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Samstag, 24. Dezember 2022

Nur unter seinesgleichen selbst sein

Man kenn tes von den Pharaonen, die letztendlich nur noch ihre Geschwister heirateten, um UNHTER SEINESGLEICHEN zu bleiben. als eine Pflicht, die sie sich selbs,t ihremeigenen Stand geschuldet haben, nciht aus Größenwahn oder irgendeiner Verbrohtheit, wie es manchem von uns scheinen mag. Un auch die Habsburger oder die Wettiner oder die Dodiescani aus Florenz haben es gemacht: Sie haben etwas gemacht, das so allgemein zum Menschen gehört, daß man den Menschen ohne das nicht denken kann. Nicht aus Schwäche, sonden aus Wesensvollzug!

Denn weil der Mensch am Du wird, das Ich im Du liegt, weil der Mensch sich erst entfaltet, wenn er auf die UImelt antwortet, entfaltet das eigen enur das begegnene Gleiche! Das ist so einfach zu verstehen, daß man eigentlich nur zweifeln kann, ob der Verstand jener en Luciditätsproblem hat, die diesen Satz verneinen, und das "Andere" so verstehen, daß es dem eigenen FREMD, also vom Wesen her etwas anderes ist. Der Stier, de den Hund als sinesgleichen behandelt, ist deshalb ein Unsinn. Aber ein Unsinn mit Folgen, denn der Stier (oder der Hund) wird irgendeinen Tiel seines Wesens gar nicht vferwirklichen können, wenn er mit einem Hudn aufwächst und nie eion anderes Rindvieh trifft. 

Zwar sind unter Menschen aller Völker und Kulturen und Stufungen alle Menshen eben das - Menschen. Aber die Art, wie Menschsein vorkommt, wie es auftritt, wei es ausschließlich möglich ist, ist immer die Art einer Kultur.

Kultur aber bedeutet Ordnung, sonst ist es eben keine Kultur, sondern Chaos, und Ordnung bedeutet zwangsläufig, daß es hierarsche Ordnung gibt. Der einzelne Mensch wird also Mensch, wenn er SEINE Art, weise und Kultur umsetzt, SEINEN Stand, seinen Platz ind er Ordnung so gut er vermag einnimmt. Und sonst nichts. Ein Menschsein ohne eine bestimmte Stufe gibt es nicht.

Freitag, 24. September 2021

Die drei Phasen der Weltgeschichte (1)

Eine ganz andere Geschichte - Die Archäologie und Paläoarchäologie hat schwer damit zu kämpfen, daß sie die Schichten noch auseinanderhalten kann, auf die sie stößt, und die aus drei globalen, großen, und mehreren kleineren (dabei ebenfalls globalen) Katastrophen kosmischen Ausmaßes steht. Nachdem sie aber über kein taugliches Geschichtskonstrukt verfügt, also einer völlig falschen Erzählung folgt, mit der die entdeckten Tatsachen nur bei Ausschluß größter Evidenzen in "Übereinstimmung" zu bringen sind, wird sie daraus auch keinen Ausweg finden. Ihr Beitrag zur Selbstfindung des Menschen durch Kenntnis der eigenen Vergangenheit, die ohnehin schwer durch einen progressiv zunehmenden Verlust der Erinnerung getroffen ist, wird also immer dürftiger und nähert sich der Irrelevanz. Sprich: Was immer sie erzählen, es ist leeres Geschwätz.

Nur einige wenige Ausreißer, oft genug in der Ecke der Phantasten, und die fast alle aus dem Lager der Außenstehenden stammen, durchbluten noch das über weite Strecken ausgetrocknete, im wahrsten Sinn inspirationslose Narrativ.

Donnerstag, 18. April 2019

Als die Sahara noch grün war

Die (östliche) Sahara ist nicht nur der trockenste Ort der Erde, sondern das vielleicht aussagekräftigste Klimaarchiv der letzten 12.000 Jahre. Zwar ist es zum einen unglaublich voll mit möglichen Fundstätten, die meist sehr oberflächennah positioniert sind, doch enthält es zum anderen, wo es erforscht wurde und wird, unwiderlegbare Hinweise über die zivilisatorische und klimatische Entwicklung dieser riesigen, heute fast menschenleeren Fläche nach der letzten Eiszeit. Es zeigt sich, daß die klimatischen Veränderungen über lange Zeiträume vonstatten gingen.

Das wohl faszinierendste Zeugnis der Geschichte dieser Saharazone bilden aber die zahlreichen Felszeichnungen. Die teilweise in fast photographischer Qualität die Veränderungen über die Zeit festgehalten haben. Die berühmtesten Bilder sind dabei "die Schwimmer", die noch von dem österreichisch-ungarischen Piloten Graf Ladislaus Álmásy etwa in der Zeit des Zweiten Weltkrieges entdeckt worden waren (dessen abenteuerliche Geschichte dem Film "Der englische Patient" zur Vorlage diente.) 

Aber auch an vielen anderen Orten finden sich solche Aufzeichnungen aus lange zurückliegenden Zeiten die zeigen, daß die östliche Sahara einst prosperierender Lebensraum war. Wenn auch dünn besiedelt, das zeigen die Ausgrabungen bzw. Funde.* In einzelnen kleinen Seitentälern sind sogar heute noch Nilkrokodile zu finden, die die einstige Verbindung durch Zuflüsse in den Nil beweisen. Das Vorrücken der Trockenzone (Wüste) hat dann bewirkt, daß sich die Menschen nach Süden, aber auch nach Osten - an den Nil - zurückzogen. Und man kann davon ausgehen, daß das Aufblühen der ägyptischen Kultur vor über 7.000 Jahren mit der Zuwanderung aus diesen Gebieten zusammenhängt.

War die Sahara noch vor 8500 Jahren eine feuchte, grüne Landschaft, die zwar dünn besiedelt war, aber eine reiche Fauna und Flora aufwies, so begann sich allmählich vom Norden her eine trockene Zone zu bilden, die sich nach und nach gegen Sünden zu ausbreitete. Heute findet sich erst in der Subsahara (Sahelzone) wieder Savannenlandschaft und Bevölkerung. Die Langsamkeit der Entwicklung, die sich mit nahezu völliger Sicherheit aussagen und von Jahr zu Jahr verfolgen läßt - hätten diese Forschungen auch genug Geld, aber sie sind vor allem verglichen mit den Klimaforschungen hoffnungslos unterdotiert, wären die Erkenntnisse noch weit umfangreicher - zeigt, daß die Idee der "Kipp-Punkte" (Tipping Points) im Klimageschehen nicht stimmen kann.

Mit noch einem Mythos wird aufgeräumt, und dazu müßte man nur hinfahren, um es selbst zu sehen: Das Austrocknen des Tschadsees hat mit Klimawandel nichts zu tun, wie gerne behauptet wird. Der extrem flache, einst riesige See mit einer Wassertiefe unter zwei Metern trocknet aus, weil seine Zuflüsse durch Wasserentnahmen immer weniger Wasser zuführen. Denn die Bevölkerung dort hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten verzehnfacht. Und das schlägt sich voll in der Wasserbilanz nieder.






*Und das war wohl auch sein Problem: Denn es ist immer die menschliche Kultur, die die "Natur" zu einem dauerhaften Lebensraum durchformen und vernünftig gestalten muß. Tut sie das nicht, tut sie das nicht ausreichend und nicht vernünftig, oder überläßt sie die "Natur" gar sich selbst, beginnt diese Natur sich selbst zu "fressen", sich als Lebensraum zu zerstören. Das zeigt sich auch im direkten Mittelmeerraum, der zu vorchristlichen Zeiten, wo er in einer langen Zeit hoher Kultur intensiv besiedelt und bewirtschaftet wurde, keineswegs die trockene Karst- oder wie in Nordafrika gar Wüstenlandschaft war, die er heute über weite Strecken ist. Der Verfall des Mittelmeerraumes an die Trockenheit läßt sich deshalb auch zeitlich sehr gut festmachen: Mit dem Aufkommen des Kaiserreichs der Römer, mit dessen aus einem neuen (technizistischen) Staatsverständnis erwachsenden Zentralismus auch endgültig der Kapitalismus (als skrupellose und immer kurzfristig gedachte Ausbeutung der momentanen Welt) einsetzte. Was natürlich vor allem in den Kolonien seine schwersten Folgen zeitigte - Nordafrika, Spanien, Levante ...

Es ist nicht die "Natur", die Wüsten macht, auch nicht in diesem Fall, sondern es ist der Mensch, der einen spezifischen (lokalen) Naturraum (in all seinen spezifischen Bedingungen, die hier wegen des Äquators viel Wärme weil Sonnenschein bedeutet) zu wenig kultiviert. Sich (und das heißt: seiner Vernunft, denn der Mensch ist ein Vernunftwesen) also die Erde zu wenig untertan macht.

Nur der Mensch kann deshalb auch das vollenden, was sich in allen anderen Lebensformen zwar zeigt, aber nur unvollkommen, in sehr begrenztem Rahmen. Zwar ist es jedem Lebewesen in gewissen Grenzen zu eigen, aber nur der Mensch kann einen Lebensraum so gestalten, daß er vor allem die wetterbedingten Angriffe (denn Wetter ist immer schwankend, ein dynamisches, letztlich Ausgleich zu einem je "normalen Sosein" - denn von Natur aus will alles zuerst einmal "es selbst bleiben" - suchendes Zueinander von jeweils lokalen Zuständen) dauerhaft zurückweisen kann. Nur die menschliche Vernunft kann somit die Welt im Bestand halten, und das sonst tendenziell immer erfolgende "Abwärtsentwickeln" der übrigen "Natur" verhindern, ja alles sogar zu einer höheren, spezifischeren Form (man denke an "Züchtungen") bringen.

Deshalb kann uns die Entdeckung der Lebenswichtigkeit des CO2 für alle Lebensformen nur Ehrfurcht vor der Größe und Durchdachtheit (Vernünftigkeit) der Schöpfung abringen. Denn je intensiver der Mensch seine Kultur entwickelt, was nur durch Energienutzung (Verbrennung) möglich ist, desto mehr CO2 wird freigesetzt, das wiederum das Wachstum der Flora und Fauna nährt und stärkt. Ja, damit wird auch der "Mythos Überbevölkerung" entkräftet. Denn je mehr Menschen, desto mehr CO2-Ausstoß (wobei der menschliche Anteil am Gesamtausstoß von CO2 klein ist), und desto mehr Nahrung. 

Es ist die menschliche Kultur, die die "Natur" im Bestand hält, nützt, und auf den diese "Natur" (als die unter dem Menschen seiende Schöpfung) ausgerichtet ist. Und es ist die Wärme, die dem Eigenschwingen der Dinge, die aus dem einfallenden Licht folgt, die CO2 freisetzt, somit die Lebensbedingungen für Pflanzen von zwei Seiten verbessert, auch und vor allem in der unbelebten Natur. So wie beim Feuer, nur in geringerem Maß. (Das ist wohl auch der Grund, warum es in der Tiefe des Meeres kalt ist, was gegen die Annahme über die Erde steht, die je tiefer man gräbt umso wärmer wird, was auf "feurige Vorgänge" in ihrem Kern schließen läßt - die Abwesenheit von Licht.)

(Wenn es also ein Argument GEGEN Kernkraft gibt, dann liegt es hier: Sie entbindet keinen Kohlenstoff, gibt somit der Natur nicht im Gleichschritt mit der Kultur ihre Grundlage. Radioaktivität ist ein Zerfallseffekt. Verbrennung ist aber kein Zerfall, sondern eine Reaktion mit Sauerstoff, dem Merkmal des Lebendigen. Das vom Licht zur Eigenschwingung, also zum Leben geweckt wird.)





*060219* 

Montag, 17. Juli 2017

Veränderung der Bevölkerung

Neue Untersuchungsmethoden bei der Extrahierung von DNA aus sehr altem Knochenmaterial machen es mittlerweile möglich: Eine jüngst abgeschlossenen Untersuchung des Genoms von über 150 ägyptischen Mumien aus der Zeit 1400 bis 400 vor Christus brachte dabei ein überraschendes Ergebnis. Denn diese Menschen zeigen genetisch hohe Verwandtschaft mit der Genlandschaft der Menschen der Levante, des Nahen Ostens und aus Europa aus der Zeit des Neolithikums.

Auffallend ist auch, daß sich den untersuchten Mumien aus einer Zeitspanne von 1.000 Jahren so gut wie keine wesentlichen Veränderungen der DNA zeigen. Das bedeutet, daß sich auch die vielen Fremdherrschaften kaum auf die genetische Disposition der Ägypter dieser Zeit auswirkten. Das wollten die Forscher der Universität Tübingen und vom Max Planck-Instituts nämlich herausfinden. Vergleicht man diese DNA mit der DNA aus Gebeinen des Neolithikums der erwähnten Räume liegt der Grund auf der Hand: Die Völker dieses geographisch gesehen großen Raumes unterschieden sich kaum. Zumindest nicht genetisch.

Insgesamt deuten die DNA-Befunde nämlich darauf hin, daß es eine genetische Kontinuität im Mittelmeerraum vom Neolithikum bis hin zu den Römern gibt. Zwischen den alten Ägyptern und den Römern bestand damals genetisch mehr Ähnlichkeit als zwischen heutigen Ägyptern und heutigen Europäern. 

Was der bisherigen These widerspricht, nach der die Assyrer, Griechen und Römer den alten europäischen Genpool überlagert und stark verändert hätten. Diese Untersuchungen, denen ein wissenschaftlicher Durchbruch in der Ausfächerung alter DNA-Zeugnisse zugrundeliegt und die eine bisher nie erreichte Verläßlichkeit haben, belegen, daß  dies nicht der Fall war. Daß es also vor diesen tausenden von Jahren keinen Bruch in der Bevölkerung gab. Vielmehr haben wir es im Neolithikum (das man ab dem Ende der letzten Eiszeit etwa 10.000 v. Chr. bis 2.200 v. Chr. ansetzt und die Zeit der Seßhaftigkeit, der landwirtschaftlichen Technik und der ersten Städte anzeigt) mehr oder weniger mit ein- und denselben Menschen - von der Levante über Anatolien bis nach Zentraleuropa - zu tun.*

Sie unterscheiden sich aber erheblich von heutigen Ägyptern, die bereits eine weit höhere genetische Verwandtschaft mit der Sub-Sahara-Bevölkerung aufweisen als zu früheren Zeiten. Insgesamt zeigen dabei die alten Ägypter sogar einen weiter gefächerten Genpool auf als die Ägypter des 21. Jhds., was auf die Stellung des alten (Unter-)Ägypten als von vielen Völkern begehrten wirtschaftlichen und politischen Dreh- und Angelpunkt der Region verweist. Die genetische Verengung, die die Afrikanisierung des ägyptischen Erbgutes mit sich brachte, kann erst in den letzten 1500 Jahren eingetreten sein.**




*Das entspricht auch alten wie neuen Befunden, die aus archäologischen Fuinden darauf hinweisen, daß sich vor einigen tausend Jahren eine mehr oder weniger einheitliche Kultur von Ost nach West - vom Ural bis zur Donau, ja bis zur Normandie - und von Nord nach Süd bis über den Kaukasus hinweg ausgebreitet hatte. Dem entsprechen religionswissenschaftliche Untersuchungen die zeigen, daß die religiösen Vorstellungen in diesem Raum (den man sogar bis hinein nach Indien ausweiten muß) weitgehend gleiche Wurzeln verraten, die sich erst mit der Zeit differenziert haben. Der vielbesprochene Synkretismus der Römer war gar kein solcher, sondern vor zwei- bis dreitausend Jahren waren die religiösen Vorstellungen rund ums Mittelmeer generell sehr ähnlich. Lingustische Untersuchungen haben ja schon seit langer Zeit darauf hingewiesen, daß der Europäer seine Wurzeln im (im weitesten Sinn) kaukasischen Raum hat. Über die Rolle des Einbruchs des Mittelmeeres ins Schwarze Meer (ca. 6000 v. Chr., andere Schätzungen gehen von weit jüngerem Datum aus, also etwa 3000 v. Chr., etwa auch jener Zeiteraum, in dem der große sahara-afrikanische Binnensee versickert sein muß), das eine massive Wanderung der Schwarzmeervölker nach Norden (Skandinavien) und Westen ausgelöst haben muß, bestehen ja mittlerweile kaum mehr Zweifel.

**Wir enthalten uns aber ausdrücklich einer Wertung oder Spekulation! Oft zeigt Vielfalt nämlich auch Schwäche, ja mangelnde Kultur an, und es gehört zu den Merkmalen der postmodernistischen Zeit, wie wir sie heute erleben, "unspezifische Vielfalt" pauschal auch als "gut"  zu klassifizieren. Dabei kann sie auch Zerfall, Verlust der Einheit und spezifischen Kraft, ja damit Kulturlosigkeit anzeigen. Wenn schon, dann ließe sich genau das aus der bewegten Geschichte dieses Kulturraumes ableiten: Vorzeiten eines Ringens um Kultur, das aber über Ahnungen und Vorboten noch nicht hinwegkam. Man sollte sich also hüten, aus Befunden wie dem obigen mehr abzuleiten, als abzuleiten ist. Und nicht übersehen, daß wissenschaftliche Erkenntnisse prinzipiell einen ganz ganz schmalen, sehr abgegrenzten Grad an "Gewußtem" bedeuten.






*210617*

Donnerstag, 12. November 2015

Dann sei er nicht dein Sohn

"Ein folgsamer Sohn ist ein Gefolgsmann des Horus (d. h. des Pharao; Anm.). Es geht ihm gut, wenn er hört. Wird er einst alt, verfährt er in gleicher Weise mit seinen Kindern, indem er die Unterweisung erneuert, die er von seinem Vater überkommen hat. wenn sich einer mit seinen Söhnen unterhält, werden auch sie wieder zu ihren Söhnen reden."

"Gerechtigkeit und Tüchtigkeit eines trefflichen Mannes stammen von seinem Vater. Lebt er ebenso unbescholten wie jener, wird es um ihn wohlbestellt sein. Wenn aber ein Sohn ganz anders als der Vater gesinnt ist und sich gegen die Belehrungen versperrt, dann ist er nur dem Leibe nach von ihm erzeugt, nicht aber dem Ka, der Seele nach, dann ist er kein Abbild, sondern ein Zerrbild des Vaters: Dann sollst du ihn hinauswerfen; er ist überhaupt nicht dein Sohn, er wurde in Wirklichkeit dir nicht geboren."


Aus Frhr. v. Bissing, "Altägyptische Weisheit"




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Montag, 9. März 2015

Sündenfall der Harmonie

Vladimir Putin beim Staatsbesuch in Ägypten bzw. beim Erdulden der ägyptischen Interpretation der Nationalhymne Rußlands. Was erträgt man nicht alles höherer politischer Ziele wegen ... in anderer Lage hätte man solcher Ereignisse wegen schnell mal den Krieg erklärt, weil es als Verhöhnung gedeutet. Ob da aber nun wirklich zusammenwächst, was offenbar nicht so ganz in Harmonie zu bringen ist? Der Fisch stinkt doch immer vom Kopfe her!







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Dienstag, 9. September 2014

Nur eines vergeßt nicht

Vielleicht ist hier der Punkt, an dem an etwas dezent erinnert werden soll - die Jubelhymnen, mit denen der "Arabische Frühling" in hiesigen Medien noch 2011 unterlegt worden war. Von Volksaufständen gegen die Diktatoren war noch 2011 die Rede, und vom Freiheitsruf des Volkes war die Rede, und von den USA, die nach Spiegel und Welt (und sogar Die Zeit bewahrt ihren damaligen Artikel im Netz) diese Aufständischen finanziert und mit Waffen - ja freilich, nur "leichten" Waffen - unterstützt haben, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen. War die Rede. Ach ja, die USA, die damals heftig Protest erhob, weil Asad "Aufständische" in ihrem Kampf gegen die Diktatur, unter der sie so litten, mit Militäreinsatz bekämpfte und sie Terroristen nannte. 

Dieselben Aufständischen, die die USA damals großzügig mit Geld und Waffen unterstützte, ihnen so erst zur Formierung half, denn anders hätten sie gegen die Armee Syriens nicht bestehen können, werden heute, im Sommer 2014, drei Jahre später, von derselben USA niedergebombt (freilich, ohne nennenswerten Erfolg, dafür mit gewaltigen "Kollateralschäden", wie wir es vom amerikanischen Militär eben gewöhnt sind) - und eben diese USA rühmt sich NEUERLICH humanitärer Gründe und christlicher Gesinnung. Und nennt sie Terroristen.

Sei der geneigte Leser dem Verfasser dieser Zeilen (VdZ) nicht böse. Aber wenn der geneigte leser im Zivilleben SO handelt, kann er davon ausgehen, daß er über kurz oder lang wegen Schizophrenie in einer Nervenheilanstalt landet. Denn das wesentliche Zeichen geistiger Gesundheit ist, konsistent zu handeln, identifizierbar, zuordenbar zu sein. Je berechenbarer jemand ist, desto mehr schriebt ihm auch der Volksmund Vernunft und Persönlichkeit zu. Wer heute so, morgen so handelt, und beide noch dazu mit demselben Begriffsinventar bedenkt, der wird eben zu Recht ganz anders eingeschätzt.

Alleine in den beiden Fällen Ägypten und Syrien wird eines klar: Nur die harte, manchmal gewiß schreckliche Hand der "Diktatoren" war in der Lage, dem Großteil der Bevölkerung ein friedliches, halbwegs störungsfreies Entfalten ihres Lebens, und zwar in aller Unterschiedlichkeit, auch der Religion, zu gewährleisten. Heute kann in diesen Ländern niemand mehr störungsfrei leben, das Religionsbekenntnis wird zum Garantieschein für die Exekutionsmauer, und der Anteil der Bevölkerung, die sich von den mittlerweile eingesetzten Regierungen (wie in Ägypten) vertreten fühlt - ach ja, wie war das mit Demokratie? - ist zur Minderheit geworden. Den Terror haben nun die Befreier übernommen, und sie üben ihn noch dramatischer und weit (!) verbreiteter aus, als jene Diktatoren es je taten, die zu beseitigen sie antragen. Hier ist es Asis, dort ist es die USA. Denn Asad hält sich immer noch, ja er sitzt so fest wie nie im Sattel. Denn die USA brauchen ihn mittlerweile wieder.

Das Chaos aber, das diese "Freiheitsrevolten" angerichtet haben, die vor allem eines waren: getragen von unglaublicher Naivität und Dummheit, das bleibt. Hier von den Internetjunkies und Blogrevolutionären bewirkt (denen nicht einmal auffiel, daß sie etwas ganz anderes wollten als die "Massen", neben denen sie mit illuminierten Gesichtern einhertrotteten, denn was DIE wollten, wollten sie ja gar nicht, wie sich später, nach der ersten gültigen Wahl, für die sie alle ja so begeistert gekämpft hatten, herausstellte!), dort von den USA. Und es wird viele Jahre dauern, im günstigsten Fall, daß wenigstens der Großteil der Bevölkerungen in diesen Ländern wieder halbwegs normal wird leben können, wobei nichts mehr so sein wird wie früher. Aber nichts anderes als normal leben wollten sie doch, seit je? Nur war ihnen die Politik weitgehend egal. Der Eislieferant war zufrieden, wenn er am Roten Meer seine französischen Schnackies bedienen konnte, und der Hotelier, daß ihm Deutsche und Österreicher seine Kredite abdeckten. 

Plötzlich aber, gezwungen, sich in diese Kategorien hineinzudestillieren, sieht alles anders aus. Plötzlich ist ihr Leben ... politisch!? Hat sie das je mehr interessiert, als am Stammtisch am Abend, beim Pfefferminztee und der Schischa im Straßencafé darüber zu diskutieren? 

Wieder der Hinweis auf den wirklich ausgezeichneten 1. Teil der Romantrilogie von Jose Gironella, "Die Zypressen glauben an Gott". Der ohne jede Parteilichkeit, aber mit scharfem Blick, genau das zeigt: Es war immer so, daß man unterschiedlicher Auffassungen war, und man diskutierte darüber, heftig und ,mehr oder weniger fundiert, aber trank dann seinen Absinth oder seinen Mokka zusammen, traf sich am Sonntag zur Messe oder donnerstags beim Schachspiel. Der der "sozial" dachte, der der "anarchistisch" dachte, und der, der "royalistisch" war, es spielte im realen Leben keine Rolle. Aber plötzlich hieß es, daß diese Unterschiedlichkeit der Meinungen, die sich doch im normalen Leben so einfach wieder zusammengefunden hatte, wo es um Brot und Esel und Dachziegel und Autoschäden ging, das entscheidende Kriterium sei. Selbst der Anarchist ließ es sich nicht nehmen, bei der Karfreitagsprozession die Leidensgestalt der weinenden Heiligen Maria mitzutragen. Und der Kommunist betrieb eine Fakturei für Heiligenfiguren, die alle schätzten. (Genau das ist der Grund, warum der VdZ die "Don Camillo und Peppone"-Filme so liebt. Das aber nur nebenbei.)

Plötzlich aber ließen sich alle auf diese Ideologien als erster Lebensebene ein. Plötzlich war der Andersdenkende kein Mensch mehr. Plötzlich brach die "Demokratie" auf ihre schärfste Weise ein. Die doch formal längst eingeführt, aber allen irgendwie egal war, mit der man halt genauso lebte, wie man zuvor unter einem König gelebt hatte. Gewohnt, daß Regieren vor allem heißt, die Menschen leben zu lassen, wie sie immer gelebt haben und weiter leben wollen. Liberalismus also im besten Sinn.

Wie der gespenstische Richtungswandel des Vogelzugs war das übers Land gekommen. Oft provoziert, noch öfter gewollt, immer aber im Nichts gelandet, auf einmal aber vollzogen. Niemand weiß mehr, wer damit begann. Mit einem mal hieß Politik, die Art zu leben bis ins Detail zu bestimmen. Was zuvor niemand so ernstgenommen hatte, daß es ihn in seiner Lebensart bestimmte, sondern einfach da und dort halt ertrug, war mit einem mal zum haarfeinen Kriterium über Leben und Tod geworden. Plötzlich war derselbe Lehrer, den man zuvor als Pädagogen - trotz so mancher problematischer Aussagen - geachtet hatte, zum Todfeind geworden, der über die Schüler die Eltern aushorchte, derselbe Ministrant, dem man am letzten Sonntag noch einen Kuchen zugesteckt hatte, den die Frau gebacken hatte, zum politischen Teufel geworden, den es zu eliminieren galt, ehe er mehr Schaden anrichtete. Plötzlich wurde der uralte Freund der Familie zu jenem, der die eigene Frau grausamst umbrachte, bei der er noch vorigen Sonntag den Braten gelobt hatte. Und der nun die Priester, denen er seit je die Taufe seiner Kinder vollziehen ließ, schlachtete wie Vieh. Und der von allen geliebte und als Heiliger bezeichnete Bub wurde zum gefährlicher Pfaffenzögling, den man kalt erschoß, im Namen einer glorreichen Zukunft. Das Ergebnis ist bekannt: Der spanische Bürgerkrieg brach aus. Binnen weniger Tage war das Land auseinandergerissen, binnen einer Wochen standen sich zu allem bereite Todfeinde gegenüber. Terror breitete sich über das ganze Land aus, der 10 % der Bevölkerung das Leben kostete, und dessen Wunden bis heute nicht geheilt, nur verdeckt sind.

Klingt das nicht wie Syrien? Wie Ägypten? Wie Libyen? Wie der Irak? Wie der Jemen? Wie Tunesien? Klingst es nicht wie lange zuvor schon nach Libanon, der noch vor sechzig, siebenzig Jahren die "Schweiz des Orients" gewesen ist, in der dutzende Religionen und Volkschaften friedlich nebeneinander lebten und ihren Alltag so bewältigte, daß alle im Frieden und (in diesem Fall sogar: enormem) Wohlstand leben konnten? Aus heutiger Perspektive klingen diese Erinnerungen an real gewesene zustände wie Visionen vom Paradies. Weil wir das alles vergessen haben. Wer aber, wer bitte, welcher Idiotensinn hat all das mutwillig zerstört, weil er glaubte, es besser zu wissen, weil er (eigentlich) die Souveränität der Staaten einfach nicht respektierte? Weil er jeden, der nicht war wie er, zum Unmenschen erklärte?

Ja, Sie haben recht, geneigter Leser, man hat einfach einmal die Nase voll. Aber wann, wenn nicht jetzt, müssen diese Dinge ausgesprochen werden? Heimito von Doderer schreibt einmal in seinen Commentarii zur Begründung, warum er fast nur noch Tagebuch schreibe, und nicht mehr an seinen Manuskripten (die er, auch das interessant, später völlig verwarf, die "Dämonen" - eine Hochempfehlung! - völlig neu ansetzte), daß es eben so Zeiten gebe, wo das Außen derartig besitzergreifend wird, daß man seine ganze Zeit nur noch damit verbringt, sich davon wieder los- und freizuschreiben. Sodaß für die Muße der Poesie kein Raum mehr bleibt. Doderer schrieb in den Kriegszeiten, dern er, alter kuk-Kavallerioffizier, durchdiente, fast nur noch Tagebuch. 

Der VdZ (der sich natürlich in keiner Weise mit dem Rang des von ihm so verehrten Meisters messen will) spürt es jedenfalls genauso. Und mit großem Bedauern.




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Mittwoch, 3. September 2014

Wo sind sie nun, die Jubilanten?

Wo sind sie jetzt, die Jubilanten über den "Arabischen Frühling" am Tahrir-Platz? Hört man noch etwas von ihnen? Hat auch nur einer jener, die mit ihren Handys sogar nach Kairo geflogen sind, um sich dort in wahrer revolutionärer Freiheitstaumel zu tauchen? Wo sind die Zeitungen, die sich entschuldigen, die sich an die Brust schlagen, weil sie diesen Irrsinn selbst mitgetragen und befeuert haben?

Haben sie ihre Zunge im Internet verschluckt, die bekennen sollte: Wir haben uns geirrt, wir haben die Lage völlig naiv und falsch eingeschätzt, die Kräfte gar nicht gekannt,  und schon gar nicht kennen wollen, die da am Werk waren?

Das also berichtet nun die Presse, als sie von "Human Rights Watch" schreibt, die das vor einem Jahr stattgefundene Massaker in Rabaa Adawiyya untersucht hat. Gut 900, wahrscheinlich über 1000 Demonstranten der Muslimbruderschaft sind damals getötet, weitere 4000 verletzt worden. Wo die Armee des nun so großartig demokratischen Ägypten eine regelrechte Massenexekution abgeführt hat. Die Demonstranten waren wegen dem Sturz von Mumanned Mursi auf die Straße gegangen.

Und so geht es nun in Ägypten zu:

Eigentlich hatte „Human Rights Watch" seinen Bericht in Kairo vorstellen wollen, doch sowohl der Chef der Organisation, Kenneth Roth, als auch die Direktorin für den Mittleren Osten und Nordafrika, Sarah Leah Whitson, wurden „aus Sicherheitsgründen" an der Einreise gehindert und des Landes verwiesen. Seit einem Jahr läuft in Ägypten eine beispiellos-brutale Unterdrückungskampagne, zunächst gegen die Muslimbrüder inzwischen auch gegen die demokratische Jugendbewegung, die 2011 den Arabischen Frühling auslöste. Mehr als 40.000 Menschen sind seit dem Sturz Mursis verhaftet worden. In den Gefängnissen wird systematisch gefoltert. Die Gerichte verhängen massenhaft lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile.

Wo sind sie jetzt? Wo sind die Kräfte für Frieden und Demokratie, beides natürlich untrennbar, so sagen sie zumindest, die den ganzen arabischen Raum in Chaos, Verzweiflung und Mord gestützt haben, vom Irak bis zu Syrien, Libyen und eben Ägypten? Sind sie zu beschäftigt mit neuen Friedensmissionen? Oder machen sie gerade Urlaub in der Toskana?

Es war nicht so vorhersehbar? Nein. Es WAR vorhersehbar. Hier auf diesem Blog und natürlich anderswo wurde es vorhergesagt. Ach, sie haben es doch alle so gut gemeint? Sie wurden um ihre Revolution betrogen? - Es war noch nie anders. Und das hat mit dem Wesen von Revolutionen zu tun. Mit solchen dieser lustigen Internet-Virtual-Art sowieso. Man drängt dann nämlich einen Organismus auf jeden Fall auf Einseitigkeit. Auch Mubarak war kein Feind der Fröhlichkeit, gewiß, aber er hat das Land zusammengehalten, sodaß die überwiegende Mehrheit ihr Leben leben konnte. Aber nun? Nicht einmal die, die geglaubt haben, man müsse nur am Tahrir-Platz ein wenig herumtanzen und die New York Times per Email benachrichtigen, und schon öffne sich eine neue Lebenswelt aus Amazon-Bestellungen und wichtigen Blogs, die das Land in neue Höhen des Disputs treiben, nicht einmal die haben nun etwas zu lachen. Nun hat man den offenen Machtkampf, und man hat einen Sieger, der nichts zuläßt, was ihn in Frage stellen könnte. Auch nicht die Amazon-Besteller. Denn die sind alles andere als harmlos, sie sind nützliche Idioten.

Und genau so vorhersehbar war und ist der Haß, der nun allen jenen entgegenschlägt, die mit den Fahnen, mit denen die edlen Kreuzritter in die Schlacht gegen das Böse zogen, identitifziert werden - Demokratie, Christentum, westliche Lebensweise, USA. Die mit dem heillos dummen, nicht einmal naiven "habt Euch doch alle lieb" in die Welt gelaufen sind, gerufen von lächerlichen Wohlstands- und Sozialstaatsfratzen, denen nie etwas von Wert war und ist, außer ihr iPod, gehätschelt von Politikern, die sich doch längst ... ach, lassen wir das. Die Scheiße müssen ohnehin die anderen ausbaden, denen an diesem Leben, diesem Land, dieser Kultur noch etwas liegt. Und die nicht nach so unüberbietbarem Worbild die Welt mit Demokratie beglücken, und sie deshalb irakisieren.

Denn immer offener bricht sich der Haß der Muslime in Deutschland und Österreich, in Europa bahn. Auch hier - Schuld der Medien, so vieler ach so Mitfühlender, die so viele Tatsachen, etwa in deutschen Städten, einfach verschwiegen haben. Bis es nicht mehr länger ging. Weil sie nun immer öfter durch die Straßen Westeuropas - jetzt in Utrecht - rennen und mit geballter Faust schreien: "Wir bringen Euch Christen alle um!"

Natürlich fühlen sich die, die diese Entwicklungen gefördert haben - und es sind nicht die Muslime selbst gemeint - nicht angesprochen oder bedroht. Christen? Es gibt genauso wenige Christen unter den Christen, wie es Muslime unter den Muslimen gibt. Damit sind also nicht sie gemeint, meinen sie. Aber keine Angst. Es reicht, wie in Ägypten, mit dieser westlichen aufgelösten Nihilismuswelt identifiziert zu werden. Das wissen sie. Da genügt es nicht sich öffentlich eh als Kirchengegner und ohne diesen ganzen Hokuspokus - Kreuzzüge, Hexen, eh schon wissen - zu deklarieren, wie das so üblich ist. Das Luschige dieser Art imponiert gestandenen Islamisten herzlich wenig. Und das macht den Herzerln dann doch Angst. Weshalb sie vielleicht so ein klein wenig überlegen, ob es nicht ganz gut wäre, die Muslime hier ähnlich zu behandeln, wie die Ägypter es tun, seit dem demokratischen Frühling. Auch wenn das nicht gerade christlich ist.




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Samstag, 12. Juli 2014

Wenn Medien sich instrumentalisieren

Vor etlichen Jahren gab es eine große Mediendiskussion: angesichts des explodierenden Internets überlegten Printmedien, wie sie Leser wieder binden könnten. Und der fast einhellige Tenor lautete, daß man dem Internetkonsumenten Orientierung dadurch bieten müsse, als man "Meinung" und Richtung anbiete. Eine Zeitung muß also, so das Fazit, Partei ergreifen. 

Was zuvor Kolumnen vorbehalten blieb und als Verstoß gegen den journalistischen Ethos angesehen wurde, wurde nun bei manchen Publikationen sogar zum erklärten Programm. Es sei nur erinnert, daß der Styria-Konzern, der mit den Zeitungen Kurier, Presse, Kleine Zeitung und Profil einen beträchtlichen Teil der österreichischen Medienkonsums abdeckt, definitiv beschloß, "die Welt besser" zu machen. Der Kurier-Chefredakteur ließ also ganz offen verlauten, was normalerweise gegen den Sinn von Zeitungen verstößt, jedes Medium sofort in die Anführungsstriche eines Parteiorgans stellt. Besonders brisant in einer Gesellschaft, in der es offizielle Medienförderung gibt, wo also die Medien von Steuergeldern - direkt, oder über Inseratentätigkeit - leben, sonst gar nicht existieren können. 

Entsprechend sind die Beißreflexe programmierte politische Reaktionen. Und haben sich nicht nur im gesamten "arabischen Frühling" oder im Syrien-Konflikt unverhüllt und als verhängnisvoller Beitrag zur Eskalation gezeigt, sondern auch im jüngsten Rußland-Konflikt. Hier stieß der Leser im gesamten deutschsprachigen Raum auf eine Einheitsfront der Rußland-Gegnerschaft. Und selbst wenn man berücksichtigt, daß gewiß auch Rußland die social media zu beeinflussen sucht, so ist die Haltung der Gegnerschaft gegen diese Einseitigkeit, die sämtliche Medien erlebt haben und die nun endlich gar niemand mehr bestreitet - eine Diskrepanz zwischen veröffentlicher und öffentlicher allgemeiner Meinung also -, nicht alleine darauf zurückführbar.

Eine der ganz ganz wenigen ausgewogenen Stellungnahmen zum Konflikt Ukraine-Rußland bietet der österreichische Standard dieser Tage. In einem Interview mit dem Wiener Professor für Medienwissenschaften Jürgen Grimm moniert dieser, daß die westlichen Medien (wieder einmal!) in Höchsttempo auf den Zug der Parteilichkeit aufgesprungen seien. Damit aber haben sie den Konflikt verschärft, ja zum Teil überhaupt erst so brisant gemacht. Denn man hat die Ukraine, die völlig pleite ist und war, zu einem Risiko ermutigt, das der Lage gar nicht angemessen war und Eskalation provoziert hat.

Dabei wurde aber sogar die EU in eine Lage gedrängt, in der sie sich offenbar gar nicht mehr fragt, ob sie dort überhaupt sein will. Denn die Ukraine einfach so auf EU-Ebene zu holen würde die EU gewaltig belasten: die Ukraine ist nicht nur pleite, sondern sie nach herkömmlichen Schemata "aufzubauen" würde enorme Geldsummen benötigen, die die EU ja selber gar nicht hat. 

Journalismus, der sich auf eine Seite stellt - in diesem Fall auf die der Ukraine - verliert die Fähigkeit zur distanzierten, objektivierten Betrachtung. Es geht ihm nur noch um (den nunmehr "eigenen") Sieg oder Niederlage, und dafür setzt er alle Mittel ein. Auch innerhalb der Ukraine verliert man Fähigkeit auf der Basis der eigenen Situation zu urteilen, und verfällt in ein (wie in dem Fall) einseitigen "Juhu, wir wollen in die EU!" Das hat die EU natürlich dazu verführt, das anzunehmen. Damit aber hat sie eine Auseinandersetzung mit Rußland riskiert, die nicht mehr von der Vernunft bestimmt war. 

Man kann aber, so Grimm, die Gegenwart nicht ohne Vergangenheit verstehen und lösen. Denn die heutigen Haltungen sind historisch bedingt. Es ist also zwar verständlich, daß die Ukraine aus den Erfahrungen mit dem Holodomor (der nahezu geplanten Ausrottung der ukrainischen Landbevölkerung unter Stalin in den späten 1920er Jahren mit geschätzt 10 Mio Toten durch Hunger und Exekution) einen Anti-Rußland-Effekt hat. Als eine Art "negativer Staatsgründungsmythos", der das Streben nach Unabhängigkeit vom einstigen Peiniger motiviert. Aber es genügt nicht, Gefangener der eigenen Geschichte zu bleiben. Man muß sie vielmehr durch distanzierte Betrachtung, die ein Zurück zur nüchternen, objektiven Einschätzung der Zukunft ist, zu überwinden suchen.



(Nachsatz: Wie weit eine manipulierte Medienlandschaftschaft wirken kann, ja Geschichte schreibt, hat sich etwa 1956 beim Aufstand in Ungarn gezeigt. Und es zeigt sich dasselbe Schema wie bei den sogenannten Revolutionen der letzten Jahre, mit einer Schlüsselrolle der Medien. Damals wurde verbreitet, daß die USA im Fall eines sowjetischen Einmarsches sofort von Westen her militärisch eingreifen würden. Wie dieser Irrglaube entstand ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Man kann lediglich davon ausgehehen daß seine Verbreitung durch Medien sehr im Interesse der Amerikaner lag. Aber die dachten natürlich nicht ernsthaft daran, einen Weltkrieg "wegen Ungarn" zu riskieren. Und so verbluteten tausende Ungarn, die sich mit Steinschleudern bewaffnet dem Goliath Warschauer Pakt entgegenstellten in der Meinung, es käme nur auf ein Aushalten an, denn die Amerikaner würden real zu Hilfe eilen.

Gerade internationale Politik findet nur dann statt, wenn sie unter nüchterner Berücksichtigung langfristister und damit objektiv tragbarer und akzeptierter Raumkonzepte stattfindet. Die angeblichen Rezepte wie aufgescheuchte Emotionalität und "Transparenz", die Internetbescheuerte aller Länder anbieten und anheizen, sind dabei Methodiken, den Doofen die Mittel aus der Hand zu nehmen, überhaupt Politik zu gestalten. Abstrakte Ebenen, die je langfristiger sie sind umso abstrakter werden müssen, niemals von "unten" gehandhabt werden. Zu komplex und notwendig kompromißbehaftet sind die realen Verknüpfungspunkte, die sie zusammenfassen. Die sogenannte Pluralität des Internet ist dabei lediglich eine höchst taugliche Waffe, dem gegenüberstehenden Staat sein Volk zu zerstreuen, ihn aufzulösen. Niemand weiß das besser als die USA! Ihre Praxis, das Internet lückenlos zu überwachen und damit nötigenfalls auch zu steuern, zeigt es.)




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Samstag, 5. April 2014

Zurück bleiben Ruinenlandschaften

Eines muß man ihnen ja lassen: Sie haben so etwas wie Macht. Es ist die Macht, die die Verweigerung mit sich bringt, die bereit ist, das Ganze jederzeit und unter allen Umständen preiszugeben, um das, was es zusammenhält - die Macht - aus ihrer Position zu verjagen. Wer? Die Generation der Internetbobos und "alles muß besser werden"-Intellektuellen, die sich per Facebook auf Plätze koordinieren, wo sie Frieden und vor allem natürlich Demokratie fordern. In Tunesien, in Ägypten, in Syrien, in ... und zuletzt in der Ukraine. Welche Demokratie? War der Präsident in der Ukraine nicht demokratisch gewählt? Ja, schon, so irgendwie, aber nicht DIESE Demokratie, nein, eine ... andere. Welche? Na ... eine andere. Wo alle mitreden können, und einfach alles besser ist. Und jeder seinen iPod erhält und Musik downloaden kann und mit Knopfdruck sein Ticket nach Bombay bestellt.

Und natürlich weiß Europa auch sofort, daß es da überall um die Gute Sache ging und geht, wer dabei die Guten, wer die Schlechten sind. In Tunesien, Ägypten, Syrien, Irak, Afghanistan, oder jüngst die Ukraine. Und rudert - er wird allmählich auffällig, zieht sich wie ein Schema durch die Landschaften der Politik der letzten Jahre - nach wenigen Monaten oder Jahren kleinlaut und klammheimlich wieder zurück. Weil die Dinge doch viel komplexer sind, weil alles sogar ganz anders gewesen sein könnte. Könnte es also sein, daß die öffentliche Sichtweisen in West-Europ und den USA gar nicht mehr erfassen, worum es überhaupt geht? Sieht nicht die Politik genau so aus, die sich oft nur hält, weil sie naiver, dümmer ist als so mancher Rest der Welt, und deshalb unbeherrschter, unberechenbarer von (auch militärischer) Stärke Gebrauch macht, wie Halbstarke, und dabei einen Porzellanladen nach dem anderen zerschlägt? Sind es nicht auch etwa in einer Ehe die Partner, die am wenigsten Skrupel und noch weniger Verstand haben, die mit der Drohung, das Ganze zu zertrümmern, dessen Wert sie gar nicht kennen, den seriöseren Teil meist rasch in die Knie zwingen, weil der noch weiß, worum es geht?

Kann es sein, daß Europa und der Europäer (von den Amerikanern wollen wir da gar nicht mehr reden, denn die wollen die Welt ja gar nicht verstehen, die wollen einfach "ihr Ding" durchziehen; Europa will ja längst nichts mehr, weil es nicht weiß, was es wollen sollte ...) die Welt gar nicht mehr versteht? Die Vielzahl von Sackgassen, in die sich das Leben und die Politik auf diesem Kontinent immer lückenloser verrennt, begleitet von dieser fast fanatischen Entschlossenheit, in der diese Narreteien ergriffen werden, scheint das schon beweishaft zu belegen. Wenn aber diese These stimmt, und sie scheint zu stimmen, und das scheinen die Menschen auch längst zu ahnen, ja zu wissen, dann folgt daraus etwas Furchtbares: Denn dann sagt das, daß die Apparaturen in Europa, die Systemiken, nicht mehr funktionieren, weil sie die Irrwege mit zwanghafter Logik immer weiter treiben - als System. Dann hätte Europa die Kraft, sich friedlich zu reformieren, sich ohne Radikalschnitte zu reformieren, die NICHT in einer organischen Logik vom derzeitigen Oben ausgehen, bereits verloren. Ein erschreckender Gedanke,  für dessen Richtigkeit aber sehr viel spricht. Ja, das Verhalten der Eliten, des "Kopfs" des Kontinents, deutet darauf hin, daß diese Eliten selbst es längst dunkel erahnen, und umso vehementer und totaler ihren Bestand zementieren.*

Zurück bleiben und blieben nämlich überall Ruinen- und Wüstenlandschaften. Und die scheinbaren Dämonen, die man erst auszutreiben man mit Bomben und Granaten auszog, so viel man im Einzelnen oft kritisieren konnte, kommen nun in noch mächtigerer, aber aufs erste zumindest noch unbeherrschbarer, willkürlicher Form und als wirkliche Dämonen zurück. Und diesmal traut sich niemand mehr, ihnen entgegenzutreten, denn nun stehen sich zu Kampfposen veränderte, in Krieg gestellte Haltungen gegenüber. Jetzt ist Krieg, wo zuvor ein öffentlicher Marktplatz mit allem Stimmengewirr war. In Ländern, die genau das verloren haben, was sie in einem Staat zu größeren Möglichkeiten geformt hatte. Nun sind die Gräben gezogen, die Magazine aufgerüstet.  

Sie fallen nun entweder überhaupt auseinander, wie Tunesien, oder Syrien, oder die Ukraine (die wie es aussieht in zwei Teile zerbrechen wird), oder machen einen nächsten Schritt notwendig, der fern jeder Liberalisierung liegt, aus der heraus alle diese Bobos und Zeitgeistsurfer überhaupt erst in die Lage gekommen sind, alles zu zerstören, was sie nicht verstanden, weil es nicht in Wikipedia stand. Ein Schritt zu einer gestrafften Diktatur, die um der Erhaltung des Staates willen von den Mehrheiten der Länder sogar begrüßt wird, weil das Chaos endlich enden solle, in das sie von einer Minderheit gestürzt wurden. Denn daß das so ist, das behauptet der Verfasser dieser Zeilen, und er verweist darauf, daß Revolutionen nie etwas anderes waren: das Minderheitenprogramm einer selbsternannten Elite, die vorgab alles besser zu wissen und zu können, ohne zu wissen, was und wie.

Solcherart, planlos, aber Hauptsache "demokratisch", steht auch in Ägypten eine kuriose Wende vor der Tür, niemand zweifelt, daß sie eintreten wird. Der pöhse Diktator Mubarak, der das Land - gewiß, mit Gewalt und nicht immer sehr demokratisch, keine Frage, auch nicht immer lustig und sanft - mit starker Hand immerhin in einer gewissen Liberalität und dabei Stabilität gehalten hatte, ist verjagt. Neuer starker Mann, nach Jahren des Chaos, in der das Land nun wie es aussieht tief gespalten ist, weil im Ringen um neue Ordnung zwangsläufig die gesellschaftlichen Gruppen einer Kraftprobe unterworfen wurden, die nicht primär auf ihre wirkliche substantielle Stärke zurückgeht, sondern auf die Fähigkeit, Substanz durch Ideologisieren und Politisieren auf eine neue Zweckebene herunterzubrechen, neuer starker Mann also - ist einer der "alten" Militärs. 

Auch wenn er jung ist, auch wenn er seine militärischen Funktionen offiziell nun zurückgelegt hat, wie die FAZ berichtet, ist der nunmehr gewesene Armeechef Feldmarschall a.D. Abd al Fattah al Sisi der Einzige, der in der jetzigen Sitution noch in der Lage scheint, das Land zusammenzuhalten. Das Großwerden unterschiedlichster Terror- und Dschihadgruppen zurückzudrängen wird nur ihm zugetraut, nur er hat jene Verbindungen und Netzwerke der Macht, die das Land noch beherrschen können. Und er hat damit das, was eine Staatsführung braucht, einerseits, und was ein Volk von einer Staatführung braucht, anderseits. 

Und der arabische Frühling, der sogar in unseren Ländern ansässige, ägyptenstämmige Internet- und social-media-freaks begeistert dazu antrieb, extra nach Kairo zu fliegen, um am Tahrir-Platz vom Aufbrechen eines neuen Paradieses zu berichten? Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Das ist ja nur ein Zwischenschritt, etwas zurück, gewiß, jetzt geht es ja gegen echte Feinde. Aber dann, aber dann ... 

Die Twitter-Berichte vom Tahrir-Platz freilich, die könnten in Zukunft etwas spärlicher fließen. Weil allmählich die Regierungen lernen. Daß es notwendig ist, auch unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, dem Zeitgeist mit seinen schwammigen, irrationalen Mythen, die sich im Zauberwort für alles und jedes - "Demokratie" - ballen, zu trotzen, um ein Land nicht ins Chaos fallen zu lassen. Denn vorerst kann diese "Transparenz" vor allem nur eines, und das beweist sie mittlerweile in Wochenabständen und in größeren Maßstäben: Auflösen. Zerstören. Ins Chaos stürzen. Denn wenn man die Dinge von ihren Beziehungen und geheimnisvollen Fäden befreit, die sie in einen Kokon eingesponnen haben, immer, ja Dingsein ist "Kokonsein", passiert etwas ganz 'Seltsames: Sie bleiben nicht gereinigter zurück, kein Schmetterling entsteigt ihnen, sondern sie ... sind gar nicht mehr da, sie haben sich aufgelöst, der Kokon ... war scheinbar leer!

Vielleicht ist Politik doch etwas ganz anderes als das frohe Treiben in einem Jugendclub, mit Rock'n Roll und Bier, den neuesten Youtube-Downloads, und viel Pommes mit Ketchup, und vor allem viel Spaß? Und vielleicht ist ein "Staat" doch etwas anderes, als von weiß Gott wie viel Bildung aus-ge-bildete Gehirne heute meinen.




*Wenn eine Gesellschaft dieses Stadium erreicht hat, sind es nur noch die nie ganz abzuwürgenden archaischen Quellen, aus denen sie sich erneuern kann - Kunst, Religion. Wie bei einem kranken Baum, den man zur Gesundung bis auf den nackten Stumpf zurückschneiden muß, woraufhin sich ein völlig neuer Kronenaufbau regt. Aber kann das anderswo herkommen - als von außen? Ist die Migration vielleicht Zeichen eines ganz anderen Geschehens? War es historisch je anders?




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Montag, 10. Februar 2014

Machterfahrungen

Einen interessanten Kommentar zur Lage in Ägypten konnte man im Schweizerischen Fernsehen auf "Sternstunde Philosophie" hören. Das Land ist nicht mehr homogen, sondern zerfallen. Reinhad Schulze, ein Islamwissenschaftler aus Bern, meint, daß heute eine Vielzahl von Parallelwelten abgeschlossen nebeneinander existieren. Die Spaltungen der unterschiedlichsten Wert- und Lebensvorstellungen gehen auch mitten durch die Familien. Mit einer neuen Rolle des Militärs: Alle erhoffen sich Stabilität vom Militär, als Übervater.

Schulze meinte, gaß es in den vergangenen Revolten gar nicht um Politik ging, sondern rein um individuelle Lebensentwürfe. Als eine Art Befreiung von den zuvor traditionellen Lebensweisen, sollten alle Grenzen weichen. Entsprechend sind aber nun in der aktuellen liberalen, modernen Verfassung, die von einer beträchtlichen Mehrheit im Lande gewählt wurde, konkrete Lebensentwürfe, politische Programmteile enthalten, was für eine Verfassung seltsam ist, weil dort gar nicht hingehört.

Wer nun gegen die Verfassung ist wird dämonisiert, wird zum Feind des Landes gemacht. Ein neu entfachtes Nationalgefühl (als psychologische Klammer) spielt eine ungemein starke Rolle, und Vertreter anderer Meinungen werden zu Staatsfeinden. Die ägyptische Gesellschaft selbst wurde zum Diskussionsinhalt, der Diskurs in welcher Gesellschaft man überhaupt lebe spielt nun eine enorme Rolle, wobei sich weit auseinanderliegende Vorstellungen gegenüberstehen. Manche Gruppierungen (wie Kopten, Nuber etc., aber auch die Muslimbrüder) sind nun von öffentlichen Positionen (wie Militär) ausgeschlossen. Ägypten ist zu einer Föderation geworden. Die Polizei hat wieder genau so viel Macht und Einfluß wie vor den Umwälzungen.

Gewinner der Situation sind nun kleine, ultrareligiöse Gemeinschaften, die wie in Syrien oder im Irak zu agieren beginnen. Verlierer ist die breite, alte Mittelschicht. Die Auswirkungen reichen bis in die Türkei, wo Erdogan erleben muß, wie die auch von ihm präferierte muslimische Bewegung aus der Politik zurückweicht. 

Die Muslimbrüder sind an sich als ein stabiles sozial-religiöses Milieu zu sehen,. wo die Menschen innerhalb fester, traditioneller Werte und Vorstellungen leben. Sie waren nicht direkt politisch, weit mehr durch soziale Aktivitäten aktiv, bis sie sich daraus heraus in den letzten Jahren zu einer politischen Partei entwickelten - nun ist die ganze ägyptische Gesellschaft politisiert.

Der Westen, so Schulze, hat Ägypten überfordert, in dem man stabile politische Strukturen verlangte. Die Revolte von 2011 war lt. Schulze aus dem Wunsch geboren, endlich den Staat als Taktgeber der Lebensweise abzuschütteln. Man wollte eine plurale politsche Landschaft von Meinungen. Aus denen hätte es Jahre gedauert, bis sich auch eine politsch-demokratische Struktur ergibt.*

Daraus ist auch ein Druck entstanden, meint die ägyptische ´Publizistin und Lehrerin Jasmin el Sonbati dazu, der Welt nun zu beweisen, daß man ihr widerstehen kann, eine eigene Form entwickeln kann. Der Islam, so Sobati, hat sich leider sehr stark verkürzt, ist zu einer reinen normativen Kraft geworden.

Wobei Schulze darauf hinweist, daß man gar nicht davon sprechen kann, was überhaupt "islamisch" ist. Und da wird's interessant.

Die erste Steinigung einer Frau fand im späten 17. Jhd. statt, und wurde heftigst kritisiert. Von einer einheitlichen Religionsgemeinschaft kann man heute gar nicht mehr sprechen, die Vorstellungen differieren von einem Extrem zum anderen. Der islamische normative Moralismus ist eine sehr moderne Erscheinung, und wurde vor allem im 19. Jhd. stark. Die Moderne hat sich Religionsformen erschaffen, für die das islamische Feld nur ein Forum ist.

Syrien, so Schulze, ist kaum noch zu rekonstruieren, das Land is tbereits unrettbar zusammengebrochen, der gesellschaftliche Kit einer Zukunftsvision existiert nicht mehr. Vom benachbarten Irak gilt ähnliches zu sagen. Die islamistischen Bewegungen - an sich eine kleine, aber radikale, militärisch starke Gruppe - zwingen dabei, Syrien mit dem Irak zusammen zu denken, denn deren Ziele (als Gottesstaat) liegen in diesem gesamten geographischen Raum. Man muß sie aber klar von den Muslimbruderschaften abgrenzen, von denen sie Welten trennen.

Der nachhaltigste Effekt aus 2011 ist die Mobilisation der Bevölkerungen. Diese Erfahrung der Macht zur Destruktion wird bleiben, schon gar, weil der "Arabische Frühling" vor allem von den Jungen getragen wurde.




*Spätestens an diesem Punkt muß man die Einschätzungen Schulzes auf ihre Relevanz hinterfragen.




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Montag, 12. August 2013

Von Sturz zu Sturz

Den bislang klügsten Kommentar zum arabischen Frühling, der auch in Ägypten ausgeschlagen hat, fand der Verfasser dieser Zeilen in der Neuen Zürcher Zeitung. Jürg Bischoff stellt darin alle relevanten Fragen.

Und indem er auf den Ursprung der Rebellion hinweist, weist er auch ihre Fragwürdigkeiten auf. Denn was war mit "Demokratie" gemeint, die als wirres Schlagwort durch die Medien und - angeblich - über den Tahrir-Platz geisterte? (Denn wer stand da wirklich mehrheitlich am Tahrir-Platz?) Demokratie ja, aber nur, wenn ihre Ergebnisse diesen oder jenen passen? Wem passen? Der Mittelschichte, die auch so schrankenlos leben wollte, wie sie auf Reisen, in Fernsehen und Internet sah, und das mit Freiheit gleichsetzte. Aber damit - nicht in der Mehrheit war und ist.

Die Frage um Ägypten ist aber eine Frage der nationalen Identität. Und die ist offenbar keineswegs mit social media zu klären. Es geht um die Rolle der Religion genauso, wie um die des Militärs.

Wenn es einen Sieger der staatsinternen Kräfte gibt, dann ist es das Militär, und war es von Anfang an. Es hat die Fäden in der Hand, und es bestimmt, wie die Zukunft des Landes auszusehen hat. Und es ist die Macht, die Säkularismus, Liberalismus und Pluralismus der Mittelschichte die Stange hält, und damit die geforderten demokratischen Prozesse ad absurdum führt. Nicht Demokratie, sondern westliche Lebensweise, das ist der Hintergrund der Parolen, die eine ganze Mittelschichte bedenkenlos auf einer Welle der Revolution "von Sturz zu Sturz" surfen läßt.

Auf jeden Fall aber hat man eines erreicht: Der Islamismus wird weiteren Auftrieb erhalten. Denn die Vorgänge in Ägypten haben ihm den diffusen Demokratismus, der doch nur bestimmte Lebensweisen meint, die man jederzeit auch mit Gewalt durchsetzt, als wirklichen Feind noch präziser vor Augen gestellt. Während das Land seit Beginn der Umstürze langsam aber sicher ins Chaos durcheinandergeworfelten Alltags rutscht.

Denn dieser Liberalismus, dieser Demokratismus hat keineswegs das harmlos-nette, romantisch sentimentale Gesicht, das er so gerne vorheuchelt. Er ist in Wahrheit eine eminente politische Gewalt. Eine Kraft, die den einen Freiheit, den anderen aber Zerstörung bedeutet. Sie hat die Macht, ein Land in unversöhnliche Gegensätze auseinanderzureißen. Und sie ist nicht "die bessere Wahl", nur weil man ihre wirkliche Natur in Europa bis zum heutigen Tag nicht zur Kenntnis nehmen will, sondern sich mit Etiketten zufriedengibt.




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Sonntag, 3. Februar 2013

Ägyptische Phasen

Brinton Crane zur Phase, in die eine Revolution nach zwei Jahren eintritt: Als unmittelbaren Effekt des Umsturzes beginnen nach ersten Säuberungswellen die neuen Machthaber, die Lage zu beruhigen. Und schlagen bald einen pragmatisch-gemäßigten Kurs ein, um die Lebensabläufe wieder zu normalisieren, wobei sie auch frühere "Übeltäter" begnadigen.

Das aber bringt sie in Konflikt mit den Hardlinern der ursprünglichen Revolution. Die nachrevolutionäre, gemäßigte Regierung wird des Verrats an den Revolutionsidealen bezichtigt. Es folgt ein Phase der Machtkämpfe, das Land stürzt in tiefe Unruhen, das öffentliche Leben ist lahmgelegt.

Das Land spaltet sich, in die Mehrheit, die zunehmend nur noch Ruhe will, um ihr normales Leben zu führen, sich zunehmend sogar nach den alten Zuständen sehnt, und der radikalen Minderheit, die kompromißlos das Neue will.




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Mittwoch, 23. Januar 2013

Araber wollen keine Wüste

Vielleicht also kann man dem "arabischen Frühling", den die bis zur Debilität vertrottelte westliche Medienlandschaft ausrief, doch noch eine gute Seite abgewinnen. Denn am Beispiel Ägypten zeigt sich etwas: Das Land wählte mit überwältigender Mehrheit eine religiöse Rechtsordnung zur Grundlage ihrer Lebensführung. 

Die Internetgesellschaft erwies sich also nun als das, was sie ist. Als inhaltsleeres nützliches Idiotentum. Insofern steckt hinter dem leeren Geplappere von "Basisdemokratie" (und wie immer man es nennt) eine gehörige Portion Wahrheit. Denn die völlige Devastierung der Gesellschaftsordnung, die die Technisierung der individuellen Willkür öffnet, bewirkt das breite Aufbrechen chthonischer Bedürfnisse. Und die sind Form und Gestaltwille.

Wenn auch nur ein Drittel der Ägypter zur Abstimmung ging, so spricht dies sogar für eine noch viel breitere Akzeptanz der Sharia als die 64 % Quote der Gewinner aussagt. Denn die Internetgesellschaft der Moderne, die sich hinter dem Nebelwort "Demokratie" einfand, und dabei eigentlich nur eines will, und das aggressiv: daß jede Lebensführung überhaupt aufhöre, weil alle Dinge Mühe bedeuten, ging sicher geschlossen zur Wahl, zum einen. Zum anderen ist genau deshalb Demokratie heutigen Zuschnitts auch bei uns zunehmend reiner Positivismus, Instrument der rationalistischen Veränderungskräfte des Volkswillens, nicht dessen Ausdruck. Die westliche Demokratie tendiert also aus sich heraus zur Selbstauflösung. 

Wie Brinton Crane es aus der Analyse der Revolutionen richtig für alle Revolutionen vorhersagt: Alle enden an ihrem verschärften Ausgangspunkt. Die überwältigende Mehrheit eines Volkes will nie eine Änderung. Bestenfalls die eine oder andere Korrektur, sonst aber einfach in Ruhe leben, arbeiten, heiraten, Kinder gebären, ihr Haus bauen, einen Baum pflanzen, feiern und trauern, lachen und weinen, und sterben.

Wer sein Leben solide und in Verwurzelung führt hat deshalb ohnehin immer nur sehr begrenzt Verständnis dafür, das Bestehende auch erkämpfen zu sollen. Er versteht nicht, warum er alle fünf Jahre wieder und wieder dasselbe zum Ausdruck bringen muß, das er doch bereits ausgedrückt hat. Sein Wort ändert sich nicht je nach Windrichtung und Sonderangebot. Er will tendentiell einfach Ruhe, weil er weiß, daß die Welt in sich ruht. Insofern können die islamistischen Kräfte in sämtlichen dieser Länder in aller Ruhe warte, bis ihnen die Früchte in den Schoß fallen. Die säkulare, technizistische Gesellschaft des Westens, die sich selbst verblendet hat und nicht mehr weiß, wovon sie in ihrer Logorrhoe überhaupt noch redet, führt sich selbst ad absurdum, räumt sich selbst aus dem Weg. Der Kreis, in dem sie geht, endet dort, von wo er ausging: im Nichts.

Mit einer kleinen, aber feinen Unterscheidung: es sind nur die ehemals christlichen Kulturen der Welt, die in ihrem blinden Wahn ihre Selbstzerstörung so konsequent betreiben. Und dabei elegant ihre christlichen Brüder in Ländern wie Ägypten ans Messer liefern. Denn denen ist ihre Lebensführung nicht gleichgültig. Sie wollen aus der Wüste heraus, nicht in sie hinein, wie der Westen. "Nur Engländer lieben die Wüste," sagt König Fejsal zu T. E. Lawrence. Die Araber hassen sie. Weil sie sie kennen.



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Dienstag, 22. Januar 2013

Vom Vater her gedacht

Die Nähe zum König ist die wahre Grundlage allen Strebens nach Ansehen innerhalb einer Gesellschaft, und wiederum nur in dessen Nähe zu Gott zu sehen. Alles Suchen nach Ruhm und Ehre definiert sich von dieser Wurzel her.*

Im alten Ägypten finden sich deshalb in den Biographien (oft in ihrer spezielle Form der Ich-Erzählung überliefert) die Lebenstaten eines Menschen ausschließlich in ihrem Bezug auf die Rezeption durch den König, und nur insofern auch als "moralische Tat". Religion als Realpräsenz der Wirklichkeit der Toten (als Hinübergegangene), als Geister, als Jenseitige, doch in diese Welt real hereinwirkende - dieser Gedanke findet sich in den ältesten Zeugnissen des Religiösen. Zeigen die untrennbare Nähe von Religion und Totenkult.

Denn in der Grabstelle (schon der Ägypter) wurde versucht, das "Ka", die äußere Form eines Menschen, zu erhalten. "Häuser des Ka" nannte man die Grabstätten. Bereit für den Tag, an dem er wiedergeboren wurde. Real, mit Fleisch und Blut. Mitsamt seinen Lebensformen, mitsamt seinen Beziehungen, seiner Stellung, die (durch Einbalsamierung, durch Steinskulpturen, Inschriften etc.) konserviert wurden. So entstand auch die bildende Kunst, die den Toten in seinem Wesentlichen, seinem Wirklichen darstellte. Als Figurine, als Statue. Wenn seine Seele aus dem Totenreich zurückkehrte, hatte sie so ihre Form wieder, in dieser real gewordenen Erinnerung. Fand er keine Erinnerung, fand er keine Form. Sofern sie (im Weiterdenken) in diesen Formen nicht überhaupt lebendig blieb. 

Welche Koinzidenz. Der Gedanke der "Erinnerung Gottes" spielt auch im Christentum eine entscheidende Rolle der Rechtfertigung. Nur aus ihr ist eine Neuschöpfung, ein Paradies, ein Himmel denkbar. Vereinfacht gesagt, begründet sich darin die menschliche Orientierung in ihrer Schlußfolge Sein - Wahrheit - Gutheit - Schönheit - Geist Gottes. Die Hölle, in die der Böse kommt, ist das Nicht-Anwesendsein im Gedächtnis Gottes. Das Böse selbst, die Untat, ist nämlich die Seinsverfehlung. Das Böse ist nur eine Haltung, es schafft kein Sein.

Dies auf der Grundlage einer ursprünglichen kollektivistischen Realität des Menschen.** Ein Ich-Bewußtsein der Individualisierung begann sich erst in Griechenland zu entwickeln, und es sei damit nicht gesagt, daß es sich dabei um eine "gute" Entwicklung handelt. Etwa ab dem 5. Jhd. v. Chr. findet es sich wunderbar nachvollziehbar (s. B. Snell, "Die Entwicklung des Geistes") in den überlieferten Schriften allmählich, von Stufe zu Stufe, herausentwickelt. Es war demgemäß das Typische, Allgemeine, das bis dahin in einem Menschen gesehen wurde. Eine Subjektivität im heutigen Sinn gab es nicht. Das Individuum lebte von seiner Nähe zur gesellschaftlichen Mitte, seine Tätigkeiten waren "allgemeine Tägigkeiten". Sie definierten seinen Charakter: das "man" spielt, feiert, singt, tanzt, arbeitet, kämpft, aus dem sich der Einzelne zusammensetzte. Erst bei den Griechen taucht der "bios" auf.

Aber wessen immer´sich die Menschen rühmen - Ruhm ist die Zuschreibung eines Allgemeinen. Niemand wird gerühmt, Werte erfunden zu haben, die nur er lebte. Der Ruhm zielt auf das, was man für andere war (bzw. ist). Weshalb er die größte Versuchung zur Rückgratlosigkeit darstellt. Aber auch hier: in tiefer Verwurzelung zu den Grundwahrheiten des Seins und Lebens. In den Guten Taten, die seine Moral anzeigen, seine Reinheit, seine Sittlichkeit, erlangt der Mensch Rechtfertigung, im Sein zu bleiben.***

Übrigens tauchte diese Form der (ägyptischen) Biographisierung des Menschen in der Renaissance wieder massiv auf - am Beginn des Massenzeitalters (gerade! in seiner Individualisierungssucht, die nur anzeigt, daß das Individuum beginnt, Angst vor Zerfall zu erleben). Denn der Kollektivismus der Frühzeit muß keineswegs als "Nicht-Individualität" gesehen werden. Vielmehr war das Individuum in seinem Einzelsein so sicher, daß es dieses Einzelsein nie thematisieren mußte. Erst als das Ganze zu zerfallen begann, dort, wo der Kreis der Bindungen und Zueinanderordnungen zu zerfallen beginnt, beginnt auch der Einzelne die Notwendigkeit zu empfinden, sich selbst (positivistisch) in der Welt zu halten, um der Angst individuell ins Nichts zu fallen zu begegnen.

Der Tod vereinzelt, das ist sein eigentlicher Schrecken: Trennung damit nämlich auch von Gott, dem Sein. Aber im Totenkult wird der Verstorbene im Sein des Kosmos gehalten weil darin präsent. Auch den Griechen war noch die schlimmste Vorstellung - vergessen zu werden.****




*Es erhellt noch mehr für die Gegenwart, wenn man die prinzipielle Nähe von Vater und König dazudenkt. Dazudenkt, daß alles kulturelle Leben eine Suche des Vaters ist, dessen Ideen - als Wurzel allen Glücks - ein geglücktes Leben darzustellen vermag.

**Oh Undenkbarkeit einer Revolution! Wer die Ordnung der Welt zerstörte, zerstörte auch den Frieden der Toten, ja des ganzen Weltkreises. Revolution und Apokalypse - untrennbar nahe. Der Vater als Schlußstein des Kosmos, ohne den alles zusammenfiel. - Das Offensichtlichste, übrigens, an Familien "ohne Vater" (also nicht, wenn er verstarb, sondern wenn er depotenziert oder gar hinausgeworfen wurde) ist die Zerrüttung der Identität der gesamten übrigen Familienmitglieder. Mit allen Begleiterscheinungen, wie Neid, Familienmobbing, etc.

***De mortui nihil nisi bene! Sie, die sich nur noch durch das Rückbleibende vor dem Gericht - dem Abwägen gegen die Wahrheit - rechtfertigen können, werden durch Rufmord noch nach dem Tod, durch Vergessen, ins Nichts gestoßen. Der Trost des Christentums liegt in der Erinnerung Gottes - in Jesus Christus wurde ein Weg der Verewigung gestiftet.

****Noch heute ist in den Partezetteln, Totennachrichten etc. dieser Gedanke sehr! lebendig. Dazu braucht es nicht, daß die Menschen die Zusammenhänge bewußt sehen oder denken, es ist für die Wirklichkeit des Tuns irrelevant. Sprüche wie "Tot ist nur, wer vergessen ist", "Lebst in unseren Gedanken weiter", sind auch heute äußerst verbreitet. Sie haben tief religiöse Wurzeln. Der wirkliche Tod auch der Väter, die man heute aus den Familien herausbricht, ist die bewußte Inszenierung ihres Vergessens, die Fälschung der Erinnerungsgeste. Dasselbe, was man heute im "Mobbing" so gerne zitiert - als Mord am noch Lebenden. Dieselben Wurzeln.




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Sonntag, 6. Januar 2013

Wozu die Aufregung?

Jedes Rechtsempfinden gründet in der Religion der Menschen. Das ist eine ontologische Aussage, eine condition humaine, keine von Sollen oder Wollen oder Nicht-Wollen. Und wenn sich eine Gesellschaft gegen Gott auflehnt, so drückt ihr Rechtsgefüge genau dieses Auflehnen aus, spiegelt die religiösen Konflikte wider. Ein "neutrales Recht" gibt es schlicht und ergreifend nicht, denn Recht muß irgendwo verankert sein, und das ist es im tiefsten Legitimationsprozeß des Menschen überhaupt - in der Religion, in der Stellung dem Sein an sich gegenüber. Deshalb haben auch Atheisten eine religiöse Haltung, die das Rechtssystem begründet, ob sie das sehen wollen oder nicht.

Deshalb ist es lächerlich, sich dagegen aufzulehnen, daß Muslime die Sharia als Rechtsgrundlage wählen, die Justiz dort verankern. Wie es nun in Ägypten geschah. Als wäre dieser Vorgang unnatürlich und an sich schlecht. Schlecht kann nur die Sharia selbst sein, und zwar  nach christlichen Vorstellungen. Aber das sehen die Muslime natürlich anders. Aber schon die Art, wie sie diesen religiösen Einfluß auf das, was Recht und richtig überhaupt ist, geltend machen wollen, ist tief im Wesen der Religiosität der Menschen dort verankert. Eine Art von Einfluß, wie ihn das Christentum gleichfalls aus seinem Wesen heraus ablehnt. Aber auch das Kastensystem Indiens ist nicht eine Ausgeburt sozialer Ungerechtigkeit, sondern zutiefst in der Weltsicht verankert. Daß es heute dabei ist, aufzuweichen, zeigt die religiöse Aufweichung, nicht einen abstrakten "Fortschritt zum Guten". Selbst die "Menschenrechte" sind als Anker des Rechts ungeeignet - wenn sie nicht im Absoluten, im Gottesbezug, verankert sind.

Es zeigt sich aber darin eine, wenn nicht DIE Grundproblematik der Migration in Westeuropa, die immer noch völlig verdrängt wird, auf ein sogenanntes "Extremistenproblem" verschoben wird. Ganz so, als wäre prinzipiell schon jeder Extremist, der diese Religiosität nicht zu vernebeln sucht. Nämlich die, daß mit dem Zustrom von Anhängern nichtchristlicher Religionen auch ein anderes Rechtsgefühl ins Land kam, aus dem sich eine andere Rechtsgrundlage ergibt. Diese Entwicklungen sind unumkehrbar, und zwa rnach unserem Rechtsgefühl - das z. B. ein Hinauswerfen dieser Menschen nicht akzeptieren würde, anders übrigens, als so manche islamische Staaten, die kaum Probleme haben, ganze Bevölkerungsgruppen des Landes zu verweisen, oder zumindest zu ghettoisieren - und werden nicht aufgehalten werden können. Und sie sind kein Extremistenproblem. Sie sind das Problem unterschiedlicher Religionen unter einem Dach. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Und in Zeiten, in denen die Menschen noch klüger waren als heute, wußten sie das auch. 

Wenn also Fürsten früher auch bei uns darauf gedrängt haben, daß ihre Untertanen nur einer Religion angehörten - oft genug sogar: gleich welcher, oft sogar eine Staatsreligion einführten, ohne die niemand dort leben durfte (siehe die Motivik der Christenverfolgung im Römischen Kaiserreich, die das Martyrium so vieler in unseren Augen zur lächerlichen Nebensächlichkeit erklären würde) so geschah das aus ernster Sorge, aus dem Wissen, daß es um alles ging. (War der Kaiser nicht mehr Repräsentant Gottes, oder in die Göttlichkeit hineingenommen, so zerfiel die Legitimität der Staatsgewalt!) Das Konzil von Konstanz 1414-22 hatte diesen Ansatz: einberufen von König Sigismund, der eine Einigung unter den Christen wollte, egal wie sie ausging. Aber ist ein Volk nicht religiös geeint, kann es auch nicht im Recht geeint sein, ist der soziale Friede zerbrochen.

Daß 50 % der Muslime in Österreich die Einführung der Sharia befürworten, in ihren Kreisen auch  heute schon eigene Rechtsinstrumentarien haben, meist nur gut verdeckt, sodaß es nur in Einzelfällen, Extremfällen zum Vorschein kommt, bringt das zum Ausdruck. Und das ist der wahre Sprengsatz einer Gesellschaft und des sie darstellenden Staates, und damit umzugehen zu lernen das Kriterium, ob wir in zwanzig Jahren auch in Europa uns nur noch die Köpfe einschlagen, oder wenigstens nebeneinander zu leben vermögen. Und diese Frage ist auch keineswegs neu oder importiert.

Was noch immer nicht gesehen wird ist, daß wir selbst in Österreich keine simplen "politischen Unterschiede" der gesellschaftlichen Gruppierungen haben, sondern daß sich hier religiöse Bekenntnisse gegenüberstehen, deren eine Seite nur zu verschleiern sucht, welcher Natur das ihre ist. Zahlreiche Konflikte, von denen die meisten noch nicht einmal ans Tageslicht gekommen sind, haben genau dort ihre Wurzeln: daß bereits unvereinbare Grundhaltungen aufeinanderprallen, die keine Kompromisse möglich machen. 

Da muß man nicht alleine die Abtreibungsfrage zitieren. Mittlerweile werden solche Fragen pausenlos berührt, nur so subtil, daß es die meisten nicht registrieren. Man nehme nur die Frage der Sexualaufklärung in den Schulen, wie jüngst. Und wird über Globalisierung in der heutigen Form gesprochen, so stößt die Frage, geht man ihr tiefer nach, sehr rasch an ein religiöses Problem, das um Dimensionen über "soziale Gerechtigkeit" oder "Armutsgefälle" hinausgeht. Da geht es um Anthropologie, nicht um ein paar praktische Hinweise, da geht es um den Menschen vor Gott, um den Daseinssinn. 

Diese Konflikte sind auf der Ebene des reinen Rechtsstaates gar nicht mehr lösbar. Sie sind das nur noch über prinzipielle Lösungen der Staatsorganisation und -ökonomie. Auch das wird immer noch nicht gesehen. Sollte es in Österreich aber tatsächlich wieder einmal zur Stärkung des christlichen Fundaments der Menschen kommen, würden sich die zahlreichen Unvereinbarkeiten, in denen wir bereits heute praktisch stecken, sehr deutlich zeigen, und aus heutiger Sicht viele ziemlich überraschen: weil sie dann sähen, wie tief und unvereinbar die Gräben bereits wirklich sind, wie zerfallen unsere Gesellschaften in Wahrheit bereits sind.




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Donnerstag, 20. Dezember 2012

Vorhang kollektiver Täuschung

Zwar fehlt dem Artikel in der FAZ aus der Feder eines seiner Herausgeber, Frank Schirrmacher, ein entscheidendes Argument - es überschätzt auch die inhaltliche Wirkung von Internet-Publikationen, unterschätzt die rein technischen Aspekte, tut also so, als würde es keinen Unterschied machen, im Netz zu publizieren, oder eine Zeitung zu drucken, ganz so als würden Inhalte ohne das Medium möglich sein. Zwar konzentriert sich der Artikel also auf inhaltliche Aspekte des Internetzeitalters, zehn (!) Jahre nach seinem definitiven Beginn in unseren Breiten. Aber dies berücksichtigt, bleibt eine ernüchternde, und darin hervorragende Situationsanalyse der Wirklichkeit des Netzes.  Der gegenüber kollektive Blindheit herrscht.

Weil hier ein Mythos von Freiheit, Meinungsoffenheit und Kommunikation geschaffen wurde, der vor allem eines tut: er verschleiert, daß das Internet eine hochperfektionierte ökonomische Maschine ist, ein ökonomisches Modell, das deshalb nur dort funktioniert, wo es den Betreibern wie Google oder Apple sehr konventionelle, reale Gewinne beschert. Während die Apostel der Inhalte, die ihr Bewegen im Netz wie Glaubensinhalte verteidigen, unter gewaltiger und immer weiter ausgreifender Selbstausbeutung als "Contentlieferant" einem Phantom nachlaufen.

Aber es geht im Netz gar nicht um "content", der ist ein Feigenblatt der Gewissensberuhigung, die Karotte, der der Esel nachläuft. Es ist ein riesiger Marktplatz, in dem es vor allem darum geht, alle erreichbaren Aspekte sozialen Verhaltens zu vermarkten. Den Menschen wird vorgegaukelt, sie könnten per Tastendruck Milliarden User erreichen. Während sie völlig untergehen, diese Möglichkeit nur für die Allerwenigsten zutrifft, per Zufall, meist auf ganz konventionelle Weise.

Die vielgerühmte Partizipation beschränkt sich auf das Betätigen der "like"-Buttons und Foren für ihresgleichen, die sich gleichfalls zunehmend einschränken, bis sich nur noch einige wenige selbst bestätigen. Zusammengefaßt als riesige "Zustimmungskultur", die vorgibt, Gemeinschaft zu schaffen, während sie das Gegenteil tut, indem es die Gesellschaft atomisiert. 

Stattdessen erleben wir mit unglaublich naiver Zustimmung, wie Informationsgiganten dabei sind, kulturelle Normen neu zu definieren, ohne daß es uns weiter auffällt. Mit Zensur und Informationsangeboten, die in erster Linie von ökonomischen Interessen ausgehen: google bietet nicht die beste Information, sondern die ihm nutzbringendste, Amazon zensiert ungefragt Buchangebote, Facebook Photos und Meinungen, weil man dies oder das nicht tun oder sagen dürfe, Apple schließt Angebote aus, die seinem Moralcodex nicht entsprechen. 

Der Verbraucher hat es dafür mit einer Raffiniertheit der Algorhythmen zu tun, der er nie und mit wachsender Wirklichkeitsferne und damit Selbstkenntnis und Welterfahrung noch weniger gewachsen ist und die ihm vorgaukelt, zu finden, was er wolle, ja ein unermeßliches Feld der Entdeckungen vor sich zu haben, das ihn aber nur geschickt gängelt. Google, nicht anders als Amazon, so zeigt die New York Times, hat sogar eine Liste von vierhundert Wörtern, die es in seiner Query nur nach Nachdruck überhaupt suchunterstützt. Und zum Beispiel über "auto complete" die Benutzer gängelt, Gedankenwege und Assoziationen vorgibt oder unterbindet. (Wobei: Ist das ein Ausweg, wenn wie in Australien öffentliche Autoritäten bei der Bestimmung der Algorithmenparameter mitwirken können, weil, die die NYT meint, sollen, weil hier "kulturelle Verantwortung" so deutlich wird? Oder öffnet das nicht nur neue Wege der Gängelung und Gleichschaltung, indem Internetinformation auch noch mit approbierter Autorität behängt und selektiert wird!? Anm.)

Thanks to Silicon Valley, our public life is undergoing a transformation. Accompanying this digital metamorphosis is the emergence of new, algorithmic gatekeepers, who, unlike the gatekeepers of the previous era — journalists, publishers, editors — don’t flaunt their cultural authority. They may even be unaware of it themselves, eager to deploy algorithms for fun and profit.


Die Tatsache, wie wenig gesehen wird, daß die Evolution der neuen Kommunikationstechnologien ihre eigenen emanzipatorischen Ideen praktisch unterläuft, ist das eigentlich Befremdliche der gegenwärtigen Debatte. Es wäre deshalb an der Zeit, endlich zu erkennen, dass wir nicht von neuen Technologien reden - wer, im Ernst, von Einzelpersonen über Verlage bis zu ganzen Staaten, sagt denn, er verweigere sich dem Netz? Wir reden von einer neuen Ökonomie, die zu dem wird, was erstmals im Zeitalter Ronald Reagans fast religiös verkündet wurde: eine Ökonomie des Geistes.

Eines seiner massivsten Opfer ist dabei der Journalismus, der sogar aus seinem eigenen Niedergang einen Hype macht, die er noch glaubt vermarkten zu können. Ganz so, als ginge es im Netz tatsächlich um anderes als um Geschäftsmodelle, um reales Geld, und wer dem nicht folgt, fliegt raus. Das gilt auch für Zeitungen, wie jüngste Titeleinstellungen (Frankfurter Rundschau, Financial Times Deutschland) zeigen.

Nicht nur bei den Verlagen, in fast allen Bereichen geht es um das Verhältnis von Wert und Preis. Selbst kritische Köpfe vermögen immer seltener zu unterscheiden zwischen den legitimen Bedürfnissen des Konsumenten und der Tatsache, dass politische und kulturelle Werte mitsamt dem Inhalt des eigenen Kopfes zu Produkten dieses globalisierten Marktes werden. Netzkommunikation ist längst in der Phase, wo buchstäblich jedes Signal, das man sendet, Gegenstand einer Preisfindung, einer algorithmisch in Millisekundenschnelle ablaufenden Online-Auktion wird. [...] Werbealgorithmen, das hat der Computerhistoriker George Dyson gezeigt, sind heute zusammen mit den Wall-Street-Algorithmen die mächtigsten digitalen Werkzeuge der Welt.
Aber der Mythos von den Möglichkeiten des Netzes wird weiter genährt, unermüdlich, ununterbrochen. Sogar Revolutionen werden als Beleg zitiert - wie Ägypten. Dabei ist längst untersucht und belegt, daß die ägyptische Revolution viele Jahre lang im Untergrund von gewerkschaftlichen Gruppen vorbereitet wurde. Ohne Netz. Die ägyptische Arbeiterklasse war über das Netz gar nicht zu erreichen. Erst in der definitiven Phase des Aufstands spielte das Internet eine gewisse Rolle als Transportmedium. 

Dennoch plapperte der Journalismus weltweit diesen Unsinn nach, ja arbeitet fast fanatisch an der Stärkung dieses Mythos mit, indem er Einzelfälle aufbauscht, in denen online dies oder das "bewirkt" wurde. Sich damit aber zum nützlichen Idioten macht, der seine eigene Basis zerstört, indem er zum Anhängsel des öffentlichen Diskurses - wesentliches Forum der demokratischen Gesellschaftsformen - wird, der nur noch Trends nachläuft und genau das Gegenteil von dem erreicht, was er damit zu retten meint: er wird ungebraucht.

Auswege? Auswege scheint es nicht (mehr) zu geben. Wir haben uns dem Netz bereits ausgeliefert, einem Instrument wirtschaftlicher Interessen, das von sehr realen Interessen geschaffen, getragen und verbreitet wird. Auch der Journalismus ist dieser riesigen Scheinveranstaltung Netz auf den Leim gegangen, die mittlerweile so hohen wirtschaftlichen Druck aufgebaut hat, daß sie ihm nach und nach auch seine Publikationsmedien aus der Hand nimmt.

„Wie kann guter Journalismus überleben?“, fragt die Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer neuesten Ausgabe. Das aber ist nicht die Frage. In einer Welt, in der man sich ausrechnen kann, welche Institutionen von der Atomisierung des öffentlichen Diskurses am meisten profitieren würden, wo Schattennetzwerke in einer Welt angeblicher Transparenz, wie Manuel Castells* gezeigt hat, schneller wachsen als je zuvor, ist die entscheidende Frage: Wie kann eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben? Jetzt, wo sich leider auch immer mehr Journalisten sich ihre sozialen Prognosen vom Silicon Valley und der Wall Street schreiben lassen, riskieren wir eine ganz einfache und ebenso gelassene Vorhersage: gar nicht.

*Der die Analysen und Vorhersagen von Jacques Ellul ("Propaganda", im Zusammenhang mit "Technology" zu lesen empfohlen) aus den 1960er Jahren vollauf bestätigt: Ellul zeigt, wie sich aus kulturgeschichtlicher Genese heraus - dem Zerfall natürlicher Ordnungen zu Anfang des 19. Jahrhunderts - eine pseudologische, rationalistische Identität aufbaut, die Propaganda, öffentliche Meinung und Medienzirkus braucht, um im Maß der vorausgehenden wie parallelen Entwurzelung überhaupt noch existieren zu können, als sie ihren Platz im Leben aus dieser Öffentlichkeit heraus definiert, ja fast zu definieren gezwungen wird. Damit aber wird die konkrete Welterkenntnis verändert, weil Sinndeutung (aus Ereignissen, aus Begegnendem) eine Frage der subjektiven Bezüge und Intentionen und damit der Identität ist.


*201212*

Mittwoch, 5. September 2012

Marktgesetz

Die Lebensmittelpreise steigen. Das spürt man, das hört man. Für das kommende Jahr sei eine Unterversorgung mit Getreiden zu befürchten. Aber war noch vor einem Jahr die Produktion von Benzin aus Getreide der Bösewicht, so schwenkt nun die öffentliche Argumentation: nein, es sei der gestiegene Nachfrage nach Fleisch. Denn mittlerweile wird ein überwiegender Teil der Getreide als Futtermittel verwendet, mit einer Verschlechterung der Energieausbeute am Weg zum Fleisch auf 1/6. 

Aber diese Argumentation ist schlichtweg falsch. Nicht nur deshalb, weil Fleisch auch weit mehr und höherwertige "Energie" liefert, wenn man schon auf dieser technischen Rechnung bleibt. 

Sie beruht auf einer rein mengenmäßigen, rein mathematischen Gegenüberstellung, die aber die wirklichen Faktoren nicht berücksichtigt. Denn der Markt verhält sich nicht so, nicht in diesem Fall. Wenn nämlich, wie bei Getreide, die weltweite Produktion in etwa dem Verbrauch entspricht, bleibt ein Preis so lange stabil, als die Produktion diesen Bedarf gerade decken kann. Wenn alle Käufer alle Nachfrage gestillt bekommen, wenn alle Produzenten (gerade noch) fürchten müssen, ihre Produkte nicht an den Mann zu bringen, weil es auch andere Lieferanten gibt, bleiben die Preise stabil.

In dem Moment aber, wo die Produktion knapper an die Marktsättigung herangeht, und fällt - wie es heuer der Fall war, wo Rußland (mittlerweile einer der größten Lieferanten am Weltmarkt) und vor allem die USA schlechte Ernten vermelden - beginnt die Angst um Unterversorgung die Preise zu bestimmen. Und in dem Augenblick wo auch nur um ein Geringes der Bedarf (und sei es: möglicherweise) in Gefahr steht, nicht gedeckt werden zu können, beginnt ein Hebel zu wirken, der JEDES Angebot am Markt verteuert.

Diese "Mechanik" gilt nicht nur für Lebensmittel, dort aber noch stärker, weil hier viel elementarere Ängste zu wirken beginnen, als bei sagen wir Autos oder Schnüdelriemen für Schraubenquetschpasten. Hier wiegt vor allem das Verhalten einzelner Käufer viel drastischer - wie Ägypten, das zur Versorgung seiner 100 Mio Einwohner in hohen Mengen Getreide am Weltmarkt zukaufen muß, und wohl aus dem Vorjahr gelernt hat. Wo es erstmals in der Gefahr stand, unterversorgt zu sein, weil Getreide am Weltmarkt knapp, die Regierung aus naheliegenden Gründen säumig war. So, wie schon seit Jahren Nahrungsgetreide immer knapper wird, WEIL die Biospriterzeugung immer größere Mengen benötigt. Deshalb war ja schon im Vorjahr überall die Rede davon, daß die Getreidepreise empfindlich steigen würden. Und zwar genau aus hier geschilderten Gründen!

Deshalb kann man nicht einfach Gesamtmengen und Preise gegenüberstellen. Preise entwickeln sich nicht einfach linear. Sie orientieren sich auch, manchmal sogar vor allem, an einer Art "Fixgröße", nämlich der Bedarfsdeckung. Und deshalb bereits an deren "Rand der Gefährdung der Bedarfsdeckung". Ab da beginnen sie ein Leben nach ganz neuen Gesetzen. 

Deshalb muß nach wie vor gelten, daß ein an sich unsinniges Verhalten - einmal, weil immer wieder sind Berichte zu finden, die die vorgebliche Zielsetzung des Getreide-Benzins, die Senkung des CO2-Ausstoßes, als Schimäre entlarven, denn über den Gesamtwirkungskreis gesehen passiert sogar das Gegenteil, zum anderen, weil es ein ungeheurer Frevel ist, mit Lebensmitteln so umzugehen! - die nahezu alleinige Schuld an der derzeitigen Preissteigerung für Getreide am Weltmarkt trägt. Erst sie machen Spekulationen auf eben diese Engpaß-Grenze sinnvoll und wahrscheinlich, erst so beginnen Spekulationen interessant zu werden. 

Bei aller Vorsicht, die bei solchen Meldungen generell angebracht ist, und jede Urteilsfindung im Rahmen eines Blogs wie diesem nur zur Modellrechnung werden lassen. Denn angenommen, es herrschte Überproduktion - schon darf sich der geneigte Leser die Schreibstuben der PR-Abteilungen der Saatgutkonzerne im Stress erstickt vorstellen. Um die ausgebluteten, nach "News" gierigen Medienredaktionen mit Meldungen zu versorgen, daß Unterversorgung drohe, um die Preise nicht abstürzen zu lassen. Aber das soll nur einen der Faktoren andeuten, die hier ganz gewiß mitwirken.

Aber noch etwas zeigt sich, und das hat zum einen mit der Entwicklung der Welt in allen Bereichen hin zu kritischen Gesamtsystemen zu tun, und zum anderen mit dem Verlust der unteren, lokalen Einheiten, sich selbst zu regulieren, zu tun. Denn mit einem mal steigen auch in Europa, in Österreich, in Ungarn die Preise, obwohl man hier keineswegs eine zu geringe Getreideernte zu verzeichnen hat!

Während umgekehrt die Entwicklung der Weltpreise im Rahmen eines Weltmarktes die Lebensmittelpreise hierzulande ohnehin so verzerrt hat, daß die Preise den Marktgegebenheiten überhaupt nicht mehr entsprechen. Denn natürlich ist Fleisch zu billig, natürlich ist auch Getreide zu billig. Dahinter steht aber kein Markt, sondern politischer Wille, der über Steuerung des Verbraucherverhaltens in der Geldverwendung meint, Wirtschaftspolitik betreiben zu müssen. Um genug Geld zu produzieren, damit dieses Geld den Staaten ermöglicht, über Abhängigkeiten Bereiche zu steuern, die gar nicht die ihren sein dürften. Und die nun von der durchbrechenden Dynamik der Marktentwicklung überrannt werden.


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Wie zur Bestätigung traf dieser Tage ein Brief eines lieben Verwandten des Verfassers dieser Zeilen ein - Betreiber einer Mühle, Nachfolger in 4. Generation. Er bestätigt alles, was sich oben dargestellt findet: Es ist die Biosprit-Produktion, die mit ihren derzeit 1 Mio t Getreidebedarf pro Jahr - nur in Pischelsdorf bzw. Österreich! - die Preise regelrecht anheizt. Alleine in den letzten Augustwochen stieg der Preis für Trockenmais von 180 Euro/t auf 280 Euro/t, Österreich kann sich erstmals nicht mehr selbst mit Lebensmittelgetreide versorgen und muß substantiell importieren. Die Aussagen des Landwirtschaftsministeriums seien eine glatte Lüge, schreibt er, und bezahlen, bezahlen müssen das wir alle! Er selber, fügt er hinzu, sei gerade aus den USA zurückgekommen, wo die Diskussion "Tank oder Teller" gleichfalls allgegenwärtig sei. Durch den Maisbedarf der Spritproduktion, die die Preise in die Höhe schießen lasse und gleichzeitig Mais von überall zukaufe, würden nämlich heuer Millionen Mexikaner (wo selbst Brot aus Mais hergestellt wird) ins Elend gestoßen.


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