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Sonntag, 25. September 2022

Selbst-Denken muß man lernen (2)

Denken muß man lernen. Das Lernen braucht einen Lehrer - Diesen Umgang mit dem Denken aber "hat" man nicht einfach. Das hieße ja, daß man selbst bereits "vollkommen heilig" wäre - und das ist außer bei Maria, der Mutter Jesu, und Jesus selbst garantiert nicht der Fall. Es muß vielmehr gelernt werden! 

Die ersten Lehrer sind gewiß die nach Wahrheit strebenden Eltern, aber darüber hiansu gibt es dann mehr und mehr Personen, die dem Heranwachsenden über '"Sympathie" (die u. a. eine gewisse Wesensverwandtschaft, eine wechselseitiges Wohlwollen als Wollen des Gutes des anderen zeigt) die aber keineswegs einfach "gefühlig" sein muß; auch der geachtete andere wird zum Lehrer, auch wenn ich den nciht unbedingt mit liebenen Gefühlen überschütte)  

Aber man muß dieses Denken lernen, darum geht es. Und diese Erkenntnis findet sich heute auf das Allermerkwürdigste vergessen oder sogar verweigert. Nachgerade zum Gegenteil gilt es als Wert und Errungenschaft, "unabhängig" denken gelernt zu haben, und unabhängig, also autonom zu denken. Das Ergebnis ist ein Desaster der Haltlosigkeiten.

Samstag, 24. September 2022

Selbst-Denken muß man lernen (1)

Seit Jahren widmet Wiliam M. Briggs die sonntägliche Kolumne der "Summa contra gentiles" von Thomas von Aquin. Dabei bringt er einfach jedesmal ein Kapitel, und geht so an der hand von Thomas die Denklandschaft unserer Zeit durch. Denn wer da glaubt, wir lebten in originellen Zeiten, der irrt gewaltig. Zeiten wie die unsere, die sich nicht mehr denken können, die die Welt nicht mehr dneken klnnen, sind vielmehr zum Epigonentum gezwungen. Das heißt, daß sie einfach alte, teils uralte Irrtümer wieder aufgreifen, und an deren Irrwegen selbst in dei Irre gehen. 

Was Thomas vor 750 Jahren geleistet hat is tnichts anders, als sich mit den Denklandschaften seiner Zeit auseianerzusetzen. So hat er die gesamte öffentliche Meinung und das, was auch in den Wissenschaften (soweit sie sich bereits artikuliert haben) und Philosophien gedacht worden ist, nach strenger Denksystematik analysiert - und richtiggestellt.

Montag, 20. April 2020

Bibliothek

ie individuelle Entfaltung muß immer in einem Einklang mit dem Schwingen der Umgebung gesehen werden, in der jemand lebt und steht. Der er sich aber vor allem zugehörig und teilhaftig sieht. Das führt in praktisch jedem Einzelfall zu der Situation, daß zumindest in Teilen jemand ein Außen von sich (sic!) erlebt, das nicht der höchsten Möglichkeit (die immer eine einsame Möglichkeit ist) entspricht, die erreichbar wäre und erreicht werden muß. Denn letztendlich muß jeder Mensch sein Lebensziel in einer nur ihm erreichbaren Spitze begreifen.
So kommt es - bei diesem mehr, bei jenem weniger - daß es Orte braucht, in denen eine Rollenfestlegung so gering ist, die so "neutral" sind, daß diese noch unerfüllte Möglichkeit jene Luft zum Atmen bekommt, die sie für einem neuen Anlauf brauchen, um dargestellt zu werden. Und zwar als Gestalt in der vollen Umwelt eines Menschen. Das ist eine Lebensaufgabe.
Eine Lebensaufgabe, die aber nur IN DER WELT - als Welt - möglich ist. Der Mensch drängt immer zur Welt. Ja, Leben ist ein Drängen zur Schöpfung von Welt durch Selbstrepräsentanz.  Dazu braucht es Regenerationsstellen, Depots der Ausrüstung, jeweils der Charakteristik der historischen Welt zugepaßt.
Solche Orte sind Bibliotheken, die immer in Hochständen von Kultur entstehen, und diese regelmäßig überdauern. Weil in ihnen der Kontakt mit Menschen möglich ist, die quer zur historischen Zeit stehen, die mehr oder weniger ewig und doch in der Welt - also Welt - sind.

Weil ihr Geist aus aller Zeit herausgehoben noch eine real wahrnehmbare Stimme hat. Wer sich in solche Räume begibt, die zwischen allen Zeiten schweben, geschichtslos sind und sein müssen, sieht sich in einem Chor der Menschheit. Und mit jedem Griff zu einem Buch wendet sich der Autor einem zu, und der Dialog beginnt ... als reale, menschliche Beziehung, wo die Wahrheit als Dritter im Bunde mit in der Runde steht.

eshalb ist auch die Gestaltung von Bibliotheken als Dom, als Kirche, als Gebäude der Universalität, so richtig. Auf geistiger Ebene ist hier die Gesamtheit der Welt präsent, und wirkt zum einen unter Menschen fort, leitet an, erinnert, liebt fort, und erhebt zum anderen die Stimme hinein in den Lobpreis der Engel vor Gott. Zu dem jedes Buch ein Fenster (wenn nicht ein Tor) öffnet.





*040420*

Dienstag, 24. Dezember 2019

Eine Weihnachtsgeschichte

 Damit den Kindern die Zeit des Wartens aufs Christkind nicht gar zu lang wird.
 
Karl Heinrich Waggerl

"Worüber das Christkind lächeln mußte"

gelesen von Eberhard Wagner





Freitag, 5. Juli 2019

Welt und Liturgie: Raum durch Schall

Wer über Liturgie und deren Entwicklung spricht, denkt meist in großen Gestaltwürfen, zergliedert die körperlichen Bewegungen, die Riten, die gesetzten Gesten. Und er diskutiert über theologische Inhalte in Texten oder über geistige Konsequenzen architektonischer Räume. Eine Frage bleibt aber immer unerwähnt. Dabei ist sie so entscheidend, daß man es als verräterisch sehen muß, daß sie in der Regel wegbleibt. Und das ist die Frage der Raumbeschallung.

Selbst Verteidiger Alter Riten ignorieren das Thema. Und selbst wer den sogenannten "vorkonziliaren Ritus" (vulgo "Alte Messe") pflegt oder besucht, bedient sich scham- und gedankenlos einer Tontechnik, in der der liturgische Raum bis in die letzten Winkel in Dolby-Surround-Qualität beschallt wird. Damit löst man den Raum auf.

Man kann ja die Kritik der Veränderungen im Kult der römischen Katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanum auf einen Punkt reduzieren. Als fehlende, verlorene Ausrichtung auf Gott. Es ist ein völlig verändertes Rezeptionsverhalten dem Geschehen gegenüber, das in Selbstoffenbarung des Transzendentalen und Vergegenwärtigung des eigentlichen Erlösungsgeschehens die Gemeinschaft der Getauften - die Kirche - in das Opfer Jesu Christi hineinnimmt, und somit stellvertretend für die Menschen diese in das innertrinitarische Leben eingliedert, sofern die Menschen in Christus sein und bleiben wollen. Der heutige am katholischen Kult teilnehmende Mensch - und das ist die wesentlichste Veränderung, die durchgesetzt wurde - nimmt an diesem Geschehen nicht mehr in erwartender, distanzierter Haltung teil, sondern er wird animiert, diese Erlösung quasi "selbst" durchzuführen. Diese mißverstandene "participatio actuosa" kann deshalb als subjektivistische Wende bezeichnet werden, und sie ist Dreh- und Angelpunkt auch der sogenannten Pastoral. Der Mensch muß sich als Empfangenden begreifen, weil er nur in dieser Haltung an Jesus Christus teilhat. Und dazu muß er sich an Christus orientieren, auf ihn hin ausrichten.

Wenn wir es bei diesen kurzen Hinweisen belassen, dann aus dem Grund, daß der Schall in der Frage der Orientierung und damit jedes Ortswissen nicht nur eine herausragende, sondern die entscheidende Rolle spielt. Und Schall ist die erste Manifestation von Wort, und damit von Sinn. Es ist Grundlage des Denkens (weit über die bloße Rationalität hinaus, die selbst wieder auf einer vorausliegenden Erfahrungsqualität beruht), und es ist die Grundlage des Geistes, ja ist das Material des Geistes. Gerade der katholische Kult ist sogar in seinem innersten Kern eine Realwerdung als Erlösungsgeschehen über das Wort.

Aber anders als die Optik, anders als der Sehsinn, der auf ein vorausgehendes geistiges Interpretat angewiesen ist - ohne Wort, ohne Geist sieht der Mensch buchstäblich nichts - dem oft eine fast ausschließliche Bedeutung beigemessen wird, anders auch als der Geruchssinn, der im Weihrauch oder dem Geruch des Bienenwachses, auch anders als der reine Tastsinn, ist, bei aller Verbundenheit der Sinne, in der alle miteinander verschränkt sind, ist somit das Gehör der entscheidende Schlüssel auf das, was geschehen macht, einerseits, und die Orientierung darauf zu zur Gestalt macht. Und es ist somit entscheidend für das Erfahren der grundsätzlichen Qualität eines Geschehens, und damit für das Urteil, die Haltung diesem Geschehen gegenüber - die Rede ist also vom Raum als erste und umfassendste Orientierung und Realisierung. 

Jenen Raum, der das Wesen der Gestalten erkennen läßt, weil Raum durch Beziehung entsteht und sich erst über Beziehung als geistige Qualität erschließt. Jeder kann es selbst erfahren, daß das Hin-Hören auf etwas mit einer inneren Haltung der Aufnahmebereitschaft einhergeht. Der Mensch beugt sich sogar vor, wenn er etwas genau hören will, und damit versetzt er sich in eine hohe Aufnahmebereitschaft. Es hat somit größte Bedeutung, daß ein Wort nicht nur erklingt, sondern daß der Hörende mit diesem Wort, mit diesem Ton, mit diesem Schall auch den Ort rezipiert, von dem dieser Ton und dieses Wort ausgeht.

Mit einer Beschallung der Kulträume aber nimmt man dem anwesenden Teilnehmer genau das. Der Ton, der Schall, die Musik, das Wort, das er hört, wird ortlos. Es umgibt ihn zur Gänze, und versetzt ihn damit in einen Zustand der Raum- und damit Beziehungslosigkeit zum Geschehen, nach dem er sich nicht einmal mehr ausstrecken muß, weil es im Übermaß zu ihm herkommt und jedes Raumgefühl auflöst. Damit löst es aber auch die körperlich erfahrbare Beziehung zum Gehörten auf. Genau das, was also prinzipiell notwendig ist, um am Erlösungsgeschehen, das im Heiligen Raum durch den Priester in persona Christi vollzogen wird, teilzunehmen - die Orientierung! - wird damit ausgelöscht.

Jede Veränderung von Architekturen, jede Veränderung im Ritus ist unter diesem Blickwinkel gesehen ... deshalb zweitrangig. Weil die erste Orientierung der Gläubigen, die an dem Erlösungsgeschehen teilhaben wollen, über den durch Raumerfahrung verorteten Schall geschieht. Er bestimmt das erste Verhältnis zum Quell des Tones, der Liturgie. Schlimm genug sind die Volksaltäre, ist die durch sie bewirkte veränderte Grundaussage. Schlimm genug sind die veränderten (im Wesentlichen aufgelösten, verdunsteten) Riten selbst. Aber all das bleibt noch weitgehend potentiell und nicht aktualisiert, wenn das Gehör die Grundorientierung vorgibt - als Ausrichten auf das Geschehen selbst. Das sogar durch die Dichotomie Kult/Worte und Volksgesang eine architektonisch bedingte Grundbestimmung ergibt, in der sich der Teilnehmende (das Volk) vorfindet. 

Wenn man all die sonstigen architektonischen Veränderungen zu Recht kritisieren kann, die noch bedeutender einzuschätzen sind als die Veränderung in den Riten selbst (die so gesehen sogar relativ gering ausgefallen sind), die Raum brauchen und damit der Erkenntnis Beziehungen darreichen, so ist insgesamt die unselige Entwicklung in der Tatsache festzumachen, daß sie immer raumloser wurde. Real aber wird etwas immer erst IM Raum und DURCH den Raum. Sämtliche Veränderungen der Liturgiereform sind als Auflösung von Raum charakterisierbar. Sämtliche Entwicklungen, die man als Auflösung unserer Kultur bezeichnet, sind ... Probleme des Schalls. 

Das Übel setzte an, als Schall zum akustisch-technischen Problem, und Hören zur ins Subjektive eingeschlossenen Ästhetik wurde.

ABER diese Entwicklung hat bereits Jahrzehnte zuvor begonnen, und zwar ganz real. Sie hat in dem Moment begonnen, wo man begann, in den Kulträumen Tonanlagen einzubauen, Verstärkeranlagen zu installieren, Mikrophone zu verwenden, und damit den Raum als erlebbare, formende Größe aufzulösen. Damit haben wir durch eine technische Entwicklung unsere Religion protestantisiert, das heißt: spiritualisiert und entkernt. Und die Erlebensqualität zur psycho-genetischen (also aus der Psyche entstehenden weil hervorzubringenden) Frage gemacht, und damit das Wort ins Rationalistische ausgetrocknet.

Am Beginn stand nicht einfach nur der logos. Am Beginn, werte Herrschaften, stand ... der Ton. Denn er ist die Gestalt des Wortes, und erst DAMIT Welt und Schöpfung. In ihm liegt alles, liegt das Wesen der Welt, das eine Entelechie des Wortes, des logos ist. Im Wort, im Ton wurde somit auch die erste Grundkonstellation ("Himmel und Erde") zur Weltqualität. Als Gott sprach - sprach! - es werde Licht, war dieses Licht deshalb zugleich der Schall, der Ton, den er ausbrachte, weil er damit die Scheidung von Himmel und Erde zur Welt machte. Daraus ist dann alles weitere hervorgegangen, auf ihm hat alles weitere aufgebaut, und was immer später kam - es zielte auf diese erste Konstellation ab. 

Was die Antike noch sehr gut wußte, wofür die Tempel bis hin zu den Pharaonen und ihren Pyramiden Zeugnis ablegen, ist bei uns offenbar in Vergessenheit geraten. Daß nämlich die Architektur die erste und alles weitere umfassende Kunst ist. Und damit hängt in seinem tiefsten Wesen zusammen, daß die Rhetorik der Antike die erste, einzige, umfassendste Bildungs- weil Formungsquelle war. Denn der Ton als innerste Qualität des Wortes - die Musik erzählt es doch ganz deutlich! - ist die erste Ikone des logos. Denn der Ton ist das (fast bzw. zum Teil sogar) sakramentale Symbol jener Urbilder, denen gemäß die gesamte Welt als Beziehungsraum erst zur Welt wurde.

Und auf dem Schall baut deshalb auch die Liturgie, der Kult auf. Er erfüllt weil erschafft im Hörbaren alle weiteren Riten, er tut es durch die Offenbarung von Raum, und damit auch von jenem Ort, an dem Gott uns hingestellt hat, und der unser Ort ist, an dem und durch den wir uns heiligen sollen. Wenn wir aber die Kulträume durch den künstlich verbreiteten Schall ent-räumen, entziehen wir allem weiteren Erkennen den Boden, und nehmen dem Menschen die Grunderfahrung der Welt, die Ort ist. 

Wenn wir die Kirchen also wieder "ent-schallen", das heißt alle diese das Erkennen so überschüttenden, stumm und stumpf machenden Verstärkeranlagen wieder entfernen, werden wir ein wahres Wunder an Wieder-Aufkeimen des Glaubenssinnes erleben, dessen kann man sicher sein. Es ist kein Sekundärproblem - es ist das erste Grundproblem der Ent-Religiosierung der Menschen, die wir erleben. Und auf ihm bauen sämtliche weiteren, sogar die kulturellen/zivilisatorischen Probleme auf, die sämtlich im Umgang mit dem Ton als raumschaffende Wirklichkeit begonnen haben - in einem veränderten Umgang mit dem Medium Wort, dem im Still-Lesen erstmals der Schall und damit die Wirklichkeit des Wortes genommen wurde.





Freitag, 2. Februar 2018

Und eine letzte Weihnachtsgeschichte

Karl Heinrich Waggerl

Aus dem Erzählkreis "Und es begab sich" - der hiermit vollständig ist - die Geschichte:

Der Tanz des Räubers Horrificus

Gelesen von Eberhard Wagner












*030118*

Sonntag, 7. Januar 2018

Eine nächste Weihnachtsgeschichte

Karl Heinrich Waggerl

Aus "Und es begab sich" die Geschichte:

Der störrische Esel und die süße Distel

Gelesen von Eberhard Wagner












*030118*

Dienstag, 26. Dezember 2017

Eine Geschichte für den 2. Weihnachtstag

Karl Heinrich Waggerl

"Wie der kranke Vogel geheilt wurde"


Gelesen von Eberhard Wagner










*091217*

Montag, 25. Dezember 2017

Eine Geschichte für den 1. Weihnachtstag

Karl Heinrich Waggerl

"Wozu die Liebe den Hirtenknaben veranlaßte"



Gelesen von Eberhard Wagner (2017)










*091217*

Sonntag, 24. Dezember 2017

Eine Weihnachtsgeschichte

 Damit den Kindern die Zeit des Wartens aufs Christkind nicht gar zu lang wird.
 
Karl Heinrich Waggerl

"Worüber das Christkind lächeln mußte"

gelesen von Eberhard Wagner







*081217*

Samstag, 14. Januar 2017

Das Buch als Lied der Welt

Zu lesen ist immer ein Hören. Und es ist das Hören einer Melodie, eines Liedes, und damit der Art der Musik, die der Autor von sich gab. Denn jeder Mensch und Autor ist eine eigene Melodie, ist ein eigener Stil von Musik, die nur er auf diese Weise hervorbringen kann. Deshalb ist die Form des Buches ein so hoher kultureller Wert, weil sich dieser Musiker in einer Art probiert, in der er die ganze Welt darzustellen versucht. Was die Literatur natürlich zuallererst und am reinsten betrifft, gilt nur wenig geringer für sogenannte "Sachbücher", Sachliteratur, sie hat nur einen anderen Gegenstand als Objektbezogenheit. 

Deshalb läßt sich auch im Lesen zeigen und erfahren, daß es Menschen, Personen sind, die uns prägen und reifen lassen. Deshalb liest der VdZ immer "Autoren", deren Bücher mehr oder weniger umfassende Lieder sind. Denn es geht um die Art und Weise, an die Welt heranzugehen, die schließlich auch bestimmte Aspekte der Welt vor Augen bringt. Und es ist diese je individuelle Art und Weise, die erst diese Aspekte aufblitzen läßt, und zu der man sich dann verhält. Es ist das Hören einer Melodie, einer Art zu singen, um die es geht.

Es mag im Einzelfall legitim sein, ein Buch zu lesen, weil man "wissen will wie etwas ist", als Einstieg, wie etwas sein könnte, als erster Schritt sozusagen. Dieser Aspekt spielt immer eine gewisse Rolle. Aber es kann natürlich niemals genügen, und er ist ohne personales Gegenüber im Autor überhaupt fruchtlos. 

Vielmehr braucht man die Bereitschaft, sich über die Zeit, die als Faktor des Lesens eine kaum zu überschätzende Rolle spielt, die eine bestimmte Lektüre braucht (und für die Lektüre selbst von hoher Bedeutung ist), vom Gesang eines Sängers - und die Literatur hat sich immer und überall aus dem Barden, dem Sänger entwickelt (der in den Eltern, dem Vorlesen, dem Erzählen seine erste, ja weltbegründende Manifestation findet) - verführen zu lassen. 

Mit dem man sich über die Dauer der Lektüre ein Stelldichein gibt. Herausgetreten aus der Welt - in der Muße zurückgezogen (wie es im Feierabend, im Feiertag, in der Feierstunde als Allgemeingut einer Gesellschaft deshalb konstitutiv für eine Kultur ist). Um zu erleben, was weil vor allem wie (kein was ohne wie, ja das wie ist oft das meiste was) diese Person, dieser Autor zu singen hatte, zu sehen, was diese Art zu singen mit einem macht, und dann zu verobjektivieren, es wieder "ins Regal zurückzustellen", bereichert um eine neue Melodie, die man nun in sich trägt, "kennt" - und kein Kennen ohne Liebe, keine Liebe ohne Kennen. Das ist erst jene Kenntnis, aus der sich Welt (als Kultur) aufbauen läßt, denn Welt ist geistige Gestaltdynamik, Spannung, Rhythmus, Melodie, Symphonie, Hymnus und Lied. 

Nur in dieser Interpersonalität kann man überhaupt auch von Information sprechen, denn Information braucht nicht nur einen Datengeber, sondern braucht den Empfänger, der es als Information erkennt, und das ist nur dadurch möglich, daß man die Melodie des Sängers "auch" in sich trägt oder getragen hat, also aus der Erinnerung - und das ist der Großteil dessen, was wir in uns tragen: Erinnerung - heraus rekonstruieren kann, "versteht", und dazu eine Haltung (als Signum einer Verortung) einnimmt.

Und so ist die Art, auf die sich heutige Verschriftlichung immer mehr reduziert hat, nicht die "Steigerung von Informationsprozessen", sondern das genaue Gegenteil - der unermeßliche Verlust von Information (will man es mit diesem Terminus bemessen) weil Reduktion der Erinnerung, die nur noch von bereits bestehenden Bezügen leben kann, also nicht "weiter" wird (damit: das genaue Gegenteil dessen, was man vom Internet sagt, das nämlich nicht oder so gut wie nicht erweitert, sondern reduziert, selbst bei dem, der bereits hohe, breite Bildung hat, wenn er nicht acht gibt)*. 

Die meist aus der Unfähigkeit stammt, gehorsam zu sein. Die immer aus der Angst stammt, sich dem Lied zu überantworten, und zwar für eine gewisse (geschützte) Zeit, sodaß Erkenntnis, Bildung durchaus mit dem Essensvorgang verglichen werden kann, ja muß.**

Dann aber, dann wird jedes Buch - wenn es denn auch Buch ist, also: gut ist - zu einer Bereicherung. Wird jeder Gang durch eine Bibliothek das Gespräch mit jenen oft lange schon verstorbenen, aber in ihren Melodien immer noch präsente Personen. Wird der schweifende Blick über die Bücherrücken zu einem Eintauchen in einen Chor der Stimmen, mit denen man in Dialog getreten ist. sieht man nicht mehr Titel und Aufdrucke, sondern hier bescheidene, stille, zarte Anerbitten, dort laute und mahnende Anrufe von Personen, die sich zu einem Chor der Welt vereinen.




*Der Schaden, den der Enzyklopädismus der Aufklärung - wie er heute praktisch vom Internet repräsentiert wird - hervorgerufen ist liegt weniger im Irrtum, Welt in Ration ganz fassen zu können, sondern darin, daß er verwischt hat, daß jede Kenntnisbringung wie Kenntnisnahme zuallererst ein interpersonaler Vorgang, das Zuneigen von Gestalten (Personen) ist. Die wie in der Bibel (und nur dort) das Universale, Absolute, die Wahrheit selbst ist. Der Hegelsche auf die Rationalität reduzierte, aber (als weltimmanenter Gott; Hegel konnte das eigentliche Schöpferische nicht mehr erklären, es kommt heute auch nur noch als Zufall oder irrationale Willkür vor) damit kastrierte "Weltgeist" ist die logische Folge.

**Sodaß der immer weiter sich ausbreitende Vegetarismus (oder gar Veganismus) als klares Symptom der Entgeistigung gesehen werden muß. Denn gerade im Fleisch, und hier in Stufen bis zum Rindfleisch, einer der höchsten Fleischformen (was sich in der Haltbarkeit ausdrückt, und in der Nahrhaftigkeit wiederfindet), findet sich in Analogie auch gesteigerter Weltgehalt. Hängt die "Verträglichkeit" (bis hin zu Allergien) sogar aufweisbar mit Persönlichkeit zusammen.






*081216*

Dienstag, 14. Oktober 2014

Versinkende Kulturarchive

"Sie werden immer weniger, die Privatbibliotheken," meinte einmal ein Antiquar zum VdZ. "Wenn es viel ist, bin ich in der Woche noch ein oder zwei mal zur Besichtigung einer Bibliothek eingeladen, bzw. soll sie schätzen, um sie zu kaufen. Vor 30 Jahren bin ich täglich mehrmals unterwegs gewesen, aus demselben Zweck. Da hatte noch jeder Bürger seine Bücher, und kam man zu einem mit akademischen Weihen, konnte man mit ganzen Bibliotheken rechnen, die er im Laufe seines Lebens angelegt hatte. Wenn der verstarb, kam für die Hinterbliebenen oft sogar das Problem der Zusammenlegung von Bibliotheken, also mußte man einen Teil oder alles verkaufen. Wenn man heute zu jungen Menschen hinkommt, und dabei sind akademische Tiel so häufig wie noch nie, fragt man sich: Wo haben die ihre Bücher versteckt? Wenn es hoch kommt, steht irgendwo ein Regal mit ein paar Taschenbüchern. Von denen sie gerade einmal die gelesen haben, die sie fürs Studium unbedingt gebraucht haben. Aber die kauft man nicht. Einen Markt für häufige oder alltägliche Bücher gibt es nicht mehr. Wobei auch Kenner-Käufer immer rarer werden."

Es gibt in Wien Kooperativen von Antiquaren, die gemeinsam riesige Lager mit hunderttausenden Büchern unterhalten. Aber sie sind kaum noch verkäuflich, meist nur noch übers Internet, und auch hier fallen die Preise (für Alltagsware überhaupt) ins Bodenlose, sodaß sich auch eine digitale Aufbereitung für Internet-Verkauf nicht mehr lohnt. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Zahl der Antiquariate, die Verkaufsläden unterhalten, um 80 % reduziert. Die Käufer "schöner Einbände" sind den Verbliebenen oft letzte Stütze der Existenz.

Warum die verbliebenen weitermachen? Einige wenige leben von den Lagen ihrer Lokale, etwa neben Gerichten, wo Rechtsanwälte oder Richter vorbeikommen, die auch noch etwas mehr Geld für spezielle Ausgaben oder seltene Bücher ausgeben. Der Rest? Lebt oft gar nur vom Idealismus. Einer jener meinte einmal: "Ich sehe mir einen Kulturauftrag, auch wenn es so wenig geschätzt wird. Aus Gewinnsucht mache ich das sicher nicht." 

Wobei das Wissen mancher Antiquare über Geschichte und Rang von Büchern, Auflagen, oder die kulturgeschichtliche Bedeutung und Entwicklung von Verlagen beeindruckend ist.

Buchhändler (und Verleger) war aber immer ein Beruf, den man nicht aus Gewinnsucht betrieb. Gewinn war bestenfalls notwendig. Sondern weil man die Menschen, die Kultur liebte. Liest man Julien Green's Tagebücher (der Franko-Amerikaner Green, der übrigens in Klagenfurt begraben ist, hat selbst eine Bibliothek angesammelt, die gegen sein Lebensende an die 13.000 Bände enthielt), erhält man einen Eindruck, was "bouquinistes" einmal geleistet haben. Denn die waren - und nicht selten war ihr Laden nicht größer als der Handkarren, mit dem sie irgendwo Aufstellung nahmen - nicht einfach "Verkäufer", Buchhändler mit Geschäftsplänen, die waren geistesgeschichtliche Archive in Person. Lasen meist selbst in Permanenz. Kannten Bücher, Autoren, geistige Linien, Entwicklungen. Man ging nicht in eine Buchhandlung - man ging zu einem Buchhändler. Green erzählt nicht nur einmal von tiefsinnigen Gesprächen, und Empfehlungen, die er so erhielt und ihn weiterbrachten. Sie haben das geistige Klima der Stadt und des Landes mit gestaltet.


Aus einer Verkaufsanzeige auf willhaben.at - Photorechte also privat



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Freitag, 11. Januar 2013

Präsenz des Wortes

Der Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort ist weit höher, als er nominalen, abstrakten Inhalten entsprechen könnte, schreibt Walter Ong SJ in "The Presence of the Wort". Anthropologisch eindeutig ist, daß das gesprochene Wort eine Präsenz hat, die gar keinen Vergleich mit Geschriebenem möglich macht. Das ja nur auf Gesprochenes referiert.

Verlagert auf die visuelle Ebene, wird, analog zum Aufbau des Sehvorgangs, dessen Inhalte in ganz anderem Maß als Gehörtes von der Interpretation abhängen, das Gelesene inhaltlich vom Leser interpretiert. Er überschreitet also mit Lektüre seinen eigenen Horizont kaum bis gar nicht. Das Gesprochene trägt aber die Eigenschaften der Person des Sprechers mit sich, die Situation, den Raum. Es schafft damit real Gegenwart, weil es über die Zeit hinaushebt, auch hier: anders als das Geschriebene. Ohne Raum und Zeit aber kann sakrale Begegnung gar nicht stattfinden, zeigt Mircea Eliade. Denn das Göttliche steht über Raum und Zeit, bewohnt sie. 

Geschriebenes unterliegt Raum und Zeit, bezieht sich auf Vergangenes. Es macht das Wort zum Objekt, ist vergleichbar, ja muß verglichen werden. Und sie haben einen deutlich geringeren Realitätsgrad als Gesprochenes. Schrift hat lediglich höhere Dauer in der Zeit, was sie sogar mitbegründet hat - als Zeugnis, als Erinnerungshilfe.

Ein Hörvorgang ergreift den Hörer, wandelt ihn. Er vermittelt nicht nur Gegenwart und Aktualität oder Dringlichkeit, sondern in ihm wird damit ein Inhalt vermittelt, den die Schrift gar nicht fassen kann. Theoretisch würde ein Leser ohne Rückgriff auf bereits Gehörtes, ohne (stillen) inneren Sprechvorgang beim Lesen, gar nichts verstehen von dem, was er an Zeichen vor sich sieht.

Der Psychologe J. C. Carothers schreibt in "Culture, Psychiatry and the Written Word", daß deshalb nur wenige Menschen Kommunikationsprobleme haben, wenn sie sich im Sprechen ausdrücken. Sie werden relativ leicht verstanden. Anders aber im Schreiben. Die Schrift transportiert nur wenig vom Verfasser, und bringt deutlich weniger Verständnis, weil der Leser immer eher nach seinen eigenen Vorurteilen und auf der Grundlage seiner Verstehensbasis urteilt.* Das wird nur im Maß der "excellency" des Schreibers etwas besser. Die Kraft des Gesprochenen als Kommunikationsmittel ist unvergleichlich höher, als sie Schrift je erreicht. Wir vergessen allzu leicht, wie wenig die Schrift von dem aufnehmen kann, was das Sprechen zu vermitteln vermag. So daß die Fähigkeit, reale Situationen mündlich zu meistern, die der schriftlichen Bewältigung bei weitem übersteigt. 

Gerade die Technisierung der Abläufe - in der Wirtschaft zeigt es sich deutlich - und das Ansteigen nach Dokumentation (in der Schriftlichkeit) hat die Notwendigkeit mündlicher Konferenzen und Besprechung nicht nur nicht abgeschafft, sondern technische Durchdringung läßt (und ließ nachweisbar) Besprechungen sprunghaft ansteigen. Die sich oft sogar nur damit befassen, schriftliche Dokumente zu klären, die Verwirrung angestiftet haben. Dokumente, Briefe, können kaum mehr als Fußnoten und Bestätigungen zu vis-a-vis-mündlichen Besprechungsinhalten darstellen. 

Jeder kann ja versuchen, ein Gespräch schriftlich wiederzugeben - er wird feststellen, wie schwierig, ja unmöglich das ist. Vielmehr macht es eine Redaktion notwendig, und damit eine Änderung des gesprochenen Wortes, um Inhalte - je nach Verständnishorizont und Ordnungsfähigkeit des Schreibers! - auszudrücken. Ohne vorgefaßten Sinn kann man ja überhaupt nicht schreiben. Die Schrift kann aber nicht fassen, kann gar nicht ausdrücken, was alles in der mündlichen Rede vor sich ging. Und sie hat eigene Regeln, die nur mehr oder weniger annähernd das Gesagte einfangen können. Geschriebenes ist also auch nur von jenen mehr oder weniger gut zu entziffern, die auch diese Regeln adäquat in Gesprochenes umdeuten können. Im Maß, wie der Entzifferer "gut" reden kann.

Einer der Gründe dafür, schreibt Ong weiter, ist, daß das gesprochene Wort Teil einer Aktualität ist, und seine wirkliche Bedeutung sich nur aus dem Kontext einer Situation ergibt. Dieser kaum eingrenzbare, faßbare Kontext ist in einem Gespräch zum Beispiel automatisch da, und alle Sinne sind beteiligt im Liefern von Qualitäten, die direkt mit der Aussage zu tun haben. In der Schriftlichkeit muß der Leser sich alles die Situation des Schreibenden betreffend vorstellen, und es zusätzlich inhaltlich umsetzen, und beides kann er nur in seinem Maß. Die sinnliche Wirklichkeit des Schrifttextes ist bereits anderes, als die als Hörender, und sie ist eine neue und weitere Aussage. Denn es ist zu berücksichtigen, daß die Situation des Lesens selbst bereits ein Kontext IST, der sich auf die Bedeutung auswirkt. 

Im Lesen fehlt die Innerlichkeit des Sprechenden, obliegt der Vorstellungswelt des Lesers.** Im Hören wird diese Innerlichkeit ja schon alleine über die Stimme sehr umfassend mitgeliefert.*** Das Sehen muß das Objekt aufbrechen, um es zu durchschauen. Das Hören aber hört es aus sich, als Ganzes, und in seiner Qualität. An der Entwicklung des Hörens (nicht im selben Maß bei den anderen Sinnen!), in der Innerlichkeit des Hörgeschehens, läßt sich sogar die intelligente Stufe eines Lebewesens ablesen - je höher und von Zentralität (das entscheidende Merkmal von Organismen) bestimmt und durchwirkt es ist, desto innerlicher ist sein Hören, und desto näher kommt es menschlicher Intelligenz. Den tiefsten Punkt von Innerlichkeit, parallel dazu, verortet der Mensch in seiner Geistigkeit, die das bloße Denken noch einmal übersteigt.





*Der Verfasser dieser Zeilen hat bereits mehrmals hier darüber gehandelt, wie lächerlich es ist, die heute bei über 50 Prozent der Grundschulabgänger auftretende Unfähigkeit, sinnerfassend und -zusammenhängend zu lesen, als Mangel von "Lesetrainings" etc. der Schule anzulasten. Ja, es liegt nicht einmal daran, daß "zuwenig gelesen" wird. Rein quantitativ ist nämlich das Gegenteil der Fall: noch nie wurde so viel gelesen, wie heute. Ja, das ist sogar Teil der Krankheit. Lesen und Verstehen ist keine Frage technischer Schriftbeherrschung. Bestens trainierte Fähigkeit, Buchstaben in Worte und Sätze zu transferieren (=Lesen), kann sogar gefährlich das Sprechen entleeren. Lesen ist aber eine Frage der Persönlichkeit. Aus der Erfahrung seines Lebens heraus meint der Verfasser dieser Zeilen sogar, daß man es heute bereits mit über 90 Prozent dysfunktionalem Analphabetismus zu tun hat. Nur wenige Menschen trifft man, denen ausreichend zuzutrauen ist, daß Ihr schriftlicher Ausdruck auch das transportiert, was sie wirklich meinen. Die Höhe einer Kultur oder "Bildung" aus dem Fehlen von Analphabetismus ableiten zu wollen ist einfach dumm.

In dieselbe Kerbe schlägt das Problem des Rechnens, das jüngste Erhebungen ergeben haben, und das in der Presse mit "Jeder zweite Schüler kann nicht rechnen" beschlagzeilt wurde. Jeder sechste Vierzehnjährige kann nicht einmal einfache Grundrechnungen durchführen. Besonders unter Migranten ist der Anteil besonders hoch. Das läßt auf zwei Ursachen schließen - die Lehrmethoden beziehungsweise Zustand und Stellung der Schule, und den kulturellen Zustand. Ohne in Details zu gehen, läßt sich ein Grundzug annehmen, der in eine Grundthese der Kulturkritik läuft.

Rechnen ist ja keineswegs ein abstrakter Vorgang, sondern fußt in einer unmittelbaren Kraft zur Vorstellung von Dinglichkeiten. Ja, überhaupt im Grundverhältnis zu den Dingen. Wem die Dinge verschwinden, der kann nicht mehr rechnen, weil ihm geistig die Dinge/Einheiten entgleiten. Das einzige was verwundert ist, daß diese so deutlichen Symptome, die unter anderem auf den Medienkonsum verweisen, niemand in ihren Wurzeln erkennt. Keine Methode der Welt vermag wirklich "rechnen" zu lehren, wenn das Verhältnis zu "Eins" sowie seinen Bezügen - Zwei, Drei, etc. - , dem Ding also, nicht distinkt ist, auf das alle übrigen Zahlen und Rechenoperationen aufbauen. Wer die Beziehungen zu den Dingen abschafft, indem er sie orts- und zeitlos macht, löst auch die Vorstellung auf, die im Erleben der Welt gründet - die Geometrie. Dann greifen nur noch voluntaristische, positivistische Gedankenabläufe, und sie sind typische Erscheinungen fehlender Kultursubstanz, der Entwurzelung. Die Konstruiertheit braucht, um noch "etwas" zu sein. 

Nur Ort und Zeit läßt erleben, und insofern erkennen. Arithmetik bezieht sich auf die Geometrie. Nur aus der Kraft zu Dinglichkeit kann sich auch Rechnen bilden. Wem die Dinge innerlich - in Emotion, aus Mangel an Kraft zur Dinglichkeit, aus Mangel an Dingen - verschwimmen, kann mit ihnen nicht spielen, sie in kein Verhältnis setzen. Wenn die Welt ihre Ordnung nicht mehr repräsentiert, werden die Dinge nicht mehr erfahrbar. 

**Aus der Erfahrung mit dem Sprechen selbst hat der Verfasser dieser Zeilen die Gewißheit gewonnen, daß Stimme, Sprache NIE lügen können. Es liegt nur am Hörenden, das herauszuhören beziehungsweise sich dessen bewußt zu werden. Wie anders im Schreiben, im Lesen. Nichts ist so leicht zu belügen, wie ein lesendes Publikum. Wenn Simone Weil die Abschaffung der Parteien verlangt, so hat das genau diesen Hintergrund: Ein wirkliches Bild von einem Mandatar kann sich ein Wähler fast nur im direkten Gegenüber bilden. Was nicht heißt, daß nicht gerade mit dieser Tatsache erst recht gelogen werden kann. Indem andere Mechanismen eingesetzt werden, die die Interpretation, die hörende Wahrnehmung blenden. Hitler war schon deshalb den meisten Kandidaten überlegen, weil er per Flugzeug - schon das eine Aussage die der Stimmung der damaligen Zeit voll entsprach: In ihrer Faszination von Modernem, der Gier nach Neuem - die gewaltige Anzahl von Vorwahlversammlungen besuchte. Alle diese Versammlungen aber waren perfekt inszenierte Massensuggestionen, die die Wahrnehmung des Redners bereits vorgaben, und die Hitler eben in die Augen hoben, die nur Oberflächen sehen. Zuhörer, die sich nicht beeinflussen ließen, die genau zugehört hatten, wandten sich - als Phänomen ist das bezeugt - rasch von ihm ab. Ein Zuhörer am 13. März 1938 am Wiener Heldenplatz hat dem Verfasser dieser Zeilen erzählt, wie er Hitler aus wirklichem Interesse genau zugehört habe. Sein Urteil war augenblicklich klar: ein Wahnsinniger. Hitler gab es nur inszeniert. NIE "entspannt", gelassen, als "er selbst". Er war nie er selbst, alles war "Rolle" und Interpretationszwang auf den Wahrnehmenden, der in eine schizoide Situation geriet. Hitler-Anhänger ähneln deshalb frappierend Mißbrauchsopfern, nicht weniger als ein großer Teil der heutigen Österreicher, die zu ihrem Mißbrauch ja zustimmen.

***Häufig findet man die These, daß deshalb die audiellen Medien dieses Hören ersetzen könnten. Das ist ein tragischer Irrtum! Richtig daran ist nur, daß sie der Sehnsucht nach Gehörtem entsprechen. Sie sind nicht nur eine völlig andere Situation, und damit Aussage, sondern über die technische Weiterentwicklung zur Elektronik wurde der sinnliche Inhalt eines Gesprochenen immer mehr verkürzt, und nicht nur das, er ist - über den Programmierer, der entscheidet, WAS WIE erfaßt und transformiert wird - bereits in höchstem Maß interpretiert. Zwischen altem Röhrenradio oder mechanischem Plattenspieler und digitalem mp3-Player besteht also nicht einfach ein quantitativer, sondern ein prinzipieller Unterschied. Das gleiche gilt sinngemäß vom Wandel der Photographie, von analog zu digital. Das digitale Kino oder Fernsehen bringt sich selbst um. Darüber ein andermal. 





*110313*

Donnerstag, 22. November 2012

Zusammenhänge

Das deutsche Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat die Leistungen von Viertklasslern an deutschen Grundschulen in Deutsch (Lesen und Zuhören) und Mathematik untersucht. Und in der jüngst erschienen Studie aufgezeigt, daß nicht einfach der Anteil der Migranten eine Rolle spielt, sondern deren Herkunft eine  maßgebliche Rolle spielen dürfte. So falle erst auf, daß besonders Migrantenkinder aus der Türkei, dem Mittleren und Nahen Osten, und Afrika die durchschnittlichen Leistungsergebnisse drücke. Bei den meisten anderen Migrantengruppen sei die schulische Leistung in diesem Bereich praktisch unauffällig bzw. gleichwertig im Vergleich zu deutschen Kindern. 

Darin begründe sich sehr wahrscheinlich maßgeblich das schulische Leistungsgefälle der Bundesländer - von den schwachen Ländern mit Bremen und Berlin an der Spitze, bis Bayern, letzteres mit den höchsten schulischen Werten, aber dem vergleichsweise niedrigsten Anteil an Kindern aus diesen Herkunftsländern.

Freilich, ganz erklärbar sind dadurch die hohen Leistungsunterschiede auch nicht, so die Studie.


http://www.faz.net/polopoly_fs/1.1931442!/image/4077353458.jpg_gen/derivatives/default/4077353458.jpg




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Freitag, 5. August 2011

Über den Wert von Lektüre

Man kann Einsicht in die Welt und die Dinge nicht kompilieren - indem man z. B. (auch aus diesem Blog heraus) Lektüre sammelt und "erledigt", wie man einen Motor zusammensetzt, ein Kochrezept befolgt, das am Ende wunderbaren Geschmack ergibt.

Deshalb verstehen auch manche nicht, daß man sich auf Bücher und Autoren beziehen kann, ohne ihre Werke in toto gelesen zu haben. Sich mit Autoren zu befassen kann oft ganz andere Gründe haben - und tatsächlich auch manche Erweiterung, weil man deren Häresie (und jeder Mensch hat seine Häresie, auf seine Art) als Erweiterung des spiralförmigen Weges nach ... (soll ich sagen: Oben?) vorne, im Sinne eines: weiter, plötzlich anziehend findet.

So komme auch ich immer wieder auf ältere Bücher und Autoren zurück, selbst wenn ich sie abgelehnt habe, oder mal weglegte, um in deren Welt wieder einzutauchen, sodaß meine Büchersammlung eine ständig neu zu entdeckende Quelle bleibt, die sich auch aus Vorhandenem nährt, das es auf andere Weise zu entdecken gibt.

Was man aus Lektüre gewinnen kann ist Nahrung für eine Leidenschaft der Wahrheitssuche, die aus sich heraus ihre Anregungen und Arten der Formulierung sucht.

Als ich seinerzeit Sedlmayr's "Die Entstehung der Kathedrale", zum Beispiel, entdeckte, war mir ihr liturgischer Aspekt (in Zusammenhang mit der Baugeschichte des Lettner, ein im Grund erkenntnistheoretischer Aspekt, der bei Florenski und der "Ikonostase" wieder aufgetaucht ist) wichtig und interessant. Heute nahm ich sie wieder her, weil ich die Gotik in ihrem Zusammenhang mit der Lichtmystik des Dionysos Areopagita immer schon erfaßt hatte, und über Kaltenbrunner's "Dionysius"-Buch neu darauf stoße. Und plötzlich sogar Henry Boulad wieder ausgrub, diesen Teilhardisten, um den vor bald zwanzig Jahren als dürr befundenen Strauch aufs neue zu untersuchen, ob nicht doch die eine oder andere Feige im Geäst sitzt.

Literatur ist unermeßlich wertvoll, ganz gewiß, und ich könnte nicht abgrenzen, was ich ihr verdankte, und was "eigenes" Denken (das eigentlich nur ein Streben ist) ausmachte. Aber wenn ich z. B. ein Buch von Walter Tritsch über Mystik hernehme, das neben Boulad stand, und das ich vor zwanzig Jahren als uninteressant, ja langweilig abstellte - und das nun genau das enthält, was ich gerade suchte, dann bin ich wieder einmal erschrocken über die einerseits gegebene Notwendigkeit, immer wieder feste Standpunkte zu bilden, anderseits diese aber nach Jahren wieder aufgebrochen werden müssen, weil sie zu eng geworden sind.

Es sind nicht die Bücher, es ist das eigene Herz. ich bin mit Kierkegaard der Meinung - auch das ein Autor, der mich bislang nicht interessiert hat, und erst jetzt sich zu erschließen anfing, worauf ich plötzlich entdeckte, daß er eine Kernfrage, das worum es mir doch immer ging, die unmittelbare Begegnung mit der Wirklichkeit als einzigen Weg zur Gottesbegegnung, zwischen seine Backen nahm und kaute - mit ihm also bin ich der Meinung, daß es das eigene Suchen und Denken ist, auf das es fast alleine ankommt.  Und hier ist Wahrheitssuche nicht vom ganz subjektiven Willen zur Heiligkeit zu trennen. Der Intelligenteste wird nicht über sein Herz hinaus denken können.*

In Büchern, schreibt er, findet er immer nur Bestätigungen (und das ist im Grunde langweilig) für Schritte, die er bereits vollzogen hat, auch wenn er manchmal noch nicht davon wußte. Sie können sogar hinderlich sein, weil sie eigenes Denken überlagern, einengen, in Schächte zwängen, in denen sie furchtbar nach Luft ringen.

Lebendige Herz Jesu-Verehrung, Tirol
Keine Lektüre, kein "Lernen" vermag einen über sich wirklich hinauszuheben. Sie vermag nur beizutragen, zu ernten, was bereits blühte, und man vielleicht gar nicht sah. Den wirklichen Weg muß man selber gehen. Und man muß ihn als wirkliche Entwicklung der Persönlichkeit wollen. Es beginnt, wenn man diese persönliche Dimension begreift. Denn dann erst beginnt die Begegnung mit der Wahrheit - als Person. Nicht als "Gewußtes". Als ... Herz. (Ich hätte nicht erwartet, das jemals so zu sehen.)

"Ego sum via vita veritas."


*Deshalb hat der Rationalismus ja so große Anhängerschaft gefunden - er liefert über die "Logik", die sich beschränken läßt, weil sie beschränkt IST, die Ausrede für die eigene Bequemlichkeit, in sich verbleiben zu können.


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Sonntag, 1. August 2010

Warum aber liest Hofmannsthal?

Hofmannsthal in einem Brief an Rilke: "Die paar Worte eingeschrieben in das Buch (als Widmung eines seiner Bücher an Rilke, Anm.), sagten um so viel zu wenig, mein lieber Rilke. 

Ich kann Ihr Buch - und was es mir ist - auch heute noch längst nicht ausmessen - es ist noch längst nicht Besitz - sondern immer neue Überraschung.

Dies Buch und zugleich damit der Eindruck Ihrer Person, dies erscheint mir als der größte Gewinn des letzten Jahres.



*010810*