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Montag, 4. Januar 2021

Die Welt wird nie mehr so reich sein (2)

Teil 2) Die Tatsachen, die Fakten, die Hysterien, die Phantome, 
die mehr wiegen, weil es um Symbole geht: 
Der große Reset als Neubesinnung auf Gottes Ordnung


Tatsache bleibt, daß es so war. Und das "es" schrecklich war. Denn man war ganz auf die jährliche Ernte angewiesen, und zwar sowohl an Lebensmitteln als auch in der Vorsorge fürs Saatgut fürs nächste Jahr.

Man produzierte JUST IN TIME. Das heißt immer so viel, wie gerade gebraucht wurde. Denn es fehlte nicht nur an Lagermöglichkeiten, sondern niemand dachte daran, weil die Umstände für beherrschbar gehalten wurden.

Es waren so wenige Arbeiter übrig, schrieb ein anderer, daß niemand wußte, wo er Hilfe bekommen würde. 

Ob das aber der Krankheit wegen (oder "nur" ihretwegen) war, ist nicht so einfach zu sagen. Vielmehr verbreitete sich wie ein Beifahrer zur Pest überall und in gleicher rasender Geschwindigkeit das Gefühl einer zerstörten Zukunft. 
Als hätte diese Stimmung auf einen Anlaß gewartet, nicht umgekehrt. Und diese Stimmung steigerte sich zu einem Orkan der Untergangsgewißheit, der eine Art Wahnsinn der Hoffnungslosigkeit verbreitete. 

Ein bayrischer Chronist aus Neuburg an der Donau überliefert, daß Männer und Frauen wie verrückt umherwanderten und das Vieh vernachlässigten, weil "niemand sich um die Zukunft sorgen wollte." Die Felder wurden nicht mehr bestellt, im Frühjahr nicht gesät. Mit der schrecklichen Energie der Natur kroch daraufhin die Wildnis über große Teile gerodeten Landes, Deiche verfielen, und Salzwasser säuerte die tiefgelegenen Weideflächen.  

Mit den weniger verbliebenen Arbeitskräften, die das Werk von Jahrhunderten erhalten oder wiederherstellen wollten und konnten, ergaben sich nach den Worten des erwähnten Chronisten die Menschen der lähmend deprimierten Einsicht, "daß die Welt nicht mehr so reich wie vorher werden könne."

***

Ob gestern, ob heute, wen kümmert's. Geschehen ist immer das Spiel des Umgebenden mit der Emanation zeitloser Wirklichkeit als unsichtbarer Quelle von allem.

Wovon deshalb auch hier die Rede ist, ist dem Leser sicher schon längst erkennbar. Es geht um den Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert. Aber waren Sie, werter Leser, in der bisherigen Lektüre nicht doch auch manchmal unsicher, ob die Zitate und Aussagenkompilationen nicht doch die in Jahreszahlen aktuellste Gegenwart meinen?

Das wäre nämlich so gar nicht verwunderlich, denn genau das war der Grund, warum der VdZ diesen Beitrag und warum er ihn so verfaßte. Der Passagen aus Geschichtswerken aufgreift, die über die Pest berichten. 

Die - vermutlich von den Karawanenwegen ausgehend, die auf der Krim aus Asien und vor allem China kommend eintrafen, wo asiatische Kaufleute Handel mit den Kaufleuten aus Nord-, Süd-, Westeuropa und Kleinasien trieben - im Jahre 1348 in Messina (Sizilien) erstmals auftauchte, und sich binnen weniger Monate über Marseille und die Rhone, über die Fluß- und Seewege nach England und von dort nach Skandinavien kam, und die sich von Genua und Venedig aus über die Alpen bis nach Ungarn schlich. 

Es waren genau genommen zwei Weisen, wie sich die Beulenpest genannte Infektionskrankheit zeigte. Eine war die buchstäbliche Beulenpest, die sich in Armbeugen durch eigroße Geschwüre äußerte, welche schließlich unter furchtbarem Gestank aufbrachen. (Gestank, furchtbarer Gestank war überhaupt eines der Kennzeichen von Pest.) Die andere zeigt sich in den Lungen und verbreitete sich über Atemansteckung.

Die den Papst in Avignon zu einer Berechnung veranlaßte, dergemäß von zwanzig Millionen Toten zu sprechen sei. Das wäre ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas gewesen. 
Eine Größenordnung, die aber recht sicher auch und sogar eher symbolisch zu verstehen ist, und sich nicht zufällig mit dem "Drittel der Erde" aus der Offenbarung des Johannes deckt. 
Wie gesagt, es ging dem Mittelalter (und es geht in Wahrheit auch heute) um Wirklichkeiten, nicht um Erbsenzählereien. Und das Zeitgefühl damals war ... Endzeit, Verfall, Wende, Neubeginn ... Reset, wie man heute sagt. Und das ist, wie dem Leser nun vielleicht klar ist, längst nicht die einzige Parallele zum Zeitalter der Pest.

Zuvor hatte man von diesen schrecklichen Krankheiten, die die Befallenen binnen Stunden hinwegraffen konnte, nur aus Berichten über ferne Länder im Osten und Südosten gehört. 

Dort war sie erstmals ausgebrochen, diese heimtückische und geheimnisvolle Krankheit, die ebenso plötzlich verschwand, wie sie in Europa aufgeplatzt war. Sie kam, das kann man heute recht sicher sagen, von der Krim, einem der weltweit bedeutendsten End- und Distributionspunkte der von den Karawanen herbeigeschafften Lieferungen von Seide, Gewürzen, Aloe. 

Bezahlt mit Gold und Silber aus Europas Bergwerken. Denn sonst hatte das damalige Europa noch recht wenig an tauschfähiger Ware zu bieten. Doch mit Bodenschätzen konnte bezahlt werden. Die mit einem Wort für Produkte des hohen Wohlstandes abgebaut wurden, wie er sich in Teilen Europas in uns heutigen wohl erstaunendem Maße bereits gebildet hatte. 

Im ganz fernen Osten war diese Krankheit entstanden, die dann über den Handel, zuletzt mit Frachtschiffen Genuas, diesem Zentrum des in den Kapitalismus aufbrechenden Abendlandes, ins Zentrum des Kontinents kam, und zu dessen apokalyptischer Plage wurde. Die Hölle war losgebrochen. Und das konnte nur der Wille Gottes sein, als das göttliche Strafgericht wegen der Sünden der Menschen.


*301220*

Sonntag, 3. Januar 2021

Die Welt wird nie mehr so reich sein (1)

Die Welt ist nur, weil und wo sie stets gegenwärtiger Durchstoß in die Fleischwerdung ist

Es starben mehr Junge als Alte, mehr Frauen als Männer, mehr Arme als Reiche, die es sich oft leisten konnten, aus den Städten, die die Hotspots der Ausbreitung waren, auf ihre Landsitze zu fliehen. 

War die Krankheit schon schlimm, waren es aber vor allem die menschlichen Reaktionen. Sie schufen ein Klima unentrinnbaren Schreckens, der Europa binnen eines Jahres überschwemmte, das bewirkte, daß die Menschen in Depressionen fielen, der Apathie und Agonie folgte. Geschäfte blieben geschlossen, Werkstätten wurden verlassen, Höfe verwaisten, und in erschreckendem Tempo holte sich die Natur die von der Zivilisation aufgegebenen Areale zurück. Was die Landschaft noch mehr in eine Stimmung der Aussichtslosigkeit und Düsterkeit versinken ließ.

Wie die genauen Zahlen sind, wieviele Tote es wirklich gab, ist bis heute nicht klar und unter Historikern umstritten. 

Denn es lag im Wesen der Zeit, Zahlen als "Dimensionen der Wirklichkeit, bezogen auf den Standpunkt des Rezipienten" zu sehen, nicht als numerisches Dokument.

Die Toten waren natürlich höchst auffällig. Und das in katastrophal unhygienischen Lebensverhältnissen, vor allem in den Städten. Deren Straßen stinkende Müllhaufen waren, weil man noch lange nicht wenigstens den römischen Zivilisationsstand - Kanalisation - erreicht hat.

Man verließ die Kranken, man verließ die Toten, ließ sie meist einfach liegen, nachdem man sie auf die Straße - dieses chaotische Niemandsland, dieser Nicht-Ort - geworfen hatte. Dort wollte niemand mit diesen stinkenden Leichenhaufen zu tun haben. 

Die Obrigkeiten begriffen es nun als ihre Aufgabe, und sorgten schließlich dafür, daß die verwesenden Kadaver wenigstens in Massengräbern verscharrt wurden. Und das geschah oft so hastig und schlecht, daß nicht selten Hunde und angelockte Wölfe die leblosen Körper fraßen. Tod und Hölle also, wohin man blickte. Medien brauchte es nicht, die Bilder, ja die umfassenden sinnlichen Eindrücke kamen auch so frei Haus und waren allumfassend.

Es gab Städte, die 90 Prozent ihrer Einwohner verloren, der Aderlaß anderer lag bei gerade einmal einem Zehntel davon. Es gab sogar Landstriche (wie ein Teil Böhmens), in denen es überhaupt keine Toten gab. Auch Rußland blieb seltsamerweise lange Zeit verschont. 

Aber es ging den Menschen ohnehin in allen Bereichen des Redens und Denkens nur um die Dimension. Genaue Zahlen interessierten niemanden. Denn es ging im Denken und Erkennen um das Interpretieren von Zeichen, von Symbolen. 
Weil hinter ihnen - und damit auch hinter der Seuche - ein Anruf Gottes verstanden wurde. Der nun lautete, das Leben vollständig zu ändern. Gott stellte somit alles auf Null, und die böse, verfallene, in Irrtum und Unmoral abgerutschte Menschheit mußte neu und mit neuen Konzepten beginnen. 

Insofern gab man auch nun wenig auf Zahlen. Viel mehr kam es jetzt auf Angst und Schrecken an. 

Denn jeder verließ jeden, jeder ließ jeden im Stich. Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern, Freunde ihre Freunde, Liebste ihre Liebsten, Pfarrer ihre Gemeinden, Ärzte ihre Patienten, jeder jeden. Weil jeder jeden für todbringend ansteckend hielt ohne genau zu wissen, wie das vor sich gehen konnte. Hier war es der Atem, dort die Berührung und somit die direkte Übertragung.

Wie hoch die Totenzahlen wirklich waren ist schwer abschätzbar. Denn die uns vorliegenden Berichte waren nur Teil eines allgemeinen Schreckens, der sich ausgebreitet und zur Hysterie gesteigert hatte. Manche sprechen von einem Drittel der Gesamtbevölkerung Europas, andere von einem Fünftel. Andere meinen, es wären viel weniger gewesen. 
Die Bevölkerung von Paris (um die 20.000) wurde den Berichten nach halbiert. Von Avignon liegen wiederum, folgt man allen Nachrichten (auch höchst offizieller Stellen), Totenmeldungen vor, die überhaupt die Einwohnerzahl ums Doppelte übersteigen. 

"Der Mangel an Arbeitskräften verdüsterte die Zukunft," schreibt jedenfalls Barbara Tuchmann in "Der ferne Spiegel". Und meint damit sicher den Mangel an schöpferisch tätigen Menschen. Warum das so war kann man nämlich auch anders argumentieren. 

Teil 2) Die Tatsachen, die Fakten, die Hysterien, die Phantome, 
die mehr wiegen, weil es um Symbole geht: 
Der große Reset als Neubesinnung auf Gottes Ordnung

 

*301220*