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Donnerstag, 30. Juni 2022

Die Herrschaft der Grundlage der Freiheit

Diskussion bei Tichy
Es ist bemerkenswert (und noch tiefer wahr), daß eine Diskussion unter Tichy's Ausblicke, die den Titel "Wie geschwächt ist unsere Demokratie" trägt, nicht nur zwei Schriftsteller unter den vier Diskutanten (incl. Tichy selbst) hat, sondern sich zu größten Teilen über den Schriftsteller selbst handeln. 

Und damit beim Ringen, diesem elendigen liberalen Gefasel doch ein paar substantielle Gedanken abzuschwitzen. Nein, erst damit, dieser Substanz, die aus dem Material und nicht aus der "Überlegenheit" der Handelnden  kommt, Nahrhaftes abzuschwitzen, sind wir schon beim Thema.

Während sich schon dazau viel sagen ließe, weil an der Freiheit des Künstlers die Natürlichkeit und sohin Gerechtigkeit einer Kultur (und Gesellschaft tritt auch als Zustandbeschreibung einer Kultur auf) einzig und direkt ablesbar ist, sollen nur zwei Punkte kurz herausgegriffen werden.

Donnerstag, 19. April 2018

Über den Einzelfall der bösen Tat (4)

Teil 4)




Wußte der Leser, daß es etwa in Polen die brutalsten Judenverfolgungen gab? Oh ja, die Polen sind Weltmeister in den Vergangenheitsbeschönigungen. Grotesk und voller Widersprüche, was der VdZ da von Polen schon gehört hat, er kennt kein europäisches Volk, das ein derart unaufgearbeitetes Verhältnis zu seiner Vergangenheit - und damit zu seiner Gegenwart - hat. Aber dieses Thema ist lückenlos belegbar: In Polen gab es schon lange vor Hitler den härtesten Antisemitismus am Kontinent. Warum sonst glaubt der Leser haben schon in den frühen 1920er Jahren sämtliche amerikanische Zeitungen von drohenden "Sechs Millionen" (eine magische Zahl, die heute bei uns gewissermaßen dogmatisiert ist) drohenden jüdischen Toten in diesem geographischen Raum geschrieben!? Warum kam es genau damals und genau dort zur Massenauswanderung nach West-Amerika? Hollywood läßt grüßen, übrigens.

Zu einer Judenverfolgung im heute verstandenen Sinn wurde der deutsche Anti-Judaismus erst im Laufe der Jahre unter Hitler. Er war zuerst (und europaweit) ein politisches Argument, das sich auf die revolutionäre Grundgesinnung des Judentums als Welthaltung bezieht. Und wie er sich im Kommunismus (85 Prozent der kommunistischen Revolutionäre waren jüdisch) exemplarisch bewiesen hatte. (Wir leben heute ja gar nicht im Marxismus, übrigens: auch Marx war ein Jude. Sondern wir leben im Trotzkiismus, der permanenten Revolution. Auch Trotzki (aka Bronstein) war Sohn einer (wohlhabenden) jüdischen Familie.

Die Dummheit der nationalsozialistischen Strömungen (denn eine geschlossene, in sich widerspruchsfreie, durchentwickelte Ideologie war er nie) ist vielmehr im Rahmen jeder Verdummung und Fragmentarisierung, weil Instrumentalisierung von Geist durch Ideologie gesehen werden. Und soll deshalb hier gar nicht noch einmal abgehandelt werden, das ist bereits oft genug geschehen. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, die Nachkriegspropaganda, die "alles erklärte" (und dabei nur die Erzählung festlegte, die fortan zu gelten habe) kritiklos hinnehmen. Die auch eine "nationalsozialistische Ideologie" quasi "schuf". Dabei aber vor allem etwas ganz anderes rechtfertigte und Narrative installierte.

Selbst die SS-Einheiten an der Front - wenn also schon: gut, die SS war ideologisch mehr geformt - waren nicht bekannt, ja berühmt-gefürchtet, weil sie so barbarisch waren, sondern weil sie von einem fanatischen, absolut gesetzten Dienstwillen geprägt und damit harte Gegner an der Front waren, die das eigene Leben jederzeit opferten. Sie hatten deshalb auch überdurchschnittlich, ja katastrophal hohe Verlustraten, weil sie oft Charisma vor Fähigkeit setzten.

Wo es dieses Ehren-Maß überschritt, in Barbarismus ausartete, war es gleichermaßen nicht Teil der NS-Ideologie, sondern stand im Rahmen eines sich gewissermaßen verselbständigenden Automatismus, zu dem sich das "System SS" (der ehemalige KZ-Häftling Eugen Kogon ist in seinen Beschreibungen hier sehr lesenswert) entwickelte. Bis hin zu Geldgewinnungsmethoden aus den Rückständen von Toten, den berühmten Goldzähnen also. Und natürlich dem Handel mit der Industrie, der zum Sklavenhandel wurde, aus dem sich die SS finanzierte und damit zum Staat innerhalb des Staates wurde.

Aber was soll man davon denken, daß mit die schlimmsten Gewalttäter ... Häftlinge selbst waren? Über das Kapo-System geschahen die brutalsten Verbrechen, das wird oft und oft von Augenzeugen berichtet. Es waren inhaftierte Ukrainer, "Untermenschen", die in Bergen-Belsen massenhaft Juden erschlugen. Es waren inhaftierte Juden-Kapos, die Juden am schlimmsten drangsalierten. Waren die auch ideologisch präpariert? Das Brechen des Kulturellen und damit Humanen im Menschen war kein ideologisches Ziel, es war die Folge subjektiver, immer aber einzelner Schuld.

Die KZs waren eben ein Raum, in dem jede Einzelfall-Täterschaft ohne Konsequenzen blieb, ja in der Hierarchieleiter (die aus Personen besteht, also: aus einzelnen Menschen) genau darauf zählte - totale, unberechenbare Macht des Einzelnen! - und das war ihr Geheimnis des Schreckens: Genau der Umstand, daß es KEINE allgemeine Richtlinie gab, die berechenbar gewesen wäre. Viele relevante Zeugenberichte beschreiben genau das. Es gab auch keine Richtlinien des Schreckens. Es war alles unberechenbar, das war das Furchtbarste daran. Weil die KZ-Häftlinge der subjektiven, persönlichen Willkür der Einzeltäter ausgeliefert, und zwar total ausgeliefert waren.

Und also war der sogenannte Holocaust tatsächlich immer ein Einzelfall. Zumindest - auch. Ihn einer Ideologie zuzuschreiben hat ganz andere Gründe und ist Teil einer Legende, die nach dem Krieg - vor allem im Zuge der Gewaltherrschaft und über Umerziehung der Deutschen - etabliert wurde.






*290318*


Mittwoch, 18. April 2018

Über den Einzelfall der bösen Tat (3)

Teil 3)




Die Konzentrationslager waren zum Zeitpunkt ihrer ersten Errichtungen gleichermaßen prinzipiell nicht gedacht, um Menschen massenhaft zu vernichten. Bis heute ist nicht geklärt, wie das rein technisch hätte ablaufen sollen. (Auch hier also: Es konnte schon deshalb nur über "Einzelfall-Lösung" ablaufen.) Die Idee von Anhaltelagern, wo Regimegegner konzentriert waren, gab es im übrigen auf der ganzen Welt, nicht zuletzt in den USA. Wo es unter anderem zweihunderttausend Japaner betraf. Ihre Ursprungsidee war eigentlich ganz anders. Sie sollten nur Kräfte, die dem Neuaufbau hinderlich waren, aus der Gesellschaft fernhalten. Das war die Idee jedes der zahlreichen Faschismen, die in Europa damals auftraten.

Sie sind nur zu Vernichtungslagern GEWORDEN. Über aller sich später entwickelnden (!) Vernichtungsidee, die es natürlich gab. Aber die Konzentrationslager sind vor allem zu dem geworden, als was man sie heute kennt, weil sie ein Raum waren - daran hatte eigentlich niemand wirklich gedacht, das trat aber dann logischerweise auf - in dem sich jeder Einzelfall an willkürlicher Täterschaft entwickeln konnte, ja fast mußte, und sich tatsächlich entwickelte. 

1945, nach der sogenannten "Befreiung", waren etliche KZ-Kommandeure Berichten der Alliierten nach völlig "reinen Gewissens". Sie führten die Befreier sogar im Lager herum, als wäre es das Normalste auf der Welt. Und verstanden überhaupt nicht, warum sie nun "Täter" sein sollten. Aus ideologischer Verblendung? Nein. Weil sie "nichts Böses getan" hatten. Das waren alles ... Einzeltäter. Nirgendwo wurde Vergewaltigung etwa so schwer geahndet, wie innerhalb der SS. Sadisten wurden in der Regel verachtet, wenn nicht bestraft.

Denn auch (ja gerade in der SS) gab es einen Ehrencodex - so sehr man über diesen diskutieren muß, denn er war ganz klar evolutionistisch (sic!) und damit atheistisch! - der subjektiv motivierte Gewalt, Sadismus etc. ächtete. Von Biergesprächen, in denen man mit Gewalttaten prahlte, muß man insofern ganz anders sprechen, als sich der Gewaltraum (in dem das passierte) fast unmerklich realisierte, aber ideologisch nur irgendwie rechtfertigbar, nicht Bedingung oder Ursache war. Einzelne Aussagen herbeizuholen, um das doch zu belegen, ist einfach falsch und treffen nicht die Realität.

Oder wie glaubt der Leser, warum nach dem 8. Mai 1945 der weit überwiegende Teil der Deutschen nicht im Traum daran dachte, daß er "einer verbrecherischen Nation" angehört haben sollte? Was an seinem Verhalten - Einzelfall! - war falsch gewesen? Man war im Krieg gewesen. Das erklärte alles. Auch die Mutter des VdZ hatte sich diesem gegenüber in Gesprächen so verteidigt, als dieser selbst in seiner Jugend von der Propaganda angekränkelt war. Gott hab sie selig, der VdZ bereut alles das heute, er hatte es damals nicht verstanden. Dabei war sie tief katholisch! So katholisch, daß sie die Veränderungen des 2. Vatikanums nicht mehr nachvollziehen, begreifen konnte und sich für die Demenz entschied, da war nichts mehr mit Vernunft in Übereinstimmung zu bringen.

Explizit gemacht war sogar die gesamte Herkunftsfamilie des VdZ - väterlicher- wie mütterlicherseits - stark anti-nationalsozialistisch weil erzkatholisch. Das war unvereinbar. Dennoch haben alle (!) als (dekorierte) Soldaten mutig an der Front gedient, und viele sind auch gefallen. Andere wurden nach 1945 in Schlesien von Polen ermordet. Die wirklichen Bewegungen liegen also auf ganz anderer Ebene als auf der einer Ideologie. Der VdZ behauptet sogar, daß die zutiefst ideologisch denkenden Menschen die ... feigesten waren. Ein Mann kämpft nur als Krieger gut, auch Kampf und Krieg lebt von der Poesie, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Aber ein Krieger ist nie ein Ideologe. Er ist vielmehr hoch-wirklicher Mensch.

Genau so muß man vom sogenannten "Antisemitismus des Dritten Reiches" mit Vorbehalt sprechen. Denn dahinter stand und steht eine ganz andere Auffassung, wir haben sie an dieser Stelle bereits darzustellen versucht. Der sogenannte deutsche Antisemitismus war ZUERST kein ethnischer Vorbehalt. Und ganz Europa war in diesem exakten Sinn antisemitisch. Weil es die Macht und Machinationen der Juden, als Drahtzieher des Finanzsystems, das alle schöpferische Kraft vernichtete, erkannte. Prinzipiell verankert in ihrer Ablehnung der Seins-Ordnung. 

Denn sie hatten "als Juden" Gott selbst ans Kreuz geschlagen. Ein ontologisches Problem. Und erst daraus in Folge ein gesellschaftliches und politisches. Als verteidigender Haß einer Minderheit auf die Seins-Ordnung, ja auf jede vorgefundene Ordnung. Als echtes - ontologisch verankertes - Schuldproblem, das sich, weil es ontologisch ist und war in jedem individuellen Leben niederschlägt. Als existentieller Haß auf die Ordnung einer Gesellschaft. Als revolutionärer, alle Ordnung überwinden wollender, Ordnung zerstören wollender weil - aus Schuldproblematik getrieben - müssender Geist. 

Jede Schuld aber versucht, ihre Unschuld aus dem Beweis der Allgemeinheit, der Richtigkeit, damit der empirisch belegbaren ontologischen Berechtigung ihres Verhaltens zu beweisen.


Morgen Teil 4)







*290318*





Dienstag, 17. April 2018

Über den Einzelfall der bösen Tat (2)

Teil 2) So einfach ist das alles nicht.
Der Holocaust war die Tat - vieler - Einzeltäter.



Die oft schrecklichsten Gewalttaten wurden von Menschen begangen, die absolut glaubhaft im "normalen Leben" gute Väter, Kunstliebhaber und feinsinnigste Kulturmenschen waren. Sie hatten nur "!das Pech", in eine Lage zu kommen, wo das Schreckliche durch einen Tastendruck, eine Unterschrift, einfach als Teil einer Sache passierte. 

Dabei - hört, hört! - überaus oft (wenn nicht mehrheitlich, aber das ist kaum noch festzustellen) von Männern, die ganz sicher niemals Nationalsozialisten waren! Sie waren stinknormale Soldaten, Wachmannschaften, was auch immer, und kamen in eine Situation, in der alles möglich war, ja gefordert wurde, daß alles möglich gemacht wurde. Von wem? Das wußte meist niemand. Es war irgendwie so. Und plötzlich tauchte etwas auf, mit dem im Zivilleben niemand rechnen würde.

Soviel auch zu den heutigen Gutmenschen, die alle "so gut" sind, weil sie noch nie ganz persönlich in einer Situation waren, wo sie gegen einen (auf oft seltsame Weise entstehenden, vorhandenen, meist sogar nur vermuteten) Mainstream entscheiden mußten. Freiheit, Gutheit ist aber eine Frage der individuellen, situativen Entscheidung!

Es ist gefährlich, ja es ist dumm zu glauben, daß menschlicher Barbarismus eine Frage der Ideologie ist. Ideologie ist - wie fast immer menschliches Denken - eine Bewegung der Rechtfertigung, oberflächliches Gebrabbel gar, "Meinungswust", in dem man sich so im Alltag bewegt.  

Die bösesten Taten begeht der Mensch aber nicht aus ideologischen Gründen. Diese Gründe sind vielmehr immer "Einzelfälle", individuelle Fälle einer Zustimmung, die nicht einmal gefordert wäre. Die zu verweigern aber in jedem Fall die sittliche Kraft fehlt.   

Hannah Arendt war perplex, als sie 1962 bei den Adolf Eichmann-Verhandlungen in Jerusalem feststellte, daß dieser "Nazi-Schwerverbrecher" ein völlig normaler, ja banaler Mensch war. Da war nichts Böses, da war nichts Außergewöhnliches, da war keine Schreckensfratze, da war vor allem nicht das, was sie selber geglaubt hatte: Ein ideologisch Verblendeter. Als sie das schrieb, war sie natürlich plötzlich schwer angefeindet. Das MUSZTE doch Ideologie sein!?

Nein, sagte Arendt bis zu ihrem Tod. Das war normal, das war einfach einer der vielen Ausflüsse der Moderne. Der sogenannte böse Nationalsozialismus brach sich herunter bis auf simpelste, banalste Menschen. Das total durchdacht erscheinende Gesamtsystem wurde plötzlich zu einer Sammlung von ... Einzelfällen.

Noch 1936 schrieb der amerikanische Botschafter nach Washington, daß er keine Gefahr für die Juden sähe, weil sich im deutschen Volk, beim Mann von der Straße, kein Antisemitismus feststellen lasse. Die Juden waren praktisch assimiliert. 90 Prozent der jüdischen Männer hatten deutsche Frauen, 30 Prozent der jüdischen Frauen deutsche Männer geheiratet. Hitler würde also mit einer aggressiven Behandlung der Frage der Juden, von dem er freilich ab und an (vorsichtig!) sprach, nicht durchsetzen können.

Morgen Teil 3)





*290318*

Montag, 16. April 2018

Erschlichenes Recht auf Tadel - Über den Einzelfall der bösen Tat (1)

Zur Causa Tellkamp eine Anekdote, die Siegfried Unseld öfter erzählt haben soll: Dessen Vorgänger Peter Suhrkamp, Gründer des Verlages, habe einst den Brief eines Lektors korrigiert, der einen Autor loben wollte. Man habe nicht das Recht zum Lob; denn dadurch fordere man auch das Recht zum Tadel.


Von der immer wieder lesenswerten Homepage des Berliner AfD-Sprechers Dr. Nicolaus Fest


***


Allerdings muß man Nicolaus Fest in einem Punkt (dieses seines Gesamtbeitrags) irgendwie widersprechen. Da "meint er es zu gut", sozusagen, indem er sich vom Holocaust, Nazismusvorwürfen etc. präventiv distanzieren will. Denn er schreibt da vermeintlich ironisch (so daß er es anders zu meinen erklärt):

Der Holocaust war gar nicht Konsequenz einer bösartigen Ideologie der Weltherrschaft und Vernichtung; es waren sechs Millionen Einzelfälle.

Tja, dem kann man nur mit einem "Naja" begegnen, mit einem "Tja, es war wohl aber tatsächlich so!" Denn eine explizite "Ideologie der Menschenvernichtung" gab es nicht. Nicht explizit zumindest. Auch wenn das viele - posthoc - behaupten, um das Schreckliche auf eine Art zu erklären, in der sie auf jeden Fall ausgenommen sind. Ein leider sehr gefährlicher Irrtum ...  man unterschätzt nämlich damit das Böse.

Vielmehr war die Ideologie der Menschenvernichtung Teil, nein Konsequenz eines Denkens der Moderne, das zeigt Jörg Baberowski in "Räume der Gewalt" sehr richtig auf. In demselben Buch weist er genauso richtig darauf hin, daß Gewalt nie einem System an sich zuzuschreiben ist, sondern immer die ganz persönliche Komponente eines Menschen hat, der diesem Gewaltraum, in dem alles möglich ist, zustimmt. 

Auch wenn solchen Räumen - die auf ihre Art immer Einzelfälle, lokal vorgefundene, aber durch jeden Täter auch selbst geschaffene und verfestigte Bedingungen sozusagen waren - also viele zugestimmt haben, heißt das eben noch nicht, daß es systemisch-zwanghaft war. Das verkennt das Wesen der Schrecklichkeit auf gefährliche Weise. Darum es mal eingehender (auch hier) behandelt werden sollte, was vermutlich noch kommt. 

Man muß sogar erwähnen, daß nach den Vorkommnissen beziehungsweise Säuberungen im Juli 1934 die Führung der NSdAP tatsächlich darüber beriet, wie man die Gewalteskalationen in den über zweihundert kleinen Einzellagern, die der SA zur Verwaltung zugeteilt waren und wo Systemgegner inhaftiert worden waren, eindämmen könne. Denn in diesen Sonderräumen kam es zu Exzessen, die den Führern der SA gar nicht so recht waren. 

Zur Erinnerung: Als der SS-Oberchef Heinrich Himmler das erste Mal einer Massenexekution an der Ostfront beiwohnte, wurde er Erzählungen nach kreidebleich und blickte zu Boden, soll sich sogar übergeben haben. Später hat er es gerechtfertigt, indem er von der Pflicht zur Hygiene sprach. War das also dann Ideologie? Man hat es dazu erklärt, aber was war zuerst? Aber überzeugend war er nicht dabei, und wer seine berühmte Rede vor SS-Offizieren in Danzig hört, der wird feststellen, daß er zur Sachlichkeit aufruft, der subjektiven Gewalt eigentlich keinen Raum lassen will. Er spricht da vom "stark bleiben angesichts der furchtbaren Pflicht" als eigentliches Ideal, und es wirkt auch wie eine posthoc-Erklärung.

So wie die oft ganz bürgerlichen Väter und Ehemänner, die die Polizei im Osten einsetzte. Niemand war gezwungen, alle hätten verweigern können, und der Witz dabei: Man hatte dafür volles Verständnis, niemand wurde unter Druck gesetzt. Aber kaum jemand verweigerte diesen Dienst, der unsägliche Taten mit sich brachte, die alle einen Sinn hatten: Partisanenbekämpfung, Bekämpfung deutschfeindlicher Personen, etc. pp. Dafür schrieben diese Männer die rührendsten Briefe an ihre Frauen, daß sie eine schwere Pflicht zu erfüllen hätten, die ihnen nicht leicht falle. Und die Frau solle den Sohn herzlichst küssen. Etc. pp. Und wenn sie in die Nähe ihrer Heimat kamen, waren plötzlich sogar die dortigen (gewohnten) Juden das, was sie immer gewesen waren: Die Nachbarn von hier und dort, der Milchlieferant, der Schuster, der Tischler von gegenüber. Und Männer, die noch zwei Tage zuvor fünfhundert Kilometer entfernt jüdische Frauen barbarisch mißhandelt und deren Männer mit dem Spaten erschlagen hatten, gaben den Juden ihrer Heimat die Hand und plauderten mit ihnen, als wäre nie etwas geschehen.


Morgen Teil 2) So einfach ist das alles nicht.
Der Holocaust war die Tat - vieler - Einzeltäter.






*290318*