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Sonntag, 6. Oktober 2013

Freiheit als Maß der Objektivität

Der geistige Keim ist also in dem Innenraum verborgen, der von der Ichgrenze umschlossen ist. In dem was außerhalb der Ichgrenze liegt, ist er nicht. Auf daß die Außenwelt objektiv erkannt werde, ist es notwendig, sie von ihrer Abhängigkeit von der Subjektivität zu befreien. 

Aber diese Befreiung geschieht nicht dadurch, daß die Subjektivität gewissermaßen "abgeschafft" wird, sondern nur dadurch, daß sie im Subjekt im bergenden Schutz der Ichgrenze reift, daß die sich verwirklichende Freiheit der Seele mehr und mehr Subjektivität - d. h. Identifikation von Bewußtsein und Gegenwart - in Objektivität - d. h. Erkenntnis des Gegenwärtigen als eine Anderen, aber dem Bewußtsein Zugeordneten und lebendig mit ihm Verbundenen - verwandelt. 

Ist die Potenz zur Verwirklichung der Freiheit dergestalt nur im Innen, so ist doch die Freiheit, insofern und in dem Maß, als sie verwirklicht ist, ebenso wie die objektive Wirklichkeit dieselbe für Innen und Außen.

[...] Es ist das Wesen des Kreuzes [als Struktur der Erkenntnis, Knotenpunkt des Met'empirischen mit dem Empirischen; Anm.] nichts auszuschließen, aber auch, indem es einbezieht, nichts zu vergewaltigen, sondern alles zur eigenen Wirklichkeit zu befreien. Je wirklicher die Seele, desto wirklicher auch die Außenwelt, desto wirksamer deren reale Einwirkung auf den weiteren Fortschritt, so daß dessen Wesen eben in der fortschreitenden Integration und Durchdringung von Innen und Außen besteht. Je größer die Durchseeltheit des Außen, desto größer die objektive Wirklichkeit des Innen.

Matthias Vereno, in '"Vom Mythos zum Christos"




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Freitag, 4. Oktober 2013

Verwirklichung als schöpferische Geschichtlichkeit

Die für uns jeweils größtmögliche Wirklichkeitsgemäßheit erreichen wir aber dadurch, daß wir den Schwerpunkt unseres Bewußtseins an den Ort verlegen, in dem IN UNS die ungeteilte Wirklichkeit am ursprünglichsten aktualisiert ist; daß wir dort die Seinsstrukturen und die Erkenntnisbedingungen der ungeteilten Wirklichkeit in der Weise erkennen, wie sie sich uns unmittelbar offenbart, und daß wir durch Vertiefung von der größten uns jeweils möglichen Wirklichkeitsunmittelbarkeit zu immer größerer Unmittelbarkeit vordringen. So wird sukzessive die Verhaftung an das Teilsein immer mehr überwunden; wir schreiten von einer symbolischen Analogie der ungeteilten, met'empirischen Wirklichkeit zur anderen fort, zu immer neuen, die der Weise ihres Seins weniger inadäquat, die immer wahrer sind.

Dies ist der Weg der fortschreitenden Verwirklichung der Seele. Wie gesagt: nicht dieser oder jener, meiner, deiner oder unserer, sondern DER Seele, weil, was von außen her Teile sind, die sich summieren, von innen her Ganzheit ist, die sich verwirklicht.

Je größer die Aktualität der Seele, desto höher ihre Bewußtheit, desto vollkommener die Erfüllung ihrer wesentlichen Zeitlichkeit als geschichtliches Bewußtsein, desto reifer, unmittelbarer und umfassender und klarer aber auch die Erkenntnis der ungeteilten Wirklichkeit - und damit AUCH der äußeren Welt. In Wahrheit kann niemand mehr vom Wesen der Außenwelt erkennen, als er vom Wesen der Innenwelt erkannt hat. Die ungeteilte Wirklichkeit schließt ja die Wirklichkeit des Teilweisen mit ein, welches nur von ihr her, durch sie und in ihr Wirklichkeit hat. Umgekehrt liegt im Teilweisen weder ein Seins- noch ein Erkenntnisprinzip des Ungeteilten - und deshalb auch nicht des Weilweisen selbst.

Matthias Vereno, in "Vom Mythos zum Christos"




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Mittwoch, 2. Oktober 2013

Struktur des Denkens, nicht "Wissen"

Wo aber ist dann der [..] bewegliche, geöffnete und grundsätzlich wirklichkeitsgemäße Rahmen der Erkenntnis zu finden? Wir finden ihn nicht im objektiven, gegenständlichen System, sondern in der Struktur des Denkens, nämlich des vierpoligen, in der Kreuzstruktur georteten Denkens. Mit andren Worten: Es gibt nicht objektives Wissen, das als solches aller möglichen Wirklichkeit gemäß ist. Aber es gibt objektives Denken, das seiner Struktur, seiner wesentlichen Weise nach befähigt ist, in jeder möglichen Situation und Konstellation, unter jeder möglichen Bedingung Wirklichkeit zu erfassen.

Das Sein ist eine Weise, es ist nicht durch faktische Objektihaftigkeit geprägt, und damit das Denken als Übereinstimmung mit dem Sein: Wirklichkeitsgerechtes Denken ist eine Weise des Denkens, die der Weise des Seins entspricht. Es ist ein Denken, das nicht von der formalen Gegebenheit des Erkenntnisobjekts geprägt ist, als quasi äußere Angepaßtheit an das Objekt, sondern über diese hinaus eine innere, dem Denken selbst immanente und wesensnotwendige Objektivität, und in ihr der Objektivität des Objekts (als diese eigentlich prägend) entspricht.

Matthias Vereno in "Vom Mythos zum Christos"


Jede "Information" ist nicht Erkenntnis selbst, sondern sie ist das Hinweisende auf das Wirkliche(re), aus dem "Information" einen Teilabschnitt liefert, aus dem heraus aber, innerhalb der "Information" also, sich dieses Transzendente, Übersteigende nicht erkennen läßt, sofern es aus demselben "Material", in derselben Dimension statthat. Wer sich nur innerhalb der "Informationswelt" aufhält, begnügt sich nicht nur mit einer eingeschränkten Sichtweise des Partiellen, sondern ihm fehlt der Zugang zur Deutung der Information, der Umwandlung in Erkenntnis und damit der Verortung der Information in ihrer Relevanz.

Hier, von anderer Warte, zeichnet sich Denken als sittliche Leistung ab. Und zeigt sich der Bezug des Erkennens als menschlicher Wesenszug. Denn alles menschliche Wollen ist zuallererst ein Wollen von - Unendlichkeit, von "Dauer". In dieser Dauer aber läßt sich Welt nur dann erfassen, wenn ihre Ausgerichtetheit auf diese Dauer, über alle faktische Zufälligkeit hinaus, Entsprechung findet. ALLES, das gesamte kosmische Gefüge, ist ein Gefüge dieser Dauer. Welterkenntnis ist also ihrem Wesen nach nur als transzendental begründet möglich.

Verliert ein Denken einer Zeit diesen Bezug zur Transzendenz, dann bricht es in sich zusammen, wird irrelevant, weil es seinen Wirklichkeitsbezug verliert. Wiewohl es nicht seiner Natur nach handeln kann. Sodaß die Getriebenheit in Richtung Unendlichkeit im Unbewußten und damit nicht oder nur zufällig erfüllbar bleibt. Damit aber verfehlt der Mensch sich in jedem Fall. Weil er nicht frei handeln kann. Und frei handeln heißt, sich selbst im Bestand, in seinem Raum, an seinem Platz zu halten. Freiheit ist kein zufälliges oder methodisch (etwa durch Meditationstechniken) erzielbares Produkt ablaufender Mechanismen. Es ist sittliche Selbstleistung des Menschen in allen seinen Ebenen.

Deshalb kann der Mensch auch der dinglichen Teilwirklichkeit erst dann in seinem Denken gerecht werden, wenn er in seiner Denkstruktur in der Ebene der symbolischen Denkweise - als dem ersten Berührungspunkt von Geist, der Aurora der Welthaftigkeit gewisermaßen - angelangt ist. Umgekehrt verlöre er diese Seinsgemäßheit, wenn er die Dinglichkeit, die Konkretheit der Welt ablehnte oder verdrängte, denn sie ist der eigentliche Berührungspunkt mit dem Unendlichen. Das Symbolische hängt also nicht über allen Dingen, als Welt für sich, sondern ist IN den Dingen real. Es sind diese Dinge, diese konkreten Dinge, die die geistige Welt in der dinglichen Welt (man verzeihe die Unbeholfenheit der Ausdrücke, denn die objekthafte Sprache gerät hier tatsächlich an ihr Ende) gegenwärtig, die Welt in einem untrennbaren Ganzen des Sinnes (logos) sein lassen.

"Gott" ist also auch keine abstrakte Hypothese. Damit bliebe von ihm zu denken innerhalb dieser Dinglichkeit. Sondern er ist "der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs", lebendige Realität. Er ist das reine Sein, das als "actus purus", als reiner Akt die Welt auf diese Weise sein* (=am Sein anteilhaben) läßt.** Erkenntnis ist damit ein je aktuelles und personales/persönliches Geschehen.



*"sein" ist kein statisches "Zustandswort", sondern etymologisch ein Partizip, ein aktives Mittelwort: "seiend" ("bin" ags. "beom", indogermanisch "bhu" als "werden/ich werde", eine Tätigkeit, eine Richtung).

**Und daraus erfließt der Wille zur Endlichkeit als Wesenseigenschaft alles Seienden und Menschhaften, die zweite Seite alles Seins, der sich im Etkenntnisstreben der Menschen wenn falsch gewichtet oft so fatal mit dem Willen zur Unendlichkeit mischt.

Unrichtiges Denken kann nicht zur Wahrheit führen, das soll damit gesagt werden. Während Wahrheit sich nicht in richtigem Denken erschöpft.




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Montag, 30. September 2013

Unbestimmbarkeit des Wesens

Wir können das Wesen Gottes jenseits des Seins nicht bestimmen, so wenig, wie wir das Wesen des Vaters der Lüge bestimmen können.

Wie sich Gott, Sein Wesen als absolute Fülle seiner selbst bewußten Seins objektiviert, so objektiviert sich das Unwesen des Vaters der Lüge als absolute Nicht-existenz in absoluter Unbewußtheit. Doch stehen sich beide nicht als polare Entsprechungen gegenüber, sonst würden wir wieder im dualistischen Manichäismus landen. 

Gottes Wesen objektiviert sich als bewußtes Sein. Aber der Vater der Lüge ist niemand, der sich objektivieren könnte. Nur er, Gott, objektiviert auch ihn. Und er objektiviert den scheinbaren Gegenspieler eben nicht als Sein und Bewußtsein, sondern als Seinslosigkeit und Unbewußtheit. Wir können exakt nicht einmal sagen, das Nicht-seiende sei "zugelassen" als die Grenze des Seins. Denn diese Grenze hätte doch immerhin, wenn auch nur als die ausdehnungslose, in sich selber substanzlose Grenze, an der Wirklichkeit des Seins teil. 

Diese substanzlose Grenze ist die Außenansicht der empirischen Wirklichkeit, die Ebene der reinen Quantität, des Grenzaspektes der all-einen Wirklichkeit als reines Teilsein. Und hier ist das Negative nur wirklich als Verneinung der Verneinung. Es ist nicht wirklich als gegenwärtiges "seiendes" Nicht-sein, sondern immer nur als gewesenes. Gott objektiviert den Vater der Lüge also nicht als den, der nicht-seiend ist - als die Grenze der Wirklichkeit - , sondern als den, der nicht-seiend war; also als den, über den die absolute Unendlichkeit des Wirklichseins immer schon hinausgegangen ist. So bleibt der also Gebannte in die extremste uns nur denk- und vorstellbare Wesenlosigkeit gebannt.

Die Wirklichkeit der Weltvernichtung ist nicht in einem irgendwie "moralisch Bösen" begründet, dem ein Sein zukäme, in quasi über den Dingen schwebenden moralischen Qualitäten, sondern in einem Aufheben des Wesens, der Distinktheit der Dinge selbst - in ihrer Entstaltung und Entwesentlichung. Mit dem direkten Verweis auf die Häßlichkeit und Funktionalisierung als Äußerung der Weltvernichtung. Der Kern der Welt, ihr Sein, ist Gestalt. Gestalt, die sich aus jener "energeia" Gottes heraus erfüllt, deren Eintrittstor das Mysterium des Opfers als Höhepunkt und Erfüllung der Freiheit und Selbstmächtigkeit des Geschöpflichen selbst ist. Während ihre Vernichtung als Rückzug der wahren Wirklichkeit - in sich unbestimmbar, nur am Objekt bestimmbar - erkennbar wird.*



Matthias Vereno, in "Vom Mythos zum Christos"



*Wir erkennen nicht "das Böse", sondern wir erkennen sein Wirken im drohenden Seinsverlust eines Dings der Erkenntnis. Wir erkennen die böse Tat durch die Zerstörung (Entstaltung) eines Dings, an der aber sogar Wirkliches, Sein beteiligt sein muß, weil nur Wirkliches zu wirken vermag. Die Lüge lügt nicht durch Nichts, sondern durch (ungeordnete, etwa dimensionsverschobene) Wahrheiten.

Das zeigt sich prinzipiell im Alltäglichsten des Erlebens. Etwa in einem Gespräch, das der Verfasser dieser Zeilen jüngst führte. Da meinte sein Gesprächspartner, daß das Rauchverbot in jeder Öffentlichkeit doch nur gut sei, WEIL DAS RAUCH SCHLECHT SEI. Woraufhin der Verfasser dieser Zeilen ihm auseinandersetzte, daß es zwei verschiedene Dinge, und zwei verschiedene ethische Bereiche und Dimensionen betrifft, das Schlechtsein des Rauchens (etwa bei quantitativer Übertreibung) zu bestimmen, und die Art, damit umzugehen. Ein öffentliches Verbot des Rauchens nimmt hingegen dem Nichtrauchen sogar seine ethische Qualität bzw. verändert sie. Sodaß ein generelles Rauchverbot ethisch SCHLECHT werden kann. Und tatsächlich auch vielfach und beobachtbar ganz anders motiviert ist als in der Liebe zum Guten.




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Sonntag, 29. September 2013

Der Sprache entzogen

Es ist bekannt, das Glaubenswahrheiten dem Skeptiker nicht bewiesen werden können; - aber nicht, wie jener meint, deshalb nicht, weil sie zu vage seien, sondern weil sie einer Sphäre zugehören, die jenseits dessen liegt, wo Argumentation und Beweis sinnvoll sein können. 

Das geistig Ursprüngliche entzieht sich der Diskussion. Es kann nur, insoweit es sich überhaupt der menschlichen Sprache preisgibt, erklärt werden und ein-leuchten. [...] Unser empirisches Denken wie unsere empirische Schau reichen nicht in die absolute Bodenlosigkeit, in die Todesnacht des Nicht-seins hinab, in der es seine Wurzeln schlägt.

Es wird wohl in den mystischen Überlieferungen verschiedener Religionen gelehrt, daß es möglich sei, daß der Mensch nicht nur der Gottheit begegne, sonder sich auch mit ihr eine. Wer weiß, welche Erfahrungen es sind, auf denen sich solche Lehren begründen? Welche Wirklichkeit sie in der Wirklichkeit Gottes sind, und was sie, als menschliche Erfahrungen, in ihr bedeuten? Wer vermag das, was an den Grenzen der Möglichkeit des Bewußtseins in es einbricht und seine Grenzen aufbricht, sprachlich zu bestimmen und zu begrenzen? Denn wenn eine solche Einung des Menschen mit Gott, die vollkommen die Grenzen des empirischen Daseins der Seele aufhebt, möglich ist - und ich, der dies schreibt, weiß nicht, ob es möglich sei, noch, was es bedeute -, wer wäre in einer solchen Einung "der Mensch"?


Matthias Vereno, in "Vom Mythos zum Christos"




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Freitag, 27. September 2013

Mysterium Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ist in ihrem Seinsgrund Mysterium - vieldimensionales Mysterium, mit unendlichen Aspekten. Aber je tiefer die Erkenntnis, die gnosis, in das Mysterium eindringt, je klarer sie es erkennt, desto klarer erkennt sie es als das, was es ist, als Mysterium. Die absolute Erkenntnis des Geheimnisses als Geheimnis, nicht die völlige Erklärung des Geheimnisses, sodaß es aufhörte, Geheimnis zu sein, ist die äußerste Erfüllung aller in der absoluten Unendlichkeit der Alleinheit angelegten und also möglichen Erkenntnis. 

So bedeutet denn jenes Wort des Sokrates, das [...] als die ultima ratio rein theoretischen Eekennens bezeichnet wurde, - "ich weiß, daß ich nichts weiß" -, wahrlich die äußerste Erkenntnis in der reinen theoria, d. h. in der "Gottesschau".


Matthias Vereno, in "Vom Mythos zum Christos"



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Dienstag, 24. September 2013

Erkennen als Gleichung

Ohne Theorie (theoria) können wir nicht erkennen, und theorie/a heißt: Gottesschau. Denn wir erkennen die Dinge nur durch Gleichheit (bzw. Unterschiedenheit) untereinander, weil wir etwas nur ALS ETWAS erkennen. 4/4 = 8/8 erkennen wir nur aus seinem Bezug auf dasselbe Sein.* Sodaß alles menschliche, bewußte Erkennen ein Erkennen von Gleichungen ist. Nur so auch vermögen wir die Einheit allen Seins zu erkennen.

Es liegt also an dieser Gottesschau, vom Ausmaß, in der sie in unseren Geist durchleuchtet, an der Wahrheit sohin, die Vielfalt der Erscheinungen zu erkennen, und sie im letzten als in einem Sein, im Sein selbst versammelt zu erkennen, und in der Mannigfaltigkeit der Welt dieses Eine Sein in seiner Eigenschaftlichkeit zu erkennen. Die sich in der letzten Erkenntnis auf das Erkennen eines Wesens bezieht, in dem alles enthalten ist.

Das bedeutet wiederum, daß am Ritus unseres konkreten Lebens liegt, an seiner Gleichförmigkeit mit dem (geistigen) Einen, wieweit wir als konkrete Menschen in unserer konkreten Geschichtlichkeit dieses Eine "sehen" (als Gleichung, als Analogie). (Womit auch klar wird, daß es der Ritus der Liturgie IST, in dessen Gleichmaß wir uns bewegen, der uns das Fenster zum reinen Sein - als "theoria" - aufstößt. Es ist das Bewegen im Ritus, das unsere gesamte Welterkenntnis durchwirkt.)

Damit ist jede "theoria" zwar einesteils nie ohne Wahrheit (weil sie von Seiendem dargestellt wird, also Aneil am Sein haben muß), aber sie ist bei "nicht wahrem Ritus" (als fleischlicher Prägung des Individuums) nur Teilwahrheit, und im Ganzen gesehen damit möglich irreführend. Im Ganzen läßt sich also "theoria" ALS (Gesamt-)Wahrheit (die alles vereint) nur in der vollkommenen Heiligkeit erkennen. Unser bewußtes Denken zuvor ist kaum mehr als Ausscheiden des offensichtlich Irrenden. Denn seine positive Prägung ist abhängig von der Analogie der Fleischlichkeit. Wo immer diese Fleischlichkeit sich nicht analog zur "theoria" (noch einmal: Gottesschau) als ihr innerstes Gesetz bewegt (und nicht quasi als "richtiges Gedankengebäude", das als solches "antithetisch" ist), trübt sie die Erkenntnis der Welt, macht menschliches Erkennen zum Stückwerk.

Das wahre menschliche Sprechen (und Denken) ist also nur als poetisches (und in Weiterführung immanent theologisches) Denken möglich, das das, was es sagt, auch IST. (Nicht: behauptet.) Alles zuvor ist nur Hilfskonstrukt und Weg.


Implikationen: Wer also glaubt, durch Medien wie Internet in der Wahrheit voranschreiten zu können, wird sehr bald erfahren, daß er an eine Forderung stößt, die sich innerhalb dieser Thesenbildung nicht mehr beantwortet. Verweigert er das konkrete Tun im Leben, das ein Tun des Aufeinanderstoßens von Symbolen - also von Gestalten - ist, so beginnt sich sein "Denken" in sich zu bewegen, etwa in dem es fanatisch, monistisch wird. Das Loch des nicht vollzogenen Ritus, seine Forderung, sein Drang nach Vollzogenwerden wird immer größer, und im selben Maß steigt der notwendige Kraftaufwand, ihn niederzuhalten. Wenn festzustellen ist, daß häufige Beteiligung an Internet-Diskursen zu immer radikalerer Ausdrucksweise führt (vereinfacht formuliert), also radikalisiert, so verweist dies darauf. Das Wahre will und muß vollzogen werden. Die enorme Diskursquantität, die sich heute abspielt, weil jedes Wort letztlich auf die Wahrheit hinweist, erhöht also den Handlungsdruck. Wird dieser nicht adäquat abgeführt, wird das Medium und das Wort selbst zum Handlungsinstrument quasi umstrukturiert, aufgeladen. Fanatismus ist eine Eigenschaft der Faulen und Trägen, der Wahrheitsverweigerer!



*Auf die Bedeutung der Zahlensymbolik bzw. Mathematik kann hier nur andeutend hingewiesen werden, aber sie wird erahnbar: Als Analogie zum reinen Geist, dessen Verhältnisse sich im Geschöpflichen, Gestalthaften analog wiederfinden.




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Zeit des Manichäismus

Das eigentliche Problem des Manichäismus (der ein Moralismus ist), in dem wir uns heute befinden, ist daß er den Dimensionswechsel nicht schafft, den anzustreben er vorgibt. Manichäismus, der ja auch im Christentum von den Anfängen an seine Urstände gefeiert hat und auch heute feiert. Er will aus seiner Ebene heraus eine Evolution in die höhere Dimension schaffen. Und damit verwickelt er sich in unlösbare Widersprüche.

Schon mit dem Grundsatz der Wirklichkeit selbst - wonach ein Ding (Seiendes als Sein) nur ihm gemäß handeln kann. 

Sein Programm der "Welt als Läuterung", in der sich das vermischte Hell-Dunkel der Welt zum Licht selbst erhebt, in unterschiedlichsten manichäischen Mythen dargestellt, in denen (grosso modo) Ohrmizd, der reine Gott, als Opfer vom Bösen zerfleischt und verspeist wird. So ergibt sich die ethisch gemischte Faktizität der Welt, die aber in der Geschichte durch Läuterung das reine Licht ausschmelzen soll.

Daraus ergibt sich, in der Unterscheidung von Gut und Böse, der Weg der Läuterung einerseits, und anderseits wird in jedem Manichäismus die Moral verabsolutiert: als Weg zu dieser Befreiung des Lichts. Mit dem Endpunkt, dem Jüngsten Gericht.

Dazu muß er das Böse als Anti-Ethik dem Guten von Anfang an entgegensetzen, ihm absolutes Sein zugestehen, kann gleichzeitig etwa aber das Problem nicht lösen, daß am Endpunkt das noch im Gemischten, aber ungeläuterten Sein vorhandene Licht gleichfalls dem Bösen anheimfällt. Das Böse wird in einem eigenen Seinesbereich gesehen, Rettung besteht lediglich in einer Abgrenzung davon - der eigentlichen Lebensaufgabe.

Vereno zeigt die Logik, mit der aus dieser Argumentation heraus der Wechsel der Dimension nicht (auf vernünftige Weise) geschafft wird. Nur eine höhere Dimension aber ermöglicht jene Sinnerfassung, aus der heraus eine Dimension ihr Handeln außerhalb ihrer dimensionseigenen Logik begreifen kann.

Im Manichäismus soll das Höhere aus der Reinigung des Niederen, innerhalb einer Dimension also, erfolgen. In seiner notwendig rigorosen Ethik vermischt sich Böses mit Licht als Notwendigkeit und Kompromiss. Kein moralischer Rigorismus deshalb, der nicht um eines "höheren Zieles willen" unmoralisches Handeln als Mittel in Kauf nimmt: Luther der zur brutalen Niederschlagung der Bauernaufstände aufruft, der Marxismus der die Beschränkung menschlicher Freiheit zum Wohle einer besseren Zukunft für notwendig erachtet, die calvinistischen Puritaner die im schlimmsten Kommerzialismus landen, der Bußprediger Savanarola, der sich dem heruntergekommenen Karl VIII. in die Arme wirft, Robespierre, dessen juristischer Moralismus im Terror der Gouillotinen mündet - die Geschichte ist voll von solchen Beispielen, die Ökologiebewegung der Gegenwart, die zur Rettung der Welt die schlimmsten Umweltzerstörungen und Eingriffe in Freiheitsrechte inkaufnimmt, die den Kontinent je überzogen haben.




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Montag, 23. September 2013

Ohne Schuld kein Opfer

Weil das Opfer wesensmäßig eine Teilhaftes, Zerstörtes, von der Heilheit Getrenntes voraussetzt, schreibt Matthias Vereno, ist es weniger auf die Schöpfung selbst ausgerichtet, sondern auf deren Wiederherstellung, auf die Heilheit, durch ihre Reintegration in den ursprünglichen Sinnzusammenhang.

Es ist also naheliegend, daß eine Zeit, die sich selbst als vollkommen sieht, die sich in ihrer Desintegration bestenfalls als unschuldiges Opfer fremden Einwirkens versteht, für das sie keine Verantwortung (und damit keine Schuld) trägt, auch keinen Sinn mehr im Opfer sehen kann. Wenn der Mensch sich selbst Maßstab für das Vollkommene ist, fehlt ihm NIE etwas zur dieser Vollkommenheit - ist seine Desintegration bestenfalls Zugefügtheit, die gar nicht zu ihm gehört, die durch innerweltliche Maßnahmen behebbar ist. Weltverbesserung wird damit zum religiösen Programm.

Schuld haben heute immer die anderen, und dazu gehören auch die Vorfahren, die Eltern, die Umgebung. Sich von ihnen zu trennen, die Verhängungen mit ihnen zu lösen, bringt also jene Erlösung zur Heilheit, nach der wir uns ja nach wie vor sehnen.

Der Verlust des Opfers aber, und zwar im speziellen des Läuterungsopfers, das die Potenz zur Entzweiung in sich selbst begreift, bringt zwangsläufig den Verlust des Menschlichen mit sich, gerade weil die Heilheit nicht vom Über-Menschlichen erwartet wird. Erst in dieser Selbsttranszendierung aber wird Raum für Geist, und damit für das Menschsein. Das sich erst wirklicht, irdisch wirklicht, wenn es auf den Sinnzusammenhang im Ganzen ausgerichtet ist, dem zuzugehören es nur erfahren, feststellen, aufgreifen, nicht machen kann.

Und hier wirken sich die geläufigen Evolutionstheorien am Schrecklichsten aus. Denn sie vermitteln dem Menschen eine Weltimmanenz seines Sinnzusammenhangs. Welt aus sich heraus aber ist sinn- und richtungslos. Sie verliert ihren Wert als Symbol des Transzendenten, als Sinnbotschaft weil Aufforderung. In eine solche Welt implantierte "Religiosität" wird damit leer und manichäisch: In einer entwirklichten Welt.




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Samstag, 21. September 2013

Darstellung realer Zusammenhänge

Man kann, schreibt Vereno, keine Symbolik "machen". Man kann sie nur wahrnehmen - wenn auch unter den Bedingungen des Verstehens. Im Mythos stellt sich vielmehr die ursprüngliche Einheit und Ganzheit des Kosmos als ein System unendlich vielfältiger Verflechtungen und Beziehungen dar, welche sich in aller raumzeitlichen Sichtbarkeit und Dinglichkeit ausdrücken und ausprägen.

Ein Sichtbares ist nicht deshalb Symbol eines Unsichtbaren, wesentlich Teilweises nicht deshalb Symbol eines wesentlich Ganzen und Heilen, weil es von außen her mit einer jenes betreffenden Meinung versehen würde, sondern weil ihm von ihnen her ein Sinn eingeprägt wird, welchen es dann als Meinung dem menschlichen Verstand mitteilt. Jedes Symbol stellt einen realen geistigen Zusammenhang dar, d. h. es ist im Verborgenen eben jener Zusammenhang, den es in der Offenbarkeit darstellt.




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Freitag, 20. September 2013

Das makellose Opfer

Matthias Vereno weist in seinem "Vom Mythos zum Christos" darauf hin, daß das Opfer nur in Verbindung mit der Makellosigkeit der Opfergabe gesehen werden kann. Nur dann ist es jene "Selbstbeschädigung", aus der heraus sich das Zerteilte in die Heilheit des Ursprungs zurückbindet. Das ist das Wesen des Opfers in allen Religionen und Zeiten gewesen. Sodaß der Priester, der Opfernde, der selbst Opfer ist, indem er auf den weltlichen Lebensvollzug Verzicht leistet, entsprechend makellos sein muß: bei gutem Verstand, gesund und zeugungsfähig, und moralisch unbescholten.

Womit Vereno den direkten Bezug zum Zölibat herstellt. Der nicht, wie der heutigen Schnoddrigkeit entsprechend als bloß auf die Person des Priesters bezogen gesehen werden kann, sondern eine Gesamtdimension der Kirche und des religiösen Vollzugs hat.

Aber im Opfer wird der ursprüngliche Bruch - in dem ALLE Weltreligionen gründen, auf den sich ALLE Mythen der Menschheit in ihren ersten Erzählungen als Erinnerungen und gedeutete Ahnungen beziehen - des Menschen wieder geheilt. Nur im Opfer, das erst Raum für die Anwesenheit des Göttlichen gibt, ist deshalb seine Heiligkeit herstellbar.

Im Verzicht auf die (mögliche) Geschlechtlichkeit weist sich die Spitze wie der Ursprung der Weltwerdung, die ein Zeugungsakt ist, in seiner Quellhaftigkeit für das Leben selbst aus. Auf welche Bedeutung gerade ihre Bedeutung für den Menschen hinweist - und ihre Frucht (auch) als seelische Frucht in der Person des Priesters bringt.

Was wäre von Priestern* zu erwarten, die auf diese Transzendenz, auf dieses Hereinholen des Göttlichen in Gestalt ihrer Lebensgestalt, keinen Wert mehr legen? Liturgiefunktionäre und -mechaniker? Sozialarbeiter? Was hat so ein Mensch dann noch zu geben, als rein innerweltlich-menschliche Qualitäten, wenn sich in seiner Gestalt dieses Heiligungsopfer nicht mehr vollzieht? Ein Beseitigen dieser Verzichtspflicht ist also keine Übung praktischer Klugheit, sondern der Schlüssel zur Wegnahme des Religiösen aus der Religion. Deshalb geht auch ihr Kalkül - Beseitigung des Priestermangels - nie auf. Ein Priester, der kein Ganzopfer mehr ist, hört auf, Priester zu sein.**


*In den meisten Fällen (Protestantismus, Islam) wo Ehelosigkeit nicht zur priesterlichen Sphäre an sich gehört, gibt es auch gar keine Priester, in denen das Göttliche auf besondere Weise anwesend ist (sakramental), sondern bestenfalls Prediger.

**Das betrifft den Künstler (oder auch den Philosophen) prinzipiell nicht weniger, wenn auch anders.




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