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Dienstag, 2. August 2022

Das Imperium hat fertig (15)

Vielleicht trifft das Bild zu, das ich seit je bei Kolonien habe, und das waren die USA dereinst: Europ0äische Ableger, Ableger, genommen vom Alten Kontinent. Das Vergleichsbild kam mir vor dreißig oder mehr Jahren, als das erste "Clonings" (Schaf Dolly) in diesem Stil gelungen sein sollen. Es waren natürlich, wie wir wissen, bei weitem nicht die ersten Clonings. Aber es wurde - typisch ... - so verkauft.

Denn was der Deutsche Hans Spemann in den 1920er, 1930er Jahren gemacht hat geht darüber sogar so weit hinaus, daß wir seither keinen Fortschritt in wissenschaftlicher, also Wissen erweiternder, sondern lediglich in anwendungstechnischer Sicht gemacht haben. 

Ich sage auch das nicht ohne Grund an diesem Ort, denn es ist Metapher der Symptomatik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das "das amerikanische Jahrhundert" genannt wurde. War es das aber wirklich? War es denn je mehr als das, was bei Dolly "geglückt" ist?

Montag, 18. November 2019

Wie es ein Jude sieht

Anzumerken ist jedoch, daß er damit ähnlich argumentiert wie der jüdische Berkeley-Professor und Historiker Juri Lwowitsch Sljoskin (in engl. Transkription Yuri Slezkine), der in seinem Buch „The Jewish Century“ (unter dem Titel „Das jüdische Jahrhundert“ 2006 in deutscher Übersetzung erschienen) den aus seiner Sicht beherrschenden Einfluß des jüdischen Elementes auf Politik, Kultur, Medien und Finanzwesen herausstellt. Sljoskin geht allerdings noch weiter und meint, das Judentum sei der Motor der „Modernisierung“.

Alle relevanten politischen Strömungen und Umwälzungen der Moderne sind nach Sljoskin im jüdischen Geist begründet – ob Liberalismus, Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie, Globalisierung oder Menschenrechtsideologie. Dies gelte sogar für Faschismus und Nationalsozialismus.

Der Einfluß des Judentums, so Sljoskin, sei mittlerweile so allgegenwärtig, daß von einem „Jewish Century“, einem „Jüdischen Jahrhundert“, die Rede sein könne. Das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig zeigt sich geradezu entzückt über die Studie des jüdisch-russischen Emigranten und stellt sie groß heraus.

„Mit ‚Das jüdische Jahrhundert‘ hat Yuri Slezkine ein Meisterwerk der historischen Essayistik vorgelegt“, heißt es auf der Netzseite des Instituts. „Er verbindet historische und anthropologische Ansätze, indem er die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und Moderne universalisiert. Dabei bezeichnet er den Habitus jüdischer Lebenswelten als ‚merkurianisch‘, den der agrarischen Bevölkerung als ‚apollonisch‘. Im Zuge der Moderne, so Slezkine, verwandelten sich immer mehr Menschen in Merkurianer, sie werden gleichsam zu ‚Juden‘.“




 

Sonntag, 16. Oktober 2016

Die Generation der Überzähligen (2)

Teil 2)  Von der Sühne unserer eigenen Taten,
die wir im Leiden an der Gegenwart zu tragen haben 
- Man steht immer in einer Generationenkette





Der VdZ würde das nicht hier darstellen, wenn er es nicht als typisches, ja allzu typisches und so viel erhellendes Schema begriffen hätte. Das erst aus seinen Gesamtverhängungen verstehbar wird, aber nun unsere Gegenwart so prägt. Denn die Geister, die wir damals riefen, wozu auch der VdZ sein Teil beitrug - wir werden sie nicht mehr los. Und sie sitzen uns heute im Genick und plagen uns. Denn alles, wirklich alles, was man im Leben anstrebt, wird eines Tages Wirklichkeit. Nur erkennt man die Zusammenhänge dann oft nicht mehr, weil man eingespannt ins Geflecht des täglichen Treibens, gestützt von der Angst um die Existenz, das Wirkliche nicht sieht, das man in Wahrheit etabliert. Was der VdZ damals getan hat war nur möglich, weil er selbst überzählig war (sogar doppelt - als elftes von zwölf Kindern war er auch in der Familie marginalisiert und ungebraucht.) Damit hatte er keine Bindungen, keine übernommenen Grenzen zu berücksichtigen, sondern im Gegenteil: Er mußte sich überlegen, wie er diese Grenzen überschreiten konnte, um "neue Welten" zu gründen.

Diese Generation der Überzähligen, als Generation der "geburtenstarken Jahrgänge" der späten 1950er, frühen 1960er Jahre, die geprägt ist vom Gefühl nicht gebraucht zu werden, hat ihre Strategien natürlich auch an ihre Kinder weitergegeben. Denn Kinder werden nicht durch irgendwelche Theorien "erzogen" oder geformt, sondern sie übernehmen ganz selbstverständlich und zu allererst einmal die Art, in der die Eltern der Welt begegnen. Und darin ist die Art der Mutter absolut entscheidend. Ja, die Art der Welt zu begegnen, ist die Art der Mutter dem Vater zu begegnen, und geht von dort aus, im Maß der Objektwerdung der Welt (die väterlich, als im Wort ist), in die immer weitere Umgebung hinaus. In dieser vom Einssein mit der Mutter zuerst übernommenen, weil in ihre Identifikation übergegangene Art also, begegnen sie dann der Welt der äußeren Kultur und Gesellschaften, dem Staat alsohin und natürlich auch allem zu Lernenden.

Es hat als Stimmung der Zeit alle erfaßt, so wie immer eine Zeitstimmung alle erfaßt. Denn man muß eine Generation immer als Ganzes - und als Glied in einer Generationenkette - begreifen. Die Generation der Überzähligen hätte in ihren Strategien niemals so leichtes Spiel gehabt, wenn ihr nicht eine Generation vorangegangen wäre, die (nach dem Krieg) auf jeden Fall gebraucht wurde, deren Position gar nie in Frage stand, die also unvorsichtig und unaufmerksam und damit leicht zu überraschen, auf das Neue nicht vorbereitet war. So hat der VdZ auch seine Lehrer erlebt - sie konnten die neuen Fragen nicht beantworten; heute weiß er, warum das gar nicht geht, weil die Art des Neuen eine andere ... inhumane ... Kategorie des Verhaltens ist.

Auch die, die damals "gebraucht" wurden, also etabliert waren, waren und sind ja vom selben geprägt, im Gegenteil: sie sind noch verkrampfter am Erhalten ihrer Position interessiert, denn sie wissen um eine Lawine in ihrem Rücken, die sie zurückzuhalten haben, die ihnen bei jedem Nachgeben, Raummachen sofort den Platz streitig machen könnte.

Worin sich die Vehemenz erklärt, mit der das heutige Establishment jede Opposition existentiell, ja mit direkter Vernichtungsabsicht bekämpft. Das insgesamt ein Establishment der "neuen Welten" ist, weil die Überzähligen, die wie der VdZ keine Grenzen aus dem Herkunftsort kannten, weil kennen durften um zu überleben, ihre Ideen und Lebensweisen über die Veränderung der Grundmotive, der geistigen Inhalte etabliert habe. Der "Marsch durch die Institutionen" hat exakt dieses Gepräge.

Hier wird nicht behauptet, daß der hier angerissene Verweis auf die "Generation der Überzähligen" alles und jedes erklären würde. Es erforderte noch viel zu sagen, was aber die Zusammenhänge im Einzelnen noch weiter aufhellen müßte und könnte. So der Umschlag des Erlebens der Nicht-Gebrauchtheit (als Erleben der Nicht-Gewolltheit) in die Übersteigerung in der Erziehung, die heute jedes Kind zum Gott erheben möchte, der sich doch so direkt begründen läßt - weil er auf dem Erleben des Menschen als nicht gewollt aufruht, das nun kompensiert, in einem Theater "korrigiert" wird. So die Zusammenhänge mit einer Situation unserer Länder (denn kaum wo ist dieses Problem so schlagend wie in den Verliererstaaten von 1914/18 bis 1939/45), in der diese Länder und Völker selbst als ungewollt behandelt wurden (und: werden). So die nur auf den ersten Blick widersprüchliche Art, daß sich Überzähligkeit auf zwei Weisen äußern kann, die scheinbar gegeneinander stehen: In liebdienerischer Unterwürfigkeit und in unversöhnlicher, grundsätzlicher Rebellion.

Aber der Leser möge sich doch mit dem VdZ fragen, ob nicht diese Grundstimmung so vieles zu erhellen hilft, was uns heute scheinbar als solitäre, im Einzelnen jeweils gesetzte, einzeln gewollte Handlung begegnet - die plötzlich als Teil einer Gesamtbewegung gesehen werden kann. Ob nicht dieses Phänomen der Überzähligkeit, das diese Generation so geprägt hat, dann, wenn es begriffen bzw. zugelassen wird, auch das eigene Handeln ein Stück weit zu befreien, weil zu begreifen hilft. Ein Phänomen, das wie jede tiefe Grundkonstellation das Große genauso wie das Kleine, Unscheinbare strukturiert, als wäre es einfach ein ... Fraktale.



*280816*

Samstag, 15. Oktober 2016

Die Generation der Überzähligen (1)

Aber bleiben wir in Anknüpfung an das gestern angeschlagene Thema noch ein wenig dabei, bei dieser Generation der Überzähligen, der auch der VdZ angehört. Der eine Schulzeit extremer Selektion erlebte, in der sich ein guter Teil der Schüler wie einen unnötigen Reizblinddarm empfinden mußte. Die Schulen waren allesamt zu klein, hektisch wurde begonnen (!), neue zu bauen, als wäre alles so überraschend gewesen und über Nacht gekommen. Erst in den 1970ern hat sich diese Situation allmählich wieder beruhigt. Es war die Zeit der Spezialschulen. Man begann, das Schulwesen in ein Fachschulwesen zu splitten. 

Der "Nutzen" wurde plötzlich ausschlaggebend, und das kann gar nicht anders sein bei einer Generation, deren Erfahrung die der Nutzlosigkeit und Überzähligkeit war. Handelsakademien, Höhere Technische Lehr- und Versuchs-Anstalten (HTL), Frauenbildungsanstalten wurden zum Trend, der die Allgemeinbildenden Gymnasien (als Vorbereitung zum Studium) nach und nach "entlastete", bis wir sie heute nahezu marginalisiert haben. Das Stichwort von der "Innovation" - und was hat die 1970er, 1980er Jahre mehr gekennzeichnet als "Innovationen"? als der Computer begann, den Alltag zu durchdringen? - wurde prägend. 

Und die große Überschußmenge an Menschen hatte auch kaum eine andere Wahl als sich ständig etwas Neues einfallen zu lassen. Wer also nicht in eine vererbte Identität eingebunden war, war gezwungen, völlig neue Felder aufzutun. Ein Drittel, wenn nicht die Hälfte dieser Generation, davon betroffen, begann, sich alles mögliche Neue einfallen zu lassen. Nicht nur das. Merkmal dieser Generation war auch, daß sie begann, die Nachfage nach diesen neuen Ideen zu "schaffen". Denn die war nicht da! 

Wie oft hat sich diese Situation schon in der Vergangenheit wiederholt. Das 19. Jahrhundert, vor allem ab der Mitte, nachdem die Bevölkerungszahlen in Europa explodiert waren, war ein Jahrhundert der revolutionären Ideen, die allesamt einen Nachteil hatten: Sie waren zuerst beim eigentlichen Stammkreis der Bevölkerung ganz und gar nicht nachgefragt. Sie waren also "links". Die Nachfrage nach ihnen mußte aber erst geschaffen werden - und das taten diese Überzähligen, indem sie begannen, den Hauptstamm, den Kern der Kultur anzugreifen (so weit sie nicht nach Amerika auswanderte). Woraus hätte sich sonst Gebrauchtheit ergeben können?

Zugleich aber lag und liegt in diesen Überzähligen ein enormes Potential an Selbsthaß, denn Liebe wird zuerst durch Gebrauchtheit erfahren: Liebe ist ja die Zusage (und Erfahrung im Geliebten), in jedem Fall gewollt und prinzipiell notwendig zu sein! 

Der sich in ausgesuchter Neigung zur Selbstzerstörung, aber auch zur Zerstörung der Konkurrenten einen Ersatzweg suchte. (Das Mobbing begann sich seine Wurzeln zu bilden, auf die die heutige Blüte aufsetzten konnte.) Das beginnt beim Rassenwahn und endet in der Abtreibung, der heutigen Form der Auslöschung ungewollter Konkurrenz um einen Platz im Leben. Wenn es einen Impuls gab, der die Zeit vor dem 1. Weltkrieg kennzeichnete, so war es das stille Begehren der Überzähligen (Kunst), das Vorhandene, den angestammten Kulturbereich, der sie nicht brauchte, zu zerstören, zu entwerten und in seinen Grundfesten in Frage zu stellen (Psychoanalyse). Selbst die Invertierung der Kunst (Impressionismus - Expressionismus als zwei Seiten derselben Medaille) ist als Reaktion zu verstehen, in der sich eine im Außen untergehende, unnötige Generation neue Welten suchte.

Als der VdZ 1985 ein Bauunternehmen (Holzhäuser) gründete - aus demselben Impuls: Er erfuhr sich im vorhandenen Betrieb als nicht integriert und integrierbar, also mußte er seine eigene Welt schaffen - war die größte Frustration des Anfangs, sich nunmehr auf einem reinen Verdrängungsmarkt wiederzufinden. Der ihm im Grunde täglich signalisierte: Eigentlich brauchen wir dich nicht! Das "Produkt" gibt es bereits und die Unternehmen, die es herstellen. Also begann er zum einen, an einem Produkt zu arbeiten, das "neu" war. Und zum anderen, die Nachfrage danach zu steigern, in dem er begann, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, in der er das Herkömmliche in Frage stellte. (Was angesichts der unglaublichen Bausünden der 1970er Jahre gar nicht so schwer war.) Und zu Anfang bediente er sich dabei durchaus der damals aufkommenden Weltuntergangsszenarien: Umweltverschmutzung, und vor allem dem aufgekommenen Gesundheitswahn, der damals noch eine Randerscheinung (der Überzähligen ...) war. Damit wuchs das Unternehmen mit enormer Geschwindigkeit: Die Menschen mußten ihr Leben zu ändern bereit sein war die Botschaft dabei. Und schon sehr viele waren es.

Das alles gibt er unumwunden zu, und er tut es mit dem Empfinden von Reue (bzw. begreift er die Gegenwart auch als Sühne für die eigenen Sünden). Eine Schuld, die sich nur abschwächt, daß er bald erkannte, daß da etwas nicht stimmte. Denn aus all diesen Ideen waren überall schon Religionen geworden, denen er als Priester dienen sollte. Denn er bot eines jener Produkte an, wie sie damals überhaupt aufgekommen waren (IKEA zeigt es am deutlichsten): Produkte, die einen Lebensstil verkörperten, und es war ein revolutionärer Lebensstil, der vor keinem Bereich und Tabu Halt machte. Das ging so weit, daß er in großem Stil sogar Häuser für Migranten nach Deutschland lieferte. Also zog er 1991 die von kaum jemandem verstandene und tatsächlich nur schwer zu verstehende Reißleine ... das Wissen um die letzthinnige Sinnlosigkeit und Widersprüchlichkeit zu seinen eigenen Lebenshaltungen war ihm nicht mehr zu bewältigen.

Widersprüchlichkeit, die aber in einer Art Notwehr entstand. Die ihm vermeintlich keine andere Wahl ließ als "neue Welten" zu erschaffen, die tatsächlich neue Welten waren: Weil sie nicht einfach nur eine Aufgabe waren, sondern die sich auch aus neuen Motiven heraus diese Aufgabe erst schuf. Motive, die aber gleichfalls erst zu schaffen waren. Indem sie die Menschen dort packten, wo es um die geistigen Grundlagen ihrer gesamten Lebensweise ging. Waren sie davon überzeugt, fanden sie diese neuen Bedürfnisse in der vorhandenen, etablierten Welt nicht mehr befriedigt. So entstand ein "neuer Markt", dem die alte Wirtschaftswelt in gewisser Hinsicht zumindest zu einem großen Teil und vor allem: strukturell, hilflos gegenüberstand. 

Morgen Teil 2)  Von der Sühne unserer eigenen Taten, 
die wir im Leiden an der Gegenwart zu tragen haben 
- Man steht immer in einer Generationenkette




*280816*

Donnerstag, 9. Juni 2016

Wahrer muß gedacht werden

Den Eindruck, daß das Geschichtsbild der Gegenwart, wie es unsere und vor allem unserer Kinder Köpfe beherrscht, regelrecht auf dem Kopf steht, wenn man das gesamte 20. Jahrhundert hernimmt, hat der VdZ schon lange. Es konkretisiert sich immer mehr. Nun kam ihm ein Buch unter die Finger, in dem über Churchill ein völlig anderes Bild gezeichnet wird, das im Abgleich mit dem offiziell verordneten Geschichtsbild ein sehr stimmiges Ganzes ergibt. Selbst wenn "The British Mad Dog" von M. S. King, ein Buch über Churchill, in einigen Details ganz sicher falsch liegt, wie der VdZ bei einem ersten überblicksartigen Lesen festgestellt hat, bleibt noch eine derartige Fülle einer in den Fakten unbestrittenen, aber in der Interpretation erhellenden Sicht, daß es einem fast den Atem nimmt. 

Bei aller Gefahr (und noch ehe dieses Buch durchgearbeitet ist) sieht der VdZ aber die lange schon brennende Notwendigkeit zu einem dringenden Aufruf, das 20. Jahrhundert historisch neu durchzudenken. Es ist nach wie vor lange nicht hinreichend aufgearbeitet. Gefahr, weil sich die offizielle, universitäre Geschichtswissenschaft weitgehend überhaupt einer seriösen Aufarbeitung verweigert hat, zum anderen bestenfalls in ersten Ansätzen zu einer Revision mancher eingefleischter Sichtweisen bereit ist. Gefahr, weil damit ein Aufarbeiten des Unbehagens, das einen seit je beschlichen hatte, wenn man sich dieser offiziösen Geschichtserzählung genähert hat, nur unter dem Paradigma einer Anfechtbarkeit geschehen kann, mit dem Risiko, in Details immer wieder fehlzugehen, mit der Unsicherheit, daß Interpretationen immer mit hohem Grad an mutiger Eigenverantwortung und Wahrhaftigkeitsforderung weil Selbstprüfung verbunden sein werden. Zumindest vorerst.

Aber es ist Zeit. Es ist Zeit für unsere Söhne und Töchter, sich von dieser dumpfen, irrationalen Hand einer aus politischen Gründen oktroyierten Sichtweise zu befreien, oder sich auf eine solche Befreiung einzustellen, die ihr Denken mit schwarzen Nebeln verdunkelt hat, um sie zu instrumentalisieren, abgesichert mit "moralischen Gewißheiten", sodaß jeder Denkversuch an Hürden ewiger Verdammnisdrohung scheitern mußte. Weil ganze Zonen von Undenkbarkeiten "aus moralischen Gründen" geschaffen wurden. Die damit diesen neuen Generationen jeden Zugang zu sich selbst unterbunden hat. Es ist Zeit, das 20. Jahrhundert neu zu denken. Wahrer zu denken. Darin liegt der Schlüssel zur Lösung der derzeit unlösbaren Identitätsfragen.

Womit sich ein tiefer Seufzer niedriger Hoffnungspegel verbindet. Denn genau daran wird es womöglich scheitern. Denn mit der Frage nach der Identität ist eine Dringlichkeit der Wahrheit verbunden, der der mentalische, charakterliche Haltung der Jugend nur noch ausweichen möchte. Denn darin liegt das Glücksgeheimins der Gegenwart. Der auf die Stirn geschrieben steht: Lieber irrational aber wohlbefindlich, als wahrhaftig und mühsam. Lieber im garantierten Dauerorgasmus des Suhlbettes der Placentawärme ewig tot sein, als die Erde als das zu erleben, was sie ist: ein "vallis lacrimosa." Tod deshalb allen, die das Bild verändern wollen, das Nihilismus verspricht.


*090616*