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Donnerstag, 25. Juli 2013

Formen der Freiheit

Die Logik hat die Formen des Denkens zum Gegenstand, aber nun nicht im Hinblick auf den tatsächlichen Denkvorgang, der von der Psychologie untersucht wird, sondern im Hinblick auf die Normen und Gesetze, die zu beobachten und zu erfüllen sind, sollen wir es mit einem wahren Denken, mit der Ordnung der Wahrheit im Denken zu tun haben. Also niemals, wie wir tatsächlich denken, sondern wie wir denken sollen, weist uns die Logik an. 

Wenn wir also gestaltlogisch aussagen, der Gegenstand der Logik seien die repräsentierenden Sinngefüge des Denkens, also die Ordnungsgefüge der Darstellung, so wissen wir, daß es hiebei sich nicht um Erlebnisgefüge, sondern um Normgefüge handelt, die das wahre Denken vollzieht, das Denken, das die Beziehung zu WAHR oder FALSCH hat und einzig haben kann. Die konkreten Vollzugsformen des Denkens im Hinblick auf die normativen Sinn-Gefüge stehen zur Debatte. 

Die Form, die morphe dieses Denkens, unterschiedet sich also von anderen Formen und Ordnungen, zum Beispiel von Form und Gestaltbildungen in der Natur und deren Ordnungen, daß die Formen der Natur der Vollzugsnotwendigkeit unterliegen, eben Naturgesetze sind, während die Formen des Denkens eine solche Notwendigkeit nicht kennen (und daher auch nicht beobachtet, also verletzt werden können, darin den ethischen Gesetzen verwandt). Es sind Formen der Freiheit.


Leo Gabriel, in "Logik der Weltanschauung"



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Mittwoch, 24. Juli 2013

Ordnung in der Liebe

Das Sein selbst aber ist nicht das Prinzip der Einheit der Vielfalt der (im menschlichen Erkennen sich im schöpferischen Akt bildenden) Ideen, schreibt Leo Gabriel, indem er Plato bereits auf Plotin hin interpretiert. 

Es ist die Idee des Guten, als Spitze, die über alle Ideen hinausragt. Diese Besonderheit des Guten in seiner Stellung den Ideen gegenüber ist als Seinsweise des Guten gegenüber den Ideen zu sehen. 

Und dieses Gute wird in jedem Akt der Liebe zum Ausdruck gebracht, nicht als Akt einer rein rationalen Erkenntnis. Und in diesem Akt des Eros, der Liebe strebt die menschliche Seele zur Vereinigung mit dem Guten selbst - Gott.

So fügt sich die Ideenwelt in der Liebe zu einer kosmischen, Gott analogen (ähnlichen) Ordnung, der Mensch wird in seinem Ideenkosmos wie in seiner Liebe zum Abbild Gottes. Und zwar in aller historischen Relativität, in der sich das Sein, das das menschliche Denken abbildet (und insofern enthält), je neu zeigt.
 
Ideen aber sind des Menschen. Dieser Genitiv bezeichnet den Ursprung der Idee als generatio (nicht als ein nasci, nicht als natura, das ist sehr wesentlich), sondern als geistige Schöpfung und somit als sinnhafte Gestaltung und als Form des Ausdrucks geistiger Innerlichkeit. Ideen können sich daher integral-logisch nicht als reine Begriffe, als formal logische Abstraktionen, sondern nur gestaltlogisch darstellen lassen. Ideen und Ideensysteme sind Gestaltungen des inneren Menschen und als Ideen erschließender Ausdruck seines Wesens, seines inneren Selbst. (Gabriel, a.a.O.)



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Montag, 22. Juli 2013

Denken und Sein

So erweist sich der gewaltige Gedanke Augustins und Thomas von Aquin richtig und fruchtbar, der in jedem Denksystem einen logos spermatikos, gleichsam einen Wahrheitssamen findet, der es ermöglicht, diese Systeme in der Einheit der Wahrheit positiv zu entfalten und damit in ihrem Eigenrecht zu erhalten. [Das will] besagen, daß der Logos allen wirklich schöpferischen Gestaltungen als Keim innewohnt und in ihnen daher als inneres Formprinzip wirksam ist. So verhält es sich auch bei den eigentlichen Gestaltungen des Denkens selbst.*

Die Immanenz des Logos als des Prinzips der Gestalt (Eidos) mag hier als tertium comparationis gelten. Die Art und Weise dieser Immanenz, die Weise und Formung der Gestaltung des Logos ist verschieden.

Es ist die Aufgabe der Philosophie als Weltanschauungskritik, die totalitäre Dogmatik der einzelnen Systeme aufzulösen und ihren Absolutheits- und Totalitätsanspruch aufzuheben in die konvergierende Einheit der Bezogenheit aller Systeme auf die eine Welt, das eine Sein durch den Nachweis des gestaltlogischen Denkgefüges, wonach Totalität des Systems in der Form, als logische Gestalt, nicht im Inhalt möglich ist.


Leo Gabriel, in "Logik der Weltanschauung"




*Unter der Voraussetzung, daß die Begrifflichkeit sich am Sein orientiert, es widerspiegelt, Logik also nicht auf Begriffslogik reduziert wird. Sodaß das Denken reiner Sinnausdruck wird, schöpferisch in dieser Reinheit, schöpferisch in der Form, aber nicht im Inhalt, nicht dem Sein nach, das es rein, unversehrt, integer enthält, als Ganzheit beinhaltet und bewahrt in seinem Meinen, Urteilen, Erklären. Im Denken kommt das Sein zu seiner logischen Existenz, d. h. zum Selbst-Verständnis durch die logische Form: aber in seiner unversehrten Identität, in seiner Integrität. So wird es sich erst als Seiendes wieder-gegeben, wird zum Sein integriert, "wie es ist", aber nun als offenbares, wahres. So wird sein Sein objektiv als Ganzes, in seiner Integrität in die Sinnform des Denkens übergeführt (in translativer Fügung).



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Samstag, 20. Juli 2013

Logik des Standpunktes

Durch diese kategoriale Systematik (kategorial, weil von einem ersten Urteil, von einer Aussage ausgehend), bezieht das Denken die Idee, ihren Bestimmten Sinngehalt in logisch gestaltender Weise auf das Ganze der Welt. Die Beziehung auf das Ganze des Seins kommt also formal aus dem Denken, in seiner systematischen Vollendung material dem Inhalte nach aus der Idee, die dem System zugrunde liegt.

[...] Das kategoriale System ist in seiner inhaltlichen Erfüllung und Bestimmtheit die Konzentration des Ganzen in einem Punkte, seine endliche Projektion, seine Beschränkung auf die konkrete Relativität eines bestimmten Systems, seine Beschänkung auf den STANDPUNKT, den ein System "vertritt". System ist also ganz richtig die Logik des Standpunktes: Standpunkt ist freilich eine Relativität - aber eben in der Beziehung, als Relation zum Absoluten. 

Also sind alle kategorialen Systeme, alle Wissenschafts- und Weltanschauungssysteme relativ? Gewiß - zum Absoluten. Also gilt der Historismus? Dem ist nicht so. [...] Der Historismus ist ja vielmehr eine verkappte Absolutsetzung jedes Systems IN seiner Relativität FÜR die bestimmte Zeit, in der es auftritt. Also eine Absolutsetzung der Zeitlichkeit, der Geschichtlichkeit, des Historischen überhaupt.


Leo Gabriel, in "Logik der Weltanschauung"




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Dienstag, 16. Juli 2013

Logik der Welt

Der Ursprung allen menschlichen Denkens liegt in der nicht mehr weiter rückführbaren Feststellung des "es ist", des "was ist". Und dieses "es ist" ist in der Anschauung - als subjektive Zusammenfassung aller Erkenntnismöglichkeiten - gegründet. Damit wird begreifbar, daß alles Denken auf der Anschauung fußt, und in sie rückmündet. Und es gründet im Urteil des einem selbst vorausliegenden Selbstsein des Seins, der Begegnung mit einem "anderen", das nur erfaßbar ist "als anderes" - als seiende, wesende Idee innerhalb des Seins.

Und nur, wenn es als solches anderes in der erkennenden Bewegung belassen wird: Erkennen bedeutet das Benennen der Beziehung zu diesem "anderen" bzw. von diesem zu mir (als "was es mir tut", "wie es in mir tut").

Aber mehr: Alles Sprechen, das sich ja nur auf das Sein, das "was ist" beziehen kann, wird zur (erzählenden) Metapher - weil es nur innerhalb einer persönlichen Beziehung zum Sein, analog zu seiner Charakteristik, überhaupt "passiert".

Jedes Denken ist das seinen eigenen Anspruch durchsetzende Denken.

In einer zwiefachen Bewegung, denn im "was ist" ist auch das "was nicht ist" auf eine Weise (die "nicht etwas" ist) enthalten und gesetzt, über diesem gehalten.*

Leo Gabriel zeigt in "Logik der Weltanschauung", daß dieses Grundurteil, das ein "was ist" bedeutet, und das zur Begriffsbildung führt, nur aus seinen Beziehungen her überhaupt bestimmbar wird. In seinen Relationen im Gefüge seiner Beziehungen innerhalb eines Ganzen, also: durch ein System.

Damit ist auch die Logik, die sich auf dieses "was ist" beziehen muß, nichts anderes als das formale Weltbild des Denkens aus der Anschauung heraus. Jedes System ist also eine ideologische - Ideegehalt in logische Form gebrachte - Synthese. 

Axiom und Evidenz fallen im "das ist" zusammen, sind eine Einheit. In jedem Axiom erfolgt aber der Einsatz der Idee in das Denksystem durch den logischen Ansatz des ersten Urteils.

Daraus folgt, daß die Realität der Welt sich nur als Emanation einer Beziehung definieren wie finden läßt. Das "Ding an sich" ist im wahrsten Sinn des Wortes "nicht existent", auch wenn es wirklich ist. Was immer existiert, existiert nur im Rahmen einer Beziehung.

Das Absolute, in dem alles zusammenfällt und aus dem alles entspringt, übersteigt es nur noch einmal, im reinen Geist, in der Wirklichkeit der Wirklichkeit, an der alles was ist teilhat, als Abglanz, als Lichtsein des Lichtes. Es wird, wie Georg Misch es formuliert indem er die indische Philosophie zitiert, "zur Erkenntnis gebracht durch die rein aus dem Denken entspringende Setzung des Seins," in dem wir selbst wiederum auf unsere Setzung auf der Grundlage der Offenbarung reagieren**. 

So wird das Denken, der Logos, als vom Vater im Geist ausgehend begreifbar, der zu ihm im Absoluten, das im Seiendsein aufglänzt (als Selbstsein und damit als Beziehungsein) des Seienden, von Gott durch das Nichtsein*** als potenz des Geschaffenen in die Individuation getrennt****, weil erst so "isset" (als Akt) und damit seine höchste Analogie wird, zurückkehrt. Die Welt als Selbstopfer Gottes, in der absoluten Liebe.





*Weshalb man auf eine Weise sagen kann, daß die Welt in den Begriffen "gehalten" wird, sonst zerfällt. Was die Bedeutung des "guten", wahren (als das Vorgefundene quasi einlassenden) Sprechens vor Augen stellen soll. Den Zustand der Sprache der Gegenwart zu monieren ist also kein "ästhetisches" Unterfangen, oder ließe sich abtun im Rahmen der Veränderung des Sprechens überhaupt. Es ist ein Verlust dieser Distinktheit, zu der nur die Liebe zur Welt anwegen kann, die erst Welt bedeutet, Sprache zur bloßen formlosen Lautäußerung niederkommen zu lassen. Wo diese Schärfe, die durchaus Anstrengung verlangt, fehlt, verfällt Weltgehalt als Welt des und für Menschen. Was heute als Toleranz bezeichnet wird, was sich im so häufigen Synkretismus äußert, ist damit vielfach nur noch Gleichgültigkeit der Welt gegenüber. Nur der Liebende hat Welt, nur der Liebende kann sprechen. Der Rest ist plappern. Nur dem Liebenden ist die Sprache heilig, weil Gefäß des Sinns. Kein Gespräch ist so um Sinn bemüht, wie das Gespräch von Liebenden. Denn nur Sinn (Logos) kann einen.

**Denn wir haben einen Anfang, setzen uns nicht selbst, sondern werden geschaffen. Würden wir identisch mit dem absoluten Sein sein, würden wir uns selbst Anfang sein müssen, ohne aber noch angefangen zu haben. Anders aber würden wir unser Selbst überhaupt verleugnen, und zum bloßen Schein erklären müssen, wie es ja tatsächlich die indische Philosophie macht. Die damit aber die Logik selbst wieder in die A-Logik kippt, und damit der eigenen Sicht der Erkenntnis des Absoluten aus der Logik heraus - widerspricht. Oder: widersprechen würde. Georg Misch meint in seiner Untersuchung des indischen Philosophie, daß das aus den überlieferten Lehren heraus nicht zu entscheiden ist. Also muß man die allgemeine Richtung ihrer Entwicklung heranziehen, und daraus muß man schließen, daß sie den Widerspruch NICHT auflösen kann, wie das in Griechenland gelang.

***Der absolute Geist aber ist reine Affirmation (Selbstzustimmung), schreibt dazu Meister Eckhart. Er schließt jede Negation aus. Diese Möglichkeit tritt erst mit dem Geschöpflichen ein. Nichtsein kann keine Ursache von Sein sein, und Nichtseiendes kann deshalb auch nicht aus Nichtsein hervorgehen. Genausowenig kann Sein die Ursache von Nichtsein sein. Das Nichtsein ist also nicht ein vom Sein Geschaffenes, sondern ein dem Geschaffenen als Mögliches sich in dessen Selbstsein Unterlegende, als aus diesem selbst erst sich ergebende Bedingung des Vielfältigen, das nicht alles ist. 

****Wenn dieses logische, sich aus allem Gesagten ergebende Element fehlt, das in den Vedas durch ein mythologisches Bild überspannt wird, wandert die bzw. diese Metaphysik unweigerlich in den Pantheismus ab, wo sich Seiendes und Sein IDENTITÄR (id es = es ist) vereint, und sich progressiv in Widersprüche verstrickt, und deshalb ins "mythologisch Bildhafte", "mystische" ausweicht, um das ursprüngliche Anschauen doch noch "zu halten". Konsequent durchgehalten und rational entwickelt wurde dieser (ursprünglich quasi selbe) Ansatz erst in der abendländischen Philosophie.

Die späten Upanishaden bringen an einer Stelle - diese "Kapitulation der Philosophie" belegend - einen bemerkenswerten Absatz, in dem schlichtweg die Begriffe zerschlagen werden, weil sie logisch nicht mehr auflösbar ist. Er wirkt sehr zeitgemäß, denn der als ethische Leistung ausgegebene Begriffsverzicht, der Rückzug auf ein persönlich Behauptetes als vorgeblich "Angeschautes", ist in der Gegenwart ausgesprochen verbreitet: "Mit IST, IST NICHT, NICHT-IST IST oder auch NICHT-IST IST NICHT, mit Festem, Beweglichem; Beidem in eins oder (doppelter) Negierung verschleiert nur der Tor! Das sind die vier Alternativen, durch deren Auffassung er nur verhüllt wird: der Erhabene wird durch sie nicht berührt."




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Donnerstag, 4. Juli 2013

Das Ganze ist mehr (3)

 Teil 3) Warum Begabungsförderung genau diese Begabungen zerstört





Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich an eine aussagekräftige Erfahrung. Als er vor etlichen Jahren gebeten wurde, am Schnitt eines Spielfilms mitzuwirken. Etwas, das er zuvor noch nie gemacht, sich so gefragt auch gar nicht zugetraut hatte. Aber er folgte der Einladung - und erlebte eine Überraschung: Denn es stellte sich heraus, daß er wohl im Zusammenfluß verschiedenster Einzelfähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen sogar außerordentlich "talentiert" dafür war. Und doch würde er das nicht als Beruf ausüben wollen, sah und sieht sich darin kein Betätigungsfeld. Er "konnte" es einfach, wußte sobald er vorm Bildschirm saß und das Material ablief vom ersten Moment an, was wo zu tun war.  Nichts hätte zuvor darauf hingedeutet - sieht man von der nachträglich bemerkenswerten Erfahrung ab, daß er (als Schauspieler) mit professionellen Cuttern, wo immer er sie traf, immer besonders gutes Einvernehmen, quasi Verstehen aus dem Stand heraus, enorme Übereinstimmung in den Sichtweisen feststellen konnte. 

Aber das sagt gar nichts darüber aus, ob es als konkrete Tätigkeit in Frage kommt, sie wäre seinen Hauptintentionen nämlich hinderlich, die sich aus der viel umfassenderen Identitätsfrage ergeben. Deshalb ist die Pädagogik, die auf "Förderung von Talenten" abzielt, wie heute, eine Katastrophe, die nichts besser, sondern alles noch schlechter machen wird, hofft man nicht auf den einen oder anderen Lehrer, der die Dinge (bewußt oder unbewußt) in ihrem Wesen erfaßt hat. 

Es ist sogar so, daß viele Fälle nicht entwickelter Talente nicht darauf zurückzuführen sind, daß diese oder jene Tätigkeit nicht ausgebildet wird. Sondern daß der Rahmen, in dem sie verwirklicht werden, verfehlt - meist zu niedrig, manchmal freilich auch zu hoch angesetzt - ist. Womit wir erneut bei der Identitätsfrage landen. Wieder ein simples Beispiel: Der Verfasser dieser Zeilen hat in Jugendjahren an Wettbewerben für Maschinschreiben teilgenommen. Kraft seiner Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit hatte er eine Geläufigkeit erworben, die meisterschaftsreif war. Diese Fähigkeit ist zum Teil zwar heute gut verwendbar, aber oft sogar hinderlich, weil man auch zu schnell schreiben kann, so man denn "schreibt". Weshalb die handschriftliche Aufzeichnung immer wieder vorzuziehen ist. Aber kurz: Daraus hatten manche allen Ernstes geschlossen, er wäre als ... Kanzleischreibkraft, als Beamter bestens aufgehoben. Denn immerhin hatte er ja dieses "Talent".

Umgekehrt hat und hatte der Verfasser dieser Zeilen häufig mit dem Phänomen zu tun, daß einfachere Tätigkeiten von jemandem "nicht gekonnt" wurden, weil er seine eigentliche schöpferische Begabung nicht auf diese einfache Systematik reduzieren konnte. In künstlerischen Berufen heute leider eine alltägliche Erscheinung. Das Urteil? Er sei für den Beruf ungeeignet. Weil das (in Wahrheit nicht häufige) Schöpferische Talent gar nicht einfach "vollziehen" kann, jede Systematik eine Qual ist, eben neuschöpferisch tätig sein MUSZ. Ganze Lebensläufe, die nach Unstetheit aussehen, weil Leute in keinem Beruf dauerhaft Fuß fassen konnten, lassen sich so erklären: Hier wurde in der identitären Bestimmung immer zu "niedrig" angesetzt. 

Solche Leben münden häufig sogar in seelischen Desastern, weil der Kern, das Eigentliche dieses Menschen gar nicht ins Spiel kommen konnte. Wenn nämlich der Betreffende keine Meta-Identität findet, in die hinein er sich, das Einzelne übergreifend, spannen kann. In den seelischen Folgen ist Überforderung nie so schädlich wie Unterforderung. Und auch hier sind die Ursachen so gut wie immer in identitären Festlegungen (bzw. Nicht-Festlegungen) zu suchen. Die Sünde des Standes (Neid oder Gier) zielt deshalb nie auf Talente, sie zielt auf Identität und Bedeutung.  

Der sozialistische Terror der "Chancengleichheit", der genau die "Befreiung" von identitären Bestimmtheiten bei Kindern meint, ist also zutiefst kontraproduktiv, ja zerstörerisch.* Kein Talent, keine Begabung ist "objektiv" definierbar, ja überhaupt als Talent vorhanden. Sie ist immer eine Begabung zur Identität, und als solche muß sie ausgebildet werden, nicht als "Fähigkeit". Letztere sind immer erlernbar, wenn nicht bedeutungslos. (Der Chef eines Unternehmens muß nicht selbst jene Schraube eindrehen können, die er verkauft, von ihm ist anderes gefordert.) 

Als generelle "Methode" ist diese heutige (Ab-)Sicht der Begabungsförderung, der ja eine bestimmte und unzutreffende Sicht des Menschen zugrunde liegt, ein wahrer Horror, der sogar noch mehr Verwirrung anrichten wird. Weil er in den jungen Menschen selbst auf eine Weise Kriterien festlegt, die in einer deformierten Seelenstruktur später kaum noch aufzulösende Dauerbehinderungen sind. 

Der äußeren Festlegung, die man abstreift, folgt nun also eine innere, psychische, aber noch folgenschwerere. Der Verfasser dieser Zeilen kennt Kinder, und gar nicht wenige, deren von ihm festgestellte, offenkundige seelische Deformation, aus ihrer Lebensführung ersteigend (in den häufigsten Fällen aufgrund einer Familiensituation, der jede natürliche hierarchische Ordnung, deren Alltag vernünftige, reife Struktur fehlt), zu einer Neurose geführt hat, in der sie sich in einem Selbstrettungsreflex zu halten versuchen. (Wie ein zufälliger Strohhalm, an den man sich klammert.) Woraufhin genau dieser Reflex von den Eltern in völliger Verstiegenheit zu einer "Sonderbegabung" erklärt und gezielt "gefördert" wird.

In einer nächsten Stufe wird diese Störung bereits von Unternehmen gezielt ausgenützt - wie ein Artikel in der FAZ aus jüngster Zeit belegt, der davon berichtet, daß IT-Firmen zunehmend Autisten beschäftigen. Man erhofft sich von ihrer "Inselbegabung" - das zynischeste Wort, das man sich für diese Form von Isolation ausdenken konnte - neue Lösungen, auf die sonst niemand gekommen wäre.

Viele Begabungen werden meist ohnehin in ihrem Wesen verkannt, sodaß als Begabung tituliert wird, was in Wahrheit seelischer Defekt, häufig Schwächen des Selbst zuzuschreiben ist - das "Sprachentalent" in bestimmten Ausformungen ist eines davon, ähnlich wie die meisten mathematisch-technischen "Begabungen". Nicht alles, was jemand faktisch KANN, ist auch ein positives Talent. 

Solche Kinder kommen vermutlich nie mehr ins Gleichgewicht einer ausgewogenen Persönlichkeit, ohne aber jene "Genies" zu sein, zu denen sie erklärt werden. (Zum Geniebegriff siehe u. a. diesen Blogeintrag.) Was sich doppelt verheerend für ihre Entwicklung auswirkt, weil es sie auch aus sich selbst heraus auf diese Neurose identitäts(fehl)bildend einengt.

Wir verderben durch unsere verfehlte, ja dumme Pädagogik mittlerweile ganze Generationen, und damit wirklich unsere Zukunft. Die Symptome, mit denen wir zunehmend als Massenerscheinung konfrontiert sind (man spricht z. B. je nach Definitionsenge schon von 20-50 % ADHS bei heutigen Kindern), geben dieser Einschätzung nur recht: Das Schöpferische, die eigentliche Würde und Hoffnung des Menschen, ist praktisch am Erlöschen. Während das, was heute als "Kreativität" definiert wird, nicht mehr als seelische Desorientiertheit, Unfähigkeit zur sinnstiftenden Ordnung - DAS Kriterium von Schöpferischem - ist.





*Deshalb ist die Gesamtschule mit ihrem Prinzip der "Leistungsgruppen" strikt abzulehnen. Sie löscht genau das Wesentliche am Lernen und Entwickeln aus: die identitäre Bestimmtheit und  natürliche Ausrichtung des Menschen weicht einer Reduktion auf Funktionalität. Hier wird der beste Teil der Jugend schwer und nachhaltig beschädigt, aber dafür der unproduktive Durchschnitt, die Masse nach oben gehoben, wo sie alle Energie daran setzt, sich dort zu HALTEN - wo sie gar nicht hingehört. Weshalb bei solcherart zusammengesetzten Eliten (Stichwort "Akademikerquote" als Ausweis der Leistungsfähigkeit eines Bildungssystems) automatisch das je Niedrigere nach oben gezogen wird. Eine spiralförmige Entwicklung eines ganzen Gesellschaftssystems nach unten setzt ein. Eine Entwicklung, die aus sich heraus nicht sanierbar ist. Dazu müßte man ... die Schulpflicht aufheben. Dazu ein anderes mal.






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Mittwoch, 3. Juli 2013

Das Ganze ist mehr (2)

Teil 2) Was das mit ADHS zu tun hat




*Diese Grunderkenntnis hat Auswirkungen in jeden Lebensbereich hinein, wo sie als Struktur der Vorgänge wiederzufinden ist. Man nehme die Schule: Es ist maßgebend, ob vom Lernenden dem zu Lernenden Aufmerksamkeit - Bedeutung - beigemessen wird, oder nicht. In dem Maß wird es aufgenommen. Nur ist diese Bedeutung nicht aus dem Lerngegenstand selbst erfahrbar, sondern aus der Gesamtordnung, in der sich der Lernende befindet, sprich: in seiner Identität, die ihn als Ordnungsbild des Selbst in den Beziehungen zur Außenwelt bestimmt. Aus ihr ergibt sich die Bedeutung des Lerngegenstandes. Und zwar völlig unabhängig von allen Talentfragen! Weil auch Talent erst im Rahmen einer Identität, eines Ordnungsbildes Sinn ergibt, erst aus diesem Sinn heraus erfüllt werden kann.

Aber diese Identität ergibt sich weiters nicht aus dem Menschen "für sich". Denn was ein Mensch "aus sich" ist, das weiß er gar nicht, weil es gar nicht bestimmbar ist - wenn er sich nicht als Faktor in einer Ordnung erfährt. Erst daraus wird ihm die Bedeutung seiner Existenz (bis hinein in z. B. Talente) klar, daraus erst erhält alles was in ihm ist Bedeutung. Die heutige Pädagogik, die meint, der Mensch müsse, ja könne überhaupt sich selbst seinen Platz in der Welt suchen, ist also eine unglaubliche Dummheit, die die Menschen ins Nichts wirft bzw. sie dem Zufallsplatz überläßt, in den sie sich irgendwann denn doch eingefügt erfahren.  

Denn es gibt auch keine "Talente" - auch sie erhalten ihre Gestalt "als Talente" erst aus der Bedeutung, die sie aus dem Ganzen des Menschen erhalten. Bleibt diese Bestimmung der Bedeutung aus, wird ihre Entwicklung völlig zufällig und für den Menschen überhaupt aussagelos, verleitet aus verschiedenen psychologischen Konstellationen heraus aber zu völliger Fehleinschätzung von zu gehenden Wegen.*

Auf das ADHS-Syndrom angewandt erklärt sich dieses selbst schon als unweigerliche Folge fehlender Determination, fehlender Identität, die nämlich gegeben wird. ADHS ist ein Symptom des Ordnungszerfalls. Dem Menschen fehlt darin die Fähigkeit, sinnliche Eindrücke zu ordnen, zu werten, zu beurteilen, weil er selber innerlich ungeordnet ist. Also ist er allem gegenüber zufällig aufmerksam oder nicht, und verliert sich im Peripheren.

Es gibt deshalb gar keine "Therapie gegen ADHS", denn diese ist eine konkrete Erscheinung einer Kulturauflösung. Denn kein Einzelner gibt sich Identität, er definiert sich im Rahmen des Ganzen, in dem er steckt. Insofern hat es (bei Kindern) tatsächlich mit der Lebensweise der Eltern zu tun. 

Eine Kultur, die diese Prägung verweigert, durch Auflösung aller Ordnungen und Hierarchien und Autoritäten, wirft ihre Menschen als Kinder und Pubertierende ins Leben hinaus. Sodaß es fraglich bleibt, ob sie überhaupt genug Lebenszeit haben, um an jenen Punkt zu gelangen, an dem vor 100 oder 200 Jahren jeder bereits mit 18 Jahren war: schöpferisch das Leben in Angriff zu nehmen.

Damit hängt eng zusammen, daß unsere gesellschaftliche Praxis ("Sozialstaat") längst darauf abzielt, die Lebensvollzüge selbst als Spiel zu definieren, das jederzeit abgebrochen, und ohne Konsequenzen gewechselt werden kann. Jede Folge wird abgenommen. Unsere Gesellschaften sind zu Kindergärten verkommen. Und die Frage ist: ob sie überhaupt anders sein können, weil sie die Menschen heillos überfordern würden. (Das geht bis hin zu Abtreibung und Verhütung, oder Scheidungserleichterungen.) Denn anders hätte so gut wie jeder mit 20 Jahren schon sein Leben bereits definitiv "verspielt", weil in Konsequenzen aus Unsinn - sinnlosen Handlungen - gebunden. Umgekehrt wird Erziehung als Verhaltensdressur als gezielte Neurotisierung angewandt, also dem Kind das Spiel selbst genommen. Eine völlig verkehrte Welt, wo sich eines aus dem anderen ergibt. 


Teil 3 morgen) Warum Begabungsförderung 
genau diese Begabungen zerstört





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Dienstag, 2. Juli 2013

Das Ganze ist mehr (1)

Es entsteht aber durch das Ganze etwas völlig Neues, schreibt Leo Gabriel in "Logik der Weltanschauung". "Wenn aus einzelnen Tönen eine Melodie entsteht, ergeben die einzelnen Töne zwar die elemente, das Material; die Melodie aber bildet etwas unvergleichlich Neues, das in der bloßen Gesamtheit der verwendeten Töne nicht enthalten und daher auch darin nicht auflösbar ist.

So ist es ja auch möglich, diese Melodie in eine andere Tonart zu transponieren, wobei sie als die gleiche Melodie erkennbar bleibt, obwohl sie nun aus völlig anderen Tönen aufgebaut ist. Ebenso können aus diesen Tönen als je Einzelne völlig andere Melodien gebildet werden.

"Es besteht offenbar eine gewisse Unabhängigkeit des Ganzen von seinen Teilen, das sich als Invariante ihnen gegenüber ausweist. Aber noch mehr, es zeigt sich, daß die Teile erst durch die im Ganzen bestimmten Beziehungen ihre besondere Stellung und Bedeutung erhalten."

Durch die Hineinnahme der Sinnesdaten in das Ordnungsgefüge des Denkzusammenhangs werden dies auf eine neue Ebene ihrer Leistungsfähigkeit gestellt, erhalten buchstäblich eine "Bedeutung", sie sind nicht mehr, was sie früher waren, sie sind nicht mehr bloße SinnESdaten, sondern nun SINNdaten in der Qualität ihres neuen Bedeutens. So wie die Töne innerhalb einer Melodie eine andere Rolle und Funktion erhalten, als sie für sich und außerhalb dieses Zusammenhanges oder im Zusammenhang einer anderen Melodie besitzen.

Oder, am Beispiel eines Gemäldes: Im Rahmen eines Gemäldes erhält eine Farbe einen völlig anderen bzw. einen bestimmten Sinn, im Rahmen der Gesamtheit der Farbtöne, die sich auf dem Gemälde befinden.

Der Zusammenhang, in den die Einzelheiten eingesetzt werden, wirkt QUALITATIV BESTIMMEND auf sie zurück. Dieselbe Einzelheit in einem anderen Zusammenhang zeigt sich "in einem anderen Licht".

Deshalb wird einleuchtend wenn man sagt, daß das Ganze das ist was schöpferisch bestimmt was etwas ist, daß das Ganze die schöpferische Form ist. Ordnung ist qualifizierende Form (wenn auch nicht in der Substanz des Teiles).

Damit ist das Ganze das schöpferische Moment der Synthese, insofern den Teilen erst im Zusammenhang des Ganzen ihre Bedeutung zufließt. So ist es möglich, daß ein und dasselbe Teil in anderem Zusammenhang eine andere Bedeutung hat. Identische Erfahrungen sind unterschiedlich auswertbar, sodaß die Verschiedenheit des Zusammenhanges auf die eingesetzten ERfahrugnselemente qualitativ differenzierend wirkt.

Ohne Abstraktion auf ein Ganzes hin - wobei diese Abstraktion eigentlich ein synthetischer Akt ist - kann also aus einem Erfahrungsdatum gar keine Bedeutung ermessen werden.

Sodaß gleichzeitig klar ist, daß die umfassende Weltanschauung es ist, aus der heraus jedes einzelne Erkenntnisdatum des Menschen gedeutet wird.

Das gilt in gleich scharfer Weise auch für die Wissenschaft. Zwar lassen sich die Punkte x, y, z einzeln bestimmen, aber ob sie miteinander (und: wie) verbunden das Portrait Lincolns ergeben, ob sie also dahinein gehören, oder in die Umrisse einer Dampflokomotive, ergibt sich nicht aus den einzelnen Sinnesdaten, sondern ist eine schöpferisch-synthetische APRIORI-Leistung der Deutung.*




Teil 2 morgen) Was das mit ADHS zu tun hat






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Sonntag, 30. Juni 2013

Vom Irrationalen des Rationalistischen

Es entspringt derselben Quelle - hier zu meinen, der Mensch wäre in der Lage, das Leben auf der Erde überhaupt auszulöschen, und anderseits die menschlich-zivilisatorisch-rationalistische Vernunft für die alleinige zu halten. Das ist irrational, und das ist nicht Vernunft. Irrationalität, aus der heraus sich Wissenschaft zur Welterklärung selbst verstiegen hat. Nur wer meint, die Welt als Ganzes bauen zu können kann meinen, sie auch zerstören zu können. Nur wer meint, daß es ein Gesamtprinzip gibt, das er beeinflussen kann - auch dort, wo er es nicht oder noch nicht kennt - kann meinen, die Welt insgesamt zerstören zu können.

Darin liegt das Auffällige der Weltuntergangsszenarien, die uns seit 100 Jahren zunehmend vor Augen geführt werden.

Die Angst vor der Totalzerstörung der Welt rührt ja aus dem Begreifen, daß diese weltimmanente, logizistisch-technische Rationalität zum Erfassen der Welt in ihrer Gesamtheit gar nicht ausreicht. Diese Bilder als Schlüsse stammen aus ganz anderen Bezirken als jenen der rationalen ("wissenschaftlich-objektiven") Strukturen, sie sind selbst tieferliegender, und damit prinzipiell religiöser Natur. Denn jede Logik ist ja nur das "formale Weltbild des Denkens" (L. Gabriel), das alle Axiome, als Paradigmen der späteren Logik in sich als Grundlage trägt und entfaltet. 'Auf sie hin also wird gedacht - jene folgen nicht aus der Logik, sondern umgekehrt.

Der Mensch weiß sich immer in ein alles umgreifendes Sein eingebunden, und nur deshalb und insoweit vermag er überhaupt etwas. Die Frage ist also, welcher Natur dieses Seinsbild ist.

Eine Zerstörung kann sich nur auf diese Teilbezirke seines Tuns und Wollens beziehen, handeln wider die Vernunft ist also immer ein Handeln gegen das Sein, und doch kann es nie das Sein selbst verlassen.

Die Logik gründet nicht im Abstrakten der Technik und Mathematik, sondern umgekehrt. Sie ergibt sich auch nicht aus der Erfahrung, sie braucht dazu synthetische, die Erfahrung erst (qualifizierend) zu einer solchen machende Bilder und Urteile. Die Logik gründet ja im Zueinander des Wesens der Welt und der Dinge, das eine andere, hörende und synthetische Art des Ergreifens braucht, um jener Quelle zu nahen, aus der alles überhaupt erst besteht.* Dort liegt, durch Urteile, Vorentscheidungen konstruiert, jene Sinn- und Seinsmacht, die der Welt zugrundeliegt, und die dann spätere Gedankenbilder und Schlüsse hervorbringt.

Der kritische Ansatz dieser Seiten bezieht sich (über die Wissenschaftskritik hinaus) also auf diese Anschauungsbilder und Grundentscheidungen. Ohne die eine "wissenschaftliche Aussage" nämlich gar nicht möglich ist. Dort liegt der Hund begraben, wenn man so will. Der sich dann auch in jeder Teillogik nachweisen läßt.

Denn der (grosso modo) aufklärerische Ansatz, mit dem wir es heute zu tun haben, löst fälschlich den Menschen in einen von jeder Transzendenz abgeschlossenen Weltmechanismus auf, wo er nur als Rädchen mitläuft. Daraus folgt mit zwangsläufiger Logik eine apokalyptische Grundhaltung, der mit ebensolcher Zwangsläufigkeit Totalitarismus folgt. Die Blüten unserer (auch politisch aufgegriffenen) Handlungsprioritäten zeugen davon. Zwischen Klimawahn, Atomkriegsangst (in der Form wie sie uns Jahrzehnte beherrscht hat), Nationalsozialismus, Kommunismus, Globalisierung und globaler Technisierung durch social media (etc. etc.) ... gibt es also überhaupt keinen Unterschied, sie sind in Wahrheit Ausgestaltungen derselben Denkbewegung. Deren Mannigfaltigkeiten Selbsttäuschungen sind. Und das macht einen immer größeren Teil des öffentlichen wie zwischenmenschlichen Diskurses zu einem irrelevantem Geplappere.




*Gerade wer eine Maschine, eine Apparatur baut erfährt, wie genau er hinhören muß, wie dieses Wesen der Dinge überhaupt aussieht. Man kann gar nicht "irgendeine" Maschine bauen, sondern ihr Funktionieren, das auf einen herausgegriffenen Zweck bezogen wird, hängt vom Beachten der in dieser Ausschnitthaftigkeit relevanten Wesensaspekte der Dinge, die man zur Konstruktion verwendet, ab.



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Mittwoch, 26. Juni 2013

Last der Freiheit

Anders als Tiere und Pflanzen findet der Mensch sich nicht ein einer selbstverständlichen Einordnung in der Welt. Es mangelt ihm, schreibt Leo Gabriel in "Logik der Weltanschauung", an der Geborgenheit und Gesichertheit seines Daseins im Natur-Zusammenhang. Sein Dasein fügt sich nicht glatt in diese Ordnung ein; es hat im "ordo naturae" seine Schwierigkeit. Es ist, als solle er von Natur aus für sich selbst sorgen.

Und er muß es auch. Als bloße Gegebenheit in der Natur kann der Mensch nicht existieren, er muß sich behaupten, er muß sich durchsetzen. Und dazu muß er sich selbst setzen, sich in jener Ordnung begründen, in der er überhaupt erst bestehen kann: im "ordo humanus".*

Die Existenz des Menschen ist also keine Gegebenheit, sondern verlangt Setzung und Verwirklichung seiner Eigenwelt. Hier kommt die Rolle der Wahrheit zum Tragen. Denn sein Erkennen kann sich nur auf jene Ordnung beziehen, die der Welt an sich vorausgeht, die er überall vorfindet. Alles, was der Mensch vorfindet, steht in einem solchen Geflecht der Ordnung. Verstößt er gegen diese Ordnung, so entzieht es sich ihm.

Und in diese Ordnung hinein muß er sich selbst in Spontaneität setzen, als Folge der Freiheit, die er besitzt, muß er in seinem Erkennen diese Ordnung in sich selbst begründen, die ihn überhaupt erst ermöglicht. Das zwingt ihn auch, eine Weltanschauung, einen Standpunkt zu setzen, aus dem heraus er erst handeln kann. Erst wenn man den Menschen in dieser Gefährdung sieht, wenn man ihn in dieser geforderten Freiheit der schöpferischen Setzung sieht, kann man ihn verstehen.

Daraus ist auch die Versuchung verstehbar, in der sich der Mensch in einem Massenselbst auflösen möchte, dessen Handlungsimperative er dann in sich übernimmt. Sie geben ihm einerseits Sicherheit, anderseits entbinden sie ihn - scheinbar - von seiner Last der Freiheit, sich schöpferisch zu setzen. Und genau darin verfehlt er sich dann, in seinen grundlegendsten Antrieb.

Eine gesellschaftliche Ordnung (als Staat, Land, Verein, Genossenschaft, ja Ehe und Familie, etc. etc.) kann deshalb nur dann gerecht sein, wenn sie diese Grundnatur des Menschen ERMÖGLICHT, nicht behindert. Sie kann sie nicht ersetzen oder übernehmen.

Das macht aber auch klar, daß das Wesen von Manipulation wie Freiheit mit Art und Wesen von Autorität untrennbar verknüpft ist. Denn ohne Autorität zuzugeben, zu akzeptieren, kann der Mensch gar nicht erkennen. Und damit kann er keine Ordnung setzen, in die er sich eingründet. Liegt hier sein Schaden, ist diese Autorität nicht definiert, beginnt der Mensch herumzuschlagen, sich ins Periphere der zufälligen Lebenserscheinungen zu verkrallen.**

Weil alles seinem Wesen nach wirkt, weil alles seiner Art nach erkennt, ist es dieses Spannungsfeld von Weltanschauung, Erkenntnis und Vorgefundenem, das das Wesen seines Handelns bestimmt. Daraus bestimmt sich der Charakter seines Wirkens als Charakter seines Willens.

Hier ist die Schnittstelle, die Weiche, die in drei Wege aufteilt. Deren zwei auf einer Skala liegen - als Fatalismus, der gar keine Gestaltungsmöglichkeit sieht, sondern den Menschen einspannt in bloße Ablauffolgen, und als Voluntarismus, der die menschliche Freiheit absolut setzt und entsprechend willkürlich die Welt gestaltet. Der dritte Weg liegt nicht "dazwischen", er ist der andere, der eigentliche Weg seiner Würde: der des Schöpferischen. Der in der Gestaltung nach einem Urbilde im Geheimnis des Göttlichen sucht, an dem er teilhaben, dem er sich öffnen kann, um so die Welt aus ihrer Wirklichkeit heraus auszufalten, dem Nichts der Welt mutig die Gestalt entgegenzusetzen, Welt damit zu wirken.




*Daraus läßt sich das Wesen von Ideologien und politischen Utopien sehr gut erfassen, so wie sich erfassen läßt, was unsere heutigen Lebensordnungen eigentlich sind: Modelle dieser Geborgenheitheit, Versprechen dieser tief existentiellen Sicherheit. Sie geben genau diese natürliche Ordnung vor, die zu schaffen sie versprechen, um dafür nur einen Schritt zu verlangen: Das Aufgeben der schöpferischen Selbstsetzung, die Übernahme des Gesamt- als Individualstandpunkt.

**Ein Aspekt, der beim ADHS völlig übersehen und verdrängt wird, weil er zu weit folgenschwereren Ursachenanalysen folgen würde. Es liegt also zwar Wahrheit in dem Satz, daß ADHS mit der Lebensführung der Familie zu tun hat. Aber von Ursachenermittlung ist er noch weit entfernt. Er bleibt aber richtiger Hinweis.




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