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Samstag, 25. Juli 2020

Ersatzformen der Freiheit

Dieser Beitrag baut auf einem Artikel aus dem Jahre 2013 auf - wie die Zeit vergeht! Als wäre es erst gestern! Auch inhaltlich sind die sieben inzwischen vergangenen Jahre ohne Belang. Nichts an der Aussage ist weniger frisch, und das heißt: weniger notwendiger Faktor in jenem Sprachraum, der sich "öffentlicher Diskurs" nennt. Und an dem jeder teilhat, jeder. Ob er nun Medien konsumiert oder nicht. Denn keiner ist alleine, jeder ist im Rahmen eines sozialen Raumes zu sehen.

Was die Brutalität und Unmenschlichkeit des Lockdowns, den wir erfahren haben, erst so richtig deutlich macht. Nur wer fern der Vernunft ist, kann so etwas überhaupt ersinnen und verhängen.

Ein Problem das vor allem dadurch entsteht, daß, wie Étienne de la Boétie in dem kleinen Büchlein "Von der freiwilligen Knechtschaft" (engl. "Politics of Obedience") etwa im Jahre 1550 sagt, die Führungsschichte eines Landes immer klein ist und in sozialen Sonderbedingungen lebt, die sich von denen der von ihnen Beherrschten grundlegend unterscheidet. Wollte das Volk nicht, wäre kein Herr stark genug, um es zu beherrschen. Aber ... das Volk kuscht, denn der Normalbürger ist feige. Seit je. Aber ist es nur Feigheit? Nein. Es ist schlicht Desinteresse, Indifferenz, die der eigenen Freiheit entgegengebracht wird.

In seiner entschiedenen Gegnerschaft zu Machiavellis Staatsschriften, in denen erstmals der Staat als Maschine betrachtet wurde, als Apparatur, die zu bedienen und zu beherrschen ist, stellt sich deshalb de la Boétie, der ein enger Freund von Michel de Montaigne war, vehement gegen diese menschenverachtende Auffassung. Die die endgültige Trennung des einst (wie immer und überall!) familialen Zusammenhangs von Herrschaft und Volk in dieser Zeit endgültig und völlig auseinanderreißt.

So sehr auseinanderreißt, daß anarchische Grundstimmungen wie die von de la Boétie entstehen. (Heute nennt man das "zivilen Ungehorsam".)

Eine allgemeine Haltung und Stimmung der Unterwerfung entstand, die er hellsichtig als die kommende Weise sieht, in der Politik gehandhabt und betrachtet werden wird. Und er hatte völlig recht. Das Zeitalter des Absolutismus ist dabei nur scheinbar in eines der aufgeklärten "Volksgesellschaften und -staaten" übergegangen - beides sind nur andere Formen ein- und derselben unmenschlichen Art der Staats- und Volksbetrachtung. Diese zerstört die Essenz des Menschseins, die Freiheit, in ihrer Wurzel, und muß umso mehr von ihr und der Vernunft, ihrem Medium, sprechen, und wird weil muß Täuschungs- und Ersatzformen anbieten.

Giorgio Agamben vergleicht diese Haltung als die des bloßen Bewahrens des "nackten Leibes". Menschsein wird nur noch damit verknüpft. Alles andere ist disponibel und dem Bürger abzusprechen. Dem es damit wie dem KZ-Insassen geht. Auch der hat schließlich seinen Lebensanspruch auf das nackte Überleben reduziert weil reduzieren müssen, und das hat ihn dem KZ-Personal gegenüber sogar weitgehend unangreifbar gemacht. Was hätte man ihm noch nehmen können, außer das nackte Leben? War der nicht schon glücklich, wenn man ihm das blanke Brot gab?

Was bleibt uns bei einem Lockdown, wie wir ihn erlebt haben und mit dem die Politik genau das macht: Uns aufs blanke Überleben reduzieren. Oder damit auf eine Weise droht, die nicht nur unverschämt, sondern die einfach nur noch empörend ist. Sebastian Kurz wagte es erst dieser Tage tatsächlich, bei der neuerlich auferlegten, umfassenden Maskenpflicht von einem pädagogischen Sinn zu sprechen: Die Maske würde die Aufmerksamkeit der Menschen wieder mehr fokussieren! Das läßt sich ein Volk von einem Rotzbuben (und seine Kollegen sind vom selben Kaliber) gefallen, ja begrüßt das auch noch!

Dabei ist die Maske selbst unter strengsten medizinischen Aspekten dermaßen fragwürdig, daß sie sogar von vielen Medizinern als kontraproduktiv eingestuft wird. Und die per Strafe verhängten Anwendungsregeln sind dermaßen a-vernünftig und willkürlich, daß einzig Verwirrung (als "allgemeine Aufmerksamkeitshaltung", die aber von niemandem wirklich in richtiges Verhalten umsetzbar ist, weil es keine vernünftigen Kriterien GIBT) die Folge ist. Das ist wohl gewollt.

Anstatt über Menschenwürde und Freiheit zu diskutieren, diskutieren wir (beziehungsweise die meisten) jedoch weiter täglich über "Fallzahlen", "Infektionsraten", als ergäbe sich das eine notwendig aus dem anderen, als hätte das eine mit dem anderen zu tun. Wechselweise. Die von (unseren) Steuergeldern gekauften Medien sorgen schon dafür, daß das auch so bleibt.

Aufklärung tut not

Aufklärung kann heute nicht mehr heißen, „Befreiung der Vernunft aus ihren Täuschungen, sondern Befreiung von der Täuschung, welche die Vernunft selbst ist."
Und Vernunft als solche wäre dann Täuschung, wenn sie nur vorgeben könnte, aus sich auf ein Ganzes von Einsicht orientiert zu sein und dann auch durch sich aus dem Inbegriff von Täuschung befreit sein zu können."
(Dieter Henrich)

 


Es gibt sie nicht, die weltimmanente "objektive" Vernunft. Sie ist aus dem Ganzen eines Menschen, aus seiner Subjektivität, aus dem Antwortsein auf die Begegnung mit der Welt, nicht herauszulösen. Und sie ist damit nicht von der Grundhaltung eines Menschen zu trennen. Es gibt also keine Vernunft außerhalb der Wahrheit, die selbst personal ist. Entscheidung zur Vernunft kann also nur eine personale Entscheidung sein. Nicht das ist gefährlich, sondern gefährlich ist zu meinen, es gäbe eine nicht-personale Wahrheit einer technischen, maschinellen Objektivität, die vom Personalen zu trennen sein könnte, die keine personale Qualität hat. Es gäbe Information, die nicht eingeordnet wäre in eine Gesamtsicht und -haltung zu Welt und Wirklichkeit. Die nicht auf philosophischen und noch zuvor religiösen Vorentscheidungen beruhte. Solche Informationsverarbeitung wäre leeres, sinnloses Formalspiel, wäre es überhaupt möglich. Denn schon die Entscheidung, was überhaupt Information IST, ist nur von einer Gesamtsicht her möglich.

"Vernunft ist nur Werkzeug, sie bedarf eines vorgängigen „Ganzen“, auf das sie sich richtet, mehr noch: von dem und an dem sie selbst ausgerichtet wird. Der biblische Gott wird so zum befruchtenden Wider-Stand der Vernunft.

Christentum wird als Unruhe in der diesseitigen, immer gleichförmiger, immer antwortloser werdenden Kultur verstanden. Denn die Vertröstung auf das Diesseits wirkt nicht mehr; seine Schalheit ist zu offenkundig. Die allenthalben wuchernde Religiosität, [...] und die neuerdings dagegen auftretende, sich „naturwissenschaftlich“ gebende Religionskritik greifen ineinander wie Räder eines leerlaufenden Zahnrads. Daß es eine 3.500 Jahre erprobte Überlieferung gibt (Altes und Neues Testament zusammen gesehen), die gegen die Götzen (der Selbstanbetung, der Dämonie im Menschlichen, der „Naturmächte“) einen wirklichen und wirksamen Gott stellt, scheint heute eine neue Botschaft zu werden."

 (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz)


*220720*

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Von sich auf andere

Montaigne, schreibt Erich Auerbach, zielt bei der Erforschung des beliebigen eigenen Lebens auf die Erforschung der condition humaine überhaupt ab. Und er offenbart damit das heuristische Prinzip, dessen wir uns, bewußt oder unbewußt, in verständiger oder unverständiger Weise dauernd bedienen, wenn wir die Handlungen anderer Menschen zu verstehen und zu beurteilen bemüht sind, seien es die Handlungen unserer nächsten Umgebung oder ferner liegende, politische oder geschichtliche: wir legen an sie die Maßstäbe, die uns unser eigenes Leben und unsere eigene innere Erfahrung bieten; so daß unsere Menschen- und Geschichtskenntnis abhängig ist von der Tiefe unserer Selbsterkenntnis und der Weite unseres moralischen Horizonts.

Er ist sich selbst genug, schreibt Auerbach, Montaigne ist sich selbst Studiengegenstand, denn nichts kann er so gut kennen, wie sich selbst, alles andere ist unsicherer. Deshalb lehnt er auch jede abstraktive wissenschaftliche Methode ab, er hat kein Vertrauen zu ihnen.

Wenngleich seine Herangehensweise - das Ausleuchten aus beliebig auftauchenden Winkeln - genau deren Vorgehensweise ist. Aber Montaigne braucht keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, sie nützen ihm nichts. Nur das Menschliche fesselt ihn. Wie Sokrates könnte er sagen, daß ihn der Baum nichts lehrt, aber der Mensch in der Stadt.


*011211*

Mittwoch, 6. April 2011

Wenn die Kirche endlich weg ist

"Wenn die religiöse Geisteshaltung unterminiert ist," schreibt Eric Hoffer unter Bezug auf Tocqueville, "wird die aufkeimende Massenbewegung nationalistisch, sozialistisch oder rassisch geprägt. Die Französische Revolution entstand nicht als Reaktion gegen die harte Tyrannei der Katholischen Kirche und des Ancien Regime, sondern gegen deren Schwäche und Wirkungslosigkeit." 

Den nächsten Satz lassen wir weg, und bringen ihn an anderer Stelle, später einmal. Hoffer rechnet auch die Kirche zu den Totalitarismen, und da geht er prinzipiell zu weit, weil er die Mechanismen der Identitätsbildung an sich falsch sieht, ja da übersieht er sogar das prekärste Gefahrenmoment des Totalitarismus: das der wirklichen Identitätsstiftung. Nicht jede Großeinheit ist schon deshalb und prinzipiell totalitär, weil sich in ihr individuelle Ziele zusammenfassen und weil sie Identität stiftet. Aber das ist ein anderes Thema.

So sehr, keine Frage, dieselben Mechanismen auch in der Kirche zu beobachten waren, ja in so manchen Strömungen regelrecht Renaissance erfahren, und nicht selten in Bewegungen, die als "neu" tituliert - nichts sonst tun, als solche Vermassungsphänomene in die Kirche zu tragen, wo sie fröhliche Urstände feiern.

Doch darf nicht übersehen werden, daß der Fanatismus wie die Vermassung, als Aufgehen des Ich im Kollektiv, die Perversion eines an sich natürlichen Selbstüberschreitens in der Hingabe sowie Hingeordnetseins des Menschen auf die Einigung mit dem Allen, dem Sein, mit Gott darstellt. Das zu unterscheiden aber ist nicht wirklich schwer. Es verlangt allerdings präzise Differenzierung und dafür Kenntnis der Materien. Dann stellt sich sehr rasch heraus, daß der Mißbrauch bzw. das Mißverständnis des wirklichen Vorgangs des Glaubens (wie auch in der Mystik) nur aus mangelnder gedanklicher, geistiger Durchdringung, dem Herausgreifen von Schlagworten und aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen stammt. Ja, im letzten immer wieder an persönlichem Fehl und unredlichem Wollen scheitert: als simple Abkürzungen, um vor allem den Boden aller Gottesnähe, die Läuterung, die Reinigung, zu umgehen. Gerade die Selbstaufopferung kann eben NICHT Flucht vor sich selbst sein - und genau hier scheiden sich die Geister.

Wobei im Grunde auch hier gilt: Auf der Ebene der Phänomene macht Hoffer in "Der Fanatiker" - einer Materialsammlung, wie er immer wieder betont, kein "Lehrbuch" - in jedem Fall phänomenale Beobachtungen. Denn er erfaßt auch diesen Punkt, wenn er schreibt, daß "die Technik einer aktiven Massenbewegung im Wesentlichen darin besteht, daß sie Neigungen und Reaktionen einzupflanzen sucht, die dem Gescheiterten angeboren [natürlich] sind."

***

"Alles was ich sage, ist Gespräch, und nichts davon sei Rat! Ich spräche nicht so kühn, wenn man mir glauben müßte."

(Michel de Montaigne)

*060411*

Mittwoch, 22. April 2009

Kaum zu greifender Fisch

Liest man Montaigne über längere Zeit, erfährt man regelrecht sinnlich, wie sich alles Denken in seinem Skeptizismus auflöst, demgegenüber sich innerlich Skepsis meldet: Man wird ärgerlich angesichts einer immer deutlicher werdenden Absicht, sich auf jeden Fall einer geordneten Denkweise zu entziehen, weil man sie nahezu als Faul- und Feigheit erlebt, die Dinge schlichtweg nicht auf einen Punkt zu bringen.

Vor allem im zweiten Band seiner Essays zeigt sich dies durch deren Ziel- und letztlich sogar schon Aussagelosigkeit. Bei aller Frische, die man in seinen Schriften oft genug findet und die deren Lesen zu einer Art "Spiel am lauen Sommerabend" machen. Dort hörte ich auf, seine Gedanken werden zum leeren Gescheppere, langweilig. Ständige, fast prinzipielle Skepsis trägt einfach nicht.

Angeblich hat er diese Haltung im dritten Band bereits etwas überwunden. Ich werde es zu späterem Zeitpunkt testen.




*220409*

Dienstag, 2. Dezember 2008

Über das Vorherwissen

"(... denn da ihm alle Dinge gegenwärtig sind, sieht er sie vielmehr, als daß er sie vorhersieht), ... in Wahrheit sehen wir es so kommen, weil es so kommt; aber es kommt nicht so, weil wir es so kommen sehen. Das Geschehen macht das Wissen, und nicht das Wissen das Geschehen. Was wir kommen sehen, kommt so; aber es konnte auch anders kommen; und Gott sieht im Buch der Ursachen des Kommenden, das vor seiner Allwissenheit aufgeschlagen liegt, auch jene, die wir zufällig nennen, und die willkürlichen, die in der freien Wahl stehen, mit der er unseren Willen begabt hat, und er weiß, daß wir fehlen werden, weil wir haben fehlen wollen." 


(Montaigne)




*021208*

Dienstag, 4. November 2008

Feine Früchtchen

Über Bias, einem der legendären sieben Weisen und Richter der griechischen Antike (6. Jahrhundert), berichtet Diogenes Laertes: das Schiff, mit dem er eines Tages unterwegs gewesen war, geriet in einen Sturm und drohte zu sinken. Alle Seemänner warfen sich zu Boden, um die Götter um Rettung anzuflehen. Da herrschte Bias sie an: sie sollten schweigen! Damit die Götter nicht entdeckten, daß sie hier bei ihm seien ...

Umgekehrtes wird von Albuquerque, dem Vizekönig Emanuels von Portugal in Indien, berichtet: der nahm in höchster Seenot einen unschuldigen Knaben auf seine Schultern in dem einzigen Gedanken, daß ihm in der gemeinsamen Bedrängnis dessen Unschuld zur Bürgschaft und Empfehlung an die Gnade Gottes diene, um ihm so Rettung zu bringen. (Montaigne)



*041108*

Freitag, 31. Oktober 2008

Grüne Pole

Sprach ich vor ein paar Tage noch von Widersprüchen innerhalb der Grünen Partei Österreichs, so möchte ich nach dem Lesen eines Interviews (siehe Titelverlinkung) ihres EU-Abgeordneten Voggenhuber präzisieren:

Voggenhuber verkörpert den "sozialen Flügel", und er tut dies mit aller Konsequenz, die Linke aus der Phänomenologisierung sowie Priorisierung bestimmter Werte vermögen: auch um den Preis des Freiheitsverlusts, von dem so oft schon hier die Rede war. Der einstige EU-Paradegegner, einer der wenigen aus der Zeit der Abstimmung 1993, wurde - kurioserweise - zum EU-Parlamentarier der Grünen. Mittlerweile ist er der Logik zum Opfer gefallen, wonach die Gewöhnung das größte Mittel der Überzeugung ist, wie Montaigne einmal meint. Nichts ist nach Voggenhuber so wichtig wie die EU, die der derzeitigen Krise mit massiver Kraft gegensteuert. Nur so könne der Sozialstaat aufrechterhalten bleiben.

Da hat er recht. Der braucht Wirtschaftswachstum und Enteignung. Um jeden Preis. Auch um den der Ökologie.

Im Zitat: Die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise zeige, dass die EU eben nicht abgehoben sei. "Die Antworten auf die Krise kommen jetzt aus Brüssel. Wichtige Aufgaben werden von der EU besorgt."
Der Grün-Politiker ist überzeugt, dass die EU mit dem Vertrag von Lissabon "noch besser für die Zukunft gerüstet ist damit vor allem das Demokratie-Defizit überwunden wäre. Die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Vollbeschäftigung und die soziale Marktwirtschaft sind darin vertraglich abgesichert."





*311008*

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Notgriff zum Zweifelhaften

Einerseits warnt Montaigne eindringlich, den eigenen Geist, das eigene Fassungsvermögen als Maß des Erkannten und Erkennens zu setzen. Auf der anderen Seite sind seine Schriften ein einziges Zeugnis seines Ringens um ein eigenes Urteil als Kennmal der Freiheit.

Darin offenbart sich die Brüchigkeit des menschlichen Erkennens, die nach Demut schreit, und deren Behauptung im Akt des Selbstseins doch unumgänglich ist: in diesem fast verzweifelten Wissen um die Brüchigkeit der Instrumente, mit denen wir hantieren müssen.




*291008*

Die Hölle, statt nichts

Papini bezweifelt die Glaubwürdigkeit von Volkssagen wie dem Faust: ob ein Mensch denn tatsächlich so dumm sein könne, für ein Vergnügen von ein paar Jahren die ewige Verdammnis (durch den Teufelspakt) einzutauschen.

Ich will ihm mit Montaigne antworten, der darauf hinweist, daß das Wesentliche der Erkenntnis und der Neigung des Urteils die subjektive Vorstellungskraft ist, die das Ziel lohnend oder nicht macht.

Wer kann sich Ewigkeit, wer Himmel, Hölle vorstellen? Da gewinnt rasch einmal der verführerische Schooß einer Maid.

Ansonsten pflichte ich Papini bei, wenn er anführt, daß der wichtigste Grund für Teufelsanbeterei, Hexerei, Magie bloße Eitelkeit und Geltungsstreben, naive Träume von Macht sind: wenn schon nicht Gott, so über den Teufel die Wirklichkeit beherrschen. Papini nennt diesen Ehrgeiz schlicht: albern. Nicht zufällig taucht der Teufel als Gestalt der Literatur in der Romantik so häufig auf.




 *291008*

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Von falscher Milde dem Unredlichen gegenüber

Aditum nocendi perfido praestat fides. - Die Redlichkeit bahnt dem Unredlichen den Weg zur Untat.

"... so ist es eine gefährliche und unbillige Pflicht, sich in allen Stücken maßvoll gegen jene im Zügel zu halten, die keine Schranken kennen, denen alles erlaubt ist, was ihr Vorhaben befördern kann, und die keine andere Satzung noch Ordnung haben als ihren Vorteil zu verfolgen."

(Montaigne, "Über die Gewohnheit, und: daß ein in Brauch stehendes Gesetz nicht leichterdings geändert werden soll".)



*231008*

Die mächtigste Meisterin der Natur

Montaigne führt als Beispiel für die manchmal kaum glaubliche Macht der Gewohnheit die Bewohner der Nilkatarakte an: umgeben vom tosenden Lärm der wilden Wasser hören sie diesen gar nicht! Was jedem hinzukommendem Fremden sofort auffällt, ist für sie regelrecht unhörbar. Sie sprechen sogar untereinander in normaler Lautstärke, denn sie filtern dieses Tosen aus ihrer Wahrnehmung!

So stellt Montaigne eine andere, nicht uninteressante Frage: Was hören wir sonst noch alles nicht?

Das Geknirsch des Weltgetriebes, wie Montaigne (bildhaft in der Vorstellung vom Reiben der Himmelskuppel auf der Erdscheibe, der Gestirne auf der Himmelskuppel) meint?

Anhand zahlreicher Beispiele zeigt der Franzose (der von 1533 bis 1592 gelebt hat) wie weltweit unterschiedlichste und widersprüchlichste Gewohnheiten entstanden sind. So weist er auf die Rolle der Gewohnheit im Aufbau des Gewissens hin. Mit der besonderen Problematik der Rolle des Sozialen im subjektiven Gewissen. Denn das Überkommene wirkt wie das Natürliche und damit Richtige. Das Problem entsteht somit dort, wo das Überkommene der (ersten) Natur des Menschen widerspricht. (Denn der Zeitraum, wo die Natur in ihrer Art der Selbstregulierung dies zugrunde gehen läßt, ist für den Einzelnen meist zu lang, um aus dieser Erzählung zu lernen - befaßt er sich nicht mit Geschichte.)

So mächtig aber auch die Gewohnheit sein mag - sie schafft keine neue erste (entelechiale) Natur, sondern bezieht sich in ihrer zweiten Natur, jener der Gewohnheit, auf diese. Die Natur der Gewohnheit ist in ihrer Gestalt des Faktischen also der Modus, in dem die erste, die wahr sein wollende Natur, verwirklicht ist. Sodaß die Tugend leicht als "Gewohnheit zum Richtigen" verstanden werden kann.

Das sind für Montaigne auch die einzig wirklich sinnvollen Erziehungsziele: nicht um die jeweils vielleicht kleinen oder auch anders zu interpretierenden Handlungen selbst geht es, sondern um ihr Verhältnis zur Gewohnheit, damit um die innere Struktur einer Handlung.



*231008*

Dienstag, 21. Oktober 2008

Qualität, nicht Quantität

Es ist vielsagend, daß die Länge oder Kürze eines Lebens nie eine Aussage über den Menschen selbst beinhaltet. Vielmehr sind es seine Taten. Und hier wiederum werden in einer Reihenfolge jene Taten am höchsten geschätzt, die dem Kriterium der Ewigkeit am nächsten kommen: die bleiben. Und sei es, weil an ihnen die Tugend, die sie benötigten, am höchsten geschätzt zu werden verdient.

Montaigne formuliert es trefflich so: "Die Nützlichkeit des Lebens ist nicht in der Länge, sie ist im Gebrauch. Weder der Mensch, noch das Leben wird nach Ellen gemessen."

"Wenn auch Dein Alter noch nicht vollendet wäre - Dein Leben ist es. Ein kleiner Mensch ist ein ganzer, gleich wie ein großer."

"Jeder Tag ist ein Schritt auf dem Weg zum Tod. Der letzte langt an."




*211008*

Über allem - der Tod

Montaigne empfiehlt, Delinquenten vor ihrer Hinrichtung statt an die Stätten ihrer Verbrechen durch die Häuser der Reichen zu führen, Ihnen so die Lockungen dieser Welt, deretwegen sie - mit dem Ziele, sie sich unrechtmäßig anzueignen - ihre Untat begangen hatten, noch einmal vor Augen zu führen. Den Effekt also, den auch die sogenannte Henkersmahlzeit, die "letzte Zigarette", der "letzte Wunsch" im Grunde erzielen, zu erhöhen.

Denn die endgültige Perspektive, der Tod, die zugleich die Perspektive aller Menschen ist, wird dem Delinquenten (und: in gewisser Weise sind wir alle solche) die Relativität und Unbedeutendheit weltlicher Genüsse zeigen. Ihm damit vielleicht mehr Reue erwecken, als alle übrigen Maßnahmen vermöchten: weil er somit leicht erkennt, daß er für "nichts" allen möglichen wirklichen Lebensgenuß (der eine Frage der Tugend ist) aufgegeben hat.

"Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod," schreibt Montaigne. Dieser Gedanke erschreckt uns jeden Augenblick. Der Ausweg der gemeinen Menge ist, den Tod zu verdrängen. Damit geht der Mensch in seine eigene Falle.




*211008*

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Die Haltung dem Tod gegenüber

In einem seiner früheren Essays bedauert Montaigne die Furchtsamkeit, die die Menschen heute fesselt. "Jede Meinung ist stark genug, um unter dem Einsatz des Lebens verfochten zu werden."

Gerade unter dem einfachen Volk seien aber oft Gegenbeispiele zu finden, deren Montaigne einige anführt. So erzählt er von einem zum Tode Verurteilten, dem vorgeschlagen worden war, daß er eine stadtbekannte Dirne heiraten solle, dann ließe man ihn am Leben. Ein häufig anzutreffendes Vorgehen. Der Mann besah sich aber die Frau, und als er sah, daß sie hinkte, zog er es unter Spottrufen für die Dirne vor, zu sterben.

Oder: Bei Einnahme der Stadt Arras durch Ludwig XI. (1477; Krieg Frankreich/Habsburger unter anderem um Burgund) ließ sich eine erkleckliche Anzahl Bürger lieber hängen als zu rufen: Es lebe der König!

Aber auch Beispiele anderer Art finden sich bei ihm: So habe ein Henker dem Delinquenten von seinem Weinkrug zu trinken angeboten. Der habe aber abgelehnt. Er fürchte, sich von den Blattern anzustecken, die in der Gegend grassierten.

Ein anderer habe gebeten, ihn zum Galgen nicht durch eine bestimmte Gasse zu führen. Dort sei ein Schneider zuhause, dem er noch Geld schulde, was ihm peinlich sei.




*161008*

Dienstag, 7. Oktober 2008

Scham und Ehre

Kaiser Maximilian hatte ein so ausgeprägtes Schamgefühl, daß er es nicht nur ablehnte, seinen Topfstuhl (wie es Fürstensitte war) auch zum Thron zu machen, sondern er verweigerte sich, in Gegenwart selbst seiner intimsten Kammerdiener Wasser zu lassen. Er verfügte ferner, daß seiner Leiche im Fall, er stürbe nächtens, Unterhosen anzuziehen seien.

Montaigne, der davon berichtet, meint aber, daß der Kaiser inkonsequenterweise verabsäumt hätte, ein Kodizill hinzuzufügen: daß nämlich demjenigen, der ihm diese Hosen anzog, auch die Augen zu verbinden seien.




*071008*

Jeder Gegner muß krank sein

Da scheint es aber ein generelles Defizit im Verständnis von Staat zu geben, das Ministerin Schmied - zuständig für Bildung, Unterricht und Wissenschaft - aufweist. Vor kurzem war an dieser Stelle die Rede von Erlässen, die Ideologiezwang für den Unterricht bloßlegten.

Nun macht sich dieselbe Ministerin Gedanken (siehe Titelverlinkung), was denn da "falsch gelaufen sei", daß junge Menschen zu einem Drittel "rechtspopulistisch" gewählt hätten. Diese Parteien zu wählen könne nur Erweis von Unfreiheit und bedenklicher Persönlichkeitsentwicklung sein. Unausgesprochen: also müsse in den Schulen überlegt werden, wie ideologisch vorgegangen werden könne, um diese Entwicklungen zu stoppen.

Nun: ich bin kein Freund dieser Parteien, von denen hier die Rede ist. Aber ich bin kein Freund egal welcher Partei. Doch einen Mitspieler im demokratischen Spektrum so darzustellen, daß diesen zu wählen objektiv ein Defekt, eine Unfreiheit darstellen müsse, ist eine ganz beachtliche Leistung! Daß Politiker so offen bereits versuchen, den Staat für ihre ideologischen Zielsetzungen - wo nur das zulässig ist, was sein soll, nicht was ist - zu mißbrauchen, ist starker Tobak.

So war sie aber immer, die Linke: wer nicht für sie war, mußte einen "wissenschaftlich belegbaren" Defekt haben. Links denkt man nicht, denn denken ist nicht deren Sache, da können sie noch so viel lügen: Links IST man. Und alle anderen haben kein Existenzrecht, werden bestenfalls bis zu einer bestimmten Größe geduldet. Sonst kommt der böse Mann.

Warum die Jugend "rechts" wählt? Nach meiner Erfahrung besteht bei den jungen Menschen nach Jahrzehnten der ideologischen Manipulation im Namen einer "modernen Pädagogik" - vom Kindergarten bis zur Universität - mehr als Überdruß an all diesen Ideologien. Das ist der eine Grund. Anderseits haben diese jungen Menschen keinen Mut, wirklich aufzustehen, also können sich die Grünen und die Sozialisten wieder beruhigen: denn sie haben erlebt, daß frei zu denken - sich also nur auf die eigene Wahrhaftigkeit zu stützen, wie es Montaigne tat - für die jungen Menschen emotional mit dem totalen Nichts belegt ist; die Einbettung in die Welt wurde und wird mit Ideologie belegt. Nur, wer sich bestimmter Haltungen befleißigt, hat ein Recht dazuzugehören - ansonsten wird er einem Umerziehungsprogramm unterworfen werden. Mit welchem Recht? Mit dem Recht der "Wissenschaftlichkeit"

Damit der Kreis geschlossen bleibt, wird von der Linken auch immer noch definiert, was Wissenschaftlichkeit denn sei: nur, was bestimmtem Dogmatismus, bestimmtem Verhalten entspricht. Wer nicht links denkt, kann nicht wissenschaftlich orientiert sein.

Wer sich zur eigenen Freiheit erhebt, fällt aus dieser zur Urmutter stilisierten gespensterhaften Volksgemeinschaft des Wohlverhaltens heraus. Diese Angst (mehr ist es ja nicht; die Linke hat ja nur Phantome, potemkinsche Dörfer aufgebaut) hält eh keiner aus.

Auch das: eine Waffe der Frau.




*071008*

Montag, 6. Oktober 2008

Kein Parteigänger

"Der Vorzug des Bestehenden ist schlicht, daß es besteht." So schreibt sinngemäß Michel de Montaigne in seinen Essays Mitte des 16. Jahrhunderts. Er lehnt den Protestantismus deshalb ab, weil um das Bestehende umzuwerfen ein Maß an Überzeugtheit notwendig ist, das ihm das Maß der Menschlichkeit längst zu überschreiten scheint. Es ist ihm suspekt, von derartiger Gewißheit ausgehen zu sollen, daß auch letzte Wahrheiten davon umgewälzt werden könnten. Religion ist ihm primär immer das Überkommene, ihm Gegebene. Es ist unmöglich, das Geglaubte letztlich zu definieren - umso mehr also auch, es zu hinterfragen. Aus demselben Grund ist ihm das Wüten der Gegenreformation suspekt und ablehnenswert. Montaigne war nie Parteigänger, egal welcher Parteiung. Das war für alle Seiten unverzeihlich an ihm - keine hat ihn vereinnahmt, er war keiner zuverlässig genug.




 *061008*