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Mittwoch, 8. April 2015

Sinn und Wirklichkeit im Werk

Ein Werk, schreibt Paul Valery in seinen Cahiers, muß aus sich selbst halten. Alles, was er immer versucht habe, sei eine Suche jener Zustände der Dinge (und seiner selbst) gewesen, die er als "enchantement", als Verzaubertheit bezeichnet. Das schließt ein Reihe von Themen und Ausdrücken aus, und zwar von Anfang an; die Maximen, die Plädoyers, die unmittelbaren Bezüge zum Wirklichen, und jeden persönlichen Eingriff!

Alles, schreibt er weiter, schien ihm dazu aber transpositionsbedürftig. Um diesen seltenen Zustand zu konstituieren, in dem alle Produkte unter sich austauschbar waren und der ebenso getrennt vom gewöhnlichen Zustand ist wie der, den die Musik hervorruft durch Ausschluß von Geräuschen und Geräuschähnlichem.

Das Werk sollte aus sich selbst halten kraft seiner Struktur - und nicht durch seine äußeren Ähnlichkeiten und Bindungen.

Ebensowenig durch unmittelbare Erregung der dem Leben eigenen Leidenschaften. In erster Linie und als erste, unabdingbare Voraussetzung dieses enchantement, das in einem Gefühl des Verbundenseins der Elemente und der Ideen Bilder besteht, dergestalt, daß ihre "Sympathien" oder ihre gegenseitige Anziehung so weit wie möglich ihrer Annäherung rechtfertigen sollen - (während die Nachahmung dies rechtfertigt durch den Bezug auf eine äußere Erfahrung-). Jedes Element oder Glied ruft andere hervor gemäß Kontrast, Ähnlichkeit, Symmetrie, Herbeiführung des Maximums an Wachheit oder an Hypnose und Verzücktheit - und so fort.

Die Darstellung von Beobachtungen verbindet dagegen die Elemente unter einer einzigen Bedingung, die außerhalb ihres Bereichs liegt, und sie vernachlässigt (oder mißhandelt sogar) die inneren Linien und Verbindungen dieses Universums.

Aber was mich betrifft, schreibt er an anderer Stelle weiter, um nun nicht verzichten zu müssen auf meine recht gestraffte Wahrnehmung der Dinge und vor allem der Menschen (die außerhalb und gegen jede Dichtung entstanden war und sich entwickelt hatte), habe ich den eigentümlichen Entschluß gefaßt, der Musik, den Modulationen und Inflexionen fast allein die Funktion des enchantement zuzuweisen und den Sinn meinem Denken vorzubehalten, um ihn nur auszudrücken, wenn ich ihn nicht in den Kulissen des Gedichts lassen konnten - als unsichtbaren Dirigenten.




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Samstag, 13. November 2010

Probleme der Dichtkunst

Paul Valéry, 1871-1945
"Dies ist, wie mir scheint, das strenge, aber gerechte Gesetz, welches unser Jahrhundert den Dichtern auferlegt: es erkennt im Vers nur noch das als gut an, was es in Prosa ausgezeichnet fände." 

Was D'Alambert 1760 formuliert, nimmt Paul Valéry zum Anlaß zu replizieren: Nein, das sei nicht Poesie, sondern ein völliges Mißverständnis, ja: ein Vergehen, das mit diesem Satz grundgelegt wurde!

"Durch die eingefleischte Gewohnheit, Verse gemäß den gewissermaßen in ihnen enthaltenen Menge an Prosa zu bewerten; durch das nationale Temperament, das seit dem sechzehnten Jahrhundert mehr und mehr prosaisch geworden ist; durch die erstaunlichen Irrtümer des Literaturunterrichts; durch die Einflüsse des Theaters und der dramatischen Dichtkunst (das heißt der Aktion, die ihrem Wesen nach Prosa ist) - durch alles dies wurden manche Absurdität und manche Praxis verewigt, die von der eklatantesten Unwissenheit über die Bedingungen der Poesie Zeugnis ablegen."

"Die Unmöglichkeit, sein Werk auf die Prosa zu reduzieren, es so wie Prosa zu sprechen oder zu verstehen, sind gebieterische Existenzbedingungen, außerhalb deren ein bestimmtes Werk dichterisch keinen Sinn hat."

Paul Valéry, "Zur Theorie der Dichtkunst"

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Sonntag, 7. November 2010

Paradoxon

K erzählte einen paradoxen Fall aus seiner Praxis:

20 Jahre hatte G ihrem Mann vorgeworfen, ihn nicht zu lieben, ihm das Leben mit den täglichen Forderungen zur Hölle gemacht deswegen, weil sie sich zu wenig geliebt sehe, während sie ihn doch so liebe. Und sie hatte das auch der Umgebung erzählt, die ihn entsprechend behandelt hatte: als lieblosen Menschen. 

Während er still litt, weil ihre Handlungen ständige Akte der Lieblosigkeit waren, die diese unerfüllte Forderung zum Motiv nahmen.

Dennoch war der stutzig geworden: und was, wenn das stimmte? Und in seinem Jammer, sie zuwenig zu lieben, denn die Welt sagte doch immer einen Funken Wahrheit aus, es kam nur darauf an, in freizulegen, war auf die Vermutung gestoßen, daß er sie aller Wahrscheinlichkeit tatsächlich nie hatte lieben wollen, und weil er das immer sicherer sagen konnte, initiierte er ein Ehe-Annullierungsverfahren: da sei doch, meinte er, zu prüfen, ob er sie damals hatte heiraten wollen? Er hatte sie ja nie geliebt, wie die Frau bestätigen könne! Also verließ er sie, weil diese persönliche Problematik jede sachliche längst überlagert, das alltägliche "familiäre" Leben zerstört hatte.

Die Scheidung erfolgte zwischenzeitlich. Und sie erzählte weiterhin der Welt, daß sie ihn ja so liebe, man möge aber Nachsicht mit ihm haben, der er sie verlassen habe.

Das Verfahren begann. Und siehe da: mit einem male gab sie zu Protokoll, daß sie völlig sicher sei, daß er sie liebe. Und sie führte es als Beweis an, daß die Ehe deswegen gültig sei: er habe sie ja, beweisbar, ständig geliebt! 

Während er, in einem Akt der Selbstanklage, beweisend die Jahre erzählte, in denen er sie nie geliebt hatte. Eines Tages klopfte es. Sie stand vor der Türe, und als er sie hereinbat, erzählte sie ihm in sachlichem Tone, daß sie (und die Kinder) überein gekommen seien, daß sie froh wären, ihn nicht mehr im Hause zu haben. Es sei ja wohl besser so, wie es gekommen war. Er sei zu lieblos.

Als es zur ersten Urteilsfindung im kirchlichen Verfahren kommen sollte, und die Beweislage in der Akteneinsicht ein überraschend eindeutiges Votum für die Richtigkeit der Vermutung - die ehe war nie gültig geschlossen - ergab, langte wenige Tage danach beim Richter ein Brief ein. Darin legte sie diesem noch einmal dringend dar, daß er sie in Wahrheit liebe, beweisend habe sie noch Schriftstücke beigefügt.

Er habe den Eindruck, meinte K abschließend, daß das einzige, was an diesem Fall symptomatisch ist, sich darin erschöpft, daß der Mann "Dehnfuge" in allem sein soll, wo sie Spannungen zu sich, und das heißt: zur Welt, auszutragen hat.  Und was, wenn sie ganz einfach ... böse wäre? Wenn es ihr nie um eine Ehe,gegangen sei? "Meinst Du," schloß er seine Erzählung, "daß der Fall verwertbar ist für dich, einen Geschichtenerzähler? Er bleibt doch rätselhaft? Er bleibt doch poetisch?"

"Nein," meinte ich, und wog den Kopf hin und her. "Er ist zu spezifisch. Und in dieser Spezifizität zu umfassend. Er zeigt keine einfache, nachvollziehbare, typische Linie. Er ist bestenfalls Steinbruch."

"Nein," meinte K daraufhin. "Er ist nicht zu spezifisch, du irrst. Er ist universal! Er enthält alles. Man müßte ihn nur zergliedern, auf mehrere Fälle aufteilen! Dann wird er für den Betrachter nachvollziehbar."

Ich überlege es mir, meinte ich, trank meinen Kaffee zu Ende, und verabschiedete mich, nachdenklich geworden. Denn das ist das Problem der Kunst: Sie kann nur herausgreifen, aus dem Gewühle des Lebens, in dem sich so viele Schichten übereinander lagern, einzelne Linien sichtbar und damit nachvollziehbar, weil wiedererkennbar, zu machen. So befreit sie. Der Versuch, im Roman diese Komplexität sichtbar und katharsisfähig zu machen, ist bislang noch nicht wirklich überzeugend gelungen. Oder war das nur zu rationalistisch gedacht? 

War das nicht ein Katharsiskonzept, das im Grunde der "Entmythologisierung" der Protestanten entsprach, aber das Ganzheitsprinzip des Lebens, der Welt, sowie das Erkenntnisprinzip - deren Ansetzen im "Myon", in einer Art "mystischem" Erkennen - brach? Ist das Leben ins einer Ganzheit DOCH in der Kunst darstellbar? Ist eine zweite, eine genauso wirkliche Welt, vom Künstler schaffbar, in der aber - ein weiteres Paradox - Gott regiert, weil nur Gott universal sein kann, der Künstler nur mittelbar? Oder steht der Künstler über Gott, indem er eine ganze Welt darstellt, also darin auch ... Gott? Muß der Anspruch auf ein Werk dort enden? Bewußt? Oder tut er das ohnehin, es ist also nur klug, nur wahrhaftig, sich dort zu bescheiden?

Aber vielleicht lag der Schlüssel ganz woanders. Denn genau dort, wo die Vernunft der welt zu versagen scheint, steckt oft nichts anderes dahinter als die pure Lüge,  Gewissenlosigkeit, ja vor allem: Bosheit vermag tatsächlich solche Unspezifizität zu schaffen! Und sie ist vielleicht wirklich darstellbar. K hatte also vielleicht recht. Die Geschichte dieser Ehe war vielleicht wirklich nur die Geschichte der Bösheit. Und an die zu glauben, daran scheint es heute, seltsam genug, regelrecht Mangel zu haben. Dabei ist die Verwirrung der Menschen heute nur so begründbar. Nur unter dieser These erhellt sich das Dunkel, das uns umgibt. Nein, noch eine gäbe es - die Verrücktheit, die geistige Verworrenheit! Sie gleicht dem Bösen aufs Haar, nimmt aber der Geschichte das ... Böse eben, macht Platz für Erbarmen und Barmherzigkeit, ja Liebe.

Aber wie erzählt man solch eine Geschichte? Ist sie überhaupt erzählbar? Sind denn also, und man könnte in dieser Geschicht ein Exempel dafür sehen, die ganzen  universalen Geschichten dem unendlichen Buch vergleichbar, wie Paul Valery einmal meint, auf das die Literatur eigentlich hinstrebt, auf das, ja, jeder Literat, jeder Dichter hinstrebt: dieses eine Buch zu schreiben, als Summe aller Bücher, die nur noch Kapitel dieses einen Buches sind, das die Welt in sich trägt, ganz, als Streben der Welt überhaupt: wo Gott sich sich selbst, und in sich, im Geist, erzählt ...

Ist das nicht der Sinn der Kunst? Die alle Logik übertrifft, in sich birgt, im Paradox, das keinen Widerspruch mehr kennt, nur Umfassendheit, das aber dazu den Mut braucht, die Welt zu deuten, definitiv zu machen?

Ist dann also diese Geschichte doch wieder erzählbar, ja nicht nur das, erst recht : Parabel der Gegenwart? Auffangen der Verrücktheit der Zeit (denn: es ist die Norm geworden), im Paradoxon? Weil die Welt unter dem Anspruch bloßer, in sich geschlossener Rationalität - erstickt, verrückt wird, unter dem Anspruch des Lebens zerfällt, nur im Paradoxon heilbar wird?

Dann müßte man die Geschichte aber vielleicht gleich ganz von vorne beginnen: bei einem kleinen Jungen, der in die Maschine der Welt gerät ... Denn jeder, ausnahmslos, darf und kann sich auf diesen Jungen berufen, der er mal war. Und der er sein möchte.

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Samstag, 6. November 2010

Stille Sprachmacht

Auch für Paul Valéry ist die Sprache kein "Kommunikationspfeil", den Zweckabsicht abschießt, sondern wesentlich Darstellung, Selbstdarstellung. Es braucht den Willen des Gegenüber, das Dargestellte in der Relevanz für sich selbst wahrzunehmen. Umgekehrt ist es vergebliche Liebesmüh, sein Sprechen mit besonderem Nachdruck auf Gehör zu gestalten. Diese fehlgeleitete (vermeintliche) Darstellungs-, Präsenzverstärkung führt zu nichts, weil die direkte Brücke zum anderen, auf dieser Ebene, nicht vorhanden ist. Der andere erkennt nur, wenn er das Teil des anderen - das gesprochene Wort als Teil eines selbst verstanden - in sich einläßt. Wieweit er dann versteht, ist eine Frage dessen, was er damit macht. Läßt er sich (im Gehorsam, in der Liebe) bewegen davon, vermag er es, nachleidend, weitgehend oder ganz (in dem, was es für ihn ist) zu verstehen. Erst damit nimmt der andere Teil an jenem Geist, der hinter dem Ausgesprochenen liegt.

Von hier aus läßt sich bequem weiterdenken, verquickt man diese Feststellung, diese Beobachtung, mit Worten von Meister Eckhart, oder Henri Bremond, oder so vielen anderen, nicht zuletzt Valentin Tomberg: Denn wenn die Darstellungsmacht eines Menschen wesentlich - und nie über seine Natur, seine ihm zugedachte Stellung hinaus! - von seiner Anbindung an den tiefsten Daseinsgrund, das Sein, von seinem Durchlässigwerden für die göttliche Liebe (als Ursache der Welt) abhängt, dann ergibt sich auch die größere Macht - für den Gekreuzigten.

Wenn sie auch mit der Macht vergleichbar ist, die scheinbar nicht vorhanden, weil unsichtbar, in den Dingen selbst nur, mit ihnen vereint, zum Ruf animiert, wie ihn Jesus am Kreuz hörte: "Wenn Du Macht hast, so steig doch herab, und kämpfe für Deine Sache!" Aber sie berührt auch jene Worte, wo es in der Schrift heißt: "... und Du sagtest zu diesem Berg da, hebe dich hinweg, so würde er sich hinwegheben ..."

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Von hier (s.o.) aber ist auch der Schritt klein, der begreifen läßt, daß es der Geist selbst ist, der sich im Geist erfaßt, der den Menschen guten Willens erfaßt. Denn der Geist muß dem Verstehen bereits vorangehen - ich muß im Geist bereits sein, um an diesem Geist teilhaben zu wollen. (Übrigens: das entscheidende Argument für die Kindertaufe.) Es ist der Geist selbst, der das Verlangen nach dem Geist, und sein Verstehen als Präsentsein, weckt.  (Siehe u. a. die Stelle, sinngemäß: "Wer da sagt, Jesus ist der Herr, tut es aus dem Heiligen Geist ...", u. a. Petrus in seiner Antwort "Für wen aber haltet Ihr mich?", die sich gleichfalls nur daraus verstehen läßt.)

 
*061110*