Selbst die bemühtesten "Liberalen", die im Namen der Freiheit eine neue Kultur der Offenheit und des Realitätssinnes einfordern, zeichnen sich durch grandiose Vermeidungsstrategien aus. Sodaß sich die Verschweigungsbilder nur verschoben, aber das Grundthema um nichts verbessert haben. Denn diese angeblich so freie weil "liberale" Gesellschaft - seit langem hat das sogar zu einer Umdeutung geführt, die bemerkenswert ist:
Es geht nicht mehr um Demokratie als Organisationsform unserer Staaten, sondern es geht um "freiheitlich-LIBERALE" Gesellschaften. (Aha. Seit wann?) In deren Erscheinungsbild nun Kriterien eingeschummelt wurden, die expressis verbis in keiner Verfassung vorkommen, die im eigentlichen Sinn auch nirgendwo so zu verstehen sind. "Toleranz" gegenüber diesem und jenem
Und der Umfang der angeblich zu tolerierenden Fakten, die zu ignorieren sind, SOLANGE sie IM NUR PRIVATEN RAHMEN stattfinden, ist beachtlich. Wird aber von einem dramatischen (!) Denk- und Verstehensfehler getragen. Nämlich dem, daß der NUR PRIVATE BEREICH überhaupt nicht nur privat bleiben kann, weil fast alles, was der Mensch "für sich" tut (und sogar was er denkt) durch den Umstand, daß JEDER Mensch in ein hautenges Netz von BEZIEHUNGEN eingewoben ist, GAR NICHT NUR PRIVAT IST.
Es sei denn man würde plötzlich den Zerfall unserer Gesellschaften (mit der begleitenden Frage, welchen Sinn dann noch Demokratie überhaupt haben kann, was ein Parlament denn denn noch abbildet) in unzählige und ständig weitere PARTIALGESELLSCHAFTEN für gutheißen. Das Klagsbild jedenfalls (also das, was in den nach außen getragenen Klagen aufscheint) spricht eine andere Sprache. Ich jedenfalls höre nur die Beschwerde, daß Partialgesellschaften ein immer dramatischeres Problem sind.
Dies bedacht habend, wollen wir mit diesem Schüttelkasten an Gedankenfragmenten wenigstens eine Sache herausgreifen, auf die das alles zutrifft, und das ist das Problem des STRAFVOLLZUGS. Denn daß dieser ein Problem ist, das die Grenze jeder Sinnhaftigkeit längst niedergetreten hat, das wird kaum jemand noch bestreiten. Wobei das Kartell des Schweigens gerade in diesem Punkt bemerkenswert gut funktioniert. Kaum einmal hört man davon. WENN denn doch, dann aber mit roten Ohren und dem Beiton der Katastrophe.
Und die hat zu einem überwiegenden Teil mit der Schwurbelei zu tun, in der eine Strafe der Obrigkeit, die als Gefängnisaufenthalt zu verhängen wäre (zumindest nach unseren Strafgesetzbüchern), aber überhaupt JEDE Obrigkeitsstrafe, bestenfalls zur Abschreckung tauglich sei. Ich jedenfalls habe auch keine Diskussion gehört, in der der Argumentekreis sinnvoll den Rahmen der Abeschreckung verläßt.
DER GRUND LIEGT IM VERLUST DER LEGITIMATION VON STRAFE.
Dabei sind die ERSTEN und grundlegendsten Motive für eine Strafe, in denen auch erst ihre Legitimation läge, keineswegs Abeschreckung oder ein bissel Schutz, sondern SÜHNE und (vor allem) GENUGTUUNG.
Was für eine angeblich christliche Kultur (und spätestens, wenn es um die Frage ISLAM geht, bewegen wir uns auf diesem Terrain, auch wenn das oft ebenfalls schon tunlichst verschwiegen wird) bemerkenswert ist.
Denn Kern- und Angelpunkt der Inkarnationsfrage Gottes (und darum geht es im Christentum) ist DIE GENUGTUUNG FÜR UNSERE SÜNDEN. Und die Frage, wie Gott Vater, also der "Chef im Haus" das sieht, nimmt sich GANZ BESONDERS DER STRAFE AN.
Während das Gegenteil von Strafe, das aber wie die Untat in der Tatebene jedes Menschen liegt, die BELOHNUNG, der Zugewinn durch eine Tat ist.
Weil aber der Mensch die Versöhnung mit Gott aus eigener Kraft (sagen wir) nicht schafft, hat er quasi Gott selbst gebraucht. Damit der im Namen der Geradestellung der innersten Logik des Seins selbst die Sühne (als Austragen des Leids, das aus jeder Verfehlung des Natürlichen als von Gott Geschaffenen erwächst) für uns Menschen übernimmt, und DAMIT auch Gott (als dem Umgebungsrahmen, gewissermaßen, die Umwelt, die Natur, eben fas SEIN, das ja alles umfaßt) gegenüber den Sinn der RACHE übernimmt.
Also übernimmt die Strafe auch die Genugtuung gegenüber dem Geschädigten, oder den für diesen stellvertretend Eintretenden. Und das ist bei jeder Straftat AUCH die Gesellschaft in der Gestalt eines Staates (als Gesetzgeber, was in gewissem Sinn gasr nicht stimmt, aber das lassen wir jetzt.)
Aber jeder Mensch spürt doch (und das ist nicht verwunderlich, denn in JEDEM Menschen als EBENBILD GOTTES spielt sich auch ebenbildlich das innerste Geschehen in Gott selbst ab) bei schlechten Taten, die jemand anderer verbricht (und eben nicht einmal nur direkt an ihm, sondern generell und überhaupt) ein inneres Wollen und Wünschen, dem ÜBELTÄTER einen gewissen Schmerz zuzufügen.
Aber weiterhin sprechen wir von Strafvollzug, obwohl aus unserem Leben und Alltag STRAFE so gut wie verschwunden weil angeblich an sich UNMORALISCH ist.
Ohne zu wissen, daß dieser Schmerz in gewisem Sinn dasselbe Maß haben soll und muß wie jenes Leid, das einem Opfer, einem anderen zugefügt wurde. Man empfindet deshalb auch durchaus so etwas wie Gerechtigkeitsgefühle, ob und wieweit eine verhängte Strafe der Tat ENTSPRICHT. Hier haben wir den Grund dafür.
DAS aber sollten wir zukünftig auf jeden Fall tun, und das Herumqsuatschen um pädagogische Absichten und Zwecke von Strafen einfach einmal beiseite lassen, denn es ist bestenfalls zweitrangig, allermeist aber ohnehin illegitim. Wir sollten einmal darüber sprechen, daß STRAFE ZUALLERERST mit Sühne und Genugtuung DEM OPFER GEGENÜBER zu tun hat.
Denn es ist doch eine grandiose Frechheit, wenn wir den Schmerz des Opfers, das durch die böse Tat eines anderen entstanden ist, einerseits ignorieren, und anderseits vom Opfer verlangen, daß es damit fertigwerden muß. Ohne daß ihm die wirklichen Mechanismen noch zur Verfügung stehen - Rache, Genugtuung - die einer Untat, unter der man leidet, entsprechen.
Schon gar wenn man bedenkt (und jeder Leser möge sich doch eigene Untaten vor Augen führen), daß eine Besserung, also die Pädagogik hinter einem Strafvollzug (und sogar ein Klaps auf die Finger ist ein solcher), also der Schmerz der Strafe die VORAUSSETZUNG ist davon auszugehen, daß im eigenen Sein etwas nicht stimmt. (Und ich spreche hier ganz bewußt und recht deutlich NICHT VON VERHALTEN oder VERHALTENSÄNDERUNG als Sinn.)
ERST DANN können wir auch von einem nächsten elementaren Sinn von Strafe sprechen, und der liegt IN DER VERZEIHUNG, also im gesellschaftlichen FRIEDEN. Und der braucht sie, die Strafe, wie einen Bissen Brot. Verzeihen ohne bemeßbares Leid ist sinnlos! Denn sie hat einen Anfang und ein Ende, hat klare Begrenzungen.
Man verzeiht deshalb auch nicht pauschal alles und jedes, und das vielleicht gleich auch noch für alle Zukunft*, sondern ein klar umrissenes Leid, das einem zugefügt wurde. Und man verzeiht auch keine Tatkategorien, egal, ob eine Untat ein- oder fünfmal begangen wurde.
Und wenn sich diese Ausführungen nun auch schon so lange ziehen, so ist jene Liste noch lange nicht vollständig. Die es zu diskutieren gäbe, BIS WIR die Fragen um unsere Systeme des STRAFVOLLZUGS auf der Ebene diskutieren, auf der sie schon ausschließlich diskutiert werden. Und damit sinnloses Herumkreisen in Wortsalaten sind.
Man möge alleine ein Strafsysstem bedenken, das von Unterbringungsmethoden ausgeht, die von gar nicht wenigen der Straffälligen wie ein Kuraufenthalt empfunden werden müssen. Was alleine einen vorgeblichen Strafvollzug sinnlos macht.
Oder wer wagte es heute noch darüber nachzudenken, ja ZU FORDERN, daß ein Strafsystem den Aspekt der GUTMACHUNG unbedingt berücksichtigen müßte! Was heißt, daß ein STRÄFLING auch etwas an Wertschöpfung zu leisten hätte, sprich: Einer der Grundmängel heutiger Strafvollzugssysteme ist, daß die Häftlinge keinen Beitrag mehr leisten müssen, direkt oder auf Umwegen einen realen Schaden auch real WIEDER GUT ZU MACHEN, also etwas zu arbeiten.
Was noch vor fünfzig, mehr noch hundert Jahren durch einfache Herstellungspraktiken (in Österreich gibt es noch heute für einen Sträfling das Synonym "Sackelpicker". Weil eine der häufgsten Tätigkeiten in Justizvollzugsanstalten das Kleben von einfachen Verpackungstüten, eben das Herstellen von "Sackerln" war. Und noch in der Kindheit des VdZ, also vor rund sechzig Jahren, waren Karrikaturen sehr häufig, wo es einem Häftling entsprach, Bausteine (durch Zerkleinern großer Felsen) herzustellen, also "Steine zu klopfen", einem nächsten Synonym für Justizstrafen.
Und ich bin mir in der moralischen Bewertung nicht sicher, wenn vor Jahren als angeblicher SKANDAL aufkam, daß IKEA (und sicher nicht nur dieser Konzern) einen Gutteil seiner Produkte in Strafanstalten der ehemaligen DDR fertigen ließ. Ein reine Skandal ist das vermutlich nicht. Schon gar weil ganz gewiß eines der größten Probleme unserer Haftanstalten ist, daß die Häftlinge keinerlei Produktivität vollbringen KÖNNEN, nicht nur MÜSSEN.
*Und das kommt im Alltag vor! Vor Jahren hatte der VdZ ein (aus heutiger Sicht höchst bedauerliches) Gespräch mit einem Kranken, der immerhin das Sakrament der Krankensalbung, die sogenannte "Letzte Ölung" verlangt und empfangen hatte. Das in seiner Gesamtkonstellation auch ungeheure Sünden-VERGEBUNGS-Kraft hat. Wenn es auch durchaus lobenswert und gut ist, dieses Sakrament in Krankheit öfter in Anspruch zu nehmen, denn es ist ja auch ein Heilungssakrament, um zu gesunden, so gilt natürlich diese Vergebung nicht für alle ZUKUNFT, die man noch zu leben hat! Dennoch hat das angeblich sogar der das Sakrament spendende Priester behauptet, weshalb mein Gesprächsgegenüber doppelt hartnäckgi von seiner Dummheit überzeugt war.