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Sonntag, 10. Juni 2018

Die Unbekannte ist manchmal die Bessere

Der VdZ gesteht, daß er bei Tschaikowsky nie über die bekanntesten seiner Werke hinausgekommen ist. Klavierkonzert, Violinkonzert, Pathétique, was man halt so hört. So hat er erst in diesen Monaten seine 5. Symphonie entdeckt. Und ist überwältigt, hält sie sogar für schöner als die hochgerühmte 6., die so unglaubliche Pathétique. Zumal die Symphonien für Tschaikowsky sicher eine andere Rolle im Rahmen seines Lebenswerks gespielt haben als bei, sagen wir, Bruckner, Beethoven oder Schubert. In der 5. wollte der Russe möglicherweise nicht so viel persönlich, wie von der darauf folgenden Symphonie. Deshalb ist sie sachlicher, und deshalb kompositorisch interessanter. Die 6. ist dann doch schon zu "perfektgelutscht", weil zu sehr auf eine (äußerst subjektive) Mission hin ausgerichtet. Während die Majestät im 4. Satz der 5. Symphonie wahre Majestät zeigt.

Recht sicher spielten die Symphonien bei Tschaikowsky eine Rolle ähnlich der bei Haydn oder Mozart, denen sie einfach Konkretion, Kristallisationspunkt war, an dem sich immer wieder dasselbe Schöpfungsspiel austanzen konnte. Ohne daß man darin als Kompositor schicksalshaft selbst wird, existentiell eins im anderen, eins fürs andere stehend. Diese existentielle Rolle spielte für Tschaikowsky in seiner Persönlichkeitslandschaft recht sicher seine Ballettmusik, sein Bühnen-, sein Opernschaffen, nicht die anonyme, reduktive Orchestermusik. Er dachte und fühlte bildhafter, fleischlicher.

Auch ein Künstler hat - wie jeder Mensch - Bereiche, an denen er wird, buchstäblich, ja, die er IST, wo dann auch Werk für Leben steht, es sogar ersetzen könnte. Während er mit demselben Vermögen in anderen Bereichen tätig ist, die eher welthafte, mehr oder weniger figurale Aufgaben, sogar durchaus Zwecke haben. Der VdZ fragt sich das manchmal bei Mozart - hatte der einen existentiellen Bereich? Und wo liegt er versteckt?

Der Leser möge sich selbst überzeugen. Erst einmal in dieser Aufführung mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan aus dem Jahre 1971 als Grundlinie. Eine Interpretation, die bestenfalls noch von einem russischen Symphonieorchester überboten werden könnte und in ihrer Nüchternheit (die aber alles andere als Armut heißt) unterstreicht, was der VdZ oben dargestellt hat.






Gleich darauf also vergleiche der Leser mit einer Interpretation des Russischen Staatsorchesters unter Jevegnij Svetlanow. Natürlich, auf eine Weise haben sie, die Russen, den Russen Tschaikowsky "besser verstanden", was hier heißt: sich seiner Intention eingefügt. Sie ist deshalb viel gefühliger, sozusagen, zumindest vordergründiger. Eben - sentimentaler. Karajan "schleift" die Sentimentalität (die in der Musik Tschaikowskys an sich liegt) fast ein wenig "hinterher". Ganz kommt er auch nicht aus, das hat eben mit dem Komponisten zu tun. Vielleicht hat er sich sogar ein wenig ergeben, mag sein. Aber mit der Instrumentierung alleine ist es vermutlich schon entschieden. So wie ein Regisseur die Theaterinszenierung, den Film entscheidet, wenn er die Schauspieler auswählt. Das Kunstwerk entsteht dann aus der Ordnung im geführten Zusammenklang der Wahrheit der einzelnen Instrumente. Selbst der Schnitt wählt dann nur die Momente, wo ein Instrument wahr ist. Und wahr heißt: In Hinordnung auf die Gesamtordnung. Die Komposition. Heißt nicht einfach "virtuos" o.ä.

Oder hat es damit nur mit der Charakteristik eines zweiten Satzes (wo es am deutlichsten wird) zu tun? Sie wissen, da wo sich das Hauptthema verliert, alles sich ins Weltliche herunterspielt, als Gegenpunkt zum Hauptthema sozusagen, Kaleidoskop der Gegenkräfte, von denen sich dann das Reine rein machen und im Finale abklären muß. Dieser Weltlogik - das Wesen der Geschichte - war auch Tschaikowsky verhaftet, keine Frage. Denn das ergibt sich schon aus der Technik. Die Sprache, die Musik als Sprache fordert im Grunde immer die Wahrheit aus ihrem Wesen selbst heraus. Wer schafft muß vor allem hören, gehorsam sein. Das zu durchbrechen haben erst die 12-Ton-Voluntaristen geschafft. Mit welchem Erfolg ... Welcher gesunde Mensch kann das hören?

Ob die Interpretation durch die Russen stärker in der kathartischen Tiefenwirkung ist - dabei ist die 5. sowieso kathartischer als sagen wir die 6., die ja jeder kennt - mag also dahingestellt, ja bezweifelt sein. Der harte musikalische, der sachliche Kern ist in dieser Interpretation eben anders, spielt eine andere, beiläufigere Rolle. Weil er nur "gebraucht" wird. Auf ihn kommt es aber letztlich an. Diesen sachlichen Kern hat Karajan besser herausgeholt. Es genügt, unter uns gesagt, den ersten Satz zu vergleichen, er macht das Gesagte deutlich genug.

Bei aller Eingeschränktheit und Vorbehaltlichkeit, die einer digitalen Wiedergabe beigemessen werden muß. Aber Vinyl-Platten, Riemenplattenspieler und Röhrenverstärker wird der Leser kaum zur Hand haben? Digital ist es halt leider immer schon sehr "eine Kunde von" statt wirkliche Musik.









*170518*

Sonntag, 7. Januar 2018

Hier faßt sich sein Alles zusammen

Über Anton Bruckner an dieser Stelle noch viel zu sagen ist nicht nötig. Es ist alles gesagt. Und wer es bestätigt bekommen möchte - hier ist sein "Te Deum", sein ausdrücklichster, explizitester, direktester Lob Gottes. Vom bekannt sachlich klaren Dirigat Herbert von Karajan zu einem überwältigenden Glanz gebracht. Gespielt von wunderbaren Wiener Philharmonikern im Saal des Wiener Musikvereins, ein Haus, das als Ganzes Klangkörper ist, mit großartigen Solisten, allen voran Agnes Baltsa.

Die der VdZ noch einmal in der Staatsoper erlebte, nicht lange nachdem er nach Wien gekommen war. Das muß also etwa 2001/2002 gewesen sein, als die Baltsa zwar ihren Zenit schon überschritten hatte, aber in bewundernswerter technischer Perfektion, dem letzten Henkel an dem ihre einst goldene Stimme noch gesehen werden konnte und in ihrem Glanz erahnbar blieb, der verkörperten Rolle immer noch alles zu geben vermochte, was sie brauchte. Aber sie wußte, man sah es, sah ihre Größe und Bescheidenheit dabei, daß ihre Zeit für Triumphe vorüber, aber die Zeit für Mitleid, in der man Vergangenes beklatscht, aber Gegenwärtiges überhört, noch nicht da war. Große Künstler sind immer auch große Menschen. Große Menschen werden oft oder gar meist zu Künstlern.

Zurück zum "Te Deum". Wenn man genau zuhört, hört der geneigte Leser gewiß, wie sich hier fast alle Themen Bruckners zusammenfassen. Denn jeder Künstler arbeitet immer nur an einem Werk, und Teilwerke vor seiner Vollendung sind nur Arbeiten an Mosaiksteinen dieses einen Werkes. Hier sind Bruckners Symphonien, hier sind seine Kantaten, hier ist sogar sein Orgelspiel zu hören, zumindest zu ahnen. Angesichts des Themas hat er alles bereits angerissen, wenn auch manches später noch einmal präzisiert, weiter konkretisiert, weiter perfektioniert. 








*201117*

Montag, 1. Januar 2018

Lust auf ein weiteres Kapitel Welt

Wir folgen hier ganz simpel der Tradition unserer Länder. Auch Kulturen haben ihre Festkreise, und sie haben sie mit Recht. Also eröffnen wir den neuen Reigen 2018 wie schon so oft mit dem legendären Neujahrskonzert von 1987 mit den Wiener Philharmonikern unter Herbert von Karajan. Nach einer längeren Nacht, die vielleicht mancher der Leser hinter sich hat, soll das Neue sanft und beschwingt eingleiten - in die richtige Gestimmtheit, die Appetit auf frische Taten aufwecken soll.









*271117*

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Nationalfeiertage sind Feiern der Freiheit

Eine Nationalhymne ist nicht einfach nur willkürliches Symbol, sondern sie ist erst dann Symbol (und erst dann nicht nur Zeichen, was sie zum Instrument einer Ideologie machen würde), wenn sie den Inhalt dahinter erfaßt, das heißt: Einigen kann. Mehr als die offizielle Hymne Österreichs, am heutigen Nationalfeiertag des Landes, in dem der VdZ geboren und aufgewachsen ist, empfindet er deshalb den Radetzky-Marsch als Bezugnahme auf jenes Dahiner, mit derm er sich identifizieren kann, und was ihn somit mit diesem Land eint. 

In ihr lebt nämlich das, was eine Nation bzw. ein Volk kennzeichnen muß, sonst ist es keines: Der Wille zur Freiheit, der mit dem Willen zur Selbstbehauptung zusammenfällt. Wenn es ein österreichisches Volk gibt - und nicht etliche Völker, die sich zu einer Republik zusammengeschlossen haben - dann ist es in dieser allen Österreichern bekannten Hymne zu erkennen.

Warum sollte man Nationalfeiertage "gleichberechtigt" mit religiösen (und privaten) Festen und Anlässen begehen? Weil sie Teil der individuellen Identität, davon gar nicht trennbar sind. In ihnen wird wie in jedem Festtag des Ewige herausgestellt, das den sonstigen Alltag durchwirkt und sogar Welt überhaupt trägt, ob man das weiß, merkt, fühlt oder nicht. Es besteht deshalb sogar eine Pflicht, solche Tage "zu feiern".

Die in seinen Augen nach wie vor beste Interpretation zum Radetzkymarsch lieferte dazu das Neujahrskonzert von 1987 unter Herbert von Karajan mit den Wiener Philharmonikern. Es macht nichts, wenn sich das wiederholt. Es geht ums Prinzip. Und dieses ist sogar ein Prinzip des Wiederholens des Wahren. Als Quelle, aus der sich das Alltägliche nährt. Versiegt diese Quelle, wird das Leben im Alltag nicht freier, wie manche meinen, sondern inhaltsleerer.








*081017*

Samstag, 15. April 2017

Auch wenn es nicht an diesen Tag paßt

(In Ankünpfung an das gestrige Posting über Brahms:) Das aber, werte Leser, ist das wirkliche Werk von Brahms: Das Lied, der Mensch, der Tanz, der Gesang. Und im "Deutsches Requiem" hat er es in seine größte Gestalt gebracht. Es ist zum Tag stimmig, dem Karsamstag, denn es sind immer dieselben Archetypen, Topoi, die der Mensch hat. Und im Tod hat er ebenso neu EIN Topos - den Tod selbst, der in Christi Tod ein für allemal in die Welt kam, als Gestalt.

Und an diesem Tag des Heiligen Todes darf nur einer wie Karajan ans Werk, dem Meister der objektiven Sachlichkeit. Auch wenn es noch lange nicht ... katholisch ist. Denn Brahms ist kein geistlicher Musiker, er reißt Werk und Anlaß auseinander. Vielleicht sollte man also so ein Werk bewußt an einem Mittwoch im Juni hören, bei einem Glas Burgunder oder Blaufränker aus Plattenseerieden, während die Sonne sinkt. Und nicht an einem Karsamstag. Naja. Lassen wir es hier. Aus anderen Gründen. Aber Topos selbst ist noch kein Erweis. Topos ohne Raum, ohne Ort ist tot. Aber die großartigen Stimmen - was für eine Elisabeth Schwarzkopf! - mögen unserem Herren Jesus Christus ins Grab klingen, ein Gruß der Menschheit, der auch wenn sie alles aufbietet, zu dem sie fähig ist, verzweifelt ungenügenden Menschheit, die auf ihren Gott und seine Auferstehung hofft und wartet.

Brahms "Deutsches Requiem" aber ist tief ungeistlich. Und man hört es im Grundton der Verzweiflung, wo menschlicher Wille versucht, das Heil doch noch an sich zu reißen. Insofern, und insofern sogar gut, paßt es an diesen Tag. Als Antithese. Sehr protestantisch. Dem Protestantismus ging im 19. Jhd. endgültig jede Substanz aus, von der er bislang noch gezehrt hatte. Von da an begann sich erst eine eigentliche protestantische "Theologie" zu entwickeln die versuchte, die Brüche in der Logik irgendwie zu kitten, die Luther repräsentierte, ohne deswegen gleich wieder katholisch werden zu müssen. Von ihr gilt nichts anderes als von der Kunst aus dem protestantischen Kulturraum: Wo sie "gut" war, war sie nur eine vorsichtige Ausgrabung des Katholischen als Kulturerbe.

Irgendwie hat deshalb Brahms "Deutsches Requiem" auf den VdfZ immer gewirkt als sei es ein Beitrag zur Gründung eines wirklichen "Deutsch-National-Christentums". Zumal ja sein gesamtes übriges Schaffen ein "Volkstum" als geistige Quelle sucht. Der VdZ hat genug erlebt, wie hiesige Oberschullehrermentalität tat, als sei der Konflikt zwischen Bruckner (bzw. Eduard Hanslick; wiewohl dieser Bruckner schwer kritisierte, vertraten beide dieselben Ansichten) und Brahms der aus heutiger Sicht milde zu belächelnde Streit gewesen, ob man Photo mit "ph" zu schreiben habe oder schon ein "f" zulässig sei. Ist doch alles "tolle Klassik". Nein. Handwerksbeherschung reicht nicht für Kunst. Hier ging und geht es um geistig zutiefst Eingemachtes.










*020417*

Montag, 6. Februar 2017

Die neue Welt

Wer wäre deshalb prädestinierter als der Sachlichkeitsfanatiker Herbert von Karajan, um Dworaks 9. Symphonie (mit dne Wiener Philharmonikern, noch dazu) zu dirigieren? Der Leser möge die Bemerkungen der letzten Tage selbst testieren. Ein Tip: Vergesse der Leser die Bilder. Höre er nur zu. Wenn er direkt im Konzersaal sitzt, ja, dann möge er auch sehen, und dann sieht er viel, das sein Hören sogar erweitert. Aber sonst höre er nur.

Die Bläser in Dworaks letzter Symphonie sind - inspiriert von den Negerblues am Mississippi - wie das Abstoßen von der Alten Welt. Aber wo endet Dworak, zurück in Europa? Er beendete sein gesamtes bisheriges Schaffen - man denke nur an sein unglaubliches "Stabat Mater" - und endete persönlich in einem Schlaganfall. Die Widersprüche gingen nicht mehr zusammen. Und wenn, das ist das Groteske, hätte Dworak in seiner Neunten tatsächlich den Wurzelgrund einer amerikanischen Kultur gesehen und definiert. Aber es kam dort anders. Die Entscheidung fiel etwa Ende der 1920er Jahre zur Unkultur. Dworak nimmt es in der Melancholie seiner letzten Symphonie quasi vorweg. Sie ist deshalb wie der Abgesang an eine nicht gewirklichte Möglichkeit. 1930 begannen die rassistisch-genoziden Anti-Schwarzen-Programme der US-Regierung, die heue und vor allem von den Gutmenschen sogar wie Schwarzen-Protektionsprogramme verkauft werden, und dabei pure Eugenik sind. Irre. Einfach irre.

Und ab dem Beginn des vierten Satzes schaue der gneeigte Leser wieder auf die Bilder, schaue Karajan. Als dirigierte er genaud diesen Abgesang, dieses "Zurück zu Europa". Bernstein könnte das nie so, der würde beim Versprechen der Neuen Welt bleiben, ja es verstärken. Karajan verabschiedet die Mississippikultur, und endet an der Moldau Smetanas, mitten im Dworak. Hollywood hätte es nicht besser machen können.










*020117*

Sonntag, 1. Januar 2017

Glückliches Neues Jahr 2017

Wie könnte es anders sein - zum Neujahrstag muß er her, der Radetzky-Marsch als Stärkung der Lebenskraft des Blutes. Und sei es, um sich nach wilder Nacht neu ins Selbsthafte zu assortieren. Als Aufruf, sich zum Besten wieder zu ordnen, einmal mehr, zum Mann als Wesensbestimmung allen Seins, der Männer im aufrechten Marsch gen die Mächte der Welt, der Frauen als der danach schmachenden und erst dadurch erretteten Spezies. 

Und dazu braucht es natürlich Karajan und die Wiener Philharmoniker. Prosit Neujahr! Und wenn es Ihnen, geneigter, geschätzter Leser aus so manchen Landen - die Zugriffe 2016 auf das Blog waren höchst erfreulich, und so mancher regelmäßige Leser hat sich zugesellt - kalt über den Rücken läuft, gar sich die Haare an den Unterarmen aufstellen, freuen Sie sich. Es wirkt!

Ein frohes, schwungvolles Selbstsein 2017 wünscht von Herzen

Ihr Verfasser dieser Zeilen, 
Ihr VdZ








*141216*

Sonntag, 11. Dezember 2016

Sich vom Traume zur Schönheit erheben

Für Christoph Willibald Gluck war die Oper deshalb höchste Kunstform, weil in ihr die Einheit von Wort, Ton, Stimmung in einen einzigen Sinn am größten war. Der VdZ erlaubt sich, mit dieses Komponisten "Orfeo ed Euridice" seine Lieblingsoper vorzustellen, unter dem überwältigenden Dirigat von Herbert von Karajan, den der VdZ ob seiner fast kalten, sachlichen Strenge ja so verehrt.

Die Aufnahme stammt von den Salzburger Festspielen 1959 - übrigens Festspiele, die bewußt nach dem Ersten Weltkrieg als Quelle der Erneuerung, ja Neuschöpfung Österreichs nach dieser Apokalypse, die es erlebt hatte, geschaffen wurden. Auch hier war den Gründern bewußt, daß es der Kunst bedurfte, um ein Volk wieder zur wahren Lebendigkeit, zum Menschsein zu erheben. Ob das den heutigen Machern dieses internationalen Spektakels - das es NIE hätte sein sollen! es war als ÖSTERREICHISCH, quasi "deutsch-österreichisierend" gegründet! - auch so bewußt ist?

Ach, eine historische Aufnahme noch dazu, hört man manchen stöhnen. Die ist ja "technisch mangelhaft". Werter Herr, ja, Sie, dort in der fünften Reihe mit dem Zeigefinger in der Nase: Genießen Sie es genau deshalb, ja NUR deshalb können Sie eine Tonaufnahme genießen Denn Hören heißt wie jedes sinnliche, wirkliche Erleben SELBST SCHAFFEN. Was sonst als technische Mangelhaftigkeit sollte sie zu sich selbst bringen, sie quasi zwingen, selbst zu schaffen - und damit zum Genießen fast zwingen?

Was leider ja oft völlig verkannt wird ist die Rolle der Virtuosität, die so gerne mit "Kunst" verwechselt wird. Sie spielt generell nur die zweite Geige (Talent "etwas zu tun" ist kein Ausweis für Künstlertum!), und ist überhaupt nicht das erste Kriterium für ein Kunstwerk. Höchstens für Kleinbürger, denen nur Vorlagen und ein vergleichendes "so wie" bleibt. Nein. Wenn es auch im seltenen Idealfall kombiniert, das Künstlertum härteste Auseinandersetzung mit dem Materialen benötigt, ja oft erst über die Zwangsjacke der Technik wie der Geist aus der Flasche aufsteigt, um die reine Weltebene aus Überdruß zu verlassen, so bleibt das erste Kriterium der Kunst die Wahrheit, muß der Künstler das Fenster zum Ewigen sein. Eher also tot, als virtuos, um es auf den Punkt zu bringen.

Nirgendwo spielt das Sterben eine so entscheidende Rolle wie in der Kunst. Maria Callas war keineswegs wegen ihrer musikalisch-technischen Perfektion berühmt. Es war bekannt, daß sie häufig "falsch" sang. Aber "man hört es nicht". Warum? Weil man nur das Wirkliche hört, und das heißt: in sich als Hörender nachschafft, wenn es sich im Außen darbietet. Der Glanz der Callas beruhte auf ihrem Sterben, in dem sie zum Fenster des Wirklichen wurde, das sich den Sinnen gar nicht erst darbietet, das unsichtbar und Geheimnis ist, das sich als inspirierender Same in die Welthaftigkeit senkt. Nicht zufällig brach Maria Callas die Opernkarriere und ein Leben in Glanz und Ruhm ab, und ging ins Kloster. Wahrscheinlich starb sie dort als Heilige, der VdZ hat nichts mehr von ihrem Ende gehört, und typische Hagiographen, die selten Heilige sind, also darum wissen, werden ihr Geheimnis gar nie erkannt, sondern nach irgendwelchen "so wie"-Kriterien umgebrochen haben.  

Aber Mönch, Heiliger und Künstler sind Äquivalente. Erst als immer Sterbender wird er Mensch lebendiger Mensch. Und hier wird die Welt unendlich, gibt es kein irdisches Schicksal mehr, das die Heiligkeit verhindern könnte. ALLES kann zur Heiligkeit gereichen. Selbst das eigene Fehl. "Hochpreiset die Schuld" singt der Diakon im Exsultet Heiligsten der Nächte, der Osternacht ...

Gott sei es deshalb gedankt für jene Unperfektheiten, die eine Kunstdarbietung fast immer hat und haben soll. Hochpreiset die Schuld - sie bewahrt uns vor einer fundamentalen Täuschung im Versinken in den Traum, dem prinzipiellen Verwehren der Teilhabe am Ewigen, die eine Eigenbewegung der Freiheit braucht. Denn die (unbeabsichtigte) Mangelhaftigkeit gewährt jene Distanz, aus der heraus ein Aufgehen wie im Traum - gerade digitale Musik übernimmt die menschliche Interpretation auf dramatische Weise, denn sie geht überhaupt nur in der Programmierung von einem "wie es klingen und damit vom Hörer interpretiert werden soll" aus! - vermieden wird. 

Deshalb hört der wirkliche Kunstgenießer keine technischen Unperfektheiten, sondern nimmt sie als "Weckpunkte", Warnbojen vor dem Absinken in die Untermenschlichkeit. Wenn also, dann unbewußt - weil er weiß, daß er selbst es ist, der singt, spielt, die Musik in sich nachbildet, und DAMIT erst die Wirkung von KUNST erfährt. Nur wer nachschafft, in kaum meßbaren Zeitabständen selbst schafft, den nächsten Ton vorwegnimmt (wieviel an der Kunst ist überhaupt nur deshalb möglich!), nur der hört überhaupt. Der Rest ist Eingemanschtheit, Aufgegangenheit im Traum. Die eines Menschen gar nicht würdig ist, der zur Würde der Freiheit gerufen ist. Denn Menschsein heißt eben gerade: Sich vom Traum zur Welt zu erheben.










Sonntag, 27. März 2016

Festtagstanz

Und immer wieder - Beethovens 7. Symphonie unter Karajan, unter niemandem sonst kommt das an des VdZ Ohr. Der zweite Satz, ein scheinbarer Klangteppich, erhält nur unter ihm jene überwältigende Klarheit, in der sich jede Meereswelle absetzt, mit Schärfe zeichnet, und als Ganzes aufleuchtet. Übrigens ist auch Karajans Beethoven immer ein Herausarbeiten des Ursprungs der Beethovenschen Musik - im Tanz als eigentliche Weltbewegung. Man sieht die Reihen der Männer und Frauen, wie sie sich grüßen, ablösen, ineinander verhängen, trennen, schreiten, stehen, warten, losgehen, hüpfen, sich drehen ...

Der Gang einer Kultur läßt sich an ihren Tänzen ablesen. Einst war Gesellschaftstanz, dann mehr und mehr die Betonung des Paares, darin des Einzelnen, bis zum Zweiertanz, ehe es im heutigen Alleingehüpfe endet. Damit endet Kultur, denn sie kann nur eine Gesamtbewegtheit sein.









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Mittwoch, 23. März 2016

Was hätte aus den USA werden können

Oh Amerika, USA, was hättest du werden können! Hort der Freiheit, Hort der menschlichen Größe ... vertan, verloren, vergeben.

Karajan, wer sonst, bringt die Schärfe der Kontur durch exstreme Sachlichkeit im Detail, und erst damit den Glanz der ganzen Vision. Denn faktisch vorgefunden haben sie weder Dvorak noch Kafka noch ... alle die, die der Legende glaubten weil sie so gerne gewirklicht gesehen hätten, und sie im 19. Jhd. durch Reisen in die USA suchten und ... nicht fanden, enttäuscht wiederkehrten. Und schließlich malten, wie sie sie erträumt hatten. Die Details, das Vorgefundene, Vielfältige der USA aber natürlich dabei verwendten, aber in neuem Horizont - als Ganzes - neu ordneten.

Der VdZ - der selbst noch nie in den USA war - kennt Auswanderungswillige, die voller Mut und Optimismus und Gestaltungswillen hinfuhren, und gleichfalls (also im 20. Jdh.) tief enttäuscht zurückkehrten. Keinen Traum von Freiheit, sondern eine Müllhalde des Barbarischen hatten sie vorgefunden. Dort wollten sie nicht leben. Da war noch die Bedrückung in Europa erträglicher. Die USA ist nur noch für die Schmeißfliegen Europas anziehend. Der Bruch zum Barbarismus geschah im Sezessionskrieg 1862-65, scheint in den 1920er Jahren seine dämonische Gestalt gefunden zu haben, aus der Schwäche, die sich im 1. Weltkrieg manifestiert hatte, und wurde defintiv mit Roosevelt, versiegelt mit der Beseitung Kennedys, als scheinbar Letztem, der diese Weiche überhaupt noch erkannt hatte. Heute ist die USA nur noch wüste Halde, auf dem Weg zu niedrigster Menschheitsstufe. Entwicklungsland in spe. Wer das beobachten möchte, sollte seine Augen auf die USA richten. Alle suchten und suchen eine "Neue Welt" - und alle finden ... die USA.

Es gibt im Netz noch eine gleichwertige, ja fast noch bessere, hier präzisere und dabei dort emotional bewegendere Version unter Masur, aber sie ist technisch mühsam zusammenzukratzen. Deshalb hier - Karajan mit den Wiener Philharmonikern. Karajan hat halt so viel musikalische Kraft, daß dem geübten Hörer irgendwie bald alles nach "Karajan" zu klingen beginnt. Aber mit seiner fast starrsinnigen Präzision und Abstraktion geht man nie wirklich fehl.

Dennoch, oder natürlich auch mit Karajan: Was für ein zweiter Satz! Wer hier weint, muß sich nicht schämem. Er weint um die Schönheit der Menschheit, den Lobpreis der Schöpfung, weint aus Sehnsucht nach in diesem Leben Unerreichbarem. Weint aus Sehnsucht nach dem Späteren und Verheißenen. Weint nach dem Ursprung in Gott. Und lebt gerade daraus auf zur fast schneidenden Kraft des dritten Satzes, die Karajan hier bis zur Schmerzgrenze vortreibt. Jeder Ton jedes Instruments wird hier zur Bewegung, zum Tanz, nicht eine Sekunde ohne Gestalt, und das heißt: Bewegung. Unfaßbar das Ineinandergreifen oft kleiner Melodielinien, man braucht, um es zu begreifen, das Dworak hier geschaffen hat. Man wird unmerkbar gezogen, eines verwirrt sich, das andere aber ist darin bereits vorbereitet. Welt, Vielfalt der Welt, und doch in eines führend.

Es bricht im vierten Satz zu einem Furioso der Utopie auf, wo der Mensch die andrängende Chthonik zwingt (man sieht förmlich den Mississippi, die Ströme und Wälder und Gebirge und reißenden Flüssse Amerikas, man hört den sonoren Singsang des Negers über den Wassern, der originalsten Kulturwurzel, über die Amerika verfügt hätte), das Alles zur Kultur zwingt.

Dworak hat sich hier völlig ins Unendliche verloren, von allem "realismo" gelöst, und er hat recht getan. Der Hörer lasse sich fortreißen in den Strudel des Wunderbaren der menschlichen Größe - der Kultur, diesem emphatischen Chor vor Gott! Der umso wahrnehmbarer wird, als Karajan alles menschliche Selbstwollen im Hörer immer wieder zurückhält, denn das ist seine "Art", wo er den Hörer diszipliniert, bändigt, und so das Erleben noch größer macht, weil überhöht, indem er das Hörerlebnis ins Ereignishafte des Unerwarteten, Staunenden zwingt. Denn nur mit Staunen kann man noch hören. Das zu können macht Karajan zum Priester und Propheten.

So hätte Amerika sein können. Kein Künstler ohne das Wissen um das Ewige, keiner ohne Wissen um das defintiv Schöne, keiner ohne brüllende Sehnsucht danach, und keiner ohne Verzweiflung, es bestenfalls, bestenfalls streifen zu dürfen. Dworak brüllt zu Gott, um eine "Neue Welt". Dann starb er. Gott möge ihm erfüllt haben dieses Brüllen, in dem Dworak alles hingab, um Neues aus den Himmeln zu schütteln. Das Wesen der Kunst ist nicht "realismo", es ist die Suche nach dem Archetypischen. Denn alles Vereinzelte ist nur die Individuation des Allgemeinen der idea in der Ordnung Gottes, und so ist überhaupt Welt. Nur so.

Die Welt ist aus der Musik. Der erste Mensch sang in Versen, und sein Bewegen war der Tanz. Und wir werden es dereinst wieder tun, in der neuen Schöpfung. Auf sie leben wir hin, vergessen wir das nicht. Wir leben auf den Tanz im Singen hin, wo der ganze Kosmos in unendlichem Jubel aufklingt! Glücklich, wer es ahnen darf. Er weiß. So mögen wir hoffnungsvoll sterben.

Deshalb löst sich auch Dworaks Utopie in wirbelndem Tanz auf. Sie ist Endpunkt aus Lösung irdischer Verstrickung, und wird so zum Anfangspunkt einer Neuen Welt.

Das Paradies auf Erden ist nicht erreichbar. Aber kann man Mensch sein, ohne es zu ersehnen? Kann man Mensch sein, ohne es im Gottesdienst, der Heiligen Liturgie, dem vollendesten Kunstwerk, und ahndungsweise in jedem großen Kunstwerk, zu erfahren? Kann der Mensch Mensch sein ohne Utopie? Man muß zur Schönheit aufstehen, auf daß der Kopf ins Ewige rage! Mit wem ist diese Menschheit vergleichbar? Wir haben gespielt, aber ihr habt nicht getanzt. Und ansonsten schenken wir der Utopie jene Milde, die ihr gebührt, und danach erst jene Schärfe, sie sie braucht.









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Jugenderinnerung

Aber was wäre ein Jugenderinnerung der VdZ ohne das Violoinkonzert Beethovens. Hier mit Anne-Sophie Mutter als Solistin, die Herbert von Karajan früh in ihrer Potenz erkannt und gegen manche Widerstände als "seine" Violinsolistin durchgesetzt hatte. Dargebracht im Saal des Hauses des Wiener Musikvereins, ein "Gebäude am Ring", das man im späten 19. Jhd. dezidiert als einen einzigen Klangkörper gebaut hatte. Ein Haus als Resonanzraum der Musik, die in ihm dargeboten wird.

Oh ja, auch wenn manche das nicht gerne hören: Das Wien noch des 18., des 19. und bis zum frühen 20. Jhd. war das Herz und die Schlagader der deutschen Kultur, sofern  man überhaupt von seiner solchen sprechen will. Der unvergleichliche Heimito von Doderer sprach ein einmal so aus: Es gab in Europa des 20. Jhd. nur noch zwei Kulturen, die man als solche überhaupt bezeichnen kann. Das war die englische, und das war die ... Wiener Kultur.

Der VdZ muß heute noch schmunzeln, als seinen Begeisterungsausbrüchen dieser Darbietung gegenüber einmal jemand äußerte: Aber, die Mutter spielt doch völlig falsch?! Herrschaften, um so falsch spielen zu können, muß man sowas von richtig spielen können, wie es jemand, der nicht falsch spielen möchte, ganz sicher nie vermag. Weil man das Handwerk nur benutzt, nicht daran ausrichtet. Weil man einer innersten Linie folgt, wie sie auch den Komponisten bewegt hat. Die erst überhaupt Vereinzeltes hervorbringt. Das macht das Historische, immer Zeitgemäße an der Kunst aus. Nicht die "gleiche" Virtuosität, Hervorbringung. Sondern das "in die Zeit bringen" eines ewigen Impulses. Der in einer historischen Gegenwart immer nur von jenen empfunden werden kann, der nicht vom aufgeregt Vereinzelten der jeweiligen Zeit bewegt wird, sondern sie überwunden hat. Sodaß sie jetzt erst ihm gehört.


Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine und Orchester in D-Dur




Sehr interessant deshalb der Vergleich: Dasselbe Konzert wieder mit Anne-Sophie Mutter als Solistin ... und Herbert von Karajan als Dirigenten, im ersten Teil des Videos in Proben (eigentliches Konzert ab ca. Min. 25). Eine ganz andere Kraft! Karajan bettet die Solistin ganz anders ein, definiert ihre Beziehung zum Orchester anders. Überliefert ist dazu folgende Anekdote: Als Mutter mit diesem Konzert bei Karajan vorspielte, soll er gesagt haben: "Gut, aber kommen sie nächstes Jahr wieder." Mutter tat das. Karajan akzeptierte (und förderte) sie. Kunst braucht mehr als jede Virtuosität persönliche Entwicklung.

Muß eine tief persönliche, klare Stellungnahme sein. Sonst bräuchte es keine Künstler. Mutter sagte später auch, daß es für sie keineswegs eine Zurückweisung gewesen war. Sondern eine Ermunterung. Karajan hatte sie als Künstlerin ernstgenommen, und Künstlertum heißt eben zuallererst: Reifung! Vergleiche dabei der Leser dieses Blog die Brillanz, die gesteigerte Reinheit und Klarheit der Gestalt, die die Violinstimme im Konzert unter Karajan annimmt. Welche Sanftheit des Orchsters, in dieser gigantischen Gesamtpräzision! Der Leser möge lächeln, aber ... es ist in einem Schauspiel, in Filmaufnahmen um nichts anders. Der Schauspieler spielt sich als Primgeige. Der Regisseur ist der Dirigent, der das Ganze im Blick hat.

Der subjektive Gestaltungswille ist es, der den phantastischen Virtuosen im Orchester vom Solisten (oder Führungsschauspieler) unterscheidet. Er ist im Chor, im Orchester unter Umständen sogar ein Versager. Weil er sich nicht in dem Maß einfügen kann, kann, wie der Solist. Es ist ein eigener Kampf jedes Solisten, jedes Führungsspielers, der deshalb zu fechten ist. Denn er führt über die Nicht-Anerkennung.

Und doch, und doch ... beginnt die Kunst erst dort, wo das Materiale hingebungsvoll beherrscht wird. Bis zu dem Punkt, wo Heinz Rühmann einmal so wunderbar sagt: "Ich habe sie damals alle gesehen, die Großen. Aber ich habe auch gesehen: Sie haben alle nur ihre Text gesprochen."









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Donnerstag, 17. März 2016

Jugenderinnerung

Eines der (vielen) Stücke, die damals für den VdZ eine enorme Rolle spielten, war die "Pathetique". Mit nur wenigen Dirigenten erträglich als Musik, will man sich von der sehr leicht ausgelösten (weil ... angelegten, seien wir ehrlich) sentimentalischen Macht dieser Musik (das Grundübel Bernsteins!) nicht überwältigen lassen, will man bei Musik, ja bei Geist bleiben. Deshalb hier: Herbert voi Karajan mit den Wiener Philharmonikern, dem in den Augen des VdZ nach wie vor musikalischesten Klangorganismus der Welt, die gemeinsam aus der Pathetique die hohe Musik herausmeißeln.

Beachte der geneigte Leser und Zuhörer nur den 3. Satz (die Pathetique hat nur vier Sätze), wie leicht und deshalb oft der verschliffen und fast aussagelos wird. Karajan meißelt daraus ein leichtendes Gerüst heraus, das in Rhythmik und Tempo förmlich mitwirbeln macht. Er bildet damit eine wahre Katharsis, macht bereit zum letzten Satz. Macht damit die Pathetique - die Pathetische ... - erst begreifbar. Dafür sei ihm heute noch gedankt. Pathos ohne Distanz ist unerträglich. Sodaß der 4. Satz in seiner wirklichen Tragik erst wahrnehmbar wird. Hier hat der Mensch mit dem Leben gerungen. Es endet - mit dem Tod. Der vierte Satz wird oft mit einem Requiem verglichen. Kaum ein Komponist, kaum ein Künstler, der seinen Tod nicht vorwegahnt. Ja, das Vorwissen um den eigenen Tod gilt vielfach als Ausweis der ... Heiligkeit.

Tschaikowsky meinte zu der Symphonie, er habe seine ganze Seele darein gelegt. Neun Tage nach der Fertigstellung war er tot.

Keine Musik, mit der sich der VdZ über Jahre seiner Jugend so anhaltend identifiziert hatte. Der Hinweis darauf kommt in einem seiner ersten Stücke entsprechend (aber wohl kaum verstanden oder verstehbar) vor.


Peter I. Tschaikowsky
Symphonie Nr. 6 - "Pathetique"







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Montag, 25. Mai 2015

Meisterlich

Zum Vergleich hier die Aufführung der 9. Symphonie Beethovens mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Singverein unter Christian Thielemann, im großen Saal des Wiener Musikvereins, diesem im 19. Jhd. bewußt als Resonanzkörper gebauten Hauses am Ring.

Vollkommenheit, in der sich jeder Teil ins Ganze zu einem neuen Ganzen fügt, und das vielleicht zu selten bei Beethoven Gesehene - seine Anbindung an Musik als Tanz, weil als Weltbewegung, sein Liedhaftes!* - so durchdringend erfahren läßt. Denn das gibt seiner Musik ihre heroische, tiefgeistige Heiterkeit als tragenden Grund, die man aber hören können muß.** (Die wahrzunehmen auch der VdZ lange Jahre brauchte.) Thielemann reißt dabei das Orchester zu einer Höchstleistung, das sonst gerne einmal etwas "ein-wienert", weil es um seine objektive Qualität ohnehin weiß. Die es hier aber wieder einmal zeigt, die sogar in der Digitalisierung noch erahnbar ist.

Hören Sie hier aber den Tanz der Menschheit? Spüren sie, wie die rhythmische Strenge zur Freiheit der Freude als wahre Heiterkeit wird? Sehen Sie im Schlußsatz die in der himmlischen Erlöstheit wirbelnden, im Tanz schreitenden Paare, Männer in ihren schwarzen Jacken mit goldenen Knöpfen, Frauen in ihren roten Röcken, die das Drehen zu Glocken formt, Völker, die sich vor dem großen Finale noch einmal in höchster Spannung im Gebet sammeln, um dann endgültig, vereint mit dem Chor der Engel, die man mitzuspüren meint, freigeworden von aller Erdenschwere loszustürmen ins Licht, in das sie die Schöpfung mitreißen.

Beethoven mußte es in Stufen aufbauen, in diesem fast 50minüten letzten Satz immer wieder zurückgreifen, um Luft zu holen, um eins ums andere nachzuziehen, was der Zuhörer je zurücklassen mußte, bis er ganz in seiner Spitze des Universalen versammelt ist, denn unerfaßbar wäre sonst die finale Wucht, die menschliche Schale wäre zu klein. Das Wesen des Dramas!






*Als Hörempfehlung erlaubt sich der VdZ die Beethoven-Klaviersonaten in der (schon etwas älteren) Interpretation von Friedrich Gulda zu nennen. Denn meist werden gerade diese Werke überfrachtet mit einer Sentimentalität, die dem Werk gar nicht gerecht, aber von vielen im Rahmen eines unerträglich romantisierten Geniebegriffs als "schön" mißverstanden wird. Das hat auch der VdZ erst bei Gulda begriffen. Denn der zeigt einen ganz anderen Beethoven, einen Tanz- und Liedermacher, an den man viel mehr glauben kann, wenn man das einmal herausgehört hat. Es verläßt einen nicht mehr. Plötzlich erhellt sich nämlich dieser Komponist, als würde er von diesem bedrückenden Gefühlsmuff befreit, und seine Musik wird damit erst wirkliches Gefühl und Geist.

**Der VdZ sieht Thielemann in einer Reihe mit Böhm, Furtwängler, vor allem aber Karajan bei Beethoven-Werken, auch wenn er an Beethoven wieder ganz Anderes sehen läßt. Man höre aber des letzteren (späte) Interpretation von Beethovens 7. Symphonie, v. a. im 2. Satz (ab min. 11,47) - die Symphonie als ein einziger volkstümlicher Tanz.  

Was die Völker (und ihre Musik) unterscheidet, was sie, was den Einzelnen, der immer Teil eines Volkes ist, kennzeichnet, ist im Tanz erkennbar und damit mitteilbar, anderen nachfühlbar geworden. Denn Menschsein heißt zuerst: Rhythmus, Bewegungsgestalt zu sein und daran wie darin zur Menschengestalt werden. Die Welt IST Rythmus.








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Freitag, 18. Oktober 2013

Verlegene Verlogenheit

Kaum aber ein Musikstück erscheint dem Verfasser dieser Zeilen so verlogen, wie Dvorak's 9. Symphonie "Aus der neuen Welt". Dvorak, der selbst aus Amerika zurückkam, wohin er zuerst auswandern wollte, aber dann bekennen mußte, restlos enttäuscht zu sein, überhöht damit das von ihm faktisch Gesehen ins Epische. Und das mißlingt. 

Es wird ein eindrucksvolles Musikstück, gewiß, das aber aus europäischer Überformung lebt, die die Wirklichkeit, die Dvorak erlebt hat, überhöht, irrealisiert. Dieses Amerika der Hoffnung und Zukunft gibt es nicht. 

In seiner 9. Symphonie schafft sich Dvorak eine Welt, die er erhofft und erträumt hatte, die aber nicht passiert ist. (3. Satz!) Er nimmt also auf, was er gesehen hat, bis hin zu den Negroe-Spirituals am Mississippi, aber er selber hat alledem, nachdem er es erlebt hat, keine Zukunftskraft beigemessen. Er hätte sie nur gerne gehabt. Das ergibt diese Ähnlichkeit im Gestus zur "Moldau" von Smetana, der die Geschichte des Flusses als Symbol für eine neu aufbrechende Zukunft erzählte. Dworak wollte das, was dem tschechischen Volk im Willen brannte. Er wollte es sehr. Und so hat er das Idealbild des (nie so erlebten) Amerika in eine Utopie für eine neue, utopische Tschechei umgemünzt.








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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Nur er schafft das

Es gibt nur eine Interpretation der 7. Symphonie Beethovens, die der Verfasser dieser Zeilen anerkennen kann - die von Karajan, das Orchester ist dabei egal. Nur er schafft es, den 2. Satz, das Kriterium dieser Symphonie, so präzise, so "gnadenlos klar" zu leiten, daß dessen Kraft erfahrbar wird. Die schon bei nur wenig sentimentaler Auslegung unerträglich verschwimmt.





Vergleiche der geneigte Leser dazu die Interpretation unter dem Juden (Zitat Wikipedia*) Fritz Reiner. An sich könnte man meinen: gut. Aber eine andere Welt. Reiner's Version, die dem Motiv einer österreichischen Volksmusik möglicherweise auf den ersten Eindruck "nahekommt" - kommt ihm nahe, indem er genau das sentimentalisiert. Also einer Vorstellung der Wirkung entspricht, und diese "produziert". Damit kommt er in gewisser Weise dem Geschmack - nein, der Erwartungs- und (dem Vergangenen entnommenen) Vorstellungswelt - des Publikums näher. Aber das verweigert Karajan. Merkmal des Künstlers - gegenüber dem unkünstlerischen Virtuosen.

Vergleichen Sie einfach. 2. Satz etwa ab Minute 14:40







*Gerade in diesen Tagen läuft in Wien das Festival des Jüdischen Films. Und einer der Beiträge dazu - Sraia, unter der Regie von Marcel Demner - zeigt ihn ... in der Rolle eines jüdischen Patriarchen. Übrigens: In der Sprechweise des jiddisch-english.





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