Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Guardini (Romano) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Guardini (Romano) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 19. Oktober 2015

Die Ehen des Diego Maradona (3)

Teil 3) Die Bemerkung - Ein möglichst knapper, anschaulicher Anriß, 
warum der Priester und schon gar der Papst 
kein "Mensch wie ich und du" sein kann und darf




*Nur kurz und gestammelt, gewiß, aber einige Worte dazu: Die Kirche in ihren priesterlich-sakramentalen Institutionen kann sich in ihrer Gestalt nicht "von unten her" definieren, vom Volk her, sondern muß sich auf Jesus Christus hin transzendieren, als Haupt also die reale, inkarnierte Gestalt Jesu Christi darstellen, als Haupt des Leibes. Hier wurde auch oft das Allgemeine Priestertum mißverstanden, der Begriff hat manche verwirrt. Das von diesem sakramentalen Priestertum funktional völlig verschieden, mehr eine Metapher ist (wenn auch nicht nur). Das sakramentale Priestertum ist also zwar ein Teil der Kirche, aber es ist ein anderer und für sich bestehender Modus, als der "normale Getaufte". Ein Organ somit. So wie es die einfachen Gläubigen als Ganzes, und in sich wiederum als gesellschaftliche Gliederung sind.

Weil sie in dieser Integrität des Gestalthaften (v. a. in der Liturgie) der Himmel selbst ist, dessen die Gläubigen, das Volk, dessen Aufgabe ALS Kultur, als Gesellschaft den Willen Gottes erfüllt (der die sakramentale Priesterschaft der Kirche auf eine Weise gegenübersteht), ansichtig werden. Von dort her werden sie durchlichtet. 

Das begrenzt auch etwa eine caritative Aufgabe, ein "soziales Engagement" der Priesterschaft beträchtlich! Denn der Priester ist keineswegs gegenständlich ein "Vorbild" für die Menschen (diese Funktion hat er lediglich "auch", soweit er alltäglicher Mensch bleibt), sondern er ist es gewissermaßen nur strukturell, zumindest in seiner ihn vor allem anderen definierenden Funktion Und alles definiert sicih in seinem Sinn aus seiner höchsten Möglichkeit. Hier - als liturgisches Fenster zum Heil, als Spender der Sakramente, als Spender der Wahrheit, auch im Wort. (Weshalb in der Alten Liturgie der Priester zur Predigt sein liturgisches Gewand ablegte, nur noch im Mozetta predigte. Denn hier war er nicht mehr im Sakramentalen, sondern im durchaus auch Brüchigen des Menschen.)

Kraft des Sakraments treffen in ihm eben beide Dimensionen aufeinander. Das tun sie im "normalen Gläubigen" in anderer Gestalt und Form, nämlich in die Weltidentität - die Schöpfung - hinein, als ihr Teil. 

Des Priesters konkrete Gestalt aber ist Christus selbst, in persona, der sich zu den Menschen, zum Volk tatsächlich und real niederneigt, seine Gestalthaftigkeit aber nicht einfach "teilt", sondern was er zu geben hat IN DIESER GESTALT (und NUR in ihr) MITTEILT. (Je heiligmäßiger freilich der Priester als Mensch lebt, je mehr er also zurücktritt als Mensch, desto vollkommener wird in ihm der Himmel sichtbar, so, wie in jedem Gläubigen ja auch - etwas, das beide aber nur in ihrer Art erreichen können, dann aber gewissermaßen wieder "dasselbe" ist.)

Der Priester kann also niemals "einer von uns" sein, das wäre im Widerspruch zu seinem Wesen, er ist nur VON UNS genommen, aber nicht primär eine Gestalt des täglichen Lebens einer Kultur bzw. Gesellschaft. Das ist er nur "irgendwie auch", weil auch er sein Bier süffelt, Fußball schaut, oder zum Tarockabend geht. 

Und er ist, geweiht weil nur so Priester, notwendig für uns, im Hl. Geist nicht unabhängig von uns (dem Volk, mit bzw. in konkretem Weltauftrag) zu denken (wie: Vater-Sohn), damit wir des Himmels ansichtig uns selbst vervollkommnen, in die Gestalt Jesu - und damit in den Ordo Gottes, seines Willens - selbst hinein. Das zeigt sich ja auch am Beispiel der Apostel, die sehr wohl ihre Berufe aufgaben, so wie auch Jesus erst zu predigen begann, seine Sendung dezidiert aufnahm, als er seinen Beruf als Zimmermann niedergelegt hatte. 

Das verbindet den Priester durchaus eng mit dem Künstler oder dem Philosophen. Letztere beide können ihre Aufgabe auch nur in Distanz zum Alltäglichen erbringen, müssen aus dem Netz der Zwecke frei sein, um überhaupt sie selbst sein zu können. Nur sind sie nicht "kraft Sakrament", sondern müssen vom Volk - mit dem er "zur Kirche" verbunden ist - bestellt (akzeptiert, anerkannt) sein. Der Künstler ist gewissermaßen die säkularisierte Analogie des Priesters.

Unglücklich kann man höchstens bezeichnen, daß "die Kirche" historisch nach und nach ausschließlich in der Priesterschaft vergegenständlicht gesehen, auf ihre klerikale Dimension reduziert wurde. Das stimmt freilich nicht. Doch ihr Urbild, wenn man so will, ihre Form, an der sie in ihrer Gesamtheit wird (als Gesamtheit der Getauften), ist in den Priestern (und natürlich im letzten wie ersten: im immer konkreten Papst) - im Gegenüber zur Gottesmutter - real und als reinstes Urbild bei uns, weil als alter Christus eben inkarniert. Aber nicht identitär mit dem faktischen Menschen verschmolzen, sondern nur bedingungsweise, aber ohne den Menschen Priester auch wieder nicht möglich.

Dies läßt sich auf die gesamte Sakramentalität umlegen, ist in sich aber wiederum trinitarisch aufgebaute Matrix, wenn man so will (und diese Begriffe nicht technisiert).

Wenn diese funktionale Dimension aber nicht für sich gesehen, getrennt wird, fehlt dem Priester sein identitäres Gegenüber. Weil das aber einen grundsätzlichen (theoretischen) Auffassungsfehler zeigt, und zwar meist, weil das Menschliche falsch gereiht und betont wurde, wirkt es sich auf die gesamte Präsenz der Kirche aus. Der Priester sieht sich plötzlich in einer Aufgabe "wie alle anderen", und er beginnt, in den Alltag hineinzuwirken, den Alltag als genuin SEINE Aufgabe zu sehen. Das ist der aber nicht. So ist grosso modo die "Befreiungstheologie" oder das "politisch-funktionale Priestertum" grundgelegt. (Beides ist von der Kirche gekannt, aber als Fehlentwicklung wieder ausgeschieden, abgelehnt worden.) Als eigentliche KompetenzUNTERschreitungen, nicht ÜBERschreitungen. 

Der Priester kann und muß sogar vor Fehlentwicklungen des Alltäglichen warnen, sie in christlicher Liebe aufzeigen etc., aber sie sind in der Realisation nicht "sein Bier". Sie sind gewissermaßen "neutrale Aussagen" im Angesicht der Wahrheit, sie sind Aussagen über die Nähe oder Ferne des Betroffenen zu Gott. So wie Aussagen desjenigen zu Gott und der Kirche, weshalb Exkommunikation bzw. Kirchenstrafen, die ja nur "etwas feststellen", richtige und legitime Wegweiser sind.

Wenn diese Grenze nicht gesehen und eingehalten wird, mißversteht der Priester den Bezugspunkt, auf den hin er sich zu überschreiten hat, wo also sein "Moment des Existentiellen" liegt. Und hält sich in seinem alltäglichen Menschsein für den Modus seines Daseins. Damit hat er den Zielort seiner Selbstüberschreitung verfehlt, und verfehlt damit auch seine Aufgabe an den Menschen, ja löst die Gestalthaftigkeit der Kirche, der Einzelnen überhaupt als irrelevant auf - seine Liebe wird unkonkret, weil für sich vergegenständlicht (was aber prinzipiell unmöglich ist; die Liebe gerät so nämlich zur Farce, zur wesenlosen Simulation.) Nur eine Liebe kann und muß ihn mit dem Volk verbinden: Die Liebe, daß das Volk am Heil, das er ihm bietet, teilhaftig wird.

Er muß aber, wie gesagt, von dem des alltäglichen Menschen prinzipiell unterschieden sein. (Wenn auch in einzelnen Dingen auch wieder gleich: auch der Priester muß sich beim Brötchenkauf zum Verkäufer höflich benehmen oder der alten Frau über die Straße helfen; aber er kann sich nicht darin erschöpfen, es ist nicht seine erste Aufgabe der Selbstüberschreitung.)

Aus diesem Grund ist auch eine rein körperliche Distanz etwa von Papst zu Volk mehr als sinnvoll, ja angebracht und notwendig. Denn der menschliche Eindruck macht sehr rasch vergessen, ja unsichtbar weil unerfahrbar, was die eigentliche Aufgabe weil Stellung des Papstes ist - die wiederum die Voraussetzung ist, daß sie wirken kann, daß sie angenommen wird. 

Er muß über allen anderen sein menschliches Menschsein vergessen können, und ganz hinter dem Amt verschwinden. Das die Größe und Schönheit Christi und des Himmels darzustellen hat. Insofern besteht sogar eine Pflicht zu liturgischer Pracht, soweit sie zu entfalten möglich ist. Sie ist ein Dienst an den Menschen! Ob er persönlich liebenswürdig oder nett ist, ist völlig uninteressant, ja lenkt von Christus selbst, den er stellvertretend darstellt (ihm also seinen Platz freihält, ohne ihn zu ersetzen, sondern "für ihn" handelt), ab.



*191015* 

Sonntag, 18. Oktober 2015

Die Ehen des Diego Maradona (2)

Teil 2) Es wäre kein Zufall. - Ein erster Versuch, 
die theologische Linie des Papstes zu zeichnen - 
Verwirrung als pastorales Konzept


Oder ist genau das beabsichtigt? Durch eine Theologie, die in Rahner und Konsorten auf seltsame Weise "auf der Fensterbank" lag? Weil nämlich der von ihnen entwickelte, über weite Strecken großartige und gewiß wahre Begriff der Kirche - als Stellvertreterin der Menschheit überhaupt - mit einer scheinbar klitzekleinen Wendung* zu einer Auflösung der Heilsnotwendigkeit und Heilsinstrumentalität der Kirche und der Sakramente - also der Inkarnation Gottes in Jesus Christus - generell führt. Die gesamte Gnadenlehre wird damit ausgehebelt und in der Realität zur Makulatur (bleibt nur noch "theoretisch", ist aber real ausgeleert). 

In diese Sichtweise spielt eine gleichfalls großartige und nur zu begrüßende Erstarkung der Strömung in der Kirche hinein, die seit der Reformation, der Renaissance gar gewiß zu beklagende dogmatische Erstarrung der Theologie aufbricht. Und die wie eine theoretische Rückbesinnung auf den lebendigen eigentlichen Glauben als "Existentialistische Dimension des Glaubens" zu sehen sein könnte. 

In der Christen wie Marcel, Peguy, Weil, Ebner, Guardini, oder hundert Jahre zuvor der damals noch von den Jesuiten als Ketzer verfolgte Rosmini, etc. etc. schon nur im mittel-westeuropäischen Raum Großartiges geleistet haben. Hier vollzieht sich eine "existentielle Wende", in der der Entschluß zur Wirklichkeit in einer Radikalität vollzogen wird, die auch für den VdZ als entscheidend gesehen wird. In dieser völligen Disponibilität, in der man sich in der Selbstüberschreitung Gott, dem Sein öffnet und erschließt - Herr, mach mit mir, was Du willst! - gründet auch das eigentlichste Verständnis der "Armut", wie sie etwa Bloy oder Michel Foucault kennzeichnen. Man könnte sie als "Theologie des letzten Platzes", ja in gewisser Hin- und Vorsicht sogar als die "Theologie des Nichts-Seins in der Welt" bezeichnen. Ein radikaler Höhenweg also, dem nichts, wirklich nichts genommen sein soll, im Gegenteil. Und der sogar schon über die Kirchenväter von Bernhard von Clairvaux, Johannes vom Kreuz oder Theresia von Avila - ja, die diesbezüglich zu nennenden Namen sind eigentlich die Namen der Kirche überhaupt, man käme zu keinem Ende - immer gezeigt wurde.

Dazu kommt eine Entwicklung des Verstehens der "Stellvertretung" als vielleicht tiefster, historisch aber höchst aktueller Aspekt des Erlösungsgeschehens. Gleichfalls nicht neu, immer schon da, aber neu in unsere Zeit hinein ausgelichtet. Wie das etwa bei Hans Urs von Balthasar so großartig geleistet wurde, und wie etwa Karl-Heinz Menke sie vor wenigen Jahren in einer wunderbaren Zusammenschau neu belebte. 

Aber nun kommt's: Einer der Theologen, der diese Theologie, eigentlich diese (stark trinitarisch geprägte) Sichtweise auf die Kirche (zu der es eine aus der Phänomenologie befeuerte, ebenfalls wunderbare und in jeder Tradition der Kirche stehende Entwicklung der Philosophie des Trinitarischen gibt, mit Proponenten wie Erwin Schadel oder Heinrich Beck) schon vor Jahrzehnten zu entwickeln beitrug, war der heutige Kardinal KASPAR. Und der gilt nun als eine der maßgeblichen Figuren, um die Position der Kirche in der Frage der "Wiederverheiratung" - analog zum Papst, und auch das hat nachweisbare Zusammenhänge mit dessen Entwicklung und "Spiritualität", schon in Argentinien - in eine Richtung zu verändern, die Schockwellen auslösen könnte, nach deren Auswirkung kein Stein mehr auf dem anderen bleiben würde.

"Vergißt" man aber bei dieser - noch einmal: wirklich großartigen, auch die geistige Welt des VdZ zunehmend bestimmenden - Theologie einige ihr "außen" liegenden Aspekte (die in Wahrheit - Balthasar hat dies an sich recht gut auch schön ausgearbeitet - sehr wohl "innen" liegen) so wird sie zur völligen Entgrenzung. Und wendet sich gegen ihre ursprüngliche Intention! Das heißt: Sie wirkt auflösend, ja zertrümmert die Substanz des Glaubens, weil sie sie völlig in die Subjektivität zurückwirft. Genau das, was Martin Luther passiert ist bzw. was er vollzogen hat.

Wollen wir es vorerst dabei belassen. Aber unter diesem Aspekt wird das Handeln dieses Papstes in den Augen des VdZ tatsächlich allmählich verstehbar, und zwar GERADE in ihrer Verwirrtheit. Und diese Verwirrung ist Absicht. Denn sie soll von der Lehre der Kirche ABLÖSEN, sie soll falsche (ob sie falsch sind und wieweit, ist ein anderes Problem) Gewißheiten erschüttern, und zu diesem eigentlichsten und tiefsten Christentum führen. Und dies zu bewirken, gibt sich der Papst ja redlichst Mühe. Und auch er scheint aber diese erwähnten Faktoren verloren, noch mehr: nie besessen zu haben ... lassen wir das aber.

Technisierung, Vergegenständlichung dieser Leitbegriffe - Aktualität und Stellvertretung - sind Kennzeichen dieser Fehlinterpretation. In der auch das päpstliche (befreiungstheologisch durchwebte) Wort von der "Option für die Armen" wurzelt.

Holt man nämlich aus diesen theologischen Ansätzen, wie sie grob hier dargelegt wurden (in der Hoffnung, dem Leser würden damit wie dem VdZ Zusammenhänge erkennbar; Sprache kann eben nur verweisen), einige ihrer Merkmale heraus, dann wird plötzlich so etwas wie "theologische Wurzeln" des Bergoglio-Papstes erkennbar. Dann wird seine groteske Taktik der Verwirrung tatsächlich zum Konzept, oder eher: zur Strategie, zur Absicht. Die Frage ist nur: Zu welchem wirklichen Zweck!? Aus welchem wirklichen Motiv? Mit welcher wirklich werdenden Absicht? Mit welcher realen Wirkung?

Die Meldung von der zweiten Ehe des Diego Maradona könnte also sehr wohl auf Tatsachen beruhen. So, wie sie dasteht. Als zweite Ehe, vom Papst offiziell sanktioniert. Und sei es nur: "gesegnet". Welch Letzterer zudem ja wohl nicht davon ausgegangen sein wird, daß der argentinische Diamantflinserlträger (Maradona, nicht der Papst), dem nur die Medien bleiben, um sich zu vergewissern, daß er überhaupt noch existiert, in einer kleinen, intimen Kapelle, nur unter engsten Vertrauten, mitten im dunkelen Dschungel heiraten wollte, um nachher zurückgezogen in trauter Zweisamkeit mit seiner nun aber wirklich wirklichen Ehefrau (die garantiert KEIN Luder ist) in einem kleinen Vorort von Pinto Jeffe zu leben, wäre da nicht die pöhse Weltpresse gewesen ...

Punkt.

Ihre Signalwirkung - man lese nur die Leserreaktionen unter dem Artikel, sie geben erste Einblicke auf die Wirkung dieser Meldung, und auf die Kreise, in denen sie wirken wird oder würde - wäre aber eine Katastrophe. In der jedes Kind mit dem Bade ausgeschüttet wäre, und nicht mehr hineinpassen wird. In der der Katholizismus nämlich schwerstens geschädigt würde. So wie es passiert, wenn man aus dieser oben skizzierten Theologie einige Rosinen herauspickt, die man ins Ganze nicht zu integrieren vermag, um sich daraus eine zwar nicht rundum konsistente, aber ungemein wohlklingende, aktuell wirkende Theologie - mit fundamentalen Löchern aber - herauszufischen. In der alles Konkrete der Wahrheit aufgelöst, diese zur bloßen Aktualität reduziert würde.

Sogar Hegel in seinen Überzogenheiten der Dialektik hört man hier heraus. Und schon die Theologie Johannes Paul II. - was rede ich; die ganze Kirche, wie in ihren liturgischen Entwicklungen erkennbar, etc. etc., in der das Faktische zum Wirklichen wurde, das Gestalthafte seine Wahrheit verlor, durch Aktualistisches, Erlebtes ersetzt wurde, die Sprache die Sprache verlor, aus der nur sie leben kann - legte die Rutsche dazu. Ja, man könnte durchaus die Linie zum "Neo-Arianismus" legen; die Affinität zum Islam (der wirkmächtigsten Frucht des Arianismus) kommt sowieso nicht von ungefähr. Denn diese "Rosinen" münden zwangsweise in einem Widerspruch, und damit in einer Entgöttlichung Jesu Christi, in einer Ent-Stellvertretung der Stellvertretung, in einer Ent-Wirklichung der Wirklichkeitsaktualität.

Doch vielleicht braucht es das, und vielleicht braucht es solche plakativen Ereignisse wie der "zweiten Ehe des Diego Maradona", der wieder kirchlich heiraten durfte, weil seine erste Frau ein Luder war, wie nun die Welt weiß - weil sah. Und verständnisvoll mit dem Kopf nickt.

Vermutlich braucht es solche Dinge, um wenigstens manchen Katholen die rosa Brille vom Gesicht zu schlagen, vom Papismus zu heilen. Die sich bislang hartnäckig weigerten, die Wahrheit zu sehen, und mit propagandistischem Fanatismus in vertrockneten Erbsen Goldkörner sehen wollten.

Aber vielleicht kommt sie ja noch, die Erklärung, wie das denn nun eigentlich vom Papst gemeint sei. Denn vielleicht weiß er ja längst etwas über die Ergebnisoffenheit der Familien-Synode, das wir Dummstis nie wissen können. Und vielleicht kommt sie noch, die Erklärung von Diego Fußballgott. Und wie sollen wir Gemeine überhaupt wissen und beurteilen, was Götter unter sich, gewissermaßen, ausgeschnapst haben. Wer sind wir denn, um zu sehen, was wir sehen, und nicht, was wir sehen sollen. Die wir auch nicht wissen, daß man über solche subtilen Dinge des Gewissens doch immer diskret schweigt. Womit ganz gewiß auch das Schweigen kirchlicher Einrichtungen erklärt ist.


Morgen Teil 3) Die Bemerkung - Ein möglichst knapper, anschaulicher Anriß, 
warum der Priester und schon gar der Papst 
kein "Mensch wie ich und du" sein kann und darf



*080915*

Samstag, 17. Oktober 2015

Die Ehen des Diego Maradona (1)

Es ist nicht Moralismus, der diese Meldung in dieses Blog bringt. Es ist einfach ... Neugierde. Und gewisses Staunen. Da berichtet nämlich Die Presse, daß der Papst die Trauung von Diego Maradona vornehmen werde. Nun wäre das keines großen Aufhebens wert - soll er halt. Nur erzählt die Presse auch, daß es sich hierbei um eine Sensation handele. Denn - Diego Maradona IST BEREITS verheiratet. Damit wäre diese Eheschließung, noch dazu unter Vorstehung des Papstes, ein wahrliches Signal. Und damit hätte die Presse, die diesen Artikel in einem hämischen Unterton bringt, natürlich recht. Das wäre eine Sensation.

Einige Zeit hat der VdZ also beobachtet, ob und wie irgendein anderes, eher "kirchliches" Medium diese Nachricht bringt. Oder ob irgendjemand sich die Mühe macht zu erklären, daß die Ehe des Diego Maradona annulliert worden sei, also gar nie bestanden habe. Oder gar der argentinische Fußballgott auf der Bildfläche mit erklärenden Worten erscheine.

Seltsam. Da war nichts. Nicht bis zum 8. September, an dem dieser Artikel verfaßt wurde. Keine Richtigstellung, die erkläre, daß Maradonas erste Ehe nie bestanden hätte, keine Stellungnahme des Vatikans, wie der bekannt etwas voreilige, schusselig-gefühlsbewegte Papst es diesmal gemeint habe, der da nun eine Zweitehe sanktioniere, keine "journalistische Interrogation" eifriger und detailverliebter Vatikankorrespondenten, nichts. Sendepause. Auf allen frommen Kanälen.

Offenbar auch keiner aus den spätgotischen Hallen der Bischofskonferenz. Eines barocken bischöflichen Sekretariatslakeien. Gut, daß dort keiner die Zeitungen liest ist noch verständlich und erklärt viel. Aber hat das nicht einmal irgendeine Schnapsnase aus dem Büro des Nuntius gelesen, der die Presse nämlich liest, wie der VdZ aus eigener Erfahrung weiß? Null Reaktion. Niente. Nada. 

Das macht stutzig. Denn die Milch IST ja bereits verschüttet, und rinnt dem Corpus Zeitgeist an den Flanken runter. Oder schweigen sie alle aus einem bestimmten Grund? Wissen sie, was Strohköppe wie wir nicht wissen? Abgesehen von denen, die so etwas sowieso nicht wissen wollen, man denke nur an Evangelisierungsdivisionen und Politbüros der Superfrommen.

Immerhin fand sich diese Meldung nicht im Blättchen zum kleinen Kämmerlein, das außer vom Portier des Wadschunkengymnasiums in Psystrek bei Rudnik von niemandem gelesen wird, sondern in der Presse.  Dem größten der zahlreichen großen selbsternannten Qualitätsblätter Österreichs. Und die hat es ja gewiß auch von einer Welt-Agentur, und nicht aus dem trauten Plausch mit Diego persönlich, den ein urlaubender, pickelbeschwerter Publizistikstudent aus Wien zufällig in einer Trattoria in Napoli traf, als der bereits acht Tequila gefrühstückt hatte, welch ersterer sich nun auch mal an einem Artikelchen in einer österreichischen Qualitätszeitung versuchte. Denn der Artikel war immerhin auch nicht von jenem Prunzhuber mit dem Kürzel DN gezeichnet, den die Presse für gewöhnlich aufbietet, um auf jeden Fall auch in der Kirchenpolitik kräftig zur Moderne hin aufzumischen, egal ob stimmt was da steht oder nicht, denn der gute Zweck heiligt ja bekanntlich alle Mittel, zumindest in österreichischen Medien und Twitterschwurbelkeulen.

Stattdessen findet sich sogar im selben Artikel - und das scheint gar als Begründung, als Rechtfertigung zu dienen, so muß man es sogar lesen - der Hinweis darauf, daß die erste Frau des einst wirklich begnadeten Fußballers (seine Ballführung war so sensationell, wie sie nie sonst gesehen worden ist, vorher wie nachher; der Ball schien an seinem Fuß zu kleben!) ein Luder gewesen sei. Das ihn bestohlen und betrogen habe. (Was ja öfter vorkommt, als mancher zu glauben meint.) Was zwar alle moralische Berechtigung liefern mag, sich von dieser Frau im Alltag zu trennen ("Trennung von Tisch und Bett"), aber natürlich eine Ehe nicht aufhebt. So tragisch das für den unschuldig Betroffenen auch sein mag. ("Deshalb Augen auf bei der Partnerwahl," pflegt eine Bekannte des VdZ solche Fälle zu kommentieren.)

Warum aber erzählt man das? Warum erzählte es Diego Maradona, denn sonst wäre die Meldung ja nie in die Medien gekommen? Nachtijall, ick hör dir trappsen?

Man darf gespannt sein. Denn in jedem Fall wäre das ein gewaltiges Problem, und sei es ein Vorgriff auf das Ergebnis der Bischofssynode, der verwundern macht. Und die Frage aufwirft: Stehen (oder: standen; denn dieser Artikel wurde am 8. September verfaßt; Anm.) deren Ergebnisse leicht gar schon im Voraus - weil der Papst es will - fest, sodaß diese "Beratungen" nur Farce sind? Darauf ließe nämlich auch ein seltsamer Kommentar des Vorarlberger Bischofs Elbs schließen, den ein österreichisches Nachrichtenmedium der Kirche brachte. Worin der Vorarlberger Geheimnis raunt, daß es bei der Synode betreffs Wiederverheiratete Geschiedene so manche "Überraschung" geben könnte Er zumindest rechne damit.

Elbs rechnet also damit. Er, der gemeinsam mit Erzbischof Schönborn persönlich an dieser Familien-Synode teilnehmen wird.

Aber lassen wir diese Spekulationen, und wenden wir uns wieder unserem argentinischen Plappermäulchen (seine eigene Definition, bitteschön) zu. Denn eigentlich, eigentlich ist so eine Trauung - auch für den Fall der Annullierung - ein programmiertes Mediendesaster. Jede Alternative ist ausgeschlossen. 

IST nämlich Maradonas Ehe annulliert, ist diese Nachricht so unmöglich zu kommunizieren (weil auch das Verständnis für Annullierung weitgehend gar nicht vorhanden ist; die meisten halten sie für eine Scheidung, den ontologischen Sachverhalt verstehen nur wenige). Der wahre Sachverhalt entzieht sich nämlich der Wahrnehmung, er kann nur "kognitiv gewußt" werden. Deshalb richten solche Dinge in den allermeisten Fällen große Verwirrung an, auch wenn sie im strengen Sinn in Ordnung sind. Denn die sinnlich erfahrene Wirklichkeit widerspricht in jedem Fall der kognitiven. Nun ist erstere aber in der Realität entscheidend. (Dazu stelle man sich einfach Kinder vor, in deren Wahrnehmung die Kognition noch kaum eine Rolle spielt; für sie ist der Unterschied überhaupt nicht mehr erkennbar, für sie heiratet der eine wirklich zweimal, sodaß die via sinnlich erfaßtes Geschehen von ihnen erfaßte Wahrheit über Ehe und Familie deren eigentlicher anthropologischer Natur widerspricht.)

Aus diesem Grund ist es eine christliche Pflicht (!), solche Schritte - selbst wenn sie kirchenrechtlich noch so abgesichert sein mögen - möglichst DISKRET zu vollziehen. Sodaß sie meist sogar unter der Pflicht der Liebe stehen, die Pfarre zu wechseln. Denn die Möglichkeit zu verwirren ist einfach zu groß, und vor allem ist sie absehbar.

Ist sie es aber NICHT, ist Maradonas "erste Ehe" nicht annulliert, war sie also nie eine Ehe, dann ist diese "neue Ehe" - eine "zweite Ehe". Damit ist die Unauflöslichkeit der Ehe ganz öffentlich bestritten! Und zwar von niemandem Geringeren als dem Papst selbst. Damit werden und würden aber sämtliche Pfarrer - wenn man nämlich schon von komplexen Gewissenslagen spricht, dann kann das wenn überhaupt nur ein intimer Kenner von Paar und Pfarre auseinanderklamüsern - buchstäblich blamiert und noch mehr: in die Wüste geschickt. So, wie die katholische Weltsicht in die Wüste geschickt wird.

In BEIDEN Fällen wird - einmal per absehbarer Öffentlichkeitswirkung, einmal durch wirklichen Akt - die Sichtweise der Kirche real ausgehebelt. Die Vorbildwirkung wäre katastrophal, die Glaubwürdigkeit der Kirche, mit der es ohnehin nicht mehr weit her ist, in Grund und Boden gestampft. In BEIDEN Fällen wäre die Vorbildwirkung katastrophal, in BEIDEN Fällen wäre die Verwirrung grenzenlos.


Morgen Teil 2) Es wäre kein Zufall. - Ein erster Versuch, 
die theologische Linie des Papstes zu zeichnen - 
Verwirrung als pastorales Konzept


*080915*

Mittwoch, 10. Juni 2015

Form als Ort der Person

Die Frage nach der Person ist nicht durch abstrakte Betrachtung zu lösen, schreibt Guardini. Denn es "gibt" diese "Person" nicht, nicht in Existenz - wenn sie sich nicht in konkretem Dasein äußert, in dem sie selbst - in Selbststand - steht. Das heißt, daß die Frage nach der Persönlichkeit von der Frage der Formalität des menschlichen Lebens niemals zu trennen ist. Person gibt es nur IN der Ehe, IN der Freundschaft, IN der Aufgabe im Beruf, IN der Aufgabe in der Familie etc. etc. Und diese Position, diese Verortung ist eine ontologische Frage, keine eines bloß situativ-relativen Werdens, wie etwa die Philosophin Gerl-Falkovitz immer wieder so gefährlich betont. Erst in dieser ontologischen Verankerung wird das in den zeitlich-relativen Formen verstehbar, ja möglich, und zur Natur. Das Maß der Variabilität bleibt im Akzidentiellen, Zufälligen (als gewisse Variabilität im Aussehen, der Gestaltvarianten), nicht im Substantiellen, so sehr dieses Substantielle sich mit der historischen Gestalt untrennbar verschmolzen zeigt.

Aber Personalität zeigt sich dann gerade darin, daß es diese historische Gestalt, dieses Formale, besitzt, und insofern individualisiert, ALS es der Formalität in der subjektiven Gestalt genügt. Denn dieses Historische ist je der Zielpunkt, auf den hin sich der Mensch zu überschreiten hat, um seine Hoheit als Person, im Selbstbesitz, zu gewinnen. Denn nur so wird er zu seinem freien Selbst - in der Bindung an die Form. Deshalb kann sich die Kulturgeschichte nicht in dramatischen, radikalen Sprüngen darstellen. Sie kann nur behutsam, je auf dem Boden des Überlieferten, voranschreiten, in dem sie das je ontologisch Wahre, Bleibende, die Natur also, je neu als alles durchwirkenden Maßstab (Kategorie) einläßt. Um so in sich zu stehen - als Person.

Als Wissen, daß ich ich bin. Unverdrängbar. Immer derselbe. Unersetzbar. Und zwar genau an der Stelle eines formalen Gerüsts, an der ich stehe. Bleibe ich außerhalb alles Formalen, wird die Personalität gar nicht wirklich, bleibt unerfülltes Drängen, weil alles Ontologische (Wort) nach Wirklichung drängt.

Und damit wird auch klar, daß diese Freiheit als Person, in Personalität, einhergeht mit der Stärkung des formalen Gerüsts, das wir dann als Gesellschaft, Staat, Familie etc. identifizieren.

Umgekehrt läuft der Versuch, Formen des Gemeinschaftslebens quasi "offen" zu halten, ohne formale Definition zu halten, auf eine Auflösung des Personalen als Weltfaktor hinaus. Denn auch das, was für die Person so entscheidend ist - die Beziehung zum anderen - wird zu einer solchen Beziehung erst im Rahmen des Formalen, Begrifflichen, des Namens, "als der und der".

Deshalb ist es auch lächerlich, wie heute von "Beziehung" zu sprechen, wenn man etwa das zwischengeschlechtliche Zueinander meint, das ohne Ehe auszukommen meint. Denn diese Beziehung gibt es gar nicht. Und ihre "Probleme" stammen - man muß nur genau hinsehen und zuhören - sämtlich aus dieser Begriffs- und Formlosigkeit. Die heutigen "Beziehungen", aber auch die vermeintlich "befreienden" Zweit- und Mehrfachehen, sind also simpler Rückfall ins tiefes, rohes Barbarentum, und ihre Mechanismen der Erhaltung bloßes Ausreizen der Möglichkeiten der Selbsttäuschung. Sie treten einander nicht als "Ich und Du" gegenüber, sondern lediglich als Subjekte bestimmter Strebungen, die sie (sich) zu erfüllen trachten.

Und wozu man halt den anderen braucht; die Befriedigungen des je anderen werden zur Konzession aus Pragmatik: man nimmt sich als Werkzeug im Zusammenhang von Zwecken. Für ein in-sich-Zweck-sein, für ein Wegheben der Hände, bleibt kein Platz, die "Beziehung" löst sich augenblicks auf, sie umfaßt die Personalität nicht. Die personale Liebe beginnt nicht mit dem Schritt auf den anderen zu, sondern VON IHM ZURÜCK.

Damit mache ich den anderen erst vom Objekt zu einem Du, und ich selbst trete aus der Haltung des gebrauchenden oder kämpfenden Subjekts in ein Ich. Im Wagnis der Freiheit, zurückgeworfen auf Verantwortung (der Form gegenüber, als Ort der Person), weil die Quasi-Sicherheit der aktiven Haltung (ohne die alles zerfallen könnte) wegfällt. Gibt es diese Formalität aber nicht, die die Definition des Zueinander und damit dieses Zueinander IST, bleibt nichts. Das Zueinander von Menschen drängt deshalb immer zu einer Form. Und seien es (in ihrer tragischen Machtlosigkeit rührende Hilflosigkeit demonstrierende) Ersatzhandlungen wie an Brückengeländern festgenietete Schlösser mit den jeweiligen Initialen. Personales Schicksal entsteht erst dort: in dieser ungeschützten, von keinem Akt aktuell gestützten Offenheit des Du-Bezuges. Das Ich aktuiert sich dort.*

Das Personale, die Person, ist die Durchdringung dieser innernatürlichen Formalität (denn Welt IST gewissermaßen Formalität: was immer IST, ist nur WEIL es Struktur, Form ist ergreift und zugleich ergriffen wird), und ihr Hineinheben in die Größe des Selbstbesitzes eines "Ich", einer Person. Die Grenze der Sprache (der Begriffe) ist damit die Grenze der Welt - denn etwas, das (noch, oder wieder) kein Stein ist, ist ... was? (Man denke das bis zum Atom durch.)




*Deshalb bietet natürlich auch eine institutionell geformte Ehe keine Garantie auf Bestand einer Familie. Aber sie ist trotzdem - weil sie und nur sie direkt mit der Personalität konfrontiert, und sei es über die Unerfülltheit - jeder formlosen "Beziehung" um Dimensionen überlegen, selbst wenn diese in ihrer Zweckhaftigkeit scheinbar größere (materiale) Früchte trägt oder länger hält. Gleichzeitig erklärt sich auch die Beobachtung, daß in einer Ehe fast immer die Frau (aus ihren mehr materialen Geneigtheiten - mater/materia ...) die Schwächere ist, die häufiger als der Mann an den Grenzen dieser personalen Freiheit des Du/Ich kratzt und "Zweckhandlungen" (etwa als "Liebesbeweise") verlangt. Genauso erhellt, wie die Männern meist gut (und gar zu gut) bekannte (und durch Untersuchungen bestätigte) Tatsache, daß Frauen relativ leicht zu Seitensprüngen bewegt werden können, ohne diese freilich zu initiieren. Frauen, die auch das tun, sind eigentlich bereits krank und eheunfähig. 

Worin sich einmal mehr die Tragödie der Ehegerichte der Kirche erweist, deren Proponenten Menschenkenntnis auf oft schon erschreckende Weise abhanden gekommen ist, was gerechte Urteile in Annullierungsverfahren immer unwahrscheinlicher, zufälliger macht. Die ja dennoch und in jedem Fall bindend sind, und zwar als Leidensfaktor genau (und nur) den, der ja schon zuvor der Leidtragende des Ehedefekts ab/prae ovo war. Der VdZ hat aus eigener Anschauung kein Vertrauen in die Fähigkeit kirchlicher Gerichte, außer in offensichtlichen Fällen (die selten sind) Eheunfähigkeit überhaupt zu erkennen.





Sonntag, 7. Juni 2015

Wo die Geisteskrankheit beginnt

Das, was wir landläufig als Geisteskrankheit bezeichnen, hat mit einer Erkrankung des menschlichen Geistes gar nichts zu tun. Es sind Behinderungen des Geistes, ja, Störungen des Trieblebens, des Vorstellungsablaufes, ja, Störungen der Wirklichkeitserfahrung, gewiß. Aber an allen diesen Störungen kann der Geist sogar noch wachsen und reifen. Sie liegen unter ihm, und betreffen nicht seinen eigentlichen, engeren personalen Vollzug. (Damit hängt auch zusammen, daß viele sogenannte Geisteskranke, in Anstalten gar, einen Blick aussenden, der einen in seltsamen Zwiespalt versetzt: Denn man spürt hinter ihrer Verrücktheit einen außerordentlich klaren Geist, der genau weiß, was sich hier im Vordergrund abspielt.)

Eine wirkliche Erkrankung des Geistes ist von seinem Inhalt nicht zu trennen. Er kann sein Leben nicht beliebig führen, ohne daß es auf ihn zurückwirkt. Die wirkliche Geisteserkrankung setzt dort an, wo der Mensch aufhört, nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu streben, wo er aufhört, das Gültige zu suchen, die Wahrheit, die Güte. Erst wenn er davon abgleitet, so schreibt Romano Guardini einmal, wird er als Geist in Frage gestellt.

Dieser Abfall ist nicht schon gegeben,wenn der Mensch irrt, schreibt Guardini weiter. Er ist gegeben, wenn er die Wahrheit aufgibt. Nicht schon, wenn er lügt, auch nicht wenn er häufig lügt. Sondern wenn er die Wahrheit als solche nicht mehr als verpflichtend nimmt. Nicht, wenn er die anderen täuscht. Sondern wenn er sein Leben darauf ausrichtet, die Wahrheit zu zerstören. 

DANN erkrankt er im Geiste. Das muß nicht einmal psycho-pathologische Wirkungen haben, solche Menschen sind sogar oft erfolgreich und wirken kräftig. Trotzdem wäre er krank, und ein nicht nur psychisch, sondern auch geistig sehfähiger Beobachter würde es wahrnehmen.

Wenn er also von der Wahrheit abfällt, dann wird er krank. Wenn er nicht mehr danach strebt, Gott und die Wahrheit zum Inhalt seines Aktes zu haben. Denn die Qualität, die Güte eines Geistes, schreibt Augustinus, hängt vom Wert und Rang des Inhalts ab. Dieser Wert aber, als Ziel, als logos (als: auf etwas hin), ist dem Geist als Aufgabe gegeben, er ist nicht einfach da oder eine Art Schicksal. Es ist Aufgabe seiner Freiheit, diesen Inhalt und Rang zu wählen. 

Der Wertrang eines Geistes bestimmt sich also aus seiner Freiheit, und damit auch sein Wirklichkeitsgrad, seine Wirklichkeitssicherheit und -gefährdung, seine Gesundheit, und seine Krankheit.

Aber der Geist hat sein Dasein nicht aus sich, er hat es empfangen. Und das Sein an sich kann er auch nicht mehr aufheben, nicht durch den schlimmsten Akt, nicht durch die böseste Absicht kann er sich selbst vernichten. Er kann nur in einem nicht endenden Akt auf das Nichts zustürzen (Guardini), ohne es je zu erreichen. Er kann es soweit als wertverneinenden Akt in Frage stellen, daß sein Geist nur noch Träger von Verfehltheit und Verdammnis und Verzweiflung ist.

Von dieser Krankheit kann auch keine Psychiatrie heilen. Sie ist nur durch Bekehrung, durch Umkehr heilbar - als personalem, geistigem Akt. Sie müßte also in einer Sinnesumkehr (logos) bestehen, und das kann schwerer sein als jede psychiatrische Behandlung.

Denn die Person selbst wird nur durch Gerechtigkeit und Liebe gewährleistet. Nicht aber, wenn sie ungerecht handelt fällt sie ab, sondern wenn sie aufhört, nach Gerechtigkeit zu streben. Denn nur in der Gerechtigkeit gesteht man den Dingen ihr Wesen zu (das sie erst zu dem macht, was sie sind), und das Recht, daß die damit zusammenhängenden Ordnungen ihr Recht haben. Und damit ordnet sich auch der Geist - in den Sinn. Denn Gerechtigkeit heißt, die Dinge in ihren Sinnzusammenhang (logos) stellen bzw. haben wollen.*

Dem Menschen ist alles übergeben (Gen 1, 27-30). Nicht als Gegenstand seines Beliebens, sondern als wesenshaltiges Gotteswerk zu treuen Händen seiner Erkenntnis und Ehrfurcht. Das zu sehen und zu bejahen, ist Gerechtigkeit; die erste und alle anderen grundlegende sittliche Haltung. (Guardini, aaO.)


Dort mündet die Genesis direkt auch in den Kulturauftrag als jenen Ort, in dem sich diese Gerechtigkeit wirklicht, die aber ohne Ordnung der Dinge in ihrem Zueinander, ohne konkrete Hierarchie der Schöpfung undenkbar ist. 

Fällt der Mensch davon ab, wird er zu einer Macht (weil ihm die Mächtigkeit dazu natürlich bleibt) - ohne Ordnung. Er wird krank.

Ebenso bedeutend ist die Liebe, schreibt Guardini an anderer Stelle. Denn Liebe heißt, die Wertgestalt im fremden (vor allem im personalen) Seienden zu erblicken; heißt von der Sorge um die Verwirklichung dieses anderen Seienden erfüllt und bewegt zu sein. Deshalb geht, wer liebt, in die Freiheit, weil er von sich und seiner eigenen Gebundenheit weg geht. Freiheit ist also ein Akt bzw. eine Aktmächtigkeit des gesunden Geistes. Und damit kann das Eigene wirklich werden: im Weggehen von sich selbst. Das ist dann gesunder Geist.

Wer also von der Liebe abfällt, der ist es auch, der krank wird. Nicht, wer einmal gegen die Liebe verstößt, oder öfter, oder häufig, oder wer einmal haßt, oder oft, oder einmal selbstsüchtig ist, oder oft. Aber er ist dann krank, wenn er diese Liebe zu etwas Unernstem macht, zu einer Frage von List und Gewalt oder Berechnendheit. 

Er ist krank, wenn er die Unordnung zur Ordnung erheben will, und er ist definitiv böse, wenn er das fordert und für andere durchsetzen will.**

Dann wird sein Dasein zum Kerker, er verschließt sich. Alles verschließt sich. Die Dinge bedrängen. Alles wird zuinnerst fremd und feind. Der letzte, einleuchtende Sinn schwindet. Das Sein blüht nicht mehr.




*Somit erübrigt sich auch jede Diskussion über Gerechtigkeit, wenn man nicht ZUVOR die Frage der Sachgerechtheit diskutiert. Wer meint, letztere zugunsten ersterer ausklammern zu können, will keinesfalls Gerechtigkeit. Aus dem Umstand von Ungleichheit läßt sich also niemals Gerechtigkeit ableiten, eher im Gegenteil ließe sogar Ungleichheit, auch große Ungleichheit, auf Gerechtigkeit schließen.

**Deshalb steht der Fanatismus immer sehr der Bösheit nahe, ohne es aber immer schon zu sein. Denn der Fanatiker ist fanatisch, weil er über dem Nichts Willkürliches zu errichten sucht - ihm ist aber auch das Gute noch Willkür. Das ist sein ontischer Mangel, unter dem er selber am meisten leidet. Aber er ist nicht automatisch böse, lediglich noch nicht gut. Wenn es auch den bösen Fanatiker - aus denselben Konstellationen, aber mit andern Inhalten - gibt, und beim Fanatiker eins ins andere sehr rasch umschlägt.



***

Freitag, 5. Juni 2015

Formung des Instinkts

"Erziehung bedeutet ja zu einem guten Teil nichts anderes als durch geistigen Einfluß die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß instinktiv das Richtige geschieht."


Romano Guardini, in "Welt und Person"







***

Samstag, 9. Mai 2009

Spiel und entfaltete Leiblichkeit

Selten habe ich so klar, einfach verständlich, und doch umfassend, auch in der Tiefe, etwas über die Kirchliche Liturgie gelesen wie in dieser Zusammenfassung (Autor: Stefan Baig, Zenith) eines Vortrags der Dresdener Religionsphilosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitzs. Aber lesen Sie selbst.

... Gerl-Falkovitzs Betrachtung der Liturgie geschah hingegen aus anthropologischer Perspektive. Dabei stützte sich die Religionsphilosophin auf Romano Guardinis Klassiker „Vom Geist der Liturgie", dessen Kapitel „Liturgie als Spiel" Ausgangspunkt ihrer Ausführungen wurde. Im Zentrum ihres Vortrags stand „die spielerische Entfaltung der Leiblichkeit". Um die heilende Wirkung der Liturgie zu betrachten, wurden zunächst die verschiedensten Tätigkeiten des Lebens betrachtet, und zwar im Hinblick auf die Unterscheidung von Zweck und Sinn.

„Im Zweck ruht das Tun nicht in sich selbst, sondern wird als Durchgang auf ein anderes Ziel hin getan: Lernen, um die Prüfung zu bestehen. Sinn aber lässt den Schwerpunkt des Tuns in ihm selbst aufleuchten: Lernen, weil es Freude macht." Während der Zweck ein Ende in der Zeit habe, gebe es auch Vorgänge, deren Sinn nicht mit ihrem Ende abgeschlossen sei. Gerade die wesentlichen Vorgänge des Lebens seien zwecklos, aber sinnvoll. Liebe zum Beispiel sei eine selbsttragende Handlung ohne „um - zu". Ebenso gebe es auch den absichtslosen, kontemplativen Blick, in dem das Individuum frei werde, sich selbst mitzuteilen.

Die Liturgie verfolge wie jedes wirkliche Kunstwerk keinen unmittelbaren „Zweck", sondern trage ihren Sinn in sich. Dieser Zug begründe auch die Schönheit der Liturgie: „Sie hat weder erzieherische noch absichtsvoll künstlerische Aufgaben, ihr tiefster Sinn ist einfach ‚Schau', und zwar Schau von Gottes Herrlichkeit, die Leiden und Kampf einschließt."

Der Sinn der Wirklichkeit erschließe sich über den Leib. Gegenwärtig geschehe in der Anthropologie eine Neuentdeckung des Leibes. „Der Leib ist in ein Spannungsgefüge einbracht. Das, was ich nach außen spiele, erfahre ich auch innerlich." Gerl-Falkovitz beschrieb mit Guardini verschiedene körperliche Haltungen. Das Liegen etwa sei „gesammeltes Ausgegossensein", Stehen „schwingende Ruhe".

In der Liturgie finde ein leibhaftes Spiel statt. „Der Schwerpunkt ist oben. (...) Es ist dieses wunderbar in sich Ruhende und den Blick Öffnende, das die Liturgie zur Quelle eines Ankommens im Sinn macht und über Verzweiflung hinausführt, bis in die leibliche Erfassung und schwingende Ruhe hinein." Auch für das leibhafte Spiel in der Liturgie lieferte die Vortragende eine phänomenologische Beschreibung: „Zweckfrei sich ausströmendes, von der Fülle besitzergreifendes Leben, sinnvoll in seinem reinen Dasein."




*090509*