bedeutet aber, daß das Vorgetragene in seiner Relevanz für den Einzelnen nur dann übernommen wird, wenn der Einzelne auch persönlich, namentlich aufgerufen wird, es zu übernehmen. Das verlangt eine Kunst des Vortrags, einerseits, und hängt untrennbar mit der Persönlichkeit des Lehrers zusammen. Es verlangt nämlich auch Gehorsam, als Preis der Selbstwerdung.

In jedem Fall ist auch Empfänglichkeit eine Eigenschaft, die herangebildet werden muß, will sie nicht im formlosen Chaos ersticken, blind bleiben.  Denn jedes Licht kann nur empfangen werden, um es zu bewahren, um selbst dann auch zu beleuchten.

Wenn die Ehre als Pathos allmählich der Einsicht weicht. Das Gehörte besitzt persönlichen Aufrufcharakter, Gerichtetheit, auf eine ganz andere Weise, als (später) Gelesenes, zu dem es als Leser Stellung bezieht, zu dem es - als Ding, das vor ihm liegt - Distanz hat, das es nie persönlich so aufruft, wie die Stimme des Unterrichtenden. Zu dieser Mündigkeit muß sich jeder Mensch erst entwickeln, und er kann dies erst nach Durchlaufen der unteren Kindheitsstufen, aus denen er die Basis seiner Mündigkeit erhält. Weil er allmählich lernt, auch seinen Gehorsam frei zu handhaben, in dem er lernen kann - oder nicht. (Was das Wesen z. B. der Lehre in einem Handwerksberuf ausmacht).

Weil das Kind Zuversicht wie Glauben hat (und so allmählich zu unterscheiden lernt, weil es ja erst erfahren haben muß, was es später beurteilen können soll), dem Vortragenden darin vertraut, daß das Gesagte für es relevant ist, daß es lohnt, es aufzunehmen, Sätze an sich zu binden. Es muß sich angesprochen fühlen, wissen, daß das liebend Gesagte für es ganz speziell bestimmt ist, und daß es diesem Gesagten gegenüber eine Pflicht zu erfüllen hat, daß es Bedeutung hatte, für es selbst.

Uniformierung in der Schule hat nur dort und dann einen Sinn, wenn es den Namensdruck, den Ernst erleichtert, der das Kind außerhalb der Schule umgibt. Zugleich muß aber diese Uniform (in vielen Ländern buchstäblich gemacht) ein Erhöhendes verheißen, in dem das Kind sich verpflichtet weiß, sich selbst in einem Ethos, in einem bestimmten Geist zu erheben. Wo es sich über den Alltag, aus dem es kommt, hebt, bzw. in diesen erhöht zurückgeht. In einem Ethos, den es mit der Zeit verinnerlicht, angenommen hat, sodaß es allmählich seine Namenspflicht (in der Pubertät) auch leichter zu tragen vermag, bis es diesen Namen in der Welt behaupten muß, bis es auch die Freiheit besitzt, sich seinem eigenen Namen gegenüber frei zu verhalten, seine Inhalte neu zu gestalten.*

Umgekehrt wirkt die Banalisierung, die Gleichgültigkeit dem Kleid (als Name, in dieser Aufgabe, in diesem Anruf, Geheiß, im Gegenpol zum Verniedlichen durch Kosenamen etc.) gegenüber, ein Absinken des Rufes sich zum Vorgetragenen zu erheben. Es braucht deshalb eine Stufigkeit der Klassen, einen Klassenethos ebenso, wie einen Schulethos. Ebnet man diese Unterschiedlichkeiten, die erst Identität und Selbstethos geben, ein, sinkt die Leistung ohne jeden Zweifel. Schule ohne Differenzierung kann deshalb nie Bildung vermitteln, die Kraft zum Selbstsein als Wirklichen des Möglichen bedeutet. Bestenfalls Rationalismus.



*Für Hölderlin ist dieser Punkt - der Jugendlichkeit - übrigens nicht nur der Erneuerungspunkt der Welt, sondern er kennzeichnet sich wesentlich durch das Überschäumen im Gesang. Was immer wieder zu dem seltsamen, erschreckenden, weil so vielsagenden Punkt führt, daß heute von jungen Menschen nicht mehr gesungen wird ... Im Westen. Zumindest immer wieder anders erfährt es der Verfasser dieser Zeilen noch in Ungarn, wo er nach Jahrzehnten (im Westen) erstmals wieder jugendliches, frohes Singen hört.




***

Dienstag, 5. März 2013

Hören und Sprechen als EIN Akt

Es bedeutet ein völliges Verkennen der Sprache zu meinen, es wäre ein einseitiger Akt, der "etwas bewirke". Vielmehr ist das "höre!", das jedem Sprechakt vorausgeht, eine Aufforderung, demselben Geist beizutreten, den der Sprechende mit seinen Worten zur Darstellung bringt. Ohne diesen vorausgehenden Gemeinschaftsakt ist jedes Sprechen sinnlos, und sein Effekt bestenfalls Gewalt. Kein Sprechen läßt sich erfassen, ohne sein zweites Bein, das Hören, zu betrachten.

Das was eint, muß jedem Sprechakt - selbst dem des bloßen Befehles, wie beim Militär - vorausgehen. Und man tritt diesem Einenden bei durch den Ort, den Stand, in dem man sich befindet, in den man eintritt.

Der Sprecher muß also selbst auf das hören, das durch ihn hindurchspricht. Er muß selbst gehorsam sein. Nur dann kann er gehört werden, nur dann sind Sprechender und Hörender eins. Für Heraklith ist es deshalb ein und derselbe Mißbrauch, Dinge auszusprechen, die nicht ausgesprochen werden sollen, wie Dinge zu sagen, deren Inhalte nicht in Kraft gesetzt sind.

So ist auch Gehorsam (beim Angesprochenen) nicht primär ein Akt des willentlichen Nachbiegens nach einem fremden Willen. Im "Anbrüllen" wird am klarsten deutlich, daß die Einheit nicht gegeben ist, das Äußere gewaltsam gebogen werden muß, weil es sich sonst nicht freiwillig und schöpferisch vollzieht. Gehorsam bedeutet Zugehörigkeit! Und aus dem Gehorsam, der Bindung schöpft erst das Sprachvermögen. Nicht aus dem Beherrschen von Sprachstrukturen.* Sprechen kommt deshalb aus dem Gelübde, im "Ver-sprechen" ist es noch erkennbar, aus der Verkörperung eines Geistes. Nur dort ist Sprache noch schöpferisch.**

Es ist der freiwillige Eintritt in jenen Geist, der mich mit dem Gegenüber eint, in dem wir beide uns einen. Damit wird die Bedeutung der Wahrheit erfaßbar, denn Einung kann es nur in der Wahrheit geben, die beiden Seiten zugängig ist, im Geist, auf den sich Sprache bezieht. Lüge bleibt im Sprechenden isoliert, mißbraucht bestenfalls den allen Menschen grundgelegten Einungswillen als Hörende, die sich selbst entfremdet werden. Und damit wird Sprache wirklich weltschöpferisch - oder -zerstörerisch, ja damit wird Wort zur Wirklichkeit selbst.

Zu verstehen bedeutet deshalb, die fleischliche Welthaftigkeit einem Gehörten, einem Geist gemäß zu übernehmen, im Hören gemeinsam zur Welt rufen. Selbst dort, wo der Hörende vorerst etwas "nicht versteht" - bleibt es in seinem Herzen, beläßt er es dort, "bewahrt" er es dort, wird er auch das ihm in seiner derzeitigen Weltgestalt Vorauswesende mit der Zeit verstehen.

Miß- oder Unverständnisse setzen also in Problemen der Identität, in ständischen Konfrontationen an. Deshalb gilt, daß ein Volk seine Einheit in dem Moment verliert, in dem seine traditionelle Standesordnung verloren geht. Und mit der Einheit verliert es seinen Bestand. Ab dem Moment, wo die Menschen aufhören, einander zu verstehen. Ab da wird ihre Sprache zum Kampfinstrument der Selbstrettung, als nicht mehr angenommene Gestalt zur Einheit. Sie wird leer und unschöpferisch, ja zufällig, allfällig hervorgerufene Gestalten werden zwanghafte und technische Notlösungen von Interessen.




*Das ist auch das tragische Mißverständnis in der Diskussion um Zuwanderer, die "erst die Sprache lernen sollen". Integrieren kann nur "Begeisterung" des zu Integrierenden, nur so kann es zur Vermählung in einem Volk - in seiner Form als Land, dann als Staat - kommen, im Eros als anwegende Kraft des Schöpferischen. Und Eros zeitigt Gesang. (Deshalb singt der balzende Vogel ... brauchen Frauen Sprache, Gesang; deshalb singt und dichtet der Liebende.) Denn Sprache ist geronnene Begeisterung, sie verewigt einen Geist.

**Die Amerikaner, die die Brüchigkeit ihrer Sprache viel deutlicher ahnen, binden den Beginn der Staatsbürgerschaft deshalb direkt an ein Gelübde. Und die Vereidigung einer Regierung hat genau denselben Sinn: Darstellung, unverbrüchliche Repräsentation des alle einenden Volksgeistes. Das Eheversprechen SCHAFFT die Ehe, als gemeinsame Gestalt, die zu realisieren zwei Menschen entschlossen sind. In dem Moment beginnt eine neue Weltgestalt beim Sprechenden, und das heißt auch untrennbar: Gestalt vor der Welt. Denn wirklich ist nur, was ein innen UND ein Außen hat. Niemand kann sich nur für sich binden, aber auch selbst lossprechen, schreibt selbst ein Agnostiker wie Derrida. Erst der Name macht den Menschen zum Träger - es gibt keinen "Menschen an sich", es gibt nur unter einen Namen zusammengefaßte, nein, damit geschaffene Eigenart. Wer den Menschen ihre Namen nimmt, nimmt ihnen deshalb ihr Sein. Alles was aber etwas ist, hat einen Namen, und dieser Name birgt (und schafft) nur Wirklichkeit, weil er auf ein GEGENSEIN bezogen ist, eben ein Außen, eine Gesellschaft, eine Umgebung etc. Eine Gesellschaft besteht nur aufgrund der Namen, die ihre Glieder und Ordnungen haben. Die Liebe in einer Ehe drängt nach Schöpferischem - und sie schafft sich deshalb etwas Neues: einen Namen, als Ziel, als Forderung, als Anspruch. Und dazu muß sie etwas überwinden, wie alles, was etwas sein will, aus der Welt etwas herausschlagen muß: als neue Gegenseitsvorstellung. Erst dadurch wird überhaupt etwas. Wenn also heute nicht geheiratet wird, so deshalb, weil niemand mehr den Preis der Dinge zahlen will, wie im Spiel, und deshalb keine Dinge mehr schafft. Aber zugleich jedem böse ist, der diese Illusion, zu der sich alle per Internet und iPad verabredet haben, stört.




***

Samstag, 9. Februar 2013

Heuschrecke Mensch

Evolutionstheoretisch gilt als Bauartähnlichkeit als Beleg für die Evolution. Weil die Ausbildung von Eigenarten aus Selektionsdruck nur über Fortpflanzung weitervererbt denkbar ist, müssen ähnliche Baupläne der Organismen auf einen Abstammungszusammenhang hinweisen. So die vage Annahme der Evolutionisten.

Westfälisches Museum für Naturkunde, Münster - Leimruten bei Erdferkel, Amseisenbär und Schuppentier


Also, konkret an einem willkürlichen Beispiel gezeigt: wenn Ameisenbär, Erdferkel und Schuppentier Leimruten als Freßwerkzeuge haben, so müssen sie evolutionstheoretisch zueinander ein Abstammungsverhältnis haben. Denn es wäre nicht mehr erklärbar, wie solche Baupläne unabhängig voneinander überhaupt hätten entstehen müssen. Die ja einen langen Weg zurückgelegt haben müssen, ehe sie sich in dieser Form fanden.

Nun gibt es im Reich der Lebewesen aber eine seltsame Erscheinung - die der sogenannten Konvergenz. Das heißt, daß häufig gleiche Einzellösungen bei Lebewesen auftreten,  die stammbaumtechnisch so weit auseinanderliegen, sodaß eine Abstammung nicht argumentiert werden kann. Dies scheint so zufällig zu sein, daß die Welt der Lebewesen eher wie ein Baukasten erscheint, denn als auseinander hervorgegangene Formenwelt. Die Bauteile müssen also unabhängig voneinander entstanden zu sein. Zum Beispiel, wenn der Löwenzahn mit seiner Fortplanzung der Fallschirmchen dieselbe Methode "entwickelt" haben soll, wie die mit ihm artentechnisch nur mehr sehr entfernt verwandten Baldriangewächse. Die Ähnlichkeit der Fortpflanzungsmethode kann mit Abstammung nicht erklärt werden. Solche Beispiele gibt es ja fast ohne Zahl.
Eines davon liefert eine Entdeckung, die ein Forscherteam um Fernando Montealegre-Zapata, Insektenforscher an der Universität von Bristol in Großbritannien gemacht hat, schreibt (mit allen Details) genesisnet. Die Wissenschaftler fanden mit Hilfe von Mikro-Tomographen heraus, dass das Gehörorgan der im Regenwald lebenden Laubheuschrecke Copiphora gorgonensis aus der Gruppe der Katydiden ganz ähnlich funktioniert wie das menschliche, und zwar sowohl in anatomischer als auch in physiologischer Hinsicht.

Das ist deshalb so spektakulär, weil das menschliche Ohr äußerst komplex gebaut ist, und evolutionstechnisch sowieso nur mehr als eine unter extremen Zufällen im historischen Ablauf entstandene Zueinanderfindung vieler einzelner Besonderheiten irgendwie vorstellbar ist, wenn überhaupt. Funktioniert auch nur ein Teil nicht so außergewöhnlich, wie es der Fall ist, versagt das Ohr als Sinnesorgan im Ganzen. Nun stellt sich heraus, daß diese lächerliche Heuschrecke gleichfalls ein derart komplexes Hörorgan hat, das in seinem funktionalen wie äußeren Aufbau dem menschlichen Ohr so frappierend gleicht.

Entdeckungen wie diese müßten also seriöserweise weitreichende Konsequenzen haben. Denn die Behauptung, daß Ähnlichkeit auf Abstammungsverhältnisse hinweist, ist durch die Tatsache so zahlreicher Konvergenzen wissenschaftlich nicht haltbar. Denn man sieht einer physiologischen Besonderheit nicht an, ob sie aus Abstammung oder aus zufälliger Konvergenz entstanden wäre. Den "Ähnlichkeitsbeweis" der Evolution gibt es also nicht. Nicht die Daten zwingen nämlich zu dieser Interpretation, sondern Ähnlichkeit als Abstammungserweis wird schlicht hineininterpretiert. Gleichgültig, welches Ursprungskonzept zugrundegelegt wird (Schöpfung oder Evolution), kann nur das Ergebnis der Entstehung untersucht werden, nicht aber der Weg zu ihrer Entstehung.
 
Gut, man sagt ja zu manchen Menschen "Heuschrecken". Evolutionstechnisch könnten wir da also Abstammung durchaus als bewiesen abhaken. Wie, werden wir schon noch herausfinden. Aber es erklärt viel.





***

Mittwoch, 18. Mai 2011

Was Hören ist

Der Taube hört deshalb nichts, weil ihm das Klangschöpfungsvermögen fehlt. Deshalb spricht er auch nicht. Denn Hören ist nicht einfach ein passives Entstehen des Klanges! Vielmehr muß der Klang vom Hörenden selbst geschaffen werden, angeregt von der sinnlichen Bewegung. Der Hörende muß dem Schall entgegenkommen, und ihm dann Sinn geben.

Wer hören will, der höre.

Sinn, schreibt Ebner, bedeutet (auch etymologisch: es kommt von germ. sintha=Weg, Reise) den Weg, auf dem etwas in uns eingeht. Aber nicht einseitig, sondern der Sinn geht dem Erlebten entgegen. Sinn für etwas haben heißt, ihm entgegenkommen.

Im Ohr ist etwas Geistiges wie im "sonnenhaften" Auge das Geistige des Lichts: die Sinne sind Geist. [...] Alles Erleben ist im erlebenden Subjekt, das Erleben der Welt in den Sinnesorganen gleichsam vorgebildet - das Leben selber schafft und bildet an diesem dem Subjekt und seinen Organen innewohnenden Vorbilde unmerklich, jedoch unaufhörlich weiter, wenn es eben nicht, seine Kraft erschöpfend, in der Materie stecken bleibt.  
 
Ferdinand Ebner, "Zu einer Pneumatologie des Wortes"


*180511*

Samstag, 13. März 2010

Sprachloser Autismus

Herder weist darauf hin, daß er meint, es sei in der Natur zu beobachten, daß je konzentrierter, unfreier, von einer mechanikartigen Instinktabhängigkeit lebendige Vorgänge beziehungsweise Tiere, sind, desto weniger wird Sprache und damit Gehör notwendig.

"Tiere vom engsten Bezirk sind sogar gehörlos," schreibt Herder.

Je vielfältiger, unabhängiger, instinktfreier, damit selbstbestimmter ein Lebewesen ist, desto notwendiger wird die tonale Äußerung - bis zum Menschen, in der Sprache (die nur er kennt), der den Geist, die Vorstellungsbilder benötigt, ja bei dem sich die Welt dort hinein auflöst und abstrahiert. (Weil sich ja alles in seiner Würde über seine höchste Möglichkeit definiert, kann der Mensch also auch nicht zu einem instinkthafteren Ich "zurück", will er sich nicht zugleich selbst verlieren!)
 
(Haben wir nicht viele die Beobachtung gemacht, daß das Nachlassen bestimmter Sinneskräfte - die Sehkraft bei Einsamen! - von seelischen Prozessen abhängt und deshalb auch vom Willen zur Welt und ihrer Weite? Ja, ob nicht dann auch die Beobachtung hierher gehört, daß autistische Menschen häufig eine hoch ausgeprägte Spezialbegabung haben? Und ob nicht auch hierher gehört, daß der Anteil jener Eltern, die heute meinen, ihre Kinder seien auf Spezialgebieten "hochbegabt", so grotesk zur Allgemeinerscheinung fast schon steigt, aber mit ganz anderen seelischen Prozessen und Defeketen zu tun hat, als man gemeiniglich und selbstschmeichlerisch meint? Gerade für narzißtische Störungen - heute so häufig! - wäre nämlich eine Spezialbegabung höchst typisch, die aber keine Begabung, sondern eine neurotische Konzentration auf eine periphere Möglichkeit ist, der das Insgesamt dieses Menschen sohin zum Opfer fällt!)




*130310*