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Sonntag, 6. Februar 2022

Ein vielseitig anwendbares Modell

Alexander Solschenizyn schreibt im (ich glaube) zweiten Band seines "Archipel Gulag", daß das Ende der Arbeitslager der Sowjetunion, das der Ära Chruschtschow folgte, gar nicht so sehr eine Frage neu einkehrender Menschlichkeit war. So wurde es zwar verkauft, gewiß, immerhin ging es um die Rechtfertigung eines Schicksals, das JEDEN ZEHNTEN BÜRGER der Sowjetunion direkt betraf. So viele Millionen waren auf Frist oder bis zum Lebensende in solchen Lagern gewesen, oder dort dann verschwunden. Und ALLE Sowjetbürger lebten mit der ständigen Angst, weil der Machtapparat unberechenbar war. 

Auch geht es in diesem Punkt nicht darum, daß diese Lager eine wahrlich seltsame gesellschaftliche Einrichtung waren, weil hier jeweils subjektive Haßmotive und menschliche Niedrigkeiten eine gewissermaßen legitimierte Ableitungseinrichtung (Siehe Anmerkung*) geschaffen hatten.

Nein. Worum es uns hier geht ist der unterschätzte Punkt, daß diese Lager, in denen die Insaßen zu Sklaven wurden, deren Arbeitskraft man bis zum letzten Funken Leben auspreßte, zu Verlustgeschäften wurden. Wie man es auch aus dem amerikanischen Sklavenbetrieb weiß, bringt der Einsatz von Sklaven nichts, wenn man nicht gleichzeitig dafür sort, daß diese Sklaven ein relativ gutes Leben eführen konnten. Ein Leben, das ihnen auch die Lust, Leistung zu bringen, nicht raubte.

Dienstag, 23. November 2010

Schreckensrechnung

Und so rechnete die SS-Totenkopf bei ihrem Vernichtungsgeschäft:

Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer eines Häftlings von 3/4 Jahren und einem täglichen Verleihlohn von rd. 6 Reichsmark mußten 60 Pfg. für Verpflegung und 10 Pfg. für Bekleidungsamortisation abgezogen werden. Dafür blieb dann Zahngold, blieben Privatkleidererlöse, hinterlassene Wertsachen und Geld, abzüglich wiederum die Verbrennungskosten von durchschnittlich 2 RM.

Damit ergab sich ein Nettogewinn je Leiche von rund 200 RM, der freilich manchmal in die Tausende ging, sodaß die SS selbst in ihren Unterlagen von einem durchschnittlichen Gewinn je Häftling in diesen 9 Monaten von 1.630 RM ausging.

Aus diesen gigantischen Erlösen finanzierte sich die SS, die auch schon deshalb eifersüchtigst darüber wachte, daß ihr keine andere Organisation des Reiches mit eigenen Lägern etc. das Geschäft streitig machte. Die einst ausgezogen war, die "Zinsknechtschaft zu brechen" und die Menschheit vom "Fluch des Goldes" zu befreien. Und zu einem System nackter Habgier wurde, das das Tarnnetz des Geheimnisses um sich spannte - und wohl genau wußte, warum. Begünstigt durch das Organisationschaos, das der tief korrupte Hitlerstaat nämlich war.

Wen die SS einmal zu "verwerten" angefangen hatte, den gab sie auch nicht mehr heraus. So geheim hielt sie ihr System, das sich zum "Staat im Staat" auswuchs, daß nicht einmal die Gestapo ohne Sondergenehmigung - und die wurde so gut wie nie erteilt - ein KZ betreten durfte. Ja, die Gestapo wußte meist nicht einmal, was in den KZs wirklich passierte!

Kogon schreibt, daß die meist als Fangfragen mißverstandenen Verhörfragen bei aus KZs Entlassenen, wie es denn dort gewesen sei, tatsächlich Neugierfragen gewesen waren.

(Datenquelle: Eugen Kogon, "Der SS-Staat - Das System der Konzentrationslager")

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Montag, 22. November 2010

Es geht um Bewußtheit?

Für die Ziele der SS war Wissen, Bildung, nicht erforderlich, sondern Bewußtsein, schreibt Eugen Kogon: Herrenbewußtsein, Elitebewußtsein (selbst innerhalb der NSDAP), Prätorianerbewußtsein, Freund-Feind-Bewußtsein.

Es wird immer verführerischer, das SS-System als Schema heutiger Verhältnisse, heutiger als "normal" akzptierter Verhältnisse, zu sehen. Das aber ganz andere Personengruppen als Täter einsetzt, als heute (gerade von diesen - und das alleine drängt ob seiner Verdächtigkeit zum Ansetzen genannter These) in verleumderischer Absicht anzuprangern versucht wird. "Haltet den Dieb, er läuft mit meinem Messer im Rücken davon!"

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Samstag, 20. November 2010

Abfahrt zur Hölle

Mit dem Auftrag, eine SS-Totenkopf-Truppe zu schaffen, den Himmler 1933 an Eicke gab, wurde  einer Psychodynamik Raum gegeben, die sehr viel allgemein Gültiges enthält und illustriert, dabei aber in ihrer dämonischen Perfektion von keinem Menschen ausgedacht war, sondern aus einer Reihe von "Zufällen" erwuchs:

Eicke erhielt nämlich keinerlei finanzielle Mittel, um diese Elitetruppe zu bilden, er mußte sie gänzlich selbst finanzieren. Und er schaffte dies durch den Zusammenfall mit dem Röhm-Putsch, der der SA nicht nur ihre politische Bedeutung nahm, sondern auch: die Konzentrationslager. Diese Lager wurden die Ausbildungsstätten der SS-Totenkopf-Verbände, und die Ausbeutung der Lagerinsassen zum wirtschaftlichen Konzept. Eicke bewältige die Aufgabe also "glänzend".

Das Personal selber rekrutierte Eicke aus den Zu-kurz-Gekommenen, und dazu gehörten auch sehr viele Österreicher, die überproportional vertreten waren, aber auch Zuwanderer, "Ideologieflüchtlinge" aus dem Balkan oder aus dem Baltikum. Menschen, und Heimatlose, die jeden sozialen Halt unter den Füßen verloren hatten. Zu diesen Fremdenlegionären kamen später vorwiegend Soldaten, die von der Front genug hatten, sich drückten (die SS-Verwendungstruppen hatten horrende Verluste), oder ausreichende Grausamkeitserfahrungen gemacht hatten - also wieder die Schlechtesten.

(Nicht viel anders wurde ein Gutteil von SD und Gestapo besetzt, deren "Treue" und "Verschworenheit" häufig durch Straftaten "bewiesen"  bzw. durch ausreichende soziale Deklassiertheit "gesund unterbaut" wurde - sie sollten "keinen Rückweg" mehr haben. Denn: sogar die Bezahlung in den unteren Dienststellen war miserabel. Es ging aber nicht um gesund urteilenden Verstand, sondern um Gesinnungstüchtigkeit und Exekutivtreue. Kogon schreibt, daß deshalb sogar die wirklichen Idealisten, selten aber doch auch sittlich höherstehend, wenn auch irregeleitet, bald die Augen nicht mehr verschließen konnten, oft genug verzweifelten, oder gar den Tod suchten. 1944, meint Kogon, gab es ganz sicher keinen wirklich überzeugten SS-Idealisten mehr an der Front.)

Sie, die oft genug alle Achtung vorenthalten bekommen hatten, lernten, daß der Dienst, dem sie allen Aufstieg, alle Achtung, allen Respekt verdankten, das Niedertreten des eigenen Gewissens (das freilich nie wirklich zum Schweigen zu bringen ist, weil es eine Gesamtwirkung der Seinsbewegungen ist) verlangte - konkret als "Überwinden des Inneren Schweinehundes" irreleitend mißdeutet. Die eigentliche Gewissenstimme wurde so zum wirklichen Feind, der sie von ihrem Leben als Helden, denen das Glück des Reiches, der Gemeinschaft, auf besondere Weise überantwortet war, abzuhalten versuchte.

Diese nunmehr besonders eingeschworene Menschen also trafen nun in den Lagern auf exakt jene, die der Mythus, dem die SS-Männer sich unbedingt verschworen hatten, als die Schuldigen genau an ihrer Lage identifizierte, oder mit "Verlierern" (Zigeuner, Homosexuelle, etc.), denen gegenüber sie sich nun profilieren konnten, denn sie hatten es "geschafft".

Dazu kam noch, daß viele Mitglieder dieser Verwendungstruppen genau jenen Idealen gar nicht entsprachen, die sie zu erkämpfen oder zu verteidigen vorgaben - überdurchschnittlich viele waren z. B. unehelich (damals noch weithin ein Makel) geboren und aufgewachsen, also ohne diese langen, arischen Stammbäume. Was den Ehrgeiz weiter anfachte, umso hochprozentiger zu entsprechen. Überdurchschnittlich waren ferner soziale Gruppen wie Studienabbrecher oder gescheiterte Volksschullehrer (sic!) vertreten, die sich durch besondere Überheblichkeit ob ihrer "Intellektualität" auszeichneten.

Und das mit dem dunkelen seelischen Untergrund des schlechten Gewissens, das nach Entlastung schrie.

Und unter anderem zu einem seltsamen Belobigungssystem führte: der Kommandant von Buchenwald, Koch, sagte in Nürnberg aus, daß er immer nur belobigt, in höchsten Tönen gepriesen, nie auch nur geprüft worden war. Was immer er auch vorschlug - es wurde umgesetzt. Bis er größenwahnsinnig wurde.

Sich mit dieser SS auseinanderzusetzen ist die verblüffend klare Auseinandersetzung mit dem Problem und der Psychologie der Minderwertigkeitsgefühle.

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(Sonst war die SS als "Eliteverein" und damit oft anders gelagert, schreibt Eugen Kogon in "Der SS-Staat - Das System der Konzentrationslager", diesem schrecklichen Buch, das jahrzehntelang gar nicht mehr aufgelegt wurde, weil man nicht weiß, wie man mit solchem Schrecken, von dem man hier liest, umgehen soll. Viele , schreibt Kogon, zahlten auch lediglich ihre Mitgliedsbeiträge, um sich der Allgemeinen SS als Karriereleiter zu bedienen - und fanden sich nicht selten wider alle Absicht ab 1939 mitten im Verhängnis, an dem "die SS" beteiligt war. Die zudem von ihrer Art her selektiv-elitär wirkte. Schon die Notwendigkeit, sich die SS-Uniform auf eigene Kosten maßschneidern! zu lassen schuf Abstand.)

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Montag, 18. Oktober 2010

Höppas

Ein interessanter Leitsatz, den sich die SS seinerzeit voransetzte: "Die Fehler der Justiz müssen korrigiert werden."

 
*181010*