Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Dienstag, 17. Mai 2022
Als es fast so war, wie es sein sollte (3)
Montag, 16. Mai 2022
Als es fast so war, wie es sein sollte (2)
Montag, 9. Mai 2022
Nur noch von Giftpfeilen umgeben
Man könnte also von Sakramentalität sprechen, die Ruinen kennzeichnen.
Mittwoch, 23. März 2022
Die Geschichte ist voll davon (3)
Dienstag, 22. März 2022
Die Geschichte ist voll davon (2)
Montag, 21. März 2022
Die Geschichte ist voll davon (1)
Samstag, 23. Januar 2021
Die ganz und gar legitime Vormundschaft
"Auf dem Festland essen sie Menschenfleisch. Sie sind mehr als irgendein anderes Volk unzüchtig. Gerechtigkeit gibt es bei ihnen nicht. Sie gehen ganz nackt, haben keine Achtung vor wahrer Liebe und Jungfräulichkeit und sind dumm und leichtfertig. Wahrheitsliebe kennen sie nicht, außer wenn sie ihnen selbst nützt. Sie sind unbeständig, glauben nicht an die Vorsehung, sind undankbar und umstürzlerisch. [...]
Sie sind gewalttätig und verschlimmern dadurch noch die ihnen angeborenen Fehler. Bei ihnen gibt es keinen Gehorsam, keine Zuvorkommenheit der Jungen gegenüber den Alten, der Söhne gegenüber den Vätern. Lehren wollen sie nicht annehmen. Bestrafungen nutzen bei ihnen nichts. [...]
Zu ihren Speisen gehören Läuse, Spinnen und Würmer, die sie ungekocht essen, wo sie sie nur finden. Wenn man sie die Geheimnisse der wahren Religion lehrt, erklären sie, diese Dinge paßten für die Spanier, aber für sie bedeuteten sie nichts, und sie seien nicht bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern. [...]
Ein je höheres Alter diese Menschen erreichen, desto böser werden sie. Wenn sie zehn oder zwölf Jahre alt sind, glaubt man noch, sie besäßen einige Höflichkeit und etwas Tugend, aber später entarten sie wahrhaft zu rohen Tieren. Ich kann versichern, daß Gott kein Volk je erschaffen hat, das mehr mit scheußlichen Lastern behaftet ist als dieses, ohne irgendeine Beigabe von Güte und Gesittung. [...]
Nein, das ist keine zeitgenössische Kritik und Anklage, und es stammt auch nicht aus den späten Tagen der Antike. Es ist einem Schreiben des Dominikanerpaters Tomas Ortiz entnommen, in dem er Mitte des 16. Jahrhunderts von dem Indianerrat in Madrid berichtet.
Die Diskussion im 16. Jahrhundert hat zwei elementare Seiten. Die eine ist, daß den Indianern auf Drängen der Kirche (Spanien hat in Philipp II. und seinem Vater Karl V. sehr fromme Könige) jedes Menschenrecht zugestanden wird. Eine Sichtweise, die vor allem gegenüber den stets sehr individuellen Charakterdefiziten der Soldaten mit unerhörter Strenge angediehen wird, so wenig sie denen auch gilt. Sie verfahren furchtbar mit den Menschen, denen sie überlegen sind. Meist unter enormem Schuldendruck, aber das rechtfertigt nicht den oft genug unfaßbaren Wahnsinn, der angerichtet wird. Die meisten sind aber, sobald sie in der Neuen Welt angekommen, bis über beide Ohren verschuldet, und wollen weil müssen aus den neuen sozialen Umfeldern herauspressen, was sie herauspressen können. Der Traum vom Reichtum ist für die allermeisten schon ausgeträumt, da haben sie noch kaum den Fuß auf den Strand der Neuen Welt gesetzt.
Aber da ist auch eine Sichtweise, die sich durchsetzt, und die tiefere Verankerung und Legitimation hat: Die Betrachtung der Indianer als Kinder, denen gegenüber man als Vormund handeln muß. Der Dominikaner Vitorio, der an sich nicht nur als Vater des Völkerrechts angesehen wird, sondern der auch als "Retter der Indianer" eingestuft werden kann, schreibt dazu:
"Obwohl diese Barbaren nicht gänzlich ohne Urteilskraft sind, unterscheiden sie sich doch sehr wenig von den Schwachsinnigen. [...] Es scheint, daß für diese Barbaren dasselbe gilt wie für die Schwachsinnigen, denn sie können sich selbst nicht oder kaum besser regieren als einfältige Idioten. Sie sind nicht einmal besser als Vieh und wilde Tiere, denn sie nehmen weder feinere noch kaum bessere Nahrung als diese zu sich." [Ihre Dummheit] "ist viel größer als die der Kinder und Schwachsinnigen anderer Völker."
Somit, schließt Francisco de Vitoria, ist es rechtens, in diesen (neuen) Ländern zu intervenieren. Denn damit kann eine Vormundschaft ausgeübt werden, die im Sinne des Gemeinwohls dieser Menschen, dieser Völker und dieser Welt notwendig ist.
Der VdZ schreibt dies alles und an dieser Stelle nicht ohne Grund. Denn er sieht dies als nüchterne Bestandsaufnahme der Gegenwart, und damit auch als Menetekel dessen, was uns Abendländern dräut. Wir werden von stärkeren Mächten übermannt werden, so einfach muß man das sehen. Und das läßt unsere Zeit mit der des Spanien des 16. Jahrhunderts so ähnlich sein.
Zumalen auch die Mächte, die uns überwinden (und darin ist alles nur noch eine Frage der Sichtbarkeit, nicht der Wirklichkeit) mit demselben Argument ihre Legitimation holen wie haben: Sie stehen Kindern gegenüber, die keine Tugend mehr haben, und sich zum Bösen entwickeln.
Wir leben (dazu könnte man es komprimieren) inmitten einer sozialen Umgebung, in der der Nächste, ja wo jeder jeden der ein "anderer" ist, der also noch das hat, was man "Geheimnis" nennen könnte, der in jedem Fall aber "nicht ist wie wir", so betrachten, wie die Spanier des 16. Jahrhunderts die Indianer der Neuen Welt.
Der springende Punkt ist aber der: Nicht, daß das etwas Neues wäre. Das gehört vielmehr zum Menschsein dazu, daß der Mensch das Menschsein von sich ausgehend ableitet. So wie Erkenntnis immer von sich ausgehen muß, sonst kann sie gar nichts erkennen.
Der springende Punkt ist, daß es keine Gemeinsamkeiten als Gemeinschaft mangels einheitsbildender Macht der Wahrheit mehr gibt. Damit ... keine Freiheit mehr gibt. Daß somit alles, was sich heute als Gemeinschaft ausgibt, als Einheit, nur noch positivistisches, selbst- bzw. psyche-generierte Willenshaltung, Vorstellung, verpflichtende und verpflichtete Selbsttäuschung ist.
Diese Sichtweise, daß der andere "Wilder", "Indianer" ist, die - man schaue doch einfach genau hin! - so allgemein ist, daß man nicht weit suchen muß, weil sie hinter jeder Straßenecke hervorlugt - ist der wahre Grund für die Bevormundung, die wir in Medien, Politik, ja von so vielen und noch vieleren Stellen an uns getan wird.
In einer Zeit gesagt, in der bald jeder jeden zu erziehen sich ankleidet, worin die Aussage doch mehr als deutlich wird, daß der GENERELLE Zustand der Menschen als so roh und barbarisch gesehen wird, wie die Spanier den Zustand der Indianer in der Neuen Welt beurteilt haben. Was bis zur Beurteilung der Nahrung geht, die wir zu uns nehmen.
Freitag, 26. Juli 2019
Stierkampf und Flamenco, aber ein mieser Film
Das zeigt sehr gut die zweite Tanzszene aus dem Film, die zum Vergleich (zumindest dient es uns als solcher) dazu geschnitten ist. Was die Freundin (gespielt von Elizabeth Ashley) des Malers (George Segal) nun zeigt, ist ein zügelloses Überschreiten dieser Grenze. Es ist nicht mehr Flamenco, sondern kippt in die vulgäre Sexualität.
Denn nicht nur das Wesen des Flamencos wird in diesem Film fehlgedeutet. Es ist nur eine von sehr vielen Fehldeutungen dieses preisgekrönten Werks voller großartiger Schauspieler, aber mit einer überhaupt nicht stimmigen Fabel. In "Das Narrenschiff" ist auch dieser Tanz willkürlich als dramaturgisches Mittel mißbraucht, um etwas zu zeigen, das sich eigentlich gar nicht erzählt. Der VdZ kann sich deshalb diesem seltsamen Urteil der Filmgeschichte gar nicht anschließen, daß er ein Meisterwerk sei.
Wenn man ihn so gerne sieht (und das tut auch der VdZ), dann durch seine zahlreichen, einzelnen Facetten, und vor allem durch die Liebe zu so vielen überwältigenden Schauspielern, die hier in ungeheurer Dichte auftreten und die man einfach gerne sieht. Der Zuseher (und auch der VdZ) WILL einfach diese Schauspieler als "phantastisch spielend" sehen, und die "Aussage" des Films drückt ihn regelrecht an dieses Gesollte. Und den Zuschauer soll er durch die Massivität von "Qualitätsnimbus" (wo niemand zu widersprechen wagt: Was, Oscar Werner einmal "schlecht"? Simone Signoret oder Heinz Rühmann oder Lee Marvin oder Vivian Leigh oder oder oder ...) erdrücken. Er wagt es auch nicht mehr zu sehen, was sich hier abspielt. Man verläßt den Film mit einer leeren, gelähmten, grauen Birne, sozusagen, und läßt die Moralsachwalter, die diese Moral aufoktroyiert haben, hinkünftig tun und lassen, was sie wollen.
In Wahrheit aber muß man sich sogar fragen, WAS all diese großen Künstler in so einer Produktion zu suchen haben. Außer, natürlich, außer daß sie alle zugegeben haben, daß das alles zweitrangig war angesichts der Perspektive, mit so vielen Legenden in einem Atemzug aufzutreten, sodaß der Kultstatus des Films mit Ansage geschaffen wurde. Wer will da nicht dabei sein? Und die Gage wird auch kein Taschengeld gewesen sein. (Gedreht wurde ja alles im Studio, nicht einer der Akteure hat auch nur einen Fuß bei den Dreharbeiten auf ein Schiff gesetzt.) Darf man raten? Es war die moralische Pflicht, die seit 1945 Gesetz war, eine neue Moral zu dogmatisieren. Und dem hat auch dieser Film gedient. Kein Mensch wagt, ihn zu kritisieren, zu sagen: Das ist rein ALS FILM ein schlechter Film!
Erschlagen von großartigen Einzelszenen - wie diese Tanzszene - nimmt man zur Kenntnis, daß das Urteil von höherer Autorität ist als man selber hat. Und so agiert Hollywood seit vielen vielen Jahrzehnten: So mies die Botschaft auch war, so mies der Film auch gewesen sein könnte - wenn er einen verfolgten Juden oder ein KZ (und neuerdings auch Homosexuelle, oder Transsexuelle etc.) zeigt, MUSZ er gut sein. Mischt man noch brillante Einzelmittel (technische Brillanz, großartige Schauspieler, phantastische Aktionen ...) dazu, verstummt endgültig jede Kritik. Was? Der Film ist schlecht? Dann muß der Kritiker ein Anti-Semit sein, nein, er ist ein Nazi, ganz sicher!*
Alles an "Das Narrenschiff" ist eine reine Aneinanderreihung von Einzelbildern zu einem willkürlichen Panoptikum, in dem ein Bild mit dem anderen aber nichts zu tun hat. Der Film ist ein Machwerk, und die Preise, die er eingeheimst hat, sind (diesen Verdacht darf man ruhig hegen, er bestätigt sich immer wieder neu) der moralischen Aussage geschuldet, sonst nichts. Warum? Weil der Film für eine ideologische, im Grunde primitive Aussage mißbraucht wurde, ja nur deshalb gemacht und darauf zugeschneidert wurde. In der sich die immer üblicher gewordene, lächerliche Simplifizierung der Ereignisse und Akteure in Hitler-Deutschland austobt. Vor so einer dummen (weil egal aus welchen Gründen "gesollten") Motivlage KANN sich gar keine organische Dramaturgie und damit auch kein wirklich gutes Schauspiel entwickeln.
Und dieser Primitivität gemäß wurde auch der Flamenco so schändlich fehlgedeutet.
*"Das Narrenschiff" ist im selben Jahr (1965) entstanden wie "The Pawnbroker". Es war das Jahr des Dammbruchs. Damals brach Hollywood erstmals den "Production Code", mit dem Obszönität durch den Einfluß der Kirche vom Film seit den 1930er Jahren ferngehalten worden war. In letzterem Film wandte man genau die hier beschriebene Taktik an: Er bringt eine KZ-Geschichte und handelt von Judenverfolgung und bösen Nazis ... und brachte erstmals blanke Brüste ins Kino. DAS war seine eigentliche Intention. Damit war der Bann gebrochen. Niemand wagte zu opponieren, auch nicht die Kirche, und wer doch, war sofort ein ausgewiesener Anti-Semit und Nazi. Fortan wurde die Welt mit immer offener pornographischen Filmen überschwemmt.
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Mittwoch, 27. März 2019
Spanien begreifen
Freitag, 18. Januar 2019
Menschsein gibt es nur im Nationalen
Es braucht Grenzen, schreibt auch Navid Kermani einmal. Es braucht diese Initiation des Übergangs vom Eigenen ins Fremde. Zwar müssen diese Grenzen offen. also überschreitbar sein. Aber es muß sie geben, damit das Andere anders. und somit (sic!) das Eigene eigen bleibt. Erst so macht ein solches Anderssein die Erfahrung des Eigenen möglich. Um das man dann keine Angst mehr hat, weil man fürchtet, es sei verschwunden weil nicht erfahrbar, vor allem aber aus dem Blick. So, wie nämlich immer und überall das Allernächste, das Eigene nicht sichtbar, nicht fühlbar ist - als erst im Gegensatz des anderen.
Mittwoch, 17. Oktober 2018
Wir sollen nichts davon erfahren
Nicolaus Fest beschreibt knapp und treffend, was da beschlosssen werden soll. Der größte Skandal dabei ist, daß DAS die Kirchen mittragen, die es besser wissen muß. Denn die Auflösung des Volksbegriffs widerspricht jedem schöpfungsbezogenen Naturrecht.
Mittwoch, 25. Oktober 2017
Was steckt hinter Kataloniens Separationswunsch? (2)
Aber noch ein Element spielt eine Rolle in den Separationsbestrebungen Kataloniens, ein Element der Unzufriedenheit - und das hat mit den Migranten zu tun. Spanien hat sieben Jahrhunderte gebraucht, um die Muslime aus dem Land zu werfen. Die ins Land gekommen waren, weil sie von einzelnen Fürsten dazu eingeladen worden waren, die sich innenpolitische Vorteile davon versprachen. Diese Muslime haben dann aber sogar weite Teile der Halbinsel übernommen. Nun erleben viele Spanier - und hier vor allem die Katalanen, weil sie noch dazu etwas zu verlieren haben - daß die Zentralregierung in Madrid (aus ebensolchen Gründen vermeintlicher innenpolitischer Vorteile) neuerlich fremde Völker (und Religionen) ins Land geholt hat und von Süden her weiter hereinläßt und natürlich auch nach Katalonien weiterschiebt. Das ist speziell in Spanien eine große historische Wunde, die viele Katalanen als gezielte Unterhöhlung ihrer Eigenheit sehen.
Denn die ist in den Jahren der Republik seit 1978 gewachsen. Madrid hatte viele Probleme mit Terrorismus und Separatismus (man denke nur an die ETA im Baskenland). Deshalb hat Madrid auch Katalonien viele Privilegien eingeräumt, froh, dafür das katalanische Steuergeld zu bekommen. Madrid hat sich also den "Frieden" in Katalonien auch durch politische Zugeständnisse gekauft, aber auf umgekehrte Weise. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die (als schwach erlebte) Madrider Politik stetig gefallen. Man erlebt Madrid heute als unfähig, mit den Problemen fertigzuwerden. Jahr für Jahr steigen nur die Schulden der Zentralregierung.
Dienstag, 24. Oktober 2017
Was steckt hinter Kataloniens Separationswunsch? (1)
Sonntag, 30. Juli 2017
Macht endlich Eure Gesichter hart
Samstag, 7. Januar 2017
Als Spanien durch Gold arm wurde
Freitag, 4. November 2016
Selber schuld
Donnerstag, 16. Juni 2016
Kampf sehr starker Naturen
| Papst Sixtus V. (1521-1590) |
Freitag, 15. Mai 2015
Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts
Systematisch wurde also auch dieses Land plattgewalzt. Man forderte systematisch die Bevölkerung Insel für Insel auf, sich in dafür vorgesehene Camps (!) zu sammeln, und erklärte jeden, der das nicht tat, zum Feind. Dann ging man daran, Felder, Ernten, Wälder, Dörfer, einfach alles niederzubrennen, und jeden zu massakrieren, der sich noch auf freiem Fuß zeigte. Man schätzt, daß etwa 1.000.000 Philippinen, fast ausschließlich Zivilisten jeden Geschlechts und jeden Alters, ein Fünftel der damaligen Gesamtbevölkerung, Opfer dieser Massaker wurden. Die sogar in den USA wegen der Brutalität, mit der sie durchgeführt wurden, gewisses Unwohlsein in den Mägen der Heiligen in Gottes besonderer Sendung hervorrief, als Nachrichten darüber die Morgenzeitungen verunzierten. Auch die Folter, das Waterboarding hat den Traditionssinn der Amerikaner weiter gefestigt.
Schließlich haben die USA auch dieses Ziel erreicht. Die ausgebluteten Philippinen kapitulierten stillschweigend, wenn es auch vereinzelt noch zehn Jahre lang Widerstand gab. (Wie ist uns das doch alles bekannt!) In einem Krieg, der nie ein solcher war - ach, ganz was Neues! - und der deshalb auch nicht in einem Friedensschluß "endete", sondern einfach in vollendeten Tatsachen auslief. Die USA erklärten den nie erklärten Krieg 1902 für beendet, die Philippinen zum Teil ihres Reiches.
Ein Friedensvolk führt keine Kriege. Kriege sind inhuman. Es erfüllt göttliche Missionen. Die sind human.
Samstag, 28. Februar 2015
Geschichte der Geschichte von der Inquisition (2)
Dazu kommt, daß schon die rein personell dürftige sowie die damals mangelhafte technische Ausstattung (Reisemittel, oder das schlechte Straßennetz der damaligen Zeit), dazu das komplexe Geflecht von Privilegien und gesellschaftlichen Sonderrechten unter der städtischen Bevölkerung, Macht und Einfluß der Inquisition sehr beschränkt hielten. Außerdem traf sie (nicht zuletzt durch die Gerüchte und Verleumdungen) immer mehr auf eine "Mauer des Schweigens" in der Bevölkerung. Die heutige Vorstellung, sie hätte die gesamte spanische Gesellschaft in der Hand gehabt, ist völlig unhaltbar: ihr fehlten Mittel, Machtstellung und Möglichkeiten. Schon gar nicht konnte sie Herrscher beherrschen.
In Spanien gab es weniger Verurteilungen wegen Häresie, als im gesamten übrigen Europa, und außerhalb von Spanien gab es überhaupt nur ganz wenige Verurteilungen aus diesem Grund. Nirgendwo hatten Verdächtige rechtlich derartig "saubere", redliche Verfahren zu erwarten. Alleine in England oder Frankreich gab es je das Vielfache an Todesurteilen wegen Glaubensabweichungen.
Die spanische Inqusition war regelrecht "human", und lehnte die meisten der in Europa öffentlich üblichen Methoden strikt ab. Sie regelte in Instruktionen peinlich genau, welches Mittel wie eingesetzt werden durfte. Selbst die Gefängnisse der Inquisition waren die "besten" von ganz Spanien, ja sie weigerte sich oft sogar, staatliche Gefängnisse weden der dortigen furchtbaren Haftbedingungen zu nutzen, wenn sie keine eigenen hatte. Es gab Fälle, so die BBC-Dokumentation, in denen Häftlinge in öffentlichen Gefängnissen absichtlich Blasphemien äußerten, um in die Gefängnisse der Inquisition überstellt zu werden. Während umgekehrt nicht wenige Inquisitionsbeamte die Sinnhaftigkeit von Folter überhaupt anzweifelten, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Vorwürfen der Hexerei, die im Volk eine große Rolle spielten, stand sie sogar grundsätzlich sehr kritisch, ja ablehnend gegenüber, war auf jeden Fall ihrer Rechtsbildung gemäß beweisorientiert. Und lehnte Hexenglauben dann grundsätzlich als Wahn und Aberglauben ab.
Bis spätestens im 18. Jhd. die Inquisition völlig nebensächlich wurde, und sich um Dinge wie Alkoholismus oder "Schwören in einer Kirche" befaßte. Die gesellschaftlichen Veränderungen Europas hatten auch in Spanien längst zugeschlagen. Als die Propaganda ihren Höhepunkt erreichte, im Frankreich der Revolution des 18. Jhds., war die Inquisition schon völlig in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, bis sie im 19. Jhd. offiziell aufgelöst wurde. Aber der Mythos der Inquisition wurde wieder und wieder bemüht, als Symbol für Unterdrückung und Despotie, die durch ein moderneres, aufgeklärteres Europa besiegt werden mußte. Bis sie, bis dieser Mythos in den Systemen des Kommunismus sowie im Amerika der 1950er Jahre erstmals jene furchtbare Gestalt annahm, die man zuvor als instrumentalisierbaren Inbegriff des Schreckens ... erfunden hatte.
*Niemand Geringerer als Heimito von Doderer, ein Historiker im buchstäblichen Sinn, übrigens, nicht nur im metaphorischen als Schriftsteller, meint, daß aus seiner Beschäftigung damit allfällige Mißbräuche vor allem dort auftragen, wo persönliche Süppchen gekocht wurden, mit nicht seltem sexuellem Hintergrund.