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Sonntag, 15. Januar 2023

Wintergeschichte

Auch diese Geschichte müßte dringend einmal richtig geschrieben werden. Was wir über die Ernährung der Vergangenheit zu wissen glauben ist zu allermeisten Teilen nützlich geschobener Unsinn, der irgendetwas an der Ggenwart rechtfertigen udn vor allem besserreden soll. Wissen täte man es längst. ABer einmal richtig sortieren, und auf den Kern eindampfen, das täte not.

Wußten Sie, daß man im MIttelalter in Europa fast ausschließlich Fleisch gegessen hat? Es kam täglich auf den Tisch, nicht nur beim Adel. Der lebte kaum anders als der durchschnittliche Bürger. Was er "mehr" hatte ging in zusätzliche und teure Ausstattung, die der NOrmalbürger sowieso nicht brauchte, und bald immer mehr in Luxus, der aus fernen Ländern kam. 

Aber da war der Handel, diese Domäne der überzähligen und ungebrauchten Männer, schon sehr mächtig geworden. Und hatte eine Erscheinung nötig gemacht (und gelich auch sehr von den Fürsten geliebt), die man "Münzen", später "Geld" nannte (das zuvor weit mehr war als Münzen.) Die zuerst nur Symbol für das Ferment des Sozialen waren - Anspruch auf und Gebeverpflichtung für einen Anteil an der Frucht des göttlichen Kultopfers - und mit der Zeit diesen Anspruch zum Ding an sich machte.

Gemüse war selten, weil sehr saisongebunden. Für Getreide fehlten die Großanbaugebiete, und es war aufwendig und teuer, daraus Brot zu backen. Kuchen oder darauf basierende Süßspeisen sowieso, die kamen alle mit der Neuzeit. Als der Kapitalismus bereits groß und mächtig geworden war.  Ab da wurden die Frauen zum Kochen verdammt. Dabei konnten die das noch nie so gut wie die Männer. 

Na gut, für den Alltag ... In der Spitzenküche sind sie sogar heute noch die Ausnahme. Den das kann man mit Quotenregelungen nicht hinkriegen, der Gaumen ist nicht zu betrügen.

Dienstag, 20. Dezember 2022

Fest ist Kult der Erinnerung

Louzis Trenker sagt den heutigen Jugen wohl kaum nosch etwas. Und wenn doch, dnan als Produkt der Verbildung, lassen wir das. Wir, aus meiner Generation, sind freilich mit diesn Namen noch aufgewachsen. Louis Trenker ist damals noch in den Fernseh-Shows aufgetreten, und hate immer durch seine Erinnerungen, die er lebendig zu erzählen wußte, beeindruckt.

Das war zu Zeiten, als die, die sich erinnerten, schon alleine durch die Fähigkeit dazu hohen Respekt genossen haben. Es waren also nicht die Zeiten, in denen die Jungen sich verbildet und charakterlich verdreckt von den Alten abwandten, und behaupteten, daß sie denen "ncihts, rein gar nichts zu verdanken" hätten, weil sich "alles selbst erarbeitet" hätten. Und so weiter.

Nein, es waren aner Zeiten. Die Menschen waren noch nicht so dumm. Und wenn ich mich mit warmem Herzen an so manches Schjöne aus meiner Vergangenheit erinnere, so nehmen die Feste den hervorragendstgen Platz ein. Die in der Erinnerung zumindest immer eines waren: Eine Versammung der Alten, die dann erzhlten. Und wir Jungen, wir saßen da, mucksmäuschenstill und ohne Bedürfnis, um nur ja den Erzählfluß nicht zu stören, der uns da wie mit warmen Daunen zudeckte.

Mittwoch, 26. Januar 2022

Das immer gleiche Theater der Geschichte

Aber die Welt ist immer dieselbe. Sie ist ein grandioses Theater des Opfers und Lobprieses Gottes DURCH SICH SELBST, denn nur ein Gott kann Gottes Ebene erfüllen, nur ein Gott kann deshalb Gott zufriedenstellen.

Diese Wahrheit ist sogar von den Pharaonen bekannt, und kennzeichnet die Geschichte sämtlicher Herrschergeschlechter der Erde durch das, was wir "Ebenbürtigkeit" nennen. Und sei es, daß sie sich in der Tendenz ausdrückt, innerhalb der Familie zu heiraten, bei den Pharaonen (und bei einigen römischen Kaisern, den großen Imitatoren des Pharaonentums) sogar als Geschwisterehe bekannt.

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Im Erzählen sind wir

Und während die Zeit verstreicht, das Christkind den Baum aufputzt, und durch die Fenster die Engerl ein- und ausfliegen, sodaß aus allen diesen Gründen alleine schon die Tür zum Wohnzimmer recht fest geschlossen bleiben muß, muß mit Erzählen die Zeit verstreichen. Das die Aufmerksamkeit wenigstens so halbwegs bindet, das Äuglein höchstens mal ab und zu abschweift. 

Es ist das Erinnern, das Gegenwart erst schafft. Weil wir im Erinnern jene schöpferische Kraft aufrufen, aus der wir rund ums Unsichtbare des Wirklichen das spinnen, was Welt ist.

Also ist es das Erzählen, das uns nicht nur als Kinder vorkam, als sei es der Zeit enthoben - und damit gegenwärtig - sodaß jedes Ende einer Geschichte wie eine Überraschung, wie ein Schock daherkam, sondern es ist das Erzählen, das den Festen der höchsten Wirklichkeit, wie sie im Weihnachtsfest vor uns stehen, ihre Zeitlosigkeit gibt. Was immer wirklich sein will, muß deshalb erzählt sein. (Und unser Leben und Gegenwärtigsein als Mensch muß eine Erzählung sein, sonst ist es nicht. 

Eine Erzählung, die wir dem Jesuskind vortragen.



*231220*

Montag, 13. April 2020

Filmempfehlung

"Noch mehr aber als nach einem ausgiebigen Mahl, sehnten wir uns nach etwas anderem - nach Gemeinschaft, nach einem Leben mit anderen." "Deine Juliet - Dear Juliet" (England, 2018; interessant übrigens der Wechsel in der Übersetzung: Hier ein Abschiedswort, dort eine Anrede!) handelt von einer wunderschönen Brieffreundschaft, die in der Nachkriegszeit spielt, aber immer wieder auf die Kriegszeit zurückgreift und mehr wird.

Und die jede Minute Filmzeit wert ist. Sodaß man am Schluß bedauert, daß der Film zu Ende ist, um sich doch darauf freuen zu können, daß es im zwei-, drei- oder viermaligen Ansehen noch viel zu entdecken geben wird.

Denn "Deine Juliet" ist vor allem eines: Voller Liebe, voller Details, voller Bedachtsamkeit gemacht. Eine Liebesgeschichte außerdem, so voller Poesie, Humor und sanfter Traurigkeit im Glück, wie sie wohl wirklich nur Engländer, richtige Engländer erzählen können. Denn dort gibt es sie, offensichtlich, auch in der Wirklichkeit, doesn't it?

Voller wunderbarer schauspielerischer Leistungen. Was sehr für die Regie spricht, die jedem Charakter den richtigen Rahmen zu geben versteht, so daß jeder aufblitzen kann. Allen voran stehen dabei gar nicht die Proponenten. Die auch, ja. Aber am hellsten strahlen Nebenrollen: Die alleinstehende Enddreißigerin, voller Hoffnung, doch noch eine glückliche eheliche Verbindung zu finden, die sich bald zur besten Freundin der Schriftstellerin entwickelt, dann die Mutter der unsäglich "schandbaren" Tochter, um die sich - in einer andern Achse - der Film in Wirklichkeit dreht, die alles noch postum bewegt (obwohl sie tot ist, wie sich dann herausstellt) und der Verlobte, der nur am Anfang und am Schluß die Bühne betritt. Umso mehr zählt die Leistung, in so wenig Zeit so viel Charakter auf die Leinwand zu bringen. Gerade in der Darstellung eines Mannes, der einfach nicht zur Welt der Proponentin paßt, obwohl er sie doch so liebt, und ihr ein "tolles" Leben bieten wollte weil könnte, von dem sie doch nur träumte. 
Oder? Wirklich? Sie wird es bald herausfinden. Sie wird herausfinden, daß ein Schriftsteller nicht geglättete Lebenswege möchte, ja gar nicht verträgt. Sie findet heraus, daß es in so einem Leben darum geht, FÜR JEMANDEN zu schreiben. Weil es in jedem Leben darum geht, FÜR JEMANDEN da zu sein. Jeder Schriftsteller (wie jeder Künstler, Anm.) lebt FÜR EIN PUBLIKUM, weil FÜR JEMANDEN. Das macht den Zeitbezug seiner Werke aus, und das prägt ihn.
Die Geschichte: Eine Londoner Schriftstellerin am Beginn ihrer Karriere, also voller Bangen und Hoffen und Unsicherheiten - auch über diese Phase im Leben eines Schriftstellers erzählt der Film sehr wahrhaftig und gut - erlebt nach einem ersten zaghaften Erfolg, der ihr immerhin etliche Leserreisen bringt (woran ihr sehr rühriger Verlobter kräftig arbeitet) eine Überraschung: Sie erhält einen Brief von einem (bescheidenen) Mann von der Insel Guernsey. Der ihr erzählt, daß er ein Buch mit einem Besitzereintrag von ihr gefunden hat. Daraus entwickelt sich ein Schriftverkehr, in dem die Schriftstellerin feststellt, daß der ihr Unbekannte ein Seelenverwandter ist.

Was sie sogar dazu bringt, der Sache nachzugehen. Sie beschließt kurzerhand, eine nächste Lesereise abzusagen, um auf die Kanalinsel zu fliegen. Nicht ohne beim Abschied, in einer Sekundenentscheidung (die eher ein Nachgeben ist) ihrem Verlobten das Ja-Wort gibt.

Als sie ankommt, scheint erst einmal alles eine Enttäuschung zu sein. Der Empfang ist kühl, alles sonst sperrig. Nur ihr Briefpartner ist, was sie erwartet hat. Nein, er ist mehr, als sie erwartet hat. Wenn auch "nur" ein einfacher Bauer, der mit einem Mädchen (das nicht seine leibliche Tochter ist, wie sich herausstellt) auf einem kleinen Gehöft lebt.

Sehr rasch baut sich eine Vertrautheit auf. Die ihr allmählich auch die Geschichte hinter diesem Mädchen offenbart. Sie ist die Tochter einer Guernseyerin, die Mitglied des Buchclubs ist, die sich während der Zeit der deutschen Besatzung in einen Offizier der Wehrmacht verliebt hatte. Dessen Kind ist das Mädchen auch. Die Dorfbevölkerung war gespalten. Die meisten lehnten diese Kollaboration ab, einige aber standen zu der jungen Frau.

Die aber schließlich verraten wurde. Der Offizier wurde daraufhin versetzt (und fiel bald darauf), und die junge Frau landete in Ravensbrück. Wo sie erschossen wurde, als sie dort ein (fremdes) Mädchen vor Gewalt schützen wollte.

Ein wunderbarer, köstlicher, amüsanter, liebevoll gemachter und erzählter Film mit diesem unnachahmlich-echten, unendlich liebenswerten Englisch der Individualisten und schrulligen Typen, die nicht in der eigenen nächsten Nachbarschaft zu haben man sofort bedauert. Aber ist es wirklich ein Bedauern? 

Ist es nicht vielmehr der Mahnruf, daß doch der Nachbar, der uns nervt, die Frau Navratil von der 6er Stiege, die einem immer so blöd nachgafft, der Herr Schebesta von der Krausstraße mit seinem langweiligen Erzählen der immer wieder selben Geschichte, in diesem schnarrigen Ton ... sind nicht die auch so liebenswert?
Liefert andererseits die Replik auf eine Denunziationsatmosphäre, in der jeder jeden verraten könnte, und die als soziales Sprengmittel lange nachwirkt, in Zeiten der Corona-Krise und totaler "sozialer Distanzierung" nicht sogar recht aktuelle Bezüge? Naja, gut, das ist vielleicht weit hergeholt. Oder doch nicht? Sind wir nicht gerade heute, gerade jetzt, in diesen Frühlingstagen des Jahres 2020, besetzt, wie Guernsey es von 1941 bis 1944 war?
Man muß nur heraussteigen aus der trägen Verlorenheit in die Oberflächenwasser, ein wenig zurücktreten ... und schon entsteht vielleicht auch vor unseren Augen eine solche entzückende Welt. Und vielleicht stellen wir sogar fest, daß wir eigentlich, eigentlich mitten in einem solchen Leben stehen? Wie jene Mitglieder des "Guernsey Buchclub der Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf."

Ein Club der 1941 auf der Kanalinsel Guernsey, der einzige original britische Boden, den die Wehrmacht je besetzt gehalten hat, entstanden ist. Um nach einem - für jene Zeit - Festgelage, nämlich der Verschmausung eines zuvor am Dachboden einer alten Dame geheim aufgezogenen Schweines, den Kontrollen der deutschen Besatzer "plausible Antworten" über ihre Zusammenkunft geben zu können. In dieser dunkelen Nacht wird der Clubname, erfunden. Aber nun muß man aus der Erfindung eben wirklich einen solchen Club machen. Es würde doch sonst auffallen?!

Aus dieser Notlösung wird jedoch ein Freiheitsraum, in den sich viele flüchten, um in einer bedrückenden Welt der Sorge und der Angst noch die Luft des Geistes zu atmen, der einen alles durchstehen läßt. Es gibt eben keine besseren Verbündeten als Bücher. Und ... films? Really? Do they? Perhaps. Maybe. If they are a kind of nostalgic.

Ein Tip: Wenn sie auch nur so halbwegs des Englischen mächtig sind, suchen sie eine Originalfassung. Dann verdoppelt sich der Genuß durch ein witziges, pointenreiches, höchst gepflegtes (und leicht verständliches) "very british"-Englisch! Passen Sie auf, die Feiertage, die Quarantäne wird Ihnen noch zu kurz erscheinen, mit solch einem großartigen Zeitvertreib, der ihr Herz wahrlich aufhellen und bewegen wird.

"Manners hold our society together. That, and a reliable postal letter service."





*230320*

Montag, 25. März 2019

Wer die Geschichtsschreibung beherrscht, beherrscht das Volk

Natürlich ist dieses Video sehr interessant, und enthält zweifellos viele Wahrheiten, denen wir uns im Einzelnen hier noch weiter widmen werden. Denn wenn man die gegenwärtige Situation in praktisch allen Bereichen unseres Lebens - Politik, Schul- und Erziehungssystem, Universitäten, Geschichtsschreibung, Meinungsbildung und Meinungsmanipulation ... - ansieht, kann man zu gar keinem anderen Schluß kommen, daß sie genau einem Produkt entspräche, das durch solche hintergründigen Absichten und Gruppen und Personen geformt worden ist. 

Es muß als allgemein gültige Wahrheit angesehen werden, daß hinter der gerne lächerlich gemachten Meinung zu Verschwörungstheorien ein grundwahres Ahnen steht, daß irgendetwas nicht stimmt. Daß sich die Politik und die offizialisierte Meinung auf eine Weise von der Wahrnehmung und Lebensgrundlage der Menschen entfernt hat, daß man regelrecht von zwei Systemen sprechen muß. Wo das eine, das offizielle, das andere, das "gesunde", das natürliche, wie einen Feind bekämpft und umformen möchte. Das ideale Mittel, um ein Volk umzugestalten, seine Meinung zu beherrschen, zu lenken, zu steuern, die Art wie es sich selbst sieht und sehen soll, war und ist immer der Krieg.

Daß die Geschichtsschreibung eine der Sieger ist, ist eine Binsenweisheit. Aber man sollte sie manchmal mehr mit bedenken. Denn natürlich können nach einem Krieg nur die dominierenden, die obsiegenden Kräfte alles bestimmen. Und sie bestimmen auch die Geschichtsschreibung, das eigene Narrativ eines besiegten Volkes. Müssen auch verhindern, daß dieses Volk durch seine Selbsterzählung nicht in einen vor-krieglichen Zustand "zurückfällt".

Dazu gesellt sich das alte Problem einer Geschichtsforschung, die sich zu sehr auf Dokumente und offizielle Äußerungen bezieht. Was wir heute als "Revisionismus" bezeichnen, hat diesen Mangel, so wichtig viele Anregungen sind, die von dort her kommen. Und gängige Narrative, wie sie uns seit Jahrzehnten eingebleut werden, aufbrechen muß und auch aufbricht. Aber Politiker, Monarchen, Diplomaten sind keine Schriftsteller, keine Dichter. Sie wollen nicht die Wahrheit darstellen, oder nicht prinzipiell, sondern alle diese Äußerungen und Dokumente sind in erster Linie Werkzeuge von Interessen.

Ein Geschichtsbild der Wahrheit braucht also mehr, braucht neben hervorragender Menschenkenntnis, Kenntnis der Realität von diplomatischen Vorgängen und Arten zu überlegen, Kenntnis von Vorkommnissen und Geschehen, und erst in einem also größeren Rahmen sind auch Dokumente auf ihre wahre Bedeutung hin einzuordnen. Aus diesem Grund war die Geschichtsschreibung vor der Neuzeit immer eine Angelegenheit der Dichter und Denker, nie von "Wissenschaftlern". Sie war und ist eine Kunst, keine rationalistisch reduzierbare "Wissenschaft". Die Historie der Universitäten ist Hilfsmittel, nicht mehr, zur eigentlichen Geschichtsschreibung. Details zu klären ist gut, wichtig, alles klar. Aber ein geschichtliches Ereignis ist nicht die mathematische Summe aus (bekannten) Details. Und es hat mit Ahnung und jenem Wissen, das erst wissen läßt, mehr zu tun als mit streng auflistenbaren Abläufen.

Umgekehrt muß auch eine Geschichtsdeutung um ihre Grenzen wissen, die sich auf die Vorgänge "unter der Oberfläche" konzentriert. Das gilt auf jede Weise. Und kann sich verheerend auswirken, wenn andere Komponenten dazukommen. Wie die in der Betrachtung der Ereignisse in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und der Art und Weise, wie man die deutschen Völker entmündigte. Und das Böse ihrem Selbstsein zuschrieb, das unter der Oberfläche als eigentlicher Feind angeblich (siehe Wilhelm Reichs "Analysen zum faschistischen Charakter") von jedem faktischen historischen Ereignis, von allen Details völlig losgelöst und auf 80 Millionen Menschen insgesamt übertragen werden mußte.*

Plötzlich geht es nicht mehr um Sieg und Krieg, sondern um Genozid. Und davon kann sich insbesonders der anglo-amerikanische Raum in beiden Weltkriegen nicht lossprechen, auch wenn der Großteil seiner Bewohner das nie begriff. In beiden diesen Kriegen ging es sehr bald nur noch darum, die deutschen Menschen und ihre ganze Kultur zu vernichten, tabula rasa zu schaffen, um darauf aufbauend einen neuen Menschen heranzuziehen. Das kann gar nicht gut gehen. Aber es erzeugt Spannungen, die so gewaltig sind, daß man sie sich heute noch gar nicht vorzustellen vermag.

Wer sich mit Politik und Geschichte auseinandersetzen möchte, muß sich also zuerst und vor allem um die Frage der Legitimation kümmern. Um die Frage, auf welches Absolute beziehen sich die Akteure, und zwar zuerst persönlich, und dann im Rahmen ihres Handlungsraumes. Denn nur vor diesem Hintergrund können sie überhaupt erst handeln. Und von hier aus lassen sich dann manche Überraschungen entdecken und Erhellungen gewinnen.

Das zu bedenken sollte auch die nötige Zurückhaltung in der Einschätzung des Wertes solcher Aufklärung, wie sie in diesem Video betrieben wird. Das gut ist, zweifellos, interessant, zweifellos, und sagt im Grunde nichts Falsches. Liefert damit Zutaten zur Suppe unseres Geschichtsbildes, die der uns vorgetragenen, offiziellen Geschichtsdeutung ganz sicher fehlen. Ob sie freilich ein vollgültiges Ersatzbild liefern können, ist sich der VdZ nicht so sicher.

Wer die Geschichtsschreibung eines Volkes beherrscht, beherrscht sein Selbstbild. Und wer dieses Bild beherrscht, beherrscht das aktuelle Handeln eines Volkes. Die interessantesten Teile dieses Videos sind deshalb ganz sicher die ganz handfest belegten und belegbaren Hinweise auf die Vorgänge und Hintergründe von Institutionalisierungen, in denen über das Geschichtsbild (und über das gesamte Bildungs- und Informationssystem) Völker beherrscht werden sollen. 

Von wem? Diese Frage macht alles ja so spannend. Denn wenn es auch so ist, daß Volk und Geschichte immer eine komplexe Suppe sind, so ist auch wahr, daß es immer einzelne Personen sind, die konkrete Dinge in die Welt bringen. Und es sind letzthinnig doch immer die konkreten Dinge, die diese Allgemeinsuppe anrichten.







*In diese Kategorie fällt auch der bis heute kaum je bekanntgewordene Raubzug der Alliierten nach 1919, die aus ganz Europa unfaßbare Mengen an Dokumenten (in 370.00 Bänden zusammengefaßt) konfisziert, gekauft, erschlichen (gegen Lebensmittel) oder gestohlen haben. Um sie nach Amerika zu verfrachten, für "geheim" zu erklären, zu säubern (etwa um Belgien auf jeden Fall als unschuldiges Opfer eines kriegslüsternen Deutschlands darzustellen) oder gar verschwinden zu lassen. Oder bis heute wenigstens unzugänglich zu halten. Tonnen und Abertonnen von Dokumenten liegen in amerikanischen Archiven, die kein unabhängiger Historiker je zu Gesicht bekommen hat, die aber die gängige Geschichtsschreibung vielleicht ein wenig auflüften könnten.





*240119*

Montag, 19. Februar 2018

Die Ehre wird erinnert, die Scham löscht die Erinnerung an sie

Das Netzdurchsetzungsgesetz - die Gegenwart weiß, daß ihre Taten vor dem Sein (vor Gott) nichts würdig sind.

Die Erzählung wäscht rein. Sie läßt das Sein über, reinigt es über die Generationen von allen Zeitbedingtheiten. Die orale Tradition - allen Völkern eigen! - tut dies in der Gestalt von Barden. 

Professionalität und Geehrtheit der Erzähler/Barden. Kunst (Erzählung) gering zu achten, heißt immer, mit dem Sein abschließen zu wollen. Heißt immer, der Scham zu entfliehen, die Erinnerung bedeuten würde. Heißt Kampf gegen das Sein, und damit satanische Zerstörung der Welt, die aus der Erinnerung (dem Transzendenten, dem Ewigen) besteht - oder nicht (mehr) besteht.

Deshalb hier der Verweis auf Homers Ilias und Odyssee. 



***

Es gab einmal eine Zeit, und der VdZ hat sie noch erlebt, wo die britische BBC berühmt - zu Recht! - für ihre hervorragenden Dokumentationen und Kulturproduktionen war. Diese Serie von Videos über Homer und Troja ist legendär und gewiß eine der besten, wenn nicht die beste und seriöseste, informativste und zugleich entzündendste, umfassendste Filmproduktion über Archäologie und Homer, die es gibt. Noch dazu ist sie kostenlos im Netz abrufbar.  Sie greift auch auf jede Menge bester Literatur zu, die auch dem VdZ nicht unbekannt ist.






Link zu Teil 1, Teil 2, (Teil 3 oben), Teil 4, Teil 5, Teil 6

Alle diese sechs Teile sind wärmstens empfohlen! Sie haben einen didaktisch hervorragenden Aufbau und können wirklichen Gewinn bedeuten. Was man von Filmen - egal welchen Genres - nur äußerst selten sagen kann.






*040218*

Sonntag, 25. Juni 2017

Nur weinen, nur weinen

Oh, welche vergangene Kunst ... Die Geschichte hier wird nur durch Regie und Schnitt erzählt! In wenigen Minuten, durch wenige Momente entsteht eine Welt, Geschichten. Und welche Geschichten werden hier erzählt! Ganze Starkarrieren, großartigste Schauspielleistungen waren vermutlich immer nur Resultate der Fähigkeit der Regie. Und des Schnitts. Denn diese erzählen. Die Darsteller stellen nur Momente dar. Ohne große Regisseure keine großen Schauspieler. Ohne sie keinen großen Film.

Es gibt heute keinen großen Film mehr. Nicht in Europa, nicht in Amerika. Man könnte als Schauspieler nur noch weinen. Weinen, weil die Natur des Schauspielers nicht mehr erfüllt weil nciht erkannt wird. Man kann heute nicht mehr erzählen.









*140517*

Montag, 20. Februar 2017

Ein fataler Trugschluß

Was Nokia in diesem Werbefilmchen zeigt ist so erschütternd, daß man sich wundert, daß eine Firma damit meint, für sich werben zu können. Es zeigt Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, vollmenschlich zu kommunizieren. 

Warum. Sie kommunizieren doch? Ja, aber auf einer primitiven, bildhaften Ebene. Von der Nokia tut, als sei das eine Ebene für sich, ja vollwertiger als die Gesamtheit des Seienden als Dargestellten. In Wahrheit ist Verbalisierung eine Stufe - und es ist die höchste Stufe - der Weltdarstellung, eine Stufe gewissermaßen an jedem Ding. 

Sie kann durch Bildlichkeit (wie im Handydisplay) niemals ersetzt, bestenfalls, allerbestenfalls gestützt werden, mit der gefährlichen Tendenz, das Wesen des Erkennens, das als schöpferischer Akt Selbstschaffung von Bildern ist, zu ersetzen. Das Wort steht dabei in ein- und derselben (vertikalen) Linie des Dargesellten, aber es steht an seiner höchsten weil geistigen Ebene. Wenn also die (verbale) Kunst des Erzählens verloren geht, geht der Geist verloren, und damit schrumpft das Erkennen der Welt, das dem anderen durch das Erzählen ermöglicht wird, auf ein ganz niedriges und untermenschliches Niveau.

Das Wesentliche, aus dem sich alles Konkrete (Bildhafte) ergibt kann nur verbal dargestellt werden. Auch wenn dieses Darstellen (und erst das ist Erzählen) nicht einfach als "Sagen" gesehen werden darf. "Ein Tier." Nein. Aber alles Dinghafte, Konkrete ist Darstellungsebene eines nie sichtbaren, nur geistig mitteilbaren und nur geistig (aber über das konkrete Ding) wirklichen Wirklichen. Der erzählt, dessen Worte das Bild enthalten. Umgekehrt ist das nicht der Fall, es bleibt eine Ebene darunter. Und noch mehr, wenn es um Photographie geht, die nur durch Referenz auf Realität überhaupt funktioniert. Denn die Photographie "malt" nicht, bzw. braucht es dazu die Inszenierung, um doch nur annähernd ein Gemälde zu erreichen. Sie zeigt deshalb auch hier ihre fatale Verarmung als Bild.

Gemau das ist die Gefahr der Neuen Medien, der Social Media im Speziellen, die jederzeit verfügbar und verfügt sind. Sie bergen die wie bei jedem technischen Hilfsmittel fast nicht zu umschiffende Gefahr, die menschliche Kommunikation (als Selbstvollzug der Einheit) um Dimensionen (nicht einfach quantitativ, sondern qualitativ!) zu verarmen. Wer meint, mit solchen bequem geschossenen Bildchen am Handydisplay die Erzählung ersetzen zu können, hat sich (und sieht sich) gewaltig im Menschsein getäuscht. Im Erzählen erst zeigt sich die Höhe einer Kultur. Wo diese verbal-sprachlos wird, sinkt sie herab.









*030217*

Donnerstag, 30. Juni 2016

Und in Dornenhecken verborgen

Nun ist die mittlerweile fast flächendeckend ausgebreitete, die junge Generation nahezu ausnahmslos deckende Erscheinung wie die "Zweite Weisheit" das direkteste Zeichen des Kulturverfalls, das denkbar wäre. Umso mehr, als es natürlich der Zeit - die darin steckt - verborgen bleibt. Und sie hat auch ihr Führungspersonal, ihre Leitfiguren gefunden, bzw. jene diese.

Denn die "Zweite Weisheit" dient ja nur der Absicherung, sie ist selbst Schutzmechanismus, autorisierte Moralhoheit. In der sich die Lebenspraxis im Faktischen einrichtet und sich der lästigen Spannung zum logos entledigt. Trennung von Dogma und Pastoral - es ist wie ein Leisten, über den sich die Gegenwart brechen läßt.

Denn darum geht es ja. Darum geht es auch in der Entwertung des Geistes, des wirklichen Denkens in Freiheit und Distanz, in der Spannung des logos zum faktischen Zustand, welcher man sich entledigen möchte und eine neue Zufriedenheit als Paradigma von Lebensglück ausruft,in dem es sich jeder "nach seiner Facon" einzurichten vermag. 

Sie ist in den Trägern einer Kultur vermittelt worden, in den herausgebrochenen, emanzipierten Frauen der Selbstbestimmtheit, in der Depotenzierung des Vaters - dem Erfahrensgegenstand weil der Verkörperung des logos. Wo der Vater aber nicht mehr das Gesollte bestimmt, die immer vorausliegende Form, der es zu genügen gilt - während die Mutter Prinzip der Barmherzigkeit, der Milde, der Güte, des Bergens in der Müdentheit - dort gibt es auch keinen Geist mehr. 

Wo die Mutter zum Maßstab wird, und nicht die die den Maßstab des logos bergend aufnimmt, ihn als Ziel zeigend (Zeigen, das Prinzip des Lehrens und Lernens!) weitergibt, auf den ihr fremden weil polar gegenüberstehenden logos hinweist, fällt alles nicht nur in sich, sondern wandert ins Minus, in die Vergangenheit.* Und der Ort löst sich auf, denn logos heißt - Ort, getaucht in logische Beziehungen, erst so wird er ja zum Ort. Die Sprache löst als Sinnträger auf, sie wird zur Fuchtel einer Funktion, zur "Information", zur Anweisung, zur Vernebelung, der Begriff wird sinnlos. 

Die Königin Sophia, Schönste aller Schönen, wird davongejagt, in das Schloß hinter den sieben Bergen verbannt, und mit dicksten Dornenhecken umgeben, eines Prinzen harrend, der sich ohngeachtet der Stachel zu ihr dereinst durchschlägt. Der den Mut der voranwehenden Fahne wieder in die Welt bringt. So lange aber schäft sie, erstickt am Lügenbissen der neiderfüllten Weltenhure.**

Denn in der Welt draußen, da hat logos keine Aufgabe mehr, er wird zum lästigen und weil unsinnlich scheinbar so leicht zu verbannenden Anhängsel, deren so sorgsam zu hütende Jungfräulichkeit zum Hohn der Lebensgefräßigkeit wird. Der man freilch dies und das zugesteht, sie zu verwüsten wagt man denn doch nicht. Aber es hat keine Lebensrelevanz mehr, es ist ein Schnörksel am Karren Welt, der freilich ganz woanders hinfährt, und von dem der logos keine Ahnung, in dem er keine Relevanz hat. Also verbannt man ihn.

Hier trifft sich die Jugend mit dem Alter, das dankbar in den Chor einstimmt, selbst schon vatermüde und mutterstark aufgewachsen, und sich der Auseinandersetzung mit den ihnen schon vergangenen Lebensversäumnissen erspart.

Wo aber der logos irrelevant wird, kann es keine Kultur mehr geben. Dort wird Kultur zum Verweser vergangener Kultur, gibt es Gestalt nur noch so weit und so lang, als alte Substanz zum Verzehr geboten wird.

Und NEIN. Selbstverständlich beruht die logos-Verweigerung nicht auf einer logos-Losigkeit. Im Gegenteil, ist es ihr Dämon. Den sie aber vorzieht. Denn der verlangt die Zahlung erst in einer dem logos-Verweigerer eben nicht sichtbar sein müssenden Zukunft. Der ihm gestattet, er die Gegenwart über den Zaun der Müllhalde zu werfen, wohinter sie vorerst nicht mehr zu sehen ist. Der logos-Verweigerer ist ein Kreditmensch. Was wunders, daß seine Zeit in Krediten untergeht, die eine Höhe erreicht haben, die ihm schon kategorial gar nicht mehr sichtbar ist, die ihm erst der logos sichtbar machen würde?



*Die Menschheitsgeschichte zeigt es deutlich: Wo immer sich Kennzeichen eines solchen Matriarchats zeigen, ist eine Kultur binnen kurzem verschwunden. Denn die Welt, die ja bestehen will, holt sich den logos zurück, und löscht aus, die ihn verbannten. Sehnsuchtsvoll seufzend begrüßt von den ... Müttern.

**Oh ja, das Volk wutße es im tiefsten Inneren, immer, und hat es in seinen intuitiven Geschichten so klar gesagt und weitergegeben. Nur können wir sie nicht mehr verstehen, denn wir können nicht mehr lesen, wir wollen und können nicht mehr erzählen. Wo ein Volk aber aufhört, sich die alten Geschichten wieder und wieder zu erzählen, den Traum seiner selbst zu bewahren, wird seine Sprache leer, und damit muß es versinken.





*140516*

Donnerstag, 9. Juni 2016

Wahrer muß gedacht werden

Den Eindruck, daß das Geschichtsbild der Gegenwart, wie es unsere und vor allem unserer Kinder Köpfe beherrscht, regelrecht auf dem Kopf steht, wenn man das gesamte 20. Jahrhundert hernimmt, hat der VdZ schon lange. Es konkretisiert sich immer mehr. Nun kam ihm ein Buch unter die Finger, in dem über Churchill ein völlig anderes Bild gezeichnet wird, das im Abgleich mit dem offiziell verordneten Geschichtsbild ein sehr stimmiges Ganzes ergibt. Selbst wenn "The British Mad Dog" von M. S. King, ein Buch über Churchill, in einigen Details ganz sicher falsch liegt, wie der VdZ bei einem ersten überblicksartigen Lesen festgestellt hat, bleibt noch eine derartige Fülle einer in den Fakten unbestrittenen, aber in der Interpretation erhellenden Sicht, daß es einem fast den Atem nimmt. 

Bei aller Gefahr (und noch ehe dieses Buch durchgearbeitet ist) sieht der VdZ aber die lange schon brennende Notwendigkeit zu einem dringenden Aufruf, das 20. Jahrhundert historisch neu durchzudenken. Es ist nach wie vor lange nicht hinreichend aufgearbeitet. Gefahr, weil sich die offizielle, universitäre Geschichtswissenschaft weitgehend überhaupt einer seriösen Aufarbeitung verweigert hat, zum anderen bestenfalls in ersten Ansätzen zu einer Revision mancher eingefleischter Sichtweisen bereit ist. Gefahr, weil damit ein Aufarbeiten des Unbehagens, das einen seit je beschlichen hatte, wenn man sich dieser offiziösen Geschichtserzählung genähert hat, nur unter dem Paradigma einer Anfechtbarkeit geschehen kann, mit dem Risiko, in Details immer wieder fehlzugehen, mit der Unsicherheit, daß Interpretationen immer mit hohem Grad an mutiger Eigenverantwortung und Wahrhaftigkeitsforderung weil Selbstprüfung verbunden sein werden. Zumindest vorerst.

Aber es ist Zeit. Es ist Zeit für unsere Söhne und Töchter, sich von dieser dumpfen, irrationalen Hand einer aus politischen Gründen oktroyierten Sichtweise zu befreien, oder sich auf eine solche Befreiung einzustellen, die ihr Denken mit schwarzen Nebeln verdunkelt hat, um sie zu instrumentalisieren, abgesichert mit "moralischen Gewißheiten", sodaß jeder Denkversuch an Hürden ewiger Verdammnisdrohung scheitern mußte. Weil ganze Zonen von Undenkbarkeiten "aus moralischen Gründen" geschaffen wurden. Die damit diesen neuen Generationen jeden Zugang zu sich selbst unterbunden hat. Es ist Zeit, das 20. Jahrhundert neu zu denken. Wahrer zu denken. Darin liegt der Schlüssel zur Lösung der derzeit unlösbaren Identitätsfragen.

Womit sich ein tiefer Seufzer niedriger Hoffnungspegel verbindet. Denn genau daran wird es womöglich scheitern. Denn mit der Frage nach der Identität ist eine Dringlichkeit der Wahrheit verbunden, der der mentalische, charakterliche Haltung der Jugend nur noch ausweichen möchte. Denn darin liegt das Glücksgeheimins der Gegenwart. Der auf die Stirn geschrieben steht: Lieber irrational aber wohlbefindlich, als wahrhaftig und mühsam. Lieber im garantierten Dauerorgasmus des Suhlbettes der Placentawärme ewig tot sein, als die Erde als das zu erleben, was sie ist: ein "vallis lacrimosa." Tod deshalb allen, die das Bild verändern wollen, das Nihilismus verspricht.


*090616*

Dienstag, 12. Mai 2015

Wirklich ist nur der Logos

Man kann nur "etwas" erzählen, wenn es dieses Etwas überhaupt gibt, und das heißt: Man kann nur ein Wirkliches erzählen, das in einem (vergangenen Geschehen) erkannt wurde. Also gliedert sich jede faktische Erzhählung um einen Wirklichkeitskern, der im Geschehen zum Vorschein kam, auch wenn man ihn zum bezüglichen historischen (kalendarischen) Zeitpunkt gar nicht erkannt hatte.

Deshalb kennt jeder die vielen "Erzähler", die "viel erlebt" haben, viel zu "berichten" haben, aber eigentlich nur Faktisches aneinadnerrreihen. Und an allen möglichen Orten waren, alle möglichen Menschen getroffen habe, aber über deren "So sind sie faktisch" nie hinausgekommen sind. Sie sind langweilig. So wie langweilig ist, wer aus einem Gschehen nicht das "Etwas", das wirklich Wirkliche herauszufiltern vermochte. Denn man erzählt nur Wirkliches, nicht Fakten, "Informationen". Fakten sind nur Indizien, Verweise auf ein Wirkliches. Und wirklich ist das, was sich im Sinn offenbart - IST Sinn. Das heißt: Logos.

Logos wurde schon von den Griechen als die (erkennbare) Vernunftstruktur der Welt definiert, die sich im Menschen in der Vernunftbegabung im Selbststand zu sich selbst aufrichtet: im Wort. Wort ist für den Griechen niemals vom Gedanken zu trennen gewesen. Es ist, schreibt Max Müller, der großartige Linguist und Erforscher des Sanskrit, ein ganz seltsames Ding, wenn man heute glaubt, man könne Wort und Gedanke überhaupt trennen. Eins kann nicht ohne das andere existieren oder verstanden werden. Eins durchdringt das andere, beide sind ohne einander nicht möglich, aber beide sind unterschieden.

Und dieses Wort - Gedanke - Verhältnis fällt in eins mit dem Verhältnis Sohn - Vater, die sich im Geist als die eine Wirklichkeit durchdringen, an der alles teilhat, was am Logos teilhat - und im Sinn wirklich wird.




***

Dienstag, 14. Oktober 2014

Film zeigt Wirklichkeit

Ein bemerkenswertes Filmchen, das zeigt, was Fernseh-/Filmbilder tun. Von denen immer noch geglaubt wird, daß sie "objektive Wirklichkeit" zeigen. Das tun sie aber nie. Sie zeigen eben immer die Wirklichkeit - und die ist immer unsichbar. Sie ist die Interpretation, der die sinnlichen "Fakten" der Welt nur dienen. Ein Ordnungsgefüge, in das Daten eingeordnet und damit zu Fakten, zu "Beweisen" werden. Man lügt nicht durch Daten, man lügt durch erzählte Wirklichkeiten.

Betrachten Sie die Entstehung eines Dokumentarfilms über eine sensationelle Geschichte: In Rußland gibt es Gruppen, die in Kriegsspielen ihr eigenes Leben riskieren ...









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Sonntag, 8. September 2013

Eine Geschichte

Das ist  mal eine schönere Geschichte aus Unterfranken: Da verliert eine Frau ihren Ring. Sie dreht das ganze Haus um - nichts, der Ring ist verschwunden.

Drei Jahre später gräbt der Mann den Garten um, den er immer mit dem Kompost gedüngt hat, den er aus Küchenabfällen herstellte. Und findet unter Kartoffelpflanzen das ...




Baue der geneigte Leser das zu einer Geschichte aus, nach Belieben: Er verdächtigt sie, daß sie ihn hintergehe, der Ring war wertvoll, und reich war er nicht gerade. Noch dazu hat ihn seine Frau geheiratet, obwohl wesentlich Vermögendere gleichfalls um sie gebuhlt hatten. Mit dem Ring hat er das ein wenig ausgleichen wollen. Mit dem Geld aus dem Ringverkauf, so sein Verdacht, unterstützt sie den mißratenen Sohn, der ihm nur Schande bereitet. Gerade mit jenem Ring, der seine Schuldgefühle, weil er sich am bescheidenen Leben seiner Frau schuldig fühlt, etwas befrieden wollte. Immer mehr Anzeichen sieht er aber, daß sie ihn betrügt, ihn nur noch belügt. All das Mißtrauen, all die Verdächtigungen spitzen sich zu, bis er nach den immer häufigeren Streits beschließt, sie zu töten. Er heckt einen genauen Plan aus, und gräbt bereits im Garten das Loch, in dem er sie verscharren will. Er setzt den Spaten an, beginnt zu graben, da fallen ihm vergessene, wilde Kartoffeln von der Schaufel. Er liest sie aus ...

Verschärfen wir die Geschichte: Er HAT sie bereits getötet, findet dann die Kartoffel.

Und würzen wir sie: Er wurde arbeitslos. Der Garten sollte das Haushaltsbudget etwas entlasten, so seine Absicht, darum hat er ihn vor drei Jahren angelegt. Mit der Abfertigung kaufte er seiner Frau diesen Ring. Und auf wundersame Weise geht es sich immer aus. Es fehlt ihnen weiter an nichts, so bescheiden ihr Leben auch verläuft.

Sein Mißtrauen gegen sie, befeuert von Schuldgefühlen über seine fehlende Nützlichkeit, aus der heraus er sich immer mehr zurückzog, wurde freilich maßgeblich dadurch genährt, daß sie nun für Stunden immer wieder verschwand. Er verfolgte sie, und sah, daß sie jedesmal in einem Haus in einer nobleren Wohngegend verschwand. Nach einigen Stunden verließ sie es immer wieder, mit aufgelöster Frisur, die sie auf der Straße notdürftig zurechtlegte. Als er das Türschild liest, entdeckt er, daß es den Namen eines der damaligen Konkurrenten trägt, der es zum angesehenen Rechtsanwalt gebracht hat.

Als er, später, erschüttert über den Ringfund, ins Haus geht, und sich weinend am Küchentisch aufstützt, greift er in die Lade, in der sie immer die Taschentücher aufbewahrt hat (und wie heikel war sie, wenn er in ihre Küche eingriff, weshalb er sich ganz aus allem dort zurückgezogen hatte, nichts anrührte, weil es ihr Reich war), er will sich die Nase putzen. Da greift er in ein Bündel Papierscheine, etwas Teld, aber vor allem Abrechnungen, und nun sieht er: Sie hat sich heimlich als Putzfrau verdingt, und damit vermutlich das Haushaltsbudget gestützt, das nur mit seinem Hatz IV-Geld nie gereicht hatte.

Ach ja, wir haben vergessen: das sind bloß alte Topoi, wie sie bestenfalls in unzeitgemäßen Märchen vorkommen. Heutige Geschichten müssen ganz anders lauten.




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Sonntag, 19. Mai 2013

Singer of Old Tales

Die Filmvorführerin (China 1966) - Sie besuchte landauf, landab die kleinen Dörfer, spielte Filme, sang die Lieder und begleitete sich auf Rasseln und Klappern, und verbreitete die neusten Nachrichten. Und die neueste Propaganda, die Mythen der Gegenwart. 

Sänger. Dichter. Poeten. So, wie seit Jahrtausenden ein Volk - auf der ganzen Erde - geprägt, nein, geschaffen wurde. Das dasselbe glaubte, dasselbe fühlte und dachte, sich auf dieselben Wurzeln zurückführte. Ein Sänger gab es an den nächsten weiter, seit je lebten so die Geschichten, die je neu adaptiert und aktualisiert wurden. Auf der Grundlage eines großen Repertoires von Topoi, von Schemen, Symbolen, Strukturen, Haltungen, angeführt von Rhythmik und Sprachgefühl, vermochten diese Sänger mit der Zeit tausende und abertausende Zeilen jedesmal zu reproduzieren oder (abhängig von der Qualität des Sängers) neu zu produzieren.

Diese Topoi waren es auch, die völkerübergreifend und weltweit verbreitet wurden, teilweise auch unabhängig voneinander entstanden sein müssen - durch die Sänger, die Poeten. Sie wurden dann jeweils an die konkreten Gegebenheiten angepaßt bzw. sind um sie herum entstanden. In ihnen fand sich ein Volk wieder, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Geschichte, seine Tugenden, seine Wertvorstellungen - eine Generation gab es an die nächste weiter. So wurde die Herkunft, die eigene Art je neu zu dem Selbstgefühl erweckt, aus dem jede Gegenwart handelt, und sich damit seine Zukunft schafft.

Am Balkan wurden auf diese Weise sogar noch bis vor wenigen Jahren die alten Sagen und Volkslegenden übermittelt. Und erst vor wenigen Jahren ging der letzte Filmvorführer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in Pension. Er war bis zuletzt herumgereist. Seine Besuche waren eingebettet in mehrtägige Dorffeste, die man darum herum feierte.

Die ganze abendländische (säkulare) Literatur ist so entstanden, im Zusammenwirken mit den Geschichten der Priester. Immer auf der Grundlage von realem Geschehen, das so lebendig blieb.

Genau so hatten sich schon die Ilias und die Odyssee verbreitet und gebildet. Wenn man heute auch davon ausgeht, daß es den überlieferten Autor Homer tatsächlich gegeben hat; die Geschichte zeigt zu deutlich einheitliche Züge, wie sie nur EIN Schöpfer bilden kann. Aber er griff selber auf alte Überlieferungen zurück. Sie aufzuschreiben war bereits Anzeichen des Verfalls, erst Gedächtnisstütze, bald letzte Erinnerung, weil die Sitte sich auflöste, die Geschichten vergessen wurden. Niemand hätte zuvor daran gedacht, Mündlichkeit war der Weg der Lebendigkeit, in dem der Geist lebendig blieb. Erlosch diese lebendige Weitergabe, fielen auch die Geschichten ins Dunkel des Vergessens, und das passierte auch vielfach.

Auch das Alte Testament - und auch der Erzählkorpus des Neuen, in seiner Gliederung in Einzelgeschichten zeigt sich das noch am unmittelbarsten - ist auf ähnliche Weise weitergegeben worden. Es wird bis zum heutigen Tag mündlich weitererzählt - unter Heranziehung der Erinnerungshilfe, der Schrift, deren im Gehorsam beachteten Exaktheit "lediglich" Ausdruck der Ehrfurcht ist, den dahinterstehenden Geist zu verfälschen. Für die die Apostel die unmittelbarsten Zeugen sind.

Die Sprachstruktur des Alten Testaments zeigt natürlich die deutlichsten Hinweise auf diese Herkunft aus der Mündlichkeit, ehe man die Überlieferung aufschrieb bzw. aufzeichnete, um sie nicht zu verlieren.

Schon Plato aber beklagte den Verlust und die Gefahr, die durch die Schriftlichkeit eintrat, weil sie sich absehbar von dieser Mündlichkeit abstrahierte. Denn ein Text lebt nicht aus seiner Buchstäblichkeit. Er ist Gefäß für einen bestimmten Geist, der im lauten Lesen neu Gestalt annimmt, im Maß wie im Lesenden der Geist lebendig wird, der vom konkreten Wort natürlich nicht abweichen kann. (Womit wir sogar beim Wesen des Schauspiels wären.)

Anderseits bewahrt die Schriftlichkeit sehr getreu diesen originalen Geist in ihrer hinweisenden Funktion, denn wie sich an den alten Sängern des Balkan aufweisen ließ, veränderten sich mangels einer Wächterschaft (wie z. B. Priester sie ausüben) diese Geschichten sehr analog zum jeweiligen Zeitgeist, und dem Publikum, das sie hörte und hören wollte. Das je eigene Vorlieben hatte.



Gesehen auf Glaserei




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Dienstag, 25. Dezember 2012

Was wir verloren (2)

2. Teil - Der Neuheitswahn steigt aus der Wurzellosigkeit




Natürlich wird das Entsorgen der Tradition, und damit der vorhandenen Kultur, vielfältig gerechtfertigt. In unserer Zeit vor allem durch eine Wissenschaft, die ganz genau auf derselben Verkennung der Welt beruht - und wie ein Abstinenter, der vom ersten Achterl betrunken wird, meint sie, daß sie eine neue Weltbegründung entdeckt. Badet in Pfützen, und meint, den Ozean zu erfahren - weil es von diesem letztlich umgeben ist, nur ihn nicht kennen will.

Wie viel wurde noch in der Kindheit des Verfassers dieser Zeilen geredet, erzählt, vorgelesen, rezitiert. Wir glücklich weiß er sich heute, weil er bereits in jugendlichem Alter war, als der erste Fernseher in der Küche aufgestellt wurde, und selbst da nur mit wenigen Sendungen und Stunden, an denen er lief. Wieviel hat er gehört, an Gedichten, an Geschichten, an Märchen, an Sagen, an Balladen und Moritaten, die ihm die Wechselfälle des Lebens vorstellen. Wie unbezahlbar all die sonntäglichen Familientreffen, an denen man die Lebensgeschichten von längst gestorbenen Verwandten hörte, wo die Welt und die Schicksalsfälle der Umgebung besprochen und durchgedacht wurden. Selbst die spätere Medienüberflutung war somit einordenbar. Und das wirklich Neue bereichernd, weil so viel bereits ausgesondert und geordnet werden  konnte. Nicht als Neues erschien und gedankliche Unruhe auslöste, die es zu bewältigen galt, weil es ja gar nicht neu war. Gerade die Weihnachtszeit, zu der sich oft große Verwandtenkreise einfanden, war diese Zeit der Geschichten.

Kein Medium kann das ersetzen, keine social media, kein Facebook und kein Fernsehen on demand, keine Märchenkassette, und auch kein Zeitung und kein Magazin. Wo alles sich nur noch am Bekannten orientiert, alles sich am Stand dreht, ja einengt, genau dadurch. Es ist nicht einmal "mangelhaft" - es ist etwas völlig anderes! Nur die persönlich weitergegebene Erfahrung und Weltkenntnis - begleitet von der persönlichen Einschätzung der Menschen, mit denen man zu tun hat - in seiner "Andersheit" (denn der Onkel erzählte anderes und anders, als die Mutter, oder der Freund) vermag den Menschen so zu verorten, daß er weiterschreiten kann, wenn er ins Leben hinausgeht. Das Wesentliche ist nämlich nicht der Inhalt des Weitergegebenen (der bleibt Verweis) - das Wesentliche ist der Akt, das Ereignis, das ein Ereignis der Weltverortung, ja deren Liturgie ist - die Zelebration des Sprechens ist es, die verortet! 

Und damit berühren wir das, was Michel Henry meint, wenn er schreibt, daß menschliche Sprache sich im Letzten auf die Lebensselbsterprobung zurückführt - auf das Wort des Leben selbst, das alle menschliche Sprache trägt, so verschüttet in oberflächliche Schichten des Bedürfens diese auch sein mag. Ort, Topos und Leben berührt sich also zutiefst, und im Darstellen wird Weltordnung dargestellt, die den Hörenden hineinnimmt.

Wieviele derjenigen Probleme, mit denen wir heute scheinbar zu tun haben, wären dann rasch als eben solche Scheinprobleme erkannt. Weil in ihnen Topoi erkennbar sind, die nicht mit nervösem Blick alle Stunden auf die Nachrichten starren läßt, als könnte sich die Welt jeden Moment wirklich auf den Kopf stellen. Die nicht glauben läßt, jeden Augenblick könnte ein Wissenschaftler so gravierend Neues entdecken, daß unser Weltbild umstürzen würde, weil auch Wissenschaft - nur weiß sie es meist nicht mehr - nur auf der Grundlage solcher Topoi forscht.

Die begreifen läßt, daß der Weltenlauf ein einziges Ringen darstellt. Nur die Gestalt dieses Kampfes wechselt, auch das Heute aber ist eingegliedert in ein großes Ganzes, das von einer gleichen, aber unerschöpflichen, nicht eingrenzbaren Tiefe, Basis her genährt wird und sich zeitlicht. In den Erzählungen wird mit der fremden Geschichte also unsere eigene Gegenwart miterzählt. Ja, was man alten Geschichten oft vorwirft, sie seien Kompilationen, die mit der Zeit abgeschliffen und verändert worden wären, ist gerade der Ausweis auf ihren immer gleich aktuellen Kern, der mit der Zeit nur noch weiter und wahrer erfaßt und gesehen wurde - und sich in je historischer, konkreter Gestalt wieder und wieder zeigt. Deshalb von konkreten Erzählungen auch nicht getrennt werden kann.

Verschriftlicht, indem und nachdem es sich wieder und wieder in unzähligen Menschen durcherprobt und geläutert und erweitert hat, sodaß jede Schriftlichkeit sich nur als Verweis auf die lebendige Mündlichkeit - Wort als Tat, als Ereignis - verstehen kann. Wo real Vergangenes als immer Gegenwärtiges, in seinen Topoi, erkannt wird.

Stattdessen begegnet man erschreckend häufig Menschen, die wirklich meinen, ihr Leben wäre außergewöhnlich und "neu", entzöge sich jeder Beurteilung und jedem Gericht - und nur nicht sehen, wie armselig sie in oft einfachste und oberflächlichste Muster verstrickt sind, die ihnen einfach fremd sind.

Welcher Verarmung stehen wir da bereits gegenüber, in so gut wie allen Bereichen des Lebens, in der Kunst nicht anders, als in der Berufswelt oder an den Universitäten, und wie furchtbar erst in der Politik, die umso mehr und umso hektischer und gewaltsamer herumregeln zu müssen meint, als sie gar nicht mehr erkennt, was wirklich ist, diese Wirklichkeit deshalb ignoriert, ihre Bruchstücke zu einer neuen Definition von Realität verklittert.

Es läge nur an uns, diesen Rückstand, den wir bereits in so erschreckendem Ausmaß haben, Schritt für Schritt wieder aufzuarbeiten. Noch hätten wir so viele Möglichkeiten, gerade jetzt, gerade jetzt zu Weihnachten, in den Tagen bis Neujahr, einen Neuanfang zu setzen. In Geduld wieder aufzubauen, was wir einst bereits hatten. Dann wird, vielleicht, eines Tages auch wieder ein Voranschreiten der Kultur möglich. Wenn wir erst einmal kennen, was bereits bekannt war. 

Andernfalls werden wir eines Tages an einem Punkt Null stehen, wie wir ihn uns heute gar nicht vorstellen können. Er steht schon ganz nah, er wartet schon vor der Tür, sehen Sie nach. Aber Vorsicht!





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Montag, 24. Dezember 2012

Was wir verloren (1)

Wenn wir der Welt im Alltag begegnen, so zerfällt sie, analysiert man sie in Ruhe, in eine Reihe von immer wieder gleichen Schemata. Der Mensch ist also weit weniger originell, als man heute meint.

Und man meint das, weil diese Schemata mehr und mehr einfach nicht mehr bekannt sind. Denn das, was uns diese Grundformen menschlichen Verhaltens und Weltgeschehens, Weltsituationen, sind die überlieferten Formen. So, wie es in jedem Kinderlied und -spruch vorhanden ist, in den Märchen und Sagen, in Erzählungen und Geschichten, in den biblischen Erzählungen, die weitergegeben werden und immer wurden, in den Liedern die man überall kennt uns singt, in der Literatur, die im wesentlichen dem Streben dient, sich in einer wandelnden Welt immer wieder neu zu verorten. Und es ist ein verorten als Zurückführen auf immer wieder dieselben Grundformen. (Ort - locus - topos - topoi; diese Worte, die hier immer wieder verwendet werden, noch einmal zusammengeführt)

Diese Topoi steigern sich mit dem Lebensalter vom Spezielleren, "Kleineren", wie es eben dem Lebenskreis entspricht, die der älter werdende Mensch kraft Zuwachs seiner Verwirklichungsmöglichkeiten sich erwirbt, zum immer Allgemeineren, ja unter Umständen zur wirklichen Weisheit, weil mehr und mehr vom Begegnenden auf seine immer allgemeineren Grundzüge durchschaubar wird, bis es in immer weniger Wirklichkeiten zurückgeführt werden kann. Bis zum Einen ...

Menschen, denen diese Kenntnis fehlt, indem sie einfach diesen Traditionsschatz, der im wesentlichen und zuallererst im  Mündlichen lebt - im Elternhaus, in der menschlichen Umgebung - , nicht mehr besitzen, stehen also in einer Welt, die ihnen in einem Ausmaß neu ist, daß sie oft viel Zeit, ja vielleicht gar ihr Leben lang, brauchen, um eben das zu entdecken: daß sie NICHT permanent Neuem begegnet sind. Sondern daß es eben nur immer wieder denselben Grundschemata begegnet sind.

Menschen ohne parate Topoi als Lebenskenntnis sind nicht einmal mehr in der Lage, ihre eigenen Geschichten zu erzählen - sie kennen nur noch Ereignisse, wild schwirren die Fakten durch ihre Gedanken.

Hätten sie diese Kenntnis besessen, wären sie rasch oder rascher zu wirklicher Lebensgestaltung gekommen, Hätten nicht so viel Zeit und Energie und Nachdenken dafür verwenden müssen, das Begegnende zu ordnen. Denn Gestalten heißt: ordnen, zu einer Sinngestalt ordnen.

Ja, unser ganzes Sprechen ist ein einziges Vorstellen von solchen Bildern, ein Zitieren von Metaphern, die auf solche Topoi zurückgehen - ohne die es gar keine Kommunikation gibt! (Umso mehr wird ja heute von Kommunikation gefaselt - der dabei aber schon so viele Grundlagen fehlen, nämlich die Allgemeinheit eben von Topoi, auf der nur Verstehen möglich ist.)

Louis Bouyer nennt dieses Menschheitsgedächtnis, das sich in der Mündlichkeit weiter- und weitergegeben hat, nicht urtümlich im Sinne der Zeitlichkeit, sondern im Sinne von grundlegend. In der reinsten Form des Gedächtnisses, den Mythen (so verdunkelt sie auch sein mögen), in denen sich menschliches Wort und Göttliche Offenbarung treffen, ja woraus sie letztlich schöpfen, findet sich menschliche Grunderfahrung in großer Kohärenz. Diese Urerfahrung, die in jedem gleichermaßen vorhanden ist, hat er zu ihr Zugang, geht auf die Verwandschaft von Urbild und Abbild zurück. Weil sich, um auf Michel Henry zu verweisen, im Ich das göttliche Wort - abbildhaft, weil geschöpflich - selbst erfährt, weil es als Logos inkarniert. Diese Mythen dienen also je zeitbezogenem Denken und Sprechen als korrigierende, noch mehr aber seine Struktur formende und die geschichtliche Situation beleuchtende Grundlage. Als meta-logische Denkform, die aller logischen, innerweltlichen zur Basis dient.*

Ist deshalb diese oft so einfache Tradition aufgegeben, verloren, oder verdrängt von nichtssagenden Mündlichkeiten, wie sie die Popmusik, schon gar in fremden Sprachen, oft genug enthält, oder vieles was als Unterhaltung gilt, so ist ein Volk mehr und mehr dazu verurteilt, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Stillstand umfängt mehr und mehr sämtliche Vorgänge des Lebens, die Täuschung aus historischer Formenvariation wird immer umfassender - daß bloße Variation schon Neues bedeute. Ohne zu sehen, daß es längst da war. 

Eine Generation nach der anderen wird tatsächlich dümmer, als die Vorderen es waren. Nichts Vorhandenes wird noch verstanden, umso leichter wird es als sinnlos - eben: weil sein Sinn nicht mehr präsent ist - über Bord geworfen. Die Welt wird ausgeräumt, Altes, Unverstandenes, bleibt bestenfalls noch Objekt des Museums, belächelt und bestaunt.

Wenn man dies vor Augen hat, so fällt vielleicht noch mehr an unserer Zeit auf, daß sie sich pausenlos vor Neuem, noch nie Dagewesenem glaubt. Damit ist auch die Verführbarkeit enorm gestiegen, aber auch die gar nicht bewußte Verführung, die betrieben wird. Indem Unternehmende, Handelnde, tatsächlich  meinen, es  mit etwas Neuem zu tun zu haben. 



Morgen 2. Teil - Der Neuheitswahn steigt aus der Wurzellosigkeit








*Michel Foucault ist sogar der Meinung, daß das wissenschaftliche, weltimmant-verstandesgemäße Denken nicht einmal meta-logisch ist, sondern daß sich das Denken überhaupt nicht von seiner mythischen Grundlage (und damit von Gott) trennen kann. Versucht es das, zerfließt es ins Nichts. Sollte wirklich der Mythos verschwinden, würde auch der Mensch sterben. Nimmt der Mensch das nicht zur Kenntnis, blendet er diese Tatsache aus seinem Denken aus, wird er lediglich das Opfer dieser Grundlagen.




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Freitag, 14. September 2012

Mnemotechnik

Daß die Homerischen Werke auf mündlicher Tradition beruhten ist schon lange außer Streit. Wie aber, so stellte sich (nicht nur) der Philologe Albert Lord die Frage, ist es möglich, daß sich (mündliche, also der Schrift nicht mächtige) Menschen, Sänger, Poeten, diese zehntausenden Verse merken konnten!? Denn unser Begriff von "auswendig lernen" bezieht sich auf das bloße mechanische Übertragen eines geschriebenen Texts. Den aber hatten diese nicht.

Eine sehr plausible Antwort fand er bei Feldforschungen am südlichen Balkan, vor allem in Makedonien. Dort fand er noch viele "Analphabeten", dort war noch vor wenigen Jahrzehnten die Tradition der mündlichen Sänger sehr lebendig, und das noch dazu in einem Gebiet, wo sich die griechischen mit den slawischen Einflüssen immer schon gemischt hatten. 

Zum einen bauen alle diese Werke (und überhaupt alle mündlich tradierten Werke) auf einem Fundus von "Formeln" und Topoi, also bestimmten Bildern auf. Jedes mal, z. B., wenn Odysseus etwas zu sagen hat, beginnen die Verse mit der Einleitung: "Und da sprach der listenreiche Odysseus" (alleine diese Formel findet sich in diesen Werken 72mal) Formeln, die allesamt auf das metrische Maß (das in Mekedonien im übrigen anders war als das homerische Versmaß) paßten.

Erfahrene Sänger, wie Lord sie in Makedonien fand, hatten mit der Zeit tausende solcher Formeln parat. Jedes mal, wenn sie dann einen Epos - "alte Lieder" - vortrugen, stellten sie sie je nach Situation, Laune, Stimmung etc. etc., aus dem "Stegreif" neu zusammen. Und zwar geleitet durch diese ständig wiederholten (aber immer neu zusammengestellten) Formeln und Standardbilder.

Sie lernen das durch monate-, ja jahrelanges Zuhören! Indem sie andere Barden begleiten, und so immer wieder und wieder hören, was diese vortragen. Auch wenn auch diese keinen Vortrag genau so ein zweites mal halten, selbst jedes mal einen schöpferischen Akt setzen. So werden sie mit den Inhalten, Themen und Formeln vertraut, bis sie in der Lage sind, sie selbst zu gestalten. Denn sie gestalten, wie gesagt, sie erfinden keine dieser Formeln neu, aber sie variieren sie immer, und oft beträchtlich. Das macht auch ihren Ruf, ihre Originalität aus: nicht das Erfinden völlig neuer Inhalte, sondern das kluge, der Situation angepaßte, einer Stimmung entsprechende  (etc. etc.) Zusammenstellen eines gesamten Vortrags.

Und nicht anders sind auch "unsere" Sagen und Lieder zu verstehen, die unsere Kultur geprägt haben, mehr, als wir ahnen. Aus den kulturellen Überschneidungen - man denke alleine an die Zusammenflüsse griechischer Kultur mit der der Germanen im Burgund, im südlichen Frankreich, ja, unsere gesamte Literatur, die wir heute so bezeichnen, führt sich maßgeblich auf dieses Gebiet zurück: wo sich germanische Lieder mit den uralten griechischen mischten. Mit derselben Technik bzw. Vorgehensweise überliefert, ist auch zu erklären, wie sich in unseren Sagen und Liedern oft genau dieselben Topoi, in jedem Fall dieselbe Vorgehensweisen der Überlieferung finden können.

Man hat oft gesagt, daß die Ilias und die Odyssee im Grunde alle menschlichen Situationen umfaßt, die überhaupt möglich sind. (So, wie es die Bibel für die Situation des Menschen vor Gott tut.) Vor diesem Hintergrund beginnen die Homerischen Werke völlig neu begreifbar zu werden. Und man versteht, wenn Homer als der Vater der abendländischen Kultur bezeichnet wird und von den Griechen selbst so hoch verehrt, ja vergöttlicht wurde. Aber kaum je wird sie in ihrer ganzen Länge, wie wir sie heute vor uns liegen haben, vorgetragen worden sein. Vielmehr ist das uns Vorliegende etwas wie ein "Gesamtfundus", die Summe aus einer sehr späten Phase im übrigen, aus der die Sänger geschöpft haben.

In dem Moment, wo solche Barden das Schreiben und Lesen lernen, passiert etwas Bemerkenswertes: Sie verlernen die Fähigkeit, die sie bereits hatten. Die neue Denkweise, mit der sie beim Schreiben konfrontiert sind, beginnt ihren Erzählfluß zu stören - sie "vergessen", sie stocken, ihr Vortrag hat seine innere Logik verloren, mit der sich Vers um Vers anhand des Erzählstrangs, der Stimmung quasi am vorhergehenden hervorzieht.

Mit einer bemerkenswerten Funktion des Refrains, wie sich weltweit an vielen Beispielen belegen läßt: Im Refrain wiederholt oder übernimmt das Publikum nämlich nicht einfach, was es gehört hat! Es ... reagiert, und es korrigiert sogar, etwa, wenn die gehörte Version zu sehr von dem abweicht, was es selbst weiß. Das läßt sich vielfach zeigen. Womit wir bei den Wurzeln der Funktion des "Chores" wären.

Kein Barde übernimmt auch sofort, was er eventuell gerade gehört hat, vielleicht von einem anderen Barden. Er läßt es absinken, der Text an sich ist ihm wertlos. Und übernimmt es so in seine lebendige Verarbeitung, niemals "zitiert" er einfach, was er gehört, was er sich "gemerkt" hat. Er handelt nur mit lebendigen Stoffen. Sein Fundus an Geschichten ist ein einziger Fluß an Formeln, Stoffen, Inhalten, Redewendungen. In ihrem Rhythmus. Fern der Vorstellung die uns so prägt, daß der Satz von den Worten geprägt wird. Kein Wort steht alleine, für sich. Einzelne Worte spielen da kaum eine Rolle, sie zu separieren (in der Schrift) ist eine späte Erscheinung. Und sie hat Folgen.



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Dienstag, 30. August 2011

Was ist erzählbar?

Ist das, was ein Bier (bzw. jedes Lebensmittel, und alles nur metaphorisch zu verstehen) wirklich ausmacht, darstellbar? Oder hat es nicht seinen Grund, daß die Stimme am Schluß des Filmchens verbalisiert was eigentlich erlebt werden sollte - aber eben nur über Konvention (Perlen am Glas etc.) wirklich etwas (im Nachvollzug) erfahrbar und zuordenbar wird, weil ein spezifischer Geschmack, weil ein wirklicher Produktgenuß gar nicht indirekt erfahrbar, mitteilbar sein kann?! Bleiben nicht nur Wirkungen? Was kann also Film überhaupt - spezifisch - erzählen? Was kann er erfahrbar machen? (Was kann man überhaupt erfahrbar machen?) Knüpft nicht deshalb jede (z. b.) Bierwerbung unfreiwillig-freiwillig an jede x-beliebige andere Bierwerbung an?


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Montag, 18. Juli 2011

Zuviele Bilder

Was kann ein Film, was ein einzelnes Bild nicht kann? Jede Vorstellung der Phantasie des Betrachters erscheint unendlich reichter, erlebnishafter, als eine Fortführung der nächsten Bilder (und Film ist ja nur die Aneinanderreihung vieler Bilder) je sein kann. Ja bei solchem Bild erscheint alles in der nächsten Minute Folgende nur noch langweilig - man sieht nicht mehr, man hört aber einfach auf zu sehen.

Jacques Tati

Photo by Bob Wolloughby - Gesehen bei everyday_i_show


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