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Dienstag, 31. Oktober 2017

Als alle das wertlose Geld akzeptierten

Der heutige Mythos vom Gold ALS (einziges weil angeblich wahres) Geld, bzw. als Geld, das nur Edelmetalle darstellen könnten, hat mehr mit Unbildung zu tun, als mit Realität. Man referenziert auf frühere Zeiten - Mittelalter, oder noch früher - um es "bewiesen" zu sehen. Nichts aber ist unwahrer. Geld war immer dann Geld, wenn es allgemein als Wertreferenz akzeptiert wurde. Mal war es Ware, mal Muscheln oder Weihrauch, mal eben Metall, das sich weltweit immer wieder durchsetzte. Wichtig war, daß dieses Tauschmittel überall "Wert für sich" besaß, dann wurde es akzeptiert. Gold, Silber waren meist akzeptiert, das war ihr Vorteil, weil sie auch als Kultmetalle so großen Wert besaßen. Silber als Analogie des Mondes (d. h. in gewisser Weise ALS Mond), Gold als Analogie zur Sonne, dem Ursprung der Welt, dem Licht.

Im Mittelalter war der geringe Geldumlauf einfach mit dem Rückgang des (internationalen, überregionalen) Handels begründet. Silber genügte für die Märkte, in denen lediglich die regional hergestellte Ware gehandelt, durchaus auch getauscht wurde, denn das war einfacher als Geld. Und auch dieses Geld (für die Alltagsgeschäfte aus Silber) war in seinem Wert relativ, das heißt einfach bezogen auf seine Akzeptanz bei allen. Weil der Handel (bis auf wenige Regionen in Europa) wenig Volumen umfaßte, also der Warenaustausch höchst regional blieb, war das auch kein Problem. Man kannte sich, das reichte um ein Medium des Wertabgleichs anzuerkennen.

Die Fürsten begriffen bald, daß sie sich über dieses Geld leicht finanzieren konnten. Sodaß sie regelmäßig das Geld zurückriefen, einschmolzen, und meist mit Kupfer streckten. Dabei war ein Grundsatz, daß je weniger Städte es gab,  dieses Unterfangen desto leichter gelingen konnte. Denn die Städte waren wichtige Geldumschlagplätze, hatten vor allem ein aufsässigeres, "freieres" Bürgertum, daraus waren sie ja groß geworden, die ließen sich vieles nicht gefallen. 

Legendär der Fürst von Anhalt Bernhard I., der Askanier (Askanien ist in etwa das heutige Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Brandenburg), der es im 13. Jhd. schaffte, in seinen 32 Regierungsjahren durchschnittlich DREIMAL JÄHRLICH das umlaufende Geld einzuziehen, einzuschmelzen, und - mit Kupfer gestreckt - neu (und an Münzzahl vermehrt) als Geld herauszugeben. Manche angeblichen Silbermünzen wurden im Laufe der Zeit deshalb sogar schwarz.

Das ging lange gut. Und es störte auch im Grunde niemanden. Über Zusammenhänge mit gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen hatte sich damals noch niemand Gedanken gemacht, volkswirtschaftliche Theorien kamen erst Jahrhunderte später auf. Geld und Wirtschaft waren damals noch prinzipiell regional. Schon gar, weil die Städte eine geringe Rolle spielten. Noch für das 15. Jhd. schätzt man den Anteil der Stadtbevölkerung in Europa auf allerhöchstens 10 %. Europa war noch damals ein Agrarland, und das Wirtschaften, Leben, Arbeiten war eben primär einmal auf Eigenbedarf ausgerichtet. So zahlte man auch seine Abgaben, durch Fron, oder durch den Zehenten. Merkantilismus wie wir ihn heute kennen existierte nicht.

Sieht man von den Randerscheinungen Gent, Brüssel, Venedig und bald auch Florenz ab. Und hier hatten sich schon seit dem 11., 12. Jhd. Vorformen des Papiergeldes entwickelt, wie Wechsel, oder ganze Clearing-Systeme, die wie das heutige Internetsystem bargeldlos funktionierten.

Aber einerseits wurde die Münzverschlechterung immer exzessiver betrieben, anderseits kollabierte im 15. Jhd. das (meist aus Silber und seinen Legierungen geprägte) Geldsystem in Form einer europaweit hohen Inflation, die Jahrzehnte andauerte. In denen der internationale Handel (und damit der Bedarf an Gold) sprunghaft anstieg.

Nun stellte sich aber heraus, wie viel dieses europäische "Festlandgeld" im internationalen Vergleich wert war. Wenig. Die Gewürzlieferanten aus dem Orient schätzten eher Gold. Dort hatte Gold immer hohen kultischen Wert, war deshalb stets nachgefragt und bis nach Asien als Zahlungs-/Tauschmittel akzeptiert.





*111017*

Donnerstag, 25. Februar 2016

Von der Glorie zur Schande (2)

Teil 2) Wer aber heute unter dem Krummstab gut lebt? - 
Verrat an den Menschen!




"Unter dem Krummstab ist gut leben" galt noch bis in den Barock überall als Devise: Kirchenpachten waren gesucht, denn nur dort herrschte Verständnis auch bei den häufigen Jahren schlechter Ernte (und Abgaben, der "Zehent", waren Naturalabgaben; der VdZ hat selbst Einblick in Jahrhunderte klösterlicher Zehentbücher halten können), nur dort wurde auch einmal eine Pacht erlassen, und gar nicht selten, nur dort wurde auf persönliche Schwierigkeiten und familiäre Notstände Rücksicht genommen. Und umso lieber gab man, wenn es darum ging, einen Dom zu bauen, dem Herrgott eine Antwort in Kunstgegenständen zu geben. Es war nicht Ausnützung oder Mißbrauch, es war ehrliches Wollen der Menschen. Anders wären diese Schätze, die die Kirche hat, niemals zustandegekommen.

Es ist eine wahre Schande, daß die ganz wenigen Beispiele, wo auch Kirchenfürsten ihre Untergebenen auspreßten, das Gesamtbild so trüben konnten. Die Wirklichkeit sah anders aus. Der Kirche und ihren Aufrufen verdankt Europa die doch noch gefundene Fähigkeit zum Widerstand gegen den anbrandenden Islam, über die Kreuzzüge über Lepanto bis zu Wien 1683. 

Und das blieb bis in die Neuzeit so. Selbst da noch war die Kirche die letzte Bastion gegen den Absolutismus, der siegreichen Stufe einer alles abstrahierenden Zentralmacht gegen die Verortung, das Prinzip der Erlösung. Der Papst reiste sogar extra nach Wien, um Kaiser Josef II. in die Schranken zu weisen.

Was ihm aber schon nicht mehr gelang, zu schwach war die örtliche Kirche bereits - gekauft, gekauft um dreißig dreckige Silberlinge, so ist es, so war es, gekauft um das Versprechen der Verbeamtung, der Schmerbäuche und iPads und Twitter- und Internetverbindung für eine virtuelle Kastratenblogozese. Die einzigen, die sich unter Josefs "Reformen" noch ihr Scherflein retten konnten, waren ... die Bischöfe, die ihre Tafelgüter und damit ihre üppigen Tafeln behielten. Josef schuf deren sogar mehr, denn er wußte schon, was er tat. Leider. 

Hitler hat nur noch vollendet, was ihm Josef bereits am Tablett aufbereitet hatte. Über dieses Stadium ist die Kirche nämlich nicht mehr hinausgekommen.

Das eine war aber damals. Als Europa schon einmal von Invasionswellen aus Niedrigstkulturen überschwemmt wurde. 

Und heute? Die historischen Bedingungen sind nahezu ident. Was sich aber völlig gedreht hat ist das Verhalten des Klerus. Die Kirche, repräsentiert durch den Klerus und "Kirchenlaien", kriecht der Macht in den Allerwertesten wo sie sie nur findet, glücklich irgendwo im Konzert der Pseudowichtigkeiten mitquaken zu können. Nirgendwo gilt technizistische Funktionalität so viel, ist jede in den ideae Gottes verankerte Gestaltenordnung ausgehebelt, ja die Kirche ist längst Vorbild für Zerfall, Ungerechtigkeit und Niedertracht, für den Wolf im Schafspelz. Sie ist eine Kirche der Emporkömmlinge geworden. 

Schon diese Einsicht erhellt enorm viel - sie verhält sich auch so.

Und sie läßt deshalb die Menschen völlig im Stich. Ja, sie lädt ihnen Lasten und Moralia auf, die sie nicht tragen können, um sich ihre Pfründe zu sichern, so ist es in Wahrheit. (Denn wenn auch nur ein Bischof behauptet, er würde Moral bzw. Ethik in jedem Fall über formale Kirchenexistenz stellen, dann wird ihm der VdZ Gegenbeispiele liefern, daß jenem die Ohren wackeln, zumindest am Tag des Jüngsten Gerichts. Und es sind gerade oft die sogenannten Frommen, ja gar die sogenannten Konservativesten, denen hier jede Hose ausgezogen gehörte.) 

Um sich dabei selbst ins Licht einer abstrahierten "Humanität" stellen zu können, die niemand mehr versteht, weil sie an der Menschlichkeit genau dort vorbeigeht, wo sie aber beginnen müßte: In der Liebe zu den Hiesigen, in der Liebe zur Heimat, in der Stärkung der Verortung, in der Hingabe für die hiesige Kultur. Denn DORT ist der Platz der Liebe. Nicht in der abstrakten Fernstenliebe zu Menschen, von denen jeder Blinde mit Krückstock weiß, daß es ihnen nicht um Not und Verzweiflung geht, sondern um einen Weg, ein um sein Überleben immer noch kämpfendes Volk auszunützen.

Wer möchte mitraten, in welchem Stand der Glaubwürdigkeit die Kirche hierzulande in zwanzig Jahren dastehen wird? Die das ihr anvertraute, ja ihr ehelich zugeschriebene Volk so schmählich im Stich läßt, nein: verrät, und zwar vor Gott?

Die Geschichte wiederholt sich, Spengler oder Nietzsche hatten nur Unrecht weil sie meinten, es könne nicht anders sein. Es könnte. Immer. Doch diesmal scheitert die Kirche grandios. Die Geschichte läuft in dieselbe Schleife, in der sie bereits war. Und wir sitzen erste Reihe fußfrei, sofern wir noch Füße haben, denn es ist die Kirche, die sie uns abschlägt. Doch diesmal wird sie genau anders ausgehen. Man kann sich Europa in fünfzig Jahren bereits vorstellen.

Es ist eine Schande. 

Es ist eine Schande vor Gott. Deren Zeche wieder die einfachen Menschen zahlen. Jene, die in der Sühne dem Heiland verbunden leben.





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Mittwoch, 24. Februar 2016

Von der Glorie zur Schande (1)

Man schätzt oft die Zeit der Völkerwanderung falsch ein. Es waren nicht die kraftvollen Völker, die manche Geschichtsschreibung daraus gemacht hat, die Europa überschwemmten. Es waren praktisch ausnahmslos Völker im Niedergang, die ihre Heimat verließen, jawohl: die Germanen waren im Niedrigstand. Und es waren einfache Völker der Steppe, die sie aus ihren angestammten Wohnsitzen vertrieben. Alles Rätseln um Ursachen - klimatische Veränderungen, weiß der Deibel was noch - ist Unsinn. Zahlreiche Geschichtsschreiber bestätigen diese These des VdZ, und nicht zuletzt Henri Pirenne bestätigt sie in seiner außerordentlich schlüssigen Deutung der Völkerwanderungszeit, der zeit des frühen bis zum hohen Mittelalter: Es war eine Zeit des kulturellen Niedrigstandes

Sie hat sich bei der angestammten Bevölkerung als Dekadenz und Technizismus geäußert,. Samt der daraus erwachsenden Magie, samt den magischen Kulten wie dem der Mithra gewidmeten, der sich überall ausbreitete wie ein Gerücht. Der übrigens aus dem Orient stammt, auf deren Überbleibsel - die oft genug alle alte, gesunde Kultur überdeckte wie der Efeu Berlin - heutige Naivität oft genug blickt, als stünden sie Hochständen der Antike gegenüber. Nur, weil sie nichts mehr weiß, deshalb nichts mehr zu scheiden weiß und alles, was alt ist, verklärt. 

Das mögen gewiß viele nicht gerne hören, aber schon die Kampfesweise der Germanen unter Arminius im Detmolder oder Teutoburger oder Paderborner Wald (wo immer die berühmte Varus-Schlacht im Jahre 9 eben stattfand) war nicht mehr die mannesmutige Kampfesweise, die sogar noch die Kimbern und Teutonen an den Tag gelegt hatten, aus welcher Begegnung rund 100 Jahre zuvor die Römer den Mythos des "Furor Teutonicus" zimmerten, um sich selbst zu rechtfertigen. Die sich noch mutig der offenen Schlacht gestellt hatten, während die Germanen des von bereits dekadenten Römern geschulten Arminius aus Hinterhalten, also in Terrortaktik, angriffen. Da ging es nicht mehr um Ehre, da ging es um Effekt. Die Germanen waren verwichlicht, fast zum Matriarchat herabgesunken. (Auch das Matriarchat ist ein Endstadium eines Kulturverfalls.) Aber lassen wir das an dieser Stelle.

Was bei Henri Pirenne aber so gut nachvollziehbar wird (und deshalb ist er hier angeführt) ist, daß er begreifbar macht, warum die Kirche in dieser Zeit bei der Bevölkerung so großes Ansehen aufbauen konnte. So großes Ansehen, daß bereits dem ersten Karolinger, Pippin, im Jahre 753 nichts übrig blieb als den Papst um seinen Segen, ja um seine Entscheidung in der Königswürde zu bitten. Weg von den absurd-unwürdig gewordenen, völlig dekadenten und in Folge realpoltisch machtlosen Merowingern, so sehr ihren endgültigen Niedergang die Sarazenen bewirkt hatten, die einen ganzen Kulturraum, das Mittelmeer, binnen weniger Jahre niederrissen; Doderer beschreibt es so herrlich in seinem Roman "Die Merowinger oder: die totale Familie". 

Weil die Kirche bereits so große Macht gewonnen hatte, daß der von ihr gesalbte König auch uralte mythische Verankerungen überwinden konnte. Denn die Merowinger waren mythisch verankert, so fest, daß kaum jemand glauben konnte, daß ihr Gottesgnadentum jemals enden könnte. Und worin gründete diese Macht? Im Ansehen bei den Menschen! Die Menschen glaubten dem Klerus, sie glaubten den Mönchen, sie glaubten der Kirche!

Dieses Ansehen ist sehr leicht nachzuvollziehen: Während die meisten Patrizier, der Großteil der Elite, die im wesentlichen sogar noch den Adel der ersten Völkerwanderungsjahrhunderte stellten (und mancher sogenannte deutsche, europäische Adel geht sogar auf sie zurück), während der Europa eigentlich noch nach römischen Mustern organisiert blieb, davonliefen, um zu retten was für sie zu retten schien, und dabei die alten (im wesentlichen patriarchal gebliebenen) Organisationsstrukturen einfach aufgaben, war nur eine Schichte geblieben: Und das war ... der Klerus. 

Der Klerus war es, die Bischöfe, Priester, die letzte Bastion antiker Bildung noch dazu, der bei den Menschen blieb. Der Sklaven freikaufte indem er sein letztes Hemd hergab, und der vor allem eines tat: Sich auf die Seite der einfachen Bevölkerung zu stellen, vor allem der Bauern, wenn die beutegierigen Zuwanderer anbrandeten. Selbst diesen - die Geschichte zwischen Benedict und Attila ist mehrfach bezeugt - rang der Todesmut des christlichen Klerus alle Achtung ab. Sie retteten entweder selbst, was an Kulturgut zu retten war (den Klöstern verdankt überhaupt Europa seinen Wiederaufstieg im hohen Mittelalter, dem dort gespeicherten kulturellen Wissen, der dort vorhandenen Bildung; "clerc" kommt von "Klerus" - den einzigen Gebildeten!), oder stellten sich vor die Bevölkerung, um sie zu schützen. Organisierten, bargen, halfen. Der einheimischen Bevölkerung. Den ihnen anvertrauten Seelen. Sie traten den Heiden mit Monstranzen entgegen, ließen sich foltern und ermorden, gaben ihr Leben, um heimische Frauen vor der Schändung zu bewahren, verhinderten Brandschatzung und Plünderung, verhandelten, um für ihre Lämmer tragbare Kompromisse zu erstreiten, sodaß diese weiter leben und existieren konnten, selbst wenn sich Neuansiedler neben ihnen breitmachten.

Wie sonst, meinte wohl der Leser, wäre s möglich gewesen, daß sich Europa im 8. Jhd. so rasch wieder rechristianisieren hätte lassen? Wie sonst wären die neuen Reichsstrukturen eines Karl überhaupt möglich gewesen, und damit die gesamte spätere Reichsentwicklung, und das ist ident mit der Entwicklung Europas? Weil sich eine geistige Struktur gebildet hatte, die trug, die alles durchstand, und die die Menschen stützte, zu der sie Vertrauen hatte. So sehr, daß noch bis ins 12,, 13. Jhd. die Kirche Synonym für den Kampf sogar gegen eigenen Fürstenwahn galt. Die Kirche stand für die Verbrüderung mit den einfachen Menschen, im Kampf gegen Despotenwillkür und Ausbeutung. Im Kampf gegen Zentralismus und existenzgefährdende Begierden der Herrscher, die ihre Völker und Landschaften oft auspreßten, wo es nur möglich war.



Morgen Teil 2) Wer aber heute unter dem Krummstab gut lebt? - 
Verrat an den Menschen!





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Donnerstag, 12. Februar 2015

Kultur und Islam schließen sich aus

Das ist natürlich interessant, weil es einen gehörigen 'Batzen Wahrheit enthält: Da moniert der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker, daß vieles, was dem Islam zugeschrieben werde, mit diesem nichts zu tun habe, sondern ein Produkt der Geschichte sei. Diese zwei Dinge würden gefließentlich unzulässig vermengt.

Der Artikel im Standard ist deshalb nahezu eine Sensation, weil es unter völlig anderer Motivation den Kern der Sache auf den Punkt bringt. Beginnen wir damit, daß die Katholische Kirche, das Christentum, das von sich NICHT sagt. Denn das Christentum versteht sich NICHT als quasi hermetische Lehre, die einen hermetischen und definierbaren Zustand herbeiführe. Der Unsinn mit dem Archälogismus, der sogar an theologischen Hochschulen gelehrt wird, nachdem nach einem "urchristentum" gesucht werde, das es nachzubilden gelte, denn nur dort ist das Christentum, ist NICHT christlich, ist NICHT katholisch. Auch wenn es katholische Hochschulen mit grinsenden Kardinälen als vorgebliche Wächter der Lehre so verbreiten. Vermutlich ist auch ihr Grinsen das der befreiten Christen im Jahre 33.

Aber das Christentum IST aus seinem Wesen heraus historisch. Real. Ein Wirkfaktor in der Geschichte. Nur deshalb ist es so geschichtsmächtig geworden, daß es die mächtigste Kultur, die jemals den Erdball erfüllt hat, regelrecht GESCHAFFEN hat. 

Diese Geschichtsmächtigkeit, diese Realität im Fleische, hatte der Islam nie. Und was der gebürtige Emsener vermutlich mit positiver Konnotation versieht, ist in Wahrheit eine der wahrsten und tiefsten Analysen des Islam der letzten Jahre. Selbst was man ihm heute zuschreibt - das Reich Cordoba, die Höhe der Kultur im persisch-arabischen Raum vor dem Jahre 1000: es war nie islamisch. Und nichts an der Eroberungsstrategie der Osmanen war je islamisch. Sieht man von praktischen Verwendbarkeiten ab.

Daß der Islam nach dem allmählichen Verdunsten seiner auf natürlicher, regionaler Religion und Resten christlich-jüdischer Offenbarungsreligon basierenden Spiritualität (was noch vor den Osmanen der Fall war) sich immer mehr auf ein Moralsystem, ein System von Verhaltensregeln reduziert hat, beweist dies umso mehr. Es war der Versuch, diesen erlebbaren Mangel des Verdunstens jeder geschichtsbildenden Kraft, diese historisch sich erweisende Schwäche zu kompensieren. Durch Kultursimulation. In Wahrheit aber waren die Triebkräfte des islamischen Raumes rein weltlicher Natur. Der Islam war lediglich nützlich.

Hier, in dieser Geschichts-Unmächtigkeit, wurzeln exakt die eigentlichen Grundprobleme der Muslime bzw. muslimischen Staaten. Hier wurzeln die tief verankerten und tief gegründeten Unterlegenheitsgefühle gegenüber dem Christentum und Judentum, die so vieles - auch am Terror! - motivieren. Mit Streicheleinheiten einer proklamierten "Liebe" ist da nichts gewonnen.

Und wie exakt paßt dazu eine Aussage, die Martin Mosebach einem der Proponenten in seinem Roman "Das Blutbuchenfest" (dessen Lektüre der VdZ jedem nur wärmstens anempfehlen kann) in den Mund legt: Keine regionale Kultur, die vom Islam über längere Zeit beherrscht war, hat sich jemals wieder erholt. Dem Islam fehlt die Kulturbezogenheit ab ovo, aus seinem Wesen heraus. Er lehnt jede Abbildung Gottes ab, womit er aber jede Abbildung überhaupt ablehnt, weil die Welt eine Analogie Gottes ist.  Ohne Gestalten, ohne Abbildungen, ohne Figuren aber kann es konkrete Kultur gar nicht geben. Sie bleibt ein Gedanke. Jede, wirklich jede urtümliche Religion und Kultur, dies nur als Beispiel, hat deshalb ihren Moment, in dem Gott zur Welt kam.


Wo der Islam spirituell tief, anerkennenswert tief sogar ist, rührt er nicht an jenem Gott, der ACTU selbst ist, dessen Wesen aus sich heraus fließt, um sich liebend in den Schöpfungsakt zu neigen, die Welt im ewigen Jetzt, der zeitlosen Vernunft zu erhalten. Er bleibt eine abstrakte, statische Aussage. Der Sufismus erzählt viel dazu, wo sich zur Begegnung mit Gott der Mensch (in der Trance) ausschaltet.* Weil als einzige Wirkdimension sonst die Moral, das Verhalten bleibt. Nur: Kultur entsteht nicht über Verhalten.  Und sie entsteht auch nicht durch methodisches Sich-Aus-Der-Welt-Nehmen, wie immer man es auch spirituell deuten mag.

Sodaß die These hier lautet: Es gibt Kulturen, es gibt Kulturen, in denen sich muslimische Menschen einhausen bzw. den Islam annehmen. Aber in dem Moment, wo der Islam zu sehr nach der Welt greift, erstickt die Kultur. Genau das war ja das Problem des spanischen Cordoba - immer wieder und wieder und völlig falsch als Blüte islamischer Kultur gepriesen - mit dem Kalifat in Arabien. Cordoba galt als glaubensfeindlich, als Häresie, als Verweltlichung des Islam. Es bleibt bestenfalls ein voluntaristisch aufrecht erhaltener Staat, der zu einer Art Selbstzweck wird.

Auf dieser Ebene lassen sich zwar Staaten, und auch über lange Zeiten, aufrechthalten, aber nur, wenn sie sehr starke disziplinatorische Regulative (Polizei) haben. Und solche Regulative können sogar Kulturen überlagen, meist um sie zu nutzen, sodaß beides wie eines aussieht. Aber durch eine unüberwindliche Kluft getrennt bleibt. Kultur selbst entsteht und lebt nur aus der ontologischen Dimension einer Wirklichkeitsbeziehung.

Wer mit offenen Augen den arabischen Frühling, oder das Verhalten der Türken der faktischen westlichen Zivilisation gegenüber in unseren Tagen betrachtet, kann nicht anders als Parallelen zum Gebahren von Kindern zu sehen, die meinen, in der Beherrschung von (technischen) Abläufen, wie sie im christlichen Westen zu sehen sind, läge auch die Aneignung und Beherrschung dieser Kultur. Muslime glauben auffallend oft, und zwar gerade dort, wo sie modern sein wollen, daß sich Politik und privates Streben, moderne Entwicklung, um das Gleichziehen in zivilisatorischen Phänomenen drehe. Was zu erstaunlicher Naivität führen kann, sodaß etwa manche Türken in Wien ganz genau jenen Optimismus aufweisen, der Älteren, wie den VdZ, noch aus den Zeiten des naiven Readers-Digest-Optimismus der 1960er Jahre bekannt ist.

Überspitzt formuliert: Man ist am Tahrir-Platz für bessere Bestellmöglichkeiten bei amazon gestorben. Weil die Handhabung eines iPhone (oder die Erbauung des höchsten Turmes der Welt ... die Beispiele sind fast ohnendlich) gleichbedeutend ist mit kulturellem Hochstand. Umso unbegreiflicher war jenen allen, daß sich nach den Umstürzen ... nichts tat! Sie hatten also nur mitgewirkt, die bestehende Ordnung zu zerrütten, und damit fremden bzw. partialen Interessen gedient. Ordnungen, die sie nun entweder gar nicht mehr herstellen können, wie in Libyen und Tunesien, oder wo nur noch durch eine noch weit diktatorischere Staatenlenkung als zuvor, wie in Ägypten oder Syrien, wenigstens irgendeine Ordnung wiederherstellbar ist.

Weshalb viele Muslime, die den Islam ernstnehmen, völlig richtig eine prinzipielle Unvereinbarkeit zwischen westlicher Lebensart und Islam erkennen. Und DORT liegen interessanterweise viele Koinzidenzen mit dem Westen. Denn dort herrscht, in einer vor hunderten Jahren begonnenen und nun längst eigendynamisch gewordenen Entwicklung (d. h. daß man genau das wünscht, aus Leidensdruck, das dieses Leiden erst geschaffen hat), in weiten Teilen der Bevölkerung das Bestreben, die Kultur abzuwerfen.

Die vielgerühmte Toleranz des Islam war in seinen Expansionsjahren nichts anders als daskkluge Nützen vorhandener Kulturen, schreibt der Belgier Henri Pirenne, im übrigen einer der anerkanntesten und wirkungsvollsten Historiker des 20. Jhds. Wobei: nur dort, wo die vorhandene, eroberte Kultur bereit war, sich den neuen Herrschern zu unterwerfen. Dann hatte man kein Problem. Was so lange gut ging, als diese Kulturen oder Kulturreste noch innere Kraft hatten.

Im Gegensatz dazu ist die Kraft des Christentums niemals das "Gebot" gewesen, wie heute viele glauben. Sondern es ist die vom fleischgewordenen, in den Sakramenten präsenten Gottmenschen Jesus Christus den (defekten; s. Thomas v. A.) Sinnen erfaßlich gewordenen Gestalt, die im Erkennenden, im Rezipierenden offenen Herzens, ein simile, eine Jesus ähnliche (Kern-)Gestalt und damit analoge Schöpfungskraft bewirkt. Worüber man mit einem Protestanten oder einem Muselmanen natürlich nicht zu reden braucht. (Die tiefen Ähnlichkeiten zwischen Protestantismus und Islam sind sowieso ein eigenes Thema.)

Aber eine mit christlichem Abendland und Wirklichkeitsbezogenheit vergleichbare Kulturkraft hatte der Islam nie. Es bleibt bestenfalls Technik. Und dasselbe Schicksal blüht dem Abendland, wenn es seine katholischen Nährwurzeln noch weiter erstickt.


*Zum Vergleich: Der Gott des Christentums ist niemals einer, der immer auf die Vernunft des Menschen abzielt. Es gibt deshalb keine christliche Methode der Mystik, weil Mystik und methodisches Beseitigen der Freiheit sich ausschließen, was immer für Unsinn diesbezüglich auch heute erzählt werden mag. Wer die großen Mystiker liest wird es bestätigt finden.




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Freitag, 3. Januar 2014

Koalition der Wurzellosen

Die Analyse der Situation Europas zu Beginn der Renaissance von Henri Pirenne endet mit einem verblüffenden Fazit. Denn die einzelnen Wege, die sich mit einem male zusammenführen und die Neuzeit des Kontinents einleiten, sind sämtlich stringent, aber von verschiedensten Richtungen aufgebaut worden: Es sind die Monarchen gewesen, die von den drei mächtigen Neuerungswegen, die zwischen 1450 und 1550 das ganze Abendland auf den Kopf stellten, am meisten profitiert haben, und ohne die sie sich nie hätten durchsetzen können. Als Allianz von vier schwachen gesellschaftlichen Kräften, die einander brauchten: Den Königen und Kaisern, den Bürgen und Kapitalisten, dem Bildungsadel und bürgerlichen Beamtenstand, und den religiösen Eiferern und Neuerern.

Nur in dieser Symbiose konnten sich diese Kräfte gegen den alten, mit dem Volk verwachsenen Adel, gegen das gewachsene Gewerbe und das reaktionäre Zunftwesen, sowie gegen die traditionelle Stellung des Klerus, der das geistige Monopol hielt, durchsetzen. 

Alle diese Emporkömmlinge und Neuerer brauchten die Legitimation und rechtliche Absicherung. Der Kaiser, die Könige und Fürsten verschafften sie ihnen. Und erhielten als Gegenleistung endlich eine ihnen treu ergebene weil von ihnen abhängige Bevölkerungsschichte, die vor allem aber eines hatte: GELD. Erst damit konnten die Monarchen Politik machen, Heere ausrüsten, Einfluß kaufen. Und so schuf sich in diesem einen Jahrhundert mit einem male eine zuvor noch nie gesehen Machtstellung der Fürsten, die die Entwicklung zum Absolutismus bedeutete.

Sie mußten² nicht mehr die Absetzung durch die Völker fürchten, mußten sich nicht mehr den lästigen Kontrollen in den ständischen Räten stellen, mußten sich nicht mehr der Gängelung durch die Kirche unterwerfen, mußten nicht mehr mühsame Bündnisse mit ihren Teilfürsten suchen, um Außenpolitik zu machen, und konnten einen Hof führen, eine Lebensart pflegen, die es in dieser Pracht und Machtfülle noch nie in Europa gegeben hatte. 

Und ihren Verbündeten schufen sie dieselbe Freiheit - die Studierten trennten sich vom Glauben, das Wissen von der Theologie, der Kapitalismus überrundete die streng reglementierten Gewerbebetriebe und begann sich über die ganze Welt - buchstäblich - auszubreiten (es war die Krone, die das Geld zur Entdeckung Amerikas gab). Neue Geschäftsfelder, die die ersten Schrecken des Kapitalismus bereits vorwegnahmen, wie die rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen.*

Und die reformierten bzw. protestantischen Kirchen konnten sich von Rom lösen und ihre eigenen respektierten Kirchen gründen, und ungehindert ihre Ansichten im Volk verbreiten. Es waren die Monarchen, die die Renaissance förderten, die so völlig neue Lebensannehmlichkeiten brachte, das Denken völlig auf den Kopf stellte.** Welch innere Dynamik sie trugen zeigt u. a. der Calvinismus, der wenn man ihn ließ, wie in Genf, eine totalitäre Struktur zeitigte, wie wir sie erstmals wieder rein technisch mit dem Internet, der Kontrollmöglichkeit bis in den letzten Lebensbereich hinein, erreicht haben.***

Und die Fürsten, die in der Huld der Monarchen standen, oder wie in Deutschland allerspätestens seit Friedrich II. dem Staufer ihnen im Streben nach Macht und Pracht nacheifern wollten, weil sie scheinbar ohnehin von einem Oberherren emanzipiert waren? Sie konnten mit den Kirchengütern gelockt werden, die es zu requirieren galt, und nach denen sie ohnehin immer schon geschielt hatten. Sie übersahen, wie in Deutschland, daß diese Partialmacht einen großen Verlierer hatte - die gewachsene, natürliche Struktur ihrer Völker, der Gedanke des Föderalen, ja genau genommen: der der Subsidiarität. Ersetzt wurde das durch den Zentralismus, wie er mit der Aufklärung, die endgültig das geistige Futter für diesen Umsturz lieferte, das geistige Ziehbett erhielt. 

Kapitalismus, Aufklärung, Reformation und fürstlicher Absolutismus und Zentralismus, dessen Nähe zum orientalisch definierten Despotismus eines gottähnlichen Monarchen alles andere als zufällig waren, und dem die deutschen Fürsten, als letzte in Europa, mit der Gründung des Kaiserreichs 1871 zum Opfer fielen, waren also je aufeinander gestützte Schwestern. Eine Koalition der WURZELLOSEN. Denn genau das waren sie. Alle.****



²Was in dem heutigen historisch-sachlich (prinzipiell auf jeden Fall) falschen Haß auf die Kirche völlig übersehen wird ist, daß die Katholische Kirche die einzige gesellschaftliche Kraft geblieben war, in all den Jahrhunderten und Jahrtausenden, die den Herrschen in ihrer Tendenz, ihre Macht zu verabsolutieren, Widerstand geboten hatte, nachdem das gemeine Volk zunehmend ausgeschaltet war. Auch heute noch kommt der Haß auf die Kirche nicht aus dem einfachen Volk. Er kommt nach wie vor von den Emporkömmlingen, die Allianzen mit der Macht suchen (siehe u. a. "Marsch durch die Institutionen"). Ihre Berufung auf das Volk ist eine glatte Lüge. Linke ebenso wie Linksgrüne sind Bewegungen des bürgerlichen Kapitalismus. Und so waren es so gut wie alle sogenannten Revolutionen (darüber wurde an dieser Stelle bereits ausführlich berichtet; siehe Stichwort "Jacques Ellul"), die  man mit völlig anders gearteten (selteneren) Notaufständen nicht in einen Topf schmeißen darf. Wenn heute gerade linke Parteien deshalb mit der Angst vor "sozialen Unruhen" argumentieren, so dient dies ausschließlich der Erhaltung ihrer Machtsysteme. Der Leser möge darauf einmal genau achten.

*Kaiser Maximilian mußte bereits zu Beginn des 16. Jhds. Gesetze zur Wiederaufforstung im Unterland von Tirol erlassen, weil der durch die Pächter (wie die Fugger, Welser etc. - alles Emporkömmlinge, sie alle kamen aus dem Nichts, und doch stützte sich die kaiserliche Macht fast zur Gänze auf sie) Salz-, Kupfer- und Silberbergbau, der sich ausschließlich durch SEINE bzw. kaiserliche Initiative entfaltet hatte, die Wälder rücksichtslos abgeholzt und Mondlandschaften hinterlassen hatte.

**Eines von vielen Details: Erstmals taucht in der Innenausstattung, dem Möbelbau, etwas auf, das zuvor völlig bedeutungslos gewesen war - Bequemlichkeit. Ja, erstmals tauchten überhaupt feste Möbel auf. (S. u. a. Siegfried Giedions erhellende Geschichte der Alltagskultur, die er als Weg zur "Herrschaft der Mechanisierung" zeigt)

***Die Parallelen sind überzufällig, und sie zeigen genau das, was sie zeigen - eine Staatskirche, einen Klerikerstaat: Wenn heute Menschen ihrer angeblichen oder vermeinten Einstellungen wegen ruiniert, aus ihren Positionen entfernt werden. Wer heute eine gesellschaftlich relevante Stellung einnimmt, muß längst achtgeben, daß er nichts Falsches, nichts gegen die herrschende Doktrine sagt! Es kostet ihn die Existenz. Genau, wie es im Genf des 16. Jhds. war, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Strukturen decken sich aufs Haar.

****Auch der Begriff des Monarchen ist ja ohne Bezug zum Boden, ohne feste Verankerung. Und bis in die neueste Neuzeit hinein war ihr Herrschaftsbereich nicht auf Land und Boden bezogen, sondern lediglich an ihre Person und persönliche Bindung. Mit dem Volk verwurzelt waren immer  nur die kleinen Vögte und Grafen und Herzöge, die aus den Besten des Volkes jeweils hervorgingen bzw. sogar gewählt wurden. Adel im besten, ja im eigentlichen und patriarchalen Sinne, als mit dem Volk zur Familie verbundener Landadel, wie es ihn sehr wohl gab. (Eine sehr lesenswerte Geschichte, die glaubhaft die Entstehung solcher gesunder Volksstrukturen beschreibt, ist "Witiko" von Stifter.) Die Entartung der Herrschaft zur Unterdrückung ihrer Untergebenen, wie sie etwa auch in der selben Zeit ihre Auswüchse zeitigte, wo die Untertanen im eigentlichen Sinn entstanden, willenloses Material in den Händen herrscherlicher Willkür, geht bereits auf einen neuen, wurzellosen Kunstadel zurück, der sich aus königlichen, monarchischen Dienstnehmern - wieder allesamt Emporkömmlinge - rekrutierte.





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Freitag, 27. Dezember 2013

Volkseigenschaft

Weil die jeweiligen Kontrahenten auf der iberischen Halbinsel - die muslimischen Mauren, und die katholischen Spanier - in ihren jahrhundertelangen Kämpfen jeweils Hinterland behielten, hatten sie die Möglichkeit, sich auch nach Niederlagen, die je beide Seiten betroffen hatten, zurückzuziehen und neu zu sammeln. Deshalb mußte der Sieg jenen zufallen, die sich länger als der Feind ihre aggressive Kraft bewahren konnten, schreibt Henri Pirenne.

Besonders aber der Umstand, daß die Mauren die landschaftlich besten Gebiete beherrschten, während sich die Christen in die kargen Wüsten und Bergländern zurückgezogen hatten, stachelte den Kampfesgeist der Spanier je neu an.

Es ist die Verlockung des höherstehenderen Kultur, ihr Glanz und Reichtum, der die Abneigung schürt. Dabei spielte die Religion eine entscheidende Rolle, denn angesichts der Tatsache, daß man dem wahren Gott angehörte, der Feind nicht, war die Tatsache, daß es ihm besser ging, ein andauernder Affront gegen Gott selbst. Mit Rasse hat das alles rein gar nichts zu tun. Wären die Spanier Heiden gewesen, so wären sie mit großer Sicherheit rasch zum neuen Glauben zu bekehren zu gewesen. So aber verquickte sich auf der iberischen Halbinsel Nationalgefühl und Religion auf enge Weise.

Den Spaniern ging es dabei - ein genereller Zug, der seit den ersten Kreuzzügen aufgetreten ist - nicht um die Bekehrung der Muslime. Auch jene Muslime, die sich nach dem Rückzug der Mauren "bekehrt" hatten, ob unter Zwang nur dem Schein nach, oder wirklich ist da gleichgültig, wurden von den Spaniern nicht wirklich geachtet. Nun wurde es wichtig, "altgläubig" zu sein, was zwangsläufig auf eine völkische, rassische Unterscheidung hinauslief. Seit dem ersten Kreuzzug ging es um die Ausrottung oder zumindest Vertreibung des (heidnischen) Feindes. Die strikte Religionsscheidung verhinderte über all die Jahrhunderte jede völkische Vermischung.

Wobei die Spanier den selbst zugefügten Nachteil hatten, der den Mauren immer wieder leichtes Spiel ließ, daß sie gespalten waren, sich die Königreiche Aragon und Kastilien auch noch untereinander schwere Kämpfe lieferten. Erst durch die Anstrengungen des Papstes vereinten die christlichen Iberer ihre Kräfte, und drängten ab 1212 (bei Navas de Tolosa) die Mauren in die Defensive, brachen endgültig ihren Widerstand.

Und unter dem Banner des Glaubenskampfes wurde alle persönliche Gier, alle Ausplünderung und Brandschatzung feindlicher Güter gerechtfertigt, die sich ununterscheidbar unter edlere Motive mischten. Roheste Instinke werden so freigelegt, ohne daß sich das religiöse Gewissen darüber beunruhigt. Der "Heilige Krieg" der Spanier wurde zum Deckmantel persönlicher und realer Gewinnsucht und Neid. Aber noch bis ins 17. Jhd. hinein hatten spanischen Soldaten den Ruf größter Kampfstärke.

So erhielt der spanische Katholizismus im Mittelalter seinen unerbittlichen und oft auch fanatischen Zug, schreibt Pirenne, prägte in dieser Eigenart den Volkscharakter. Und nicht zuletzt in diesen Mentalitätswurzeln gründet die Kraft, mit der 1812 nicht Rußland sondern Spanien Napoleon erstmals nachhaltig besiegte. Der Niedergang des Korsen nahm in Spanien, nicht in Rußland, seinen Anfang. In seiner Niederlage auf der iberischen Halbinsel, die erstmals in der Weltgeschichte einen Partisanenkrieg, den bewaffneten Kampf eines ganzen Volkes gegen einen Invasoren, geboren hatte.

Dabei war es vor allem Kastilien, das diesen wahren spanischen Charakter repräsentierte. Von dort auch gingen jene Legenden (Rolandssagen!) aus, die sich in ganz Europa verbreiteten. Aragonien war immer mehr am Mittelmeer orientiert, und über dieses an Europa und am Handel mit der Levante, Katalonien ging mit dem reichen Handelshafen Barcelona sowieso seinen eigenen Weg, und Portugal richtete sich nach Westen, trug den Religionskrieg selbständig weiter, nach Marokko, und immer südlicher. Aber vorerst konnte sich dank dieser neuerlich aufgebrochenen Konfliktlage der schwache maurische Rest in Granada noch halten.






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Samstag, 14. Dezember 2013

Die Sache des Volkes

Es wäre aber, schreibt Henri Pirenne, völlig falsch gedacht, die Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaisertum, die sich das ganze 12. und 13. Jhd. hinzogen und mit wesentlich für den Aufstieg Frankreichs war, als einzige verbliebene Schutzmacht der Kirche. Wer so denkt, schreibt der Belgier, trägt heutiges Denken in eine Zeit hinein, die völlig anders dachte, und folgt nicht einmal den greifbaren Tatsachen. Keineswegs waren nämlich die Kaiser die Verteidiger der Freiheit der Menschen, die die Kirche zu beschneiden dachte - es war nachgerade umgekehrt, auch wenn es die Geschichtsschreibung der Neuzeit gerne anders darstellt.

Wenn sich die Päpste gegen das Kaisertum stemmten, so keineswegs aus Machtversessenheit, sondern weil sie tatsächlich die Freiheit der Religion - und damit des gesamten Lebens, denn der Mensch des Mittelalters war tief religiös - gegen weltiche Absolutheitsansprüche verteidigten. Denn was sich in Friedrich Barbarossa, was sich in Heinrich VI., und dann vor allem in dessen Sohn Friedrich II., aber nicht weniger bei deren Kontrahenten wie Otto IV., eindeutig ablesen läßt war deren Tendenz, eine Machvollkommenheit und Kaiserherrlichkeit aufzubauen, die sich am Zentralismus der Kaiserzeit des antiken Rom, noch mehr aber fast am orientalischen, der Vergötterung nahen oder gar mit ihr in eins fallenden Despoten orientierte. Mit denen sie durch die Kreuzzüge in direkten Kontakt kamen. Diesen Herrschaftsanspruch wollten die Kaiser damit auch auf die Kirche und die Religion ausdehnen, wie es im Orient der Fall war.

Die Päpste dieser Zeit vertraten also die Sache des Volkes, und das wurde auch vom Volk so gesehen. Die Verbündeten des Kaisers waren entsprechend gerade nicht jene, die ums Volkswohl bemüht waren, sondern wie bei den Städten jene, die nur ihre persönlichen Vorteile sahen.

Aber mehr noch: Der Streit um den Rang des Kaisers und den des Papstes, um die Investitur von Bischöfen und deren Rang im Reichsgefüge, muß sogar als Streit innerhalb der Kirche aufgefaßt werden. 

Aber es war letztlich die politische Sache Frankreichs, ihr Sieg bei Bouvines 1214, der die Freiheit der Kirche UND die Freiheit der europäischen Staaten (durchaus im heutigen Sinn: die Niederlage Englands und Otto IV, des Welfen, stärkte in England Volk und Adel, was die Magna Charta brachte) sicherte. Eine Entwicklung, die schließlich in Napoleon endete, der das Ende des Kaisertums universaler Prägung brachte. Dessen Todesstoß damit bereits im 13. Jhd. erfolgte. Wo das Reich zum "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" herabsank. Die einzige universale Macht, die übrigblieb, war das Papsttum.

Und mit ihm ... stieg das internationale Geldwesen auf.




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Freitag, 13. Dezember 2013

Königsmacht durch Geduld. Und Bürgergeld (2)

 Teil 2) König und Bürger - eine Zweckehe




Über die Verlagerung des Wirtschaftens auf Geld erlangten die Städte aber rasch mehr (reale) Macht als der sie umgebende Adel. Die Wirtschaftsmethoden der Landherren waren ja nur auf Eigenversorgung - eben dem alten römischen, von der Kirche übernommenen Prinzip der Domänen folgend - und Naturalwirtschaft ausgerichtet. Die Städte zogen aber die Bauern an, denn sie brauchten landwirtschaftliche Produkte, die sie mit Geld bezahlten. Damit begannen sie nach und nach, die Macht der adeligen, ritterlichen Landbesitzer zu untergraben, denn die Bauern lieferten nach wie vor ihre Abgaben an ihre Herren in Naturalien, veränderten aber ihre Art zu produzieren, produzierten erstmals über den Eigenbedarf inaus. Denn was sie da erwirtschafteten blieb ihnen auch, in barem Geld. Viele kauften sich sogar von ihren Landesherren frei. Deren Wirtschaftskraft auf diese Weise sank und sank, und zwar so beträchtlich, daß schon im 13. und 14. Jhd. der Großteil der Ritter und kleineren Landbesitzer ruiniert war.

Erstmals hatten die Könige damit wieder das, was Schmiermittel realer Macht ist - eine Finanzwirtschaft. Denn endlich wieder ergaben sich Möglichkeiten, Steuern in Geld einzuheben, etwa über Zölle, Privilegien, oder Gerichtsbußen. Während der (alte) Adel wirtschaftlich mehr und mehr geschwächt wurde, hatte der König etwas, das die Städte dringend wollten und gut bezahlten: Formale Rechte - Legitimation. Freiheitsrechte. Vorrechte. Würdentitel. Ja, in den Bürgerschichten erwuchsen der königlichen Verwaltung sogar erstmals wieder gebildete Schichten, aus denen Beamte für die Verwaltung rekrutiert werden konnten. In denen sogar die politische Abhängigkeit von der Kirche verwich. Das Blatt wendete sich sogar hier.

Genau diese Wege beschritten also die französischen Könige im 12. Jhd. Und holten sich so auch die reale Macht zurück, über das Geld, über seine neuen Verbündeten, die Bürger und Kaufleute, bis kein König in Europa so absolute Macht - die der formal nie angetasteten Macht nämlich dann nur entsprach! - in Händen hatte, wie der König von Frankreich. Der bei der Bevölkerung in einem Ansehen stand, das der Stellung des Papstes verglichen werden kann. Es ging so weit, daß dem König, dem Mittler zu Gott, auch heilende Kräfte zugesprochen wurden. Ein Mythos, der sich bis zu Ludwig XVI. in regelmäßigen Heilungszeremonien auslebte, und bis ins 19. Jhd. fortbestand.

Das französische Königreich aber stand ab dem 16. Jhd. in einer Kraft und Blüte da, in der Frankreich still und leise, über Umwege und Geduld, zur Weltmacht geworden war.




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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Königsmacht durch Geduld. Und Bürgergeld (1)

Die Entwicklung Frankreichs im 11. und 12. Jhd. zeigt exemplarisch, was sich in Deutschland, ja in ganz Europa allmählich auch abspielte, wenn auch in seiner Genese nicht gleich so klar erkennbar. Bis ins 11. Jhd. war der König von Frankreich einfach "nur da". Er hatte überhaupt keine Macht mehr, und das, obwohl der Rest "seines" Reiches ein von ihm gegebenes Lehen war.

Und die Könige trugen es mit Ruhe. Während sich in ihrer Domäne, dem Herzen Frankreichs mit Paris in der Mitte, in dem sie sich permanent aufhielten, ein in Europa einzigartiges, vom Hof her verfeinertes kulturelles Leben zu entfalten begann. Paris wurde zur ersten Hauptstadt Europas. Gründete die erste Universität Europas. Wurde zu einem Zentrum der Kunst. Erhielt die ersten gotischen Dome. Die Könige residierten einfach, ohne Macht zwar, aber in Ruhe und Frieden, und wurden selbst von allen in Ruhe gelassen und akzeptiert. Der erste Staat auf dem europäischen Festland (England war noch etwas früher dran) seit dem Ende der Antike entstand.

So unscheinbar schienen aber die Könige nach wie vor, daß die Lehensnehmer, die Herzöge der ans Kernland anschließenden Domänen, die sogar größer, reicher, mächtiger waren, nicht im Traum daran dachten, das Machtgefüge zuungunsten des Königs zu verschieben. Wozu? Er kratzte sie nicht.

Zufällig hatte über Jahrhunderte jeder König der Kapetinger auch noch einen Sohn, der zu Lebzeiten als Nachfolger installiert wurde, was alle akzeptierten. So wurde die Königswahl durch die Fürsten allmählich zu einer bloßen Zeremonie. (In Deutschland verlief die Entwicklung ja sogar umgekehrt). Bis das Königtum so selbstverständlich mit den Kapetingern verbunden war, daß niemanden mehr störte, auf die Zeremonie zu verzichten, und die Königswürde gleich erblich zu machen.

Es hielten einfach alle, Adel wie Volk, an der formalen und traditionell sakral aufgefaßten Königswürde des Königs fest. So, wie es Karl der Große eben installiert hatte, der die Verdrängung der Merowinger nur über göttlichen Auftrag legitimieren konnte, und blieben formell Untertanen - was die Lehensnehmer ohnehin praktisch kaum berührte.

Auch das Ausland interessierte sich wenig für ein realpolitisch so schwaches Königreich. Es war niemandem Bedrohung, und außenpolitisch nicht existent. Außer, daß es sich mit dem Papsttum (das sich gegen die deutschen Kaiser zu behaupten begann) mehr und mehr verband.

Da bekam die Entwicklung eine ganz eigentümliche Dynamik. Denn mit dem Aufkommen der Städte im 11./12. Jhd., die dem Handel zuzuschreiben ist, entstand zu der Zeit eine neue Bevölkerungsschichte - die der Bürger. Ein Stand, der aus dem Nichts, aus den Unfreien, oft Verachteten weil Wurzellosen gar emporgewachsen war. Ein Stand, der "in der Luft" hing, und auf formale Legitimierung brannte. Mit dem vor allem aber ein Faktor ins Spiel kam, der die Geschichte Europas von Grund auf neu bestimmen sollte - GELD. Das über Jahrhunderte in Europa nahezu verschwunden war.


Morgen Teil 2) König und Bürger - eine Zweckehe



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Montag, 9. Dezember 2013

Der Handel als Teufels Werk

Es ist naiv und blauäugig, schreibt Henri Pirenne, sich die Entwicklung des europäischen Handels als organische Evolution von kleinestem Umkreis aus auf immer größeren Warenaustausch "im Guten" vorzustellen. Er war alles andere, als er sich im 11. Jhd. allmählich wieder entwickelte. Er war das Geschäft der Boden- und Besitzlosen, der Ausgestoßenen oder Geächteten, ja vielfach der Morallosen und Verbrecher, er war eine Möglichkeit der Abenteurer und Wurzellosen, zu Macht und Geld zu gelangen. Nur wer nichts zu verlieren hatte, stürzte sich auf den Handel. Kaufleute waren Glückssucher, brauchten oft genug Wagemut, und riskierten ihr Leben. 

Lug und Betrug, List und Täuschung waren seine ersten Elemente, und er stand in so geringem Ansehen, daß ihn die Kirche ächtete, die Händlertum und Christentum für nahezu unvereinbar hielt. Jahrhundertelang war Händler und Betrügern synonym. Erst langsam, im Laufe der Jahrhunderte, entwickelte sich der Kaufmann zu einem Beruf, und sogar zu einem ehrbaren Beruf. Den von Anfang an ein seltsamer Umstand begleitet hatte: Auch wenn sich der Kaufmann faktisch meist gerade aus Unfreien entwickelt hatte, so galt der Kaufmann in seiner Wurzellosigkeit, seiner Nicht-Rückführbarkeit und Unabhängigkeit, als ... frei! Im Bewußtsein der Menschen war ihre (oft so suspekte) Freiheit eine Tatsache, ehe sie auch Recht wurde.

Im Anfang aber profitierte er schlicht von der regionalen Gebundenheit, ja Bescheidenheit des menschlichen Wirtschaftens in Europa. Niemand produzierte über seinen Eigenbedarf hinaus, ja niemandem wäre es eingefallen. Austausch gab es höchstens untereinander, in kleinstem Maßstab, unter Nachbarn vielleicht noch. 

Gab es freilich eine der häufigen und meist regionalen Hungersnöte, mußte Ware von weiter außerhalb zugekauft werden. Ein simpler Schiffer vom Rhein konnte auf diese Weise, mit ausgeprägtem Geschäftssinn, binnen Kurzem reich werden.

Denn hier etwa tauchten sie auf, die Händler, die davon gehört hatten, und woanders billig Getreide aufkauften, um es dann teuer weiterzuverkaufen. Reichte das einzelne Kapital nicht, so schlossen sich mehrere zusammen, gründeten gar Gesellschaften. Und gab es nichts zu kaufen (um es zu verkaufen), so wurden Schiffe gekapert, Beutezüge veranstaltet. Bis ins 12. Jhd. hinein war der gesamte Handel ein Handelsverkehr bewaffneter Karawanen, der "Hansen". So wurde er zugleich immer effizienter. 

Oder im Mittelmeer. Denn seit der islamische Vorstoß im 11. Jhd. seine Kraft verloren hatte, oder gar wie in Spanien und Sizilien auf erste wirkliche Gegenmächte traf, war das Mittelmeer als Transportweg wieder offen, wenn auch nicht mehr der einheitliche Lebensraum wie ehedem. Aber Genuesen, Pisaner, vor allem Venezianer nahmen den Handelsverkehr mit Alexandrien und der Levante wieder auf, wo die Waren aus Indien und China einlangten. Und seit dem ersten Kreuzzug war ohnehin ein reger Warentransport zur Versorgung der neu entstandenen Fürsten- und Königtümer im Vorderen Orient nötig. An dem sich viel Geld verdienen ließ: Versorgungsgüter wurden in den Osten verschifft, Güter aus dem fernen Osten zurückgebracht. 

Der Handel in Europa hat sich aus dem Fernhandel entwickelt. Deshalb ist alles in Europa ohne Kreuzzüge erklärbar - nur die Entwicklung der Wirtschaft nicht, die von den Küsten aus ganz Europa zu durchwirken begann. Von dort aus begannen sich die Städte wiederzubeleben, ein neues Bürgertum entstand, und der Geldverkehr in ganz Europa, den es fast nicht mehr gegeben hatte, nahm wieder zu. Erstmals entstand virtuelles Vermögen, das nicht Boden war.

Vom Süden von Norditalien und der Provence her, und im Norden von den Normannen her, die über ihren Wolga- und Dnjepr-Weg schwunghaften Handel mit Byzanz betrieben*, und als sich diese Wege schlossen über Flandern kamen. In Europa tauchten (zum Teil: wieder) Produkte auf, auf die bald niemand mehr verzichten wollte, man denke nur an Pfeffer, Schmuck, Kosmetik oder Seide.**

Aber es war die Gewinngier, die diese weiten Wege zurücklegen ließ, die Beutesucht, die die Transaktionen immer größer werden ließ. Man traute den abenteuerlustigsten Kaufleuten alles zu, vor allem einen Pakt mit dem Teufel. Sie waren ungebildete Analphabeten, denn für ihre Geschäfte brauchte niemand das Lesen oder das Schreiben. Wo immer sie sich niederließen, waren sie Zugewanderte, die bald die Ansässigen auch zahlenmäßig überflügelten, von denen sie eine tiefe soziale und ethische Kluft trennte***, die sich nur langsam schloß, indem sich eine neue soziale Ordnung bildete. Aber die Anziehungskraft der Kaufleute war enorm. Wo sie sich niederließen, zogen sie bald die Landbevölkerung in ihren Bann. Sie faszinierten durch ihre Freiheit, und boten in oft rasanter Entwicklung Arbeits- und Gewerbemöglichkeiten, sodaß sich Städte wie wir sie heute in Europa kennen heranbildeten.**** Die sich überall bald durch Sonderrechte kennzeichneten, die sie sich erworben hatten, weil ihre neue Funktion für die Macht wertvoll wurde: über das Geld.

Der brutale kapitalistische Geist entstand zugleich mit dem Handel. Er hatte ihn immer beherrscht, und war am Anfang sogar noch weit stärker, als er es heute ist. Und er entstand in einer Bevölkerungsschichte der Wurzellosen, die von Anfang an ein seltsamer Umstand begleitet: eine Stellung des Vorrechts, wie sie sie zuvor noch nie gegeben hatte.²



*Noch im 11. Jhd. war Kiew eine rein skandinavische Handelsniederlassung.

**Werner Sombart kommt ja sogar zu der Auffassung, daß der Kapitalismus sich überhaupt aus dem Luxusbedürfnis vor allem der Frauen entwickelt hat. Und so ganz unrecht dürfte er damit gar nicht haben.

***In der spätgotischen Tiroler Pfarrkirche von Schwaz befindet sich noch im 16. Jhd. eine hölzerne Trennwand zwischen den Einheimischen und den zugewanderten Geschäftemachern, den Knappen - ein illustratives Beispiel.

****Bald wurden diese neuen Siedlungen, die sich um alte Verwaltungszentren - Burgen oder Bischofssitze - herum bildeten, zum Schutz mit neuen Wällen und Steinmauern umgeben, wurden zur "Vorstadt", zur "forisburgus", zur "neuen Burg" ("nouveau bourg"). So wurden ihre Bewohner zu ... Bürgern (bourgeois).

²Selbst bei den Römern war der Bauer mit dem Stadtbewohner rechtlich absolut gleichgestellt. Das war im Europa des Mittelalters und der Neuzeit nicht so: der Stadtbewohner war bevorrechtet, genoß überhaupt bald ein Sonderrecht. Rechte aber hatte neben dem Klerus nur der Adel - als Landbesitzer, dem das uralte Recht des Freien VERBLIEBEN war. Daß bürgerliche Parteiungen dem (alten) Adel später dann vorwarfen, er habe VORRECHTE, ist also eine groteske Verdrehung historischer Tatsachen.






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Freitag, 6. Dezember 2013

Ins Gegenteil umgeschlagen

Es wäre verfehlt zu meinen, daß der von der Kirche und Religion völlig getrennte weltliche, säkulare Staat ein Erfingung weltlicher Politik wäre, schreibt Henri Pirenne. Und macht auch hier eine Linie der Entwicklung sichtbar. Denn vielmehr ist der säkulare Staat eine direkte Folge kirchlicher Entscheidungen.

Die Entwicklung ist freilich komplex. Und sie drückte sich im Investiturstreit im 11./12. Jhd., der in jeder Hinsicht gegenteilig ausging, als Kirche und Kaisertum gewollt hatten, erstmals prägnant aus. An dessen Ende die regionalen Fürsten und das sich in dieser Zeit erstmals entwickelnde Bürgertum als Sieger dastanden.

Im 10. Jhd. war das Papsttum völlig den Ränken und Begierlichkeiten römischer Adeliger und italischer Fürsten unterworfen. Es gab bis zu drei Päpste gleichzeitig, die von je einer Machtgruppierung eingesetzt worden waren. Bis Otto III. die päpstliche Macht getreu seinem (sehr hohen, idealen) Selbstverständnis als Protektor der Kirche wiederherstellte, ordnete und schützte, was für die Kaiser vorerst zu einer Daueraufgabe wurde. Weil es zu einer Einsetzung der Päpste durch den Kaiser führte. Aber damit wußte sich die Kirche immer mehr eingeschnürt und abhängig. Der Kaiser hatte sie sich selbst zum Gegner gezüchtet, denn in der Kirche selbst regte sich ein neues Selbstverständnis, ausgelöst über Reformbewegungen, die auf mönchisches Potential zurückgriffen. Mit der bedeutendsten Bewegung - jener von Cluny.

Sehr rasch wuchs der Kirche eine ungeheure Reputation und geistliche Macht im Volk selbst zu. Während der Kaiser fast zwangsläufig zunehmend Mönche aus dieser Erneuerungsbewegung wählte, um sie zu Päpsten einzusetzen.

Doch diese aus ihrer Natur heraus weltabgewandte, mönchische Reformbewegung bedeutete einen völligen Rückzug der Kirche aus der Welt, eine völlige Entflechtung, bis hin zum definitiven Verbot der bis dahin oft tolerierten Priesterehe im Jahre 1022. Sie wurde in ihrer Selbstdefinition zu einer heiligen, unantastbaren, reinen göttlichen Einrichtung, in die kein Mensch einzugreifen hatte. Und dieselben Päpste, die ihre Investitur dem Kaiser verdankten, ergriffen bald Maßnahmen, um sich aus dieser Macht zu lösen. Und sie stießen gleichzeitig den weltlichen Staat der Fürsten auf sich selbst zurück. Während das Reich des Kaisers (das nicht als Staat aufzufassen war und ist) zu einer Institution wurde, die sich völlig der göttlichen Salbung verdankte, damit vom Papst abhängig war. So sah es im 11. Jhd. auch das Volk. Nicht zuletzt auf dieses neu entfachte Selbstbewußtsein ist auch die Kirchenspaltung mit Byzanz 1054 zurückzuführen.

Was alles für das Bürgertum, das durch den aufkommenden Handel im Norden Italiens zuerst sich regte, ein willkommener Anlaß war, sich aus kaiserlichen Verpflichtungen loszusagen. Erstmals entwickelte sich also ein bürgerlich-politisches Selbstbewußtsein, das sich von der übergeordneten Macht emanzipierte. Während sich das Kaisertum selbst in seiner realen Macht ohnehin nur noch auf Deutschland bezog, weil sich der überwiegende Rest Europas - die slawischen Länder, oder Frankreich - schon zuvor emanzipiert hatte.

Wenn gleichzeitig, wie es schließlich Gregor VII. 1076 festlegte, der Kaiser keine Bischöfe mehr einzusetzen hatte, so nahm er diesem aber die Säulen seiner (weltlichen) Macht. Die die schon von Beginn unter Karl dem Großen an machtlosen Kaiser durch Einsetzung und Belehnung von Bischöfen mit Ländern mühsam aufgebaut hatten. Denn aus der Entwicklung des Kaisertums seit Karl dem Großen heraus, waren die Bischöfe, war die Kirche die bewußte und entscheidende Säule des Kaisertums überhaupt. Nahm man dem Kaiser den Einfluß darauf, schwächte man ihn politisch - und mit ihm zugleich den Schutzherren der Kirche. Die Kirche mußte sich also andere Allianzen, eigene Machtpolitik suchen, und tat es auch, wie etwa in der Allianz mit den Normannen - gegen den Kaiser, oder der späteren Anlehnung an Frankreich.

Nun waren aber in Deutschland die (meisten) Bischöfe mit Lehen belehnt, waren zugleich Landesherren. Ihnen diese Lehen zu entziehen, was einzige Möglichkeit des Kaisers gewesen wäre, hätte ihn nun in offenen Konflikt mit der Kirche gebracht. Kaiser Heinrich V., der Sohn Heinrich IV. (Canossagang ...), wagte bereits nicht mehr, Bischöfe zu investieren. 

Gleichzeitig war den Landesfürsten diese Regionalisierung der Kirche ja sehr recht, denn so konnten sie direkteren Einfluß auf die jeweiligen Bischofswahlen nehmen und damit ihre eigene Macht vergrößern - die regionalen Konsistorien, die die Bischöfe wählten, bestanden zudem vorwiegend aus adeligen Söhnen. Auch hier also war das Ziel einer Straffung der Kirche, vor allem auch in ihrer sittlichen Kraft, ins Gegenteil umgeschlagen: Noch nie waren die Bischöfe derartig unter der Fuchtel der Landesfürsten gestanden, wie im 11./12. Jhd., wenn auch in einer seltsam erscheinenden Doppelgestalt. Einesteils wurde mit der Kirche politisch gewillfahrt, anderseits wurde sie von denselben Fürsten (und vom tief religiösen Volk) mit Schenkungen überhäuft - in dieser Zeit entstanden erstmals wirkliche kirchliche Reichtümer, entstanden erstmals die prächtigen Dome und Klosteranlagen.

Aber der Einfluß des seiner Macht völlig entkleideten Kaisers auf diese Fürsten war noch nie so gering gewesen, was nicht zuletzt durch den Umstand möglich wurde, daß es zu dieser Zeit keinen größeren Angriff ausländischer Völker (im Osten) gab, der eine kaiserliche Zentralmacht ins Interesse aller Fürsten gestellt hätte. 

Gleichzeitig hatte die Kirche selbst die Entwicklung rein säkularer, von der Religion getrennter Staaten provoziert.* Und das war historisch ein Novum. Denn nie und nirgendwo in der Geschichte, weltweit, hat sich weltliche Macht auch und vor allem in den Augen der Menschen völlig von göttlichem Auftrag getrennt. Nur in Friedrich II., dem Stauferkaiser, hat sich dieser Konflikt noch einmal ausgetragen. Er endete mit der Niederlage des Kaisertums, und der Entwicklung autonomistischer, später nationaler säkulärer europäischer Staaten, die sich aus dem Bürgertum nährten.

Ein deutscher Reststaat - denn es waren bereits die Separatgründungen Schweiz, Niederlande, Luxemburg, Österreich, oder etwa die Franzisierung Lothringens bzw. des Burgund zuvorgegangen - hat sich aus dieser Entwicklung heraus ... erst im 19. Jhd. entwickelt.




*Die Idee des Reichs und Kaisers ist aber die einer "mystische Ehe", unauflöslich und in einem wechselseitigen Rhythmus mit der Kirche gekoppelt, weil sie nur so die Doppelnatur der weltlichen Macht (geistlich und politisch) in der Inkarnation des Reiches Gottes, der Kirche also, verkörpert. Die spätere Entwicklung des Kaisertums läßt sich als notbedingtes Ringen um weltlich-politische Macht, zu deren Faktor sie reduziert wurde, definieren, wo die Kaiser dieser reinen Idee in der Suche um ihr zweites Bein sogar oft treuer blieben, als die Kirche, die nicht selten ihre Rolle verweigerte, selbst jenes Bein, das sie selbst sich abschlug, zu ersetzen suchte. Und ihr "Bündnis mit dem Thron" immer wieder neu zu gründen suchte. Die Milch war aber bereits damals verschüttet.  





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Mittwoch, 4. Dezember 2013

Freiheit bedeutet Adel

Es ist nicht ohne Interessantheit, was Pirenne über die Entstehung des Adels schreibt. Immerhin ist Pirenne ein profunder Kenner der Materie.

Denn er meint, daß die Gleichsetzung der Bedeutung von "Adel" mit "Freier" im 10. Jhd. noch allgemein war. Sodaß JEDER, der FREI war, auch ADELIG war. In dieser Bedeutung ist es in die Zeit fortgewachsen. In den schneller als Deutschland sich entwickelnden Gesellschaften von Frankreich und den Niederlanden lebt das selbst in der Namensgebung - "de", oder "van", die von Deutschen als "Adelsprädikate" verstanden werden, in den betreffenden Ländern aber zum Teil sogar gar nicht - noch fort. Und in der Antike wurde er ohnehin nur so verstanden.

Nicht Adel bedeutet Freiheit - sondern Freiheit bedeutete Adel.

Nur der Umstand, daß viele, manchmal ein gesamte Bevölkerung, diese Freiheit aufgab oder aus wirtschaftlichen Gründen* aufgeben  mußte, und daß sich aus dieser Konzentration der Verantwortlichkeit auf immer weniger eine Art "Schichte" herausbildete, hat zu dem geführt, was in den deutschen Ländern den Begriff "Adel" nach heutigem Verständnis herausgebildet hat. Die Reduzierung der Freien war es also, die den Adel zu einem "Stand" machte.

Selbst, wenn man sagt, daß sich der Adel hier aus der Übernahme von Verwaltungsaufgaben, dort aus der Dienstpflicht zur Waffe - also dem direkten Dienst am König, am Staat - entwickelte, so ist soziologisch klar, daß es nur aus dem Bauernstand heraus, sowie aus der Schichte der römischen Beamten, die auch in unseren Ländern noch verblieben waren, zu solch einer Schichtenbildung kommen konnte. Wer wäre sonst dagewesen?

Aber ADEL und FREIER ist in seiner ursprünglichen Bedeutung synonym. Auf beide wurden die alten Rechtsgefüge des Familien- und Sippenrechts angewandt, sie waren rechtsfähig. Aus der faktischen Entwicklung heraus wurde dieses Recht aber zunehmend auf immer weniger anwendbar, und dieselbe faktische Entwicklung führte zur Erscheinung der "Leibeigenen".

Hier sei mit besonderer Innigkeit auf den Vergleich der Entwicklung in Bayern und Tirol hingewiesen. EIN Volk, eine Bevölkerung - ZWEI völlig unterschiedliche Entwicklungen! Die Tiroler, die bis heute sogar ihr Recht auf Waffentrage ("Schützenvereine") aus der Pflicht zur Landesverteidigung heraus bewahrt haben, waren immer FREI. Sie haben auch topographisch bedingt ihren Kampfgeist nie aufgegeben.** Im nur einen Bergkamm entfernten (und außerdem einfacher zu bewirtschaftenden) Bayern hat sich ein System der Großgrundbesitzer herausgebildet, in dem nur wenige diese ursprüngliche Freiheit behielten.



*Die mikroökonomischen Mechanismen einer Konzentration von Grund und Boden, dem Übergang vom Besitzer zum Pächter, sind vielfältig und komplex, und zu allen Zeiten und aller Orten recht ähnlicher Natur. Vor allem Ackerbauern (Kornfrüchte haben weit geringere absolute Spannen als etwa Viehzucht) waren davon betroffen. Nur einige der so häufigen Mißernten hintereinander, bei dem allgemeinem Geldmangel damals sowieso, und ein kleiner Landherr konnte ruiniert, in die Abhängigkeit genötigt sein, um zu überleben. Längerer Kriegsdienst, der jedem Freien oblag, hieß zudem längere Abwesenheit vom heimatlichen Hof, war damit doppelt belastend.

**Bis in die neueste Zeit hinein: Als im August 1915 Italien Österreich völlig überraschend iin Südtirol angriff, waren es rund 90.000 einfache Tiroler (an sich wehrunfähig erklärte) Bürger, vom Schüler bis zum invaliden Greis, die mit einfachsten Mitteln die vielfach überlegenen Angreifer wenigstens so lange gehemmt, bis nach drei, vier Wochen reguläre österreichische Truppen von der Ostfront herangeführt waren. Von den Kärntnern 1919 - gegen jugoslawische Truppen - ist nicht viel weniger zu sagen. Daß dies alles heute, in Zeiten, wo Freiheit überhaupt kein oder bestenfalls ein "ja, auch irgendwie" Wert mehr zu sein scheint, nicht mehr verstanden wird, wundert nicht. Wie früher, wird Wohlstand gegen Freiheit eingetauscht. Die Menschen waren immer gleich.





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Dienstag, 19. November 2013

Hungersnöte

Mit dem Erliegen des Handels im Europa des frühen Mittelalters (ab dem frühen 7. Jhd. zerriß der Islam die über viele Jahrtausende zusammengewachsene Kultur- und damit Wirtschaftseinheit Mittelmeer) wurde eine Gefahr aktuell, die mit der Regelmäßigkeit von Naturereignissen auftrat - den alle paar Jahre und bis ins 12. Jhd. die Lande plagenden Hungersnöten. Denn ohne Ausgleich mit fremden Produktionsorten konnten regionale Wetterkapriolen, Mißernten oder sonstige Katastrophen (Plünderungen durch einfallende Heere etwa) nicht mehr ausgeglichen werden. 

Zwar waren also Hungersnöte nun sehr häufig, aber sie waren dennoch weit weniger grausam als in späteren Jahrhunderten. Denn einmal war Europa dünn besiedelt (man schätzt, daß sich die Bevölkerungszahl vom 8. bis ins 11. Jhd. nicht verändert hat) Und dann gab es mit dem Verfall des Handels kaum noch Stadtbevölkerung, die ja völlig vom Umland abhing.

Die Städte leerten sich überall. Gab es Nahrungsmittelknappheiten, waren sie eben sofort und am schlimmsten betroffen. Kannibalismus war eine nicht seltene Erscheinung.




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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Ein neues Reich

Der Übergang von den Merowingern zu den Karolingern ist keineswegs die einfache Fortsetzung einer Staatsgeschichte, schreibt Henri Pirenne, auch wenn beide Staatsgebilde sich "Fränkisches Reich" nannten.

Die Merowinger waren wie Rom, ein Laienstaat, ihr König ein "rex francorum". Die Karolinger aber verdanken ihr Mandat der Kirche, sie waren deshalb "Dei gratia rex Francorum" - Könige von Gottes Gnade. Auch ihr Reichsgebiet hat sich dramatisch geändert. Nun sind gleich viele Germanen wie Romanen "Franken", während die merowingische Herrschaft ein quasi romanisches Volk hatte, und die Antike weiterführte. Erst hier ihnen endet die Antike, beginnt das Mittelalter.

Die Hausmeier, die Verwalter der Merowinger, sind nur scheinbar die Erben eines im 7. bis 8. Jahrhundert unter dem Ansturm wie Anlaß der Araber zu Dekadenz und Chaos heruntergekommenen Reichs. Sie gründen es in Wahrheit neu, verdrängen die Merowinger. Der Königs- und dann Kaiserbegriff, unter den Karl der Große fällt, unterscheidet sich grundlegend von dem eines römischen Kaisers - jener war Imperator. Karl und die von ihm begründete Kaisertradition ist hingegen auf ihrer Eigenschaft als Oberhaupt der Ecclesia, der Kirche, als Haupt der Christenheit als Vollbild der menschlichen Gesellschaft auf Erden, begründet. Eine Entwicklung, die ihre Entstehung - dem Einbruch des Islam in die Welt des Mittelmeeres verdankt, der das römische Reich, die antike Welt zerstört.

Nun bekommt auch die Salbung eine völlig neue Qualität, und schließt an die alttestamentliche Königssalbung an. Wo sich im König Priester- und Herrschergewalt ("Zwei Schwerter") vereinen. Die Königssalbung ist von der Priesterweihe nur wenig zu unterscheiden.* Ein Verständnis also als "Amt", nicht mythischer Abstammung eines fleischlichen Menschen. Freilich mit neuen Spannungsfeldern, die sich dann im Investiturstreit definitiv entladen, aber bis in die Gegenwart virulent bleiben in der Frage: Was ist der König? Was ist die Kirche? Welche Stellung hat die Kirche zur weltlichen Macht?

Denn mit den Karolingern sind die Könige/Kaiser der Kirche unterstellt. Ihr verdanken sie ihre Legitimität. Mit der Renaissance freilich lebt der alte Herrscherbegriff wieder auf, und spitzt sich im Absolutismus zu. Noch Ludwig II. (der Bayernkönig) wird sich im 19. Jahrhundert auf dieses alte Herrscherverständnis berufen.



*Man betrachte nur den Fall der Anglikanischen Kirche - deren Oberhaupt der König ist. Auch der Protestantismus in Deutschland wird später aus vielen Quellen dieser Richtung gespeist. Denn eigentlich lebt in Luther diese Einheit des Amtes - im Landesherren, in der staatlichen Obrigkeit - wieder auf, die der Papst Gregor VII. auseinandergerissen hat. Während bei Luther die Kirche als Institution überhaupt verschwindet.




*301013*

Dienstag, 29. Oktober 2013

Kunst der Gebildeten

Daß sich die Renaissance vielfach nicht als Kunst des Volkes durchsetzte, hat einen sehr bestimmten Grund. Und dieser liegt ... in England und Irland. Warum? Auch dafür hat Henri Pirenne eine interessante Tatsachenlogik aufgebaut.

In den Wirren der spätantiken Zeit, der in den Völkerwanderungen eine bereits norme innere Schwäche - ihre Antike wurde mehr und mehr zum bloßen (leeren, formalistischen) Epigonentum - entsprach, sank das einst im gesamten Mittelmeerraum lebendige gesprochene Latein in den Wirren des 6.-8. Jhds. zu einer simplifiziert verschliffenen Banalsprache herab. Und nahm mehr und mehr lokale Eigenheiten an. Die uns heute bekannten Sprachen - Spanisch, Italienisch, Französisch - wurden in zahlreichen Lokaldialekten grundgelegt. Der Gebildetenstand der Patrizier verschwand, der das antike Latein noch gepflegt hatte, die Gründe und Zusammenhänge haben wir hier bereits dargelegt. Niemand konnte mehr lesen und schreiben, später nicht einmal Karl der Große. Man sprach ein arg verschliffenes Latein, das nur noch an die Grammatik der Wurzelsprache erinnerte, sie schon sehr versimpelt hatte. Das alte Latein verstand bald niemand mehr.

Aber bereits im 6. Jhd. hatte Papst Gregor d. Große Missionare direkt von Rom aus nach Britannien geschickt, um dort zu missionieren. Die Insel war nie so romanisiert wie der Rest Europas, und somit hatte sich dort die germanische (bzw. gälische) Sprache als Volkssprache erhalten. Das Latein, das reine, korrekte Latein, war von Anfang an eine Kultsprache, eine Sprache des Heiligen, und der Gelehrten. Und das waren die Kleriker, nur sie konnten lesen und schreiben. Und von dorther also war es auch die Sprache der Wissenschaft. Die Renaissance ist eine Kunst (und Kultur) der antiken Bildung. Wie hätte das gemeine ungebildete Volk daran teilnehmen können, außer durch simple Nachahmung?

Karl der Große holte im 9. Jhd. britische Missionare aufs Festland zurück. Sie sollten die Germanen christianisieren, was sie auch erfolgreich taten. Weil aber auch keine Verwaltungsstrukturen mehr vorhanden waren, keine Gebildeten mehr (aber auch aus politischen Gründen, die hier zusammenspielten), bediente er sich gleichermaßen dieser Briten, um seine Verwaltung zu organisieren. Und die war in - Latein. In reinem Latein. (Wobei man nicht vergessen sollte, daß Karl das Germanische als Volkssprache schätzte, bewahren wollte, Volkslieder aufschreiben ließ, etc.) Die Missionare aber verwendeten nach wie vor das klassische Latein.

Aber mit diesem klassischen Latein kam auch die Antike wieder zurück, in der Sprache und im Wissen der literarisch Gebildeten, als Amtssprache, als Kirchensprache, und später und bis ins 19. Jhd. hinein als (abstakt-rationale und in einer seit der Antike ungebrochenen Denktradition gebliebene) Grundlage für die abendländischen Wissenschaften.

Was sich in der kleinen, der karolingischen Renaissance im 9. Jhd. zeigte stammt also aus England. Und es hat entscheidende Weichen für Europa gestellt. In ihr spaltete sich das Geistesleben des Volkes von dem der Elite, das Volk konnte die Antikenliebe der Elite, ihren Geist nicht nachvollziehen. Besonders im Alpenraum zeigt sich das sehr deutlich, wo nur der Adel eine Renaissance kannte, das Volk lehnte sie ab.

Gleichzeitig erklärt sich, daß in Italien, dem klassischen Latein sicher noch am nächsten geblieben, die Renaissance auch in die bürgerliche Sphäre weit vorgedrungen ist. (Im griechischen Süden ohnehin wieder nicht.) Desgleichen etwa in Ländern wie Ungarn, wo sich Ungarisch aus historischen Gründen (durch Tataren und Türken immer wieder starke Dezimierung der einheimischen Bevölkerung; das heutige Ungarisch begann sich erst im 19. Jhd. zu entfalten, bis 1850 (!) das Latein als Amtssprache, als einzige landesweit gesprochene Sprache abgeschafft wurde; dazu die jahrhundertelange Fremdherrschaft) lange nicht als Landessprache tauglich zeigte. In Ungarn haben auch die vielen nicht-ungarischen Bürger (in der charakterlichen Spezifik der Bodenlosigkeit, der virtuellen Heimatlichkeit) den Geist der Renaissance aufgesogen und zum Ausdruck gebracht. Vermutlich liegt der Fall in der Tschechei ähnlich, auch dort spielte das Slawische lange Zeit eine Nebenrolle, und gar keine in der Bildung. Daß sich dort der Protestantismus so markant und in Hus etwa aus sich heraus entfaltet hat, könnte in solchen (natürlich komplexen) Wirkverhältnissen begründet liegen.


Warum sich im arabischen Eroberungsraum ab dem 7. Jhd. die Naturwissenschaften aber so kräftig und deutlich früher als in Europa entwickelt haben? Die Araber hatten keine Scheu, die antiken Traditionen zu benützen, die sie reichlich vorfanden, wo sie ihnen nützlich schienen, und was ihnen gefiel. Auch in der Architektur. Noch heute wirkt jede Moschee wie eine Nachahmung der (einst katholischen) Hagia Sophia in Istambul. 

Selbst Aristoteles wurde ins Arabische übersetzt (von wo er nach Europa zurückkam - über arabische und jüdische Übersetzungen.) Gleichzeitig spielte dort die Bildungselite eine wesentlich kräftigere Rolle als gesellschaftlicher Faktor, als in Europa. Denn die arabischen Gesellschaften waren "hydraulisch-managerial", also zentralistisch organisiert. Der Individualismus, der Dezentralismus Europas, der sich nach der Antike (und unter maßgeblichem Einwirken des Zusammenbruchs des Mittelmeerraumes als einheitlicher, antiker Kulturraum) entwickelt hat, machte dort ein Wirken der Bildungseliten wesentlich schwieriger. Was der Kalif in Bagdad befahl, geschah unmittelbar und überall, die Entwicklung des einfachen Volkes blieb überhaupt stehen. Die arabische Hochkultur war also sowieso eine reine Elitenkultur. Die europäischen Kaiser konnten sich vergleichsweise ja wenig durchsetzen.

Wieweit auch arabische Lebenskultur - über Spanien, welches Kalifat sich zu einer Art "Ketzerei" des Islam entwickelte - Europa prägte, darüber kann man streiten. Immerhin zeigt die maurische Kultur in Spanien deutlich mehr Eigenleben und auch Volksdurchdringung. Wieweit die Gotik nicht nur philosophisch (arabisch-jüdische Aristotelesausgaben kamen über Spanien) von dorther (oder von den Briten/Iren) inspiriert war ist Diskussionsstoff.




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Sonntag, 27. Oktober 2013

Zum Wesen des Geldes (1)

Interessante Einblicke in das Wesen des Geldes erhält man, wenn man die Geldreform unter Karl dem Großen an der Wende vom 8. zum 9. Jhd. betrachtet, wie sie Henri Pirenne - unter diesem Blickwinkel - überzeugend darstellt. Durch das Wegbrechen des Mittelmeeres als Wirtschaftsraum war kaum noch Gold (in Münzenform) im Umlauf. Nur über die Ostsee und Skandinavien kam noch etwas Geld ins Land.

Der internationale(re) Handel brach weg, der Stand der Kaufleute, und speziell der der Großhändler verschwand. Von ihm ist nirgendwo mehr die Rede. Die Wirtschaft ging auf einen Naturalientausch zurück, der überall auf eigene Art geregelt wurde. Damit aber brach auch das Steuerwesen weg - es gab sie nicht mehr, nur noch in Form von Fronarbeit, oder als Naturalienabgabe. Vor allem die Zölle waren es ja gewesen, die die Königshäuser finanziell ausgestattet hatten. Unter Karl gab es erstmals keinen Königsschatz mehr.

Wie waren diese Goldmünzen zuvor entstanden? Fast jede größere Stadt hat sie geprägt. Woraus? Aus Dingen, die die Leute zum Einschmelzen brachten - Klöster, Kirchen etwa zahlten oft mit umgeschmolzenen Kultgeräten, die oft bewußt als Geldreserve aufbewahrt worden waren. Goldfunde und -abbau natürlich nicht zu vergessen.

Warum war Geld (Münze) notwendig geworden? Wegen der Eintauschfähigkeit im Mittelmeeraum bzw. international. Damit konnte auch in Bagdad gekauft werden, was zu erwerben wiederum in Europa gleichfalls Geld brauchte. Ware wurde also gegen Gold getauscht - und so kam Gold als Zahlungsmittel auch in Europa in Umlauf und Gebrauch. Bis Karl.

Karl hat das Goldgeld abgeschafft. Es war ja ohnehin kaum welches noch in Umlauf. Und hat die Währung auf das viel leichter zu beschaffende Silber umgestellt. Ausgehend vom Silber, wurde es in Gewichtseinheiten unterteilt zu Münzen umgeprägt. (Das englische "Pound Sterling" - Pfund - hat diese Erinnerung bis zum heutigen Tag bewahrt.) 

Man brauchte ja keine so großen Werte mehr, es gab ja seit den arabischen Eroberungsfeldzügen keinen Großhandel mehr. Zuvor war es auch üblich gewesen, daß sich mehrere Kaufleute zusammentaten, um größere Warenmengen zu kaufen und zu handeln - mit geliehenem Geld. Oder ... Sklaven. Heidnische Friesen oder Sachsen waren besonders beliebt, denn wenigstens den Handel mit Getauften hatte die Kirche erfolgreich bekämpft. Die Städte hatten ihre patrizische Bürgerschaft verloren, also gab es auch keine Absatzmärkte mehr.

Wie kam die Kirche zu dem Geld, zu Gütern? Vor allem durch Schenkungen, auch seitens der Kaufleute. Das fiel nun gleichfalls weg. Auch die Kirche also hatte (in Westeuropa zumindest) kein Geld mehr. Es gab keine Kapitalisten mehr, die Steuererträge pachteten (und damit dem König Geld ablieferten), keine Bürger die den Armen stifteten, keine Geldverleiher, die Geld verliehen. Das sogenannte "Zinsverbot", das die Kirche für ihre Diener ausgesprochen hatte, wird vom Staat übernommen. Aber das ist nicht primär Zeichen hoher Moral, sondern bezeugt nur den völligen Niedergang des Großhandels. Wen sollte es berühren? Als es sich bei Wiedererstarken der Wirtschaft hemmend ausgewirkt hatte, wurde es ohnehin wieder fallengelassen.

Das Explodieren der Zahl kleiner Marktflecken und Märkte, die, wenn sie nicht auch Münzen prägen, ohne königliche Erlaubnis abgehalten werden können, ist kein Zeichen florierenden Handels, sondern eher Notbehelf einer auf Naturalientausch und Handel in kleinstem Umfang ausgerichteten Wirtschaft, wo Nähe für Produzenten wie Verbraucher noch bedeutender wurde. Es gibt an Fertigwaren fast nur solche der bäuerlichen Wirtschaft, wie Töpfe, Schmiedearbeiten, Bauernleinen, was eben der örtliche Bedarf war. Die Zunahme von Märkten besagt also hier Verfall, nicht Prosperität.  Schon gar bei den vielen Normanneneinfällen in Gallien, die auch das Wirtschaftsleben schwer treffen. Und viele haben kleine Münzschlagestätten, so viel eben der örtliche Bedarf war.

Denn königliches Geld, ja allgemeines Geld überhaupt war kaum im Umlauf. Die oft unausweichliche Notwendigkeit zum kaum aber möglichen Handel wird zur beklagten Last.

Nur wenige überregionale, vielfach fahrende Händler kommen gleichfalls dorthin, und weil darunter viele Juden sind, verlegt man sie ... auf den Sonntag, um ihnen den Besuch zu erleichtern. Auch. Nicht nur deshalb. Die Verbindung von Kirchenfesten mit Märkten, beides Anlaß zur gesellschaftlichen Versammlung, zum Austausch, ist damals generell und häufig. Von dort stammt die Bezeichnung "Messe" für "Markt". Richtige internationale Märkte, richtige Messen, gibt es nur noch eine einzige im 9. Jhd. - in St. Denis. Einzig der Königs- bzw. Kaiserhof unterhält ein überregionales Versorgungsnetz, zum Teil durch privilegierte Kaufleute unterhalten.



Morgen Teil 2) Nur die Juden haben Geld






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Freitag, 25. Oktober 2013

Ursachenkette

Eine interessante Verschiebung war der Grund für das allmähliche Ausdünnen der Macht der Merowinger, bis sie 751 im Übergang der Krone auf die Karolinger endete, schreibt Henri Pirenne.

Der große Reichtum der Merowinger beruhte - auf Zöllen und Wegegeldern. Die durch den blühenden Handel mit dem gesamten Mittelmeerraum über das gesamte 5.-7. Jhd. den königlichen Schatz füllten. Der Einfall der Sarazenen, in dessen Folge der Wirtschaftsraum des westlichen Mittelmeeres zum Erliegen kam, brachte aber den völligen Zusammenbruch dieser Einnahmenquelle. Die Küsten waren damit verloren. Marseille etwa, das noch im 6. Jhd. über 300.000 Einwohner hatte, verödete, die Häfen waren überall leer. (Seine Rolle als Brücke Europas mit der Levante und Asien sollte ab dem 9. Jhd. Venedig einnehmen.) Der zuvor noch selbständige, zahlreiche Stand der Kaufleute verschwand fast völlig.

Damit versiegten die Einahmen, damit konnte das Königshaus seine Macht immer schwerer aufrecht halten.

Erst kam das Buhlen um die Kirche, die mit mehr und mehr Privilegien ausgestattet wurde, was ihr eine enorme Stellung im Staat einbrachte. Aber man mußte sie an der Seite haben, die Macht zu stärken. Damit aber fielen weitere Grundlagen für Einnahmen weg - etwa die Grundsteuern. Wobei die Klöster ohnehin nie die großen Handelsknotenpunkte gewesen waren. Geld überhaupt wurde bald zur seltenen Erscheinung, es wurden kaum noch Münzen geprägt. Die Zahlungen aus Byzanz, das sich damit zuvor einen starken Verbündeten gegen die Langobarden hielt, fallen aus.

In Folge des Zusammenbruchs des Wirtschaftsraums Mittelmeer (er erholte sich erst ab dem 9. Jhd., aber nur im östlichen Teil, eben durch Venedig bzw. Byzanz und Süditalien, die je starke Flotte unterhielten, etwas das den Franken nie gelungen ist) verlagerte sich in ganz Gallien und Germanien der Wirtschaftsschwerpunkt nach Norden, ins Binnen- und Festland - namentlich auf den Boden, auf die bäuerliche Wirtschaft, den (geldlosen) Naturalhandel. Das hieß nun eine Stärkung der Grundbesitzer, und damit der Bauern und vor allem des Adels. Um diesen bei der Stange zu halten, wurden auch ihm nach und nach mehr Konzessionen gemacht, damit aber die Macht des Königshauses, die natürlich auf Geld beruhte, immer weiter geschwächt, bis der König ganz in der Hand des Adels war.

Nachdem das Meer versperrt ist, zerfällt aber die Ordnung in den Städten, an sich Säulen königlicher Macht. Damit fehlen die Patrizier, die Bildungsschicht, aus der die Bischöfe, Geistlichen und Verwaltungsbeamten rekrutiert werden. Und so gerät mit ihnen die Kirche im Süden Galliens in heillose Unordnung. Für Jahrzehnte, ja Jahrhunderte verschwinden Bischofssitze, werden nicht mehr besetzt. Damit fällt die letzte Stütze des Königs.

Ende des 7. Jhds. versucht das Königshaus noch einmal, die Verwaltung durch Beamte (aus niedrigerem Stand) zu zentralisieren - Macht zurückzuholen. Aber ohne Erfolg, es kommt zum Widerstand, bereits unter dem Argument mangelnder Legitimität, dem Widerstandsrecht gegen die "Tyrannei", den das Königshaus 680/83 verlor und teuer bezahle. Sie werden zu bald lächerlichen Schattenkönigen, und die Frage um ihre Herrschaft zur Frage um ihre Fähigkeit dazu. Anarchie bricht aus, das Land wird zerstückelt, das Königshaus kann sich nicht mehr wehren. Die Vormacht des Nordens - Austrasiens - in Gallien beginnt, unterstützt von den dortigen Bischöfen. Mit den schwachen Königen, die dennoch ein bis zuletzt mächtiger mythischer Volksglaube an die göttliche Sendung der Merowinger trägt, brechen erstmals Spannungen zwischen dem antik-romanischen Süden und dem germanischen - anti-antiken, aber immer mächtigeren - Norden auf. 683 übernimmt bereits ein nordgallischer (austrasischer) Hausmeier, der den König regelrecht ignoriert, die faktische Macht über das ganze Frankenreich.

Und auf dieser faktischen Macht wird dann die Entscheidung des Papstes Zacharias Bezug nehmen, als man ihn 751 fragt, wer die Königskrone tragen solle - der "legale" Merowinger, oder der, der die Macht eines Königs habe. Der Papst entscheidet sich für den Karolinger Pipin. Und weil er in Folge der Eroberung des Mittelmeerraumes durch die Araber und einem damit geschwächten Byzanz von den Langobarden bedroht wird, also die Franken als Schutzmacht braucht, bricht der nächste Papst Stefan II. 754 erstmals mit dem Kaiser in Byzanz, unterstellt sich dem Schutz Pipins - dem abendländischen Kaisertum unter Pipins Sohn Karl wird in der Folge der Weg geebnet.

Ohne Mohamed, ohne die Zerstörung der Einheit des Mittelmeerraumes durch die Araber, wäre es nie zu einem abendländischen Kaiser gekommen, und hätte sich keine römisch-germanische Kultur entwickelt.





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Mittwoch, 23. Oktober 2013

Der Islam unterwirft (2)

Teil 2) Was die Germanen anders machten




Und diese Katastrophe war zuallererst ... der Angriff der Sarazenen, die Eroberungskriege des Islam. Die Byzanz, das römische Reich völlig unvorbereitet trafen. Niemand hätte damit gerechnet, Byzanz erwartete stets die große Gefahr im Norden und Westen. Sie kam aus dem Südosten. Und versetzte binnen weniger Jahrzehnte der zur Gänze die römische Antike weiterführende Kultur in Europa den Todesstoß. Aus Arabien, das Erschöpfungsphasen der Nachbarn - vorübergehend in Byzanz, definitiv in Persien - nutzt, um sich blitzartig und wie in einem Wunder kriegerisch auszubreiten. Verglichen mit diesem Angriff des Islam sind die Germaneneinbrüche Randereignisse gewesen.

Dazu kamen, aber nur in dieser Gemeinsamkeit und Gleichzeitigkeit so schwerwiegend, die Eroberungs- und Zerstörungsfeldzüge der Magyaren und Awaren, die Europa in Angst und Schrecken versetzten, und Handel und Wirtschaft, das gesamte Kulturleben nachhaltig auf niedrigstes Niveau zurückgehen ließen.

Was aber macht die Araber so erfolgreich? Warum assimilieren sie sich nicht auch, wie die Germanen, denn sie sind zahlenmäßig in etwas der Größenordnung wie die Germanen. Der Grund ist geistig. Die Germanen nahmen allesamt das Christentum an. Die Araber aber waren von einem neuen Glauben durchglüht. Und das, das allein hat sie unassimilierbar gemacht. Sie übernehmen genauso schnell die die Germanen die Zivilisationstechniken des römischen Reiches. Und sie sind erst auch keineswegs fanatisch darauf bedacht, daß die Unterworfenen ihre Religion annehmen. 

Aber ihre Religion ist ein nationaler Glaube. Alle müssen sich Allah unterwerfen. Die Araber verstehen sich als Diener Gottes. Sie wollen nicht Bekehrung, sie wollen Unterwerfung. Sie herrschen, wo sie einbrechen, und es gibt keine Verschmelzung mit den Unterworfenen, die sie als würdelose, niedrige Geschöpfe betrachten, die sie allerdings dulden. Wer in ihre Kategorie aufsteigen will, muß sich zu Allah bekehren, ihre Sprache annehmen, mit seinem Vaterland und Volk brechen, das Recht Allahs annehmen. Die Germanen romanisieren sich, assimilieren sich - der von den Arabern eroberte Römer aber muß zum Araber werden.

Als das römische Reich christlich wurde, hat es seine Seele verändert. Als es islamisch wurde, mußte es Seele und Leib verändern.

Mit einem male zerreißt die Einheit des Mittelmeeres, und zwei unvereinbare Kulturen stehen sich (feindlich) gegenüber. Das Meer, das die Mitte der Christenheit gebildet hat, einen Kulturraum, wird nun zur Grenze. Eine tausendjährige ganz reale und kriegerische Bedrohung bricht an, zu Land (Spanien, Südfrankreich, Italien/Sizilien hier, Byzanz, später Balkan dort) wie zur See. Die erst im 16. Jhd. zur See, im frühen 18. Jhd. durch die Siege der Österreicher gegen die Türken zu Land endgültig entschärft wird. Aber der Islam bringt einen seit urdenklichen Zeiten bis ins 7. Jhd. florierenden Kulturraum zum Erliegen.

Mit dem Einbruch der Araber also erst endet die Antike, die Germanen fast unverändert weiter bestehen haben lassen, ja übernommen haben. Das ist der große Kultureinschnitt, nicht die Völkerwanderung. In Europa beginnt erst jetzt eine neue Epoche, das Mittelalter. Und es muß ohne das gesamte westliche und südliche Mittelmeer beginnen, das für viele Jahrhunderte eine mohammedanische See bleibt. Aber fast könnte man sagen, daß es erst in dem Maß aufzublühen beginnt, in dem das Mittelmeer - und damit die Antike - wieder lebendiger Teil dieser Kultur wird.




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