Seltsam, und nach teils so vielen Jahren fällt mir auf, daß ich von manchen meiner Wohnorte kaum etwas wußte und weiß. Daß ich aber von manchen schon lange begonnen habe, Lokalgeschichte zu erforschen. Und jetzt erst fällt mir auf, daß ich schon die nächsten Orte kennenlernen möchte, die ich mal länger mal kürzer bewohnt habe, und nie in einem Maß zur Kenntnis nahm, die meinem Bedürfnis, diese Orte zu lieben, entspricht.
Immer geht es um Heimat. In allem, was der Mensch macht und tut, baut er einer Matroschka, oder einem ägyptischen Sakopharg ähnlich, eine Welt um sich. Es muß etwas mit dem Sinn des Menschseins zu tun haben, ja mit dem Sinn aller Lebewesen, sich eine vollkommene, geschlossene Welt zu bauen, DIE IMMER BEI IHM BLEIBT. Die er immer bewohnen kann, und nie mehr verläßt.
Und worin wohl auch das Recht auf Eigentum, das ein Recht auf eine letzthinnige Identität ist - als Heimat, und sei sie noch so beschränkt - seinen nicht veräußerbaren Sinn hat: Eine geschlossene Welt, in der sich der Mensch lückenlos wiederfindet. Sieht man es nicht darin, daß man erst dann von einem psychisch gesunden Menschen sprechen kann, daß sich gleich welche menschliche Ordnung NUR dann bauen läßt, wenn sich die Menschen eine solche unverletzbar gestellte Welt bauen können?
Das ist das erste mal, daß ich mit meinen Bemühungen, die Tätowierung zu verstehen und das heißt, eine Theorie dazu zu bilden, die ich dann auch belegen, beweisen kann, halbwegs zufrieden bin. Denn sie umfaßt auch den Wanderer, den Zigeuner, der nur seine kleine Tasche oder seinen Reisewagen mit sich führt, der ihm dann Heimat ist.
Der Seemann oder gar der Pirat oder der "Häfnbruder", der Knastbruder, wie man so sagt, der sich als aus jeder menschlichen Gesellschaft und Landschaft ausgestoßen erfährt, und somit seine Heimat mit sich führen muß, reduziert diese seine geschlossene Welt, die man dann in vollem Wortsinn IDENTITÄT nennen kann, auf die Haut.
Er hat nicht wie der Reiche ein Haus, einen Garten, einen Park, die ohne jede Lücke nur eines ist: Eine Welt, die total und vollkommen von ihm durchdrungen ist. So sehr, daß die Grenze zwischen ihm und der Welt gewissermaßen getilgt ist, weil ihm alles zur Haut wurde. Wenn er "aus der Haut fahren" muß, verliert er damit sich und seine Welt. Denn der Verrückte ist vielleicht nur deshalb verrückt, weil es ihm nicht gelungen ist, seine Haut zu tätowieren.
Und so fügt es sich. Daß ich eine Ruhe im Herzen gewinne, als immer bewußter werdenden Weg zum Tode hin, weil es nichts merh zu tun gilt, und das heißt wiederum: daß einem alle Welt, die man bewohnt hat, auch posthoc noch anverwandelt, zu SEINER macht. Indem ich in der Erinnerung liebe, was ich einmal scheinbar spurlos durchwandert bin. Wo ich mich aufhielt, wo ich aber erst jetzt wohne.
Will nicht auch Gott dasselbe, in seiner Schöpfung EINWOHNEN? So ahmen wir, seine Ebenbilder, ihn auch darin nach. Indem wir jeden Ort, an dem wir uns aufhalten und aufhielten (denn in geistigen Dingen gibt es keine Zeit) lieben. Uns ihm anverheiraten, weil die Ehe das Grundprinzip unseres Existierens ist.
Weil wir uns erst in dieser Verbindlichkeit und Unauflöslichkeit in jene Schule begeben, in der unsere Liebe lückenlos entstehen und wachsen kann. Bis nichts mehr an der Welt zu tun ist, weil sie uns gehört. So, wie man allem gehört, das einen liebt, weil Liebe und Eigentum untrennbar sind weil einander bedingen, es eines ohne das andere nicht gibt. Und alle Liebe, alles Eigentum im Erkennen gründet, ja in einem unentwegten, nie unterbrochenen Liebesakt, diesem Akt des Ineinander-Hauchens zweier einander gehören Wollender, überhaupt erst existiert.
Auf daß einer sich dem anderen auf die Haut tätowiert, weil dessen Welt wird wie ihn in eines eigene Welt integriert, auf daß diese lückenlos und vollkommen werde.