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Freitag, 29. April 2011

Koinzidenz aus gleichem Irrtum

Wie eine Bestätigung der hier zuletzt entwickelten Gedanken kam mir nun "Der westliche und der östlich Weg - Essays über östliche und westliche Mystik" von Daisetz Daitaro Suzuki in die Hände. Der Japaner zeigt darin sein Erstaunen, erst, und dann seine Zufriedenheit, daß die "Mystik" des Zen-Buddhismus sich in fast allen Zügen mit einer Mystik deckt, wie sie sich bei Meister Eckhart wiederfindet, also "offensichtlich" die abendländische, christliche Mystik mit dem Zen auf eine Weise ident ist, dasselbe will, dieselben Wege beschreitet.

Da sei es gestattet, was hier an zwei Stellen (u. a.) ausgearbeitet wurde: auf die Problematik der Mystik des Meister Eckhart, der in seiner Mystik exakt in den Pantheismus hinein sich auflöst, der ja zugleich ein Nihilismus ist. Kein Wunder also, daß er sich mit dem Zen-Buddhismus* scheinbar "nahtlos" deckt!

Und es sei die jüngere Replik angeführt, in der Alois Mager in seiner großartigen Psychologie der Mystik diese Stufe so klar identifiziert: beschreibt, seziert, klar auf den Tisch legt. Als jene Stufe, ab (bzw. nach) der christliche Mystik erst beginnt, und die die christliche Tradition als vormystisches "Gebet der Ruhe" kennt. Bis dorthin kann auch der Nichtchrist kommen (wobei auch darüber die Meinungen auseinandergehen, weil sie auf gewisse Unterschiede in der Art, nicht nur dem Grade nach hinweisen, s. u. a. A. Stolz in seinem Standardwerk "Theologie der Mystik"), bis dorthin kommen auch Anschauungen, die in ebenfalls sehr klar identifizierbaren gedanklichen Weichenstellungen (und Irrtümern) im Pantheismus oder, noch eine Stufe weiter, im Nihilismus - dem Auflösen in einen Allgeist, einerseits, folgt logisch ein Nichten der Person, anderseits - enden.**

Tatsache ist also, daß die Schriften der Hl. Theresia von Avila, des Hl. Johannes vom Kreuz, als Spitze einer gewaltigen mystischen Literatur und Entwicklung ihrer "psychologischen Theorie", Dinge und Stufen beschreiben und anzielen, die weit über alles hinausgehen, was in der Mystik aller nichtchristlichen Religionen vorkommt, dabei deren Erfahrungen klar erfaßt, beinhaltet, und einzuschätzen vermag.***

Sie alle kennen keine Erlösung des Fleisches, sie ist ihnen unerhört. Und in der Tat: diese ist unerhört! (Aber sie ist der Kern des Christentums, das nicht die Welt "flieht", auf daß sie eben dadurch entschwinde, sondern in sie hinein, ins Konkrete, über dieses sich wirkt! Incarnation! Gott ist also auch der Konkreteste.) Und auch diese Konsequenz ist logisch, und macht auch die leibseelischen Gründe, ja die kulturellen Spannungen, aus denen herausdiese Geisteshaltungen erwachsen, sehr gut nachvollzieh- und verstehbar. Aber umso klarer auch als begrenzt klassifizierbar, als nicht der Heiligung dienlich, sondern in scharfer Konsequenz sogar dem Gegenteil.



* Den der Verfasser dieser Zeilen aus sehr handfesten Erfahrungen kennt, in deren Rahmen er vor über dreißig Jahren sogar mit einem höchst bemerkenswerten Erleuchtungserlebnis beglückt wurde; darüber vielleicht an anderer Stelle, es ist fast vergessen, und war dabei so wichtig für des Verfassers dieser Zeilen weitere Zukunft.

** Dabei ist Mager dem Meister Eckhart noch sehr freundlich gesonnen, meint, daß dieser nur mißverstanden würde oder worden war, welcher Meinung sich der Verfasser dieser Zeilen nicht anschließen kann, bei aller Wonne, mit der er seine Schriften - in ihrem Rahmen - liest und schätzt.

*** Da muß man sich halt wirklich die Mühe machen, so manche umfangreiche Originalliteratur durchzuarbeiten, das läßt sich nicht mehr mit ein wenig Sekundärliteratur abhandeln, denn hier geht es um metaphysische und anthropologische Grundsatzüberlegungen, an denen sich diese Dinge explizieren, und an denen sie plötzlich so manchem gefühlichten Dunkel entrissen und verständlich werden - während sie das Geheimnis erst recht erstehen lassen. Aber der Verstand kommt - und kam bereits - hier viel weiter, als sich so viele, gerade heute, wo dieser ganze Bereich, u. a. in die Esoterik, so gerne abgetäuftwird, träumen lassen.


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Dienstag, 26. April 2011

Vorzimmer der Mystik

Selbstverständlich, meint auch Alois Mager in "Mystik als seelische Wirklichkeit - Psychologie der Mystik", kann auch der Nicht-Christ, der Nicht-Getaufte, bis zu den vormystischen Zuständen (wie Theresia von Avila u. a. sie bezeichnet) gelangen, bis zum "Gebet der Ruhe" also. Sämtliche Berichte und Schilderungen, auch aus anderen Religionen, sind also ausreichend glaubwürdig, und ihre Psychologie deckt sich logischerweise mit der der christlichen Mystik.

Auch der Nicht-Christ begegnet und erfährt Gott in seiner Seele, aber er erfährt ihn - geistig und direkt, vorausgesetzt er hat den Weg zu dieser Geistigkeit wirklich beschritten - auf jene "allgemeine" Art, in der Gott in seiner Schöpfung eben gegenwärtig ist. Auch hier ist die Geistseele bereits "passiv", wird vom reinen Geist bewegt. Aber die Berichte dieser Mystik enden auch genau hier. Man könnte es mit dem Übergang 4./5. seelischer Hof - nach Theresia - bezeichnen. Was ab da folgt, fehlt der nicht-christlichen Mystik völlig.

Der Nicht-Christ gelangt eben nicht mehr darüber hinaus, weil ab diesem Zeitpunkt die Gnade, das Übernatürliche fehlt, das artverschieden, nicht einfach graduell verschieden ist, und sich im Leben der Geistseele natürlich auch nicht entfalten kann. Der gesamte Bereich eigentlicher bzw. katholischer Mystik, der ab hier erst einsetzt, von der Verlobung bis hin zur Vermählung mit Christus, dem was z. B. Theresia mit 7. innerer Burg bezeichnet, bleibt ihm versperrt. Gnade bedeutet eben, daß eine Bewegtheit durch Gott selbst notwendig ist (siehe: Passivität der Mystik!), die zu bewirken eben das Sakrament besteht.

Anselm Stolz freilich sieht die Mystik genau damit an ihrem Beginn, nein, noch davor erst definiert, und er bestreitet in seinem (nach wie vor:) Standardwerk "Theologie der Mystik", daß es außerhalb des Gnadenlebens überhaupt Mystik im eigentlichen Sinn gibt. Mit der Begründung, daß außerhalb dieses Gnadenlebens ein Verhältnis zu Gott, über Christus, gar nicht "normal" gestaltet sein kann: der Nicht-Christ bleibt aus diesem Innenverhältnis ausgeschlossen. Stolz meint, daß diese Dimension des Seelischen nicht "psychologistisch" aufgelöst werden könne, sondern mit geistigen Realitäten zu tun habe: seelisches, objektives Geschehen, schon gar wenn es um die Geistseele gehe, könne nicht in der Erlebensdimension aufgelöst werden, und diese Gefahr bestehe bei der "spanischen Mystik" (in deren Tradition ja Mager argumentiert).

Die nicht-christliche Mystik (ohne daß man davon sprechen könne) erschöpfe sich letztlich im Ahnen und im Mittelbaren. Weil aber das Mittelbare Konkretion (im Dinglichen, Anschaulichen) braucht, bleibt sie auch geistig weltimmanent, es fehlt ihr das worauf sich die der Welt entnehmbare Transzendenz (als Streben alles Geschöpflichen) bezieht.

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Freitag, 22. April 2011

Eine Stufe nach der anderen

Durch die leibseelische Betätigung wird die Wirklichkeit der Geistseele erschlossen und (im Willensakt, der sittlichen Stellungnahme) ausgebaut. Um von dort her das Gegenständliche, das Konkrete der Erkenntnisgegenstände - die über die Leibseele (weil sinnlich) notwendig kommen müssen - zu durchwirken: mehr und mehr beginnt dann das Geistseelische ins Leibseelische einzuströmen.

Es bedingt noch keine geistseelische Betätigung im eigentlichen Sinn. Von einer solchen könnte erst die Rede sein, wenn der Gegenstand der seelischen Tätigkeit rein geistig ist. Denn erst der Gegenstand prägt die Art der Tätigkeit. Zu dem vermag sich der Geist aber erst zu entfalten, zu erheben, wenn die leibseelischen Vorgänge gereinigt genug sind, um über sich hinauszustreben, nicht in sich zu bleiben.

Heißt das, daß Gott - reiner Geist - direkt erfahrbar wird? Im leibseelischen Bereich kann das nicht sein, kann Gott nicht unmittelbar tätig sein, sondern nur mittelbar, über Sinneszeichen (siehe die Sakramente), in der Leibseele kann Gott nur über Wirkung erfahren werden. Gottes Gegenwart kann also nur begrifflich erfaßt werden.

Mager dazu: Die übernatürliche Gegenwart Gottes durch die heiligmachende Gnade kann nur in der Geistseele, nicht aber in der Leibseele gegeben sein. Es ist aber nur folgerichtig, daß in dem Grad und Umfang, als die Wirklichkeit der Geistseele durch leibseelische Tätigkeit erschlossen wird, die göttliche Wirksamkeit durch die heiligmachende Gnade bewußt werden kann. 

Denn auch hier und gerade hier gilt, daß die Übernatur überall die Natur zur Voraussetzung hat. Wenn in der Mystik von der Gegenwart und dem Wirken Gottes die Rede ist, so ist es immer übernatürlich, nämlich durch die heiligmachende Gnade gemeint.


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Dienstag, 19. April 2011

Brennendes Feuer

Ehe eine Seele sich mit Gott vereinigen kann, muß sie vollends gereinigt sein, und zwar nicht nur geistseelisch, sondern auch bis hinein in den leibseelischen, den leiblichen Bereiche. Und hier wird jede sündliche Neigung zur unaussprechlichen Qual, die sie ausbrennt, als Analogie einem Feuer gleich - Fegefeuer (mit zeitlicher Begrenzung), und Höllenfeuer deshalb genannt. Vom Stadium des Gebets der Ruhe an, wird nun Gott zur Hauptwirkursache, der Mensch nur noch zur Mittelwirkursache.

Dabei erleidet der Mensch - und alle Mystiker bestätigen dies - unsägliche Qual aufgrund einer zweifachen Strafe, der er sich nun aussetzt bzw. ausgesetzt wird: der poena damnis (Ausgeschlossenheit von Gott), und der poena sensus (Strafe der Sinne). Der erbsündlich (in seiner Neigung, denn die Erbsünde war im Prinzip eine Spaltung Leib-Vernunft) sich dem Geschöpflichen - nicht dem Geistigen, Gott - zuwendende Teil, der Leib, zieht ja "normalerweise" die menschliche Vernunft von Gott weg (aversio a Deo), zum immanentistisch Geschöpflichen hin (conversio a creatione).

Hat sich die Vernunft aber zur Blickumkehr entschlossen, zieht der Wille wieder zu Gott hin. Über die aktive Reinigung hinaus, auf dieser Gebetsstufe, dem Gebet der Ruhe eben, setzt nun die Gnadenwirkung Gottes auch im Willensbereich ein. Weil eben in der Seele als Geistseele (wenn man so will: als Frucht, als Haltung, auf die Einübung der Betrachtung hin, die das mühsame, aber unerläßliche Schritt für Schritt überwunden hat) der Geist Gottes präsent wird. Der Wille strebt nun mit größter Macht auf Gott zu.

Doch muß auch das Leibliche, in seinem geschöpflich-orientierten Habitus, der einer Sucht gleicht, wieder zum Geist des Menschen zurückgeholt, auf die Vereinigung mit Gott hin ausgerichtet werden, muß die Vernunft wieder Herrin über den ganzen Menschen, die ganze Seele werden. Denn Gottvereinigung kann nur im Geistigen stattfinden, aber auch nur mit dem ganzen Menschen, als Leib und Seele, als höchstes Ziel.

Wie kann das sein? Wie kann man sich das vorstellen? Mager findet einen großartigen Vergleich:

Wenn das Auge krank ist, schmerzt ausgerechnet das, was es sonst den Grund für seine Freude gibt - das Sonnenlicht! Erst einmal muß es dieses Licht entbehren. Und dann schmerzt es aufgrund seiner eigenen Unzulänglichkeit.

Gottes übermächtiges Gnadenwirken in der Seele verursacht nicht nur, daß sie ihn nicht schauen kann (poena damni), sondern bewirkt auch höchste Qual (poena sensus).

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Sonntag, 17. April 2011

Aufbereitung der Sittlichkeit

"Bei der Betrachtung aber gilt es, nicht bloß Begriff und Urteile auf Grund der anschaulich vergegenwärtigten Offenbarungstatsachen zu bilden, sondern größere und letzte Zusammenhänge zu erfassen. Im begründete Wissen vollendet sich das menschliche Erkennen. Es setzt aber viel nachdenken und überlegen voraus, ehe man zu begründeten Einsichten gelangt. Nur begründete Wahrheiten leuchten ein. Nachdenken und überlegen stellen hohe Anforderungen an die seelische Tätigkeit des Denkvermögens. Der Vorgang des Nachdenkens kann aber erst dann als abgeschlossen gelten, wenn er zu klaren, bestimmten Einsichten führt.

Der erste Hauptteil der Betrachtung besteht aus zwei Vorgängen: aus der anschaulichen Vergegenwärtigung eines konkreten Betrachtungsstoffes und aus dem überlegenden Nachdenken über diesen so vergegenwärtigen Gegenstand. Ergebnis des Zusammenwirkens der Vorstellungs- und der Denktätigkeit müßte die allseitige Begründung der Wahrheit sein, die Gegenstand der Betrachtung ist. [...]

Wenn das Kenntnisnehmen in der angegebenen Weise sich vollzieht, führt es gleichsam mit innerer Notwendigkeit zum zweiten Hauptteil der Betrachtung, zur Stellungnahme. Die durch das Kenntnisnehmen gewonnene Einsicht hat etwas für den inneren Menschen zu bedeuten. Die Wahrheit nimmt Wertcharakter an. Sie spricht zum inneren Menschen, der sich in der Anmutung der Werthaftigkeit einer Einsicht bewußt wird. Eine Einsicht, die anmutet, wird verkostet, wird erlebt.

Dieses Verkosten ist eine Durchgangsstation zum Wollen, in welcher Spitze sich das religiöse, sittliche Sein des Menschen verwirklicht. Im Betrachten wird der Mensch also in Beziehung zur abstrakten Wahrheit gesetzt, und löst eine Stellungnahme - und damit eine Wirklichung - aus.

Alois Mager beschreibt in 'Mystik als seelische Wirklichkeit" das 
Prinzip der Ignatianischen Exerzitien. Wichtig sei, so schreibt er weiter, daß die Anmutungen klar von irgendwelchen religiösen Gefühlen unterschieden werden, die wegen ihrer Willkürlichkeit, Verschwommenheit, genießerischen Oberflächlichkeit und sehnsüchtigen Anwandlungen mit Recht als Sentimentalität, Schwärmerei, Gefühlsduselei bezeichnet werden. Die Anmutungen der echten Betrachtung seien von Einsichten unterbaut und getragen. Sie geben dem Gefühlsmäßigen bestimmten Inhalt und feste Form.

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Natürlich muß das Nachdenken eigene Leistung werden, darf nicht zum bloßen "Lesen" oder "Kenntnisnehmen" absinken. Bei eingeübter, anfänglich gewiß mühsamer, mündlicher Betrachtung bzw. Gebetsweise passiert es aber dann meist, daß bereits bei kurzen Gedanken die entsprechende Anmutung aufsteigt. Bei ihr ist bereits von innerem Gebet zu sprechen, sie ruht auf einer zur Haltung gewordenen inneren Bereitschaft.

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Donnerstag, 14. April 2011

Scheinwelt des Hysterikers

(Neuerlicher Versuch) Kuiltur bedeutet Anteilhabe am Sein, in der Vielfalt und Substantialität des Seienden - der realen Gestalt. In Zeiten schwindender Kultur sucht dieser erste Instinkt des Menschen, der unbedingte Drang, zu sein, und ewig zu sein, als Teilhabe am Sein selbst (an Gott), zunehmend den Schein. Als vorgetäuschtes Sein. Geltungssucht (und seine Scheinbefriedigung, der Narzißmus) ist ihr markantestes Merkmal.

Es ist eine Form von Hysterie, weil der Drang zu sein nicht mit der Kraft dazu mithalten kann: es fehlt Kraft. Je mehr der Mensch in der Gewöhnung diese Ersatzformen des Seins in seine Persönlichkeit integriert, desto gefährlicher wird der Schritt der Offenheit zur Wirklichkeit hin. Das Leben desjenigen wird also nicht nur immer konventioneller - und Individualität, Unkonventionalität, wird ebenfalls zum Vorgetäuschten, zur Platitüde, zum "Lebensstil" - sondern abhängiger von jenen Beziehungsgeflechten (die es nur durch das Wort sein können),  die ihn im Sein (scheinbar) halten (wessen er sich durch Rückmeldung versichern kann, weshalb Schweigen gleichfalls zum aggressiven Akt wird.)

Der solcherart Hysteriker muß sich aber bewegen, er muß (irgendwie) tätig sein: sein körperlicher Drang (alsungeformter Drang zur Wirklichung) muß abgeführt werden. Die "normale" (adäquate, erforderliche) Leistung fehlt, umso mehr fließt die Kraft in Scheinleistung, und sei es unsinnige Höchstleistung.

Nicht selten äußert sich dieser Mangel am Sein auch in (seltsamer, nicht wirklich lokalisierbarer) Krankheit - in der Krankheit muß die Kraft, zu sein, nicht mehr aufgewandt werden, das Ich hat das "Recht", Zentrum zu werden. Ähnliches gilt vom Leid, das (so seltsam das scheinen mag) herbeigewünscht oder -geredet (das eigene Leid wird dann zum schwerst zu tragenden von allen) wird.

Ist der Zentralwille - sich und alles an sich in ein Insgesamt zu integrieren, von einem starken Gewollten (Willen) geführt - schwach, kann jedes Teilinteresse Herrschaft gewinnen (Zerstreutheit, "Vielfältigkeit" als Verlieren in Vieles, etc.) und richtunggebend werden. Der Instinkt steuert, nicht die Vernunft, nicht der Wille. Nur der Wille aber kann anlagegemäßes "Wollen" in konkrete Gestalt überführen, durch Überführung (im Erkennen, der Nahrungszufuhr vergleichbar) von fremdem Sein (als abstrahierte Wesensform) in die eigene Wesensform (Wachstum), die im Gedächtnis (an die eigene Wesensform) diese Form auch behält weil besitzt. Mit ihrer höchsten Entfaltungsform: der Geistigkeit in der Religiosität. Religion ist die größte Wirklichung der Seele des Menschen (die Geistseele ist), weil diese Selbstwirklichung (als Reaktion - hier wird Eigenschaftlichkeit fleischlich und wirklich; als Liebe, Haß etc.) vom Gegenstand des Erkennens abhängt, wirklich gesetzt in der konkreten, (im Gebet; in der Aneignung des Gottesgedankens zum Dauerzustand, zur Haltung) gelebten Religion.

(Denn weil alles von seiner höchsten Möglichkeit her - als Antrieb, als Ziel - definiert ist, ist des der Mensch in seiner Teilhabe am rein Geistigen, an Gott, von wo her er in seine Leiblichkeit hinein durchwirkt und geformt sein soll. Kultur und Persönlichkeit - als sehr konkrete Gestalt (vom Schein des bloß Kostümhaften völlig zu unterscheiden!) - ist also konkrete Integration in einen einzigen Gesamtwillen, als Sittlichkeit. Im Geistigen: bis hin zur Hineinnahme in den reinen Geist, ins Göttliche, wie es die Mystik - die also nie ohne die "unteren"Stufen und Durchdringungs- und Reingungsvorgänge denkbar ist - vorwegzeigt und -nimmt: es gibt also keinen kulturellen Schein, aber dafür Mystik. Im verseelte Leib, der vergeistigen Seele, dem vergöttlichten Geist.)

Der Hysteriker kann aber nicht religiös "sein"; er kann nur kurzfristig religiös fühlen, weil sein Mangel nicht im Erkennen, sondern im Stellnungnehmen dazu liegt, weshalb er - im Entschluß einer Religion beizutreten, zum Beispiel - eine ständige "Erneuerung" dieses Erlebens benötigt. Die Gruppe, die Gesellschaft "ersetzt" ihm das subjektive Gedächtnis, er muß zunehmend Teil einer Menge sein, zur Masse also werden, mit entsprechendem Schein, sich davon abzusetzen (kultur-indifferenter "Individualismus").

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Samstag, 26. März 2011

Unterscheidungskriterium

Alois Mager arbeitet klar den Unterschied zwischen der "Erlebnistheologie" (s. u. a. "Pascendi Dominici Gregis") und der Mystik (bzw. der mystischen Psychologie als Kunde seelischer Vorgänge) heraus:

Pius X. definiert Erlebnistheologie als "jene Theologie, die als Quelle der Glaubensinhalte die verborgenen Tiefen des Unberbewußtseins (latebrai subconscientiae) annimmt und aus ihnen auf dem Wege des Erlebens die Dogmen sich entwickeln läßt." Genau das ist aber nicht Mystik.

Denn der (echte) Mystiker weiß, und die Schriften einer Theresia v. Avila oder eines Johannes v. Kreuz sind einzige beredte Zeugnisse dieses Umstandes, daß das Mystische weder dem Inhalt noch dem Erlebnischarakter nach aus sich selber hervorgebracht werden kann, sondern nur aus einem unmittelbaren Einwirken Gottes. Eine mystische Psychologie behandelt ja genau die oft sehr verschlungenen Wege der Seele, im Unterbewußtsein zu verschleiern, auf welche Weise das Gewünschte, Gewollte hervorgerufen werden soll. Frei von diesen Eigenwillen zu werden, im Sinne eines immer vollkommeneren Selbstbesitzes, um überhaupt über sich verfügen zu können - das ist Aufgabe der Seelenkenntnis, die die Mystiker anstreben.

Und es ist im Grunde die Aufgabe jedes Menschen. Die Mystik sucht genau nicht das Erlebnis (um des Erlebnisses willen), dieses "passiert" vielmehr (wenn es denn passiert) - auf dem Weg zu einem "dogmatischen", vernunftmäßig klar bestimmbaren Tatbestand: der höchstmöglichen Einigung mit Gott. Daß diese Einigung auch mit einer Veränderung der Bewußtseinszustände einhergeht, liegt - rein sachlich - in der Natur der Dinge.

Mystik ist somit ("lediglich") das bewußt gewordene, erfahrungsmäßig erkannte Glaubensleben.


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