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Dienstag, 21. Juli 2020

Leitbild Patentscheißer

Aus dem September 2010 stammt dieser Beitrag, der den deutschen Politiker und Industriellen Walther Rathenau zitiert. Denkt man an ihn, so meist ohne die Widersprüche zu sehen, in die man ihn posthoc steckt. Die Farbe, in der er gesehen wird, ist durch seinen Tod (die Ermordung durch deutsche Nationale) zu fest geprägt um noch Raum für eine Sicht zu lassen, in der Rathenau als präziser Denker und Analytiker des kulturellen Zustands von Deutschland erkannt werden könnte. 

Denn das ist er! Besonders bemerkenswert ist dabei, daß dieser Sohn des Mitbegründers der AEG, der als sehr vermögend bezeichnet werden muß, die zivilisatorische Entwicklung höchst kritisch gesehen hat. Zu sehr wird auf Technik gesetzt, das eigentlich Menschliche dabei kommt unter die Räder. Dabei ist gerade das jenes Kapital (oder jener Gründungsschaden), der diesem Land und Volk eine Zukunft gibt. Oder nicht. Das Umbrechen sämtlicher Lebensvorgänge in technische Abläufe erwürgt das Schöpferische. Ohne dieses aber kann kein Volk bestehen, oder sich gar entwickeln. Es degeneriert, allem technischen Fortschritt zum Trotz, ja gerade deswegen.

Die Technik schwächt den Menschen, wird sie zum ständigen Begleiter seiner Lebensgestaltung. Nicht nur verdunstet dabei sein Existieren, das ein ständiges Aktivieren der seelischen Kräfte im Hinausstrecken in die Welt ist (genau das versucht ja die Technik zu ersetzen), sondern sie prägt seine seelischen Strukturen nach ihrer Charakteristik. 

Läßt sich der Nutzen der Technik noch exakt beschreiben, denn sie bezieht sich ja auf die Erledigung konkret definierter Arbeit als deren Sinn, so wird einmal der Kollateralschaden, den sie anrichtet, meist gar nicht bedacht, und dann ihre indirekte Wirkung auf den Menschen, die auf einer ganz anderen Ebene liegt, völlig verdrängt oder gar nicht erkannt. Weil die Schäden durch die Anwendung von Technik aber mehrenteils eben auf einer anderen Ebene liegen, werden sie so gut wie immer auch in falsche Ursache-Wirkungs-Beziehungen gestellt. 

Oder wie heute, nach hundertfünfzig Jahren exzessiven Einsatzes von Technik in unseren Ländern, von einer Basis aus bewertet, die selbst bereits von den Gesetzen der Technik geformt ist und einen anderen Urteilskreis als den des spezifischen Nutzens gar nicht mehr kennt. So werden viele Schäden sogar noch als Vorteile und Errungenschaften gefeiert, weil nur ein spezifischer Nutzen gesehen wird.

Man denke an das linear-logistische Denken, das aus dem Funktionieren eines Computer-Software-Ablaufs die gesamte Denkstruktur eines Menschen zu bestimmen versucht. Sodaß mit dieser Technik Betraute in der Regel gar nicht mehr in der Lage sind, ihre Entscheidungen in einem größeren Rahmen als in dem von Abläufen, zu denen sie die gesamte Welt "machen".

Die Technik, die uns mittlerweile fast zur Gänze umgibt (welche Lebensabläufe gibt es noch, die NICHT von der Anwendung von Maschinen oder Ablaufschienen bestimmt sind?) prägt mittlerweile nicht nur gefährlich unsere gesamte Weltsicht, sondern sie hat das Denken unseres gesamten Kulturkreises ruiniert. Das nicht mehr den Rückschluß auf die wirkliche und gesamte Wirklichkeit sieht und sucht, sondern nur noch lineare und mehr oder weniger reduzierte Logikkreise kennt. 

So überträgt sich schon längst der Mythos, der in der Maschine steckt, auf die Weltsicht, besonderst bei Jungen: Es ist der Mythos der Magie, einer völlig von Menschen beherrschten, beherrschbaren und geschaffenen (sic!) Welt. Über die Anwendung von Maschinen erfährt der Mensch auf indirekte Weise also (siehe oben) eine komplett neue Weltanschauung und Grundhaltung der Welt gegenüber. 

Das hat aber nicht nur "Vorteile", sondern es überfrachtet uns erst unmerklich, aber mit den Jahren immer diktatorischer mit einem gar nicht mehr eingrenzbaren Verantwortungsgefühl. Aus dem heraus wir uns nach und nach gedrängt fühlen, buchstäblich ALLES auf der Welt bestimmen zu sollen und zu wollen. 

Gott gleich, wird das Schicksal der Welt als in den Händen des Menschen liegend betrachtet.  Von welchem zu sprechen nur Sinn hat, wenn man diesen Gott auch ganz real weil das Ganze bestimmend, wollend, gestaltend, also geschichtstragend und konkret denkt und sieht. 

Sogar der Kult wird zur technischen Produktion von "Heil", also zum lächerlichen Pseudogeschehen. In dem der beschworene Gott entweder zum willkürlichen, irrationalen Dämon wird, oder (und) zu einem letztlich von mir selbst beherrschten Funktionselement der eigenen Lebensführung.

Deshalb und nur in dem Maß kann es Heilung zur Glücksfähigkeit (die eben nicht, wie die Technik suggeriert, in einem alle irdischen, nützlichen Bereiche umfassenden "Wohlergehen" aufgehen) geben, wenn der Mensch wieder Realitätsfundierung erlangt. Wenn er gerade die absoluten Gründe der Welt und von sich selbst in einem realen, seine Realität zutiefst bestimmenden Seinsgrund begreift. Nicht konstruiert, sondern erfaßt, also als wirklichen Beweggrund der Welt zu sehen vermag. 

Denn er sieht sie nicht mehr! Gott wird so zu einem fernen, abstrakten, über allem schwebenden Ideenkonstrukt. Ergebnis der Blindheit, die die Technik wie ein schleichendes Gift in uns allen hervorbringt. Umso kulturbestimmender, als unsere Eliten schon zu solchen Patentscheißern wurden, wie Rathenau sie in ihren Grundzügen beschreibt.

Die damals in der Form von schmißwuscheligen Saufkumpanen auftraten, die sich heute aber mit Schlabberpulli angetan in veganen, "fair-trade" propagierenden Edeltrinkstuben einfinden. Die dieselbe Funktion erfüllen, wie die Brauhäuser und Ratsstuben anno 1910: Sie bilden Götter heraus, Menschen, die sich unter ihresgleichen wissen, und Bestätigung des jeweiligen Gottesstatus verlangen. Der alleine verbirgt, daß ihr Wesen Ungehorsam dem (ganzen, umfassenden, alles begründenden wie in sich bergenden) Sein gegenüber hier, tote Ablaufstarre dort geworden ist.

Die zwar keinen Schmiß an der Wange ausweisen, aber lediglich deshalb, weil sie andere Formensprachen der starren Signaturen des Erwähltseins benutzen, zu der auch die Verachtung dieser alten Formen (weil jeder Tradition) gehört. Und das sich wie damals aus der "überlegenen Moral" konstituiert, die zu jedem selbstherrlichen Eingreifen in die Welt berechtigt, auch wenn es die Freiheit und Würde des anderen zerstört. Die somit also das Recht zur Freiheit patentiert haben, das man aber allen abspricht, die nicht zu dieser Elite gehören, und dies dadurch zeigen, daß sie deren Parteiabzeichen nicht am Revers trägt.

 
Hier also nun das Zitat von Rathenau.
"Als Typus der hoffnungsvollen Jugend, die Aussicht auf "Karriere" hatte, der Patentscheißer, aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerlichen Prüfungsreifen erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk regieren, richten, lehren, heilen und erbauen.
Walther Rathenau über den Typus, der um 1900 die Berliner Hochschulen als künftige Elite bevölkerte. 
Jener Typus also, der 1914 an der Spitze Deutschlands stand.
Man konnte, schreibt Rathenau, dieser Schichte, ihren Vertretern
in Beamtentum und Militär, nur von oben beikommen;
von unten ließe sie sich nur
strategisch umgehen, nicht durchbrechen.
*280910*


*200720* 

Dienstag, 26. Oktober 2010

Schicksal

"Ein Land, das nicht um seine Verantwortung kämpfen will, wird um seine Sicherheit kämpfen müssen."

Walther Rathenau, im Jahre 1913 in "Das Eumenidenopfer"

 
*261010*

Freitag, 22. Oktober 2010

In der Hand weniger

"Dreihundert Männer," schreibt Walther Rathenau in einem Aufsatz für die Neue Freie Presse im Jahre 1909, "von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents." Er selber war im Laufe jener Jahre bei insgesamt 86 deutschen, und 21 ausländischen Unternehmungen leitend tätig. Deren Auflistung sich wie ein Lexikon der Wirtschaftsgeschichte liest.

***

Ein Lobbyist hat einmal gemeint, daß es in Österreich knapp hundert Personen gäbe, die im Grunde alles in der Hand hätten.

 
*221010*

Dienstag, 19. Oktober 2010

Marxismus kurz und bündig

Harry Graf Kessler bringt auf eine präzise und knappe Formel, was das Wesen des Marxismus ausmacht. Und er stellt so nebenbei einige abstrakte Haltungen dar, wie sie bis heute aktuell sind, denn ...


"... Marx stützt die ethische Berechtigung des Klassenkampfes auf eine sozusagen juristische Forderung: der Bourgeois vergütet dem Proletarier nicht den ganzen Wert seiner Arbeit, sondern nur einen Teil dieses Wertes: den anderen Teil (Marx nennt ihn Mehrwert) steckt er ohne Gegenleistung in die Tasche; dieser Unterschlagung verdankt er sein Einkommen, sein Kapital, seine Existenz. 

Der Proletarier fordert das Unterschlagene, den Mehrwert, zurück; aber das Urteil ergeht in der kapitalistischen Gesellschaft gegen ihn, nicht weil er unrecht hat, sondern weil der Bourgeois die politische Macht und die Produktionsmittel sich gesichert hat und das Recht beugen kann. Daher muß der Proletarier beides, die Produktionsmittel und die politische Macht, erobern; und ihn stützt dabei das Recht, wenn nämlich die Voraussetzung richtig ist, daß der Unternehmer ihm einen Teil des Kaufpreises für seinen Arbeitswert unterschlägt.

Dies die ethische Grundlage des Marxismus. Sie ist agitatorisch hinreißend, politisch unerhört wirksam, aber schmal und offensichtlich schwach, weil sie von einer Voraussetzung ausgeht, die zum mindesten bestritten ist."

***

Walther Rathenau übrigens geht nicht einfach nur von diesem Unrecht aus, sondern für ihn ist das Unrecht viel tieferliegend, diese Unterschlagung ist nur Teil eines viel größeren Unrechts, nämlich dem des Diebstahls der Seele. "Nicht innere Notwendigkeit des Mechanisierungsprinzips," schreibt er, "sondern bequem gebilligte Begleitumstände der Entwicklung haben die an sich unvermeidliche Arbeitsteilung zwischen geistiger und körperlicher Leistung zur ewigen und erblichen gemacht und so in jedem zivilisierten Lande zwei Völker geschaffen, die blutsverwandt und dennoch ewig getrennt, im gleichen Verhältnis wie ehedem die stammesfremden Ober- und Unterschichten, einander gegenüberstehen. Beide sondert und beherrscht der Zwang."


*191010*

Sonntag, 17. Oktober 2010

Die Seele eines Staates

Walther Rathenau, der 1922 von nationalistischen Antisemiten erschossen wurde, war der Meinung, daß sich auch Seelen bilden könnten, soweit es menschliche Gemeinschaften anbelangte. Diese Seelen, in Anklang an Spinoza, hätten das Recht zur Entfaltung, aber auch die Pflicht, aus sich heraus zu wachsen und zu wirklichen. So war für ihn (im Gesamtzusammenhang auf Gott hin, dem Urbild jeder "Seele", als Ideon, als Idee verquickt mit Willen zur Gestaltwerdung, mit Liebe) das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" transzendent begründet.

Solche Seelen entstanden, meinte Rathenau, ähnlich der Ehe als Gemeinschaft zweier Menschen, aus der Liebe zueinander, und allen darauf folgenden Stimmungen und den beiden wesentlichen Haltungen: Solidarität und Opfersinn. Wo diese Haltungen wahr werden, ist der Mutterboden für die Seele eines Staates gegeben, der sich - was seine Bewohner anbelangt - auf nichts einschränken läßt, nicht auf Volk, Familie, Stamm, Nation, der aus jeder Gesellschaft erwachsen kann.

Lebt solch eine Seele erst einmal, ist sie in einem Staat wirklich geworden, so besitzt sie eine Eigendynamik, die Rathenau mit "Strahlenphänomen" bezeichnet, in der sie auf alle Bürger zurückwirkt, Geschichte annimmt und wird überzeitlich. Walther Rathenau vergleicht es in "Mechanik des Geistes" mit einem Springbrunnen im Schloßpark von Versailles. Schon Ludwig XIV. sah die Fontaine aufsteigen, und wir Heutigen sehen ihn genau gleich. Nur das Wasser hat gewechselt. Dieser Vorgang ist noch in zweitausend Jahren derselbe, wenn das Wasser dann noch aus demselben Rohr steigt.

Dieses Strahlenphänomen beherrscht, wie Rathenau feststellt, alles Lebendige. Alles fließt, aber jeder Moment der dahineilenden Materie wird aufgefangen in einem milliardenfachen Netz von Formen, die der Welt den Schein der Stetigkeit verleihen, weil sie, von der Form des Weltalls bis zu der des Atoms, an menschlichen Maßstäben gemessen, unwandelbar sind.

Nicht das Blut, sondern ein Schatz von stetigen Formtendenzen, die aus dem fortlaufend neuen, durchstürmenden Stoff immer den gleichen Strahl formen, gibt einer Gemeinschaft in den Formen ihrer Sprache, ihre Kunst, ihrer Sitten, ihrer Religion eine eigene Individualität - im Sinne Rathenau's: eine Seele.

 
*171010*

Freitag, 15. Oktober 2010

Schaffenslicht

"Sie glauben, daß von diesem Buch Ihnen nichts gehört? Wenn Sie es ganz besitzen - und Sie werden es besitzen - so werden Sie fühlen, daß es nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch ein umgeschaffenes Erlebnis ist."

Walther Rathenau, in einem Begleitbrief zur Übersendung seines Buches "Mechanik des Geistes" an seine Freundin.

 
*151010*

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Doch noch eine Notiz

Binnen Stunden fanden sich unter dem Artikel des Wiener Universitätsprofessors Franz Hörmann "Banken erfinden Geld aus Luft" im Standard tausende Postings. Die meisten begeistert zustimmend. Was hatte Hörmann da geschrieben? War bzw. ist der nicht Professor für Bilanzwesen? Was hat der zur Wirtschaftskrise der Gegenwart zu sagen? Eine Replik, die heute im Standard zu lesen war, nimmt süffisant genau darauf Bezug: der solle aufhören, Prophet zu spielen, sondern sich um seine Bilanzen kümmern.

Der Verfasser dieser Replik diskreditiert sich selbst. Denn die Finanzkrise der Gegenwart ist EXAKT eine Frage der ... bilanziellen Bewertung. Es ist eine Frage der WERTE, das kann man durchaus in jeder Hinsicht so sehen. Und der VdZ wird nicht vergessen, wie er noch vor zwanzig Jahren ausgelacht wurde, als er aus der konkreten Erfahrung als Unternehmer heraus nicht nur das Wesen der heutigen Wirtschaft exakt erfaßte, sondern auch öffentlich darlegte, daß die Bilanzen der Unternehmen das Papier nicht wert seien, auf dem sie stünden - der Wert eines Unternehmens sei nur solange vorhanden, solange das entsprechende Bewertungssystem aufrecht sei. Sobald dieses wanke, breche wie im Dominospiel ein System zusammen, und (den Begriff verwendet auch Hörmann) dann bewahrheitet sich, daß der Liquidationserlös eines Unternehmens, ja der Wirtschaft, exorbitant geringer sei, als die geschaffene Geld- (und Kredit-)menge.

Die Frage der "Werte" einer Gesellschaft und der ihr zugehörigen Wirtschaft ist also von immenser Wichtigkeit, denn sie ist einerseits extrem relativ, somit anderseits keine abstrakte "An sich-"Basis für Kredite und "neues Geld." Geld hat kein "an sich" - es ist nur ein Ausdruck des Bezugs von Leistungsversprechen von Personen, es ist nicht mehr.  (Auch darüber stand hier erst jüngst wieder zu lesen.)

Gefahr ist also immer dann in Verzug, wenn sich die Geldmenge von dieser - noch einmal: MENSCHLICHEN - Leistung entfernt. Im Grunde ist das diese menschliche adhoc-Leistung überschreitende Geld LEER, es existiert nur noch virtuell, und ist somit Inflationsauslöser (und das hat sich noch immer so eingestellt, noch kein Geldsystem der Geschichte hatte lange Bestand). Auch Gold kann das Problem nur teilweise lösen, nur etwas verbessern. Ein System wie es sich nun weltweit etablierte, das GELD zum Leistungsträger machte, und den Menschen regelrecht aus dem System nehmen wollte - die Bilanz zieht jede seriöse Demographie -, ja die den Menschen gar als Hindernis (Abtreibung, Verhütung, Überbevölkerungshysterie etc.) zum glücklichen Leben begreifen wollte, muß also zwangsläufig scheitern!

Bis ins Detail decken sich die Befundanalysen Hörmanns mit dem, was auf diesen Seiten seit langer Zeit zu lesen, und seit Jahrzehnten Ansicht des Autors ist. (Wenn auch nicht in allen Einschätzungen, vor allem was die Ursachen betrifft, dazu unten.) Über die fundamentale Schwäche des Zustands unseres Wirtschaftssystems, wie es sich entwickelt hat, und die Nähe herrschender Steuerungsinstrumente samt der sie stützenden Politik zum Verbrechertum.

Hörmann geht freilich weiter. Er prognostiziert klar, und das ehrt ihn sogar auf eine Weise, daß der Euro 2011 zusammenbrechen wird, und daß 2013 ein Totalzusammenbruch unseres weltweiten Wirtschaftssystems ansteht. Diesem wird eine völlig neue Art des Wirtschaftens folgen.

Und genau da hakt es dann. Sind Hörmanns Analysen noch exakt und nachvollziehbar, mischt er ab diesem Zeitpunkt nur noch blanke Utopien ein, die vom ratlosen Leser - und die Mehrzahl jener sind wohl so zu attribuieren - mit dem Köder geschluckt werden.

Dabei ist es ältester, abgestandener Aufguß, den Hörmann da verbreitet. Simpler Etatismus, Planwirtschaft ganz einfach kommunistischen Zuschnitts, oder, wie in einer Artikelreihe hier erst vor kurzem vorgestellt war, eine NEUE WIRTSCHAFT, wie sie im Deutschland der 1920er Jahre von Männern wie Rathenau zu einem "wissenschaftlich ausgeklügelten" System ausgebaut wurde. Gerade mit Rathenau's NEUER WIRTSCHAFT decken sich Hörmanns Vorschläge auffallend.

Auch Hörmann meint zum Beispiel, daß das Zentralproblem des Wirtschaftens, die Motivation, auf ähnlich naive, blauäugige Weise wie Rathenau das für möglich hielt, zu beseitigen wäre. Wenn allen der Druck genommen wird, so Rathenau, so Hörmann, dann würden alle glücklich. Dann würden alle motiviert, dann würden alle kreativ und selbstverwirklicht endlich in eine neue Zeit aufbrechen. Fuchs schläft neben Gans, und Wolf neben Rehlein, und alle habe sich lieb. Spätestens da läuft einem der kalte Schauer über den Rücken, denn spätestens nun wird klar, daß auch die Vision Hörmanns eine gottverdammte Utopie ist, die nicht nur aus ihrer Natur heraus in Terror mündet, sondern die das sogar erst jüngst bewiesen hat. Daß dies noch immer zuwenig bekannt ist, und dieser Mangel ist immer schon zu beklagen gewesen, beweist sich ohnehin oft genug. Es gibt aber keine Alternative zur Freiheit, und es gibt ihn nicht, den Mittelteil des Übergangs, wo man einfach einmal ein paar Jahre und Jahrzehnte streicht, um dann, dann endlich, ins Paradies einzutreten. Nicht hier auf Erden! Nicht, weil alle so böse sind, wo doch alle auch anders könnten, man müßte sie nur ... nein: Prinzipiell. Darum geht es nicht!!! Hörmanns Ziele sind verkehrt, weil die Anthropologie dahinter, die in Hörmanns Thesen mitgeliefert wird, falsch, einfach falsch ist. Hörmann verbreitet somit letztlich nichts als Weltanschauung. Und zwar nicht einmal eine sehr originelle, sondern er verkauft abgestandenes Regenwasser. Vielleicht trinken die Leut es ja jetzt ...

Diese fundamentale, aber sogar gefährliche, Schwäche des Hörmann'schen Beitrags verrät sich aber selbst dort, wo er Mischsysteme (!) wie in China als Alternative vorschlägt. Wo sich Elemente des freien Wirtschaftens mit zentraler Lenkung vereinen. Ähnliches gab es ja auch bei uns - in Zeiten des Krieges. Im Ersten Weltkrieg genauso wie im darauffolgenden. Die Schäden sind irreparabel.

So verlockend es ist, und gerade jetzt ist es verlockend, das liegt in der Luft: die Messiaserwartung steigt und steigt, denn die Welt ist in ihrer Widersprüchlichkeit für die Menschen nicht mehr verstehbar, auch weil ihnen das wesentliche Instrumentarium abhanden gekommen, nein, aus den Händen geschlagen ist: der Hausverstand (und Hörmanns Analysen gehen über diesen Rahmen ja gar nicht hinaus!). Es gibt keinen "verordneten Weg" ins Glück, in die Freiheit, aus dem Chaos heraus. Unser Problem ist ja gerade die Überregulierung der letzten Jahrzehnte, ist der Mißbrauch der Staaten und Gesellschaften in ihnen durch die Politik.

Es gibt keinen "optimalen Weg", kein Wunschbild, keinen Idealzustand, den es anzusteuern gälte, mit diesen oder jenen Gesetzen und Regelungen. Hörmann arbeitet genau mit solchen Visionen, die uns schon jetzt das Genick gebrochen haben: Wohlstand für alle, vereinfacht; Glück und Zufriedenheit für jeden! Nein! Die Welt ist nicht so, daß das möglich wäre, nicht in dieser Welt, in der Freiheit auch heißt, Risiko zu tragen, weil NUR DANN Freiheit überhaupt gewirklicht ist.

Konkret, um ein Beispiel aus den Vorschlägen Hörmanns (und Rathenaus) herauszugreifen: mitnichten werden die Menschen freier und schöpferischer ihr Leben wirklichen, wenn sie alle ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen haben (wobei Rathenau es noch, so realistisch war er immerhin, es mit Arbeitszwang verband, übrigens: exakt was die DDR bzw. der ehemalige Ostblock machte). Stattdessen werden sie sogar demotiviert! Die Jugend der Gegenwart, die schon exakt in dieser "Garantiehaltung" heranwuchs (hier verschätzt sich Hörmann bereits in seiner Zustandsanalyse), beweist es, nicht zuletzt. Wer das Leben nicht als Erwartung an einen selbst erfährt - der hört auf zu geben, der hört auf morgens aufzustehen. Hatten wir erst unlängst ...

Schon diese Erwartung überhaupt zu haben zeigt die Krankheit - weil die Menschen vom Staat, von "der Gesellschaft", vom anderen ihr Lebensglück erwarten. Und auch hier irrt Hörmann schon in der Analyse: denn exakt in dieser Denaturierung liegt bereits die eigentliche Ursache der Wirtschaftskrise, und bald, nach Hörmann, nach mir, der totale Zusammenbruch. Wobei, und auch das kalkuliert Hörmann (weil er sich eben im Menschen verschätzt) nicht ein, es einen TOTALEN Zusammenbruch nicht geben wird, nie gab! Es bricht immer nur ein mehr oder weniger großer Überbau zusammen. Die Menschen aber, die mit zwei Beinen und zwei Händen und Herz und Verstand und Mund und Augen, die gehen schon am nächsten Tag her, in der nächsten Stunde, und organisieren sich ihr Leben neu. Einfacher, schlichter, mangelhafter - aber es hat NIE einen TOTALEN Zusammenbruch gegeben.

Der Staat solle aber, so Hörmann, so Rathenau, so andere, dann richten, was ER eingebrockt habe ... Nein, nein, und nochmals nein: Gesundung wird nicht DURCH DEN STAAT eintreten. Es kann nur Gesundung geben, wenn die individuelle Freiheit wächst. Sie ist unser Problem. Und sie ist fundamental anders, als es auch Hörmann verkündet. Sie bedeutet nicht Willkür, sondern die Möglichkeit des freien, vernünftigen, überlegten, ungetriebenen Verhaltens zu sich. Ein solcherart "herbeigesehntes" gesellschaftliches Klima ist ohne diese individuelle Freiheit, die eine persönliche Lebenswahl sein muß, sonst ist sie nicht Freiheit, nicht erreichbar.

Also kann eine Gesundung erst eintreten, wenn erstens die Fieberkrise wirklich ausgestanden ist, und zweitens Regelung um Regelung, Mißbrauch um Mißbrauch zurückgenommen worden ist. Sodaß die Menschen wieder zurück auf ihre eigene Problemlösungsfähigkeiten und Lebenskraft geworfen werden - und wieder beginnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und auch dann werden wir erleben, daß viele das System ausnützen, daß noch mehr ihre Freiheit verfehlen. Aber: SO IST EBEN DIE WELT!

Gott bewahre uns vor jenen, die uns hienieden eine bessere Welt einzurichten versprechen - wir sollen sie nur machen lassen. Ich glaube, es ist Duns Scotus, der einmal sagt, daß der Mensch nichts der Welt hinzufügen kann! Er solle aber dahinter sein, daß er ihr nichts nehme. Dann habe er die Tugend.

***
 
Vielleicht sind es aber die Leserreaktionen, die am interessantesten sind. Die Euphorie im Standard trägt nämlich alle Anzeichen eines wirklichen Erleichterungsgefühls, das eine tiefliegende Sehnsucht nach einem Ende des Drucks, nach einem Wechsel um jeden Preis ausdrückt. Auch das ist ein dezenter Hinweis, daß sich die Geschichte immer auffälliger wiederholt: Wir befinden uns in einer Schleife, die nun bei 1920/1930 angelangt ist. Wie es weitergeht? Hm ...


*141010*

Rede und Sinn

Der Beinahe-Bundespräsident Deutschlands, Joachim Gauck, sagte anläßlich des 20. Gedenktages zur deutschen Wiedervereinigung, die über fast zwei Stunden ging und bei manchem Zuhörer den Eindruck erweckte, als würde Gauck - etwas unverschämt - die Gelegenheit nutzen, um zu zeigen, daß er die bessere Wahl gewesen wäre, einen bemerkenswerten Satz, den das Fernsehen in seinem Kurzbericht (man berichtete ungleich länger über die Reaktionen auf seine Rede) präsentierte, und der sinngemäß lautete:

"Von wem nichts mehr erwartet wird, der hört auf sein Leben zu leben."

***

Zwei Stunden Redezeit? Es ist Merkmal unserer Zeit, daß dies so selten geworden ist. Daß man gar meint, etwas "zu sagen" wäre dasselbe wie "etwas darstellen". Die Kürze der Botschaft reduziert auch ihren Inhalt. Rathenau zum Beispiel sprach im Sommer 1922 über sieben Stunden vor den ehemaligen Alliierten! Und niemandem kam die Rede zu lang vor, im Gegenteil. Diese Rede, in der Rathenau auf die wirklichen Verhältnisse in Deutschland einging, und darlegte, warum die Reparationszahlungen Deutschland zernichten würden (womit er zweifellos recht behielt, wenn auch mehr indirekt als direkt), erwarb sich der damalige Außenminister eine Vertrauensbasis, die nicht einmal die Nacht-und-Nebelaktion des Rapallo-Pakts mit Rußland (als Notwehr gegen die fast schon paktierte Einbindung Rußlands in die westliche Allianz) wirklich gefährden konnte.

Sieben Stunden. Von keinem Beteiligten ist auch nur andeutungsweise zu lesen, daß ihm das zu lang vorgekommen wäre.

(Rathenau hatte, übrigens, das Amt quasi notgedrungen, aus Pflichtgefühl angenommen, wie er sagte. Auch wenn das, wie man eher annehmen kann, keineswegs so war, aber es stimmt. Er selbst hat sich nicht "beworben" oder ähnliches, es war eher so, daß sich niemand mehr fand, der in solch einer aussichtslosen politischen Lage ein Staatsamt annehmen wollte.)


*141010*

Sonntag, 3. Oktober 2010

Nichts, nichts ist anders

Aber, fragen die einen, hat nicht der Sozialstaat in den letzten Jahrzehnten alles auf den Kopf gestellt? Geht es uns nicht gut? Herrscht nicht Bildung, statistisch belegt, und Sitte? Herrscht nicht Wohlstand? Herrscht nicht schöpferische Lebenswirklichung, generell? Seht doch, wieviel selbst einfache Leute besitzen?

***

Walther Rathenau beschreibt die Kinder des Proletariats - sie sind aus ihren Umständen herauszuheben, durch Bildung, durch Wohlstand, durch Sozialisierung des Eigentums. Dann sind sie seelisch befreit, dann sind sie schöpferisch.

"Die einen (die Reichen, Anm.) sind gepflegt und standesbewußt, an wohlgesetzte Gespräche Erwachsener gewöhnt, von leidlichen Manieren, leichtem Ausdruck, im Besitz der zarten Bildungsansätze, die aus einer Umgebung von guten Büchern, Kunstwerken, aus Reisen und gelegentlichem Vorunterricht erwachsen, frisch, ausgeschlafen, gut genährt, körperlich geübt. Die anderen (die Armen, Anm.) so ziemlich das Gegenteil. Nun wird von ihnen eine neue Haltung, Sprache und Anschauung verlangt, sie sollen aus einem gewohnten Kreise heraustreten und mühsam, neben dieser Verwandlung, die einen Teil der Kräfte und des Willens verzehren, die neuen Kenntnisse erwerben, die den Gutgekleideten so leicht werden, ja die sie zum Teil schon besitzen."
 
***

Ein Bruder, eine Schwester des VdZ, sowie deren Ehegatten, alle mittlerweile im Ruhestand, waren als Lehrer, ja alle sogar dann als Schuldirektoren in österreichischen Schulen - Mittelstädte die einen, ländliche Märkte die anderen - tätig. Was sie erzählt haben, wie der Zustand der Kinder ist, die morgens in den Unterricht kommen, so deckt sich ihre Schilderung aufs Wort mit dem, was Rathenau über die Unterschichtkinder vor 100 Jahren schreibt. Aber es ist allgemeine Erscheinung geworden. Geld, Essen, was auch immer, hätten die Eltern dieser Kinder mehr als genug, mit Betonung auf mehr. Ja gerade die Kinder, die im Wohlstand "ersticken", weisen jene Merkmale auf, die Rathenau noch auf die Unterschichte, auf die "Armen" angewendet hat.

Der Sozialstaat hat nichts, aber wirklich nichts verändert, außer daß man sagen muß, daß das Elend allgemein wurde - im Grunde auch das eine Tatsache, die Rathenau als gründlicher Überdenker der volkswirtschaftlichen Auswirkungen gewußt hat: ein über das Land gezogenes gleiches Einkommen bringt allen nie mehr als Auskommen, aber es löscht den Reichtum, den (im eigentlichen Sinn) Mittelstand aus. Er hat die Menschen im tiefsten Proletariat gehalten, und sie mit billigen Glasperlen, getäuscht. Er hat umverteilt, er hat die sinnlose Vergeudung von Ressourcen animiert, aber der sittliche Zustand der Menschen, das entscheidende Kriterium für Kultur und Allgemeinwohl, war ihm gleichgültig.

Die Entwürfe zu einem neuen Staat, zu neuen Ordnungen, zu neuen Volkswirtschaftssystemen, die vor gut 100 Jahren Grundlagen für den Umbau der Staaten in Österreich wie Deutschland waren, sind angetreten unter der Anforderung, "wieder Menschen aus den Arbeitstieren" zu machen, wie Rathenau es formulierte.

Sind wir heute wirklich wieder mit Menschen konfrontiert? Oder haben wir nur die Bewertungsmaßstäbe ausgetauscht? Könnten einem die Dinge nicht so erscheinen, daß die großen Ideen, die allesamt vorgaben, daß es ihnen um die Seele des Menschen ging, darum ging ihn von Sklaverei und Not zu befreien, den Menschen paradoxerweise weil auf andere Weise benützt haben - um diese Ziele, umgebrochen aber auf gewisse technische Quantitäten, zu erreichen.

Und das genau ist das Wesen der Utopie, die sich ausnahmslos in ein Zwangssystem wandelt.


*031010*

Nicht nur in den Krieg gestolpert (4)

Fortsetzung von Teil 3 - Pläne zu einer NEUEN WIRTSCHAFT, und das Fazit

Und Rathenau's Pläne zur Umgestaltung der Volkswirtschaft? Er feilt sie aus, zu Berechnungen, die nachweisen, daß bei "wissenschaftlicher Steuerung" der Produktionsvorgänge Arbeitszeit, und damit Volksvermögen, und ein Viertel Energie gespart werden könnte; er berechnet, wieviel jede Familie Deutschlands an Einkommen beziehen könnte, wenn man seine Pläne zur Abschaffung von Privateigentum umsetzte, und kommt auf ein nur recht bescheidenes Einkommen, woraufhin er noch utopischere Pläne schmiedet, wie die Produktivität ins Uferlose gesteigert werden könnte, in jeder Werkstatt, in jedem Betrieb; eine zentrale Stelle soll die landesweite Arbeitsteilung im Sinne einer Effizienzsteigerung steuern, im Dienste einer Deckung eines Bedarfs, der nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ermittelt werden soll und jeden seiner Existenzsorgen entheben, frei zum schöpferischen Prozeß machen soll, organisiert in alles planende und beherrschende Berufs- und Branchenfachverbände mit staatlich kontrollierter und koordinierter Selbstverwaltung.

Auch wenn Rathenau freilich zugeben muß, daß eine entscheidende Funktion von Privateigentum, von Privatkapital, durch den Staat NICHT ersetzt werden kann. Man merkt hier seine reale Erfahrung als Unternehmer. Denn, so schreibt er, dem Staat fehlt der "leidenschaftliche Anreiz, der die Sorgen der Verantwortung überwindet." (Sprich: staatliche Verwalter werden eher mit Gleichgültigkeit auf Probleme reagieren.) Zudem sieht er freilich, daß das Personale des Unternehmers durch keine noch so fachlich korrekten Analysen, die sich noch dazu meist widersprechen, ersetzt werden kann, denn ein Unternehmer braucht vor allem - Instinkt.

Ja, selbst Risikokapital (und Risiko bedeutet jede Investition in der Wirtschaft) ist eine Frage des Überschusses. Arbeitnehmer, die gerade ein gutes Auskommen haben, werden niemals ihr Erspartes riskieren. Dazu brauchte es bislang immer überschüssiges Kapital.

Aber Rathenau glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen: einem unerschöpflich reichen Staat - mit nur einem die Berufs- und Gewerbeverbände überwachenden und koordinierenden Organ, der Staatsbank - gegenüber (der über sämtliche Privatvermögen verfügt), muß ein verantwortlicher Angestellter, der aus persönlichem Anstand und Ehrgefühl dieselbe Begeisterung wie ein Unternehmer aufbringen wird, Probleme zu lösen, lediglich die Begründetheit eines Finanzbedarf belegen - solche Sachzentriertheit von Entscheidungen muß die Motivation von alleine heben.

***

Nichts bleibt eben KEINE Angelegenheit des Staates. Auf eine Weise läßt sich ja tatsächlich alles als Sache der Gemeinschaft ansehen. Denn jedes Handeln des Einzelnen tangiert immer, über seine nähere oder weitere Umgebung, den Staat, in dem er lebt, und Rathenau reklamiert jedes Menschen Arbeitskraft als Volkseigentum. In dessen Interesse, im Interesse der Stärke des Landes, die vor allem eine Stärke nach außen ist, sieht Rathenau die Notwendigkeit zu solcher Sozialisierung der Wirtschaft. Den Boden dazu hat in seinen Augen der Umsturz des Weltkrieges bereitet.

In manchen Phasen, man muß es so formulieren, bei allem was sich in Rathenau's Schriften an interessanten Gedanken findet, erscheinen einem seine Pläne wie neurotische Übersteigerungen krankhaften Technizismus, die eine Wirklichkeitsfremdheit verraten, die für das Deutschland dieser Zeit wohl typisch ist. Eine Abgehobenheit, aus der das Land dann zwar furchtbar erwacht, die aber eine Fülle von Gesellschaftsentwürfen evoziert.

***
Wenn man Rathenau's Wirken und Denken fortführt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Sozialstaat heutigen Zuschnitts, in Österreich noch mehr als in Deutschland - natürlich ohne solche expliziten Pläne verfolgt zu haben - exakt die Verwirklichung solcher Sozialisierungsgedanken ist. Gedanken, Pläne, Entwürfe, die aus dem Daseinsgefühl erwachsen sind, daß der Welt ihre Ordnung abhandengekommen ist. Oder daß die alten Ordnungen abgeschafft werden müssen. Ja, in der Zeit des Nationalsozialismus steht man (in Deutschland) staunend einer "Ordnung" gegenüber, die nach den Entwürfen wie jenen von Rathenau, diesen aber manchmal sogar exakt, geformt scheint.

Sieht man von den kommunistischen Staaten ab, die pure Verwirklichungen solcher Ansätze sind, und für viele damals (wie ... heute) als "die Zukunft" der Völker und Staaten, als einzige Gesellschaftsform angesehen wurden, die mit den komplexen Problemen der Zeit fertig wird.

***

Zusammen mit den Entstehungsursachen und -gelegenheiten gesehen, beschleicht einen aber vor allem das seltsame Gefühl, daß wir, in unseren Sozialstaaten, uns in einem heimlichen, nie erklärten, chthonischen, aber bedrückend realen Krieg, einer noch immer nicht beendeten Revolution befinden: wo sich der Staat seit 90 Jahren in einer nur graduell unterschiedlichen, immer aber existenzbedrohlichen Situation fühlt, das allen diesen Staaten, als prägende Grundgestimmtheit, zugrunde zu liegen scheint. Woraus sie die Ermächtigung zieht, das Leben der Menschen zutiefst zu bestimmen.

***

Rathenau's Schriften aber zeichnen die heutigen Staatsmodelle in Europa regelrecht vor. Sie erschienen in Rekordauflagen, und Rathenau war um 1920 der am meisten gelesene und diskutierte Sachautor Deutschlands. Er hat nichts Neues erfunden, das stimmt, und dafür wurde von einer Zeitung damals sogar ein Preis ausgesetzt, den selbst zu spenden Rathenau sich nicht entblödete. Aber mit ihm kam plötzlich die Verwirklichung, er sprach diese alten Gedanken in eine Zeit, die für diese Ideen nun bereit war, und er kombinierte manche Gedanken neu, sodaß sie plötzlich verwirklichbar erschienen.


*031010*

Samstag, 2. Oktober 2010

Nicht nur in den Krieg gestolpert (3)

Fortsetzung von Teil 2


Der interventionistische Sozialstaat heutigen Zuschnitts beginnt wie ein Zufallsprodukt: Als eine Frucht des Krieges

Rathenau sieht aber in den Auswirkungen der Kriegsereignisse 1914-1918 den lange erhofften Durchbuch seiner Ideen und Hoffnungen: denn nach seiner Ansicht hat der Krieg bewirkt, daß die Arbeiter dem Mechanismus der Maschinenwirtschaft entkommen sind, indem sie ein transzendentes Ziel - Krieg und Sieg - hatten. Das, so Rathenau, ist der Beginn der Seele, als die eigentliche Berufung des Menschen. Die Kriegsereignisse selbst sieht er als maßgeblich dafür, daß ein Gesinnungswandel beschleunigt wird, der eine staatlich gemessene Volkswirtschaft gutheißt. Für Rathenau in der Befreiung des Arbeiters vom Zwang der Not DER Grundstein eben jenes höheren Lebens, der Seele. Der Sozialstaat heutigen Zuschnitts ist geboren.

Rathenau sieht drei Faktoren, die dies begünstigen:

  1. die Verächtlichwerdung des Reichtums in der öffentlichen Meinung (oft in Gestalt des Antisemitismus), begleitet von einem wachsenden Verantwortungsgefühl
  2. fortschreitende Entpersönlichung des Besitzes in der Wirtschaft durch das Ausbreiten der Aktien- bzw. Kapitalgesellschaften, sowie das Überhandnehmen gemeinwirtschaftlicher Unternehmungen (Kriegsgesellschaften)
  3. durch Entautorisierung der Obrigkeit eine Entwicklung zum Volksstaat.
Das ist der für Rathenau lang ersehnte Weg: Die transzendente Aufgabe, schreibt er einmal, lautet: Wachstum der Seele; wie lautet die pragmatische?

Und er gibt die Antwort: Aufhebung der proletarischen Verhältnisse, denn der proletarische Druck lastet am schwersten auf der Seele und verhindert Glück und schöpferische Freiheit. Die Kriegserfahrungen bestätigen Rathenau in der Auffassung, daß eine klassenlose Gesellschaft auch ausreichend Güter produziert, um zu leben. Damit fällt für ihn das letzte Argument für eine freie Volkswirtschaft. 

Nach dem Krieg, schreibt er, wird ein Proletariat, das aus Not produziert, nicht mehr notwendig sein. Der Krieg, der die Unantastbarkeit des Privateigentums zum alten Eisen geworfen hat, hat gleichzeitig andere Antriebe begünstigt. 

Und er entwirft ein Wirtschaftssystem, mit Selbstverwaltungsräten aus Arbeitern, Kollektiveigentum etc., eine "Neue Wirtschaft", das Archetyp für sämtliche sozialistischen Volkswirtschaften des 20. Jahrhunderts ist.

Schaffensfreude, DAS Kriterium für Rathenau, kommt, so meint er, mit der Mitverantwortung von selbst. Dort, in der Vergeistigung der Handarbeit in der Arbeitsteilung, wird Raum geschaffen für die reinen Kräfte, die das künftige Willensdasein bewegen sollen. Mit Freiheit von Erbfron, Freiheit von Not und Freiheit der Berufswahl.

Der Unterschied von Marx? Marx ist deutlich mehr Realist ... und sieht den Arbeitszwang, besonders für den Ackerbau, als Grundlage einer sozialistischen Volkswirtschaft.

***

Harry Graf Kessler hält (im Jahre 1928) übrigens den Streit - Arbeitszwang oder freie Motivation einer freien Seele - für müßig und eher unentschieden. Denn, so schreibt er, die Zahl der Arbeitsscheuen (bei freier Wahl) wird sich mit der Zahl der unfreiwillig Arbeitslosen (bei Arbeitszwang) die Waage halten. Das zukünftige Problem, so meint er, sei ohnehin, wie bei der fortschreitenden Mechanisierung der Arbeitsprozesse und den damit zu erwartenden Produktivitätssteigerungen mit den nicht mehr benötigten Arbeitskräften umzugehen sein wird.

Fortsetzung in Teil 4 - morgen: Pläne zu einer NEUEN WIRTSCHAFT, und das Fazit
 

*021010*

Freitag, 1. Oktober 2010

Nicht nur in den Krieg gestolpert (2)

Fortsetzung von Teil 1

Der Beginn staatlicher Interventionen in freie Volkswirtschaften

Die Frage der Versorgung mit dem reinen Importprodukt Stickstoff war also dringlicher, als die des Mannschaftsersatzes, oder selbst der Strategie. Denn zu Kriegsbeginn war der für jede Art von Sprengstoff notwendige Salpeter - eine Stickstoffverbindung - für maximal ein halbes Jahr vorhanden.

Rathenau handelt augenblicklich. Selbst bei Kleinbauern wird (nur wenige Wochen oder Tage gar noch, und dieser Rohstoff ist unwiederbringlich in die Ackerböden eingearbeitet) jeder verfügbare Stickstoffdünger requiriert, und mit in Belgien zusammengekratzten Mengen zusammen schafft Rathenau die Versorgung wenigstens so lange zu sichern, bis völlig neu aufgebaute Fabriken nach neuen Verfahren Salpeter selbst herstellen. Diese Tat ist nach Auffassung der meisten Historiker eine der entscheidenden Kriegshandlungen!

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Freilich - Rathenau's "Kriegsgesellschaften" sind die erste Form eines deutschen Staatssozialismus, der die gesamte Wirtschaft zu einer Planbedarfswirtschaft zusammenfaßt, und erstmals in der Geschichte Deutschlands an der Stelle der privatkapitalistischen Profitwirtschaft entsteht.

Erst DADURCH, durch die nun mögliche Fortführung des Krieges gezwungen, folgen nach und nach auch die Alliierten, und gestalten ihre Volkswirtschaften ebenfalls nach ähnlichem Muster um. Bis sie sämtliche alliierte Volkswirtschaften - England, Frankreich, USA, Italien ... - in einen "Allied Maritime Transport Council" (denn ihr Problem ist nicht die Rohstoffaufbringung, sondern die Verteilung) zusammenfassen, und konzertiert steuern.

1917 und 1918 waren als Kriegsjahre schließlich ein Kampf der Volkswirtschaften geworden, nicht mehr ein Kampf der Heere. DAS war schließlich kriegsentscheidend: daß es Deutschland nicht gelungen ist, die Lebensadern der alliierten Bedarfswirtschaften zu durchschneiden. Besonders 1917, am Höhepunkt des U-Boot-Krieges Deutschlands, stand der Krieg aus Nachschubgründen auf des Messers Schneide! 

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Immerhin haben diese Erfahrungen die Politiker weltweit ein völlig neues Verhältnis von Staat und Marktwirtschaft entdecken lassen. Scheinbar funktionierte die Wirtschaft auch so, als quasi Selbstverwaltungsgesellschaften, gesteuert von staatlichen Stellen?! Mehr und mehr fielen Berührungsängste, deutlich stärker als bisher in die Volkswirtschaften einzugreifen. Bis in den 1930er Jahren überhaupt erstmals staatliche direkte Eingriffe in kapitalistische Volkswirtschaften auch zu Friedenszeiten gewagt wurden. Gewagt deshalb, weil als Kern des Kapitalismus bislang die Selbststeuerung der Märkte angesehen worden war. Und fortan wurden staatliche Interventionen zum gewohnten Mittel der Politik, beginnend mit den USA, und Deutschland. Heute wird diese Politik weltweit betrieben.


Fortsetzung - Teil 3 
Der interventionistische Sozialstaat als konkrete Frucht des Krieges



*011010*

Donnerstag, 30. September 2010

Nicht nur in den Krieg gestolpert (1)

Erst war es nur eine enorme persönliche Leistung

Rathenau hatte eine schwere persönliche Krise, mitten im allgemeinen Taumel der Kriegsbegeisterung der Menschen, als der Krieg 1914 ausbricht. Hätte ich nur nicht hinter die Kulissen gesehen, schreibt er. Niemand weiß, warum wir diesen Krieg führen, schreibt er. Ein lächerliches serbisches Ultimatum, ein Stoß wirrer Depeschen - und auf einmal ist Krieg, schreibt er. Am meisten macht er sich Sorgen, weil dieser Krieg keinerlei - im Sinne Deutschlands - moralische Rechtfertigung mehr hat. Nicht wie jene von 1813, oder 1866, oder 1870.

Walther Rathenau
* 29.9.1867
+ 24.6.1922
Und er ist entsetzt über den Dilettantismus, mit dem die deutsche Führung in den Krieg stolpert. Die Rüstung ist völlig unvorbereitet - Rathenau organisiert erst bei Kriegsbeginn die Rohstoffversorgung der Rüstungswirtschaft, und das bei dieser Abhängigkeit von Importen! Die Außenpolitik in der Hand von lächerlichen Dilettanten, die Rüstung selbst dreißig Jahre wie neurotisch nur auf die Frage des Flottenausbaus konzentriert. Die Eliten degeneriert und unfähig, die immense Anzahl an nachdrängenden Talenten eines explodierenden Volkes ignoriert und als Leistungspotential ausgeschlossen. Ein Drittel der Bevölkerung - die Arbeiterschaft - faktisch vom Nationalbewußtsein "ausgeklammert", weil verachtet.

Er ist fassungslos, daß Deutschland einem - wie er es nennt - kriegslüsternen Österreich blinde Gefolgschaft bietet, was genau Österreich-Ungarn die Sicherheit gab, so leichtfertig (es war klar, daß Serbien das österreichische Ultimatum nicht annehmen konnte, wobei Serbien unerwartet sogar dazu noch bereit gewesen wäre) und ohne Konsultation mit Rußland einen Krieg vom Zaun zu brechen.

Und er ahnt - wie nur wenige - wie sich weltweit die Kräfte zusammenschließen, um eine gewaltige Kraft gegen Deutschland aufzubauen. Frankreich und England, dessen Imperium selbst gerade zerbricht, wissen um die wirkliche Schwäche Deutschlands, und sie fühlen sich enorm stark.

Und prompt beginnt der Krieg, wie Rathenau befürchtet hat. Sofort wird Deutschland isoliert und eingeschlossen, auf lange Frist "erwürgt", wie er es nennt, so daß schon nach wenigen Monaten erste Engpässe in der Rohstoffversorgung eintreten werden.

Es ist Rathenaus Verdienst - und das gegen den Widerstand vieler Militärbürokraten, die ihm, dem Juden, mißtrauisch begegneten, gewiß auch eine Ausrede, angesichts so vieler nun offenkundig werdender Versäumnisse - binnen dieser kurzen Zeit und historisch ohne Vorbild eine zentral gesteuerte, das ganze Land lückenlos umfassende Kriegswirtschaft organisiert zu haben, die Deutschland den Atem gab, den Krieg weiterzuführen.

Das machte ihn freilich nicht beliebter. Man siedelt ihn und seine Abteilung sogar in eine über Nacht am Gelände des Kriegsministeriums aufgestellte Baracke um.

Lebensmittel konnten ohnehin zu achtzig Prozent selbst hergestellt werden, hier verlangte es nur eine Rationierung. Sämtliche Rohstoffe und Industrieerzeugnisse wurden nun erfaßt und primär der Rüstung zugeführt. Luxusgüter wurden eingestellt, wenn sie rüstungsnotwendige Rohstoffe benötigten. Schwer beschaffbare Rohstoffe für Rüstungsgüter wurden entweder durch andere Produkte ersetzt, wo dies möglich war, oder durch neue Verfahren künstlich hergestellt. Okkupiertes Ausland wurde sofort in die Materialplanung mit einbezogen.

Aber die Militärs reklamierten schon im Oktober ein entscheidendes Problem, das eine Einstellung der Kriegshandlungen spätestens im Februar 1915 erfordert haben würde: Die Sprengstoffe!


Fortsetzung - Teil 2 - Der Beginn staatlichen Interventionismus als permanentes, ja eigentliches Mittel weil Ziel der Politik: 
Eine neue Wirtschaft für einen neuen Staat


*300910*

Zeitdiebstahl

Wir haben alle Vorgänge beschleunigt. Aber hat der Umgang mit der Zeit, in dem wir sie mit so viel als möglich vollstopfen, überhaupt einen Sinn? Abgesehen davon, daß ich behaupte, daß zwar bestimmte Vorgänge beschleunigt haben, aber dieser Zugewinn andere zusätzliche verlangt hat, so daß die "Zeitsumme", auf die Menschheit gerechnet, mit jeder technischen Errungenschaft steigt, nicht fällt. Daß die Beschleunigung des Westens, um es ganz konkret zu machen, nur möglich war, weil weltweit gesehen Menschen genug vorhanden waren, die die uns zuarbeitende Zeit - gegen Geld, man nennt das dann Industrialisierung, oder Wohlstandszuwachs - der wir diesen "Gewinn" verdanken, den "Zeitverschnitt" (das Handwerk kennt den Begriff des "Verschnitts", also jenes Materialteils,  der wegfällt, wenn man aus Rohmaterial das eigentliche Werkstück herausarbeitet; die Sohle aus dem Lederfleck; die Konsole aus dem Brett, etc.) sozusagen, übernahmen.

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Aber das Wesentliche am Leben und am Menschen, wir selbst als Erkennende, als Glücks- und Erlebenssubjekte - es ist nicht beschleunigbar! Und zwar um keine Minute!

Ja, wir erzeugen sogar Arbeitslosigkeit - ungebrauchte Menschen, die wir in Sozialnetzen auffangen, die wir von dem Geld finanzieren (sollten), das jene erwirtschaften, die die menschensparende Technik bedienen. Weil aber die notwendige Zeitsumme in Wahrheit steigt, denn jede Technik (da hat G. F. Jünger völlig recht!) braucht mehr Energie, als sie liefert, können wir solche Sozialnetze nur durch Schulden finanzieren. Es sei denn, wir riskieren nicht einen allgemeinen Wohlstandsrückgang. Paradox?

Eine der faszinierendsten Überlegungen, die dieser groteske und deshalb so für unser Heute typische Technizist Walther Rathenau angestellt hat, ist jene, was eine Nivellierung des Wohlstands, als Enteignung der Oberen, mit Verteilung nach unten - bringen würde. Seine Berechnungen (und übrigens nicht nur er hat das berechnet) ergaben, daß das Niveau ALLER deutlich fallen würde. Der Kommunismus hat genau das exakt bewiesen. Rathenau wußte, daß die Rechnung - Allgemeinwohl - nur aufging, wenn er eine enorme Steigerung der Leistung der gesamten Volkswirtschaft als Frucht dieser Kollektivierung (durch höhere persönliche Motivation) in Aussicht nahm.

***

Was aber ist wirklich "Zeitdiebstahl"? Etwas erdulden zu müssen? Erdulden zu müssen, wenn andere versuchen, unsere Zeit vollzustopfen? Mit all dem Plunder, den wir "effektiv" produzieren, aber gar nicht verarbeiten können, der uns deshalb nicht ein Gramm mehr Lebensfülle schenkt?


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In der chinesischen Stadt Xian hat die Anwältin Chen Xiaomei ein Kino und einen Filmverleih wegen Zeitdiebstahls verklagt: Vor dem Hauptfilm waren zwanzig Minuten Werbung gezeigt worden. Da sie nicht darauf hingewiesen worden sei, dass ein solch extrem ausladendes Reklamepräludium zu erwarten wäre, forderte sie nun ihr Eintrittsgeld zurück (35 Yuan, etwa 4 Euro).

Darüber hinaus will Xiaomei 35 Yuan als Kompensation für den erlittenen seelischen Schaden sowie eine schriftliche Entschuldigung haben. Bei dem Film, den die Frau Anwältin sehen wollte, handelte es sich um den chinesischen Kino-Sommerhit “Nachbeben”, ein Familiendrama über eine durch ein Erdbeben zerrissene Familie. Und das Beste: Das Gericht in Xian hat die Klage akzeptiert. (Autor: Peter Glaser)




*300910*

Dienstag, 28. September 2010

Generation der Patentscheißer

"Als Typus der hoffnungsvollen Jugend, die Aussicht auf "Karriere" hatte, der Patentscheißer, aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerlichen Prüfungsreifen erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk regieren, richten, lehren, heilen und erbauen."

Walter Rathenau über den Typus, der um 1900 die Berliner Hochschulen
als künftige Elite bevölkerte.
Jene, die 1914 an der Spitze Deutschlands standen.
Man konnte, schreibt Rathenau, dieser Schichte, ihren Vertretern
in Beamtentum und Militär, nur von oben beikommen;
von unten ließe sie sich nur
strategisch umgehen, nicht durchbrechen.


*280910*

Mittwoch, 22. September 2010

Keine richtigen Köpfe

Natürlich schuf sich Walther Rathenau, noch dazu als Jude, in der Zeit vor dem Ersten Weltkriege mehr als genug Feinde. Nicht nur, weil er als Millionär in seinen Büchern Ansichten vertrat, die als äußerst progressiv und "links-liberal", zersetzend in ihrer Wirkung eingestuft wurden. Sondern auch, weil er immer wieder darauf hinwies, daß aufgrund der in den dreißig Jahren nach Bismarck so hermetisch gewordenen Führungsschichte Deutschlands die wirklich guten Köpfe nicht mehr nach oben kämen. Das wirkliche Talent, beklagte er immer wieder, bleibt ungenützt. Und das verschafft Deutschland einen zunehmend größer werdenden Nachteil den übrigen europäischen Staaten gegenüber.

Wie zur Bestätigung klingen da Notizen des britischen Kriegsministers Lord Haldane nach einem Besuch in Berlin 1912, die Harry Graf Kessler in seiner wirklich lesenswerten Rathenau-Biographie zitiert. Und die nur bestätigten, was Deutschlands Außenpolitik längst bekundete: Deutschland war weit weniger zu fürchten, als England bisher angenommen hatte. Er, Lord Haldane, habe festgestellt, daß in Berlin das Chaos herrsche. Der Kaiser habe ihm dies gesagt, der Flottenkommandant Tirpitz etwas anderes, und der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes wieder etwas anderes. Und jeder habe über die anderen geklagt.

Außerdem aber habe er festgestellt, und gerade das habe ihn so beeindruckt, daß der Geist, der Preußen und Deutschland so groß gemacht habe, die hohe philosophische und ethische Kultur, die hinter allen großen deutschen Erfolgen stand, gerade in der Spitze nichts mehr gelte. Der Kaiser habe ihn, Lord Haldane, der von Beruf Philosoph sei und die Verwahrlosung der Gräber von Fichte und Hegel beklagt habe, geantwortet: "In meinem Reiche ist für Leute wie Fichte und Hegel kein Platz."



*220910*

Freudlos geworden

"Die Dinge selbst, vernachlässigt und verachtet, bieten (dem Zweckmenschen) keine Freude mehr, denn sie sind Mittel geworden. Mittel ist alles, Ding, Mensch, Natur, Gott; hinter ihnen steht gespenstisch und irrend das Ding an sich des Strebens: der Zweck. 

Der nie erreichte, nie erreichbare, nie erkannte: ein trüber Vorstellungskomplex von Sicherheit, Leben, Besitz, Ehre und Macht, von dem je so viel erlischt, als erreicht ist, ein Nebelbild, das beim Tode so ferne steht wie beim ersten Anstieg. 

Ihm drohend gegenüber erhält sich, reale und tausendfach überschätzt, das furchtbare Bild der Not. Von diesen Phantasmen gezogen und getrieben, irrt der Mensch vom irrealen weg zum irrealen hin: das nennt er leben, wirken und schaffen, das vererbt er als Fluch und Segen denen, die er liegt"

Walther Rathenau, "Von kommenden Dingen"



*220910*