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Mittwoch, 10. Juli 2013

Stimmungsmacher

In einem Gespräch im Schweizerischen Fernsehen erwähnt Peter von Matt einen wesentlichen Punkt. Den man begreift, wenn man begreift, daß der Mensch auf einer "Stimmung", auf einem Gefühl, in dem ein Grundurteil, eine Grundhaltung entschieden wird, seinen gesamten weiteren Gedanken- und Urteilsprozeß aufbaut.

Von Matt erwähnt, daß das was Literatur und Kunst leisten kann, gar nicht so sehr im intellektuellen Diskurs liegt. Das wird heute überbewertet, denn Diskursmechanismen (die sich aus den Räumen der Kunst ableiten) sind vielfach vorhanden, anders als noch vor fünfzig oder hundert Jahren, wo Kunst auch diesen Raum zu bilden hatte. Vielmehr fundiert und verändert Kunst die Stimmung, die Atmosphäre eines Landes. 

Und in dieser Hinsicht hat sie keineswegs Einfluß verloren, fast im Gegenteil, hier übt sie mehr Einfluß aus als sogar noch vor 50 Jahren. Denn dann muß man sehr wohl die gesamte Medienlandschaft mit einbeziehen, die selbst in ihren verzwecktesten und banalisiertesten Formen und Gestalten ein Derivat von Kunst, und insofern unter selbigem Blickwinkel zu sehen ist, wenn sie auch nur noch in sehr verringertem Ausmaß Kunstwerk selbst ist, oder das (dieses) Wesen der Kunst mißbraucht.

Die Wirksamkeit eines Künstlers, seine Bedeutung, definiert sich damit aus seiner Kraft, diese Stimmung in seinem Werk zu prägen. 

Deshalb muß klar unterschieden werden, was an einem Künstler Wirksamkeit durch sein Werk ist, oder was davon auf einer völlig anderen Ebene des Wirkens liegt - im gesamten "Afterbetrieb" etwa, der sich um die Kunst gebildet hat. Wo es um die Person geht, um seine Lebensart, seine Rolle, die er in der figuralen Außenwelt spielt. 

Man könnte es vielleicht auf einen einfachen Nenner bringen: Es gibt mmittlerweile sogar zu viele Kunsträume, die aus ihrer immanenten Notwendigkeit diskurs produzieren müssen (Tageszeitungen oder Fernsehprogramm MÜSSEN gefüllt werden, egal wieviele Inhalte es real gibt) und zu wenige Künstler. Vermutlich. Denn eigentlich können wir das gar nicht (mehr) wissen. Denn im selben Maß, als diese Kunsträume unkünstlerisch wurden und werden, werden auch die Selektionskriterien unkünstlerisch.

Das wirkt sich in ungebührlichen Konzentrations- und Verstärkungsprozessen einerseits aus, eine Gefahr für den Künstler, anderseits in einem Auffüllen fehlenden Inhalts durch Scheininhalt, der nur noch ein Abglanz der Kunst ist. Dennoch ist dieser Abglanz in der popeligsten Rateshow enthalten. 

Mit einer interessanten, aber keineswegs verwunderlichen Beobachtung: Daß nämlich auch die simpelste Talkshow nach den Gesetzen des Theaters, nach den dramatischen Gesetzen der Kunst - die ein Abstraktum, ein Kriterium herausstellen, aus dem sich Vielfalt in Einheit zusammenfaßt - überhaupt funktioniert. Und NUR so funktioniert.

Was man nie vergessen sollte, wenn man die Rolle der Kunst beklagt. Erst wenn die Kunst gegen ihre eigenen Gesetze verstößt, wird sie für die Menschen wirklich uninteressant, denn dann wird sie auch langweilig, kann sich bestenfalls durch Tabubrüche und Schock-/Effekterlebnisse - die auf ganz anderer, figuraler Ebene liegen, als ein Kunstwerk - als "interessant" erhalten. Etwa indem sie die Grenzen Bühne - Alltag verwischen.

Sodaß "Interessantheit" die Bedeutung ersetzt. Aber selbst das funktioniert nur kurzfristig, und solcherart Konzepte erledigen sich nach mehr oder weniger kurzer Frist von selbst, weil die Schockmomente ausgehen. (Die sogenannten Genres zeigen das eindeutig.) Selbst Ideen trocknen aus, wenn sie nicht von fundamentalen Bedeutungen und dem Willen, diese darzustellen, genährt werden.

Unter diesem Blickwinkel gesehen wird einsehbar, daß viele weit mehr durch ihr Auftreten - etwa in der "Promiszene" - wirken, und auch weit mehr darauf abzielen, als durch ein eventuelles Werk wirken zu können oder zu wollen. Als Analogie, wo der Ruhm das Werk ersetzt und verdrängt, und als Wirkfaktor für sich mehr Kraft entfalten kann, als das Werk es je vermochte. Was besonders bei Alterswerken ein Kriterienproblem ergeben kann, wenn Künstler sich selbst imitieren.

Aber mit einer grundlegenden Unterscheidung: Der Künstler sieht in seiner Verpflichtung sich selbst gegenüber nur sein Werk und dessen Inhalte. Sein Ruhm, so er einmal manifest ist, baut letztlich immer auf dem Werk auf. Ihm ist die Prominenz oft furchtbare weil kastrierende Versuchung, spricht sie ihn immerhin in seinem Kernproblem an: der dem Mönchstum zu vergleichenden Verpflichtung, sich zum gesellschaftlichen Figurenspiel quer zu stellen, sich einer Rolle im Zweckalltag zu enthalten.

Der Nicht-Künstler, der Prominente, zielt eben auf eine Rolle in der Gesellschaft ab, imitiert also den Künstler in der Simulation der Wirkung des Werks. Die Stimmung die er verbreitet und anregt wird damit zufällig, verliert den Werkcharakter, wird bestenfalls Zweck. Das ist auch jener Moment, an dem sich die Politik ernsthaft für die Möglichkeiten des Kunstbetriebes zu interessieren beginnt.

Gert-Klaus Kaltenbrunner drückte es deshalb einmal so aus: Der Prominente maßt sich an, jene Rolle zu spielen, die nur dem Ruhm zusteht, indem er ihn durch "Bekanntheit" ersetzt und damit eine Wirkung intendiert, die nur dem Werk zustünde. Darin werden eben jene Aftermechanismen in einer vom Werk losgelösten Eigendynamik wirksam. Denn auch Bekanntheit muß zugeteilt werden. Dies Zuteilung hat die Kraft, eine neue Scheinwelt von vorgeblicher Elite zu schaffen. Weil diese aber aufs Kunstwerk und seine Rolle betrachtet impotent weil zufällig und willkürlich ist, nach nichtkünstlerischen Kriterien gewählt wird, wirkt sie auf die Stimmung eines Volkes (als Sprachraum, als Wirkraum) demoralisierend.

Umgekehrt kann ein solcherart zum Prominentenzirkus umgestalteter künstlerischer Raum eines ganzen Volkes die Künstler austrocknen. Denn er gibt der Kunst selbst ihren Raum nicht mehr. Künstler aber brauchen diesen Raum, als das "hinein", auf das zuarbeiten.* Die Verzweckung im Promi-Betrieb setzt aber die Kriterien der Kleinbürgerlichkeit (mit ihrem primären Wert der gesellschaftlichen Rolle als Zweck) als Urteilskriterien ein.

Damit ziehen sie ein völlig kunstfremde kleinbürgerliche Schichte als "Nachwuchs" an, der nach und nach den gesamten Kunstbetrieb - als ursprünglicher Raum der Kunst - umbaut und sich selbst entfremdet. Er vertreibt die Musen. Er zieht mit einem aus der Figuralität gestärkten Selbst- und Verdängungsbewußtsein die Förder- und Autorisierungsmechanismen auf seine Seite, sodaß auch die Kunstförderung kontraproduktiv wird, zur wirklichen Kunst bestenfalls noch ein Verhältnis der betulichen Ignoranz pflegt. Die eigentlichen Kunstbetriebe als Orte der Kunst - Theater, Verlage, Filmproduktionen, Galerien etc. - verkommen zu Stätten der Pflege kleinbürgerlicher Scheinstimmung.***

Kunst ist immer Dialog, ein "für jemanden". Haben die Künstler - die von sich erst gar nichts wissen - dieses "für jemanden" nicht, oder lassen sie sich täuschen, werden sie auf ihren falschen Ebenen angesprochen, können sie nicht zu sich kommen. Damit können sich ihre Werke nicht zu jener Reife entwickeln, die ihnen möglich wäre. Sie bleiben immer in ihren je neuen Anfängen - als Anläufe - stecken, krümmen sich in sich selbst. Sie erkennen im Theater der Masken ihr dialogisch-dialektisches Gegenüber nicht mehr.

Weil ihnen aber JEDES Wort unendlich zählt, weil nur sie um das Geheimnis der Ewigkeit jedes Wortes wissen, brauchen unter Umständen ihre gesamte Energie und Zeit, um die Scheinköder auszuspeien, mit denen sie laufend gefüttert wurden.**






*Goethe hat einmal deutlich gemacht, daß er Glück hatte. Denn ohne die Kollegenkreise am Anfang, und vor allem dann ohne Schiller (der dasselbe umgekehrt gesagt hat), hätte er sich nie zu dem entwickeln hätte können, was er dann geworden ist. Sie sind aneinander in den Kunstraum der Gesellschaft hineingewachsen indem sie ihn selbst geprägt und geschaffen haben. Denn er war auch damals bereits  schwer deformiert. Aber sie hatten diesen Raum für sich selbst. Nach Schillers Tod hat sich Goethe mehr und mehr völlig zurückgezogen.

**Das ist nicht in jeder Kunstsparte gleich. Besonders schlimm ist es mittlerweile aber bei Schauspiel und Theater. Von der bildenden Kunst ist es dem Verfasser dieser Zeilen ähnlich berichtet worden. Der Literaturbetrieb ist drauf und dran, aber noch will der Verfasser dieser Zeilen an offene Wege und im Kunstbetrieb lebendige Kriterien glauben. Ähnlich wie im Film, wo sich spätestens im Schnitt die Realität als Bote der Wirklichkeit auf erfrischende Weise einmischt, ungeachtet der künstlerischen Begrenztheiten des Films (aufgrund des hohen Realismus des Abbildenden, aber aufgrund der harten Marktmechanismen, denen der Film unterliegt) überhaupt. Film ist vielleicht am besten mit der Architektur vergleichbar - seine Inhalte nähren sich aus den übrigen Künsten, er selbst kann nur zu einer Melodie zusammenstellen. Charlie Chaplin hat sich deshalb zeitlebens gegen die technische Weiterentwicklung des Films ausgesprochen. Wieweit mit dem - aus oben Gesagtem allerdings erklärbaren - Hereindrängen der 3-D-Technik nicht der Film sein endgültiges Ende besiegelt, bleibt abzuwarten. Es ist aber davon auszugehen.

Ein ganz anders Kapitel, das aber das Gesagte beleuchtet, ist die Verleihung der Goldenen Palme in Cannes - zeitgleich zu den Protesten gegen die "Homo-ehe" in Paris wird sie einem Film über das Lesbentum zuerkannt. Das riecht zumindest sehr streng, nach unkünstlerischen Kriterien.Wenn ausgerechnet ein Steven Spielberg das dementiert, so klingt das so glaubwürdig als würde eine Biene den Honig nicht kennen, von dem sie lebt. Spielberg ist ein Meister des willkürlichen Mißbrauchs von Stimmungen.

***In Winterthur in der Schweiz lief im Juni ein Filmfestival, das den österreichischen Film der letzten 20 Jahren in repräsentativen Paradefiguren - Spielmann, Haneke, Schleinzer, Seidl, Albert - zum Inhalt hatte. Es nannte diese Überschau "feel bad cinema". Muß man mehr über Österreich sagen?






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Donnerstag, 8. September 2011

Es begann an der Wallstreet 1929

Mitten in Ausführungen über das Wesen der Engel, findet sich in Kaltenbrunner's "Dionysius" der kleine Ausflug ins Wirtschaftshistorische - und er könnte recht haben: Er meint nämlich, daß die Wirtschaftskrise, die 1929 mit dem Börsenkrach an der Wallstreet begonnen hat, NIE MEHR zu einem Ende kam. Wir stecken also seither in den Auswirkungen und Folgen dieser Krise.

Seither, schreibt er, tobt und wütet in immer wilderen Auswüchsen dieselbe Krise, seither gibt es nichts mehr als eine Wilde Jagd, die jeder menschengerechten, schöpfungsgerechten, vernünftigen Ökonomie den Boden und die Atemluft raubt.



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Donnerstag, 11. August 2011

Verfinsterung der Welt

Wie simpel ... die Sonnenfinsternis, die Verdunkelung der Erde, die zur Kreuzigung Jesu von mehreren Stellen berichtet wird, und die von Mittag bis drei Uhr Nachmittag (etwa) gedauert habe, kann keine natürliche Sonnenfinsternis gewesen sein, wie sie als "Eklipse" immer wieder zu erleben ist. Kaltenbrunner schreibt es in seinem "Dionysius vom Areopag".

(Alle Rechte: Fotocommunity "closeup10")
Denn es war zur Zeit des Pessach-Festes, und das findet zur Zeit nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Das heißt, daß der Mond der Sonne gegenüber gestanden haben muß.

Von Dionysios wird berichtet, daß auch im entfernten Heliopolis, in Ägypten, diese Verfinsterung der Welt zu erleben war. Dort versetzte diese völlige Verfinsterung um die Mittagszeit die Bevölkerung in Angst und Schrecken. wunderlichste Zeichen wurden sichtbar, spuknächtige Ungestalten zeigten sich, bleiche Skelette traten auf, gräßlicher Gestank lag in der Luft. So schreibt Dionysius es in einem Brief an Polykarp noch viele Jahre später über dieses Ereignis. Und auch beim Philosophen Apollophanes ist Gleiches zu lesen.

Auch in Jerusalem hatte sich ja die Sonne verdunkelt, hatte die Erde gebebt, waren Schatten über den Hügeln zu dichten dunkelen Gestalten verdichtet, so wird auch von dort erzählt. Und viele berichteten, daß ihnen Tote begegnet seien, die aus den Gräbern zurückgekehrt waren. "Wahrhaftig," rief der römische Hauptmann, den die Legende "Longinus" nennt, angesichts der beeindruckenden Zeichen aus: "Dieser war der Sohn Gottes!"


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Montag, 1. August 2011

Gestalt als göttlicher Auftrag

Nach dem Tod Alexanders des Großen wurde das Riesenreich - das Initial und Höhepunkt der Hellenisierung der Welt war - in 12 Satrapenreiche aufgeteilt, und eines davon umfaßte auch die Gebiete das Gebiet das die Juden bewohnten - Israel. Einer der Seleukidenherrscher, Antiochos IV. Epiphanes, verehrte Dionysos, einen der wenigen in der Bibel genannten Heidengott.

Antiochos versuchte, sein buntscheckiges Reich vor dem zunehmenden Druck der Römer noch einmal zusammenzufassen, und er tat es mittels einer durchgreifenden, kultur- und religionspolitisch orientierten Hellenisierung. Bei den oberen Schichten, schreibt Gerd Klaus Kaltenbrunner in "Dionysos vom Areopag", fand er auch große Zustimmung, denn sie bestand ohnehin bereits aus orientalisierten Hellenen, oder hellenisierten Orientalen.

Bei den weniger assimilierten Volksgruppen aber - darunter vor allem die Juden - entzündete sich gegen den Vereinheitlichungsplan des Machthabers heftiger Widerstand. Sie empfand diese Maßnahmen als religiöse und nationale Vergewaltigung. Antiochos IV. schändete den Tempel von Jerusalem, beraubte ihn seiner kostbaren Geräte und Zierden, so des siebenarmigen Leuchters, der goldenen Weihrauchgefäße und des Goldschmucks an der Vorderseite des Heiligtums. Ausdrücklich verordnete er den Juden wie allen anderen ihm unterworfenen Völkern eine "unitaristische" Lebensform. "Alle sollen ein Volk werden, und jeder sollte seine Bräuche aufgeben." 

Den Juden wurde unter anderem zugemutet, ihre herkömmlichen Opfer einzustellen, den Sabbat zu entheiligen, das Gebot der Beschneidung aufzugeben und Schweinefleisch zu essen. Es ist wohl zulässig, diese inschneidenden Gewaltakte als obrigkeitlich angeordnete Umvolkung in nivellierender Absicht, ja als kulturellen Genozid zu kennzeichnen. Das jüdischen Volk sollte dadurch nicht nur seiner äußeren Unabhängigkeit verlustig gehen, sondern seine unterscheidbare Eigenart und Wesenheit zugunsten eines hellenistisch-ökumenischen "way of life" völlig preisgeben. 

In diese Zeit fällt die großartige Erzählung der Bibel aus dem 2. Buch der Makkabäer: Wo eine Mutter den Tod ihrer sieben Söhne erduldet, die einer nach dem anderen die Unterwerfung unter diese neuen Götter verweigern und in den Tod gehen. Anlaß war, daß die Juden dem Rauschgott Dionysos huldigen sollten: "Sie wurden mit roher Gewalt monatlich an des Königs Geburtstag zum Opferschmaus getrieben, und beid er Bacchusfeier mußten sie efeubekränzt dem Bacchus zur Ehren festlich einherziehen." (2 Makk 6,7)

Die Makkabäer gehören übrigens als Märtyrer zu den ganz wenigen Gestalten des Alten Testaments, die auch im Heiligenkalender der Katholischen Kirche mit einem Festtag geehrt  sind.


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Sonntag, 31. Juli 2011

Wie Erkenntnis entsteht

Allen Sätzen, schreibt Gerd-Klaus Kaltenbrunner in "Dionysius vom Areopag", den ausgesprochenen wie niedergeschriebenen, kommt nur die Rolle einer auslösenden, anregenden und bestenfalls bewirkenden Ursache zu, nicht aber einer schöpferischen. Erkenntnis im Hochsinn des Wortes ereignet sich urplötzlich, ähnlich wie Feuer durch das Reiben zweier Hölzer, das Schlagen von Steinen, den Gebrauch eines Brennglases plötzlich und übergangslos entsteht.

Wahrheit wird nicht bewiesen, sie erweist und zeigt sich und wird von denen geschaut, die Augen dafür haben. Sie ist eine "Hochzeit der Seele mit dem Einen".

Erkenntnis schenkt sich wie eine taubengleich herabkommende Gabe des Himmels, wenn die Vollkommenheit eines Lehrsatzes mit der Vollkommenheit des überrationalen Intellekts ekstatisch zusammentrifft, mit dem in unsrem Gemüte, wovon Meister Eckhart sagt: "Etwas ist in der Seele, was unerschaffen und unerschaffbar ist; wenn die ganze Seele solcherart wäre, so wäre sie unerschaffen und unerschaffbar; und dies ist der Intellekt."

Dann entsteht durch solche Begegnung, die sich als Vereinigung erweist, im aufnehmenden Geist eine absolute Gewißheit, die sich nicht schlechthin gültigen Beweisen verdankt und auch nicht von ihnen gestützt zu werden verlangt, vielmehr ein Gewahren des uns widerfahrenden Erweislosen in seiner beglückenden Ursprünglichkeit, Einfachheit und "Naivetät" ist.



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Samstag, 23. April 2011

In Memoriam

Wie hier nun doch berichtet sein soll, ist vor einer Woche, am 12. April, Gerd-Klaus Kaltenbrunner in seinem Haus in Lörrach, im Alter von 72 Jahren verstorben. Gebürtig Wiener, wo er auch Philosophie studiert hat, ist Kaltenbrunner vor allem in den 1970er Jahren durch umfangreiche Publikationstätigkeit hervorgetreten, und war für viele einer der "Väter der Neuen Konservativen" des deutschsprachigen Raumes.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939-2011)
Er schient in seinen Büchern vor allem von einer tiefen Sorge getrieben zu sein, daß die geistigen Güter des Abendlandes verloren gehen könnten. Entsprechend hat er in vielen Bänden mit fast enzyklopädischer Genauigkeit viele Autoren und Bücher wieder ans Licht gehoben, die in Vergessenheit zu fallen drohten, oder längst vergessen waren. Autoren, Gedanken, die aber unsere Gegenwart nicht einfach nur geprägt, sondern gegründet haben.

Kaltenbrunner war nicht einfach ein Traditionalist, das wäre völlige Verkennung, und schon gar kein Konservativer, der einfach bewahren wollte, was wertvoll sei. Auch wenn man ihn so bezeichnet, ihn als einen der Väter der "Neuen Rechten" sieht. Seine Entwicklung zeigt, daß das für ihn alles keine angestrebten Ziele oder Stadien waren, gar Kategorien, in die eingeordnet zu finden ihm wichtig gewesen wäre.

Zum Gegenteil. Es waren alles nur Durchgangsstadien, Momentaufnahmen, Schnappschüsse der anderen, in denen sie ihn in ihr Familienalbum einordneten. Denn er war stets und einfach ein Sucher des gegenwärtig Wirklichen, das aber für ihn (und nicht nur für ihn) unter einer tiefen Schichte von historischem Schutt und Filz, der den heutigen Menschen bedeckt, zunehmend schwerer zu finden ist. Er ahnte wohl, was in der beginnenden zweiten Hälfte des 20. Jhds. regelrecht diffundierte, sich verflüchtigte, sich zu verabschieden drohte, um eine ungeheure Wüste zurückzulassen. In der wir uns selbst immer fremder, unverständlicher werden.

Insbesonders seine 76bändige Reihe "Initiative" zeigt sein Bemühen, die gesellschaftlichen, geistigen, lebensartlichen Phänomene der Gegenwart konsequent neu der Wirklichkeit zu öffnen, zu hinterfragen, neu zu durchdenken. Um einen überzeitlichen geistigen Standpunkt zu gewinnen, in dem der Mensch sich geistig-sittlich wieder verankern kann, weil ohnehin verankert ist. Diese Bändchen sind damit zugleich zu einem Kompendium des geistigen Europa der Gegenwart geworden.

Insofern ist sein Einfluß auf unseren geistigen Raum kaum zu überschätzen, und noch gar nicht absehbar - ohne daß man ihn als Urheber vielleicht je wird groß feiern. Denn er war Katalysator, im Grunde Diener des Wortes, das er freilegte und weiterreichte. Das merkt man gerade in jenen insgesamt 6 Essay-Bänden, in denen er nichts anderes tat als Denker und Geister des Abendlandes zu bestaunen - nie hat man den Eindruck, daß er selbst Stellung bezieht, sich in den Vordergrund drängt, im Gegenteil: immer erfährt man, wie er voller Ehrfurcht versucht, das Gute desjenigen, dem er sich zuwendet, zu bergen, neu zu entdecken, selbst wenn so manches Problematische gerade von dem Besprochenen ausging - das Gemeinsame aller ist unübersehbar, und wertvoll, und braucht gerade deshalb seinen richtigen Platz im Gesamtkosmos unseres Denkens. Immer hat man also den Eindruck, daß er im Hintergrund sagt: hier, nimm, lies, entdecke, staune, wie klein sind wir doch dagegen!

Deshalb sind seine eigentlichen, seine wirklich eigenen Arbeiten, in die hinein er allerdings die ungeheure Menge seiner  Gedankenarbeit destillierte, in den späten Jahren entstanden, in seinen Büchern über Dionysius Aeropagita, in seinem Buch über den Priesterkönig Johannes, mit deren Abschluß er auch mehr oder weniger verstummt ist, mit denen er an die Grenze des von ihm Sagbaren gelangte. Nur mit einem Büchlein über die Heilig Philomena, die Heilige des Humors, ist er noch an die Öffentlichkeit getreten. Kaltenbrunner hat seit 1996 nichts mehr publiziert, sondern sich nur noch in sein Haus, das in Lörrach in Schwaben steht, zurückgezogen - und gelesen. Gedacht, gebetet, und gelesen. Und damals war es auch, als ich zum ersten mal ein Buch von ihm gekauft - und noch lange nicht gelesen (sein Dionysius hat über 1300 Seiten!) - habe. Und erst in den letzten paar Jahren - viel zu spät? - habe ich dann seine übrigen Bücher entdeckt, aber vermutlich nur, weil eben ich nicht früher war.

Aber da war von ihm nichts mehr zu hören. Seine Bücher - vor allem die aus seiner "enzyklopädischen" Phase - gibt es zum größeren Teil nur noch antiquarisch. Zurückgezogen, weil er, wie er in einem seiner letzten Interviews, einem Gespräch mit einem Priester, der ihn besucht hatte, meinte, ihm eines Tages klar geworden sei, daß Gott von ihm persönliche Antwort verlange. Seither lebte er völlig zurückgezogen, ohne Telephon und neuzeitlichen Komfort, ohne jeden Kontakt zur Außenwelt, soweit er über den Horizont seiner Wahlheimat hinausging. Kein Fernsehen, kein Radio, kein Auto, kein Computer, ja nicht einmal eine Türklingel. Täglich ging er zum Postamt, um seine Briefe abzuholen.

Man muß nicht in allem seiner Ansichten sein, man muß nicht in allem für gut heißen, was Kaltenbrunner schrieb und dachte. Aber die Haltung, die Leistung dieses Mannes, dem auch der Verfasser dieser Zeilen viele viele Hinweise verdankt, unter denen so manche Schlüssel sind, die ganze Türfluchten eröffneten, dessen Werke eine fast unerschöpfliche Fundgrube, ein Bergwerk unseres heutigen Denkens sind, kann einen nur respektvoll schweigen, und den Hut ziehen lassen.

R. i. p


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Donnerstag, 19. November 2009

Tabus heutiger Tabulosigkeit

Bereits vor Jahren habe ich in Zusammenhang mit meinen Stücken "Keiner hört auf Harvey", "Wer gewinnt" und "Frauenwahl" von den neuen Tabus der heutigen Tabulosigkeit geschrieben. Und dasselbe meine ich, wenn ich immer wieder von immanentisierter Zensur als neuer Form zeitgemäßen Totalitarismus spreche. Dem insbesonders die Pädagogik heute (schon gar wo sie institutionalisiert ist) so fatal den Boden bereitet, damit gegen alle Beteuerungen, ja dort umso mehr, den heute so subtilen Totalitarismus erst ermöglicht - durch eine Form der Erziehung, die die rationalen Urteilsforen, den Aufbau der Persönlichkeit, insbesonders über Ausschalten der Synderesis ("common sense") zur Schizoidität hin umgeht, und Ideologien über Todesangst (dem Stoßen ins Nichts der realen Existenz über Hörigkeiten dem Sozialstaat gegenüber; man kann es hier nur andeuten) verankert zu auf Tabuisierungen aufbauenden Verhaltensdressuren mutiert.

In exakt dieselbe Kerbe schlägt Gerd-Klaus Kaltenbrunner, in dessen bereits 1978 erschienenen Schrift "Der innere Zensor" ich nun las:

"Enttabuierung erweist sich dem aufmerksamen Beobachter als eine vortreffliche Methode, neue Tabus an die Stelle alter zu setzen. Die Zensur, heißt es, findet nicht statt. Doch möglicherweise bleibt ihr Ausmaß durchaus konstant; es wechseln nur die Mächte, die sie ausüben und die Themen, auf die ihr Schatten fällt."

Und Vilfredo Pareto schreibt um das Jahr 1920: "Es gibt heute eine humanitäre Religion, die den Gedankenausdruck der Menschen reguliert, und wenn sich zufällig einer dem entzieht, dann erscheint er als Ungeheuer, wie jemand im Mittelalter als Ungeheuer erschienen wäre, der die Göttlichkeit Jesu geleugnet hätte."


*191109*

Samstag, 25. April 2009

Eine Art von Engel

Ein Schriftsteller ist eine Art von Engel,
der über den Himmel dahinschweift,
die Erde berührt
und dann heimwärts entschwindet.


(Gert-Klaus Kaltenbrunner)





*250409*