Na gut, für den Alltag ... In der Spitzenküche sind sie sogar heute noch die Ausnahme. Den das kann man mit Quotenregelungen nicht hinkriegen, der Gaumen ist nicht zu betrügen.
Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Sonntag, 15. Januar 2023
Wintergeschichte
Dienstag, 20. Dezember 2022
Fest ist Kult der Erinnerung
Mittwoch, 26. Januar 2022
Das immer gleiche Theater der Geschichte
Donnerstag, 24. Dezember 2020
Im Erzählen sind wir
Und während die Zeit verstreicht, das Christkind den Baum aufputzt, und durch die Fenster die Engerl ein- und ausfliegen, sodaß aus allen diesen Gründen alleine schon die Tür zum Wohnzimmer recht fest geschlossen bleiben muß, muß mit Erzählen die Zeit verstreichen. Das die Aufmerksamkeit wenigstens so halbwegs bindet, das Äuglein höchstens mal ab und zu abschweift.
Es ist das Erinnern, das Gegenwart erst schafft. Weil wir im Erinnern jene schöpferische Kraft aufrufen, aus der wir rund ums Unsichtbare des Wirklichen das spinnen, was Welt ist.
Also ist es das Erzählen, das uns nicht nur als Kinder vorkam, als sei es der Zeit enthoben - und damit gegenwärtig - sodaß jedes Ende einer Geschichte wie eine Überraschung, wie ein Schock daherkam, sondern es ist das Erzählen, das den Festen der höchsten Wirklichkeit, wie sie im Weihnachtsfest vor uns stehen, ihre Zeitlosigkeit gibt. Was immer wirklich sein will, muß deshalb erzählt sein. (Und unser Leben und Gegenwärtigsein als Mensch muß eine Erzählung sein, sonst ist es nicht.
Eine Erzählung, die wir dem Jesuskind vortragen.
Montag, 13. April 2020
Filmempfehlung
Und die jede Minute Filmzeit wert ist. Sodaß man am Schluß bedauert, daß der Film zu Ende ist, um sich doch darauf freuen zu können, daß es im zwei-, drei- oder viermaligen Ansehen noch viel zu entdecken geben wird.
Denn "Deine Juliet" ist vor allem eines: Voller Liebe, voller Details, voller Bedachtsamkeit gemacht. Eine Liebesgeschichte außerdem, so voller Poesie, Humor und sanfter Traurigkeit im Glück, wie sie wohl wirklich nur Engländer, richtige Engländer erzählen können. Denn dort gibt es sie, offensichtlich, auch in der Wirklichkeit, doesn't it?
Voller wunderbarer schauspielerischer Leistungen. Was sehr für die Regie spricht, die jedem Charakter den richtigen Rahmen zu geben versteht, so daß jeder aufblitzen kann. Allen voran stehen dabei gar nicht die Proponenten. Die auch, ja. Aber am hellsten strahlen Nebenrollen: Die alleinstehende Enddreißigerin, voller Hoffnung, doch noch eine glückliche eheliche Verbindung zu finden, die sich bald zur besten Freundin der Schriftstellerin entwickelt, dann die Mutter der unsäglich "schandbaren" Tochter, um die sich - in einer andern Achse - der Film in Wirklichkeit dreht, die alles noch postum bewegt (obwohl sie tot ist, wie sich dann herausstellt) und der Verlobte, der nur am Anfang und am Schluß die Bühne betritt. Umso mehr zählt die Leistung, in so wenig Zeit so viel Charakter auf die Leinwand zu bringen. Gerade in der Darstellung eines Mannes, der einfach nicht zur Welt der Proponentin paßt, obwohl er sie doch so liebt, und ihr ein "tolles" Leben bieten wollte weil könnte, von dem sie doch nur träumte.
Oder? Wirklich? Sie wird es bald herausfinden. Sie wird herausfinden, daß ein Schriftsteller nicht geglättete Lebenswege möchte, ja gar nicht verträgt. Sie findet heraus, daß es in so einem Leben darum geht, FÜR JEMANDEN zu schreiben. Weil es in jedem Leben darum geht, FÜR JEMANDEN da zu sein. Jeder Schriftsteller (wie jeder Künstler, Anm.) lebt FÜR EIN PUBLIKUM, weil FÜR JEMANDEN. Das macht den Zeitbezug seiner Werke aus, und das prägt ihn.Die Geschichte: Eine Londoner Schriftstellerin am Beginn ihrer Karriere, also voller Bangen und Hoffen und Unsicherheiten - auch über diese Phase im Leben eines Schriftstellers erzählt der Film sehr wahrhaftig und gut - erlebt nach einem ersten zaghaften Erfolg, der ihr immerhin etliche Leserreisen bringt (woran ihr sehr rühriger Verlobter kräftig arbeitet) eine Überraschung: Sie erhält einen Brief von einem (bescheidenen) Mann von der Insel Guernsey. Der ihr erzählt, daß er ein Buch mit einem Besitzereintrag von ihr gefunden hat. Daraus entwickelt sich ein Schriftverkehr, in dem die Schriftstellerin feststellt, daß der ihr Unbekannte ein Seelenverwandter ist.
Was sie sogar dazu bringt, der Sache nachzugehen. Sie beschließt kurzerhand, eine nächste Lesereise abzusagen, um auf die Kanalinsel zu fliegen. Nicht ohne beim Abschied, in einer Sekundenentscheidung (die eher ein Nachgeben ist) ihrem Verlobten das Ja-Wort gibt.
Als sie ankommt, scheint erst einmal alles eine Enttäuschung zu sein. Der Empfang ist kühl, alles sonst sperrig. Nur ihr Briefpartner ist, was sie erwartet hat. Nein, er ist mehr, als sie erwartet hat. Wenn auch "nur" ein einfacher Bauer, der mit einem Mädchen (das nicht seine leibliche Tochter ist, wie sich herausstellt) auf einem kleinen Gehöft lebt.
Sehr rasch baut sich eine Vertrautheit auf. Die ihr allmählich auch die Geschichte hinter diesem Mädchen offenbart. Sie ist die Tochter einer Guernseyerin, die Mitglied des Buchclubs ist, die sich während der Zeit der deutschen Besatzung in einen Offizier der Wehrmacht verliebt hatte. Dessen Kind ist das Mädchen auch. Die Dorfbevölkerung war gespalten. Die meisten lehnten diese Kollaboration ab, einige aber standen zu der jungen Frau.
Die aber schließlich verraten wurde. Der Offizier wurde daraufhin versetzt (und fiel bald darauf), und die junge Frau landete in Ravensbrück. Wo sie erschossen wurde, als sie dort ein (fremdes) Mädchen vor Gewalt schützen wollte.
Liefert andererseits die Replik auf eine Denunziationsatmosphäre, in der jeder jeden verraten könnte, und die als soziales Sprengmittel lange nachwirkt, in Zeiten der Corona-Krise und totaler "sozialer Distanzierung" nicht sogar recht aktuelle Bezüge? Naja, gut, das ist vielleicht weit hergeholt. Oder doch nicht? Sind wir nicht gerade heute, gerade jetzt, in diesen Frühlingstagen des Jahres 2020, besetzt, wie Guernsey es von 1941 bis 1944 war?Man muß nur heraussteigen aus der trägen Verlorenheit in die Oberflächenwasser, ein wenig zurücktreten ... und schon entsteht vielleicht auch vor unseren Augen eine solche entzückende Welt. Und vielleicht stellen wir sogar fest, daß wir eigentlich, eigentlich mitten in einem solchen Leben stehen? Wie jene Mitglieder des "Guernsey Buchclub der Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf."
Ein Club der 1941 auf der Kanalinsel Guernsey, der einzige original britische Boden, den die Wehrmacht je besetzt gehalten hat, entstanden ist. Um nach einem - für jene Zeit - Festgelage, nämlich der Verschmausung eines zuvor am Dachboden einer alten Dame geheim aufgezogenen Schweines, den Kontrollen der deutschen Besatzer "plausible Antworten" über ihre Zusammenkunft geben zu können. In dieser dunkelen Nacht wird der Clubname, erfunden. Aber nun muß man aus der Erfindung eben wirklich einen solchen Club machen. Es würde doch sonst auffallen?!
Aus dieser Notlösung wird jedoch ein Freiheitsraum, in den sich viele flüchten, um in einer bedrückenden Welt der Sorge und der Angst noch die Luft des Geistes zu atmen, der einen alles durchstehen läßt. Es gibt eben keine besseren Verbündeten als Bücher. Und ... films? Really? Do they? Perhaps. Maybe. If they are a kind of nostalgic.
"Manners hold our society together. That, and a reliable postal letter service."
Montag, 25. März 2019
Wer die Geschichtsschreibung beherrscht, beherrscht das Volk
Ein Geschichtsbild der Wahrheit braucht also mehr, braucht neben hervorragender Menschenkenntnis, Kenntnis der Realität von diplomatischen Vorgängen und Arten zu überlegen, Kenntnis von Vorkommnissen und Geschehen, und erst in einem also größeren Rahmen sind auch Dokumente auf ihre wahre Bedeutung hin einzuordnen. Aus diesem Grund war die Geschichtsschreibung vor der Neuzeit immer eine Angelegenheit der Dichter und Denker, nie von "Wissenschaftlern". Sie war und ist eine Kunst, keine rationalistisch reduzierbare "Wissenschaft". Die Historie der Universitäten ist Hilfsmittel, nicht mehr, zur eigentlichen Geschichtsschreibung. Details zu klären ist gut, wichtig, alles klar. Aber ein geschichtliches Ereignis ist nicht die mathematische Summe aus (bekannten) Details. Und es hat mit Ahnung und jenem Wissen, das erst wissen läßt, mehr zu tun als mit streng auflistenbaren Abläufen.
Umgekehrt muß auch eine Geschichtsdeutung um ihre Grenzen wissen, die sich auf die Vorgänge "unter der Oberfläche" konzentriert. Das gilt auf jede Weise. Und kann sich verheerend auswirken, wenn andere Komponenten dazukommen. Wie die in der Betrachtung der Ereignisse in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und der Art und Weise, wie man die deutschen Völker entmündigte. Und das Böse ihrem Selbstsein zuschrieb, das unter der Oberfläche als eigentlicher Feind angeblich (siehe Wilhelm Reichs "Analysen zum faschistischen Charakter") von jedem faktischen historischen Ereignis, von allen Details völlig losgelöst und auf 80 Millionen Menschen insgesamt übertragen werden mußte.*
Plötzlich geht es nicht mehr um Sieg und Krieg, sondern um Genozid. Und davon kann sich insbesonders der anglo-amerikanische Raum in beiden Weltkriegen nicht lossprechen, auch wenn der Großteil seiner Bewohner das nie begriff. In beiden diesen Kriegen ging es sehr bald nur noch darum, die deutschen Menschen und ihre ganze Kultur zu vernichten, tabula rasa zu schaffen, um darauf aufbauend einen neuen Menschen heranzuziehen. Das kann gar nicht gut gehen. Aber es erzeugt Spannungen, die so gewaltig sind, daß man sie sich heute noch gar nicht vorzustellen vermag.
Wer sich mit Politik und Geschichte auseinandersetzen möchte, muß sich also zuerst und vor allem um die Frage der Legitimation kümmern. Um die Frage, auf welches Absolute beziehen sich die Akteure, und zwar zuerst persönlich, und dann im Rahmen ihres Handlungsraumes. Denn nur vor diesem Hintergrund können sie überhaupt erst handeln. Und von hier aus lassen sich dann manche Überraschungen entdecken und Erhellungen gewinnen.
Montag, 19. Februar 2018
Die Ehre wird erinnert, die Scham löscht die Erinnerung an sie
Sonntag, 25. Juni 2017
Nur weinen, nur weinen
Montag, 20. Februar 2017
Ein fataler Trugschluß
Das Wesentliche, aus dem sich alles Konkrete (Bildhafte) ergibt kann nur verbal dargestellt werden. Auch wenn dieses Darstellen (und erst das ist Erzählen) nicht einfach als "Sagen" gesehen werden darf. "Ein Tier." Nein. Aber alles Dinghafte, Konkrete ist Darstellungsebene eines nie sichtbaren, nur geistig mitteilbaren und nur geistig (aber über das konkrete Ding) wirklichen Wirklichen. Der erzählt, dessen Worte das Bild enthalten. Umgekehrt ist das nicht der Fall, es bleibt eine Ebene darunter. Und noch mehr, wenn es um Photographie geht, die nur durch Referenz auf Realität überhaupt funktioniert. Denn die Photographie "malt" nicht, bzw. braucht es dazu die Inszenierung, um doch nur annähernd ein Gemälde zu erreichen. Sie zeigt deshalb auch hier ihre fatale Verarmung als Bild.
Donnerstag, 30. Juni 2016
Und in Dornenhecken verborgen
Und NEIN. Selbstverständlich beruht die logos-Verweigerung nicht auf einer logos-Losigkeit. Im Gegenteil, ist es ihr Dämon. Den sie aber vorzieht. Denn der verlangt die Zahlung erst in einer dem logos-Verweigerer eben nicht sichtbar sein müssenden Zukunft. Der ihm gestattet, er die Gegenwart über den Zaun der Müllhalde zu werfen, wohinter sie vorerst nicht mehr zu sehen ist. Der logos-Verweigerer ist ein Kreditmensch. Was wunders, daß seine Zeit in Krediten untergeht, die eine Höhe erreicht haben, die ihm schon kategorial gar nicht mehr sichtbar ist, die ihm erst der logos sichtbar machen würde?
Donnerstag, 9. Juni 2016
Wahrer muß gedacht werden
Womit sich ein tiefer Seufzer niedriger Hoffnungspegel verbindet. Denn genau daran wird es womöglich scheitern. Denn mit der Frage nach der Identität ist eine Dringlichkeit der Wahrheit verbunden, der der mentalische, charakterliche Haltung der Jugend nur noch ausweichen möchte. Denn darin liegt das Glücksgeheimins der Gegenwart. Der auf die Stirn geschrieben steht: Lieber irrational aber wohlbefindlich, als wahrhaftig und mühsam. Lieber im garantierten Dauerorgasmus des Suhlbettes der Placentawärme ewig tot sein, als die Erde als das zu erleben, was sie ist: ein "vallis lacrimosa." Tod deshalb allen, die das Bild verändern wollen, das Nihilismus verspricht.
Dienstag, 12. Mai 2015
Wirklich ist nur der Logos
Dienstag, 14. Oktober 2014
Film zeigt Wirklichkeit
Sonntag, 8. September 2013
Eine Geschichte
Verschärfen wir die Geschichte: Er HAT sie bereits getötet, findet dann die Kartoffel.
Und würzen wir sie: Er wurde arbeitslos. Der Garten sollte das Haushaltsbudget etwas entlasten, so seine Absicht, darum hat er ihn vor drei Jahren angelegt. Mit der Abfertigung kaufte er seiner Frau diesen Ring. Und auf wundersame Weise geht es sich immer aus. Es fehlt ihnen weiter an nichts, so bescheiden ihr Leben auch verläuft.
Sein Mißtrauen gegen sie, befeuert von Schuldgefühlen über seine fehlende Nützlichkeit, aus der heraus er sich immer mehr zurückzog, wurde freilich maßgeblich dadurch genährt, daß sie nun für Stunden immer wieder verschwand. Er verfolgte sie, und sah, daß sie jedesmal in einem Haus in einer nobleren Wohngegend verschwand. Nach einigen Stunden verließ sie es immer wieder, mit aufgelöster Frisur, die sie auf der Straße notdürftig zurechtlegte. Als er das Türschild liest, entdeckt er, daß es den Namen eines der damaligen Konkurrenten trägt, der es zum angesehenen Rechtsanwalt gebracht hat.
Als er, später, erschüttert über den Ringfund, ins Haus geht, und sich weinend am Küchentisch aufstützt, greift er in die Lade, in der sie immer die Taschentücher aufbewahrt hat (und wie heikel war sie, wenn er in ihre Küche eingriff, weshalb er sich ganz aus allem dort zurückgezogen hatte, nichts anrührte, weil es ihr Reich war), er will sich die Nase putzen. Da greift er in ein Bündel Papierscheine, etwas Teld, aber vor allem Abrechnungen, und nun sieht er: Sie hat sich heimlich als Putzfrau verdingt, und damit vermutlich das Haushaltsbudget gestützt, das nur mit seinem Hatz IV-Geld nie gereicht hatte.
Ach ja, wir haben vergessen: das sind bloß alte Topoi, wie sie bestenfalls in unzeitgemäßen Märchen vorkommen. Heutige Geschichten müssen ganz anders lauten.
Sonntag, 19. Mai 2013
Singer of Old Tales
Diese Topoi waren es auch, die völkerübergreifend und weltweit verbreitet wurden, teilweise auch unabhängig voneinander entstanden sein müssen - durch die Sänger, die Poeten. Sie wurden dann jeweils an die konkreten Gegebenheiten angepaßt bzw. sind um sie herum entstanden. In ihnen fand sich ein Volk wieder, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Geschichte, seine Tugenden, seine Wertvorstellungen - eine Generation gab es an die nächste weiter. So wurde die Herkunft, die eigene Art je neu zu dem Selbstgefühl erweckt, aus dem jede Gegenwart handelt, und sich damit seine Zukunft schafft.
Am Balkan wurden auf diese Weise sogar noch bis vor wenigen Jahren die alten Sagen und Volkslegenden übermittelt. Und erst vor wenigen Jahren ging der letzte Filmvorführer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in Pension. Er war bis zuletzt herumgereist. Seine Besuche waren eingebettet in mehrtägige Dorffeste, die man darum herum feierte.
Die ganze abendländische (säkulare) Literatur ist so entstanden, im Zusammenwirken mit den Geschichten der Priester. Immer auf der Grundlage von realem Geschehen, das so lebendig blieb.
Genau so hatten sich schon die Ilias und die Odyssee verbreitet und gebildet. Wenn man heute auch davon ausgeht, daß es den überlieferten Autor Homer tatsächlich gegeben hat; die Geschichte zeigt zu deutlich einheitliche Züge, wie sie nur EIN Schöpfer bilden kann. Aber er griff selber auf alte Überlieferungen zurück. Sie aufzuschreiben war bereits Anzeichen des Verfalls, erst Gedächtnisstütze, bald letzte Erinnerung, weil die Sitte sich auflöste, die Geschichten vergessen wurden. Niemand hätte zuvor daran gedacht, Mündlichkeit war der Weg der Lebendigkeit, in dem der Geist lebendig blieb. Erlosch diese lebendige Weitergabe, fielen auch die Geschichten ins Dunkel des Vergessens, und das passierte auch vielfach.
Auch das Alte Testament - und auch der Erzählkorpus des Neuen, in seiner Gliederung in Einzelgeschichten zeigt sich das noch am unmittelbarsten - ist auf ähnliche Weise weitergegeben worden. Es wird bis zum heutigen Tag mündlich weitererzählt - unter Heranziehung der Erinnerungshilfe, der Schrift, deren im Gehorsam beachteten Exaktheit "lediglich" Ausdruck der Ehrfurcht ist, den dahinterstehenden Geist zu verfälschen. Für die die Apostel die unmittelbarsten Zeugen sind.
Die Sprachstruktur des Alten Testaments zeigt natürlich die deutlichsten Hinweise auf diese Herkunft aus der Mündlichkeit, ehe man die Überlieferung aufschrieb bzw. aufzeichnete, um sie nicht zu verlieren.
Schon Plato aber beklagte den Verlust und die Gefahr, die durch die Schriftlichkeit eintrat, weil sie sich absehbar von dieser Mündlichkeit abstrahierte. Denn ein Text lebt nicht aus seiner Buchstäblichkeit. Er ist Gefäß für einen bestimmten Geist, der im lauten Lesen neu Gestalt annimmt, im Maß wie im Lesenden der Geist lebendig wird, der vom konkreten Wort natürlich nicht abweichen kann. (Womit wir sogar beim Wesen des Schauspiels wären.)
Anderseits bewahrt die Schriftlichkeit sehr getreu diesen originalen Geist in ihrer hinweisenden Funktion, denn wie sich an den alten Sängern des Balkan aufweisen ließ, veränderten sich mangels einer Wächterschaft (wie z. B. Priester sie ausüben) diese Geschichten sehr analog zum jeweiligen Zeitgeist, und dem Publikum, das sie hörte und hören wollte. Das je eigene Vorlieben hatte.
| Gesehen auf Glaserei |
Dienstag, 25. Dezember 2012
Was wir verloren (2)
Natürlich wird das Entsorgen der Tradition, und damit der vorhandenen Kultur, vielfältig gerechtfertigt. In unserer Zeit vor allem durch eine Wissenschaft, die ganz genau auf derselben Verkennung der Welt beruht - und wie ein Abstinenter, der vom ersten Achterl betrunken wird, meint sie, daß sie eine neue Weltbegründung entdeckt. Badet in Pfützen, und meint, den Ozean zu erfahren - weil es von diesem letztlich umgeben ist, nur ihn nicht kennen will.
Und damit berühren wir das, was Michel Henry meint, wenn er schreibt, daß menschliche Sprache sich im Letzten auf die Lebensselbsterprobung zurückführt - auf das Wort des Leben selbst, das alle menschliche Sprache trägt, so verschüttet in oberflächliche Schichten des Bedürfens diese auch sein mag. Ort, Topos und Leben berührt sich also zutiefst, und im Darstellen wird Weltordnung dargestellt, die den Hörenden hineinnimmt.
Die begreifen läßt, daß der Weltenlauf ein einziges Ringen darstellt. Nur die Gestalt dieses Kampfes wechselt, auch das Heute aber ist eingegliedert in ein großes Ganzes, das von einer gleichen, aber unerschöpflichen, nicht eingrenzbaren Tiefe, Basis her genährt wird und sich zeitlicht. In den Erzählungen wird mit der fremden Geschichte also unsere eigene Gegenwart miterzählt. Ja, was man alten Geschichten oft vorwirft, sie seien Kompilationen, die mit der Zeit abgeschliffen und verändert worden wären, ist gerade der Ausweis auf ihren immer gleich aktuellen Kern, der mit der Zeit nur noch weiter und wahrer erfaßt und gesehen wurde - und sich in je historischer, konkreter Gestalt wieder und wieder zeigt. Deshalb von konkreten Erzählungen auch nicht getrennt werden kann.
Verschriftlicht, indem und nachdem es sich wieder und wieder in unzähligen Menschen durcherprobt und geläutert und erweitert hat, sodaß jede Schriftlichkeit sich nur als Verweis auf die lebendige Mündlichkeit - Wort als Tat, als Ereignis - verstehen kann. Wo real Vergangenes als immer Gegenwärtiges, in seinen Topoi, erkannt wird.
Stattdessen begegnet man erschreckend häufig Menschen, die wirklich meinen, ihr Leben wäre außergewöhnlich und "neu", entzöge sich jeder Beurteilung und jedem Gericht - und nur nicht sehen, wie armselig sie in oft einfachste und oberflächlichste Muster verstrickt sind, die ihnen einfach fremd sind.
Es läge nur an uns, diesen Rückstand, den wir bereits in so erschreckendem Ausmaß haben, Schritt für Schritt wieder aufzuarbeiten. Noch hätten wir so viele Möglichkeiten, gerade jetzt, gerade jetzt zu Weihnachten, in den Tagen bis Neujahr, einen Neuanfang zu setzen. In Geduld wieder aufzubauen, was wir einst bereits hatten. Dann wird, vielleicht, eines Tages auch wieder ein Voranschreiten der Kultur möglich. Wenn wir erst einmal kennen, was bereits bekannt war.
Montag, 24. Dezember 2012
Was wir verloren (1)
Menschen ohne parate Topoi als Lebenskenntnis sind nicht einmal mehr in der Lage, ihre eigenen Geschichten zu erzählen - sie kennen nur noch Ereignisse, wild schwirren die Fakten durch ihre Gedanken.
Louis Bouyer nennt dieses Menschheitsgedächtnis, das sich in der Mündlichkeit weiter- und weitergegeben hat, nicht urtümlich im Sinne der Zeitlichkeit, sondern im Sinne von grundlegend. In der reinsten Form des Gedächtnisses, den Mythen (so verdunkelt sie auch sein mögen), in denen sich menschliches Wort und Göttliche Offenbarung treffen, ja woraus sie letztlich schöpfen, findet sich menschliche Grunderfahrung in großer Kohärenz. Diese Urerfahrung, die in jedem gleichermaßen vorhanden ist, hat er zu ihr Zugang, geht auf die Verwandschaft von Urbild und Abbild zurück. Weil sich, um auf Michel Henry zu verweisen, im Ich das göttliche Wort - abbildhaft, weil geschöpflich - selbst erfährt, weil es als Logos inkarniert. Diese Mythen dienen also je zeitbezogenem Denken und Sprechen als korrigierende, noch mehr aber seine Struktur formende und die geschichtliche Situation beleuchtende Grundlage. Als meta-logische Denkform, die aller logischen, innerweltlichen zur Basis dient.*
*Michel Foucault ist sogar der Meinung, daß das wissenschaftliche, weltimmant-verstandesgemäße Denken nicht einmal meta-logisch ist, sondern daß sich das Denken überhaupt nicht von seiner mythischen Grundlage (und damit von Gott) trennen kann. Versucht es das, zerfließt es ins Nichts. Sollte wirklich der Mythos verschwinden, würde auch der Mensch sterben. Nimmt der Mensch das nicht zur Kenntnis, blendet er diese Tatsache aus seinem Denken aus, wird er lediglich das Opfer dieser Grundlagen.
Freitag, 14. September 2012
Mnemotechnik
Mit einer bemerkenswerten Funktion des Refrains, wie sich weltweit an vielen Beispielen belegen läßt: Im Refrain wiederholt oder übernimmt das Publikum nämlich nicht einfach, was es gehört hat! Es ... reagiert, und es korrigiert sogar, etwa, wenn die gehörte Version zu sehr von dem abweicht, was es selbst weiß. Das läßt sich vielfach zeigen. Womit wir bei den Wurzeln der Funktion des "Chores" wären.
Dienstag, 30. August 2011
Was ist erzählbar?
Montag, 18. Juli 2011
Zuviele Bilder
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| Photo by Bob Wolloughby - Gesehen bei everyday_i_show |
