Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
Sie kennen das, werter Leser. Während die Mutter mit den Töchtern das Haus auf den Kopf stellt, der Vater sich ums Rosenspalier (und die Nachbarn in einer raschest einberufenen Über den Zaun-Konferenz betreffs "Handhabung der jüngsten Launen des Bürgermeisters") kümmert, sitzen die Kinder vor dem Fernseher. Das gerade mal wieder sendet.
Und das Fernsehen, das mitgedacht hat, weil es die Menschen kennt, zeigt einen Film. "Der Onkel aus Amerika" ist aber nicht nur köstlich und mit vielen Spitzen des alten deutschen Films gewürzt, angeführt von Hans Moser, sondern hat eine wunderschöne Parabel zum Inhalt: Man muß keine Substanz haben. Es reicht, wenn die Welt GLAUBT, daß man sie habe.
Dann wärmen Sie, geneigter Leser, Ihr Herz an Filmen wie diesem. Einem der Gründungsmythen des heutigen Österreich. "Hofrat Geiger". Mit allem, was der österreichische Film aufzubieten hatte. Hans Moser etwa. Oder Paul Hörbiger, Maria Andergast und Waltraud Haas. Auch in der Liste der sonstigen Beteiligten findet sich die Vatergeneration der heutigen Filmgeneration im selben Land.
Daneben läßt sich noch viel sonst erkennen. Wer das erkennen möge, dem sei es vergönnt. Aber wir wollen sonst keinen damit - am heutigen Festtag - beschweren. Denn da wird ziemlich viel angerührt.
Darüber hinaus wird so manches Geheimnis der eigenen Existenz aufgestöbert. Da kommt einem die eigene Mutter, der eigene Vater aus den Bildern am Bildschirm entgegen. Segen über die Kunst, die das vermag. Der VdZ war sicher schon hundert Mal in der Wachau. Er hat sie immer wieder als Eintauchen in die Welt erfahren, die auch dieser Film zur Welt überhaupt gemacht hat. Er schwebt von einem Licht der Liebe, der Treue, vor allem aber der Ehre und Selbsthingebung.
So nebenbei geht es hier auch um Fragen der Legitimität, und ihre Bedeutung in der Existenz. Aber das ist ein Thema, das wir andernorts noch erschöpfend öffnen werden. Immerhin, das "Mariandl" ist illegitim.
Ach, lassen wir das. Zu schön ist das Spiel von Mann und Frau, das wir hier erleben können. Es möge uns für heute sättigen. Und beitragen, uns für ein heutiges Fest recht zu formieren. Und lassen wir alles, was sich bereits damals in nucleo als jene Tendenz abzeichnet, die damals als Hoffnung empfunden wurde, das bloße subjektive Empfinden als Herrin über alle Ordnung, die letztlich dann alles zerstört hat.
Ach, werter Leser, gönne er sich diese paar Momente der Gerührtheit, und berufe er sich bei Anfragen anderer darauf, daß diese doch bloß archetypisch sind. Es sieht ihn ja niemand.
Der VdZ hatte so das eine oder andere Mal in den ehemaligen Studios der Wien-Film zu tun. Die alten Gemäuer - meist leer, meist defunktionalisiert, zum Teil aber noch heute als Studios genutzt - atmen sie noch: Die Atmosphäre einer Ära, in der der österreichische Film nicht nur nationale Eigenart repräsentierte, sondern einer der umtriebigsten Filmproduktionen des deutschen Sprachraums, ja Europas bedeutete. Seit den 1920ern sogar. Und die damaligen österreichischen Filmschaffenden haben Hollywood geprägt, kann sich das der Leser vorstellen? Die meisten der maßgeblichen Hollywood-Proponenten sind ehemalige Bürger Österreichs oder der Monarchie. Billy Wilder, Fred Zinneman, etc. etc.
Die Wiener Filmproduktionen haben eine Nation "erschaffen", sechs Millionen völlig orientierungslose Menschen in eine neue Identität geführt, an sanfter, dabei nicht unwahrer Hand. Die Rolle der österreichischen Filmproduktion nach dem Krieg 1939/45 ist wohl gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Heute ist alles verwaist, umgedeutet, verändert, bestenfalls noch technisch genutzt. Es tut einem das Herz weh.
Hier Hans Moser in einem Filmausschnitt mit dem Lied "Wenn der Herrgot net will nutzt es gar nix". Gewidmet den zahlreichen deutschen Lesern dieses Blog. Csokolom! Küß die Hand!
Filme wie dieser haben nach 1945 - vielleicht erstmals - so etwas wie eine österreichische Identität geschaffen. Und maßgeblich beteiligt daran war Hans Moser, der durch seine Wiener Typen bekannt wurde, die er spielte, die er schuf. "Der Hofrat Geiger" ist in seiner eigentümlichen Melancholie, die den Menschen darstellt, der nach langen Irrwegen Heimat und Familie findet, auch deshalb so interessant, weil er das Leben nach dem Krieg erahnen läßt. Aus den Ruinen und dem totalen Zusammenbruch hebt sich wieder das Schöne der Schöpfung, und an ihm richtet sich der Mensch auf.
Ein wirklicher Klassiker des Lustspiels, mit Paul Hörbiger und Hans Moser: "Hallo Dienstmann", mit der legendären, einfach köstlichen Szene im Stiegenhaus. Herrlich die Dialoge! "Logisch wär das richtig, AABER ..."
Und hier treten sie geballt auf, die Sterne des deutschen Films: Hans Moser, Heinz Rühmann und Adele Sandrock in "Der Himmel auf Erden" aus dem Jahre 1935. Schon deshalb muß man den Film sehen. Denn noch einer wartet mit einem Auftritt auf: Theo Lingen!
Der österreichische Film war nicht nur in den 1920er Jahren voller Kraft und schöpferischem Mut, sondern er hielt sich auch nach 1945 mit bemerkenswerten Werken. Werken, die ganz deutlich auf eine österreichische Mythologie setzten, sie einerseits erinnerten, anderseits schufen. Und damit das erfüllten, was eine der Aufgaben der Kunst ist: Die Verwurzelung der Menschen. Das Gefühlsleben der Menschen benannten, damit ordneten, WAHR waren, weil in eine Linie mit ihrer Lebensrealität brachten. Im Alltäglichsten das Poetische zeigten, das enthalten war. Die schon durch die Figuren eine Identifikation möglich machten, die geeignet war, an die Größe des eigenen Lebens wieder zu glauben. In einem Österreich, das bis 1955 im Trauma der Besetzung und Rechtlosigkeit festgehalten erst langsam wieder zu sich finden konnte. Wieder? Aus dem verzweifelten Zwang heraus, ein eigenes Volk mit einem eigenen Staat bilden zu müssen.
Eines der wunderbarsten Beispiel dafür, wie das in Anknüpfung an wahre Tradition möglich war, ist der Film "Mariandl". Mit einer Riege der großartigsten Schauspieler, die Österreich damals (aus bestimmten Überlegungen heraus kann man durchaus sagen: JE) hervorgebracht hat.
"Wenn es Zufall war, dann ist es Schicksal." Volentem fatum ducunt - nolentem trahunt.