Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Read (Herbert) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Read (Herbert) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 8. April 2010

Erkenntnisrealität Kunst

"Ein römisch-ägyptisches Portrait auf einer Mumienumhüllung ist eine ebenso reale Tatsache wie die zeitgenössischen Sätze von Euklid. Vesal begründete in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Wissenschaft der menschlichen Anatomie; ein Jahrhundert früher aber hatte Jan van Eyck die Seele des Menschen in seinen Portraits zergliedert, und wer könnte sagen, welches die realste Tatsache ist - ein sezierter Leichnam im Spital St. Jean in Brügge oder das Portrait von Margaret von Eyck im Musée Communial derselben Stadt?

Der Wissenschaftler wird geltend machen, daß der Blutkreislauf eine verifizierbare Tatsache ist, was aber ist dann das van-Eyck-Portrait - eine Pseudo-Erklärung, wie der wissenschaftliche Philosoph sagen würde, *ein einen Gefühlszustand ausdrückendes Symbol*? Weshalb nennen wir dann van Eyck *den erschöpfendsten und quälendsten Interpreten der menschlichen Natur*, der jemals gelebt hat (Panofsky)? Der weitestgehende Anspruch, der für die Wissenschaft geltend gemacht werden kann, ist der, daß sie die Geschichte der Natur ist. Der weitestgehende Anspruch, der für die Kunst geltend gemacht werden kann, ist der, daß sie die Schaffung von Natur ist - daß sie eine völlig autonome Welt ins Leben ruft.

Dies ist der extreme Standpunkt von André Malraux; ich für meinen Teil begnüge mich damit, geltend zu machen, daß sie die vorhandene Welt erweitert, sie durch neue Tatsachen, durch Elemente vergrößert, die dem menschlichen Erlebnis Dauer verleihen."

Read greift, wie er sagt, nicht die Wissenschaft an, sondern nur deren heute vorgetragenen "Anspruch, die einzige ausreichende Grundlage der Philosophie zu sein oder mit der Vernunft selbst identisch zu sein."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"




*080410*

Samstag, 3. April 2010

Halbbildung, statt Antwort

"Aber der empirische Status des Kunstwerks ist von unserem technischen Zeitalter, von unseren Herrschern und Erziehern ignoriert worden. Es ist möglich, daß viele von uns erzogen und zu dem Beruf des Lehrers ausersehen und doch des Wissens um eine Hälfte der Wirklichkeit beraubt worden sind: wir sind der Schönheit, die die Wahrheit ist, und der Wahrheit, die die Schönheit ist, beraubt worden.

Es ist natürlich ein Fehler, diese Gefühlsworte zu gebrauchen. Was sie in erkenntnismäßigem Sinn bedeuten, ist, daß wir einer Mitteilungsmöglichkeit beraubt worden sind, einer - um Obbo Baenschs Worte zu gebrauchen - *Geistestätigkeit, durch die wir uns den Weltinhalt zu allgemeingültigem Bewußtsein erheben*.

Es ist uns eine ästhetische Wahrnehmungsmethode versagt worden, deren Funktionen eine Ergänzung zu der logischen Methode der Definition und Verifizierung bilden. Wir können mit dieser Halb-Bildung, diesem Halb-Wissen in einer technischen Zivilisation Erfolg haben.

Welches sind aber die Werte einer technischen Zivilisation? Welche Weisheit hat sie uns zu bieten? Sie hat eine Philosophie, die wissenschaftlich genannt wird, und einer sozialen Organisation entspricht, die funktionell ist; beantwortet aber diese Philosophie jene Fragen, die die Menschheit Jahrhunderte hindurch beunruhigt haben und die noch heute jeden nachdenklichen Mann oder Frau beunruhigen - die [...] einzigen der gedanklichen Auseinandersetzung würdigen Fragen: Warum existiert etwas? Warum existiert nicht nichts? Welche vorhandenen Umstände rechtfertigen die Absurdität weiterzuleben?

Wozu ich noch diese letzte Frage füge: Ist es möglich, daß das Leben nur insoweit einen Sinn erlangt, als der Mensch schöpferisch ist?"


Herbert Read in seinem Schlußplädoyer 
in "Formen des Unbekannten"
 
 
 
 
*030410*

Dienstag, 30. März 2010

Kunstwerk und Kohlenstoff

"Und wenn der Wissenschaftler erklärt, daß die Ordnung, die er in der Natur entdeckt, nicht als Freude bereitend gemeint ist, wogegen der Töpfer, der die Vase schuf, die Absicht gehabt habe, Freude zu bereiten, so würde ich vor allem erwidern, daß der Wissenschaftler nach seinem eigenen Geständnis nicht weiß, ob in der Ordnung der Welt eine Absicht vorhanden ist, und daß die Absicht des Töpfers nicht die war, Freude zu bereiten, sondern eine Vase zu machen, die seinem Instinkt für Ordnung entsprach.

Im Grunde [...] läßt sich kein Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst in Form von Wertsetzungen machen. Das Kunstwerk ist genauso sehr oder genauso wenig ein empirisches Faktum wie die Struktur eines Kohlenstoffmoleküls; die empirischen Fakten der Wissenschaft sind genau so sehr eine Frage der Wahl oder des Zufalls oder der Eingebung wie ein Kunstwerk. Ich weigere mich absolut, den empirischen Status eines Kunstwerkes preiszugeben."



Herbert Read in "Formen des Unbekannten"





*300310*

Donnerstag, 25. März 2010

Mißbrauchte Erziehung

"Ebenso (wie bei einer Wissenschaft, die die Aussagen der Kunst unberücksichtigt läßt, Anm.) ist auch keine Erziehung vollständig, die sich nicht um die Zeugnisse der Kunst kümmert. Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, daß ich gegen eine Erziehung protestierte, die die geistigen Prozesse ignoriert, die zu den bleibendsten Leistungen der Menschheit geführt haben, da eine solche Erziehung keine wahre Erziehung sein kann. Unsere ganze Auffassung der Erziehung ist funktionell geworden, da sie als den jeweiligen Interessen einer sozialen Wirtschaft dienend aufgefaßt wird und nicht als eine Eroberung der Wirklichkeit.

Unsere Erziehung ist nicht einmal Wissenschaft in striktem Sinne, denn sie ist nicht des-interessiert."


[...] Die wissenschaftliche Auffassung von Erziehung wird völlig Wertsetzungen, Wünschen, Zielen untergeordnet - [was Reichenbach] *den Zwang unentrinnbarer Triebe oder die Erwartung einer künftigen Wunschbefriedigung oder das bequeme Behagen unbestrittener Gewohnheiten* nennt. Die Erziehung ist heute ein System, das genau der technischen Organisation unserer Gesellschaft entspricht, und anstatt die enorme Einschränkung, die ein solches System der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit auferlegt, zu empfinden und zu bedauern, sind wir stolz auf die unmenschliche Wirksamkeit einer solchen Maschinerie
."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"
 

Und, in Fortführung der Aussagen: Read konnte sich 1953 gewiß nicht vorstellen, daß es Zeiten geben könnte, wo sogar diese "menschliche Komponente" technisch "reproduziert" und in die Dienste dieses selben utilitaristischen Technizismus gestellt wird.




*250310*

Mittwoch, 24. März 2010

Ort der Entstehung


"Was den Wert eines Kunstwerkes ausmacht ist nicht sein Ausdruck oder die Bejahung von Wünschen oder die Wahl von Zielen, sondern die Tatsache, daß ein wirkliches Objekt existiert, etwas, das aus dem Gefühlsstrom herausgerissen und dazu gebracht worden ist, objektiv zu existieren. Seine Existenz, seine Persistenz ist seine Realität.

In diesem Zusammenhang muß die Geschichte der Kunst mit Max Scheler aufgefaßt werden als *ein sukzessiver Eroberungszug der anschaulichen Welt - der Innen- und Außenwelt - für die mögliche Erfassung, und zwar für eine Art von Erfassung, die keine Wissenschaft je zu geben vermöchte*.

Die Mission aller echten Kunst ist *weder Gegebenes zu reproduzieren (was überflüssig wäre) noch in subjektivem Phantasiespiel etwas zu erschaffen (was ephemer und notwendig für alle andern ganz gleichgültig sein müßte), sondern vorzustoßen in das All der Außenwelt UND der Seele, um hier Objektives und Seiendes sehen und erleben zu machen, was Konvention und Regel bisher verbarg.*

Ich möchte diese Worte Schelers nur in einem Punkte verbessern, denn die objektiven Realitäten der Kunst werden nicht vom Künstler gesehen und daraufhin mitgeteilt:

Sehen ist vielmehr schaffen, und schaffen ist Mitteilung, die objektiven Realitäten kommen im Akte des Schaffens zustande."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"


*240310*