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Sonntag, 30. November 2014

Reflexivität und Beschleunigung

Es ist ein großer und schrecklicher Irrtum, der viel mehr mit Täuschungsmanöver zu tun hat, zu meinen, die Unterschiede der Haltungen zur Welt, als wirkliche Unterschiede unter den Menschen, wären aus inhaltichen Definitionen erkennbar oder würden sich gar darin erschöpfen. Denn es sind in Wahrheit spirituelle, in der subjektiven Spiritualität gründende Differenzen, die die Welt auseinandergerissen haben.

Und sie sind bezeichen-, aber schwer im Zwischenmenschlichen argumentierbar, weil sie in der zwischenmenschlichen Kommunikation auf eine Aporie stoßen. Die der Diskretion, in der dem anderen Freiheit und Sosein belassen wird. Denn ein Argumentieren würde ein direktes Eingreifen in das Seelenleben des anderen bedeuten. Nur die lebendige Predigt könnte das leisten, der Beichtstuhl gleichermaßen, oder und gerade: die Kunst, die Ebene des Symbolischen. Denn nur auf diesen Ebenen wird der Mensch ins tiefste ontologische Mark getroffen.

So ist auch der entscheidende Unterschied, den Luther ins Christentum einführte, nicht auf der Ebene von Dogmen und Glaubensbekenntnissen zu begreifen. Die entscheidende Wende Luthers, die das ganze Abendland wie Sauerteig durchwachsen hat, ist die Wende zum Reflexiven. Nicht einmal mit dem Wort "subjektiv" läßt sich das beschreiben. In Luther wurde das Transzendente nämlich nicht nur ins eigene Erleben verlegt, sondern das eigene Erleben IST SELBST das Ontologische. Indem Luther das Heil und die Wahrheit in das Erleben subjektiver Gewißheit(en) verlegte, mit allen unlösbaren Widersprüchen, die sich daraus ergeben, wurde Wahrheit und Gnade zum psychogenen Erlebnis. Wurde Spiritualität zur Hervorrufung von Gewißheits- und Trost- und -Heilsgefühlen.

Die gesamte Entwicklung der Philosophie, das Auftauchen der Psychoanalyse, die gesamte Veränderung der Naturwissenschaften, sie alle zeugen davon, daß der Mensch, der sich in Wahrheit nie vom Gegenüber des Seins lösen kann, diese Steine, die der Wahrheit mehr und mehr im Wege liegen, erkennt, ja benennt. Aber nicht in ihre Ordnung stellen kann. Sodaß alle die Thesen und Theorien und Philosophien der letzten Jahrhunderte im letzten ein Versuch sind, den Wahrheitsbegriff dadurch zu retten, indem er um die Problemzonen persönlicher Spiritualität herumgeleitet wird. Sie wurden Rechtfertigungsversuche in die Wahrheit hinein, die zwangsläufig im Rationalismus und im Konstruktivismus enden müssen, als Etikettenschwindel allererster Güte. Weil sie die persönliche Substanz der Wahrheit irgendwann über Bord werfen müssen.

Umso vehementer werden Wortgebilde zu Kriegsinstrumenten geformt, hier, oder völlig ignoriert, dort. Weil deren Öffnung auf die persönliche Substanz der Wahrheit hin die persönliche Reaktion bräuchte, und damit die Gefahr einer Erschütterung einschließt, die nicht ausrechenbar ist. Die Ablehnung der Tradition, die Ablehnung der Autorität der Väter, der weiblichen Fleischlichkeit als "vorhandene Predigt", als Eckstein eben dieser persönlichen Verankerung von Wahrheit, erzählt davon.

Nachgerade umgekehrt wurde dafür der spirituelle Weg zur Beliebigkeit erklärt, um so persönlicher Verantwortung und psychischer Problematik auszuweichen. Wurde die Auseinandersetzung mit Gott und Wahrheit zum Streit der Schilder, die jeder so rasch als möglich beschriftet und vor sich her trägt.

Die einzige Möglichkeit der Läuterung der Wahrheit aber besteht in einem Streit der Sittlichkeit, und das heißt nicht primär: Moral, wenngleich AUCH. Sie besteht auch nicht - auch das eines der Schattengefechte - im Nachweis und in der Verurteilung persönlichen Fehlen in einer Situation und Lebenslage. Die Sittlichkeit, auf die es ankommt, ist der Wille, trotz der Schwäche immer wieder neu das Ziel der Freiheit anzustreben, immer wieder die eigene Wahrhaftigkeit zu suchen, und nicht nachzugeben in den zahllosen Möglichkeiten, diese Wahrhaftigkeit zu übertölpeln und sich und andere zu betrügen.

Es ist dieselbe Ungeduld, die Luther vorzuwerfen ist, der mit seinem Scheitern, diesem nie endenden Erleben realer Bedürftigkeit nicht fertig wurde, die der Beschleunigung der zivilisatorischen Lebensvorgänge zugrunde liegt. Denn wo ich das Heil, die Rettung nicht mehr von außen erwarte, real und konkret und fleischlich, als Gnade, als Gabe die ich nicht "machen", nur empfangen und erhoffen kann, wird sie zum notwendig zu Machenden. Während gleichzeitig damit das Vertrauen in das Sein der Welt - und damit in ihren Sinn - verdunstet. 

Solcherart aber entwurzelt, zum Luftballon geworden, der über dem Boden schwebt, wird Heil zur hysterisch herzustellenden Gedankenwelt, wird Wahrheit zum Webteppich, dessen Muster ich so rasch als möglich und so dicht wie möglich durch Integration von "Richtigem" weben muß: das Zeitalter der omnipräsenten Medien, die aber existentiell notwendig sind, ja die die Matrix des Existentiellen sind, die Ära der Sprache, die wie Schnittblumen behandelt wird, brach an. Die Angst wuchs und wächst, und zwar reziprok-korrelativ, daß sich eines Tages doch das Sein melden könnte, die Steine, die unter den höher und höher geschichteten Matratzen verborgen wurden, könnten wieder durchstoßen. Real und geschichtsmächtig, aber nach seinem Willen. Nicht einfach als "psychisches Erlebnis", als wäre Welt und Geschichte in den Grenzen des Zuckergeschmacks befangen.

Und in falscher Spiritualität meinen wir, daß das Sein - als bedrohliches Element, denn es zwingt, es fügt sich nicht, es läßt uns ohnmächtig sein - in dem Moment nicht  mehr vorhanden wäre, wo es gelingt, die Angst zu verdrängen. Als wäre Religion das Einwerfen einer Droge und Spiritualität die subjektive Psychomechanik, in diesem Wohlgefühl möglichst lange zu verharren.



Literaturempfehlung zum Thema: Paul Hacker, "Das Ich im Glauben bei Martin Luther"; Eric Voegelin "Luther und Calvin"; Sören Kierkegard "Angst"; Paul Schütz "Zwischen Nil und Kaukasus"; Ferdinand Ebner "Pneumatologie"; Walter Hoeres "Reflexivität und Reflexion"




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Mittwoch, 7. September 2011

Genie - Talent

"Das Talent rangiert im Verhältnis, wie es Sensation weckt; das Genie im Verhältnis, wie es Widerstand weckt [religiöser Charakter im Verhältnis, wie er Ärgernis weckt]. Das Talent paßt auf der Stelle und direkt hinein; das Genie paßt nicht in das Gegebene. Das Talent wärmt das Gegebene auf [wie man in der Kochkunst sagt] und gibt ihm ein Aussehen; das Genie bringt das Neue.

Aber wie unsere Zeit in allen Hinsichten lumpige Surrogate erfunden hat, so auch dieses: die Talente für Genies gelten zu lassen, so daß sie frei von den Leiden des Genies das direkte Verhältnis des Talents zur Mitzeit genießen - und zugleich honoriert werden als Genies.*

Dieses hängt wiederum zusammen mit der Selbstvergottung des Menschengeschlechts und er ungeheuren macht der Gegenwart; denn man will sich nicht mehr finden in die Formen: Einer, der das Neue bringt. Darum will man eigentlich das Genie abschaffen, das Genus vergotten und das Talent avancieren lassen."


Sören Kierkegaard, Tagebücher 1854


*Das ist auch alles, was es zum Förderwahn der Gegenwart, zur Idiotie der Gleichstellungen, der angeblichen Gerechtigkeit etc., zu sagen gibt. Kierkegaard spricht diese unsägliche Narretei an, die speziell in Österreich Platz gegriffen hat: und schon den jungen Menschen weißmachen will, daß es ihre Talente wären, die sie in alle Rechte setzen würden - was beim Eintritt ins Erwachsenenalter nun fehle, sei die Forderung nach Erfüllung der Ansprüche an die Mitwelt. Mitnichten, und -tanten. Es ist die sittliche Leistung, die ethische Qualität, die entscheidet. Talent ist keine Leistung. Genie und Außergewöhnlichkeit KANN gar nicht in die normalen Honorarschemata einer Gesellschaft passen. Das heutige Förderwesen konzentriert sich also auf die Verschleuderung von Energie, indem sie die Mittelmäßigkeit zum Genie erklärt. Und damit den wirklichen Genies noch mehr Wege abschneidet, wenn das möglich wäre. Die meisten Forderungen nach Schulreform, die derzeit kursieren, sind in jedem Fall blanker Unsinn und Geldverschwendung. Man kann Außergewöhnliches nicht "fördern" - aber man kann es weiter erschweren. Und das tut man!

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Sonntag, 4. September 2011

Nur als Märtyrer glaubwürdig

Luther hat doch eigentlich, schreibt Kierkegaard in seinen Tagebüchern 1954, unberechenbaren Schaden dadurch angerichtet, daß er nicht bereit war, Märtyrer zu werden. Stattdessen hat er seine Sache zu einer faden Angelegenheit bequemen Bürgertums gemacht, wo er sich mit zunehmendem Alter damit zufrieden gab, im Kreise seiner Bewunderer großmaulige Tischreden zu halten.

Damit aber hat er seine Sache so herabgemindert, daß in späteren Generationen "die Sache" immer schaler, dünner und immer schlechtere Nachäffung wurde. 

Dadurch, daß er stehenblieb, hat Luther den Münzfuß des Reformators auf die Hälfte gedrückt, und so in späteren Generationen dieses Gewimmel erzeugt, diesen Janhagel von raren, herzlichen Menschen, die auch so ein bißchen den Reformator spielen wollen; item er hat die Konfusion erzeugt, Reformator zu sein ist dadurch, daß man die Politik zu Hilfe ruft. Das Resultat ist geworden die tiefste Verwirrung in den höchsten Begriffen und die allergefährlichste Demoralisation, die natürlich ist, wenn etwa so Feines und Edles und Zartes wie der Begriff "Reformator" verfault.

Über eines aber hätte er um Gottes willen wachen müssen - daß nämlich der Reformator, der auf diese Weise Reformator ist, als das Niedrigere angesehen werden muß. Dadurch ist es für die Zukunft fast unmöglich gemacht, noch einen Reformator zu kriegen - alle werden meinen, daß dieser niedrige Preis genüge, und daß die Verbrüderung mit der Weltlichkeit geheimer Gewinn ist: der diese Aufgabe noch (und wie gerne!) zu Ansehen steigere, und damit das Verhältnis Kirche - Welt sogar umkehrt.

Steht es aber nicht christlich fest, daß das Martyrium das Höchste ist, das Wahre, daß gutes Davonkommen das Niedrigere ist, das durch Indulgenz eingeräumt werden kann: so ist Satan nicht bloß los, sondern er hat gesiegt.  

Denn so lautet die Aussage, daß die Welt ja ohnehin das Gute wolle, die Welt selber gar keine Reform brauche - sondern der Glaube ... und weil die Welt eben das Gute wolle, deshalb siegt auch der Reformator. Damit hat Luther durch sein späteres Leben die Mittelmäßigkeit akkreditiert. Dazu braucht es nämlich einen Heros! Und Luther war dieser Heros - der Mittelmäßigkeit. Und mit ihr ist der Protestantismus überreich gesegnet worden, schreibt Kierkegaard.

Luther hatte eine ungeheure Verantwortung: er stürzte den Papst, und setzte das Publikum auf den Thron.



*040911*

Montag, 29. August 2011

Jetzt aber - absolut gewiß

Archäopterix. Auch das Bild: Wissenschaftlich bewiesen
(Nach einer Überarbeitung bzw. Erweiterung um Details erlaube ich mir, den Beitrag vom 09. VIII. erneut, aber argumentativ deutlich erweitert, zu bringen.)

Oh ja, wir wissen seit Jahrzehnten, daß der Archäopterix der Urahn aller Vögel ist, daß er das missing link zwischen Saurier und Vogel ist, weil er so herrlich in den vermeintlichen (also: gesollten) Stammbaum aller Lebewesen paßt, der untrüglich beweist, wie eins aus dem anderen entstand. Wissenschaftlich bewiesen, wurde einem um die Ohren gedroschen, wann immer man es hören wollte, ein Musterbeispiel für eine Übergangsform. Hieß es. Und jeder Halbgebildete, dessen Fernsehkonsum reichte, um Universum* buchstabieren konnte, fand sich ermutigt, weiterhin erkenntnisresistent zu bleiben, was ihm durch offizielle Diploma und Magisteria ja gerne bestätigt wurde.

Es war aber nicht nur nie bewiesen - es war Unfug. Und das ist nun tatsächlich wissenschaftlich durch eine Studie bewiesen, die Nature veröffentlicht hat. Unter dem momentanen Druck der Evidenzen wird dieses Dogma der Ressentimentbildung auch tatsächlich schon da und dort losgelassen. Schon lange nämlich, erfährt man auch erst jetzt, ist ja diese These höchst fraglich gewesen. Nun geben Funde in China aber dazu endgültig Anlaß. Denn die jüngst aufgetauchten Fossilien weisen auf ein ähnliches Wesen hin, das sogar möglicherweise wirklich fliegen konnte, aber kein Vogel ist. So finden manche Paläarchäologen schon den Mut zuzugeben, daß der Archäopterix nie fliegen habe können. Er war lediglich ein gefiederter Saurier (in Hühnergröße), der am Boden herumlief und Fleisch fraß. (Eindeutige Vogelfossilien weisen eindeutig auf Pflanzenfresser hin.) Und von diesen  Deinonychosauria dürfte es etliche gegeben haben.

(Nachtrag vom 14. VIII. 2011:) Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, dass ein evolutionäres Bindeglied gefallen ist, doch die Situation ist komplizierter. Denn Archaeopteryx stand schon lange nicht mehr alleine im Übergangsbereich von Reptilien und Vögeln. In den letzten etwa 30 Jahren wurden vor allem in China zahlreiche neue Fossilien von Vögeln und vogelähnlichen Dinosauriern entdeckt, so dass die Vielfalt der fossilen Formen an der Basis des evolutionären Stammbaums sich mittlerweile als schwer zu entwirrendes Gestrüpp darstellt. Modelle für evolutionäre Übergangsformen sind also vorhanden. Die Indizien- und Deutungslage bezüglich der Frage nach Übergangsformen hat sich seit einiger Zeit bereits deutlich verschoben. Wo die evolutionstheoretischen Probleme heute liegen, sei nachfolgend erörtert.

Sie sind, schreibt dazu Genesisnet, damit Mosaikformen mit widersprüchlichen Eigenschaften, und solche Konvergenzen - wo gleiche Baumerkmale aus unterschiedlichen Gründen und Voraussetzungen entstanden sind - sind nicht so einfach zu erklären.

Wissenschaftlich (anders als evolutionsideologisch) gesehen ist das freilich keine große Katastrophe - Verschiebungen im fiktiven Stammbaum der Geschöpfe hat es immer schon gegeben. Diesmal vergrößert sich einfach wieder die Lücke im Bereich der frühen Vögel. Dafür lösen sich Widersprüche, die ohnehin bereits manchem Evolutionsbiologen im Magen gelegen sind.

Witmer (2011) schreibt in seinem Kommentar, die Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen, die an die Basis der Vogelevolution gestellt werden, seien zunehmend verwischt worden. Auf seinem Blog (http://witmerlab.wordpress.com) behauptet er darüber hinaus: „Eine Vorhersage von Evolution ist, dass die Arten sich zunehmend ähnlich und die Unterschiede unbedeutender werden, wenn wir in der Zeit zurück gehen und uns einem gemeinsamen Vorfahren annähern.“ Doch das stimmt so nicht mit der fossilen Befundsituation überein. Witmer selber setzt fort: „Es gab in einem massiven Umfang unabhängige Evolution (Homoplasie) verschiedener ausgetüftelter Eigenschaften, was es schwierig macht, den Knoten dieses evolutionären Beginns aufzutrennen …“ Unter Homoplasien werden Konvergenzen (=Entstehung ähnlicher Strukturen von unähnlichen Vorstadien), Parallelentwicklungen und Rückentwicklungen zusammengefasst, also solche Ähnlichkeiten, die nicht auf gemeinsame Vorfahren zurückgeführt werden.
Der fossile Befund zeigt also nicht zunehmende Ähnlichkeit an der Basis des mutmaßlichen evolutionären Stammbaums, es gibt vielmehr verschiedene Mosaikformen und das erzwingt die Annahme zahlreicher Konvergenzen – diese machen ihrerseits die Taxonomie und die Zuordnung zu einzelnen Gruppen schwierig. 


All dies zeigt, dass Merkmale an sich keine verlässlichen Verwandtschaftsanzeiger sein können. Je nach Gesamtbefund werden bestimmte Ähnlichkeiten als Homologien (d. h. als Belege für gemeinsame Abstammung) oder als Homoplasien gewertet; das Pendel kann hin und her schlagen. Witmer schließt seinen Kommentar damit, dass evolutionäre Ursprünge nun mal chaotische Angelegenheiten („messy affairs“) seien.


Also keine Angst, liebe Freunde der materieimmanenten Selbstinduktion, die Wissenschaft hat das Dogma nicht gekippt, sie hat nur zugegeben, daß es nicht immer so ganz streng mit dem "wissenschaftlich bewiesen" abläuft, weil der Evolutionismus ein materialistisches Postulat ist, das zu verifizieren man lediglich hofft. Als Postulat aber ist er garantiert wissenschaftlich bewiesen! Na immerhin.

Kierkegaard schreibt einmal, daß wenn Jesus heute wiederkäme, er sehr sicher die Journalisten und Besitzer der Presseerzeugnisse zu seinen größten Feinden erklärt hätte. Ihr Spiel der Menschenverwirrung und Irreführung schreit zum Himmel. Er hätte den Mut haben sollen, diese Aussage auch auf "Wissenschafter" auszudehnen. Weit genug war seine Wissenschaftsskepsis ja gediehen.

*Sie wissen schon, die Fernsehredaktion mit der phantastischen Universalerklärung (daher der Name): "Hier hat die Evolution in Millionen von Jahren ..."

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Samstag, 27. August 2011

Angst vor der Wahrheit

"Nein, anstatt [...] den Schleier von der Gottheit reißen zu wollen, will ich den Schleier reißen von all dem menschlichen Gewäsch und der menschlichen Einbildung und Selbstgefälligkeit, die sich und andere einbilden wollen, daß der Mensch so gerne die Wahrheit erkennen wolle. 

Nein, jedem Menschen ist mehr oder weniger bange vor der Wahrheit; und dies ist das Menschliche, denn die Wahrheit verhält sich zu "Geist-"Werden - und das ist schwer für Fleisch und Blut und sinnliche Wissenslust. 

Zwischen dem Menschen und der Wahrheit liegt das Absterben - siehe, darum ist uns allen mehr oder weniger bange."

Sören Kierkegaard, "Tagebücher 1850"


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Donnerstag, 25. August 2011

Abgespeckt zum Scheinchristentum

Der Grundtenor Kierkegaards - die Suche nach der wirklichen Wirklichkeit Gottes, die Forderung, nein, die Sehnsucht nach Existentialität der Gottesbegegnung, weil alles andere billiger Schein ist - führt ihn zu einer klaren Aussage: daß das, was die (evangelische) Kirche (im 19. Jhd.) predigt, nur ein Scheinchristentum ist.

Deshalb ist den Bischöfen und Pfarrern der Vorwurf zu machen, daß sie die Leute mit etwas abspeisen, das so abgemildert ist, daß die wirklichen Versprechen, die das Christentum ausmachen, gar nie wirksam werden KÖNNEN. Weil auf diesem abgespeckten Niveau gar keine echte Gotteserfahrung möglich ist. Die bleibt auf der Ebene reinen bürgerlichen Lebensspektakels, und vor allem auf der Ebene menschlicher Selbsttäuschung. Bei der überwiegenden Masse, die es sich in ihrem Leben so gut eingerichtet hat, geht es um die allerersten Schritte überhaupt, von Fortschritt gar nicht zu reden.

Nicht, daß alle auszustoßen wären, die zu dieser Radikalität nicht bereit wären. Aber von den Priestern und Bischöfen wenigstens müßte man verlangen können, daß sie diese Radikalität selber leben, und zumindest in ihrer Predigt nicht bis zur Unkenntlichkeit abmildern.


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Sonntag, 21. August 2011

Gebäude und Korrektiv

Wenn der Katholizismus entartet, schreibt Kierkegaard, schlägt er in Scheinheiligkeit und Weltlichkeit um. Entartet der Protestantismus, wird er zur geistlosen Weltlichkeit. Beide Richtungen brauchen einander, der Protestantismus aber ist vom Katholizismus regelrecht bedingt.

Was soll, schreibt er in seinen Tagebüchern, die "Angstfreiheit der Gewissen" bewirken als Gleichgültigkeit, wenn die Voraussetzung, die diese Haltung schuf, nämlich die Angst, gar nicht mehr existiert? Dann wird der Protestantismus sinnlos, ja noch schlimmer, er wird zum Raffinement der Weltlichkeit und des Heidentums, das seine Existenzberechtigung auf die Entartung des Katholizismus bezieht. Der Protestantismus hat das Katholische also als Voraussetzung, und übersieht man das, zerfällt er: er kann nicht alleine stehen! Denn noch einmal: er ist lediglich das Korrektiv.

Die Lutherische bloße Innerlichkeit ist höchst gefährlich, sie kann nämlich zum Aller-allerniedersten des Heidentums absinken, wo sinnliche Ausschweifung als Gottesdienst gefeiert wurde. Denn er kann dahin abgleiten, daß Weltlichkeit als Frommheit gefeiert wird. Das kann im Katholizismus - schreibt der Protestant Kierkegaard - nicht passieren. Denn der geht davon aus, daß wir Menschen sowieso Schlingel sind. Während der Protestantismus Menschen braucht, die in Todesfurcht und Zittern und viel Anfechtung dasitzen. Aber davon hat es nie viele gegeben, und wo wären sie heute?



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Samstag, 20. August 2011

Kanonisierung der Spießbürgerlichkeit

"Wir wollen mit dem Dichter beginnen. Dem, was der Dichter gebraucht und unsterblich macht mit seinen Dichtungen. Z. B. [Julia], das Leben sich zu nehmen aus Leid usw. Dieses kommt im wirklichen Leben bereits selten vor.

Nun kommt das Ethisch-Religiöse und erklärt jenes Ästhetische für Verzweiflung und preist so genau das Gegenteil an, z. B. an [Julias] Stelle leben zu wollen.

Aber nun kommen die Pfarrer und mit ihnen immer das Gewäsch. Sie nehmen sich nicht in acht davor, daß das rein Spießbürgerliche bloß äußerlich betrachtet eine Ähnlichkeit hat mit jenem ethisch-religiös Höchsten; Karen, Maren, Mette usw. entleiben sich keineswegs selbst, wiewohl ihrer respektiven Geliebten beraubt - ergo avancieren diese Geehrten, durch des hochgeehrten Pfarrers Beistand, um weit über Julia zu stehen.

Die Pfarrer merken gar nicht das Geheimnis: wenn eine Existenz, wie der Dichter sie gebrauchen kann, so selten ist, wie der der Dichter es behauptet: wie selten muß da nicht eine wahre ethisch-religiöse Existenz sein!  

Nein, die Pfarrer kanonisieren die Spießbürgerlichkeit. Nun, und wir Protestanten haben ja die katholische Kanonisation von Asketen, Märtyrern usw. abgeschafft - zum Ersatz werden so die Interesssenten es Spießbürgerabsuds kanonisiert, und ganz richtig, sie werden kanonisiert von jenem letzten geistlichen Orden, der im Protestantismus aufkam: den Versorgungsbrüdern."

Kierkegaard in "Tagebücher 1850"

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Freitag, 19. August 2011

Zeitalter der Märtyrer

Die erste Formation von Herrschern, schreibt Kierkegaard 1850, waren die Tyrannen, die letzte werden die Märtyrer werden, dies ist in der Entwicklung der Welt die Bewegung zunehmender Weltlichkeit; denn die Weltlichkeit ist am größten, muß am  fruchtbarsten die Oberhand gewonnen haben, wenn nur Märtyrer Herrscher sein können. Wenn nämlich einer der Tyrann ist, ist die Masse nicht ganz weltlich bestimmt; aber wenn die Masse der Tyrann sein will, so ist die Weltlichkeit ganz allgemein geworden, und so kann nur der Märtyrer der Herrscher sein. 

Freilich ist zwischen den beiden ein ungeheurer Unterschied, doch eines haben sie gemeinsam: Das Zwingende. Aber der Tyrann herrscht, bis er stirbt. Der Märtyrer, sobald er stirbt. Der Tyrann ist der Einzelne, der unmenschlich die Menschen zur Masse macht - der Märtyrer destilliert sich aus der Masse als Einzelner, ja er setzt die Masse in lauter Einzelne um. Und im Himmelreich ist Freude über jeden Einzelnen.


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Donnerstag, 18. August 2011

Anonymität als Weg zur Macht

Vollkommene Öffentlichkeit macht das Regieren absolut zu einer Unmöglichkeit. Denn alle Regierung ruht in dem Gedanken, daß da einige Einzelne sind, die die Einsichtsvolleren sind und die just dadurch um so viel qeiter sehen, daß sie steuern können; aber vollkommene Öffentlichkeit ruht in dem Gedanken, daß alle regieren können.

Daß dieses so ist, hat auch niemand besser verstanden als die Tagespresse; denn keine Macht hat in dem Grad auf Geheimhaltung, betreffend ihre ganze innere Organisation, gehalten, wer ihre Mitarbeiter seien, welche ihre eigentlichen Absichten usw., wie just die Tagespresse, die dann in einem fort geschrien hat, daß die Regierung öffentlich sein sollte. 

Ganz richtig; die Meinung der Presse war nämlich, daß sie die Regierung weg haben wollte. - und so wollte sie selber regieren, weshalb sie auch die Geheimhaltung sich sicherte, die notwendig ist, um zu - regieren.


Sören Kierkegaard, "Tagebücher 1850"

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Dienstag, 16. August 2011

Der Schönheit verbunden

Das Urteil der Welt ist gar nicht moralisch [natürlich, sonst wäre die Welt nicht die Welt], sondern ästhetisch! schreibt Kierkegaard in seinen Tagbüchern 1850. Es bewundert alles, was Macht hat, List, Selbstsucht usw. - mit Glück -: so daß dabei Geld, Ehre, Ansehen gewonnen wird.

Darum hat die Welt eigentlich als das meist Gefürchtete substituiert: das Grinsen, daß es zum Gelächter wird, was ganz richtig ein ästhetisches Urteil ist. Darum fürchtet man durchaus nicht, ein verkehrte Meinung zu haben - wenn man bloß in der Majorität ist; aber man fürchtet, und wenn es die Wahrheit wäre, sie zu haben - aber allein zu stehen.


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Sonntag, 14. August 2011

Ein Loblied auf den Zwang

Was für eitler Plunder, schreibt Kierkegaard einmal, zu sagen, der Mensch müsse völlig frei von allem Zwang sein, um so zu seiner ganzen Größe der Gewissensentscheidung stehen zu können. Die Wahrheit ist, daß nur die wenigsten diese Größe des Alleinseins vor Gott wirklich aushalten - und sie sind es, die in der Geschichte gerade die Widerstände und Zwänge gebraucht haben, um zu ihrer ganzen Größe aufzustehen, um überhaupt sichtbar zu werden. Ja, gerade die Zwänge waren ihnen oft entscheidender Nährboden.

Der Mensch ist fast nie so ein Satanskerl, wie er sich gerne schmeichelt. "Nimm allen Zwang fort, welchen die Menschen just brauchen und eben gerade in den höchsten Angelegenheiten [und vernünftigerweise beständig mehr, je höher die Angelegenheit ist] - und die Masse der Menschen wird entweder zu nichts werden oder in die Hände von Parteien u. ä. fallen.

Die Apostel, Luther u. ä. waren das, was sie waren, eben dadurch, daß aller mögliche Widerstand und zwang gegen sie da war - aber sie überwanden sie. Wäre der Zwang nicht dagewesen, hätte man nie zu sehen bekommen, daß sei das waren, was sie waren.

Im Innersten ist es ja gerade der Widerstand, der die Kraft des Gewissens herausfordert und braucht. Sonst vermag man sich ja nie sicher zu sein. Aber man ruft nach Gewissens- und Glaubensfreiheit usw. (Kierkegaard schrieb das 1850), dabei ist es schon eine große Seltenheit überhaupt einen Menschen vorzufinden, der noch eine eigene Meinung hat!

Also sind diese Rufe doch meist nichts als verachtenswerte Weibischkeit, bedeuten, daß wir Schwächlinge sind, schreibt Kierkegaard, verweichlicht, die doch so gerne um billigen Preis die Heroen spielen würden. Denn wirkliche Gewissenshoheit, ja, das wäre in der Tat Heroismus.

Mit der sogenannten Gewissensfreiheit in allen Dingen kam nur die Einbildung, in der alle nun meinen, Gewissensfreiheit auch zu HABEN. Aber die hat sich immer nur eingeklemmt zwischen zwei Schilden bewährt - bereit für den Scheiterhaufen, für das Kreuz, für den Tod. Alle Zwänge aufzuheben hat genau das Gegenteil bewirkt.

Je größer das Ding, um das es geht, umso mehr Zwang kann man sogar vertragen. Geht es um die Pflicht, einen Hut zu tragen - gut, das ist unerträglich. Kein Zwang kann die geistige Freiheit jemals zwingen! Er kann ihn höchstens die Freiheit teuer kaufen lassen.

Das Gerede vom Zwangabschaffen kommt deshalb von verweichlichten Menschen, schreibt Kierkegaard. Oder von solchen, die vielleicht einmal die Kraft zum Kämpfen gefühlt haben, aber nun ermattet sind und es bequemer finden, wenn der Zwang abgeschafft wird.

Man sollte da sagen: wir sind schwach und furchtsam, haben keinen solchen Mut oder solche Kräfte, darum wollen wir allen Zwang weg haben; darin läge doch Sinn. Aber in der lügnerischen Diebessprache der Zeit heißt es: wir kämpfen für Gewissensfreiheit.


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Montag, 8. August 2011

Auf daß sich niemand bekehre

"Aber die Sache ist, die Pfarrer leben nicht selber im Religiösen, darum fürchten sie sich fast davor, daß ihre Rede die Wirkung hervorbringen sollte, daß einer wirklich in diesem Augenblick Ernst damit machen könnte. 

Es geht mit den Pfarrern, wie wenn einer, der selber auf dem Land steht, Schwimmunterricht gäbe: er darf es nicht bis zur Entscheidung kommen lassen, ja es würde ihm angst und bange werden, wenn einer von den Zuhörern Ernst machte und ins Wasser spränge, denn der Schwimmlehrer [der Pfarrer] würde in diesem Fall ihm nicht einmal helfen können, so verwirrt würde der Schwimmlehrer werden allein durch den Anblick, daß einer wirklich ins Wasser spränge. Mit tausend solcher Schwimmlehrer soll ein Land im Christentum weit kommen!"

Kierkegaard, Tagebücher, 1849


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Freitag, 5. August 2011

Über den Wert von Lektüre

Man kann Einsicht in die Welt und die Dinge nicht kompilieren - indem man z. B. (auch aus diesem Blog heraus) Lektüre sammelt und "erledigt", wie man einen Motor zusammensetzt, ein Kochrezept befolgt, das am Ende wunderbaren Geschmack ergibt.

Deshalb verstehen auch manche nicht, daß man sich auf Bücher und Autoren beziehen kann, ohne ihre Werke in toto gelesen zu haben. Sich mit Autoren zu befassen kann oft ganz andere Gründe haben - und tatsächlich auch manche Erweiterung, weil man deren Häresie (und jeder Mensch hat seine Häresie, auf seine Art) als Erweiterung des spiralförmigen Weges nach ... (soll ich sagen: Oben?) vorne, im Sinne eines: weiter, plötzlich anziehend findet.

So komme auch ich immer wieder auf ältere Bücher und Autoren zurück, selbst wenn ich sie abgelehnt habe, oder mal weglegte, um in deren Welt wieder einzutauchen, sodaß meine Büchersammlung eine ständig neu zu entdeckende Quelle bleibt, die sich auch aus Vorhandenem nährt, das es auf andere Weise zu entdecken gibt.

Was man aus Lektüre gewinnen kann ist Nahrung für eine Leidenschaft der Wahrheitssuche, die aus sich heraus ihre Anregungen und Arten der Formulierung sucht.

Als ich seinerzeit Sedlmayr's "Die Entstehung der Kathedrale", zum Beispiel, entdeckte, war mir ihr liturgischer Aspekt (in Zusammenhang mit der Baugeschichte des Lettner, ein im Grund erkenntnistheoretischer Aspekt, der bei Florenski und der "Ikonostase" wieder aufgetaucht ist) wichtig und interessant. Heute nahm ich sie wieder her, weil ich die Gotik in ihrem Zusammenhang mit der Lichtmystik des Dionysos Areopagita immer schon erfaßt hatte, und über Kaltenbrunner's "Dionysius"-Buch neu darauf stoße. Und plötzlich sogar Henry Boulad wieder ausgrub, diesen Teilhardisten, um den vor bald zwanzig Jahren als dürr befundenen Strauch aufs neue zu untersuchen, ob nicht doch die eine oder andere Feige im Geäst sitzt.

Literatur ist unermeßlich wertvoll, ganz gewiß, und ich könnte nicht abgrenzen, was ich ihr verdankte, und was "eigenes" Denken (das eigentlich nur ein Streben ist) ausmachte. Aber wenn ich z. B. ein Buch von Walter Tritsch über Mystik hernehme, das neben Boulad stand, und das ich vor zwanzig Jahren als uninteressant, ja langweilig abstellte - und das nun genau das enthält, was ich gerade suchte, dann bin ich wieder einmal erschrocken über die einerseits gegebene Notwendigkeit, immer wieder feste Standpunkte zu bilden, anderseits diese aber nach Jahren wieder aufgebrochen werden müssen, weil sie zu eng geworden sind.

Es sind nicht die Bücher, es ist das eigene Herz. ich bin mit Kierkegaard der Meinung - auch das ein Autor, der mich bislang nicht interessiert hat, und erst jetzt sich zu erschließen anfing, worauf ich plötzlich entdeckte, daß er eine Kernfrage, das worum es mir doch immer ging, die unmittelbare Begegnung mit der Wirklichkeit als einzigen Weg zur Gottesbegegnung, zwischen seine Backen nahm und kaute - mit ihm also bin ich der Meinung, daß es das eigene Suchen und Denken ist, auf das es fast alleine ankommt.  Und hier ist Wahrheitssuche nicht vom ganz subjektiven Willen zur Heiligkeit zu trennen. Der Intelligenteste wird nicht über sein Herz hinaus denken können.*

In Büchern, schreibt er, findet er immer nur Bestätigungen (und das ist im Grunde langweilig) für Schritte, die er bereits vollzogen hat, auch wenn er manchmal noch nicht davon wußte. Sie können sogar hinderlich sein, weil sie eigenes Denken überlagern, einengen, in Schächte zwängen, in denen sie furchtbar nach Luft ringen.

Lebendige Herz Jesu-Verehrung, Tirol
Keine Lektüre, kein "Lernen" vermag einen über sich wirklich hinauszuheben. Sie vermag nur beizutragen, zu ernten, was bereits blühte, und man vielleicht gar nicht sah. Den wirklichen Weg muß man selber gehen. Und man muß ihn als wirkliche Entwicklung der Persönlichkeit wollen. Es beginnt, wenn man diese persönliche Dimension begreift. Denn dann erst beginnt die Begegnung mit der Wahrheit - als Person. Nicht als "Gewußtes". Als ... Herz. (Ich hätte nicht erwartet, das jemals so zu sehen.)

"Ego sum via vita veritas."


*Deshalb hat der Rationalismus ja so große Anhängerschaft gefunden - er liefert über die "Logik", die sich beschränken läßt, weil sie beschränkt IST, die Ausrede für die eigene Bequemlichkeit, in sich verbleiben zu können.


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Donnerstag, 4. August 2011

Kein Maß für Wichtigkeit mehr

"Die Zeit muß notwendig kommen, wo eine völlige Umänderung in der Betrachtung oder in der Vorstellung von der Presse vor sich gehen wird; aber noch imponiert die Entdeckung allzusehr den Menschen. Die Menschen müssen sich erst mehr daran gewöhnen, den Mißbrauch der Presse zu sehen, um ganz ruhig anfangen zu können, einen Überschlag zu machen über das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden, die diese Erfindung den Menschen gebracht hat. In den höheren Klassen der Gesellschaft ist man bereits nicht mehr weit von der Erkenntnis weg, daß die Presse unendlich mehr Unglück als Nutzen bringt. Ich rede beständig von der Tagespresse.

Bücher können wohl geduldet werden, doch am liebsten dicke Bücher; denn die haben durch ihre Proportion kein Verhältnis zu dem Augenblicklichen. Überhaupt liegt das Böse bei der Tagespresse darin, daß sie so ganz darauf berechnet ist, den Augenblick wenn möglich noch tausend und zehntausendmal mehr aufgeblasen und wichtig zu machen, als er bereits ist. Aber alle sittliche Erziehung besteht vor allem darin, daß man vom Augenblicklichen entwöhnt wird.

Wie China zum Stillstand kam auf einer Entwicklungsstufe, so wird Europa an der Presse zum stillstand kommen, stehenbleiben als ein Memento, daß hier eine Entdeckung gemacht worden ist, von der es zuletzt überwältigt worden ist."

Sören Kierkegaard in "Tagebücher 1848"

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Man nehme das Wort "Presse" und ersetze es durch "Internet", "Medien", etc. Verrücktheit, habe ich an dieser Stelle schon geschrieben, ist keine Frage des Irrtums oder der falschen oder fehlenden information! Verrücktheit ist eine Frage der falschen Gewichtung von Information und Wissen, der Unfähigkeit die Dinge noch sachgemäß zu ordnen weil zu gewichten. In den Medien tritt uns ja nicht die "Welt" gegenüber, sondern eine bereits von vielfachen Interessen gewichtete und selektierte Welt gegenüber.

Eine Welt, die wie die unsere so stark auf Medien aufruht, muß also zwangsläufig ihre Mitte verlieren, weil die Alltäglichkeiten - und sei es in der Kommunikation - zunehmend übergewichtetes Peripheres darstellen. Bis jedes Gefühl wir wirkliche Wirklichkeit verloren geht. Denn es geht nicht einfach nur um eine Welt des Scheins - es geht auch darum, daß diese Scheinwelt irre macht.  Solcherart ungesteuert, wird das reale Geschehen aber zunehmend unbewußt, hat mit der Welt des Denkens und Redens nichts mehr zu tun.


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Dienstag, 2. August 2011

Das Lachen des Teufels

Es sei, meint Kierkegaard, etwas Bemerkenswertes in dem Gedanken, daß das Weinen von Gott, das Lachen aber vom Teufel stamme. Denn je mehr es mit der Welt bergab gehe, umso mehr wird das Komische dominant.

Nichts läßt die Menschen mehr pathetisch innehalten, voll Ehrfurcht und heiligem Ernst schaudern - alles macht sie aber lachen. Denn die menschliche Verderbtheit ist komisch, die Komödie lebt ja nur von all der Verderbtheit und Korruption und Demoralisation des öffentlichen Lebens, all diese Erbärmlichkeit in Trug und Hinterlist. Aber es ist die Verzweiflung, die dieses Lachen macht, die sich sagt: alles ist Betrug, so wollen wir lachen!

Es ist aber zudem etwas Schreckliches darin, daß jemand sittlich tief gefallen ist, aber noch Schrecklicher ist es, wenn er darüber auch noch lacht und seine Leichtfertigkeit komisch auffaßt.


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Sonntag, 31. Juli 2011

Das Medium als Botschaft

"Die Berlingske Tidende kann in literarischer und kritischer Hinsicht [denn mit dem, was hauptsächlich ihre Aufgabe ist: dem Politischen, verhält es sich anders] am besten mit Butterbrotpapier verglichen werden; man liest es, während man speist, ja in Ermangelung einer Serviettte habe ich sogar einen Mann mit der Zeitung den Mund sich abwischen sehen.

Aber es gilt im Verhältnis zu allem, daß die Umgebung große Bedeutung hat; was darum, ohne so hoch zu sein, daß es nicht ganz gut von jedem verstanden werden kann, einen Leser wenn möglich ein wenig ernst zu machen wünscht: das muß nicht auf diese Weise gelesen werden. 

Darum wünschte ich nicht, etwas von mir in der Berlingske Tidende abgedruckt zu sehen. Lieber als die Ausbreitung, die, was ich schreibe, dadurch, daß es in der B.T. steht, bekommen kann, weit lieber wünschte ich, nur einen einzigen Leser zu haben.

Dieser Mangel an Selbstbehauptung ist und bleibt der Ruin, alles dreht sich um Geld: wenn es sich bezahlen könnte bin ich sicher, daß man einen Menschen bekäme zur Herausgabe eines Journals, das darauf berechnet wäre, nur auf dem Abtritt gelesen zu werden."

(Sören Kierkegaard, "Tagebücher", 1846)

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Samstag, 30. Juli 2011

Statt Dänemark nehme man ...

Die ganze Furcht vor X ist eine Einbildung, ein Spiel, ein neuer Versuch, der Nationaleitelkeit zu schmeicheln. Eine Million Menschen, die selber redlich sich eingeständen, daß sie ein kleines Volks sind, und nun vor Gott ein jeder besonders, sich entschlössen zu sein, was man ist, sind eine ungeheure Macht; hier ist gar keine Gefahr. Nein, das Unglück ist ein ganz anders; das Unglück ist, daß dieses kleine Volk demoralisiert ist, zersplittert in sich selbst, ekelhaft neidisch, Mann gegen Mann, aufsässig gegen jeden der regieren soll, kleinlich gegen jeden, der etwas ist, frech und zügellos, aufgeschwemmt zu eine Art Pöbeltyrannei. 

Das gibt ein schlechtes Gewissen, darum fürchtet man X. Aber keiner darf sagen, wo das Unglück liegt - so schmeichelt man all diesen ungesunden Leidenschaften und wird sich selber wichtig dadurch, daß man gegen X kämpft.

Es steht Dänemark eine ekelhafte Periode bevor. Spießbürgergeist und kleinliche Gereiztheit gegeneinander; man wird zuletzt verdächtigt werden, für X zu sein, wenn man nicht eine bestimmte Hutform hat usw. Andererseits der kommunistische Aufstand; jeder der ein wenig besitzt, wird angezeigt werden, verfolgt mit Hilfe der Presse.

Sieh, das ist Dänemarks Unglück - oder dies ist die Strafe über Dänemark, ein Volk ohne wahre Gottesfurcht, ein Volk, das nur Stadtklatsch zum Nationalbewußtsein hat, ein Volk, das das Nichtssein vergöttert, ein Volk, in dem Schulbuben die Richter sind, ein Volk, in dem die, welche lenken sollten, bange sind, und die, welche gehorchen sollten, frech sind, ein Volk, wo man jeden Tag einen neuen Beweis dafür bekommen kann, daß keine öffentliche Sittlichkeit im Lande ist - ein Volk, das gerettet werden muß, entweder durch einen Tyrannen oder durch ein paar Märtyrer.

Sören Kierkegaard, Tagebuch 1848


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Donnerstag, 28. Juli 2011

Schamhaftes Geld

Sören Kierkegaard (1813-1855)
Es ist ein zutiefst unsittliches Verhältnis, schreibt Kierkegaard einmal, daß es Verleger gibt, deren ganze wesentliche Existenz ausdrückt, daß Bücher Ware sind und ein Verfasser Kaufmann. 

"Insoweit in einem Geistesverhältnis [z. B. Verfasser zu sein] das Pekuniäre dazutritt, daß er gelohnt wird, Honorar bekommt usw., muß der, welcher das Geistesverhältnis konstituiert, wesentlich auch selber das Geldverhältnis konstituieren, selbst das Pekuniäre übernehmen, keineswegs um eines möglicherweise größeren pekuniären Vorteils willen, oh weit entfernt, nein, aber damit doch etwas Scham dabei sein kann.

Konstituiert sich das Geldverhältnis so, daß es die Erwerbsquelle eines ganz anderen Menschen ist, so wird es leicht zur Frechheit. Von Verlegerfrechheit hat man Beispiele genug; das Freche liegt darin, ganz unvorbehalten bis zum Äußersten die geistige Produktion als Ware zu betrachten. 

Das Publikum bekommt so wieder durch das Geld die Macht über den Verleger, der Verleger durch das Geldverhältnis die Macht über den Verfasser, und so sitzt zuweilen ein armer Verfasser da [der im Verhältnis zum Geld keusch und schamhaft sein muß wie ein Mädchen im Verhältnis zum Verkauf ihrer Tugend] und errötet, gekränkt, aber ohne Macht, durchzudringen."

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Dienstag, 26. Juli 2011

Heiden wollen leben

Diese Dänen, schreibt Kierkegaard einmal in seinen Tagebüchern: man könnte glaube, daß sie gar keine Protestanten seien, sondern ... katholische (abergläubische; Anm.) Iren. Sie haben Angst, mit ihrer Taufe auch das wirkliche Lebensblut aufgeben zu müssen, als Diesseitigkeit, die doch das Leben erst lebenswert macht.

Deshalb lassen sie bei der Taufe ihrer Kinder immer den rechten Arm frei. Der das Schwert führt, der die Mädchen umarmt.


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