Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Fürst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fürst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 2. Dezember 2013

Königtum ohne Untertanen (2)

Teil 2) Wir stehen vor einer neuen Post-Völkerwanderungszeit




Der König war ab dem 9. Jhd., schon unmittelbar nach (wobei man sagen  müßte: mit; auch Europa trug bereits seinen Geburtsschaden²) Karl dem Großen, zur mythischen, abgehobenen, "landlosen" Gestalt reduziert, seine reale Macht war verschwunden (sofern er nicht selber über Länder verfügte, auf denen er quasi gräfliche Macht ausüben konnte), er konnte sich nirgendwo durchsetzen und mußte, um das Gesamtgefüge des Reichs zu halten, nach und nach und sehr rasch sämtliche Befugnisse (bis hin zur Abgabenhoheit, meist Naturalien, oder zum Münzrecht) an seine Vasallen abgeben. Ja, die Fürstentümer waren sogar durch die Primogenitur, die Erblichkeit in ihrem Bestand weit sicherer, und bildeten bis ins 19. Jhd. eine stabilere Struktur, als es König- und Kaisertum war, das in den Anfängen Europas zum Wahlkönigtum schrumpfte. In dieser Phase Europas aber kamen dem König die Untertanen abhanden, nur noch seine Vasallen, die Fürsten, waren als solche zu bezeichnen, er verköperte nur noch eine real recht schwache Staatsidee, an der freilich auch die Fürsten noch festhielten.

Dem König blieb nur ... die Kirche. Und zwar gar nicht in erster Linie realpolitisch, das ist ebenfalls eine verleumderische Verknappung mancher faktischer Situationen. (Gerade in dieser Zeit wurde mit der Kirche beliebig und brutal gewillfahrt.) Sondern als Hort und Quelle der Idee, die aus der Ekklesia, der Kirche als "Neues Jerusalem", dem Reich Gottes selbst stammt. Und ohne diese Kraft wäre Europa weder entstanden, noch hätte es sich zu dieser (relativen) Höhe entwickelt. Keine Idee der Welt vermag das, keine "Lehre". Dazu braucht es die Inkarnation der Wahrheit selbst, und wo immer sich solche "Kultur" aus einer Idee heraus zu entwickeln versucht, sucht sie instinktiv und sofort - die Anbindung an das Fleisch..

In dieser Zeit also entstand fast notwendig das, was wir heute als "Adel" bezeichnen, eine sehr europaspezifische Standesabgrenzung, die erst im 19. Jhd., im Europa der "Bürger", zu verschwinden begann. Das zentralistische Byzanz, der zentralistische Orient kannten eine Stellung des Adels wie in Europa überhaupt nicht. Die Beamtenschaft, aus der der Adel also eigentlich herauswuchs, hatte sich nie dorthin entwickeln können. Hier gab es bestenfalls "Thronrivalen". Daß sich die Macht des Königs auch in Europa allmählich wieder zu festigen begann, ja bis zum Absolutismus auswuchs, ist nicht zuletzt also eine Folge der Bedrohungen zentralistisch organisierter Völker, wie sie in den Magyaren und Mongolen, vor allem aber in den islamischen Staaten (Türken) bestand. Völker, die entweder keine Bodenwurzeln hatten, oder nie welche fanden.

Damit wird aber auch klar, daß der Adel, der in Europa entstand, mit dem "naturwüchsigen Adel" der Germanenzeit, der wirklich "von unten heraus", aus der Familie, der Stellung des Mannes und Familienvaters (Hausherren) heraus erwachsen war, nichts mehr zu tun hat. Dieser alte Adel überstand die völlige Neuumgießung seiner Bevölkerung nicht, er verschwand, blieb nur noch als Topos in Sagen und Legenden erhalten. Verdrängt von ehedem bodenlosen Beamten**, die nun vor allem eines wollten: Boden, "Häuser", Wurzeln.*** Die Grundstrukturen der späteren europäischen Entwicklungen und Konflikte (und Revolutionen) zeichen sich hier also längst ab. Aber noch mehr: Das metaphysisch-naturrechtlich fundierte Zusammenspiel von Kirche und Königtum.****





²Was soll uns das sagen? Daß es anders besser gegangen wäre? Daß wir ein perfektes irdisches Reich hätten aufrichten können - oder, noch schlimmer: aufrichten könnten? Nein. Sondern es soll auch hier das Einzige gezeigt werden,n was uns Menschen möglich ist: das Relative, immer Zeitbegingte, nie Perfekte, das uns Menschen NUR möglich ist. Europa hatte seine gewaltigen Höhen, keine Frage, im Rahmen des Menschen Möglichen eben. Aber was wir heute als Politik wahrnehmen, insbesonders in der Europapolitik, ist ein verzweifelter (und damit immer totalitärerer) Versuch "des letzten Stadiums" einer Kultur, sich noch einmal mit den ihr eigenen, weltlichen Mitteln "zu retten". Er ist ohne jeden Zweifel zum Scheitern verurteilt. Wie Novalis vor 200 Jahren schrieb: Es gibt nur Christentum UND (dieses) Europa, ODER das programmierte Ende dieser Kultur. Wir haben uns aber wohl schon entschieden.

**Wir haben es deshalb in der Gegenwart, einer Gegenwart der Totalverbeamtung (als Abhängigkeit vom Staat) von Kindheit an, nahezu "notwendigerweise" mit einer "Veradelisierung der Gesellschaft" zu tun. Jeder Einzelne hält sich heute für Elite und Adel. Kraft seines Geldes, der skills, der "Kraft zur Funktion" (als ob es auf diese nämlich ankäme).

***Es ist dieselbe Bewegung, die dem ab der Neuzeit, der Renaissance erstehenden Bürgertum, der Verlagerung von Macht auf Geld - ein abstraktiver Vorgang - zugeschrieben werden kann. Bis ins Detail lassen sich dieselben Vorgänge einer Neubildung eines (Macht-)Standes beobachten. Wenn im 16. Jhd. vielfach reichgewordene Bürger Schlösser und Burgen kauften und renovierten, wenn im 19. Jhd. reiche Fabrikanten (zu Baronen "geadelt") Paläste an der Wiener Ringstraße, neben Bankpalästen und Börsengebäuden, oder an den gleichfalls neu eröffneten Chaussees von Paris und Berlin errichteten, so lag ihnen vor allem daran, Wurzeln vorzuspiegeln und ... ihre Anbindung an das Fleisch, ihre Abstammung davon ... zu schaffen, bis zum Totenkult, in dem sich dies ausdrückt. Als Analogien zum Wesen der Natur. Und nach wie vor erhalten diese neuen Fürsten ihre reale Macht aus den Händen der Bevölkerung, die Lebenslasten nicht tragen kann oder will. 

***Betrachtet man die europäische Entwicklung ab ovo, sieht die gegenwärtige Verschränkung von Umständen, so stellt sich hier bereits die Frage, ob es der Menschheit heute überhaupt noch gelingen kann, ein "Reich" aufzurichten, das nicht von Anfang an ungerecht und falsch ist. Der Verfasser dieser Zeilen tendiert sehr stark, und aus vielerlei Anzeichen, die es ihm belegen, zu der Ansicht, daß sich für Europa (nur noch) zwei Wege abzeichnen: der zum apokalyptischen Zentralismus, mit der Folge einer technizistischen Zivilisation anstelle einer Kultur, und der zum völligen Zerfall auf (womöglich nicht einmal mehr) Familienebene, beides damit gleichbedeutend mit einem Totalverlust der Kultur, also in schlimmstes Barbarentum. Ja, am wahrscheinlichsten ist sogar - eine Mischform, wo eines im anderen besteht, diese Formen einander nämlich gar nicht mehr berühren sondern Parallelwelten wurden. Mit einer gottähnlichen Stellung des Zentralapparats und -herrschers. BEIDES widerspricht aber der Natur und dem Wesen des Menschen. Die flächendeckend kulturbildende Kraft der realen Kirche aber - der einzigen Chance, die Europa hätte - darf bereits in Frage gestellt werden. Die politisch-gesellschaftlichen Kräfte die so eine Reform bewältigen könnten, die Inkarnationen, sind ja bereits verschwunden. Wie im Rom der späten Kaiserzeit. Wenn Europa dieses Jahrhundert überlebt, dann wird es (fast) bei Null beginnen müssen. Und das macht die Situation der Gegenwart mit der Zeit der Völkerwanderung strukturell absolut vergleichbar. Macht aber zugleich klar, daß ein Untergang Europas nicht das Ende der Welt sein muß. Auch das, übrigens, hat man ja seinerzeit meist geglaubt.

Während der hier prognostizierte Zusammenbruch der "alten" Religion, als die die rationalistischen, materialistischen Wissenschaften als (nur noch fehlgehendes) Wahrheitsmedium zu bezeichnen sind (die Wissenschaften haben der Kirche quasi ihre Kleider gestohlen, die sie ihnen einst verlieh), zu einem Einbruch der irrationalen, mystagogischen und gnostisch-magistischen "östlichen Mysterienreligionen" (auch hierin: DECKUNGSGLEICH mit der späten Römerzeit) führt. 




*** 

Sonntag, 1. Dezember 2013

Königtum ohne Untertanen (1)

Henri Pirenne schreibt in seiner (in seiner pointierten Überblicksausrichtung sehr empfehlenswerten) "Geschichte Europas", daß was heute unter "Feudalismus" verstanden wird, nämlich ein gesamtes Gesellschaftssystem, gar nie ein solches war. Die verleumderisch gemeinte Begriffsverwendung für ein Gesellschaftssystem der brutalen Ungerechtigkeit und Ausgeliefertheit entstammt (wie so zahlreiche andere Geschichtslügen, die wir heute als bare Münze nehmen) der Französischen Revolution, wo er zum politischen Kampfbegriff wurde. 

Vielmehr war der Feudalismus politisch und gesellschaftlich gesehen eine Sekundärerscheinung des Mittelalters, und schon gar kein System der Unterdrückung. Denn er bezeichnet nur die Tatsache, daß die Grafen ihre Länder, über die sie im Namen des Königs - aber durch dessen Machtlosigkeit bald nur noch zu ihrem eigenen Vorteil - regierten, wo sie Recht sprachen, eine Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten aufbauten, und wo sie vor allem die Bevölkerung schützten, formell aus der Hand des Königs zugewiesen bekommen hatten, der sie ihnen aber bald nicht mehr entreißen konnte. Nicht mehr. 

Eine Bevökerung, die keineswegs dieses System der Zugehörigkeit zu einem Grafen als Unterdrückung, sondern im Gegenteil: als Sicherheit und Natürlichkeit empfand, unter der sich ihr Leben entfalten konnte. War diese Konzentration in gräfliche Macht ja einer freiwilligen bis notwendigen Aufgabe je kleinerer Souveränität (über Haus und Hof etwa) zugunsten eines mächtigeren Schutzherren gefolgt. Ohne ordnende Macht, die dem Einzelnen überstand, und die vor allem die reale Macht hatte, die Dinge zu regeln, war alles in Chaos gefallen. Das hatte die Zeit der Völkerwanderung demonstriert.

Wenn man von blutig und brutal speziell in der Zeit des 9.-12. Jhds. sprechen kann, dann also nicht in den internen Verhältnissen. Einen Dieb aufzuhängen oder einen Mörder zu köpfen hatte niemand als "brutal", nur als notwendig empfunden. Überall in Europa waren es diese Grafen, die eine gesellschaftliche Ordnung aufrichteten und gewährleisteten, mit der im Grunde alle zufrieden waren. Und diese Ordnung verteidigten die Grafen sogar mit ihrem Leben. Sondern aus der Tatsache heraus, daß diese Grafen sich untereinander mit allen Mitteln bekämpften, um ihre Macht zu sichern und zu vergrößern. So wurden aus manchen Grafen, die Konkurrenten unterwarfen, Fürsten über mehrere Territorien, deren Machtherrlichkeit zwar formal an einen König gebunden war, die aber alle reale Macht in ihren Gebieten in den Händen hielten. Niemand, und schon gar kein König, hätte sie beschränken können, ja die Könige mußten um die Verbündung mit dieser realen Macht buhlen, wollten sie überhaupt noch etwas wie Macht bewahren.

Anders aber, so Pirenne, hätte sich eine Neuorganisation Europas nach dem Zerfall der Römischen Zentralmacht, des Römischen Staates, gar nicht bilden können.* Es war der logische und natürliche Weg, folgte den faktischen, realen Machtgegebenheiten, die sich gar nicht anders hätten bilden können. Von einem Staat wußte kein Untertan etwas, und wollte auch davon gar nichts wissen, es betraf ihn nicht. Das Leben bildete sich auf kleinste Räume zurück (über die Zusammenhänge war hier bereits die Rede), und die Menschen waren mit ihren Grafen und Fürsten tief verwachsen, er hatte eine vaterähnliche Stellung inne. Und so bildete sich allmählich auch etwas wie "Patriotismus" heraus, der sich auf dieses unmittelbare Umfeld bezog. Die Menschen verwuchsen mit ihrem Land. Auch die Fürsten.




*In einer Entwicklung zur Partikularität und Individualität, die sich von der gesellschaftlichen Situation des Orients völlig unterschied, wo es zu starken Zentralstaaten mit einer gottähnlichen Position des Zentralfürsten gekommen war bzw. kam.


Morgen Teil 2) Wir stehen vor einer neuen Post-Völkerwanderungszeit





***

Dienstag, 9. Juli 2013

Teufelskreise

Man darf zwar nicht den Fehler machen, diese Vorgänge für eine Volkswirtschaft selbst zu halten, aber war die Graphik recht gut darstellt sind die für sich betrachtbaren Regelkreise, in die Finanzpolitik in den drei Faktoren Banken - Nationalbanken (Währungsstabilität) - Staat (Steuern) zusammengespannt sind.

Quelle: FAZ

Mehrere Faktoren bestimmen diese Regelkreise, betrachtet man sie für sich: Steuern, Schulden, Geldmenge, Zinsniveau, Inflation/Deflation (Geldwert). Sie bestimmen das Vertrauen in eine Währung, die unter einem gewissen Blickwinkel als Verpflichtungen des Staates gesehen werden können. 

Wesentlichster Faktor ist deshalb die Rückzahlkraft eines Staates, die den Wert der Staatssschuld bestimmt, und sich wesentlich aus der Einschätzung der zukünftigen Steuereinnahmen speist. In diesem Lavieren befindet sich ein Staat in zwei Teufelskreisen. Denn steigt der Wert seiner Schulden (Staatspapiere), erhöht sich die Geldmenge über Kredite der Banken. Damit aber wird Inflation wahrscheinlich, die diesen selben Wert wieder senkt. Die Wirtschaft geht zurück, die zukünftigen Steuereinnahmen sinken. Und umgekehrt. 

Dazu kommt die Geldwertpolitik, die diese beiden Faktoren auszugleichen versuchen muß. Der Staat steckt deshalb in einer Zwickmühle. Betreibt er Inflationsbekämpfung durch Senkung der Staatsausnahmen, gefährdet er das Wirtchaftswachstum, und er gefährdet den Wert seiner Schulden. Wenn er Politik betreibt, die Wirtschaftswachstum durch Geldmengenwachstum hervorreizen soll, geht das Spiel mit umgekehrten Vorzeichen, und er kann sich nur durch Inflation entschulden, weil die Steuerbelastung dämpfende Wirkung hat. Damit sinkt der Wert seiner zukünftigen Steuereinnahmen.

Diese Regelkreise überlagern sich wechselseitig, und das kann zu einem Punkt führen, daß sich überhaupt keine Fiskal- und Währungs- und Zinspolitik noch berechenbar verhält.  Nur so aber kann Vertrauen in eine Währung aufrecht bleiben.

Derzeit wird diese Sichtweise von Geld/Währung unter Ökonomen heftig diskutiert. Zumal die Realität tatsächlich zeigt, daß sich die diesen Systemen unterlegte Voraussetzung (Vertrauen in das Geld bzw. eine Währung) sprunghaft und auf den Staat selbst bezogen verhält. Man merkt aber lange Zeit gar nicht, ob das Vertrauen in das Geld sinkt oder stabil bleibt, es drückt sich aufgrund dieser Regelkreise nicht aus. Sodaß sich eine eventuelle allmählich vorgegangene Erosion des Vertrauens blitzartig und überraschend auswirkt. Wie es sich in Argentinien im Jahre 2000 abgespielt hat. Dann "springt die Inflation aus der Kiste.

Gleichzeitig steht die These im Raum, daß sich ein Staat mit so hohen Schulden, wie es derzeit der Fall ist, gar nicht anders denn über Inflation entschulden kann. Das heißt, daß er sich in einem Interessenskonflikt befindet. Denn Deflation erhöht den Wert seiner Schulden, er verliert damit (und mit den zu erwartenden Steuermindereinnahmen) Rückzahlpotenz, und steuert auf einen Staatsbankrott zu. Erhöht er stattdessen die Steuern, drückt er erneut die Wirtschaftsleistung - der nächste Teufelskreis setzt ein. 

Damit kann ein Staat in die Lage kommen, daß gar nichts mehr regelbar wird, er nichts mehr tun kann, außer sich möglichst wenig zu bewegen.

Auf den Euro betrachtet, bleibt, wenn man mit ihm Währungspolitik machen will, aber damit gar keine andere Wahl, als die jeweilige Nationale Wirtschafts- und Geldpolitik gleichzuschalten, um überhaupt Regelmöglichkeit, Handlungsfähigkeit zu bewahren. Unabhängig von der Charakteristik der jeweiligen Volkswirtschaften. Damit aber gefährdet man die Grundlage des Euro, die Stabilität und damit Steuertragekraft einer Volkswirtschaft selbst. Denn es sind immer die Volkswirtschaften, die eine Währung, und damit auch den Euro tragen müssen. In dieser Zwickmühle befindet sich Europa ja derzeit.

Denn was all diese Überlegungen zugrundeliegt ist das absolute Ziel, einen staatlichen Apparat "so wie er ist" aufrechtzuhalten. Nur so kann der gegebene Wohlstand* überhaupt gesichert werden. Dieses System ist also aus sich heraus gezwungen, sich in allen Faktoren unverändert zu halten. Wie bei einem Turm, der aus Bausteinen aufgebaut ist, und aus dem nach und nach Klötze herausgezogen werden. In der Hoffnung, daß es nicht dieser eine Klotz ist, der den Turm zum Einsturz bringt. Denn dann ist nichts mehr berechenbar.




*Ein zum Dogma erhobener Begriff, der mit dem eigentlichen Staatsziel - Gemeinwohl - nur noch am Rande zu tun hat. Aber er wird von der These gestützt, daß die politischen Systeme durch "soziale Unruhen" gefährdet werden können - so, wie man die Vorgänge 1933ff deutet. Damit wird Stabilitätspolitik mit Friedenspolitik gleichgesetzt. Man verkennt dabei aber etwas Wesentliches: Ist das System erdrückend, und dazu tendiert diese Stabilitätspolitik, erhöht sich erst recht das Rebellionspotential. Denn nimmt man den Menschen die Freiheit, engt man ihr Tun zu sehr auf "Alternativlosigkeit" ein, bricht sich die menschliche Natur in einem Befreiungsschlag bahn. Die nicht "im Wohlstand" leben will, sondern in der Freiheit des Lebensvollzugs, auch wenn sie vor der daraus erwachsenden Eigenverantwortung Angst hat.

Staaten und Völker müssen sich deshalb in einer Art dialektischem Pendeln verhalten und verhalten können. Kein System, kein Zustand, kein politisches System kann dogmatisiert und verewigt werden. Wenn man dieses Ausschlagen des Pendels, dieses Hin- und Herwechseln nicht akzeptieren will, steuert man auf eine umso schwerwiegendere Katastrophe zu, weil dazu notwendig ist, sämtliche Vorgänge in einem Volk und seinem Wirtschaften als Ausdruck des Lebensvollzugs zu paralysieren. Nur wenn man dieses Pendeln akzeptiert, wozu es ein Abgehen vom verabsolutierten Staatsverständnis braucht, kann sich ein Volk in einem gewissen Rahmen der Stabilität halten. Kurz gesagt: Ein Volk, ein Staatsgefüge braucht die Möglichkeit, sich durch laufende Krisen (und Reformen) in seiner Mitte zu halten, die die Resultante des Pendelns ist. Und dabei ist das Staatssystem nebensächlich. Auch die Regierungsform muß sich ändern können, denn jede Zeit hat - schon gar im Wechselspiel der Interaktion eines Staates im Rahmen eines überstaatlichen Gefüges - ihre je anderen Aufgabenstellungen. Anders geht das gar nicht. 

Wobei Stabilität - aber in dieser Form betrachtet - tatsächlich eines der vorrangigsten, wenn nicht DAS vorrangigste Ziel eines Staates ist. Nachdem wir aber dieses demokratische Gefüge verabsolutiert haben, steuern wir unweigerlich auf eine wirklich fundamentale Krise zu. Das Studium der Geschichte der Revolutionen zeigt dabei (es wurde an dieser Stelle bereits eingehend besprochen), daß es nicht die "Armen" sind, die solche Umstürze auslösen oder bewirken (es ist also nicht das "Wohlstandsgefälle", das "Unruhen" auslöst), sondern jene, die Wohlstand und Ansprüche HABEN - und diese Ansprüche ans Leben bedroht sehen.

Dabei stellt sich heraus, daß ein Staatsvolk, ein Volk, einen stabilisierenden Faktor als Mittelpunkt ihrer Kreise will und braucht. So, wie ihn der Fürst, der König, der Kaiser als Prinzip darstellt, und wie es in den europäischen Republiken der Präsident darzustellen versucht. Die Geschichte zeigt, daß sich ein Volk diesen Faktor, wenn er ausfällt - man betrachte zur Illustration die Geschichte der französischen Revolution - sogar SUCHT. Personal, denn ein Ideen- und Funktionssystem kann das niemals ersetzen. Menschliche Gemeinschaften brauchen Menschen als reale Anker dieser Gemeinschaftsgestalt, Idee kann das niemals ersetzen. Das ist keine "bedauerliche Konzession an Schwäche", sondern das ist Wesen des Menschlichen. Napoleon hat es als erster (damals) begriffen. 

Und auch die Entwicklung der Demokratien Europas zeigt diese unausweichliche Tendenz zur Personalität. Ja, das läßt sich selbst aus der Entwicklung der EU herauslesen, die im selben Atemzug als sie um personales Prinzip ringt, ihre Verankerung im Absoluten (durch Dogmatisierung und Totalisierung ihrer selbst) zu betreiben versucht. Denn weil diesem Prinzip heute die absolute Fundierung fehlt, darf man gespannt sein, was sich ent-wickeln wird. Gefährlich im Sinne des Gemeinwohls der Völker, der Politik ist nicht, das zu betreiben, sondern es nicht zu sehen. Denn damit entwickelt sich Ungesehenes, Unverantwortetes, wird das Sichtbare zum bloßen Schein. Es ist sinnlos, gegen das Sein handeln zu wollen.





***

Dienstag, 6. November 2012

Hochzeit mit dem Fürsten

Was in dem Video weiter unten die amerikanische Schauspielerin Lena Dunham ins Netz gestellt hat, drückt eine tiefe Wahrheit aus, die das Wesen des Staates zum Ausdruck bringt*: Der Fürst als Vater des Landes ist auch dessen Begatter. Sein Geist wird vom Schooß des Volkes aufgenommen. Das Fürstentum selbst führt sich ja zurück auf die Patriarchale Struktur der Welt, wo Gott und Vater in einer Linie stehen.

Selbstverständlich ist die Wahl eines Präsidenten mit der Wahl eines Gatten gleichzusetzen, die perfekte Analogie.** Soll doch einer nur nicht den Unsinn der Propaganda glauben - gerade Propagandisten tun das nämlich nicht, sonst wären sie schlechte Propagandisten - demokratische Wahlentscheidungen fielen "rational", "objektiv", ja: sie sollten das überhaupt. Sie werden es nie sein.

Argumente - und das ist betontermaßen nicht mit bedauerndem Unterton gesagt, als Hinweis quasi, ach, wie unreif doch die Menschen seien, im Gegenteil, sie sind viel reifer als angenommen wird - können nur bestärken, untermauern, befestigen. Sie befestigen Entscheidungen, die der schauende Blick aber getroffen hat. Verunsichern sie, hebeln sie aus, so war bereits die Hochzeit des Blicks nicht sicher genug.***

Denn daß das Handeln dem Sein folgt, ist keine akademische Weisheit verstiegener Scholastik, sondern Beschreibung einer Wirklichkeit, die in jeder Wahrnehmung mitvollzogen wird, weil immer mit erkannt ist. Wie gut etwas ist, erschließt sich zuerst aus dem, was es ist, und das wird durch sein Darstellen, sinnlich erkannt. Der Ineinsfall der Wortbedeutung von Erkennen mit Begattung einerseits, und Vernunft anderseits, ist kein Zufall.

Nach objektiven, rationalen Kriterien bei einer demokratischen Wahl in heutiger Form entscheiden zu wollen ist für den Wähler fast prinzipiell Hybris und Selbstentfremdung, ja eigentlich groteske Selbstüberschätzung, in die ihn die Propaganda, die diesen Mythos schafft und stärkt, hineingetrieben hat.****

Pluralistische Demokratie kann ohne Propaganda nicht funktionieren, weil sie sich selbst ständig disponibel stellt. Daß sie damit das zerstört, was zu erfüllen sie vorgibt, die schöpferische Freiheit, soll aber hier nicht behandelt werden. Vielmehr braucht auch und gerade dieser Pluralismus Integrationsfiguren, personalisierte Werte, denen beizutreten ist, was eine Person braucht, "an die" geglaubt werden - sie braucht einen Fürsten, als Referenz auf die einzige Form, wie Demokratie überhaupt je funktioniert hat: als personale Entscheidung für einen Menschen, der Entscheidungen zu treffen hat, die auch im personalen Horizont des Wählers liegen.

Deshalb braucht unsere Demokratie genau solche Charaktere als Wahlvolk. Die, entwurzelt, diese Ebene der "gemeinten" Identität brauchen: sie könnten und müßten entscheiden, sie seien wichtig, ihre Meinung sei bedeutsam, und es ginge darum, JETZT zu handeln. Was dem Erleben ja widerspricht: denn einer "öffentlichen Meinung" gegenüber, als Forum der Entscheidungen, wird er unweigerlich erdrückt, sein eigenes Wahrnehmen unbedeutend. Ein Prozeß, in dem sich ihm nun ein mythisch aufgeblasenes Identitätssystem anbietet, DEM er beitreten kann, das ihm Identität gibt, dem er dient: Einer Parteiung, einem Mitspieler in dieser öffentlichen Meinung. Das ist alternativlos, will er nicht Vereinzeltheit riskieren, weil er seine genuine Wahrnehmung, die ihm abhanden gekommen ist, durch "objektivierte Prozesse" ersetzen muß.

Viel natürlicher, humaner und richtiger ist es damit allemal, nach dem persönlichen Eindruck, nach rein subjektiver Ästhetik zu entscheiden. In einer Gestalt ist alles erkennbar. Dunham fragt also völlig zurecht: Mit wem willst Du ins Bett, mit wem willst Du "das erste mal", wer soll Dich deflorieren, und damit entscheidend bestimmen? Ich wollte mit Obama, mit ihm ging ich schon einmal ins Bett, als ich ihn wählte. Danach entscheide auch Du.

Keine Sorge: Danach wird aber ohnehin auch heute jede Wahl entschieden. Deshalb erhält sehr wohl jedes Land jene Regierung, die es verdient. Weil sie ihr ihre Jungfräulichkeit schenkte. Und sei es, daß sie sie sich abkaufen ließ, wie jene Brasilianerin, die sie unlängst an einen Japaner versteigerte. Sie hat nicht mehr gemacht, als heute üblich ist.*****







*Worin übrigens sogar das "ius primae noctae" wurzelt; das zudem die Sorgepflichten des leiblichen Vaters im Blickfeld hatte, in seiner Ausübung also meist sehr erwünscht war. Während es für den Fürsten eine höchst reale Verwirklichung der Bindung des Volkes - als Familie - an ihn bedeutete. Noch heute gibt es Volkschaften, in denen die Beiwohnung des Fürsten oder Häuptlings (in Analogie ist auch der Gast so zu sehen, als Sendbote des Himmels, als Gott - der Andere - selbst, der herabkommt) bei der Frau Ehre und Auszeichnung, eine Verweigerung Schande und Beleidigung bedeutet.

**Während für den Mann das Identifikationsprinzip gilt, als "geistige Begattung" des Schooßes des Selbst.

***Die an amerikanischen Universitäten lehrende deutsche Philosophin Katja Vogt meinte jüngst in einem Interview mit dem Schweizerischen Fernsehen, daß der gesamte Wahlkampf der USA ohnehin nur jenen rund 5-10 % der Wähler gelte, die NICHT sicher sind, wen sie wählen sollten, die vielleicht gar nicht zur Wahl gingen. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Amerikaner habe aber ihre politische Identität, die sie niemals aufgeben würde. Anders als in Europa, gebe es in den USA keine Gemeinsamkeit, die sich aus der Lebensform natürlich ergebe. Die USA wären ein Land völlig individualisierter Haltungen, die aber privat blieben. Dort hätten aber damit politische Zugehörigkeiten viel grundlegendere Bedeutung zur Identität des einzelnen Amerikaners ALS US-Bürger, wären also weit unflexibler, als in Europa. Hier sei der Staat, und dort sein individualistisches Leben. Wer Amerikaner kennt weiß, daß sie ihre persönlichen Ansichten im Gespräch permanent relativieren, niemals auf Durchsetzung bestehen, deshalb Ironie der (für einen Europäer bald enervierende) Grundton jeder Unterhaltung bleibt: sie wollen mit dem anderen auskommen, und dazu entschärfen sie ihre persönlichen Ansichten unentwegt, sind wie ein Fisch nie zu fassen. Diskussionen haben auf sie keine Auswirkungen. Sie verlassen den Raum, und leben ihr Leben wie bisher. Amerikaner sind deshalb nicht tolerant - sie sind gleichgültig und ignorant. Zurück bleibt ein Europäer, der mit jedem Argument seine Lebensart konstituiert, oder verlieren könnte.

****Es bleibt den Verbildeten aller Nationen vorbehalten, an die Kraft rationalen Disputs zu glauben. Jenen, die meinen, fünf Jahre an Universitäten hätten sie nun in die Geheimnisse der Welt eingeweiht, und sie autorisiert, damit stellvertretend aufzuwarten. Arme Opfer der Propaganda, die sie dazu bewegt hat, ihr Eigensein, ihre eigene Wahrnehmung - die einzige Grundlage des Erkennens überhaupt - abzugeben, und dafür einen Handwerkskasten logizistischer Totschläger in die Hände gedrückt zu bekommen. Als Frucht für fünf Jahre ergebungsvollen Sammelns. Das sie endlich befreit hat von einer wahrlich beschwerlichen Last: die Erkenntnis, Weisheit, Wissen als Persönlichkeitsfrucht nämlich bedeutet. Nicht zum verquadratwurzeltem Ergebnis von "Information" vorgaukelt, deren Wirkmacht im Moment der Ausgabe der Diplomzeugnisse an die Träger übergeht, zur Sendung gemacht, die moderne Welt damit zu beglücken. Zu welchem Behufe sie freilich eine Welt benötigen, die die Anerkennung dieser Kriterien "der Bildung" zur gesetzlichen Pflicht erhoben hat, andernfalls wären sie nämlich wertlos. Und ihre Vertreter blieben, was sie sind und immer waren ... Sumper. 

*****Sogar konkret: Es gibt Internetseiten, auf denen solche Angebote laufend zu finden sind. Und da geht es nicht einmal um 580.000 Euro, wie bei der Brasilianerin, da genügen üppigere Taschengelder. 



***