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Dienstag, 8. März 2016

Die Welt wurzelt im Tanz

Das Fest, das Ritual, die Initiation, in dem immer etwas beginnt weil etwas Vorangehendes fertig ist, ist weit mehr als bloßer netter Tand, mit dem der Tag gefüllt und die Lebensgalle angezuckert wird. Sie sind die Elemente, die überhaupt erst irdische Zeit UND DAMIT WELT SCHAFFEN. Sie gliedern die Dinge, die sie aus der Taufe heben. Erst über diese Gesamtheit eines Ereignisses gliedert sich menschliche Erinnerung, und über sie die menschliche Persönlichkeit über in einer Beziehungsstruktur definierte Inhaltsfülle.

Die Verweigerung von Initiationsriten, wie sie heute zu beobachten ist, die Verweigerung tradierter Kulturmomente - allen voran ist die Ehe zu nennen, sie zieht eigentlich alle weiteren Formen nach sich bzw. enthält sie, bis hin zum Staat - zieht also auch die ganz subjektive Persönlichkeitsbildung in schwere Mitleidenschaft, weil sie verhindert wird. 

Der ritenlose Mensch ist ein gar nicht "bestehender" Mensch. Er bleibt ein zeitloses, ungeformtes Konglomerat aus ungeordneten Zufälligkeiten. Rosenstock-Huessy unterscheidet drei dieser Weltschaffensmomente, drei Festeskreise: Den der Familie (als Haus begriffen), den des Staates und der Öffentlichkeit (Beruf), und den der Religion mit dem Pol des Jahreskreises, je mit anderen den Ryhthmus (und damit Welt) bestimmenden Autoritäten: Den Vorfahren, der öffentlichen Kultur, und Gottes als Schöpfer und Erhalter, der zugleich auch den äußersten Rhythmenkreis (Jahreszeiten etc.) vorgibt.

Der Bestand dieser Lebenskreise "als Weltsein", die tief und existentiell ineinander an einer Mitte geschnitten und im Wirken ineinander verkettet sind, hängt direkt davon ab, ob in ihren laufend wiederholten, rhythmisch-regelmäßigen und anlaßverhängten Festen ihr Idealbild (als Welt) wieder aktualisiert, das Ewige der Idee (Geist) also präsent wird und im Gedächtnis bleibt, und DAMIT Welt bleibt. Was in diesen Bildern deshalb enthalten ist ist das, woran sich die Dinge in ihrem weiteren Verlauf nähren (oder ... woran sie zugrundegehen, weil z. B. weltimmanent sind.)

Stürzen die Feste, stürzen die Erinnerungen, stürzen die Riten, stürzt der Gehorsam ihnen gegenüber - dann stürzt die Welt und wird zum geistlosen Chaos.

Im Fest aber vermählen sich im "Enthosiasmos" (im "voll des Gottes sein") Himmel und Erde, Geist und Materie, Heiliges und Mensch je neu, um Welt hervorzubringen. Das Wesen der Welt ist also Hochzeit.


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Es wird zuweilen viel über eine "Neue Weltordnung" (New World Order) gesprochen. Wir werden sie und ihre Natur an den Festen und Riten erkennen. Denn die gehen jeder Ordnung voraus, weil sie sie setzen.




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Mittwoch, 12. Februar 2014

Eheziel Gestalterfüllung

Das Erschreckende am Verschwinden der Ehe  - und davon muß man bei dieser Generation sprechen - ist nicht ein irgendwie moralistischer Aspekt. Das sind bestenfalls zweit- oder drittrangige Argumente. Auch das Argumentieren vom Zweck her greift immer zu kurz, und ist nur Ausdruck der Hilflosigkeit. Auf argumentativer Ebene ist die Ehe so gut wie gar nicht zu "begründen". Nicht, weil sie das nicht wäre, sondern weil um sie auf diese Ebene aufzulösen ein ganzes Weltbild in seiner tiefsten metaphysischen Tiefe rational verstanden werden müßte. Eine kaum je gegebene, noch weniger zu erwartende Voraussetzung.

Die Ehe verschwand ab dem Moment, an dem man sie als selbstverständliche Institution in Frage zu stellen begann, sie begann auf Funktionen und Zwecke aufzulösen. Es ist der Verzicht einer Kultur auf Gestalt, und weil die Ehe so tief beim Einzelnen ansetzt, ist die allmähliche Auflösung der Ehe der direkteste Triebstollen, der eine Kultur von innen heraus zersetzt. Alles das vorbereitet durch die Umkehr der Blickrichtung - vom Außen auf das subjektive Innen als Taktgeber des Wirklichen.*

Das bei der Zivielehe begann, über Scheidung bereits disponierbar wurde, über den Feminismus- und Gendergedanken seine wirkungsvollste Keule der Persönlichkeitsentprägung gewann, und in der "Homoehe" seine vermutlich letztmögliche Verdunstung erfährt. Individualentwicklung ohne Gesamt einer Kultur ist aber unmöglich, nicht von einander zu trennen.

Entsprechend ist alles, woraus sie als weltschaffende Wirklichkeit schöpft, ein reales Symbol der ersten Weltkräfte, auf der - nicht VOR der - selbst die Kirche ruht, die in sich dieses wirkmächtige Symbol, nur auf andere Ebene, ist. Die Ehe ordnet vor allem das Zueinander der Einzelnen, damit die ersten Züge einer Individualität überhaupt, in der Geschlechtlichkeit, und sie tut es nicht einfach von innen heraus, sondern als den Einzelnen wie die umgebende Gesellschaft gleichermaßen umfassendes Ordnungsbild. So, wie alles Leben der Vollzug eines Bildes ist. Die Bilder, die "ideas", sind das Leben des Seins selbst.

Wenn junge Menschen "einfach so" zusammenleben, so gibt es nicht einmal mehr dafür "Argumente", die über einzelne Funktionen hinausreichen. Die aber niemals begründen können. Nicht einmal das "Zusammenleben", die "Beziehung", an sich schon ein völlig nichtssagendes Abstraktum, und nicht zufällig. In Wahrheit drückt sich in diesem Drang zum Zusammenleben, der erstaunlicherweise immer noch da ist, eine nicht mehr faßbare Ahnung aus. Vor den wirklichen Konsequenzen aber, die ja tief persönliche Veränderungen einschließen würden, schreckt man dann zurück. 

Die Weigerung zu heiraten, die Unmöglichkeit, in einer Ehe noch einen Sinn zu sehen, bezieht sich also auf die Gestalt. Und in diese allgemeine Gestaltverweigerung eingebettet, die der sicherste Zug zur Auslöschung der Kultur ist, aus ihr motiviert, ist auch die Ehe nicht mehr vorhanden. Was die Menschen auszeichnet, ist genau das: Ihren Lebensvollzug sehen sie nicht mehr in Gestalten. Nur noch in einzelnen Funktionen und Partialerfüllungen, die eines gemeinsam haben: sie sind ... kontrollierbar, sie sind meßbar, "Erfolg" definierbar. Was alleine schon ihren unschöpferischen, monistischen (von einer rationalen Idee gelenkten, entlebendigenden) Charakter zeigt.

Dazu sind einfach die konkreten Charakterformungen nicht mehr vorhanden, denn der faktische Grundansatz der Gegenwart ist das genaue Gegenteil der Wurzel alles Schöpferischen - das Kreuz steht hier gegen die Anleitung, sich die Lebensfrüchte selbst zu holen, die sich genau in dem Maß entziehen, in dem man sich nach ihnen bückt. Die Zweitwirklichkeiten, die losgerissen vom Sein selbst sind, sind unser Lebensmetier geworden. 

Aber alles schöpferische Werden und Tun ist ein tiefes Geheimnis, das sich der menschlichen Machbarkeit entzieht. Deshalb kann auch die Ehe nur funktionieren, wenn sie "einfach so", als Bejahung der vorgegebenen Gestalt, entgegengenommen wird**, als Grundkonstellation die in der Gestalt - in keiner Funktion, in keiner moralischen oder noch so gut gemeinten subjektiven Absicht - enthalten ist (samt allen Folgen***), und sich auf eine als Ehe allgemein erkennbare, definierte Gestalt bezieht. Wer verheiratet ist, kann deshalb nur diese Gestalt wollen, sonst eigentlich schon gar nichts, dort liegt das Wesensbild der Ehe. Wenn aber die Gestalt nicht mehr da ist - ist auch keine Ehe mehr da.




*Was heute im Irrtum zu meinen, Talente "kämen von innen", einen tragischen Höhepunkt zu finden scheint. Tragisch, weil natürlich im Maß der Erfüllung der Invertiertheit genau diese Erfülltheit abhanden kommt, und man sich noch mehr in sich vertieft, um sie zu "finden". Denn Talente - kommen von außen, vom konkreten kulturellen Umfeld. Nur dort erfhalten sie Gestalt. Sie sind im Einzelnen lediglich insoweit verankert, als sich bestimmte individuelle Prägungen von "blinden", unkonkreten Bewegungsbildern angelegt finden, in denen selbst aber keine direkte Aussage über "richtig" oder "falsch" (in Hinblick auf Lebenserfülltheit) steckt. Deshalb ist es ein furchtbarer irrtum zu meinen, eine Kultur würde schlicht vom Innen der Einzelnen gestaltet - sie tut es zuerst von außen her, und tut es später in einem steten Wechselspiel mit vorgegebenen Formen. Ohne ganz konkrete, vorhandene Kultur gibt es also keine Individualentfaltung, sie bliebe blind und ewig unerfüllt. Gerade aber die Reformpädagogiken gehen genau den gegenteiligen Weg. Sie wird noch rascher auslöschen, was der Selbsterfüllung alleine dienen könnte - die konkrete Kultur, wie immer sie aussieht, und wie ramponiert sie immer sein möge. Selbst beim Künstler, der ja nicht zufällig nicht ohne seine faktische (!) Zeit, AUF DIE HIN er sich zu dem entwickelt hat der er ist, zu denken ist. 

**Im Katholischen Raum ist die Ehe sehr stark am individuellen Aspekt orientiert. Im Orthodoxen Raum kommt der Stiftungscharakter der Ehe durch die Gesellschaft (Ekklesia, die Kirche) weit mehr in den Vordergrund, der im Katholischen nicht weniger liegt, aber dort fast aus dem Bewußtsein verschwunden ist. Die aktuellen Ehevorschriften in der Diözese Wien verlangen nicht einmal mehr die Öffentlichkeit durch das sogenannte "Aufgebot". Rosenstock-Huessy schreibt einmal sehr richtig, daß es sogar die HOCHZEITEN sind, auf die es ankommt, weil in ihnen die "Gemeinschaft aller" diese eine Ehe gründet. Hochzeiten sind deshalb einer der grundlegenden Zeitschöpfer.

***Man kann deshalb mit höchster Gewißheit davon ausgehen, daß die demographischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts direkt mit der Stellung der Ehe als Gestalt in den einzelnen Ländern zusammenhängt. Was immer sich deshalb heutige Politik einfallen lassen will, um die "Bereitschaft zum Kind" zu erhöhen, ist deshalb grotesk unwirksam. Und alles, was als "Argument" bei Erhebungen zum Vorschein kommt ("Vereinbarkeit von Karriere und Kind" etc. etc.), ist das hilflose Herumrudern für etwas, dessen Erklärungs- weil Ursachenhorizont schlicht entschwunden ist.

Und die Vergleiche von Ländern zeigen das ja auch, denn was hier scheinbar "wirksam" ist, ist es dort gar nicht, sodaß sich überhaupt kein Schluß aus politischen Maßnahmen ziehen läßt. Weil man eben die wirklichen Zusammenhänge nicht mehr kennt. Weil kennen will. Die Konsequenzen lägen dann völlig woanders, und sind politisch unerwünscht. Europa stirbt aufgrund seiner Ideologien aus, aus sonst keiner anderen Ursache. Und wenn Wohlstand mit Rückgang der Geburtenrate statistisch scheinbar zusammenhängt dann nicht wegen des Wohlstands, sondern wegen der ideologischen Einflüsse, der Verlagerung des Menschen auf Ideologie hin - häufig irrational "Demokratie" genannt - von denen solcher moderner Wohlstand getragen ist. Während ehelos gezeugten Kindern schon ab ovo das Fundament der Weltwerdung in ihrer Erfahrung - und damit der Welt - fehlt.





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Donnerstag, 3. Oktober 2013

Verstaatlichung des Hauses

Die Verfassung des adligen und speziell des königlichen Hauses in allen ihren Entwicklungsstufen bis hin zum ausgebildeten Lehnsrecht, kann als nichts anderes angesehen werden, denn als die inwärtige Gliederung eines Regierungsorgans. In jedem Einzelnen Stamm kommt ursprünglich dieses Organ nur an einer einzigen Stelle zur höchsten Entfaltung, nämlich als Haus des Herzogs. 

Erst nachdem die unfreien Knechte jedes adligen Hauses dem Rang des edelfreien Gesindes der Herzöge sich genähert haben, verliert das Herzogshaus seinen privilegierten Charakter. König und Herzog, Markgraf und freier Herr erwerben ihre Landeshoheit, d. h. eine Herrschaft, welche den Namen der Regierung verdient, deshalb, weil sie einem Herrenhause vorstehen, weil die Volksgemeinde Häuser aussonder als die Werkzeuge  staatlicher Betätigung. Alles Zubehör dieser Häuser darf ipso iure zur staatlichen Ordnung herangezogen werden. 

Neben die Häuser des Adels treten als solche Herrschaftsorgane die Häuser "Gottes". Denn Gotteshäuser benennen die Deutschen die Herrschaftskirchen, die einen eigenen Hausherrn haben, zum charakteristischen Unterschied von den bloßen Pfarrkirchen. 

Hingegen ist der Graf als solcher nur Werkzeug eines fremden, nämlich des herzoglichen oder kölniglichen Hauses. Und so wird aus der Gaugrafschaft, dem nicht vom Volk, sondern aus des Königs Hof abgeleiteten Amt, niemals eine Hausherrschaft, eine Landeshoheit. Kein Graf ist auf Grund seiner Grafschaft Reichsfürst geworden. Und die Landgrafen des Südens setzen den Gaugrafentitel ihrem "neugräflichen", d. h. von einem Schloß, einem "Haus" und Handgemal abgeleiteten Titel nach. (Eugen Rosenstock-Huessy, in "Volksrecht und Hausherrschaft")

So zeigt sich, wie die "Objektivierung" des "privaten" Hauses zum Staatsinstrument, und damit die Verrechtlichung und Verstaatlichung der Hausordnung, schon in seinem Ursprung (aus der Stammeswahl) angelegt war. 




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Samstag, 28. September 2013

Anfänge des Reichs

Man wird, schreibt Rosenstock-Huessy in seiner Untersuchung "Königshaus und Stämme", den Begriff des "Reichs" nicht verstehen, wenn man es sich in seinem Anfang als ein Gebilde vorstellt, in das man sich den König hineindenkt. Es war im Anfang nicht territorial zu verstehen, sondern nur personal, und insofern war das "Reich" ursprünglich der Gewaltbereich des Hausherrn, der despotische Macht darüber hatte. 

Das alte Stammesrecht der deutschen Völker war rein personenbezogen, und wo die Personen waren, da war das Reich, da war ihr Haus. Prinzipiell unabhängig von Ort und Boden. Ein Herr war ein Herr über Personen, nicht über Land.

Erst allmählich hat sich dieses "Haus" mehr und mehr verdinglicht, verselbständigt, ist im Bewußtsein von der Person auf das (durchaus dingliche) Haus und später Land gewandert. Und allmählich haben sich die Mitglieder dieses Hauses - im Reich in seinen vier Grundfunktionen, dem Seneschalk, dem Truchseß, dem Kämmerer, dem Mundschenk - ein abstraktes Recht erbildet.

Aber die Loslösung von König und Haus war von Anfang an angelegt, denn er König WAR das Haus, und gleichermaßen war bald das Haus der König, bis der Haus selbst König war, unabhängig von der Person des Königs. Solcherart verdinglicht, hat es die Person nicht nur überlegt, es war im Bestand unabhängig von ihm.

Im selben Zug hat sich das Lehnswesen daraus entfaltet. Aus einer rein hausinternen Dienstbarkeit und Unterstellung unter einen despotische Hausherren, der keinem externen Maßstab unterworfen war, der jede Willkür ausüben konnte, hat sich allmählich ein Lehnsrecht entwickelt. Und in all dieser Rechtsentwicklung hat sich ein abstrakter Begriff des "Reichs" herausgebildet, als Rechtskörper außerhalb aller persönlichen Bezüge und Willkür. Aus Huld wird Recht.

(./) Der Begriff des Landes wird gesteigert zum Gebiet, erfüllt sich mit solcher rechtlichen Kraft, daß die Stammlande eingehen können in die größere Verfassung des Reichs. Die "Länder" ersetzen den fehlenden Staats- und Organbegriff; die Zeit ringt sich au der Gefahr der Tyrannei, die wahrlich dringend genug damals war, ein für allemal durch das einzige Mittel los, das dem anschaulichen Begreifen der Altvorderen zu Gebote stand. Neben der Macht des Herrn gibt es nun ein Recht seines Hauses, das auch gegen ihn selbst wirkt. Soweit man dem "Hause", dem "Reiche" Rechte gab, soweit nahm man sie dem "Despoten".

In dem Augenblicke, in dem das Lehnwesen sich mit den Trägern der Volksrechte, den Stämmen, abgefunden hat, d. h. mit der Bildung des Reichsfürstenstandes unter Barbarossa, ist sofort das Vordringen des Lehnwesens aus seiner einheitlichen Wurzel, dem Königshaus, beendet, und nur Ableger des Reichslehnrechtes, nicht dieses selbst, sind es, die nun im kleineren Kreise noch einmal die Entwicklung wiederholen.

Nun ist der "Feudalismus" kein Machtmittel mehr in der Hand des Herrn; dieser befindet sich auch hier in der Welt des Rechts, statt in der seiner Gnade und Beliebung. (/cit.)

Und damit holt das später "Privatrecht" genannte Recht im 12./13. Jahrhundert lediglich einen Rückstand auf, denn ein öffentliches Recht als Volksrecht der Gemeinde der freien Männer in Dorf, Gau und Land, gab es seit je ungebrochen. Aus der rein von Sittlichkeit getragenen Hausordnung wird gleichfalls eine Rechtsordnung. Und das fast zwangsläufig, weil der Bruch nicht, wie oft angenommen, zwischen Freien und Unfreien ging! Jeder Knecht, jedes Hausmitglied war AUCH Teil des Volksrechts.


*280913*

Mittwoch, 28. August 2013

Hausinterna der Königshäuser

Im alten germanischen Königsrecht (von deutsch spricht im Mittelalter niemand, das Wort ist unbekannt) steht der König als "abstraktes" Vorsitzamt den Stämmen gegenüber. Und er tut es als vorsitzender eines Hauses. Königtum ist nicht an die Person gebunden. Es ist eine Frage des Hauses, dessen Vorsitzender damit auch König ist. Niemals, schreibt Rosenstock-Huessy (und er weist es überzeugend nach) ist diese Gebundenheit je bezweifelt worden. Nur wenn der König in seiner leiblichen Nachfolge über einen Sohn zweifelhaft war, und damit sein Haus, war die Königsmacht zweifelhaft. Kein Fürst hat das je angefochten. Es war lebendiges Recht.

Damit war auch die Regelung der Nachfolge eine hausinterne (!) Angelegenheit des Königshauses. Auch das war rechtlich nie angefochten. Und der König mußte seinen Nachfolger zu Lebzeiten bestimmen. Was er darin tat, als er einen Sohn auswählte, der von nun an auf dem Schemel seines Hochstuhls Platz nehmen durfte oder sollte. Als Zeichen der Kontinuität.

Dem Volksrecht völlig gleichgültig war auch die Salbung oder priesterliche Einführung des Königs. Es war in doppeltem Sinn eine hausinterne Angelegenheit: Einmal wegen des erwähnten Umstands, und dann, weil bis zum Investiturstreit die Bischöfe und Kleriker Beamte des königlichen Hauses waren! Sie hatten keinerlei rechtlich selbständige Position innerhalb des Volkes! Was der König ihnen also zuerkannte, an Gütern, an Aufgaben, an Positionen, waren rein hausinterne Angelegenheiten.

Das betrifft sämtliche Angehörige des königlichen Hauses, sämtliche Beamte. Und diese hausinterne Stellung wurde durch das Lehnswesen geregelt! Niemals hätte sich ein Außenstehender in diese Angelegenheiten eingemischt. Es gab kein Volksrecht dafür. Nur - Hausrecht. Die Thronfolge war eine hausinterne Angelegenheit. Der König wählte den unter seinen Söhnen, den er für den geeignetsten hielt. Eine Reihenfolge nach dem Alter gab es da nicht. Und er wählte meist früh, um Probleme zu vermeiden: unmündige Thronfolger waren häufig. Wurden sie in den Stand des Thronfolgers gehoben, wurde dies (wieder: hasuintern) durch Zeremonien dargestellt und damit gestalthaft gemacht, für die Hausmitglieder (mitsamt Hofadel und Klerus) gesetzt. Er wurde auf den Schemel gezogen bzw. geholt.

Alle anderen Söhne waren keine Könige. Sie hätten ein eigenes Haus dafür gründen müssen. Und dieses Haus wiederum war nur aus dem Stamm heraus begreifbar: Nicht das Individuum war im Außenverhältnis rechtsfähig, sondern das Haus in einem Stamm und dessen Recht. Das Herrschertum selbst war ja an einen Stamm gebunden: bei den Germanen den der Franken, dem Herrschervolk über die unterworfenen Völker. Und in diesen wiederum bevorzugt an den Teilstamm der Salier. Daß es mit deren Erlöschen auf die Sachsen überging, zeigt bereits grundlegende Erschütterungen.

Kärntner Herzogsstuhl am Zollfeld
Dem kam es auf die sehr reale rituelle Besitzergreifung des Königsstuhles an. Wie sehr von der Person zu abstrahieren die Königswürde war, drückt etwa der Herzogsstuhl am Zollfeld in der Nähe von Klagenfurt aus, wo etwa ab der Mitte des 9. Jhds. die Krönungen der Kärntner Herzöge stattfanden. Aus dem Schemel wurde nach und nach eine Stufe. Das Aufstehen von diesem Schemel, und der Gang zum Thronstuhl, welches auf ein germanisches Krönungsritual zurückgeht, alles das im Rahmen eines "Erbmahls" ("Totenschmaus", denn diese Thronergreifung - binnen 30 Tagen in Deutschland - hing ja mit dem Tod des Vorfahren zusammen), wurde später fixer Bestandteil der Königskrönungen nicht nur in Deutschland, in der einen oder anderen ähnlichen Form ist er auf der ganzen Welt nachweisbar. Wer sich an liturgische Abläufe in der katholischen Hl. Messe erinnert fühlt, möge dies tun.

Auch die Salbung fällt darunter: sie war eine hausinterne Angelegenheit, durchgeführt durch einen Bischof, der ein Hausbeamter war, dem König selbst unterstellt. Für die Geltung im Volk war sie rein rechtlich gesehen deshalb belanglos, wenn auch zunehmend von (aber anders gearteter) Bedeutung. Der Klerus hatte keinerlei Stellung in der Volksordnung selbst. Was also ab  dem 11. Jhd. einsetzte, war ein Kampf der Kirche gegen die Umklammerung durch die weltliche Macht. Rom als Papstsitz war ja zu dieser Zeit kulturell und politisch bedeutungslos weil in den vorangegangenen Jahrhunderten völlig heruntergekommen.

Ein Verlust der Königswürde außerhalb des Erlöschens mangels leiblichem Nachkommen gab es ja viel rascher, als uns heute erscheinen mag. War der König ungerecht, verstieß er - in seiner Außenhandlung - gegen das Volksrecht, verlor das Haus (!) im Beschluß der jeweiligen Stammesherzöge (die an sich wieder Könige waren) die Königswürde. DANN wurde neu gewählt. Und hier setzt die Bedeutung des religiösen Elements ein. Sie hat später viel Unruhe gestiftet, denn rein rechtlich war auch ein gebannter König - König. Das hätte niemand je bezweifelt. War er aber dann noch gerecht?

Damit fällt auch das Erbrecht und das Nachfolgerecht auseinander. Denn Erbe war jeder leibliche Nachkomme bzw. auch jeder Hausangehörige. Erbe war an sich Aufteilung. Das Königtum aber war unteilbar. Hier gibt es keine "Erbfolge", diese Begriffsverwirrung hat sich erst später eingeschlichen, als die Dinge sich durch immer komplexere Lehensrechte (also hausinterne Regelungen), aber auch durch zahlreiche Rechtsbrüche und deren Folgen verkomplizierten. Hier gibt es nur "Bescheidung" (designatio) durch den König.

Je mehr die Königswürde von der leiblichen Nachfolge später abrückt, desto mehr muß sie "ersessen" werden. Zwei, oder drei Tage lang mußte der Herrscher am Königsstuhl sitzen. Der "Busen" (die leibliche Nachfolge) besitzt, jeder andere ersitzt.

Rosenstock-Huessy räumt eben auch mit dem Irrtum auf, daß der König immer gewählt worden wäre. Dem war nicht so, das kam erst später. Zahlungen, die u. a. als Beleg dafür angeführt werden, hatten nie - nicht im Mittelalter - diesen Charakter der "Bestechung", der Gefügigmachung, sondern waren völlig normale "Bezahlungen", weil jede Seite ihre Pflicht erfüllt hatte, wie sie sich aus der unbestrittenen Rechtslage ergab. Das Recht der Königsnachfolge in einem einmal erwählten Haus hätte niemand je bestritten. Es war in seiner Struktur ja nicht "Sonderrecht", sondern regelte jedes Haus, jede Familie, das Leben der germanischen Stämme und Völker überhaupt.

Erst nach und nach, mit dem späten Mittelalter, der Neuzeit, wanderte die Königswürde vom Haus weg - und der König wird zunehmend gewählt. Und löst sich damit von Haus und Stamm, wird ein ursprünglicher, nicht aus seinem Haus abgeleiteter Erwerb jedes Herrschers. Die Königswürde rutscht gewissermaßen nach und nach in die faktische, individuelle Person des Herrschers ab.




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Mittwoch, 21. August 2013

Herrschaft der Frau

Man geht fehl in der Annahme zu meinen, die Frau wäre im Mittelalter - dessen Rechtsboden sich wiederum aus urdenklichen Zeiten gebildet hat - recht- und einflußlos gewesen. Das stimmt lediglich in der Stellung des gesamten Hauses, im wörtlichsten Sinne durchaus zu verstehen, im Rahmen der Genossenschaft, in der sich dieses Haus befand.

Aber sie war Trägerin der Schlüsselgewalt, und als solcher war sie zu völlig freiem Walten innerhalb der Hausgemeinschaft berechtigt. Nicht nur das, beim Tod des Mannes galt das Haus mit all seinen Rechten und Ansprüchen als fortbestehend, solange ein Sohn vorhanden war. Rosenstock-Huessy zeigt in "Königshaus und Stämme", daß dies weit mehr war als bloßes "Vormundschaft". Es war das tatsächliche Leiten und Regieren, wenn es um Königshäuser ging.

Dies ist bereits bei den Merowingern im 4. Jhd. nachweisbar, und zieht sich durch die gesamte Geschichte des Mittelalters, und natürlich darüber hinaus. Es erhält eine noch schärfere Bedeutung wenn man bedenkt, daß der König ein solcher nur in seiner Außenbeziehung war. 

Als Herzog unter Herzögen, nur als primus inter pares eben, war ihm dort keineswegs bloße Willkür möglich. Es ist wohl auf die jüngere Erfahrung absoluter Herrschaft seit der Renaissance zurückzuführen, daß völlig in Vergessenheit geraten ist, daß sich etwa in Deutschland (mit Österreich) mehrheitlich immer eine landesständische Ordnung vorfand. In der die Bürger auf eine Weise mitzureden hatten, die uns staunen läßt. Denn sie kann sich mit den ausgeprägtesten parlamentarischen Formen vergleichen. Ohne Mitwillen der Regierten, konnte kein König (und in seiner Rechtsstellung war jeder Herzog, als stammesrechtlich verankerter, wenn nicht gewählter Führer, im Grunde König) regieren. Verhielt sich ein König (Herzog) gegen geltendes Rechtsempfinden, war es das Recht der Untertanen, die Gefolgschaft zu verweigern. Seine Herrschaft war also äußerst fragil, und in hohem Maß von persönlichem Ansehen abhängig.

In seiner Macht vollkommen war er nur als Vorsteher eines - Hauses. Und als solcher Eigenschaft heraus hat sich das gesamte Lehenswesen aufgebaut. Denn wer am Glanz des Königs teilhaben wollte, unterstellte sich ihm. Durchaus im Gedanken des "Beamten". Das hieß aber: er trat seinem Hause bei, gehörte fortan durch Versprechen dazu. Bei Städtegründungen zeigt sich dies in seine m Recht, bei Besuchen beherbergt zu werden. 

Ein Lehenswesen, wo Ernährungspflichten auf der einen Seite, Dienstpflichten auf der anderen gegenüberstanden. Gleichzeitig entwickelten sich daraus jene Machtprobleme, die das späte Mittelalter in seinem Kampf von Königtum und Adel kennzeichneten. Denn die "Hausmacht" des Königs war durch seine Vasallen - vor allem, wenn sie mitsamt ihrem eigenen Haus in die königlichen Dienste traten - ebenfalls fragiler, als es den Anschein haben könnte. Es waren vielfach Probleme der Hausordnung! Nicht zuerst der Stellung des Königs als solchem, in seinen Außenverhältnissen, wo er als Richter und Verwalter fungierte. Zu Außenproblemen haben sie sich oft nur entwickelt.

Aber die Regentin über dieses Haus war die Königin, die "frouwe", die Gemahlin des "fro", des Herren. Ihr Einfluß ist nachweislich enorm gewesen, spiegelte einfach an das reale, faktische Zueinander in der Ehe. Haus als Reich - sie hatte die Schlüssel, ein Teil der Reichsinsignien, sie "war" das Reich.

Und von dieser Ordnung der Fürsten läßt sich direkt auf die Rechtslage im Alltag der Bürger schließen. Noch bis ins 19. Jhd. hielt es sich dort, etwa in der Zunft- und Kammerordnung. Auch bei Handwerksmeistern galten sinngemäß dieselben Regelungen. Ersichtlich an der Stellung der Witwe bei Ableben des Hausherren. War ein männlicher Erbe im Haus, konnte das Haus also weiter bestehen, behielt die Frau so lange Stellung und Rechte des Mannes, bis der Sohn volljährig war. 

Heiratete sie davor wieder, verlor sie diese Rechte alle, denn nun trat sie einem anderen Hause bei. Bei der Königsnachfolge oft eine entscheidende Frage. Denn die Königswürde war ursprünglich nicht an die Person gebunden, sondern an das Haus bzw. in diesem an den Stamm. Erst allmählich entwickelte sich ein Herrschaftsbegriff, der den König "an eine Person" band. Aber diese Stellung der Frau als Repräsentantin des Hauses war keineswegs barmherziges Zugeständnis einstweilen gutmütiger Konkurrenten um die Macht. Es war im allgemeinen Rechtsgebrauch, dagegen zu verstoßen hätte usurpierte Macht nicht legitimiert. Und damit ihre Ausübung unmöglich, bestenfalls zur Gewaltherrschaft gemacht.

Nur das Agieren im Außenverhältnis war ihr untersagt. Sie war nicht rechtsmündig, ein Außenverhältnis. Das war gleichfalls nur das Haus (nicht die Person!), und damit der Herr. Während im Haus die Gliederung ihren ganzen Sinn durch das Verhältnis zum Herren erhielt, konkurrierte der König (Herr) im Außenverhältnis mit jedem Richter.

Die Frau konnte damit auch keine rechtsgültigen Urkunden nach außen (sehr wohl aber intern alles regeln) ausstellen. Solche kommen zwar vor, aber sehr selten und umstritten. Der Staat als sämtliche Häuser umgreifende Institution war immer Männersache. Ohne geregeltes Haus aber, das wie beschrieben umfangreich sein konnte und den ganzen Hofstaat umfaßte, war kein König herrschaftsfähig. Vom Bestehen dieses Hauses hing die Herrschaft ab, nicht vom Leben des Fürsten.




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Sonntag, 12. Mai 2013

Herkunft der Freiheit

"Gegen die babylonische Sprachverwirrung, gegen das Große Jahr der Astrologen, gegen Traumdeuter und Schizophrenie, gegen die Blutrache und den Totempfahl oder die Zauberrunen sind wir nicht durch Kunst oder Wissenschaft abgedichtet. 

Unsere Freiheit vor der schwarzen Katze, die Freitags über den Weg läuft, kommt nicht aus der Wissenschaft, sondern aus dem Glauben: Dieser gab nämlich der Wissenschaft die Katzen frei, indem er uns lehrte, sie seien bloß Katzen."


Eugen Rosenstock-Huessy, in "Vollzahl der Zeiten"




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Donnerstag, 25. April 2013

Rückfall in Urzeiten

Wir beherrschen zwar die Räume, schreibt Rosenstock-Huessy in "Vollzahl der Zeiten", aber nicht die Zeit. Ja, über die haben wir die Herrschaft verloren. Deshalb taucht parallel mit der Beherrschung der Räume das Gefühl auf, am Ende der Zeiten zu stehen. 

Denn Sinn ist an Zeit gebunden, nur in der Zeit kann er sich entfalten bzw. muß er sich erst in ihr entfalten. Mißachten wir das, zerrütten wir die Räume. Die Menschheit kann die Vielzahl der Zeiten, die in den Individuen ablaufen, nicht mehr harmonisieren. Die Welt, als Raum, verliert die menschliche Gestalt, herrscht über uns - statt wir über die Welt. Eine besondere Groteske, angesichts des Arguments, die Technik unserer Zeit, rein auf Beherrschung der Räume ausgerichtet, die Zeit regelrecht knebelnd (über die lineare Zeit der Uhr, die die Zeit in den Raum, vom Menschen weggedrückt hat), hätte uns die Beherrschung der Welt gebracht.

Die Welt hat sich verräumlicht, einseitig, aber dabei das verdrängt, was Räume schafft - die Zeit. Diese Raumbeherrschung, ja dessen Vernichtung (Nichtung),* ist in einem Rückgriff auf die Antike erfolgt, in der Renaissance. Alle Geschichte seither ist eine Geschichte der Beherrschung des Raumes. Weil wir den Zusammenhang menschlichen Lebens, menschlichen schöpferischen Seins, mit der Zeit immer wieder ignoriert haben, folgt sogar, daß sich auf der Erde heute "zu viele" Menschen befinden. Das menschliche Leben hat seinen Halt verloren. Es torkelt durch die Räume, ohne Zeit zu haben, getrieben von objektivierten, entsubjektivierten, unschöpferischen Raumnotwendigkeiten.

Daraus folgt, daß wir, weil wir letztlich dieser Zeit nicht entbehren können, in eine vorhomerische, vorgriechische Zeit zurückfallen werden. Auf der Suche nach dem, was uns einzig Zeit gibt - wir, werden wir die Gebundenheiten in Familie und Stamm suchen. Deren Gesetzlichkeiten, deren Generationenzusammenhang, ist der letzte Notgriff, der uns noch bleibt.

Daß so eine Epoche auch in einer Physik mündet, die die Zeit zu einer Funktion des Raumes macht**, erhält damit völlig neues Licht.

Was eine Ergänzung angebracht scheinen läßt - denn wenn von Einwurzelung an dieser Stelle häufig die Sprache ist, dann darf dabei natürlich nicht übersehen werden, daß diese eine Funktion der Zeit ist. Nur wenn wir die Zeit wiedergewinnen, gewinnen wir auch wieder gestaltete, beherrschte Einwurzelung in die Räume des Lebens.




*In der Entwicklung der Perspektive zeigt sich das Wesen dieser Raumnichtung: Raum wird zu einem mathematisch-positivistischen Netz, er wird seiner selbst beraubt, und zwar indem man ihn der menschlichen Zeit entreißt. Ab dem 12. Jhd. beginnt die Welt aus diesen Raumnetzen heraus gestaltet - und vergewaltigt zu werden. Indem man ihren Ursprung - die Zeit - neu definiert, zu einer mathematisch-linearen Größe macht. Mit der Perspektive wird auch das Raumempfinden dem Grundsinn des Menschen, dem Tastsinn entrissen, und dem Auge übertragen. Damit hebt sich der Gesichtssinn von seiner Grundlage ab, und beginnt zu dominieren: er soll auch den Raum definieren. Der Mensch wird sich selbst entwurzelt, und stattdessen auf das Gesehene (siehe auch: die rasante Entwicklung der Schriftlichkeit) angewiesen.

**Der große Irrtum Einsteins, wie der Verfasser dieser Zeilen zunehmend erkennt. Demnächst hier mehr darüber.





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Mittwoch, 24. April 2013

Zeugungsakt Sprechen

Es ist ein hartnäckiger Unsinn, schreibt Rosenstock-Huessy, die Sprache aus Sätzen wie "Es regnet" erklären zu wollen, quasi von unten nach oben. Kein Satz ist sinnvoll, wenn ihm nicht der Sinn vorausging. Sprechen heißt also: Das Suchen des beide - Angesprochenen wie Sprechenden - umspannenden Daches, ja das Stiften von personaler Gemeinschaft, in einem Übergeordneten. Es gibt kein Sprechen, das nicht ein Zeugungsakt wäre.

Hier ortet R-H vier Gebiete, als Koordinationkreuz der menschlichen Möglichkeiten: Die Wissenschaft mit der Information, die Kunst und Poesie als werbendes Spiel, die Religion in der Sühne und Schuldigkeit der Existenz, und das Herkommen als Sein im Spannungsfeld der Generationen, die den Namen, den Platz zuweisen, an dem man steht, und auf den sich das ganze Leben des Einzelnen in seiner Entfaltung sich bezieht.

Nur im Pulsieren zwischen diesen vier Polen bleibt der Mensch im Gleichgewicht, tut er das nicht wird er krank.

Es gibt deshalb kein Sprechen, das nicht der Akt der Zeugung einer gemeinsamen Zeit (und damit jenes Raumes, den wir Kultur nennen) wäre, der nicht das Leben unterschiedlicher Menschen einen würde. Sprechen ist die Vollmacht zwischen den Sätzen "Weil es regnet", "Daß es doch regnete", "Es hat geregnet", und "Tauet, Himmel, den Gerechten!" die jedem Einzelnen obliegt, deren Folge unvorhersehbar ist (und deshalb ein sehr bestimmtes, offenes Zuhören und Selbstbeziehen verlangt). Damit stiftet er Zeit, in der sich zwei, drei, und aus dem heraus mehr finden und in Einheit begegnen können. Und zwar: in der Wahrheit unseres Sprechens, das eine Wirklichkeit betrifft noch ehe ein Wort gesprochen wurde. Niemals in einem "als ob" (s. u. a. Vaihinger). 

Damit ist auch gesagt, daß unser Selbst durch Sprache gezeugt wird (s. u. a. Lacan, der das menschliche Selbst im Wort gegründet sieht): im Du des anderen erfahre ich ein Ich, im Namen seine Grenze und seinen Anspruch. Womit der Generationenzusammenhang deutlich wird. Denn der Nachfahre verdankt sich direkt seinen Vorfahren, die ihn benannten, und damit , ja noch zuvor, dem Stamm, der Gemeinschaft, die ihn umgibt und ihn in diesem Akt des Sprechens, des Ansprechens, adoptiert. Als vorgegebenes Spannungsfeld des Selbstseins*, das nur persönlich, in einem persönlichen Akt zu stiften möglich ist.




*Die Tragik, aber noch mehr Bösartigkeit einer Sichtweise, die den Menschen aus diesen Zusammenhängen "befreien" möchte, die den Kindern deshalb keinen Namen gibt (die Unsitte der Kosenamen hat ja direkt damit zu tun), sie "gleich macht" oder "selbst bestimmen" lassen möchte, ergibt sich zwangsläufig. Die angeblich heute auftretende Häufung von "Sonderbegabungen", auch das Aufkommen der Thematik der "Hochbegabungen", ist nichts als eine zynische Umdeutung seelischer Verkrüppelung, in der sich haltlose junge Menschen taumelnd und orientierungslos durch die Welt bewegen, die sie nicht einmal mehr im Ansatz gestalten, bestenfalls noch irgendwie bewältigen. Wobei man damit im selben Atemzug die Generation der Älteren, der Eltern, der Vorfahren, ins Nichts schleudert. Wird eine Jugend identitätslos, werden es auch die Eltern. Werden die Eltern identitäts- weil zusammenhanglos, wird es ein Stamm. Wird ein Stamm identitätslos, wird es ein Staat.





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Samstag, 20. April 2013

Das Selbst im Wir

Rosenstock-Huessy schreibt über die Beziehung von Achill zu Patroklus, daß ihn daran fasziniere, wie sehr die Bedeutung des Übergeordneten, des Sozialen, des Du innerhalb des Wir, für das Selbst des Menschen in Homers Schilderung greifbar wird.

Achill hat in Patroklus sein im menschlichen, humanen Bereich unentbehrliches anderes Ich verloren. Es ist durch seinei eignen Zorn ihm das Schrecklichste widerfahren: "ich bin mir selbst verloren, der ich doch einst der Götter Liebling war." 

Und so hat Achill sich selbst  nicht mehr in der Gewalt, weder zu Grimm noch zum Sanftmut. Er muß die Allgegenwart des Schmerzes um Patroklus gewalttätig verlängern, weil ihm jenseits dieser Beziehung sein Selbstgefühl verloren zu gehen droht.

Der Mensch weiß von sich nur, weil wir uns gegenseitig vorstellen. Nach dem Tod des Patroklus ist Achill kein Mensch mehr, es sei denn, ihm widerfahre eine neue gegenseitige Vorstellung. Im Tod des anderen starb das Wir, und damit das Selbst. Deshalb schiebt er in seinem Bewußtsein den Tod des Patroklos hinaus.






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Montag, 15. April 2013

Suche nach Ganzheit

Wachsen junge Menschen in sich abgeschlossen heran, wachsen sie nicht in der geschlechtlichen Polarität heran, dann wird ihr geistiges Selbst in sich geschlossen. Es wird unfruchtbar, weil es gelernt hat, sich selbst zu genügen, und genauso unfruchtbar werden seine geistigen Hervorbringnisse. Eugen Rosenstock-Huessy zieht deshalb direkte Analogien zur Homosexualität, die die gleiche in sich gerundete Selbstliebe ist, weil sie die Gesamtwerdung als Mensch nicht mehr vom Gegenüber, von der Ergänzung erwartet. Liebe wird zu einer Liebe des Gleichen, von zwei parallel - nicht an- und ineinander - Lebenden.

Eine Erziehung wie sie heute stattfindet, zwingt den Menschen zu einer vorzeitigen In-sich-Gerundetheit, die den wirklichen Reifungsprozeß gar nicht mehr stattfinden läßt. Es fehlt das existentielle Bedürfen nach dem ergänzenden Teil. Erzieht man Kinder selbständig und autonom, ohne Gehorsam und Angewiesenheit auf die Ganzwerdung, schwächt man die geistige Form des Geschlechts.

Das sich entwickelnde geistige Selbst erfaßt in seinem Abrundungsversuch nur noch die Hälfte seines Trägers. Mit 20 tritt der Mensch nach außen, und sein Geist hat eine andere Entwicklung genommen, als sein Leib: Er ist nicht mehr in der Lage, dem Streben seines Leibes - das das ihm Entgegengesetzte sucht - erfüllende Wege zu suchen.

Also verändert sich auch sein Verhältnis zur Umgebung. Der in sich gerundete, autonome Mensch wird ein Stadtmensch. Denn in der Stadt - und darüber hinaus: im Staat - sieht er ein größeres, verlängertes Selbst. Es ist überhaupt kein Wunder, daß die Staatslehre, auf der alle auch heutigen Staatslehren aufbauen, von dem knabenliebenden, uni-geschlechtlichen Plato entworfen wurde. Ihm kann der Staat nur männlich sein.

Der heutige Mensch wird "entschlechtet", ungeschlechtlich. Und damit verliert die gesamte Richtung seines Geistes die werbende bzw. bräutliche Komponente. Als ein allen seinen Handlungen zutiefst zugrundeliegender Eros (oder nicht) bzw. als begattende, werbende Antwort. Zwar ist quasi geschwisterliche Liebe möglich, keine Frage, aber die leidenschaftliche Liebe der Begeisterung nicht mehr. Sie wird im wahrsten Sinn des Wortes "platonisch".

Was sich natürlich auch im Außen zeigt: in der Knabenhaftigkeit der Mädchen, die ihren Vater, in der fehlenden Männlichkeit bei Burschen, die ihre Mutter wiedergebären, um "in sich" eine Art Ganzheit zu erreichen.

Aber in noch etwas zeigt es sich: In den Scheidungen. Und zwar nicht nur in den Ehescheidungen, sondern im Auseinanderreißen der Ganzheiten von Mann und Frau - wie in dem von (männlichem) Staat und (weiblicher) Kirche, im ganz aktuellen, konkreten Fall. Wo in Wahrheit Staat und Religion eine sich wechselseitig ergänzende Einheit bilden müssen, anders geht es gar nicht.





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Samstag, 6. April 2013

Umwandlung des Staates

Es ist ein großer Irrtum, schreibt Rosenstock-Huessy, zu meinen, Staaten seien mit Volk und Gebiet untrennbar verbunden, quasi in Granit gehauene Ewigkeiten. Vielmehr können sich Staatsgebilde nur als ein Teil der Manifestationen jener Elemente sehen, in denen der Mensch selbst steht - die da Religion/Kirche, Gesellschaft, Volk UND auch Staat sind.

Man kann deshalb keinen Staat "für sich" betrachten. Er ist ein Gebilde, das in Recht und Institution gießt, was dem ihn bewohnenden Volk in seinem Wirklichkeitskreuz entspricht. Deshalb sind auch seine Grenzen Wandlungen unterworfen, weil das institutionalisierte Gebilde Staat nicht für sich und verabsolutiert bestehen kann.

Schon aus diesem Grunde können Staaten auch nur im Insgesamt der die Mit-Staaten umschließenden Wirklichkeit gesehen werden. Sie haben nur für sich gesehen aber keine Funktion, keinen Sinn. So wie es keinen Sinn hat, eine Regierungsform für alle Zeiten festschreiben zu wollen. Denn je nach Situation, kann und muß diese wechseln. Was sie aber nur kann, wenn die Menschen selbst den Geist tragen, auf dem ein Staat nur aufruhen kann, aus dem er sein Recht bezieht.

So sind Kriege als Synchronisierung umfassenderer, mehrere Staaten umgreifende Wirklichkeiten zu sehen. Verweigert ein Staat dieses lebendige Miteinander, gerät er "außer Takt", und feindliche Differenzen entstehen.

Synchron aber kann ein Staat nur bleiben, wenn er lebendig bleibt, wenn sich in ihm alle lebensnotwendigen Elemente, alle Lebenselemente überhaupt, frisch erhalten. Wozu die Revolution, die Anarchie* genauso gehört - als Born von Neuem - wie das bloß Erhaltende, die sich jeweils vor dem Maßlosen bewahren. Wozu lebendige Kirche (die Gesamtform des religiösen Volks) genauso gehört, wie die Gesellschaft als Weichbild der sozialen Beziehungen.

Staat bleibt ein Hilfsgerüst, und in seiner Form muß er wandelbar bleiben. Sonst erstickt er alle übrigen Bereiche, weil er metastasiert, ausknöchert, zu Blei wird, das alle erdrückt, dem der Geist abhandengekommen ist.** Deshalb braucht ein Staatsgebilde auch immer wieder die Erneuerung, und zwar im Rhythmus der Generationen, also eigentlich im Rhythmus der Fruchtbarkeitsphase der Jungen, also im Alter von 20-30, 35 Jahren. Sohin sind 8-16 Jahre als Periode dieses Wechsels der Erneuerung anzusehen. 

Denn der Jugendliche, das Kind kann (und soll) ja noch gar nicht handeln. Während die Aufgabe der älteren Altersgruppen nicht das Handeln, der Aufbau selbst ist, sondern in der Mäßigung und Lenkung der Erneuerungsphase besteht, in der Abstimmung mit der Weisheit.

Ein Staat, ein Volk, Menschen können sich nicht auf eine ewig festgeschriebene Institutionalisierung festschreiben, das widerspricht dem Leben selbst. Sie brauchen periodische Erneuerung. Die Demokratie bringt dabei zu kurze Perioden, die Monarchie neigt hingegen zu zu langen. Die Dialektik ist es, die notwendig ist, die Offenheit für jeweils angebrachte Gestalten, die dem Formendrang der Menschen entsprechen. Wer dieses Vitale unterdrückt, paralysiert sein Volk, tötet es, treibt alles Schöpferische aus ihm aus, verurteilt es zu Dekadenz.

Die Vergangenheit, die Geschichte zeigt, daß zu lange währende, einzementierte Perioden in einer Periode der Apathie mündeten, aus der sich manche Völker gar nicht mehr erholten. Weil sie den Weg zum Vitalen gar nicht mehr fanden.

Wir huldigen sohin auch einem völlig falschen Begriff von Frieden. Der meint, die Stilllegung, Begrenzung des Vitalen der Menschen würde auch Friede bedeuten. Friede ist mehr, ja etwas ganz anderes als die Abwesenheit deklarierten Krieges.***





*Die Anarchie ist die erste Phase der Fleischwerdung des Geistes. Geislos wäre sie deshalb bloßer Mißbrauch.

**Auch von dieser Warte aus wird klar, daß hohe Zuwanderung, wie wir sie erleben, über kurz oder lang gar keine andere Lösung finden KANN, als zu einer Veränderung des Staates selbst zu führen. Das Fremde ist ja eben deshalb fremd, weil es von einem anderen Geist durchströmt wird, und es hat noch dazu eher die Frische, sich in alle vier Dimensionen hinein, also auch in einen (neuen) Staat hinein auszurecken, als die vorgefundene Volkschaft, der ja nur Erstarrung als Bewahrung bliebe. Das nicht zu sehen ist das eigentliche Verbrechen, als politisches Vergehen, nicht als Schuld der Menschen selbst, auf die Politik das allen deutliche Migrationsproblem so gerne schiebt. Hier sind alle Weichen längst gestellt. Je früher wir das zur Kenntnis nehmen, und uns darauf einstellen, desto besser: Ein Umbau der Staaten selbst wird unerläßlich werden. Ob wir dazu aber den schöpferischen Mut (nicht: irrationale Tollkühnheit der Spielermentalität!) aufbringen? Ob wir dazu die Elite mit ausreichendem Geist haben?

***Man muß, schreibt Rosenstock-Huessy (im Exil in London), 1914 als Revolution begreifen,in der sich die rückgestauten Kräfte der Zivilisation Luft schaffen wollten. Ähnliches liest man bei Modris Eksteins, der 1914 als Ausbruch irrationalen Bewegungsdrangs beschreibt, wo Neues sich nie als Formbild, als Ziel fand, nur der unbändige Wunsch nach Abstreifen des Alten, Verkrusteten überhand nahm. Und die auslösende Aufgabe im Konzert Europas fiel "per Zufall" Deutschland zu - als Aufgabe der "Jungen", die wie überall in Europa die Gerüste verflüssigen wollte, um sich ein neues Kleid zu schaffen. 




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Dienstag, 2. April 2013

Geschichte ist unsichtbar (2)


2. Teil) Der Feiertagslose fällt in das Barbarentum - 
Samt einer Reihe von Fußnoten



Feiertage werden nicht gemessen, sondern sie sind es, nach denen sich der Lebenskreis, der sich im Jahr rundet, bemißt. Bis in die heutige Rechtsordnung hinein, von zahllosen Bräuchen abgesehen, findet sich dieses Jährlichkeit als die Ordnung des Lebens, den geschichtlichen Erdenkreis begründend. In ihnen findet sich das Einende, das die aus der jeweiligen Geschichte je individuelle Zeit (sic!)* zusammenhält und -führt. Darauf bezieht sich das Wort von der "Fülle der Zeiten" - Plural!

Der Mensch lebt in einer Reihe von Lebenskreisen, also auch in unterschiedlichen Zeitkreisen. 15-39 Jahre der gegenwärtigen Regierung, 150-500 Jahre als Epoche, 2000 Jahre der Zeitrechnung seit Christus, und der Zeitring des Menschlichen von Anbeginn an. Aber auch die zahllosen Kreise, lokal oder anderen Belangen zugehörig, wie Messetermine, Fasching (Fastnacht), Premieren, Hochzeiten, Kirmes oder Narzissenfest, oder was immer für Anlässe, die Zukunft begründet haben. Sein Gestalterisches liegt in der Spannung dieser Kreise zueinander, in die er durch neues Werk zuweilen neue Punkte setzt - ohne sie noch zu kennen.

Nur wer seine Vergangenheit - dem Stillstand der Zeit, die vor dem bloßen (physikalisch-begrifflichen) Verfließen bewahrt wird - ehrt, hat Zukunft. Und er hat Zukunft, im Maß seiner Vergangenheit.

Insoweit begehen wie begründen (!) Feiertage also das allen vorausliegende bzw. Gemeinsame, ein Gemeinsames, das bereits geschichtswirksam wurde durch dieses Geschehen, in dessen realen Spätfolgen wir stehen, und dessen Geschichtswirksamkeit eben unsere Gegenwart geformt hat und trägt. Nur das läßt sich feiern. Es gibt deshalb kein Volk ohne Feiertage, braut seinen eigenen Feiertrank - denn in diesen Festen feiert es seine (geschehene) Volkwerdung. Das Fest macht das Volk.** Erst von den Festen, dem Festrhythmus, bezieht der Einzelne seine innere Struktur, die ihn auch den Alltag einordnen läßt.*** Der Säugling durchläuft mittels des Festkreises des Jahres also die Erfahrungswelt der Erwachsenen, und diese wird ihm zum Bestandteil seines Selbst.****



*Aus diesem Grund gibt es sehr wohl regional unterschiedliche Kalender, bzw. soll oder muß sie geben, weil sonst die Freiheit der Zukunftsgestaltung verlorengeht. Aus ähnnlich gelagertem Grund muß sich auch staatlicher, weltlicher Feiertag vom kirchlichen unterscheiden. Fallen beide in eins, droht die bekannte Ineinssetzung von Welt und Himmel.


**Willkürliche Feiertage bleiben deshalb das Proprium des Diktatorischen. Während Feiertage wie der 1. Mai, der 10. November, oder Nationalfeiertage, daran erinnern, daß unsere heutige Umwelt eine gemachte ist, die auch verloren werden kann, wenn es nicht gelingt, ihren ursprünglichen Sinn lebendig zu halten. Denn dann hört er auf, Gegenwartskraft zu haben, und damit werden heutige Formen hohl und irgendwann auch abgelegt. Das gilt freilich für den 1. Mai nur bedingt, der (bewußt) an uralte, schon vorhomerische Frühjahrs-, Fruchtbarkeits-, Ehefeste anknüpft, Verschüttetes wieder aufgreift, ähnlich den Olympischen Spielen. Der (erst 1889 zum Proletarierfest umgedeutete) 1. Mai als in seinem Ursinn der Versöhnung der Lebenden - im Dienste des Lebens - muß deshalb in direktem Connex mit dem 1. (bzw. eigentlich: 2.) November, der Versöhnung mit den Toten, gesehen werden. DARAUF geht übrigens das heidnische Halloween zurück.

***In dem wild geführten Streit um die Festsetzung des Osterfestes in der alten Kirche kamen entscheidende Positionen zur Austragung: das Festhalten am historischen "Datum", das diese Wirklichkeit begründete, stand gegen einen dynamischen, an den realen Ablauf der Natur gekoppelten Lebensbegriff. Es ging also um die Frage, an welches reale Geschehen das historische, einmalige, die Wirklichkeit der Erlösung schaffende Ostergeschehen gekoppelt war - an den Kalender, oder an den Lauf des Jahreskreises, eingebettet in das kosmische Geschehen. Aus welchem Meinen heraus man Ostern an den Frühjahrsvollmond koppelte, worin man auch an die vorchristliche Religiosität anknüpfte, die man deshalb in einen Gesamtsinn einordnete, den Naturreligion oft sehr richtig ahnt bzw. um den sie weiß. (Aber Wissen ist noch nicht die Historizität des Heilsgeschehens selbst.) 

****Ein - wie heute oft anzutreffen - formloses Selbst eines Menschen gibt es nicht. Es ist immer in den Geschichtskreis seiner Umgebung nicht nur eingebunden, sondern daraus geformt. Gerade in der Ablehnung dieser Geformtheit. Feiertage "aus sich selbst heraus" gibt es also gar nicht, denn es fehlte ihnen das "Was", der Begriff, der erst den Sinn in die jeweilige Gegenwart trägt und geschichtlich macht. Feiertage in das subjektive "wie man sich ebne fühlt" hineinzutragen bedeutet also nicht, sie "ehrlicher" (und damit inhaltsvoller) zu machen, wie der Verfasser dieser Zeilen immer wieder gehört hat, sondern bedeutet, sie abzuschaffen, das Selbst auszulöschen. Das außerhalb eines "wir", einer sozialen Dimension, gar nicht existiert, und wenn es sich wie im Narzißmus dieses "Du" in innerer Spaltung selbst zu sein versucht (und dabei ins Nichts stürzt). Gesellschaften, die ihre Festkreise, ihre Jahresrhythmen aufgeben, nicht mehr gemeinschaftlich begehen, versinken deshalb unausbleiblich in einen Dämmerzustand. Und Kinder, die so (nicht) erzogen werden, und das ist heute häufig, sind zur Geschichtslosigkeit verdammt. Wer Feiertage gering achtet, oder gar abschafft, lehnt bzw. schafft sich damit selbst ab: er mißt die Zeit mit einem leeren Kopf. Daraus entstehen sie dann, die prähistorischen Rationalisten, die Utopisten, die Pazifisten, die Fanatiker als Phänomen der Zeit- und damit Ortslosigkeit.




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Montag, 1. April 2013

Geschichte ist unsichtbar (1)

Feiertage begehen das einst Ungesehene nach, sie sind damit lediglich Begehung der Lichtwerdung dieser Ereignisse. In ihnen wird das vormals Geschehene in unsere Wirklichkeit integriert. Das Geschehen selbst aber, wenn es denn wirklich war, ist immer unsichtbar, im Augenblick des Geschehens unerhört, nie zuvor dagewesen, ist im Dunkel - und bricht erst im Rückblick ins Licht, wird im Feiertag in die Festbeleuchtung gestellt.

Deshalb gehört auch die Photographie, das Filmen, dem Vergangenen an, dem Toten. Nichts Gegenwärtiges ist abbildbar im Lichtbild! Nur, was nicht vorm Spiegel steht, gehört sich als Geschehen. Die Menschheit wird nicht durch den eiskalten Narzißmus fortgepflanzt, schreibt Eugen Rosenstock-Huessy, der gesehen werden muß, während er handelt. Das photographierbare Leben ist immer entweder unwichtig, oder bereits stilisiert.

Niemand kann Geschichte "geschehen sehen". Geschichte ist vielmehr geradezu umgekehrt das bereits sichtbar gewordene Geschehen.

Deshalb sieht man auch guten Werken nicht von vorneherein an, daß sie "gut" wären. Gute Werke wiederholen zu wollen hieße, sie zu mechanisieren, und sie damit der Gleichgültigkeit zu überantworten. Man hebt sie damit in die a-moralische Sphäre, weder gut, noch böse.

Inkognito muß geschehen, was fünfzig Jahre später denkmalswürdig werden soll. Der Geschichtskreis der Völker ist aus der nicht gesehenen Geschichte der Einsamen entstanden. Sie sind das Samenkorn des Gemeinsamen - die Wortgleichheit kommt nicht von ungefähr.

Deshalb können Feiertage niemals willkürlich anberaumt werden. Denn in ihnen bricht sich die geschichtswürdige Auslese der bahnbrechenden Ereignisse ihre Bahn in die Sichtbarkeit. Und dieses Licht vergleichzeitigt den Osterhelden von damals mit dem Gläubigen von 2013.


2. Teil morgen) Der Feiertagslose fällt in das Barbarentum - Samt einer Reihe von Fußnoten






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Sonntag, 31. März 2013

Wirksammachung zum Geschichtlichen

Die Feier erzwingt das Fortleben eines schöpferischen Impulses, einer Wirklichkeit, in die Zukunft hinein, als Wirkkraft in der Gegenwart. Damit allen jene Stunde schlägt, die den Ersten zuteil wurde. Sie sind deshalb ein Kampf gegen den Zeitvertreib, so wie die Kulte den Mythos bekämpft haben. Sie brechen Bahn in den Urwald der seelenlosen Zufallsmenschen, schreibt Rosenstock-Huessy in "Die Vollzahl der Zeiten".

In der Feier wird die Vergangenheit, die sonst tote Zahl wäre, zur Wegzehrung für die Zukunft. Zugleich ist sie die Erneuerung des gegenwärtig Wirksamen. Das allgemeine Priestertum zeigt hier eine seiner Funktionen: Jedem ist geboten, die Bahn des Denkwürdigen und Preiswürdigen und Rühmlichen zu bahnen.

Gibt deshalb ein Volk seine gemeinsamen, allgemeinen Feiertage auf, gibt es auf, was es in Wahrheit eint, und zu dem sich alle zur Feier treffen. Um sich von den wirklichen Wirklichkeiten in den Alltag hinein begießen, fruchtbar machen zu lassen.





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Samstag, 30. März 2013

Im Namen des Vaters

Die Mutter steht nur vor zwei Alternativen: Der Kindesauslieferung an den Vater, oder der Kindesaussetzung in die Wildnis, schreibt Eugen Rosenstock-Huessy in "Vollzahl der Zeiten". Kinder werden zu Menschen, indem sie regiert und belehrt werden, ihnen wird verheißen und vermacht. 

Den Anfang jedes Menschen macht sein erblicher Name, sein Vatersname; und dieser Anfang zieht ihn an sich und unter sich. Dem Vater und seinem Namen liefert die leibliche Mutter ihr Kind aus. Tut sie das nicht, stößt sie das Kind in das Chaos.

Von des Vaters Namen her* wird der neuankommende Mensch in ein Geflecht der Beziehungen gestellt, aus der Vergangenheit herüber, in die Zukunft. So verbindet der Name die Generationen, und schafft Gegenwart.

Erst wenn er dieses Kleid trägt, vermag er es sich allmählich, im Älterwerden, anzupassen, um so als Erwachsener, in der Spannung der Zeiten und Räume, in der Selbstergreifung, erneut und selber zum Stifter, zum Weitergeber zu werden.






*Warum nicht auch von der Mutter? Zumal heute? Was mit Alleinerziehenden? Eine ewige Wunde. Weil das Verhältnis zur Mutter, von der er genommen ist, der er zugehört, von Anfang an ein völlig anderes ist. Nicht jenes, das Anderes, das herantritt und herangetragen wird, integriert, bewältigt, sich dazu verhält. Nur in diesem Verhältnis aber, das ein Hinausschreiten aus dieser Eingebettetheit in die Mutter verlangt, wird er zur Persönlichkeit, und damit zum Vollmensch. Gerade diese Polarität aber ist mehr als informatives Faktum, sie ist eine notwendige Polarität, in der er sich sein ganzes Leben, ja jedes Lebendige bewegt und bewegen muß. Fehlt diese Form der Mutter, fehlt auch die Kraft, die Basis, sich auszustrecken. Die Mutter, die Mütterlichkeit (die von der Frau nicht trennbar ist), ist also das Bindeglied des Ungeformten zur Form, zur Gestalt in der Welt. in ihrer Hand liegt deshalb das Wohl und Wehe der Welt.




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Freitag, 29. März 2013

Vier Aufrufe

Am Beginn wie am Ende Jesu' Wirkens stand ... der Zweifel. In der Versuchung in der Wüste - und dem Zweifel am Kreuz.

Dem zweifelsstarken Mann hat Gott diese Erde anvertraut. Erst dort beginnt seine Persönlichkeit in die letzten Winkel hinein ausgetragen und das Menschsein durchwirkt zu werden, und erst durch diese schmale Tür senkt sich der Geist.

Hin und her gewendet muß die Tat sein, ehe sie mehr ist als durch einen durch strömender Zufall, als ein Juckreiz. Bis sie Entscheidung ist.

Und darin beantwortet der Mensch das frühere Geheiß, aus Kindheit und Jugend, indem er die vier Geheiße umwendet, zur mündigen Tat wandelt. Kinder müssen erst lernen, einen Namen zu tragen - Erwachsene machen ihn. Ohne je zu wissen, im voraus zu wissen, wann die Tat zur Geschichte wird. Aber nur in diesem Ernst, dem Spiel entwachsen, das immer den Weg des gerinsten Widerstands sucht, wird überhaupt Zeit geschaffen.

Nicht als Schein-Arzt, Schein-Künstler, Schein-Richter, Schein-Liebhaber, der jederzeit den Ausweg des Spiels hat. Nicht als "examinierte Menschheit", deren Examen die Verweigerung der Reife verdeckt - sondern als ernste Kämpfer, die mit Wort und Tat Berge errichten, den Bogen der Zeit spannen, nicht wie Kinder entspannen.

  1. Zweifle. Denke nach. Brich mit den Namenszauber. Werde ungläubig.
  2. Kritisiere. D. h. urteile selber. Reinige Dich von anderer Zeiten und Leute Vorurteilen. Sei dabei redlich bis aufs Blut, auch Dir selbst gegenüber, fürchte keinen Schmerz,
  3. Protestiere. Nämlich bestimme den dringlichsten Punkt, an dem Deine Kritik laut zu werden habe. Lege Dich öffentlich auf diesen Punkt fest, binde Deine Tat an Deinen Namen, und binde Dich an die Namen, die Du verwendest - damit schaffst Du Zeit, greifst in sie ein: Diese Namen werden Dein Schicksal, nur so, in diesem Leiden, wird der Gottesgast der Gesellschaft mitteilbar, und nur so kann die Wahrheit zu einer währenden Währung werden. Indem unser Name zum Prägestempel auf dem Gold der Wahrheit wird.
  4. Harre. Harre auch, wenn das dulden und leiden einschließt, und sei bereit, unter den Folgen Deiner Tat zu leiden, wie lange auch immer es dauert. Harre, bis Dein Protest (als Synonym für das eigenbestimmte Handeln verwendet) sich durchsetzt. Verlange an dem Punkte dieses Deines Protestes Deinen Eintritt in die Welt. Denn nur dank dieses Protestes werden sie gezwungen, Dich als den aufzunehmen, der Du wirklich bist.




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Donnerstag, 14. März 2013

Sprechen aus Gehorsam

Die Sprache, schreibt Wilhelm von Humboldt einmal, ist nicht eigentlich Mittel, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr: die vorher unbekannte zu entdecken.

Völlig verkannt wird, schreibt dazu Eugen Rosenstock-Huessy, daß die Sprache aus dem Imperativischen kommt. Nur, weil das Kind mit dem Imperativ - dem DU - konfrontiert wird, lernt es überhaupt Sprechen, beginnt sich im Ich selbst, unter subjektiver Anstrengung, zu sammeln. Nur insoweit wird Sprache auch Führer in die Welt, und wird zum Denken.  Alles ernste Sprechen selbst ist deshalb immer übersinnlich, nämlich sinnerhaltend, sinnüberliefernd, sinnverheißend, sinnerfüllend.

Das Denken in Schulbegriffen freilich ist ein nachträglich in den Einzelnen hineingenommenes Sprechen. Der Kult der Muttersprache hängt hintergründig zusammen mit der Herabwürdigung der Sprache zu einem bloßen "Mittel". Denn keineswegs kommt das Sprechen vom Denken. Vielmehr hängen beide unmittelbar und untrennbar zusammen. Namen, Begriffe sind jene Beschwörungsformeln, in denen das Angesprochene zu sich kommt.

Alles Sprechen hat deshalb das Schwätzen vor sich, und das Nachdenken hinter sich. Denken wir nach, wird früheres Sprechen nachgerechnet. Schwätzen ist deshalb Spielübung, und Denken endloser Treppenwitz. Alles Lernen ist Vorbereitung, alles Denken Nachbereitung der Lagen, in denen laut und öffentlich gesprochen werden muß. Die öffentliche Sprache hat deshalb den Vorrang vor der Kindersprache, vor der Denkersprache und vor der Muttersprache. An der allgemeinen Wahrheit hat die einzelne Sprache nur teil, wenn sie als Sprache von einzelnen Partnern eines gemeinsamen Gesprächs verstanden wird.*

Nicht die Spielwirklichkeit geht der ernsten Wirklichkeit voraus, sondern umgekehrt: das Spiel imitiert den Ernst. Das Lallen der Kinder ist deshalb nicht "natürlich", es ist schlicht ... "vorgeschichtlich", "sinnlos", vorbereitendes Spiel, nicht mehr. Kein Lallen verpflichtet zu jener Gegenseitigkeit, die das Sprechen setzt bzw. der es als geschichtsschaffende Tat beizutreten gilt. (Insofern ist auch das Sprechen in der Schule, neben dem in der Familie, noch Spielsprache.)

Die Muttersprachen sind die Sprachkapitalien der Völker bei ihrem Gespräch über Automobile, Atombomben, die Dreieinigkeit, die Wirtschaftsformen und den Frieden. Aber diese Bankguthaben sind wertlos außerhalb eines übergreifenden Zahlungsverkehrs.

Jedes Formlose geht im Ursprung auf ein Geformtes zurück. Deshalb, so Rosenstock-Huessy, ist es ein schwerer Irrtum zu meinen, Sprache würde aus dem Kind quasi von selbst hervorsteigen. Vielmehr gehen die Nomina, die Namen dem Sprechen voraus, und hier in der Hochform: "Vater" war vor "Papa", und das "Sie" vor dem "Du". Jeder Mensch erfährt das auch selbst so. Es kann deshalb Sprachen ohne Pro-Nomina geben, aber nie ohne Nomina. Gesprochen wird erst, wenn etwas geheißen werden kann. Alle Namen aber sind Amtstitel.





*Deshalb hat Sprechen und Wahr-Sprechen immer mit gehorsamem Nachgehen zu tun. Wer nicht gehorsam sein kann, kann nicht sprechen.




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Dienstag, 12. März 2013

Spielplatzwelt (2)

 Teil 2) Alles hängt an denen, die ihr Tun erstnehmen




Selbst in der Religion ist genau das zu beobachten - wehe jenen, die wirklich ernstnehmen, worüber sich doch bei Kaffee und Kuchen so nett plaudern läßt, und alle sich dann liebhaben. Sich in Jean und Schlabberpulli zur Messe, der Versammlung der vollkommenen Welt setzt, und mit den anderen so tut, als würde passieren, was passieren sollte, um die Illusion aufrechtzuhalten, ohne auch nur eine Zelle Wirklichkeit in uns zu verlangen. Denn wehe, das Heilige dort sollte im Ernst des Wirklichen wirklich verlangen, was das Heilige verlangt.

Man hat heute und überall Angst vor den Wirklichen, Angst vor denen, die ihr Tun ernstnehmen. So wachsen ganze Generationen von Fehlgeleiteten heran, die einerseits von allen Seiten, und nicht zuletzt durch existentielle Absicherung als Fernhalten des Wirklichen, in einer Sphäre des Spiels gehalten werden, anderseits aber mit diesem Anspruch, ihr Spiel sei Ernst, in die Welt hinaustreten.

Wir müssen die Wirklichkeit nicht mehr tragen. Nichts wirkt sich mehr aus, und wenn, ist der Sozialstaat zuständig, die Folgen meines Tuns, meines Lebensernstes, ins Spiel zu heben. So wird unser alltägliches Gefüge von menschlichen Gestalten zum Treffen von spielenden Kindern, die sich "so benehmen wie", und wissen, daß sie es doch nie müssen. Deren Werke deshalb auch nur "so aussehen wie", und es doch nicht sind. So, wie sich eben Kinder verhalten.

Wen wundert es also, wenn wir einander gar nicht mehr ernst nehmen? Abertausende, Millionen ihre "Meinungen" in die Welt setzen, aber sie niemand ernst nimmt? Weil diese Meinungen ja nie ernst waren, nur Täuschungen, so wie Kinder einander etwas vormachen. Im Spiel per Twitter Botschaften verschicken, deren rein physische Erscheinung schon ihre Vorläufigkeit zur Kenntnis bringt. Denn im Spiel da genügt der Schein!

Dabei besteht unser ganzes System nur deshalb, weil es noch Menschen gibt, die ihr Tun ernstnehmen, die aus dem Spiel heraus zum Leben selbst gekommen sind. Die nicht zufrieden sind mit dem "so tun als ob". Sie sind die Spielverderber, und wir haben zahllose Mechanismen, sie zu eliminieren, sie auszuschalten, und doch so in der Pflicht zu halten, daß wir unser Spiel weiterführen können.

Der Unterschied von Amateur zu Professionist ist nicht in der Tätigkeit, nicht einmal in der Fertigkeit zu suchen, so sehr eins ins andere geht. Er liegt ausschließlich im Stellenwert, den ein Mensch seinem Tun beimißt. Nur dort, und wirklich: nur dort, wo das Tun existentiell wird, Ernst wird, an dem die eigene Existenz real hängt, wird es zum Beruf. Beginnt die Tätigkeit auch das Persönlichkeitsprofil zu prägen, wird die Tätigkeit zum Gegenüber, an dem ein Mensch sich formt, auf das hin er wird. Und es entsteht DER Schuster, DER Künstler, DER Professor, DER Schneider und Mechaniker und Holzhändler und Gatte und Vater und Mutter und Bruder und Freund.

Jeder sollte seine Eingangstüre reparieren können, aber es bleibt ihm noch der Garant im Tischler. Jeder sollte kochen können, aber es bleibt der Koch, an dem Maß zu nehmen möglich ist und der im Ernst einspringt.

Dichten soll und kann jeder, aber er kann es nur so unbeschwert und als Spiel, weil es den Dichter gibt. Schauspielen kann jeder, aber Schauspieler ist nur, wem es lebensernst ist. Philosophieren kann und soll jeder (zu seiner Zeit), aber nur der hat Gedankentiefe, dem es beim Denken selbst ums Leben geht, nur er denkt wirklich, entwickelt überhaupt ein Denken.

Nur aus der Gabe freier Hingabe erwächst Tüchtigkeit, Tugend, Tauglichkeit. Wer Unerhörtes vollbringen will, wird es nie aus einem Amt heraus tun, bestenfalls TROTZ des Amtes. Wer innerlich nur im Amt bleibt, wird unernsthaft, gar überheblich: die Krankenschwester, die die Mutter, der Lehrer, der die Eltern, der Polizist, der das Rechtsempfinden der Bürger verachtet. Spätestens dann wird ihr Amt zum Laster. In den Serenissimi, den Mandarinen, in den Intellektuellen, schreibt Rosenstock-Huessy, haben wir jene schrecklichen Spielformen, denen der Rückweg in die Lebensmitte verloren gegangen ist.

Und in so einer Spielzeugwelt werden auch die falschen gesellschaftlichen Kräfte gestärkt. Die Beamten stärken die Pseudoforschung, die Pseudokunst, die Pseudotätigen.

Aber es sind genau die immer weniger Werdenden, an denen diese Welt aber überhaupt noch hängt. Und es sind jene Motive all jener vielen, die in Wahrheit um dieses Spiel wissen. Aber so wie alle nur so tun, als spielten sie mit. Ja, die sie gar nicht kennen wollen. Sie sind es aber, die ernsten Motive, die diese Welt lenken. Die zwar um das Spiel wissen, aber auch wissen, daß es Spiel nur auf Sonderplätzen und -zeiten gibt und geben darf, damit es seine Frische im Probieren von Neuem bewahrt. Nicht als gesellschaftliches Gesamtklima, dem das Entscheidende fehlt: der Schritt vom Spiel zum Ernst in der Feier, in der Liturgie, im Heiligenden, Heilenden des Heiligen.







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Montag, 11. März 2013

Spielplatzwelt (1)

In der Profession, schreibt Rosenstock-Huessy, hat die Gesellschaft ihre Garantie, daß ihre Spiele einen Bürgen haben, auf den sie Bezug nehmen können. Einer ist da, der dieses oder jenes Tun - das alle könnten! - ernstnimmt! Der es zur Reinform bringt, als Vorlage für alle anderen. 

Keine Tätigkeit, die nicht jeder ausüben könnte. Aber für den Nicht-Professionisten bleibt es Spiel. Jederzeit abbrechbar, und als Spiel ist im Tun jederzeit Form und Inhalt auseinanderzureißen. Ja, das Kinderspiel zeigt, daß es zum Wesen des Spiels gehört, Form und Inhalt beliebig, willkürlich zu trennen.

"Sagen wir, ich wäre der Vater, und Du die Mutter." "Sagen wir, ich wäre der Polizist, und Du der Räuber."

So erfaßt man eine Charakteristik unserer Zeit, die aufs erste verblüfft. Denn wir sind aus dem 19. Jhd. herausgeschossen - in eine Haltung des Spiels! Was wir nicht mehr können ist, das Spiel vom Ernst des Lebens - das die Elemente in die Wirklichkeit hebt, die im Spiel erprobt wurden (selbst Tiere spielen) - zu trennen. Es gibt keine Zeiten des Spiels mehr, aus deren Schwung dann der Ernst des Lebens genährt wird.

Es gibt heute nur noch Spiel. Nichts ist mehr ernst, alle Konsequenzen wurden eliminert, alles ist wieder beginnbar. Aber das Leben selbst ist nicht wiederholbar, es bleibt nicht ohne Folgen, es ist einmalig.

In so einer Zeit ist es deshalb überhaupt kein Wunder, daß sich ALLE zum Künstler berufen fühlen (und es keiner mehr ist). Daß Fernsehsendungen die Illusion nähren, daß jeder Künstler (oder autoritative Person auf gewisser Ebene - der "Populäre" hat den "Berühmten" ersetzt) sein könnte. Es ist kein Wunder, daß die Grundinstrumente unseres heutigen Alltags - vom iPad bis zu Facebook - Instrumente sind, die unseren Lebensernst relativieren, aufheben. Keine Entscheidung muß mehr getroffen werden, jede ist widerrufbar, jederzeit abänderbar. Wobei sogar die ursprüngliche Verwendung des Computers im Alltag - Spiel war, also alles erzählt! 

Und es zeigt sich im Wesen des Studierens, das reines Spiel sein muß, Formenprobe. Aber niemals "Ausbildung" zum Beruf, die es in dieser Form ohnehin nicht sein kann. deshalb zur Geringschätzung der Berufswelt überhaupt führt (was sich deutlich im Alltag der Berufe zeigt). Denn seine Inhalte versiegen, werden unfruchtbar, wenn sie von den Studierenden selbst ernstgenommen werden. Und können sich anschließend nur durchsetzen, wenn man die Welt zwingt, die Spielbedingungen aufrechtzuhalten.  Denn im Spiel - und in dieser Tatsache leuchtet viel auf - erspart sich der Spielende die Reflexion, die Verantwortung. Das Amt, die Zuteilung einer Funktion im Spiel, ersetzt sie.

Auch damit, genau damit haben wir es ja zu tun: Mit einer Welt, in der nie erwachsen, ernst gewordene Kinder der Welt ihre Spielregeln aufzwingen wollen, und Zeugnisse und Zertifikate - "objektive Kriterien" - die Persönlichkeit, die es nur in der Spannung der Wirklichkeit gibt, ersetzen sollen. In der Fachleute Funktionäre einsetzen. Doch von dort kann nie Erneuerung kommen. Die kommt nur aus dem Blutvollen der wirklichen Erfahrung, des existentiellen Wollens.

Sämtliche herausragenden Reformpolitiker kamen von unten, aus Nicht-Fachkreisen, aus der Verschworenheit ins Tun. Lincoln, Roosevelt, Wilson, aber selbst Negativfiguren wie Napoleon oder Hitler, Lenin oder Mao Dsedong. Berufspolitiker sind das Schlimmste, was einem Volk passieren kann. Daran muß es ersticken. Bismarck hat prophezeit, daß es mit dem Reich zu Ende sein werde, wenn einmal ein "in der Ochsentour heraufgedienter Geheimrat" Kanzler werde.

Wehe also, man nimmt das Spiel, in dem sich heute alle zu befinden meinen, als Lebensernst! Wehe, man sagt die Wahrheit und zweifelt ihren Lebensernst an, der doch nie mehr als Spiel war. Genau so, und von genau solchen Personen, werden wir mittlerweile regiert und bestimmt, die fürchten, daß ihre Unernsthaftigkeit aufgedeckt wird. Wehe deshalb jenen, die doch tatsächlich der Welt und ihrem Tun Ernst beimessen.




Teil 2 morgen) Alles hängt an denen, die ihr Tun erstnehmen






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