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Sonntag, 25. September 2022

Selbst-Denken muß man lernen (2)

Denken muß man lernen. Das Lernen braucht einen Lehrer - Diesen Umgang mit dem Denken aber "hat" man nicht einfach. Das hieße ja, daß man selbst bereits "vollkommen heilig" wäre - und das ist außer bei Maria, der Mutter Jesu, und Jesus selbst garantiert nicht der Fall. Es muß vielmehr gelernt werden! 

Die ersten Lehrer sind gewiß die nach Wahrheit strebenden Eltern, aber darüber hiansu gibt es dann mehr und mehr Personen, die dem Heranwachsenden über '"Sympathie" (die u. a. eine gewisse Wesensverwandtschaft, eine wechselseitiges Wohlwollen als Wollen des Gutes des anderen zeigt) die aber keineswegs einfach "gefühlig" sein muß; auch der geachtete andere wird zum Lehrer, auch wenn ich den nciht unbedingt mit liebenen Gefühlen überschütte)  

Aber man muß dieses Denken lernen, darum geht es. Und diese Erkenntnis findet sich heute auf das Allermerkwürdigste vergessen oder sogar verweigert. Nachgerade zum Gegenteil gilt es als Wert und Errungenschaft, "unabhängig" denken gelernt zu haben, und unabhängig, also autonom zu denken. Das Ergebnis ist ein Desaster der Haltlosigkeiten.

Samstag, 24. September 2022

Selbst-Denken muß man lernen (1)

Seit Jahren widmet Wiliam M. Briggs die sonntägliche Kolumne der "Summa contra gentiles" von Thomas von Aquin. Dabei bringt er einfach jedesmal ein Kapitel, und geht so an der hand von Thomas die Denklandschaft unserer Zeit durch. Denn wer da glaubt, wir lebten in originellen Zeiten, der irrt gewaltig. Zeiten wie die unsere, die sich nicht mehr denken können, die die Welt nicht mehr dneken klnnen, sind vielmehr zum Epigonentum gezwungen. Das heißt, daß sie einfach alte, teils uralte Irrtümer wieder aufgreifen, und an deren Irrwegen selbst in dei Irre gehen. 

Was Thomas vor 750 Jahren geleistet hat is tnichts anders, als sich mit den Denklandschaften seiner Zeit auseianerzusetzen. So hat er die gesamte öffentliche Meinung und das, was auch in den Wissenschaften (soweit sie sich bereits artikuliert haben) und Philosophien gedacht worden ist, nach strenger Denksystematik analysiert - und richtiggestellt.

Freitag, 23. September 2022

Über den Gewaltsinn der Rhetorik (2)

Die höchste Kunst. Die Inkarnation der Wahrheit selbst. Die Antwort der Freiheit. - In einer rhetorisch guten Rede wird also wenn dann nur beiläufig "überzeugt", aber schon gar nciht "überredet." Sondern es wird die Gestalt der Wahrheit sichtbar gemacht. Durch den Rhetor, der in dieser Wahrheitssuche erfahrne und weit vorangeschritten ist - also: Gebildet . weil dem Sein nach geformt.) Seine Rede endet in einem Bild des Seins, das nun für alle sichtbar ist. 

Was nicht heißt, daß es alle Hörenden ergreifen müssen, das bleibt ein Akt der jeweiligen urteilenden Person überlassen, die zur Freiheit berufen ist, auch wenn sie sie mißbraucht. Aber dem Willigen, dem "guten Wilens" (siehe den Chor der Engel bei de rGeburt des Sohne sgotes. "Friede den Menschen guten Willens ...")  

Eben so wenig, wie Gott zwingt, zuwingt also auch die Wahrheit. Sie FORDERT, ja sie hat in sich auffordernden Charakter (wie jeder weiß, wie sehr die Logik "zwingt", man muß sich förmlich überwinden, gegen sie zu handeln, ABER man kann es, weil man frei ist) Sie ist nichtimmerleicht zu erkennen, weil jeder Mensch in einem unendlich komplexen Gemisch von Interessen, Schwächen, Verletzheiten, Vorlieben, Tugenden oder Lastern steckt, aus dem heraus es nicht immer leicht ist, so frei zu sein, das Wirken des Seins an sich (im Erkennen, das s. o. ein Nachformen - Mimesis! - ist) zuzulassen, zu bejahen ("Guter Wille") und dann auch als Kleid überzusteifen, also in Treue zu vertreten. 

Donnerstag, 22. September 2022

Über den Gewaltsinn der Rhetorik (1)

Eine Sache, die mir schon lange unter den Nägeln brennt, ist die sachgerechte Darstellung dessen, was Rhetorik überhaupt ist. Denn auch diesen Begriff umschwebt ein Nebel, unter dem der wahre Gehalt dessen, was Rhetorik ist und was erst verstehen läßt, warum in der Antike die Rheotik überhaupt als umfassender Raum der Bildung verstanden wurde, fast verschwunden ist. Dadurch konnten sich Mißbraäcueh, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, wie Wesensmerkmals selbst an diesem Begriff festsetzen, die aber den Blick soigar auf das verhindert, was wirkliche Bildung überhaupt ist.

Wo immer heute von Rhetorik gesprochen wird, tun sich die Redner schwer, ihn von Propaganda, Überredung (die sie von "Überzeugung" ununterscheidbar machen) und illegitimen Machtaspekten zu scheiden. Das hat seinen Grund in zwei Bereichen. Deren einer ist die allmähliche Degradation unserer Kultur seit dem Hochmittelalte,r die man ohne jeden Abstrich als sittlichen VErfall sehen kann. Der dann durch religiöse Begriffe genau als solcher, nur aufeine andree Ebene transponiert, verstanden werden kann. 

Freitag, 26. November 2021

Beharren auf dem Geheimnis unserer selbst

Daß das ein Grundsatzfehler ist, ist allgemein gar niemandem mehr bewußt. Aber dahinter steht nicht nur ein materialistisch-technizistisches Menschenbild, dahinter steht nicht nur eine Auflösung von Geist in "Sprechratio" (Verstand nennt man es meist, aber der Begriff ist m. E. nicht angebracht, schon gar nicht, wenn man es "Vernunft" nennt), viel eher ist es "eine Art Sprachgebrauch"), sondern vor allem ein gravierender Mangel an Nächstenliebe, die die Liebe zur Ganzheit einer Person ist, oder sie ist nicht.

Die davon ausgeht, daß jeder Mensch aus seinem direkten Gegenüber - Gott, das Sein, das personale Sein, das Sein das Person bzw. die Beziehungsdynamik von drei Personen mit unterschiedlicher Charakteristik ist - ein Geheimnis ist, und daß deshalb dieses Geheimnis auch eine Ansprache von Gott selbst (in Jesus Christus, den Gott-Menschen, der sich IM MENSCHSEIN als Ähnlichkeit widerspiegelt, was bis zur personalen Dynamik geht) an mich und an die Welt ist. Weshalb jeder dem Gegenüber mit Respekt und Wohlwollen begegnen sollte (wobei es eigentlich ein Müssen wäre, aber es verlangt unbedingt Freiheit), um ihn in Apperzeption aufzunehmen. ("Wer einen von diesen Kleinen in meinem Namen aufnimmt ...") Um ihn dann (nach-leidend, passum, im Erleiden) zu erkennen, das heißt sein Sein zu erfahren (und sich dazu dann zu stellen).

Deshalb reicht es bei weitem nicht, Menschenrechte zu fixieren, die sich aufs nackte Überleben beziehen, sondern es braucht den unbedingten Respekt vor der Ganzheit des Anderen als Begegnenden. Und als Kulturgut schon gar nicht. Denn hier braucht es diese Verankerung des "ertragenden Seinlassens" (soweit es nicht meine sachlichen Verantwortungsbereiche anbelangt, die aber eben einen Sachbezug, ein gemeinsam zu Tuendes brauchen) in dem ich dem anderen sein Geheimnis belasse. 

Ex factis, non ex dictis amici pensandi - Achte auf das, was jemand tut, nicht auf seine Worte. Danach suche dann Deine Freunde, aus Ihrer Gestalt! 
Wer trägt sich schon auf der Zunge? (Antonio della Caraffa, "Sentencas")

Mittwoch, 3. November 2021

Er hatte nichts anderes (2)

Die Parallelen sind verblüffend. - Damit klaffte ein großer Graben zwischen Hitlers eigenen Vorstellungen, wie die Welt ihm gegenüber sich verhalten müßte - anerkennend, lobpreisend etc. - und dem, wie sie auf ihn tatsächlich reagierte. Auch wenn wie nachträglich nur mit Vorbehalt urteilen können.

Was mir spätestens seit der Ausstellung über Albrecht Dürers Lebenswerk bewußt ist, die ich vor Jahren in Wien besucht hatte. Denn die ersten Bilder und Zeichnungen von Dürer sind auch keine Kunstwerke, sondern tot, wie die von Hitler. Auch Dürers erste Zeichnungen sind naiv und ungelenk. Aber man sieht, wie sich mit der Befassung damit der Meister entwickelte. Und ab irgendeinem Punkt wurden alle Bilder, die uns überliefert sind, Kunstwerke. In denen das Dargestellte zu dem wird, was es darstellt. 

Hitler kam nicht so weit. Der Krieg unterbrach sein Malen (von Postkarten), und ein neues Lebensgebiet tat sich auf. Eines, in dem ihm der Zusammenhang von Leben und Politik. Durch die Vorgänge in der neu entstandenen Republik neuer Art. Denn nun mußten alle sich an etwas herantasten, das ihnen neu war, und von dem nicht einmal klar war, was eigentlich das Ziel sein sollte.

Dienstag, 2. November 2021

Er hatte nichts anderes (1)

Adolf Hitler war nicht so, wie man sich gemeiniglich einen guten Redner vorstellt, schreibt Peter Longerich in seinem 2015 erschienen "Hitler". In der er sich, wie er gleich im Vorwort schreibt, darum bemühte, einen Verdacht zu beweisen, der sich im Laufe seiner Forschungen zur Gewißheit erhärtete. Daß nämlich dieser Mann nicht einfach nur durchschnittlich, sondern sogar ein ziemlich unterdurchschnittlicher, platter, banausischer Mensch war. Das zu erkennen läßt aber mehr als bislang berücksichtigt erkennen, daß das Handeln eines Menschen in einem ungeheuren Ausmaß in seine Zeit eingebunden, mit ihr in Dialog ist, und daß sich Phänomene nur in ihrem Insgesamt verstehen lassen, niemals aus dem Einzelding selbst heraus. Die Zeit hat sich also ihren Hitler gebildet, könnte man sagen, und erst in zweiter Linie Hitler die Zeit, in der er gelebt hat. 

Und so muß man auch manche Zuschreibungen neu durchdenken. Etwa die, daß Hitler ein "so hervorragender Redner" gewesen ist. Wäre er das nämlich noch heute? Wie würden wir heute auf ihn reagieren? Es gibt viele Augenzeugen seiner Reden, die übereinstimmend berichten, daß er sich bei diesen Reden, mit denen er seine Karriere und die der NSDAP aufbaute, wie ein Irrer aufführte. Er geriet in diesen Reden, die in der Regel drei, vier Stunden dauerten, völlig außer sich, und monologisierte schier ohne Ende. Seine Mimik, seine Gestik wurde nach jeweils einer kurzen Anlaufzeit dermaßen exzentrisch, daß manche entsetzt waren. Das Haar hing ihm während dieser Stunden wirr ins Gesicht, sodaß er manchen auch dämonisch wirkte. Hatte er geendigt, war seine Kleidung klitschnaß, er selbst völlig aufgelöst und erschöpft. So sank er auf ein Häuflein zusammen, als ein völlig anderer Mensch als noch Minuten zuvor. 

Montag, 4. Mai 2020

Beim Diskutieren über die Corona-Krise

Werter Leser, darf der VdZ sich da etwas anders äußern? ER möchte etwas sagen: Zu diesem Thema SACHLICH diskutieren zu wollen, ist für unsereiner völlig falsch. Falsch, nicht nur unklug. Denn wir können uns ja auch nur auf andere Stimmen und Autoritäten beziehen, wie unser "Gegner". Was willst Du da "gewinnen"? Wer bezieht sich auf die bessere Autorität?

Wir können deshalb das Thema NUR AUCH AUF UNSERER EBENE diskutieren. Und jeder Bezug auf Fachleute kann niemals ein Bezug auf "allgemeine Autorität weil Wahrheit" sein - das kann in diesem heutigen Rahmen nur persönliche Meinung sein, tatsächlich - sondern Fachleute können allerhöchstens BELEGE für persönliche Weltbilder und Meinungslandschaften bilden.
Deshalb sind Meinungen Thesen, dem Vorgehen in der Wissenschaft absolut vergleichbar, die durch Evidenzen einerseits (also Welterfahrung), durch Belege anderseits gestützt werden, die durch Bezug auf Autoritäten (auch Wirklichkeit ist Autorität, ja muß es sein) sind was sie sind: Anschauungen, Meinungen, etc. Nicht mehr, nicht weniger. 
Und deshalb ist es auch so, daß die hohe Zustimmung zur Corona-Panik der Politik (die Zahlen dürften zwischen 90 und 95 Prozent liegen, was enorm ist) mit dem Ergreifen einer Identität als Stand und Ort in der Welt begreifbar sind. Dieses Ergreifen einer Identität (als Sollensbild) kann aus persönlichem Wollen herstammen, aber auch aus erzwungenem Wollen-Sollen, wie es z. B. durch Angst oder Täuschung erfolgt.   
Belege, wie sie hier Prof. Dr. Bhakdi in einem wirklich hörenswerten, tief vernünftigen und weit ausholenden Gespräch mit Servus TV liefert. Der Epidemiologe geht sogar so weit, daß er zeigt, daß wir es in manchen Maßnahmen und Anordnungen (z. B. im Maskenzwang) mit Straftatbeständen zu tun haben, und zwar der Nötigung. Aber es ist ein Argument der Wissenschaft!
"Die WHO ist für mich ein rotes Tuch. Sie hat in ihrer ALLMACHT zahlreiche Verbrechen begangen." Das sagt Bhakdi. Die WHO wurde noch nie von jemandem geführt, der über eine medizinische Ausbildung verfügt hat. 
Bhakdi zeigt damit eine wesentliche Voraussetzung zur Wahrheitsoffenheit: Den Freimut, den nur Angstfreiheit bringt. Deren er sich natürlich leicht rühmen kann, denn - das gibt er zu - in Pension ist. Umso mehr fällt ihm auf, daß wir in unseren Ländern keine Freiheit mehr haben, deren wir uns so unverständlich leicht berauben lassen. Wir, sagt er, können heute aber nicht einmal mehr fliehen, wie vor neunzig Jahren. (Leider auch nicht mehr nach Österreich, sagt er.) Weil es überall auf der Welt gleich geworden ist.
Habe der Leser also auch den Mut das zuzugeben. Und sich darauf einzuschwören, in jedem Gespräch nur die Ebene zu suchen, die auch seiner standesgemäßen Autorität gemäß ist, ihm somit auch zusteht. So manch einer sollte also vielleicht aufhören, simpel Sprachrohr für die Meinung EINES ANDEREN auf eine Weise zu sein, als wäre das sein originales eigenes Denken. Um dann beleidigt, ja fanatisch zu reagieren, wenn diese Position nicht die seinem Wünschen entsprechende Autorität genießt. 
Wir diskutieren in solchen Dingen oft nur über den autoritativen Stand einer Bezugsperson, DER wir glauben, aber noch mehr: Die wir in gewisser Weise "sein" wollen, zu deren Seinskreis wir also zugehören wollen. Ansehen, Autorität usw. von gesellschaftlich akzeptierten, hoch oder höher eingeordneten Figuren spielen also in all diesem Streit eine riesige Rolle.
Viel des Streits, den man heute hört, ist ein seltsamer Stellvertreterstreit zwischen Meinungen anderer. Weil der Mut fehlt, die eigene Position zu vertreten, die eigene Haltung zu behaupten, ohne daß man dieser oder jener Fachmann ist. Sondern nur in Bezug auf seine eigene Lebensumwelt. Weil man meint, der eigene Lebenshorizont wäre für diese Fragen unzureichend. 






*010520*

Sonntag, 5. Januar 2020

Letzte Worte eines weisen Mannes (2)

Es gibt nichts Gefährlicheres als "etwas Bildung", schreibt dazu William M. Briggs. Wer einmal begonnen hat, von dieser Quelle zu trinken, muß sie bis zu ihrem Grund durchtauchen. Etwas, das aber nur für eine kleine Zahl von Menschen möglich ist. Die heutige Bildung ist deshalb in überwiegendem Maß lediglich dazu angetan, die Ansprüche auf Anerkennung und Stellung durch Erringung eines Zertifikats zu erhöhen und die Zahl der Großmäuler ins Unermeßliche zu steigern. Sie hat mit Bildung im eigentlichen Sinn jedoch rein gar nichts zu tun. Stattdessen steigt nicht nur der Druck auf jeden Einzelnen, zu allem und jedem eine "Meinung" zu haben, sondern auch der Anspruch, daß diese Meinung von Wert sei. Es ist absurd zu glauben, daß jeder genug zu allem wissen könnte, um dazu auch wirklich fundiert etwas sagen zu können. 

Aber es ist genau so absurd zu meinen, daß alles, was in allen möglichen Lehranstalten gelehrt würde, auch einer solchen Verbreitung wert wäre. Das ist zumindest heute ganz offensichtlich falsch. Wenn aber etwas gelehrt wird, dann muß die angebrochene Flasche bis zum letzten Tropfen geleert werden. (Anders als Briggs findet der VdZ hier das alte römische Sprichwort passender, das von "multa sed multae", "Viel, aber nicht Vieles", spricht.

In der Art aber, in der bei uns "Bildung" vermittelt wird, muß die Arbeit jeder Regierung immer zersplitterter, nervöser, rechthaberischer und ineffizienter werden. Damit muß sie in immer größeren Widerspruch zu einem der Grundprinzipien des Gemeinwohls, der Subsidiarität, geraten. Einem Prinzip, in der die übergeordnete Einheit nur jene Aufgaben erfüllen darf, die die untere nicht zu erfüllen vermag. Und zwar in erster Linie, weil diese dazu nicht berufen und in der Lage ist, nicht, weil sie da oder dort einmal indisponiert ist und versagt. Stattdessen macht sich ein Druck auf Uniformität breit - die man dann "Vielfalt" nennt.

Weil aber Bildung zunehmend mit Kosten und damit "Ertrag" verknüpft wurde, stehen alle Bildungsinstitutionen unter dem Zwang, bestimmte "meßbare" Ergebnisse zu erzielen. Damit wächst die Bereitschaft, nicht über Inhalte zu lehren, sondern über Verhalten bestimmte Ergebnisse zu produzieren. Das Spiel der Freiheit wird somit aus der Bildung verbannt. Aus Bildungsvermittlung, die ein Erfahrungs- und persönlich unterschiedlicher Reifungsprozeß ist, wird Ideologievermittlung und Indoktrination. Während die Erfahrung zu einer Verhaltenslehre wird, sich "wie ein Gebildeter" zu verhalten.

Die Verrohung des Krieges hängt direkt damit zusammen. Denn zur Besonderheit des Soldatenstandes zählt vor allem der soldatische Ethos. Doch Offiziere, die bereits in den heutigen Ideologie- und Indoktrinierungsanstalten "vorgebildet" wurden, sind dazu nicht mehr in der Lage, weil ihnen diese Persönlichkeitsdimension fehlt. Ähnliches gilt es auch vom Priesterstand zu sagen. Im Gleichschritt mit dem Abbau von Geistessubstanz an den Universitäten haben sich auch die Priesterseminare davon befreit. Für beide Stände gilt heute, daß sie sich weit mehr der weltlichen Anerkennung widmen, als ihr Handwerk zu erlernen. Hier (wie mittlerweile überall) wird die mehr oder weniger gekonnte Simulation einer Identität zum Ersatz für eine organisch an der Wirklichkeit gewachsene Identität, die aus der in Verantwortlichkeit geleistete Hingabe an eine Sache, einen Inhalt erwächst bzw. sich stärkt, nicht an einem Erlernen des "Verhaltens - wie". 

Fälschlicherweise wird heute davon ausgegangen, daß das Handwerkliche auch später zu erlernen sei, vorerst gehe es um die Erreichung eines "Dekrets", eines Zertifikats. Die Realität aber zeigt, daß solch ein Dekret den Träger verändert, und einen Initiationsritus darstellt, der die Seele verändert. Weil die Person auf einen Stand hebt, in dem die Erlernung des Handwerkszeuges für diesen Stand unter diesem Stand selbst liegt. Also nie mehr erfolgt, sondern mit dem Dekret bereits "vorhanden" angenommen wird. Denn ein Erlernen liegt - natürlich! - unter diesem Stand. Heutige Bildungsdekrete sind deshalb wie Etiketten auf leeren Flaschen, die ihren verkündeten Inhalt gar nie trugen und tragen werden. Denn unter dem Rechtfertigungsdruck, der aus der Verquickung der Lehranstalten und Universitäten mit Geld und Kapital (und Politik) erfolgt, orientiert sich ihre "Bildungsvermittlung" vor allem an der Vermittlung der Fähigkeiten, Dekrete zu erwerben, nicht an inhaltlicher Reifung.

Der Vorhersage Richelieus über die Explosion der "Quatschköpfe" im Land muß nichts mehr hinzugefügt werden, sie hat sich vollauf bewahrheitet. Und je mehr "Bildung" - umso mehr. In gleichem Maße hatte er recht, als er von dem Aufkommen der Zweifler sprach. Die zwar alle erschüttern, aber nicht mehr errichten können. Oh ja, man kann andere Menschen leicht verunsichern, schon gar solche guten Willens, und umso mehr, als man mit Bildungsdekreten wedelt. Wir haben es eben viel zu sehr mit Leuten zu tun, die alles wissen, und dessen völlig sicher sind ... weil sie eben eine Identität angenommen, zugesprochen bekommen haben, die dem in Wahrheit Ungebildeten genau das zusagt.

Das hat - auch darin hat Richelieu völlig recht behalten - zur Folge, daß sich die geistige Arbeit (die "freien Künste") der mechanischen Arbeit überlegen fühlt. Aber die konkrete, handwerkliche Arbeit, die Arbeit an und mit einer Maschine, einem Apparat, den es zu konstruieren, zu reparieren gilt, hat den unersetzlichen pädagogischen Vorteil, daß sie ein direktes Lernen am Erfolg ermöglicht, der in der Sache selbst liegt und vor allem: in ihr direkt erkennbar wird. Eine Maschine läuft - oder läuft nicht. Eine Arbeit fruchtet - oder sie tut es nicht. Das formt den Charakter, macht ihn realistisch und realitätsoffen. 

Dem Träger eines Zertifikats der Freien Künste hingegen steht diese Erfahrung nur höchst selten offen, manchmal überhaupt nicht. So kann er nicht unterscheiden, ob das, was er "weiß", nicht völlig sinnlos ist. Noch dazu, wo er von seiner Identität gerne über eine realistische Prüfung über die Wirklichkeitsrelevanz seines "Wissens" hinweggetragen wird. Also hängt er von einem Anerkennungshorizont ab, der nicht von einer Sache geprägt ist, sondern von ... Ideen, Dynamiken von Gruppenidentitäten, und vor allem: Anerkennungszwang, der nur vom Wort abhängt. Schon das stärkt die Neigung solcherart Gebildeter zu Konformität und Verschmelzung mit Macht und Mehrheit einer Sichtweise.





Samstag, 4. Januar 2020

Letzte Worte eines weisen Mannes (1)

  • Wenn auch die Kenntnis der Literatur* für ein Land unerläßlich ist, so ist gleichermaßen gewiß, daß sie nicht unterschiedslos an jeden weitergegeben werden sollte. Ein Leib, der überall Augen hat, würde zu einem Ungetüm verkommen, das noch dazu rasch Mode würde. Was geschähe aber mit einem Staat, wenn allen seinen Subjekten die Kenntnis der Literatur vermittelt würde. Man würde in ihm bald wenig Gehorsam, dafür aber viel Stolz und Unverschämtheit finden. 
  • Der Handel mit Literatur würde bald den von Gütern, aus denen allein der Wohlstand eines Staates hervorgeht, übertreffen. Er würde damit zuerst die Landwirtschaft, diese verläßliche und treue Fruchtbarkeit eines Volkes, ruinieren, und dann binnen absehbarer Zeit die Quelle des Soldatentums austrocknen. Deren lebensspendende Läufe mehr von den Rohheiten der Ignoranz als von den Feinheiten der Erkenntnis gespeist werden.
  • Ohne Zweifel würde sich Frankreich mit Quatschköpfen füllen, die sich mehr der Zerstörung guter Familien und dem Erschüttern der öffentlichen Ordnung widmen, als irgendetwas Sinnvolles für das Land zu leisten.
  • Wenn man das Lernen durch Verbreitung unter allen möglichen Arten von Menschen profanierte, würde man bald sehr viele Menschen erleben, die zwar fähig sind, viele Zweifel zu streuen, aber nicht, solche auch ausräumen zu können. Viele wären dann weit mehr in der Lage, der Wahrheit zu widersprechen, als sie zu verteidigen.
  • Aus diesem Grund ist es für Staatsmänner in einem gut regierten Staat wünschenswert, zwar viele Lehrer zu haben, die Meister der mechanischen Künste (gemeint sind v. a. Handwerker; Anm.) sind, aber weniger solche der Freien Künste.

Aus dem Politischen Testament von Kardinal Richelieu (1585-1642), Kapitel II


Morgen Teil 2)


*Mit Literatur meint Richelieu nicht die schöngeistige Literaturkunst der Dichter und Literaten, wie sie heute verstanden wird, sondern die schulische und akademische Bildung generell, die sich auf Medien, Büchern etc. aufbaut. Dasselbe gilt für "Freie Künste", die nichts mit "Kunst" in einem eingeschränkten Sinn zu tun haben, wie es heute verwendet wird, sondern die geistige Tätigkeit generell, in ihrem Unterschied zu Handwerk und Handarbeit meint.



Samstag, 13. April 2013

Beobachtung einer Diskussion

Aus 2010) In der Diskussion zwischen V und R fiel auf, daß V zwar viel darüber sagen konnte, wie welche Einzelmechanismen funktionierten - er wußte z. B. jede Zahl aus der amerikanischen Außenhandelsstatistik, oder der Chinesischen Kreditzinsentwicklung - aber all dieses Detailwissen war nur ein Versuch, R gegenüber die Interpretationshoheit nicht zu verlieren. Denn immerhin: er war zwei Jahre in Harvard gewesen, der Eliteschule, wie er oft genug betont hatte. Früher verbal, heute durch sein Gehabe, das eine nicht vorhandene äußere Spezifikation (aus der die Höhe seiner Qualifikation hervorging) durch abgrenzendes Verhalten seiner Umwelt gegenüber zu ersetzen, damit zu schaffen suchte.

Es war, als erzählte er von Apparaturen, von denen nicht einem Augenblick klar war, wozu sie dienten. Doch - und diese Wirkung war auch im Publikum so deutlich zu bemerken - diese Frage schient an diesem Abend bald gar keine Rolle mehr zu spielen. Die Zuhörerschaft schlägt sich, zumindest in seinem Betragen, immer auf die Seite des Stärkeren, und der zu bleiben, das versuchte V mit aller Kraft.

Aber es war nicht diese Arroganz, als die sein Verhalten wirkte, sondern nach und nach fiel dem wirklich Interessierten deutlich auf, daß all sein Detailwissen leer war. Er konnte aus seinem "Wissen" heraus nicht ein einziges Grundfaktum des alltäglichen Lebens, nicht eine einzige praktische Handlung unterfüttern oder motivieren. Er sah nicht einmal das, wo Beispiele aus dem realen Wirtschaftsleben sogar seine Thesen gestützt, "erwiesen" hätten. Deshalb wohl bekämpfte er alles, was R an Konkretion vorbrachte, bekämpfte es mit der wirksamsten Waffe die es überhaupt gibt - mit Ignoranz. R's Worten setzte er Kaskaden an Aussagen gegenüber, die ihre Relevanz nur dann behaupten konnten, wenn man sich selbst als zu "unverständig" abzog, und V "glaubte".

So blieb R, der Recht hatte, seine Argumente waren bestechend, nicht wirklich Sieger, denn man muß von einem solchen Kampf sprechen. Aber V war es durch eine immer bösartigere Süffisanz, durch Sarkasmus und Zynismus, gelungen, seine Glaubwürdigkeit so herabzusetzen, so zu beschädigen, daß er wie ein mit mehreren Breitseiten getroffenes Schlachtschiff von der Bühne schlich.

Beide hatten verloren, das war deutlich. Am deutlichsten aber war der Umstand ins Auge gesprungen, daß es eine Elitebildung längst gegeben hatte. Die hierarchischen Zuordnungen und Identitäten existieren, gerade heute. Aber ihre Träger wurden ausgewechselt. Und vermutlich, weil sich diese Schichten ihre Zugehörigkeiten nicht mehr selbst regeln konnten, was sie ja einmal gedurft, ja gesollt hatten, sondern durch gesellschaftspolitische Maßnahmen, aber auch durch entstandene Ressentiments der Menschen, in ihrer Selbstregulierung "aufgebrochen", durch neue Kriterien sich selbst entfremdet worden waren. Und von dieser Basis aus eine Selbstreinigung zukünftig unmöglich wurde.

Unter diesem Gesichtspunkt war R's fast verzweifelt wirkender Hinweis, daß er nur noch auf die Exzellenzinstitute hoffe, mehr als verständlich, mit dem er später, in trauter Runde beim Italiener (wer hatte um diese Zeit noch offen, und: Küche?), seiner Enttäuschung über den Verlauf des Abends Ausdruck gab. Es ist, meinte er später, als wäre es ein eigener Beruf geworden, den alle die Zehntausende an den Universitäten zu erlangen suchen: Akademiker. Sie sind nicht Wahrheitssucher, Erkenntnisgetriebene - sie sind ... Maschinen.






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Montag, 8. Oktober 2012

Denken wie gedruckt

Der entscheidende Punkt, der die Kommunikatiosqualität der Sprache wirklich verändert hat, war, schreibt Walter Ong in "Orality and Literacy", war nicht die Schrift an sich. Keine Kultur hat Schriftlichkeit je anders verstanden, als Stützt der Mündlichkeit, nie wurde Sprache anders gesehen als letztlich mündlich. Und nur in Bezug auf diese kann sie blut- und lebensvoll werden.

Der entscheidende Punkt war der Druck! Solange handschriftliche Aufzeichnungen geführt wurden, als Manuskripte, war jedes Textverständnis eine Kommunikation mit dem Autor, und seine Gedanken und Poeme waren im Verständnis der Menschen keine abgeschlossenen "Werke", ihr "nie fertig werden" - von dem jeder Autor aus elementarer Schreiberfahrung berichten kann - war evident.

Mit dem Druck aber änderte sich dieses Verhältnis. Plötzlich wurden "Werke" final, endgültig, und eine völlig neue Rezeption, eine völlig neue Gedankenwelt eröffnete sich: die der Konfrontation mit Endgültigem. Und so begann der Druck - nicht die Schrift, nicht die Gedankenwelt (denn auch die Renaissance hat das Denken nicht erfunden, ihre Gedankenwelt war keineswegs "neu"), sondern der Druck hat unsere Kultur entscheidend zu verändern begonnen. Sodaß sich unsere Gegenwart nicht einfach nur aus ihrer Geistesgeschichte heraus verstehen läßt, sondern diese Geistesgeschichte selbst als Geschichte der Technik erscheint.

Plötzlich kamen Kompendien, Lexika, kamen Katechismen - sie haben das Verständnis der Spache, des Mitteilbaren entscheidend verändert. Auf einen knappen Punkt gebracht: mehr und mehr versteinert, und ein Mißverstehen des überhaupt Sagbaren, der Art des Sagbaren mit sich gebracht. Unser gesamte Denkweise ist mittlerweile davon geprägt.

Jeder Autor weiß, wie sehr er darum ringt, im Druck Aussagen zu finden, die immer noch besser gingen, ja die nie zu einem Ende finden. Und das ist auch das Wesen der Wahrheit - sie kommt zu keinem Ende, sie ist prinzipiell unerschöpflich, weil sich das Gesicht des Ewigen in jedem Augenblick, in jede Situation hinein ändert. Denn der Leser IST subjektiv, so wie es der Autor in jedem Moment ist. Jeder Text wird von jedem seiner Leser anders gelesen, jedem sagt er es anders. Im Druck erscheint aber das Wort in seinem nominalen Gehalt endgültig, wird der Text zum Ding an sich. Und DAS ist der springende Punkt.

Erst mit dem Druck auch kam die "Urheberschaft" im heutigen Sinn zum Tragen. Der gedruckte Text, vervielfältigt, in jedem Exemplar final, löste die Gedanken und Werke vom Autor. Aus einem Fließen der Sprache, die im Ganzen des Volksbewußtseins und -empfindens verankert war und sich von dort nährte, wo jeder Sprecher (ob Rhetor oder Erzähler, so wenig das trennbar ist) auf allgemeine Topoi zurückgriff, von ihnen genährt, an ihnen entzündet wurde - sodaß sich sein Schaffensempfinden dem des Schauspielers weit mehr annäherte, als dem heutigen Autor im allgemein verstandenen Sinn. Man schreibt, um aus einer Situation, die einen zur Reaktion bewegt hat, in eine Situation hinein etwas zu sagen, das sich in seinem Wesentlichen nur in der Poesie sagen läßt. Selbst Plato ist als Poet zu verstehen (wie überhaupt die Nähe der Philosophie zur Poesie, ja ihre Einheit im Grunde, nie in Frage steht), und er bedient sich auch der oralen Form als Struktur seiner Texte (und war strikter Gegner der aufkommenden Schriftkultur, weil er ihre Folgen sehr scharfsichtig vorhersah.) Erst mit dem Druck entwickelte sich auch die Aufspaltung von "Kunst" und "Diskurs", von Poesie und Reflexion, die noch in der ursprünglichen Rhetorik eins war.

In diesem Aufsplitten der Sprache ist es nur noch das Tüpfelchen auf dem i, daß sich mit der Reformation ein Textverständnis als "selbstevident" durchzusetzen begann - auf der Grundlage des Buchdrucks, des Drucks der Bibel! Und mit dieser Luther-Bibel vor allem setzte sich a-regional eine neue Sprache durch, das Neuhochdeutsche, wie wir es heute kennen, ursprünglich eine Kunstschöpfung aus den Kanzleien des Kaisers. Wie das Latein eine Sprache, die niemand als Muttersprache sprach.

Es ist kein Zweifel, daß aus diesem Konstellationsverständnis auch das Verstehen der Wirklichkeit und Welt als "logos" angesprochen wird. Wo alles Wahrsprechen, alles Sprechen, zu einem Durchklingen dieses Logos wird. Originalität in diesem Sinn gibt es nur in der Lüge, und weil diese untrennbar mit der Unfreiheit verbunden ist, dort erst recht nicht. Schönheit und Wahrheit eines Texts aber ist immer ein Entbergen, ein Entdecken, ein Freilegen des Lebens "als Gestalt in die Welt und als Welt" selbst.

Der springende Punkt in der Urheberschaft ist der dialogische Charaker des Logos. Der sich nicht "an die Allgemeinheit" richtet, sondern immer individuell ist, ja gerade darin seinen Ausdruck in der Wahrheit findet. Wenn, kann sich Urheberschaft also nur in diesem Punkt finden, und dort liegt ihre Leistung - als sittliche Leistung. Denn jedes Handeln ist ethisch.

Sonst könnte man gleich in die Interpretation des Internete als Kampfeld des Logos mit der Lüge betrachten, allgemein und von und für alle, niemandem gehörig. Eigentum kann deshalb auch hier nur mit Verantwortung verbunden werden, mit subjektiver Situation, aus der heraus Urheberschaft erst ihre Bedeutung erhält. Nur dort kann Kritik am Internet ansetzen. Und genau dort setzt auch das (gnostische) Grundbild jener an, die es im wesentlichen "erfunden" haben. Wo Einheit im Geist zur "allgemeinen Sprachwolke" wird, an der alle teilhaben, und die allen die Sprache und die Wahrheit gibt.

Denn gewiß aber ist ein Urheberschaftsbegriff überzogen und symptomatisch für den Rationalismus, der den Schaffensprozeß rein weltimmanent verankert, zu einem der Phantasie als Vermögen zugeschriebenen Willen mißdeutet, die Dinge aufeinander zu beziehen, ohne ihrem Logos zu folgen, ja der so oft sogar Irrationalität mit Poesie und Geheimnis verwechselt. Nicht das "unbedingt Neue" aber ist das Wesen des Eigenen, sondern die subjektive Haltung zu "etwas". Erst in ihr wird Sprache, Wort, historisch und aktuell. Nicht in der "Erfindung" an sich. Weil aber der Druck in hohem Grad normiert, Wort, Buchstabe austauschbar wird, bleibt dem Subjektiven immer weniger Raum - das sich dann in das Formalspiel, den originellen Gedanken ergießt.

Und erst vor diesem Hintergrund wird das Internet (als social media) in seiner Simulationsnatur verstehbar. Denn nie hat diese Erdung des Textes in der Mündlichkeit aufgehört, zu wirken, es ist eben der Sprachgrund. Jeder Schreibende weiß es, und ein Gutteil seiner Probleme wurzelt ausschließlich in dieser Problematik - der Spannung zwischen gedrucktem Text, auf den hin er produziert, und dem eigentlichen Ort der Sprache, der persönlichen Kommunikation, der Situation, ohne die Sprechen undenkbar weil sinnlos ist. Und diesen Grundbezug hat (als Kulturbewegung in der Romantik höchst vielsagend: als Reaktion darauf, daß die alten Ordnungen wirklich zu zerbrechen begannen) ein zerfallendes kulturelles Institutionengerüst neu aufbrechen lassen, aber er wurde unserer Zeit gemäß auf eine dramatisch pseudologische, zweitwirkliche Weise realisiert, die bereits selbst Folge dieser Art der Rezeption ist, wie sie dem Druck als Kulturtechnik fast zwangsläufig entspringt: als Abbild metaphysischer Verhältnisse, die von technizistisch verstörten, sich selbst entfremdeten Menschen selbst zur Technik rekonstruiert werden, die sich an ihren physikalisch-rationalistisch meßbaren Wirkungen bemißt. Eine Gesamthaltung, die endgültig das 18. und 19. Jhd. so entscheidend charakterisiert.

Das Wesen des Internet ist in sich technisch, sein Problem sind nicht die Inhalte. Und es ist eine historisch nachvollziehbare Reaktion auf die Tatsache der vom Buchdruck geprägten Struktur unseres Denkens in seinen zur Sprache (als Allgemeinheit und damit Abbild der Einheit ...) gehobenen Gestalten.



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Samstag, 6. Oktober 2012

Frauenliteratur

Walter Ong spricht einen interessanten Gedanken an, der einem zu dem Schluß verleiten könnte zu sagen: Ja, es gibt einen Unterschied in der Kunst zwischen Werken, die von Frauen, und solche, die von Männern verfertigt werden. Und zwar aus einer viel tiefgreifenderen Logik heraus, als es auf den ersten Blick aussieht:

Ong führt nur an, daß die ersten Frauen, die schrieben, etwa ab dem 16./17. Jhd., anders als die Männer nicht auf ausgeprägte rhetorische Schulung - die immer noch klaren Bezug auf die Oralität, auf die mündliche Rede und Herkunft der Literatur nahm, selbst wenn sie längst formalisiert und technisiert war - keine solche "klassische" Ausbildung hatten. Sie waren vielmehr in Schulen gegangen, die mehr Wert auf praktische Ausbildung legten, wie sie Frauen angemessen schien. Sie waren deshalb in höchstem Maß einflußgebend auf die Entwicklung des Romans, der Romanprosa, die ja ohne die Schrift, ohne das Druckwerk, praktisch undenkbar wäre.

Entsprechend ist ihre Literatur viel stärker an literarischen Vorbildern orientiert, sie ist "literarischer", als die Literatur sonst, die immer noch vom Gesprochenen ausgeht. Gerade vor dem Hintergrund, daß Rhetorik an sich die Darstellung eines "Gemeinplatzes" zum Inhalt hat, der gerade oft auch im Widerspruch, im Antagonismus sichtbar wird, bleibt weibliche Literatur wesentlich formtreuer und bezogener auf "die Art, wie man schreibt". Sie bleibt damit ... "technizistischer"!

Man möge durchaus weitere Folgerungen daraus ziehen.



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Freitag, 5. Oktober 2012

Spitze des Werks

Jede Rede, jedes Schreiben, das sich ja auf die Rede bezieht, muß auf einen "common place" abzielen - auf jene Gemeinplätze, in denen im Gedächtnis der Menschen Wahrheit und Wahrheiten, Erfahrungswissen, wirklich Gewußtes vorhanden ist. Der gemeinsame Schatz an solchen Gemeinplätzen macht den eigentlichen Grund einer "gemeinsamen Kultur" aus, er ist etwas wie ihr Maß.

Das zeigt die Bedeutung der Erzählung für Kinder, nicht nur für sie, denn in diesen Gemeinplätzen finden sich auch ihre alltäglichen Gefühle und Erfahrungen wieder, gerade in aller rationalen Ambivalenz, die das Leben eben überhaupt hat.

Und es zeigt die Grundlage von Schreibgesetzen, wie jenem, daß jedes Werklein einen Gemeinplatz haben muß, unter den es subsumiert werden kann. Jedes, ausnahmslos jedes gute Werk hat einen solchen Generalnenner, ob bewußt oder unbewußt, der es in allen Verästelungen durchdringt und ihm jenen Geschmack gibt, der vom Ganzen eines Werkes ausgeht. Erst unter Bezug auf dieses Zentrum wird auch das Detail sinnvoll weil Teil eines Ganzen. 

Produkte, die das nicht haben, sind zum einen gar keine Werke - denn Ganzheit, die ja erst beurteilen läßt, was dazugehört, was nicht - und verwirren auch das Publikum. Von jenen Werken, die bewußt diese Verwirrung stiften sollen, meistens um ihre Zentralaussage zu verschleiern oder zu verwischen, die man fürchtet, warum auch immer, gar nicht zu reden.

(Daran dachte der Verfasser dieser Zeilen unlängst, als er Zeuge einer wahrlich sinnlosen Theaterproduktion wurde, die in den Zeitungen aus bestimmten Gründen, die hier nicht Gegenstand sein sollen, "wohlmeinend" kommentiert wurde indem man schrieb: es bliebe zwar Ratlosigkeit am Schluß, aber es seien "viele Anregungen" enthalten. Mit denen man den einen oder anderen Satz meinte, der "Aussage" enthalte. Eine verlogene Umschreibung des Wissens, daß dem Stück das Ganze fehlte, es also als Werk wertlos war.)

Gleichzeitig werden rational durchstrukturierte Werke, die bewußt auf eine solche Zentralaussage hin konstruiert werden, zu erkennbaren Machwerken. Man spürt als Konsument, daß dem Stück das innere Leben fehlt. Denn wie in jedem lebendigen Organismus, ist das Ganze nicht sie Summe aller Teile, sondern ein alles erfüllender und hervorbringender, integrierender Geist. Hier entscheidet es sich auch, ob ein Werk "Idee" hat, oder nur "Einfälle", auf die schöpferisches Wirken irreführend oft reduziert wird.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, daß der Produzent diese Pfeilspitze fühlt. Ohne zu behaupten, daß ein Werk genau das, eine scheinbare Ratlosigkeit, zeigen könne. Denn die einende Idee muß dem Verfertiger selber nicht bewußt sein. Ja zum Gegenteil, ist es eine der erstaunlichsten Werkerfahrungen zu sehen, daß im Fortschritt alles "heimlich und leise" auf ein Zentrum zuläuft. Man muß nur fühlen, daß etwas geboren werden will, und man fühlt, wann es (mehr oder weniger) "fertig" ist. Was es selber ist, stellt man oft nur mit höchstem Staunen fest.

So sehr - und es sei darauf hingewiesen - gerade die bewußte Verweigerung dieser Ordnung Ausdruck (wie in der Postmoderne) sein kann. Aber genau darin ist wieder Aussage: der Sinnlosigkeit der Welt. Insofern aber alles andere als neu. (Der Verfasser erinnert sich an eine Diskussion in einem Seminar an der Universität zu Jakob Michael Reinhold LENZ' "Der Hausmeister", wo die Peripetie ... in einem plötzlichen und "sinnlosen" Lottogewinn stattfindet. Lenz wußte ganz genau, was er da tat: Eine sinnlose Welt kann nur über im Zufall verlaufen. Die Dinge der Welt - die Handlung des Stücks ist bis dahin exakt gebaut - enden nicht nach ihrer Logik. Übrigens hat so gut wie niemand der Studenten das zu erkennen vermocht, ihnen blieb es vorerst einfach sinnlos. Sie hätten also auch so ein Stück nicht zu verfassen vermocht, weil diese Sinnlosigkeit genau den Hintergrund des Sinns braucht.)

Deshalb ist es völlig logisch, daß eine Zeit, in der Sinnlosigkeit herrscht, und sei es, daß sie proklamiert wird, also "sein soll", auch eine Urheber-Diskussion lostritt. Für das Sinnlose gibt es keinen Urheber, der Zufall ist von jedem lieferbar. Das Humane ist eben - der Sinn! Und jeder Zuschauer, jeder Konsument beweist es immer wieder aufs Neue: er SUCHT Sinn! Nur so kann er das Wahrgenommene in jene Einheit eingliedern, aus der alleine er überhaupt leben kann. Niemand kann ohne Zentrum leben, sein Handeln wäre völlig inkonsistent, und er würde in Unruhe zergehen! Jeder lebt aus einem einzigen Zentrum heraus, und das sucht er, lebenslang und in allem, was ihm begegnet.

So bleibt Kunstproduktion immer eine Sache der persönlichen Entwicklung, denn in ihr erst sammelt sich ein Mensch in jener Einheit, die Werke überhaupt gebären kann.



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Montag, 19. Dezember 2011

Was sich aber wirklich darstellte

Die interessanteste Aussage zum Ende von "Wetten, daß ...?" kam von Thomas Gottschalk, und die FAZ berichtete davon. Denn wenn auch der offizielle Anlaß der Unfall eines Wettkandidaten war, so war dies wohl nicht der Grund. Vielmehr schien sich der Grund einen Anlaß gesucht zu haben. Denn Gottschalk meinte, daß das Sendekonzept schon längst an die Grenzen gekommen war. Es hätte einer dringenden Überarbeitung bedurft, und wohl auch eines neuen Moderators.

Da sind wohl nur die Zähne eines Reißverschlusses zusammengegangen, als der junge Mann über die Autos stürzte? Übrigens das erste mal, daß ich die Sendung nach fünfzehn oder zwanzig Jahren wieder einmal ansah, weil ich das Phänomen - und das war es: es war die letzte "große Samstag-Abend-Show", wie sie das Fernsehen so lange Jahrzehnte, von der Wiege an, geprägt hatten, einen gesellschaftlichen Gesamtzustand charakterisierend: Gemeinsamkeit, ja Volksgemeinschaft - für meine Studenten wieder einmal näher ansehen meinte zu müssen, denn wir sprachen darüber. 



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Freitag, 1. April 2011

Kunst als Ziel aller Natur

"Dichtung ist hier kein formales Spiel mit Gegenständen und Tatsachen der äußeren und inneren Wirklichkeit, die auch auf andere Weise bezeichnet oder mit Worten ausgedrückt werden könnte; sie erblickt und ergreift vielmehr in dem allen die Kundgebung und die Offenbarung jener menschlichen Werte "redbarer" Art, durch die wir uns aus den gegebenen Verhältnissen herausgehoben fühlen, um dem wesenhaften Mittelpunkt der Welt und unserer Seele wie der schöpferischen Berührung mit ihnen desto näher zu kommen; 

es sind diese Werte, um derentwillen, an denen und zu denen hin sich die menschliche "Rede" gebildet hat und die sie letzten Endes (und zwar sie allein!) wenigstens andeuten und vermitteln kann durch ihre künstlerische Gestaltung, ihre "Form" in Schillers Sinne. So zielt alle Sprechtätigkeit des Menschen auf die Hochform der "Rede", alle Rede aber auf ihre Vollendung in der Dichtung hin."

Robert Petsch in "Wesen und Formen der Erzählkunst"

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Samstag, 19. März 2011

Erkenntnistod durch Internet

Sehr richtig stellt die FAZ in einem Kommentar zur Leipziger Büchermesse 2011 fest, daß die Entwicklung des Buchhandels - zur Internetbestellung, überhaupt zum Bestellwesen, und vor allem zum E-Book, wo ein Buch auf Mausklick bezahlt und heruntergeladen wird - zwangsläufig eine Verengung der Geisteswelt mit sich bringt. Zunehmend findet jeder Buchleser nur noch das, was er ohnehin kennt, wird nur noch mit seinen eigenen Vorlieben konfrontiert, die bedient werden.

Selbst wenn ihn Werbung durch Buchhändler erreicht, dreht sich die aufgrund der Suchsysteme der Buchhändler nur um die bereits bekannten "Interessen". Deren Suchmethode hat noch zu einen entscheidenden Mangel: sie bricht "Interesse" auf "information" herunter. Wir selbst führen uns an solchem Suchband also an der Nase herum, und bestimmen was uns interessiert nach bestimmter Art von "Information": nach Erkenntnis, die sich auf bestimmte bewußte Daten reduzieren läßt. So, wie wir uns bei Facebook und Konsorten auf bestimmte Kategorien einlassen, auf die wir uns herunterbrechen und unsere Ganzheit damit nicht nur aufgeben, sondern hinter den Vorhang drängen.

Oder - auch nicht besser, sogar noch auf Masse und kleinster gemeinsamer Nenner reduzierter - bewirbt aggressiv nach ganz anderen Kriterien, Kriterien des Buchhandels, der Marketingabteilungen, der Verlage, als jene, von denen wir uns sonst ansprechen lassen würden.

Auch Rezensionen, Empfehlungen lösen genau das Problem - und es ist eines, und schon das sagt viel aus, daß es kaum mehr als solches empfunden wird - nicht. Was fehlt ist genau das, was nur uns ausmacht, was nur uns bewegt, was nur wir so sehen und empfinden können. Und das wir deshalb nur finden, wenn wir direkt darauf stoßen. Denn ein Buch ist weit mehr als Information! Es ist ein physisches Ding, im Dienste einer ganz bestimmten geistigen Welt des Autors.

Das Bücherkaufen vor 10, 20 Jahren war dagegen ein fortwährendes Entdeckenm, schon alleine durch das notwendige Suchen. Man ging in die Buchhandlung, suchte, stöberte, ließ sich überraschen, und entdeckte Neues, von dem man nicht wußte - darum gibt es ja Literatur! - daß es das gäbe. Damit hatten auch weniger bekannte Autoren "eine Chance", gehört zu werden, vor allem aber hatten wir die Chance, uns bis in geheime, letzte, gar seltene Winkel ausleuchten zu lassen. So manches hat da der Bücherkäufer auch entdeckt, von dem er gar nicht wußte, daß es ihn danach gelüstete.

Der Verfasser dieser Zeilen selbst ist so ein Fall, er verdankt die wesentlichsten Anstöße solchen Überraschungen. Büchern, Autoren, Geistesrichtungen, Gedankenpfaden und -ansätzen, die er zuvor nicht kannte, und weil Autoren meist Ähnliches zeugen, auch über Literaturhinweise etc. kaum entdeckt hätte. Ja, die wesentlichsten Schübe auch jüngerer Zeit verdankt der Autor dieser Zeilen der physischen Präsenz bei einem Buchhändler, dessen physisches Angebot, in dem man ausgiebigst schmökern konnte, ihn Wege finden ließ, die seit Jahren bestimmende Richtung geworden sind.

Das Internet aber liefert im Wesentlichen nur, was wir bereits bewußt suchen. Freilich hat sich in wenigen Jahren die Ergiebigkeit eines solchen Besuches drastisch reduziert. Denn was an Buchläden findet man noch? Wo findet sich mehr als Massenware und -angebot?

Einzig Antiquariate sind deshalb noch reizvoll, nach wie vor. Sie erfüllen noch ähnlichen Zweck, wenn man sich damit tröstet, daß es nichts gibt, das nicht schon gedacht wurde. Daß man ein Wort in die Zeit hinein findet, das nur ein Zeitgenosse sagen kann und muß, das jede Ähnlichkeit noch einmal übertrifft, als "Kairos", das frelich können auch sie nicht ersetzen: in ihnen hängenzubleiben birgt also Gefahr.


Wofür soll dieser Zugriff schließlich gut sein, wenn wir nichts anderes finden als immer wieder den Rückweg zu uns selbst, wie wir nun einmal sind, unseren alten Interessen, unseren eingefleischten Überzeugungen? Was wollen wir wirklich: bestätigt oder verändert werden? Für eine Bestätigung ist das Internet genau richtig ausgelegt. Aber wenn wir uns verändern wollen, wenn wir die Herausforderung und Infragestellung suchen, brauchen wir eine Möglichkeit, uns auf den Weg des Zufalls zu begeben. Darum kann Fülle den Geist beschränken. Amazon mag die Welt für Sie kuratieren, aber nur indem es Ihre Interessen durchsiebt und Ihnen Variationen Ihrer alterprobten Themen zurückschickt: Ja, ich liebe Handke! Ja, ich wollte doch sowieso gerade dieses obskure Stück von Thomas Bernhard lesen! Ein Buchladen dagegen verlangt, dass Sie auf der Suche nach dem, was Ihnen vorschwebt, die Regale sichten. Sie gehen hinein, um Hemingway zu kaufen, und am Ende kommen Sie stattdessen mit Homer wieder heraus. Das Stöbern im Buchladen regt den Spürsinn an und bringt Überraschungen.
Das Internet wie auch Google Books haben es darauf abgesehen, die bekannte Welt zu versammeln. Die Buchhandlung dagegen will ein Mikrokosmos sein, nicht irgendein beliebiger, sondern einer, der uns – entsprechend den Prinzipien und Vorstellungen eines Türhüters – helfen soll, die Welt als solche aufzunehmen und zu betrachten. Dieser Unterschied ist alles. Wer eine Online-Suche startet, hat die Möglichkeit, entlang einer idiosynkratischen Route, die sich in Bruchteilen von Sekunden aus x Impulsen bildet, über die Oberfläche der Welt zu surfen und anzuhalten, wo er Lust hat, um gelegentliche Stichproben zu nehmen. Das ist nur eine Art beschleunigter Tourismus. Wer dagegen im Buchladen schmökert, macht sich an die Erkundung einer wohlüberlegten Sammlung dessen, was die Welt beinhaltet. Wohlüberlegt, weil Jahrhunderte von Denkern, Schriftstellern, Kritikern, Lehrern und Lesern den Wert dieser Auswahl begründet haben. Insofern scheint ihre kollektive Weisheit dem „neutralen“ Netz, seiner Nichts- und AllesWisserei, haushoch überlegen.

Adam Müller schreibt einmal, daß es die Literatur brauche, damit ein Gedanke zum Gedanken wird. Wir besitzen nur, schreibt er, was in die Sprache übergegangen ist. Nur was der andere versteht, verstehen wir auch. Eine Land, das keine umfassende, breitgefächerte Literatur hat, ist sich mit dem Denken selber weit voraus. Seine Lebenspraxis wird geschoben, kommt dem Notwendigen nicht hinterher, bleibt dumpf und triebhaft. Gerade auf die deutsche Literatur des 19. Jhds. meint Müller es anwenden zu müssen: und er beklagt, daß es in Deutschland zu keiner Ausbildung wirklicher Redekunst, als Kunst eben dieses Selbstergreifens, komme. Damit spielt Müller den Ball sehr wohl auch zu den Schriftstellern. Ähnlich wie die Analyse der FAZ zu den Buchläden:

Es gibt viele Gründe für den Niedergang der Buchläden. Schuld ist das Geschäftsmodell von Megamärkten. Schuld ist Amazon, schuld ist die schwindende Muße. Schuld ist ein digitales Zeitalter, das uns mit derart vielen schillernden Anregungen überflutet, dass dadurch unsere Fähigkeit zu ausdauernder Konzentration verkrüppelt. Man kann sogar sagen, schuld seien die Schriftsteller, weil man findet, dass sie nichts mehr produzieren, was die Kultur belebt und sich zu lesen lohnt. Wie auch immer, der simultane Vorgang ist eine historische Tatsache: hier der Niedergang der Buchläden, dort der Aufstieg des Internets. Ein Modell der Ordnung und Präsentation von Wissen wurde gekippt und durch ein anderes ersetzt. Für Buchhandlungen sind E-Books nur der Nagel im Sarg.

Dafür steigen gewisse Buchhandlungen auf, die das Buch wie Aktien bewerten, und wo Buchempfehlungen und -angebote den Charakter von Charts haben: sich nur nach Verkaufszahlen bemessen, nach ihrem Rang in Bestsellerlisten. Aber: was kümmert uns eine Bestsellerliste? Was kümmert uns, ob Amazon weitere Millionen Gewinn macht, und mehr sagen diese Listen kaum aus?

Ja, die Technologie ist in der Welt, und ja, es wird E-Books geben – aber warum unter Ausschluss von Büchern und Buchläden? Ist Bequemlichkeit für die Amerikaner wirklich das höchste Gut? Wenn man ein E-Book herunterlädt, lohnt es sich, einen Augenblick innezuhalten und sich zu überlegen, wofür man sich da entscheidet und was diese Entscheidung bedeutet. Wenn genügend Leute aufhören, in Buchhandlungen zu gehen, werden die Buchhandlungen schließen – nicht einige, sondern alle. Und das wiederum bedroht eine Reihe von Werten, die uns begleitet haben, seit es Bücher gibt.

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