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Mittwoch, 17. April 2013

Eins greift ins andere

Auf einen bemerkenswerten Zusammenhang stößt man in den Ausführungen Riehls über die deutsche soziologische Landschaft, zwischen dem Zerfall des Familienbegriffs als "Haus", das unter einen Namen gestellt ist, und der Umgestaltung der ökonomischen Landschaft - auf Kreditwirtschaft.

So lange, und selbst heute noch dort, wo die Familie als "Haus" verstanden im wesentlichen einem Ziel dient - eben dem "Haus", der Einung aller Kräfte sogar im Beruf innerhalb eines Familienverbandes bzw. einer Familie, so lange haben die Tätigkeiten der Familie auch in ihrem Mitgliedern die Stoßkraft größeren Besitzes, von Kapital. Den Adel beneidet man in diesem Punkt mit Recht, der sich in seinen Resten diesen zusammenhalt oft noch beispielhaft bewahrt hat, und ihn diesem Punkt, dem historischen Familienbewußsein, verdankt.
In fast allen europäischen Staaten fand sich der Grundsatz, daß der Hausfriede über dem Gesetz stand - weil der Zweck des Gesetzes ... der Schutz der Familie in ihrer Auktoritas, als natürlicher Organismus, war.
Zerfällt aber die Familie laufend in herausgelöste - emanzipierte - Kleinglieder, so zerstreut sich auch die Stoßkraft, das Kapital der Familie. Die nunmehr in vielerlei Berufen zersplitterte Ursprungsfamilie zerfällt in lauter kaum noch überlebensfähige, zumindest aber kaum noch leistungsfähige Klein- und Kleinsfamilien, wenn nicht in Einzelpersonen, getrennt noch dazu durch verschiedenste Berufe und Ziele. Das drückt sich auch im Erbrecht aus, das lange schon keinen Alleinerben oder Haupterben kennt, sondern alle Kinder eines Elternpaares gleichermaßen als erberechtigt sieht.

Gleichzeitig fördert die erhöhte Ausbildung der Teilglieder den Ehrgeiz, das Streben. Die Folge ist klar: Das Wirtschaften wird zu einem Wirtschaften mit Fremdkapital, wo viele kleine Teile nie mehr die Selbständigkeit und Unabhängigkeit eines geeinten Großen haben. Mit jeder Generation, mit jedem emanzipierten Familienmitglied, muß das Spiel um Selbständigkeit von vorn beginnen. Gleichzeitig haben alle diese autonomistischen Glieder genau das nicht mehr, was zur Autonomie dazugehört hätte: Die Fähigkeit, aus familieneigener Kraft auch Krisen durchzustehen. Sie sind stattdessen auf den anonymen und anonymisierten Staat angewiesen, samt allen Folgen auf die Identität, die Psychologie dieser neu entstehenden Schichten, samt der Proletarisierung dieser Schichten. Und samt einem Verlust der politischen Bedeutung der Familie, ja damit der Individuen.

Wären die Familienstrukturen erhalten geblieben, hätten sich regional selbst Armutserscheinungen, Verelendung, gar nie so entwickelt, wie sie sich in der Realität zeigten. Riehl zeigt das bereits an den Wirtschaftsstrukturen einzelner deutscher Landschaften, wo solche (so gut wie immer in historischen Ereignissen in Konnex stehenden) Entwicklungen über das 18./19. Jhd. zu völligen Umbrüchen in der Ökonomie geführt haben.

Mit völlig veränderten Anforderungen - bis hinein in den Wohnbau, Straßenbau, Schulen - an die letzte Gesamtstruktur, die noch erhalten blieb - den Staat, der zunehmend Geldbedarf aufbaut. Als nächste Etappe im Kampf des Staates um Zentralmacht mit direktem Durchgriff, wie er sich im Ausgang des Mittelalters als Kampf der Kaiser und Fürsten gegen den Adel als Stand zeigte, in der Umdeutung von "Reich" auf "Staat".

Eine Volkswirtschaft also, die auf emanzipierte Wirtschaftsteilnehmer aufbaut, ist ohne jeden Zweifel für Geldkrisen anfälliger, als eine, in der die Familien noch mehr generationenübergreifend als geeintes "Haus", das auch für künftige Generationen zu erhalten ist, verstanden werden.

Es ist bezeichnend, daß trotz so offensichtlicher Tatsachen fast nirgendwo in Europa Politik betrieben wird, die diesen grundlegenden Fakten Rechnung trägt. Ja zum Gegenteil. Dabei sind auch von dieser Warte aus ständig weiter steigende Schulden auch als Folge des Zustands der Familien anzusehen.

Gleichzeitig sind auf jeden Fall immer weitergehende Verschärfungen zu erwarten, die zwischenmenschliche Verbindlichkeit bzw. "Familienhaftung" auch ohne Institutionalisierung per Gesetz zu verordnen, zumindest zu stärken. Als Unterhalts-, Obsorge- oder Haftungspflichten ohne bzw. außerhalb bisheriger Rechtsrahmen (bzw. mit der Vorschützung eines solchen), ja generell als willkürlich zum Kapital hingeneigte Haftungsfrage, wie über immer mehr ausgeweiteten Konsumentenschutz auch längst zu bemerken ist. Theoretisch müßte man sogar die "Homosexuellen-Ehe" als solche Maßnahme sehen. Wie es sie bei der Altenpflege oder dem Unterhaltsrecht in Österreich ohnehin lange schon gibt. 





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Dienstag, 16. April 2013

Männlicher Staat

Die Familie setzt das Individuum voraus. Staat und Gesellschaft aber setzen die Familie voraus, und haben es deshalb nur mit dem öffentlichen Stellvertreter der Familie, dem Mann zu tun, schreibt Wilhelm Heinrich Riehl in seiner Soziologie. Das ergibt sich aus dem Zueinander von Mann und Frau das von Haupt zu Leib, dem das Volk, der Stamm, der Staat "Ehe" zuweist, als Ort des Friedens des Idividuums in der Einheit.

Der Staat selber ist männlichen Geschlechts, während die Gesellschaftsgruppen neutral sind, aber auch mit dem Staat direkt nichts zu tun haben. Familien- und Staatsleben bedingen sich nach ihrem Prinzip, nicht aber nach ihren Wirkungen.

In früheren Zeiten war deshalb die Auflehnung der Frau gegen die Familienordnung nicht primär eine Angelegenheit des Rechts, sondern einer sozialen Gruppe. Sie führte zu Spott und Ächtung als Gegenmaßnahme, um die natürliche Ordnung nicht zu gefährden.  Auch der Mann wurde zur Zielscheibe, weil er es nicht verstanden hatte, die natürliche Ordnung aus eigener Kraft wieder herzustellen.

Prügelte die Frau den Mann, wurde z. B. die Frau auf einen Esel gesetzt, und zum Spott durch das Dorf geführt. Dem Haus aber wurde der First entfernt, zum Zeichen, daß es von innen heraus gefährdet war. Zur Buße mußte vom Mann eine symbolische Gabe an die Gemeinschaft entrichtet werden, etwa ein Faß Bier.

Wenn aber z. B. der Mann die Frau prügelte, war es eine Angelegenheit des Richters.

Daraus aber ableiten zu wollen, daß die Frau "vergessen" ist, nicht vorhanden, würde völlig die Realität verkennen. Denn die Macht innerhalb der Familie ist immer noch in Händen der Frau, ihr Wohl und Wehe liegt bei ihr.

Wo Staat und Gesellschaft schwach sind, wuchert deshalb die Weiberwirtschaft aus. Das führte im Orient bis zu Haremsdespotien. Und im 9. Jhd. sprach man vom Vatican als "Pornokratie" - die Mätressen der schwachen Päpste hatten das Sagen. Ähnliches gilt vom Frankreich des 18. Jhds.




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Sonntag, 7. April 2013

Ins Proletariat gefallen (3)

 Teil 3) Wer aber das heutige Proletariat wirklich geschaffen hat




Kaum je hat sich aber Bauernproletariat gebildet, und selbst die vielen fahrenden Berufe - Hausierer, Wanderhändler, Scherenschleifer, Korbflechter, Saisonarbeiter, etc. etc. - waren nie im eigentlichen Sinn Proletariat. Sie wurden es erst, als sich allgemein ein "Stand des Nichtstandes", ein Stand der nicht Dazugehörenden bildete. Der in sich keine Sitte, keinen Brauch hatte, keine Lebensform, sondern diese Identitätslosigkeit, diese bewußte Gruppenbewußtsein der Verneinung des Gesellschaftlichen, durch Funktionalität - durch Organisation als Masse - ersetzte. Erst ab diesem Moment wurden sie eine gesellschaftliche Größe und Kraft. Und erst dort setzte das eigentliche Elend der Proletarier ein, in ihrer Formlosigkeit, in ihrem Streben, gesellschaftliche Formen überhaupt aufzulösen.

Schon zur Zeit nach der französischen Revolution war die entsittlichende Kraft aufgefallen, als man "soziale Maßnahmen" setzte, und im Grunde sinnlose Arbeiten in Auftrag gab, nur damit Massen an Arbeitslosen Geld verdienen konnten. Der individuelle Lebensmut, die Initiativkraft dieser Arbeiter brach völlig ein, sie wurden wirklich Proletariat, amorphe Masse, reine Konsumenten, und lösten damit einen Rattenschwanz an weiteren Veränderungen (z. B. bei Kaufleuten) aus. Sie brach mit dem Verlust des Ehrbegriffs bei ihrer Arbeit, der untrennbar mit der Sinnfrage verknüpft ist, sie brach mit dem fragwürdigen Bewußtsein, eine "neue Klasse", ein "vierter Stand" zu sein.*

Wo immer aber sich solches Formbewußtsein, als Anruf zur Selbstgestaltung und -werdung, als Sinnerfüllung (die über bloße Erhaltung physischer Funktion hinausgeht), erhalten blieb, kann man nicht von Proletariat sprechen. Auch nicht dort, wo Armut herrscht. Wo die Arbeit ihre sittlichende Kraft nicht verloren hat. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wird deutlich, in welchem Ausmaß unsere geschichts- und gesichtslosen Gesellschaften von heute im schlimmsten Sinn proletarisiert sind. Sie sind als Zerfallsprodukte ständischer Auflösung zu sehen.




*Das heißt nicht mehr und nicht weniger, daß die sozialen Theoretiker, wie sie v. a. im 19. Jhd. auf die Bühne zu treten begannen, das Proletariat überhaupt erst schufen. Mit allen Folgen: denn fortan hatte keiner dieses vierten Standes mehr die Hoffnung, je Verwurzelung zu finden. Übrigens eine Beobachtung, die der Verfasser dieser Zeilen auch im Obdachlosenmilieu gemacht hat, wo sich die Sozialarbeit gerade der "Gutmeinenden" katastrophal auswirkt, und eine wirkliche Schichte der Obdachlosen selbst schafft. Nur jene schaffen es, aus diesem Milieu wieder herauszukommen, die sich weigern, ihren Zustand als soziologische Größe zu sehen; die nie aufhören, die Mangelhaftigkeit ihres Lebens zu sehen. Niemand von denen schafft es, der den Beschwörungsformeln glaubt, sich für seine Lage nicht mehr schämen zu müssen. Was im übrigen ohnehin niemand schafft - sie lernen häufig aber, diese Scham durch "Behauptungen", durch Loslösen ihres Schicksals aus persönlichen Bezügen, durch Verallgemeinerungen und Schuldzuweisungen zu "erschlagen". Daran glauben tut ohnehin kein Obdachloser. Leider eignen sie sich perfekt als Objekt "sozial denkender" Trottel. Man beachte das Stück (und daran seinerzeit angeschlossene Projekt) "Keiner hört auf Harvey" aus der Feder des Verfassers dieser Zeilen.


Samstag, 6. April 2013

Ins Proletariat gefallen (2)

 Teil 2) Das erste Proletariat entstammt dem Adel




Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich beim Hauspersonal, dessen Bezeichnung "Hausgesinde" noch anzeigt, daß sie schon aus Urzeiten her immer Bestandteil der Familie waren. Die deutliche Steigerung der Löhne, wie sie im 19. Jhd. stattfand, hatte keinerlei Auswirkung darauf, daß das Hauspersonal mehr und mehr proletarisierte - weil es zunehmend nicht mehr als Teil der Familie gesehen wurde. Überhaupt meint Riehl, daß die Zersetzung der Familie, die schon damals zu bemerken war, Wurzelübel der gesellschaftlichen Zersetzung war. Denn nun begannen sich aus allen Berufen und Kreisen ungebundene, entsittlichte, brauchtums- und traditionslose Menschenmassen herauszubilden. Die ihr Maß nur aus sich schöpfen mußten, sich nicht mehr von außen her definieren konnten.

Daß der Künstlerstand unter Proletariat im eigentlichsten Sinn fällt, ist für Riehl selbstverständlich. Denn die Kunst hat sich (da hat er recht) überall aus Zweckberufen, aus ehrbaren Zünften, heraus entwickelt. Der Bildhauer war lediglich ein besonders begabter Steinmetz, der Sänger und Dichter war nie ohne eine feste soziale Funktion und Stellung denkbar, der Maler fand vielfache soziale Einbindung in kirchlichen Aufgaben. Und wenn er von seinem Beruf nicht leben konnte, übernahm er andere Arbeiten, oder führte nebenher eine kleine Wirtschaft. Nach und nach aber lösten sich diese Ensembles auf, in allen Kunstbereichen. 

Das setzte vor allem mit der Verarmung und Defunktionalisierung des Adels ein, der sich seinen früheren Lebenswandel nicht mehr leisten konnte, und wurde im 30jährigen Krieg zur Allgemeinerscheinung, weil ganz Deutschland zu tun hatte, das Notwendigste zum Leben zu beschaffen. Musikanten konnten nicht mehr von einer Landschaft leben, Musikerensembles wurden aufgelöst, und Maler und Bildhauer waren in den protestantischen Ländern überhaupt nicht mehr gefragt, denn deren Kirchen waren schmucklos. Sich Theater zu halten hatte kaum noch eine Stadt genug Geld. Neu dazu kam spätestens nach 1648 das besonders gefährliche, auf Raub angewiesene Soldatenproletariat.

Der besoldete Soldat - auch er eine Erfindung der Politik der großen Fürsten. Als Friedrich III. den französischen König Karl um 5.000 solcher "Soldaten" bat, schickte ihm dieser 40.000 ... es dauerte Jahre, diese vagabundierenden "Armagnaken" wieder zu sammeln, und zurückzuschicken.

Und damit fielen diese Berufsgruppen tatsächlich ins Proletariat. Nur noch selten gelang es ihnen, festen Fuß zu fassen, an Familiengründung (als fundamentalsten Anker) war mangels Einkommenssicherheit kaum zu denken, nur wenige fanden soziale Eingliederung, eben auch aus sozial-familiärer Entwurzelung - sie gehörten nirgendwo mehr dazu. 

Die Entwicklung der Künste selbst nimmt unter diesem Gesichtspunkt ganz andere Färbung an, als man oft meint. Die Kunst verliert damit ihre Einbindung in die Gesellschaft, und nicht nur das, wendet sich mit einem male auch an ein ganz anderes Publikum: Kritisch, beurteilend, aus ähnlicher sozialer Konstellation überhaupt erst entstanden.

Während der Geniekult um die Künstler einsetzt, soziologisch schon in der Renaissance übrigens aufgetaucht. Dort beginnt auch der Preis eines Kunstwerks eine eigene Dimension zu werden, während er für einen breiteren Unterbau kaum noch Auskommen bietet. Noch ein Michelangelo hatte im wesentlichen um simples Bürgerleben gearbeitet, wie ein Handwerker und Bürger, und zudem Lehrlinge, Hilfspersonal und Gesellen beschäftigt, die aus derselben Schüssel aßen wie er. Niemals wäre es ihm eingefallen, das Leben seiner adeligen Auftraggeber führen, reich werden zu wollen.




Teil 3 morgen) Wer aber das heutige Proletariat wirklich geschaffen hat





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Freitag, 5. April 2013

Ins Proletariat gefallen (1)

Das Bemerkenswerte an den Zigeunern ist, schreibt Riehl in seiner Soziologie (aus dem 19. Jhd.), daß sie ein merkwürdiger Sippen- und Familienzusammenhalt davor bewahrt, schlichtweg zum Proletariat abzusinken. Bietet man einem Zigeuner, so der Volkskundler, Unterschlupf, Unterkunft, nimmt man ihn auf, und sei es nur für eine Nacht, so hört die sprichwörtliche Diebesmentalität schlagartig auf. Er fühlt sich sofort als Teil der Familie, so entfernt das auch sein mag, und zeigt Solidarität. Weist man ihm aber die Tür, erfüllt er alle Vorurteile, die man ihm aus Erfahrung zuweist. Das zeigt, daß es nicht reicht, Proletariat einfach an bestimmten Tätigkeits- oder Seßhaftigkeitsmomenten festzumachen.

Vielmehr definiert Riehl den Prolatarier anders: Er beginnt nämlich erst dort, wo er ein Gruppenbewußtsein entwickelt, in dem er sich bewußt allen Ständen gegenüber und außerhalb sieht. Dann verliert auch die Familie ihre sittlichende Kraft, und wird bloß zu "Weib und Kindern", seine Religiosität verdunstet rasch.

Keine Tätigkeit an sich, auch nicht Armut vermag Proletariat zu schaffen. Der ärmste Bauer oder Bürger hat noch sittliches Bewußtsein, und trägt seine Armut, sieht sie als mit ihm in Zusammenhang stehen, und murrt nicht. Selbst sein Betteln wird zur notwendigen Tätigkeit, nicht zum Elend selbst, wie die wandernden Handwerksburschen beweisen, deren "Fechten" sprichwörtlich ist. Und auf die die Gesellschaft auch mit Verantwortungsbewußtsein (als Gebepflicht) reagiert.

Und Proletariat hat auch nichts mit dem "Arbeiter sein" zu tun. Ganze Branchen sind deshalb unter gewissen Merkmalen betrachtet zwar reine Lohnarbeit, aber sie sind patriarchalisch organisiert - wie der Bergbau - und jeder Arbeiter weiß sich als Teil eines Ganzen. Selbst der im 19. Jhd. häufige Bergbauarbeiter des Rheinlandes wurde nie zum Proletarier, noch früher zum Pietisten, weil die Gefahr der täglichen Arbeit hohe Religiosität hervorrief. Vielfach waren die Knappen Männer, die (wie sehr häufig bei Westfalen) bäuerlicher Herkunft waren, zuhause eine Frau und Kinder hatten, die sie aber nur einmal im Jahr, im Sommer, wenn die Hochöfen ruhten, sahen. Den elterlichen Hof hatte ihr älteres Geschwister geerbt, und sie hatten damit auch kein Brot. Aber diese Zugehörigkeit, die sich nur in wenigen Wochen im Jahr konkretisierte, genügte. Niemand ließ sich ins Bodenlose fallen, sie blieben verantwortungsbewußte Kollegen und Mitarbeiter, die einem Sozialgefüge zugehörten. Das nie verlorengegangene Standesbewußtsein der Bergbauarbeiter als Bürger oder Bauern zeigt sich auch darin, daß sie schon mit dem Ausgang des Mittelalters enorme Solidarität in Form von Renten- oder Sozialkassen an den Tag legten, oder reges Sozialleben, ja ein ausgeprägtes Kultur- und Festesleben pflegten - man denke nur an die Musikkapellen, oder die Prachtuniformen. Sie waren nie Proletarier.

Das Proletariat beginnt und begann erst dort, wo das Bewußtsein getragen ist, nirgendwo dazuzugehören, und darin ein "Selbstbewußtsein" als Notgriff und Gruppenbewußtsein aufzubauen. Dort, wo der Arbeiter fürchten muß, jeden Tag durch einen billigeren Arbeiter, oder durch eine Maschine ersetzt zu werden. Beginnt dort aber vor allem, wo er sich in Vergemeinschaftung begibt, und wirkliche Standeslosigkeit - und damit verbunden das Ablegen und Fehlen von Sitte, Brauch, Verantwortung für ein Gemeinwesen, ein Land, etc. - zu einer Art Gemeinschaftsethos macht. Dort erst beginnt auch das Bewußtsein, sich das zum Leben Benötigte "rauben" zu müssen, als Grundhaltung auch dem Betrieb gegenüber. 

Es ist deshalb schlichtweg falsch, schreibt Riehl, wenn man Proletariat als Fehlen von Produktionsmitteln oder Kapital beschreibt. Das zeigt sich besonders bei den frühesten Proletarierschichten - die aus dem Adel stammten! Defunktionalisiert, ohne Standesbewußtsein, begann von dort die allmähliche Vertiefung dieser Existenzform hinein ins Bürgertum.

Der Geistesproletarier ist eine weitaus frühere Erscheinung, und er hat sich auch auf die Gesamtgesellschaft weit dramatischer ausgewirkt. Von dort nämlich begann auch - durch die "Bildung", die diesen Leuten eignete - das Weitertragen eines Unzufriedenheitsgefühls, das aus jenen defunktionalisierten, entwurzelten Schichten erwachsen ist. Der "Stand" der Intellektuellen und Journalisten ist sämtlich dieser Schichte zuzurechnen, und ist zusammen mit vielen Gelehrten - wie sie häufig aus dem Adel stammten, dessen Aufgaben der Beamte übernahm - als "Geistesproletariat" als erster Erscheinung wirklichen Proletariats bezeichenbar.*




Teil 2 morgen) Das erste Proletariat entstammt dem Adel




*Jüngste Umfragen unter Studenten aller Richtungen haben das im Grunde erschütternde Ergebnis erbracht, daß kaum ein Viertel daran denkt, sich nach dem Studium selbständig zu machen, dafür mehr als die Hälfte eine verbeamtete Anstellung erhofft.



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Dienstag, 2. April 2013

Von den Ständen

Es ist eine historisch erklärbare, aber verfälschende Entwicklung, den Beamten oder den Soldaten als eigenen Stand zu sehen. Neben dem Bauern-, dem Bürgerstand, und dem des Adels, mit der Ausnahme des Proletarierstandes, dem Stand der Auflösung aller Stände. So, wie es auch keinen Klerikerstand gibt, schreibt Riehl in seiner Soziologie. 

Aber die Zentralisierung - wieder: mit der Schlüsselepoche Friedrich II., des Staufers, in der ersten Hälfte des 13. Jhds. - der Staatsmacht brachte auch die Entwurzelung des Staatsbeamten. Dazu kam die Substituierung des Ritters durch den bezahlten Kriegsknecht, auch hier also dieselbe Entwicklung der Loslösung der Tätigkeit aus der Einwurzelung in ein soziales Gefüge. Ihr Bezugspunkt wird somit ein abstraktes Gebilde "Staat", entsprechend hohl und behauptungslastig ihre Identitätskonstruktion.

Ein solcherart wurzelloser Beamter oder Soldat war nur noch der Zentralmacht angeschlossen. Das sicherte die Willfährigkeit, und löste das Problem der Sonderinteressen lokaler sozialer Gefüge. Friedrich II. legte größten Wert auf zumindest jährlichen Wechsel seiner Beamten, um genau diese Verwurzelung mit der Bevölkerung zu vermeiden. Dieser Zweck stand dahinter, sie zu einem eigenen "Stand" zu erklären. Der sie aber nie waren oder sind, der in ihnen sogar dem Wesen nach das Proletariat vorwegnimmt. Deshalb tritt auch erst in dieser Phase das Kastenbewußtsein - die ängstliche Bewahrung von Standesgrenzen, weil man eben um deren Gefährdung weiß - auf, mit dem sozialen Gift der von oben verfügten Privilegien, wenn nicht der Ineinssetzung mit Macht.

Was der Staufer da tat, entsprang nicht zufällig einer grundsätzlichen Gedankenbewegung - der konkreten Erneuerung des Römischen Reiches, die Friedrich in seinem Cäsarentum (mitsamt der Gottgleichheit des Herrschers) sehr handgreiflich wiederbelebte. Schon bei den Römern trat diese Erscheinung der Bürokratie auf, und auch hier war sie eine Verfallserscheinung.

Noch schlimmer wird die Verwirrung, wenn solcherart klasseninterne Ordnungen auch dem Standesgefüge gegenüber gelten sollen, sodaß Rang oder Fertigkeit den Stand ersetzt. Das sind sämtlich degenerative Erscheinungen der Auflösung der Stände, schreibt Riehl.

Ein Stand muß in sich abgeschlossen sein, und er muß sich aus sich selber generieren können. Das können diese erwähnten Sonderklassen aber nicht, genauso wenig wie die künstlichen Begriffsschöpfungen vom "Gelehrten-" oder "Fabrikantenstand", oder was auch immer in der Neuzeit an Verwirrung bereits herrschte, wo Berufsbezeichnungen den Standesbegriff ersetzten. Genau so, wie der Bürgerbegriff durch das Philiströse aufgeweicht wurde, auch hier aus bloßem Beruf Scheinbürgerlichkeit hervorging. Als Verwesungsprodukt zur Proletarisierung wird.

Sie sind zudem offen für Standeswechsel, auch das widerspricht dem eigentlichen Standesbegriff, der sich ja tief in Sitte, Lebensweise und Identität ausdrückt, die aufeinander weisen, aber miteinander nicht kompatibel sein können. Wenn überhaupt, kann sich Standeswechsel damit nur über Generationen manifestieren und wirklichen, niemals aber im Wechselnden selbst. Weil jeder Stand mit seiner Sitte seinen Ethos, die Zueinandergefügtheit als eigentlich Gesellschaftliches erhält und zur Darstellung bringt, und damit das Gesellschaftsganze, den Organismus, lebendig hält.

Diese Einteilung in drei Stände ist uraltes Menschheitsgut, als Grundgefüge der Schöpfung. Sie ist schon in ältesten indogermanischen Wurzeln nachweisbar, wo sie den gesellschaftlichen Kräften gemäß (Gesellschaft als Nachbildung des göttlichen Ideenkosmos, ja der Dreifaltigkeit als Grundstruktur alles Geschaffenen), in variierender Nuancierung, in der Form von Krieger/Mann/Edelmann - Bauer/Frau/Bürger - Priester/Sänger/König auftreten.* Wobei diese Dreifaltigkeit als Idee - Geist - Fleisch - Dreiheit in allen Ständen wiederum Struktur des Wirklichen bildet.



*Im Kastenwesen Indiens findet sich diese Dreiteilung - historisch degeneriert und gewandelt - bis zum heutigen Tag.





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