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Freitag, 4. November 2022

Wenn Mütter gar nicht singen, werden Kindertränen zu Kritikertiraden

Da singt eine Mutter für ihr Baby, und der Sentimentalitätspapp einer spezifischen Gutmenschenart jubelt es zu irgendeinem Beweis hoch, der bewegen soll, aber nur Knöpfe aufruft, wie es sich zu fühlen hat, wenn man bewegt ist. Umso mehr, als Kindlein am Ende des kurzen Videos zu weinen beginnt. Aber das hat seinen Grund.

Wir, werter Leser, Sie und ich, wir wissen, warum es weint. Weil die Mutter so schlecht singt. Nein, gar nicht singt. Sie belkt. Und das tut einem unverfälschten (wenn auch noch nicht gebildeten, das heißt der Wahrheit der Natur zugeformten) Gehör, also noch gar nichts hört, sodern nur irgendwelche Sinnesdaten geliefert bekommt, ohne daß es sich wehren kann. (Die Sinne - Tastsinn als erster, Schmecken als zweiter, Gehör als dritter, das Riechen als vierter - sind unbedingt und leidend und deshalb besonders physiologisch prägend. Nur das Sehen kann der Mensch abschirmen, es ist also der Letztgereihte der Sinne - weil der Voraussetzungsreichste.)

Sonntag, 22. März 2020

Hymne der Gleichschaltung

Die Radiostationen in ganz Europa spielen es angeblich rauf und runter. Schmalzig, dramatisch, sentimental. "You'll never walk alone." Die Zeitungen propagieren es - das "Lied der Coronaseuche", die Hymne des gemeinsamen Lebensgefühls. In dem 500 Millionen und mehr tun, was eine Diktatur nie so hinkriegen würde: Sie verhalten sich alle gleich, fühlen, denken, reden gleich, "wissen" gleich, handeln gleich ... und stehen alle - gleich - dem großen Bruder alleine gegenüber, gleich in der Angst vor dem anderen, der den Tod bedeuten könnte. 

Spielt es, singt es, aus den Fenstern, in die Höfe hinab, auf die Straßen hinunter, in Euren einsamen Zimmern, spielt es! Seid weniger allein in dem Gefühl, daß es Millionen gibt, die mit Euch gleich sind.

Die Hymne an den guten großen Bruder, der sich um uns kümmert, und alles wieder gut macht.




*200320*

Montag, 17. Juni 2019

Endlich normal sein

Das "klauen" wir ihm glatt ;-) Denn Michael Klonovsky spricht hier davon, wie es Deutschen und Österreichern im Ausland oft und oft geht: Dort erleben sie, daß man dort ganz einfach normal sein kann. Dort erleben sie, daß es diese inneren Zensoren nicht gibt. 

Stelle man sich zur Gegenprobe einmal vor, was passieren würde, wenn am Wiener Stephansplatz oder am Münchner Marienplatz jemand aufstünde und die Nationalhymne anstimmen würde. Würden die Anwesenden einstimmen, mitsingen, sich an sich selbst erfreuen, wie es hier am Roten Platz in Moskau passiert ist? Denn in diesem Rahmen darf man sich auch solchen "expliziten Nationalismus" durchaus manchmal gönnen. Der zwar keine Existenz inhaltlich trägt, klar, aber doch das Aroma ist, das jeden Menschen durchtränken muß, denn ohne diese strukturelle Durchdrungenheit durch alle Ebenen, vom Kleinsten, Alltäglichsten bis ins Größte, und das ist auch der Staat (worin er nur noch von der Kirche übertroffen wird, aber nur auf eine qualitative, innere Weise, nicht als direkte Gestalt), kann man von Identität gar nicht sprechen.

Der VdZ erlebt es täglich in seiner Wahlheimat Ungarn - es stimmt. Man darf dort alles sagen, alles singen, alles denken. Und es fehlt auch jene Scham, die uns selbst beschämen sollte. Auch die Ungarn singen gerne und zu vielen Gelegenheiten ihre Hymne. Als Ausdruck, nicht als "rechte Provokation". Aber auch in den alltäglichsten Gesprächen hat keiner Bedenken seine Ansichten zu äußern, zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. In aller Blödheit, in aller Klugheit, in aller Weisheit, wie sie so oft der kleine Mann - und auf diese Weise nur er - hat.

Die Hysterie in unseren Ländern, die sich zu einer gewaltigen Massenpsychose ausgewachsen hat, in der sich Bedrückung wie ein schweres Leichentuch über uns gelegt hat, wird nur davon genährt, daß das Sein selbst der Feind ist. Und Sein heißt - Identität haben, "etwas" sein. Mit allem, was daraus folgt, denn was ist (und nur was ist), will bleiben. Und bleiben heißt: Dem Wesensgesetz, das einen in die Existenz trieb, dem Ort also treu zu bleiben, in den man in die Welt kam, und so erst Welt wurde.





Und natürlich hätte es einen seltsamen Beigeschmack, wenn wir in unseren Ländern solche Bilder nicht mit gewissem bitterem Beigeschmack sehen würden. Auch der Vater des VdZ war Soldat im Rußlandfeldzug, und ein Onkel fiel dabei. 

Doch auf seine Weise bleibt es in sich schön, und daran dürfen auch wir uns erfreuen, ja daran dürfen wir sogar Maß nehmen, wenn ein Volk sich und seine Geschichte (ohne die die Gegenwart undenkbar ist) noch so zu feiern versteht wie Rußland 2015, als man den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" (1941-1945) mit einer beeindruckenden Parade, Zeichen des Selbsterhaltungswillens, der Zustimmung zum eigenen Sein, beging. Bewußt sagt der VdZ nicht "feierte", denn was man sehr zustimmend zur Kenntnis nehmen darf ist, daß die Russen solche Gedenken nie ohne einen gewissen tragischen Grundton abhalten, der es nie in bloßes tumbes Siegesgejohle umkippen läßt. Herrlich inszeniert, die Glocken, der Beginn mit dem bekanntesten, beliebtesten, berühmtesten russischen Lied über den Krieg, der bis zu zwanzig Millionen Bürger der Völker der Sowjetunion, also einem Zehntel der Bevölkerung, das Leben gekostet hat.

Aber noch ein Gedanke steigt aus solchen Bildern auf: Kann ein Volk sich aus etwas anderem nähren als aus einem Sieg im Überlebenskampf? Recht sicher kann nämlich jenes Volk nicht bestehen, das nicht in der Lage ist, über eine allfällige Niederlage hinaus (oder historisch etwa: zurück) einen immer noch gegenwärtigen Sieg zu denken und wirksam ins Heute zu rufen, der es für eine eigene Zukunft legitimiert.

Man könnte also durchaus die These in den Raum stellen, daß die Gutmenschen-Krankheit, die unsere Länder befallen hat, und in der wir uns anschicken, der Welt zu enteilen, der Versuch ist, einen Legitimitätsmythos zu schaffen, der fehlt. Versuchen wir doch auch zu verstehen, daß das Böse sich dadurch erkennbar macht, daß es die Legitimität des Begegnenden aufzulösen (und/oder durch neue oder Scheinlegitimität zu ersetzen) versucht.





*190419*

Sonntag, 3. März 2019

Bitte, nur mit ärztlicher Zustimmung ansehen!

Mit Dank an Leser U. samt der Frage: Soll man da lachen oder weinen? Ist fast so grotesk-lustig, daß es einem am Aorta aneurysma weh tut, wären da nicht die Hämorrhoiden vorrangig. Im Alter korrigieren sich eben gewisse Ordnungsverstöße aus der Jugend durch Beschwerden ...

Die Feisten
"Junggesellenabschied mit über 50"






*220119*

Freitag, 5. Oktober 2018

Wanderer durch den Herbst

Schon ist Abend, Freunde, schon Abend
Und die Lampe des Mondes scheint hell.
Laßt die Speisen, die Reden, hochtrabend
Und erhebt euch vom Tische schnell.

Hinterm Fenster kein Windhauch, kein Regen,
Kein Blättchen fällt raschelnd herab.
Die Natur will die Seele bewegen
Mit herbstlichem Zauberstab.

Und vielleicht, ich will nicht prophezeien,
Geht ein Pilger auf steinigem Pfad,
Der, in heller Nacht allen verzeihend,
Noch voll Hoffnung das Ziel vor sich hat.

Von Segen erfüllt sind die Wälder
Vom Strom dampft's wie Weihrauch hinauf,
Friede dem, der da streift durch die Felder,
Und auch dem, der ihn nimmt bei sich auf. 

Wer bist Du, durchreisender Fremdling,
Ist Dein Weg, Deine Straße noch weit?
Warum wühlt mich so auf Dein Tiefsinn
Dein Gesicht voller Seligkeit?

Das Gebet Deines Herzens ist heilig,
Treibt die seelische Finsternis fort.
Vielleicht gehe auch ich bald, befrei' mich,
Finde betend und wandernd den Hort.

Und ich werde, mit Kreuzen behangen,
Durch das Land pilgern, wer weiß wohin,
Durch die Dörfer, den Wald ohne Bangen
Und die Städte beharrlich fliehn.


Eines der Lieder des +Priestermönchs Alexander
entnommen dem Buch "Heilige des Alltags" des orthodoxen Bischof Tichon Schewkunow





*010918*

Dienstag, 23. Januar 2018

Die Kraft eines Volkes

Der VdZ ist tatsächlich der Meinung, daß sich die Lebenskraft eines Volkes aus seiner Marsch- und Militärmusik ermessen läßt. Das läßt nachdenklich werden. Denn er kennt kein kraftvolleres (damit: schöneres) Marschlied als das (alte) russische, so tragische "Puth" ("Los, auf den Marsch!"), das er seit Jugend kennt und so sehr liebt. Wie es sein Vater liebte, der mit diesen selben Russen noch als Feinde erst, später aber als Freunde zu tun hatte. Seit der VdZ das Lied auf der zerkratzten Vinylplatte erstmals hörte, abgespielt auf seinem mittlerweile siebzig Jahre alten (!) DUAL-Röhren-Plattenspieler mit 2x6 Watt-Lautsprechern. Dann verstand er auch die Kraft seines wahrlich urösterreichischen Vaters, und fühlte sie in sich.

Leser, schalte er alles, was er an Lautanlage besitzt, auf volle Lautstärke, schnalle er sich besser noch Ohrhörer um, um die Feinheiten dieses überhaupt nicht brachialen, sondern einfach überwältigenden Marschliedes zu erfassen, entschuldige er sich allenfalls im Voraus bei allen Nachbarn, weil hier notwendig Enthusiasmus ausbricht.

Und freue er sich siegesgewiß darüber, daß all diese verprunzte Elektronik nur funktioniert, wenn und soweit sie die Wirklichkeit der Gestaltbegegnung reduziert.

Hier kommt höchstens noch der österreichische Radetzkymarsch - weil er eben Charakter hat - mit.






Hier geht es noch überwältigender zu. Aber technisch-tonal ist das gar nicht mehr erfaßbar, also gebrochen. Doch genug, um sich festzuschnallen.









*060118*

Mittwoch, 1. November 2017

Nie von seinem Volk trennbar

Die Wahrheit in die Welt zu holen heißt, das Denken des Denkens selbst (also das Denken Gottes, der das Sein ist) in die Welt zu holen, ihm in der menschlichen Sprache ein passendes Kleid anzuschneidern, wenigstens mit der Zeit. Niemand erträgt aber auf Dauer, die Wahrheit zu denken (das ein Offensein für die Wahrheit, also Gott ist, um im Gehorsam Mensch und Gott anzugleichen; das ist es, was man Sittlichkeit nennen kann) und falsch, also nicht der Wahrheit gemäß, zu leben.

Denn wahr zu denken aber falsch zu leben heißt, ständig das Gericht ganz konkret mit sich herumzutragen. Also muß man sich entscheiden. Die Entscheidung der allermeisten Menschen fällt eindeutig zugunsten des faktischen So-Seins ihrer Fleischlichkeit aus, und seiner Tendenz, sich in der Welt zu verbergen, sich ihr anzugleichen (nicht: Gott). Zu viel wäre zu tun, zu schmerzhaft wäre das Leben als Prozeß selbst, denn dann würde es das, was es ja eigentlich ist: Fegefeuer. Sie schieben dieses Fegefeuer in vager Hoffnung, daß es dafür reicht (und nicht in völliger Abwendung vom Sein, also in der Hölle endet), auf. 

Das ermöglicht zwar noch Stücke "richtigen" Denkens, also auch richtigen Sprechens, aber nie darf man sich dabei zurücklehnen. So zu leben, so zu denken ist also auch anstrengend, man kommt nie zur Ruhe. (Das erklärt auch die Vielzahl von "Methoden", mit denen man zur Ruhe zu kommen versucht, auch ohne Wahrheit. Man überläßt die Anstrengung einer Technik, einer Maschine, die tun soll, was man selbst nicht vermag. Gleichzeitig muß man das Denken, die Sprache verwischen.)

Das ist der Grund, warum die Menschen nicht wahr denken wollen, und ihre Sprache, ihr Denkgebäude dem Fleisch anpassen, nicht dem Sein selbst. Das ist der Grund, warum sie mit der Zeit auch ihre Sprache entgründen, die Begriffe verwischen, im Unklaren lassen. Denn die Last des Gerichts (also des Gewissens) ist auf Dauer zu groß.

Wahr zu denken, als das einzige wirkliche Denken ist aber nicht so sehr die Frage, ob man bereits alle Tugenden besitzt. Es ist vielmehr eine Frage der Bereitschaft, sich dem Gericht - der Wahrheit - zu stellen und immer auf sein Urteil zu hören. Aber wehe dem Denken des Menschen, der diesem Urteil nicht letztlich folgt. Es wird trübe.


Nach K-apisehimuh (Ottawa-Indianer), Der große Geist



*041017*