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Donnerstag, 27. April 2017

Wer nicht zu leben verdient

Wir sprachen über die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten, über die systematische und immer höher durch Bomberstrategie perfektionierte Auslöschung der Innenstädte, die ein klares und riesiges Kriegsverbrechen waren. Wo an alles gedacht war, etwa auch daran, in einem gewissen Stadium bestimmte Arten von Bomben so zu werfen, daß Hilfs- und Löschzüge nicht mehr in die Innenstädte vordringen konnten. Das war ihr auch als Linksdenkender nicht geheuer.

So kamen wir auch auf Dresden zu sprechen, ihrer Heimatstadt, die heute wieder so zu glänzen versteht, bei Kriegsende 1945 aber dem Erdboden gleichgemacht war, auch dies ein schweres Verbrechen. Da meinte sie: Naja, aber Du weißt schon, daß Dresden "besonders braun" gewesen ist? 





*210417*

Freitag, 16. Januar 2015

Ausdruck des allgemeinen Unmuts

Eine umfangreiche Studie der TU-Dresden bestätigt nun, was der VdZ an dieser Stelle über Pegida schrieb (auch wenn er noch nie bei einer der wöchentlichen Demonstratioen in Dresden anwesend war.) Auch, was hier über die irreparable Selbstbeschädigung der Medien gesagt wurde, wird bestätigt. 

Die Demonstranten seien, so die Studie (die gewiß nicht die Intention hatte, zu exkulpieren), keinesfalls Rechtsextremisten, wie es oft heiße. Der spiele eine nur kleine Rolle. Und natürlich werde von verschiedenen Seiten versucht, die Bewegung für sich zu nutzen, die wöchentlich mittlerweile 25.000 Teilnehmer in Dresden auf die Straße bringe.

Vielmehr sei aber das Anliegen der Demonstranten einfach, ihrem allgemeinen Unmut über die Politik zum Ausdruck zu bringen. Das Nutzen des Rechts auf Meinungsäußerung stehe an erster Stelle. Dann folge die Unzufriedenheit mit den Medien und der Öffentlichkeit. Und erst an dritter Stelle der Motivation stehe das, was man der Pegida generell so schnell als Mäntelchen umgehängt hat, und was die Studie mit "Ressentiments gegen Migranten" bezeichnet, mit einer besonderen Rolle des Islam darin.

Auch die üblichen weiteren Zuschreibungen, mit denen man solche Bewegungen bedenkt, funktionieren nicht. Die Ergebnisse der Studie stünden, so die Forscher, "zum Teil bisherigen öffentlichen Annahmen über Anliegen und sozialen Hintergrund von Pegida-Anhängern entgegen", schreibt die Welt. Es sind keine Randschichten der Gesellschaft, die hier demonstrieren, sondern im Gegenteil: Bürger aus der Mitte. Der durchschnittliche Pediga-Demonstrant sei 48 Jahre alt, gut ausgebildet bzw. gebildet, verfüge über ein intaktes soziales Umfeld, und habe ein leicht überdurchschnittliches Einkommen.

Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl meinte dazu in einer Stellungnahme: "Es sind Bürger, die ihr grundgesetzlich garantiertes Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen – und das sollte nun wirklich nicht in Frage stehen."

Es wäre interessant, welchen Fehlinformationen es zu verdanken ist, daß der türkische Regierungspräsident Ahmet Davutoglu jüngst zu der öffentlich getätigten Feststellung kommt, daß Pegida mit der IS gleichzusetzen sei. Oder geht es hier nur um gezielte Verleumdung von Gegnern eines EU-Beitritts der Türkei, dem großen Ziel der türkischen Außenpolitik, wie erst jüngst wieder zu lesen war? Und worum geht es Merkel, die mit besorgter Miene an die Öffentlichkeit tritt und eindringlich tut, als gehe es um die Verhinderung der Reichskristallnacht? Geht es hier nicht einfach um das Gewinnen von Kontrolle über vielleicht bald nicht mehr so willkürlich beherrschbare Bevölkerungsteile durch dieselbe Verleumdungs- und Ausgrenzungstaktik? 

Mit ungeheuer rasch reagierendem, angeschlossenen Öffentlichkeitsapparat, der sofort die aufkommenden Begriffe zu diffamieren versucht, um unliebsamen Sprachgebrauch zu beschneiden - und "Lügenpresse" binnen Wochen zum "Unwort des Jahres" erklärt? Na wie auch nicht. Wie auch nicht. Es rührt ja am einzigen Kapital, das Medien (nicht mehr) haben, der Glaubwürdigkeit, der Autorität der Diskursführerschaft. Die gesellschaftlich relevanten Diskurse finden heute zunehmend ganz woanders statt.

Wie es aussieht, waren es also nicht die Pediga-Denonstranten, die sich in diffusen Ängsten der Zukunftssorge winden. Sondern die meisten Politiker und zahlreiche weitere "Besorgtheitsbeflissene der Nation", die sich vor einer IHR nämlich diffus werdenden Bevölkerung zu schützen versuchen. Die in ihren Scheinwirklichkeiten gar nicht mehr vorkommt. 

Oder was soll sich ein Pegida-Demonstrant denken, der rasch nachdem er sein Büro abschließt, seine Kinder von der Klavierstunde holt und sich ein paar Stulle von seiner Frau einpackt, die diese samt einer Wärmeflasche gerichtet hat, ihm noch Grüße an Tante Herta aufträgt, die auch kommen wolle, um dann mit seinem Audi-Karavan nach Dresden zu fahren - wenn über ihn anderntags in den Medien zu lesen steht, er sei rechtsradikal, stamme aus der Schichte der Ausgegrenzten, lebe von Hartz IV, und sei eine Gefahr für Deutschland. Nicht ... Lügenpresse?

Noch einmal: Der VdZ glaubt nicht, daß es sich bei Pegida um eine politisch wirklich relevante Größe geht. Nicht bei Pegida selbst. Sehr wohl aber bei dem, was sie ausdrückt. Vergleichen wir es mit ehernen Gesetzen der Zeitungsbranche: Manche Leserbriefe vertreten gerade mal die Anzahl Leser und Bürger, die solche Briefe schreiben. Sie sind zugleich die aktivsten. Manche Leserbriefe aber vertreten das Zehn- und Hundertausendfache, und sie kommen selten, sind aber umso aussagekräftiger. Es ist der Realitätsnähe des Herausgebers überlassen, diese Unterschiede zu erkennen, sonst verliert er den Kontakt mit seinem Publikum. Und das rächt sich eines Tages. Welche Seite die "nur" 25.000 Dresdner und Sachsen zuzuordnen sind, soll der Leser dieser Zeilen entscheiden.




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Donnerstag, 25. März 2010

Nun wissen wir es

Das Bombardement von Dresden, in der Nacht vom 25. auf 26. Februar 1945, hatte zwischen 18.000 und 25.000 Tote zur Folge gehabt. So verbreitet es der MDR - Mitteldeutsche Rundfunk.

In den Tagen vom 13. bis 15. Februar 1945 waren auf Dresden mehrere Angriffswellen geflogen worden. Dabei wurde ein Großteil der Stadt zerstört, vor allem die historische Altstadt lag in Schutt und Asche. Britische Bomber hatten 2.660 Tonnen Spreng- und Brandbomben abgeworfen. Amerikanische Flieger klinkten tagsüber weitere 711 Tonnen Bomben aus. Am 15. Februar folgte eine letzte Angriffswelle von amerikanischen Bombern. Sie warfen 463 Tonnen Sprengbomben ab.

Eine Gruppe von Historikern hatte sich seit 2004 durch den ungeheuren Berg von historischem Material gearbeitet, mit Betroffen, Hinterbliebenen, Überlebenden gesprochen, Photos gesichtet, Berichte aus Krankenhäusern und Friedhöfen ausgewertet, ... 800 Archive wurden durchforstet, 60.000 Einzelnachweise über Opfer wurden erbracht, Opferlisten abgeglichen.

Größere Opferzahlen sind auf mehrere Ursachen zurückzuführen - beginnend von der Propaganda des Dritten Reichs, das unmittelbar nach den Angriffen von 200.000 Toten sprach, bis zu bloßen Spekulationen in irgendjemandes Interesse, das bis zu einer Million Opfer gesehen haben wollte. Etwa drei Prozent der Toten waren Flüchtlinge - eines der häufigsten Argumente für eine so hohe Opferzahl war ja, daß Dresden von Flüchtlingen aus dem (ehemaligen) Deutschen Osten, aus Preußen und Schlesien, überfüllt gewesen sei. Selbst so makaber wirken könnende Überlegungen wurden angestellt, wie: ob die Temperaturen in den Dresdner Kellern so hoch gewesen seien (Dresden ist in einem unfaßbaren Feuersturm untergegangen) daß Tote zu Staub zerfallen seien. Nein. Zwar sei in den Kellern - die seit 1993, also bis heute, von Archäologen und händisch ausgegraben werden - die Atmosphäre absolut tödlich gewesen, aber die Temperaturen hätten etwa 800 Grad betragen. Der menschliche Körper aber zerfällt erst bei 1.200 Grad Celsius. (Hier der Audio-Beitrag)

Das Gremium untersuchte zunächst, welche Angaben in deutschen und ausländischen Archiven überliefert sind. Dann begannen die Historiker, die Zahl der Luftkriegstoten vollständig neu zu bestimmen. Die ermittelte Zahl prüften sie anschließend in verschiedenen Untersuchungen auf ihre Plausibilität. Der Expertenkommission zufolge kamen bei den Luftangriffen Menschen aus fast 20 Nationen ums Leben. Unter den Opfern seien auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene gewesen, erklärte die Kommission. Der Anteil von Flüchtlingen sei entgegen einiger Spekulationen jedoch gering gewesen. Dass Todesopfer nicht geborgen worden seien, habe sich nicht bestätigt.

Keine Angaben sind zu finden, wieviele zusätzliche Verletzte dieser bis dahin furchtbarste Vernichtungsangriff durch Bomben zurückließ. Wer sich noch eingehender informieren möchte, kann das über die Homepage der Stadt Dresden.

Die Schrecklichkeit der Ereignisse, eine der Spitzen dieser wahrhaft apokalyptischen Katastrophen, die über deutsche Städte in den letzte Kriegsjahren kam und die sich so fatal auf die gesamte Kultur, auf die Traditionen des Landes auswirkte, Auswuchs menschlichen Wahns wahrscheinlich wirklich nie (auch bei aller kulturell-technischen Relativität) gesehener Dimension und Totalität, wird ahnbar, wenn Sie auch das kurze Statement des deutschen Publizisten Jörg Friedrich anhören: es war ein Wille, sich zu vernichten. Allseits. Nicht nur in Dresden, wo in diesen Tagen und Nächten so hohe Temperaturen entstanden, daß sich sogar (siehe Bild) die Straßenbahnschienen aufbogen.

Keine Stimme aber, so Friedrich, die da Einhalt gebot: Nein, auch wenn uns Unrecht geschah, WIR tun nicht desgleichen. Stattdessen, selbst nach diesem Inferno, der Ruf nach noch mehr Totalität, danach, auch den Feind in diese Hölle mitzureißen, die alle vorherigen Bombardements der Deutschen nicht zu schaffen vermochte ... aber nur, weil dazu die militärische Kraft und Technik fehlte.

So wie beiden Seiten längst jedes Maß, jeder Wille zur Humanität fehlte. Das ausgelöst, das verwirklicht zu haben, ist wohl die wirkliche Katastrophe Europas gewesen, das wirkliche Ende des Abendlandes.



Den Bombenkrieg als Verbrechen zu sehen, auf beiden Seiten, das freilich ist keineswegs Revanchismus, oder rechtslastige Subjektivität - damit müssen auch die Briten und die Amerikaner leben. Und diese Ansicht wurde und wird auch von vielen Stimmen der ehemaligen Feinde vertreten. U. a. von Bruce Marshall, der schottische Schriftsteller, dessen literarische Welterfolge immer wieder auf dieses Unrecht hinweisen, und dahingehend empfohlen werden können, weil Marshall eine sehr ausgewogene humane Haltung zugeschrieben werden muß.

Es ist gut, daß hier nun Gewißheit geschaffen wurde.




*250310*