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Sonntag, 30. Mai 2021

Erst im Darstellen isset Welt

Das 19. Jahrhundert hat vom Museum gelebt; auch wir tun dies noch, ohne dabei zu bedenken, daß es dem Besucher eine vollkommen neue Beziehung zum Kunstwerk aufgezwungen hat. Ihm ist es zum guten Teil zuzuschreiben, wenn die Kunstwerke [...] ihrer eigentlichen Funktion enthoben und dafür in Bilder verwandelt sind: selbst die Bildnisse sind diesem Verwandlungsprozeß nicht entgangen. 

Sind Cäsars Büste oder Karl V. zu Pferde immer noch Cäsar und Karl V., so ist der Herzog von Olivarez nur noch Velazquez. Was kümmert es uns noch, er der Mann mit dem Goldhelm, wer der Mann mit dem Handschuh gewesen ist? Sie heißen für uns Rembrandt und Tizian. Ein Portrait ist nicht mehr in erster Linie Abbild eines bestimmten Menschen. 

Dienstag, 11. Mai 2021

Filmempfehlung - Im Fluß des Lebens enthalten (2)

Teil 2) Das Unmenschliche ist das dem Leben Entrissene, 
und muß vergehen

"So lebt der Mensch" lautet der Titel eines der Romane von André Malraux (Originaltitel "Condition humaine"), der den VdZ mit 18, 19 Jahren so tief geprägt hat, und man könnte auch diesen "links" nennen, wie "Tantas Almas". Aber - er ist nur das Leben! So ist doch der Mensch! Der Fischer nimmt sogar die Turnschuhe der soeben erschossenen Frau, die Mörder schenken sie ihm. Immerhin hat er nur simple Sandalos.

Montag, 10. Mai 2021

Filmempfehlung - Im Fluß des Lebens enthalten (1)

Diesmal soll der Film "Tantas Almas" (2019) von Federico Bissi nahegelebt werden. Wäre der VdZ nicht mit einer ziemlichen Verkühlung zu Bett gelegen (der April wird immer kälter, fällt dem Leser das auch auf?) und hätte fast beiläufig einen Film laufen lassen, er wäre um ein Erlebnis gekommen. Wie es eben an solchen müden Nachmittagen im Krankenbett, wo man nicht mehr so ganz malade ist, aber auch nicht fit genug um aufzustehen, so geschieht.

Samstag, 1. Dezember 2012

Macht Engel aus Tauchern!


aus 2007) "Weil Tintoretto Engel brauchte, nahm er die Schwimmer, die man in Venedig zuhauf antraf, als Vorbilder. Das Verhältnis des Künstlers zur Welt besteht immer darin, daß er Taucher nimmt, um aus ihnen die Engel zu machen, die er braucht." (A. Malraux)

P. S. Aus der Art, wie Tintoretto (Licht)Effekte einsetzt, nennt Malraux ihn "den größten Dekorateur Europas" - er war vom Problem der Regie besessen: Er ist der Erfinder der perspektivischen Untersicht, wie sie die Filmregisseure mit der "tiefer gestellten Kamera" einsetzen sollten".


*011212*

Donnerstag, 29. November 2012

Kunst geht Kultur voraus wie drein

aus 2007) "Für den Ägyptologen ist die Kunst Ägyptens ein Anhängsel Ägyptens, doch für fast jeden anderen ist die Seele Ägyptens eine von ägyptischer Kunst angeregte Vorstellung ... Das Werk verlangt nach den Formen der Welt nicht in gleich bestimmter Strenge wie diese nach dem Werk: die Stile haben sich stärker verändert als die Bäume." (A. Malraux)


*291112*

Dienstag, 20. November 2012

Neuer Stil als Weg der Überwindung der Lüge

aus 2007) "Es gibt keinen neutralen Stil. Ihm würden vielleicht alle nach lebenden Modellen ohne Deutung und Ausdruck geschaffenen Kopien angehören." Und selbst die scheinbar nichtssagendste Photographie hat einen Stil.

Die Meister der byzantinischen Kunst, die ihren Stil erfanden, haben sich kein Abstraktum - den "byzantinischen Stil" - vorgestellt. Sie empfanden nur ein starkes Gefühl des Widerspruchs zwischen den Formen der Antike und einer Welt, in der sie selbst lebten. Was sie also zu vernichten trachteten war der Stil des Vorhandenen, nach dem sie erst selbst noch gemalt hatten - die vom Menschen geschaffene Hierarchie der Welt bedeutete für sie aber Lüge. So entdeckten sie, daß das von Gott heimgesuchte Antlitz eine bessere Verkörperung der Majestät war als das Antlitz der großen Schauspieler, die die Rollen der Kaiser zu spielen hatten ...

Bestenfalls der Schattenriß (im übrigen: die vermutete Sichtweise der Tiere!), der Umriß ist kein Stil, weil er eigentlich Zeichen ist. Er verhält sich zur Kunst wie der Amtsstil zur Literatur als Kunst. Es gibt in der Kunst keinen neutralen Stil. So wenig, wie es Gedanken ohne Worte gibt. Kunstunterricht, der über die Handfertigkeit hinausführt, ist deshalb immer Auseinandersetzung mit sinnbedeutenden Elementen eines oder mehrer Stile.

Es gibt in der Kunstgeschichte kein Beispiel, wo ein Stil aus der Auseinandersetzung mit der Natur - und nicht aus der Auseinandersetzng mit einem anderen Stil entstanden ist. Kein Beispiel, wo ein Meisterwerk direkt aus der Theorie heraus entstanden wäre - ohne dem Umweg über die Auseinandersetzung mit einem anderen Künstler.

Erst, wenn Kunst nur noch Konvention ist, erschöpft sich Stil in (zeichengeübter, damit ornamentaler) "Handschrift".

(Nach A. Malraux, "Psychologie der Kunst")


*201112*

Sonntag, 18. November 2012

Kindliche künstlerische Betätigung und Kunst

aus 2007)

"... (auch wenn ... die besten kindlichen Werke starke Verführungskraft besitzen) ... Die Zeichnung des Kindes bleibt, nur der schöpferische Akt vergeht; ... das Kind oft künstlerisch tätig, aber doch nicht Künstler ist, insofern als es von seinem Talent besessen wird, dieses Talent aber noch nicht selbst besitzt; insofern als der Künstler auf seinem Werk - gegebenenfalls auf seinem eigenen - fußt und über es hinauszukommen versucht, was das Kind niemals tut. Kunst ist eben nicht Traum, sondern Herrschaft über den Traum.

... Die verführerische Kraft kindlicher Bilder liegt in ihrer Absichtslosigkeit; sobald Absicht spürbar wird, ist der Zauber dahin. Alles darf das Kind von seiner Kunst erwarten, nur nicht Bewußtheit und Beherrschung. Zwischen seinen Bildern und wirklicher Malerei liegt der gleiche Unterschied wie zwischen seinen Metaphern und Baudelaire. Es gibt zwischen seinem Reich und dem der Kunst keine Verbindung von Zusammenhang und Folge, sondern nur Verwandlung.

Die Kunst des Kindesalters vergeht mit dem Kindesalter. Zwischen Grecos Kinderzeichnungen und seinen venezianischen Bildern liegt der Unterschied nicht im Grad oder in der Vollendung, dazwischen liegt Grecos Bewunderung für Venedigs Maler." (A. Malraux)


*181112*

Sonntag, 21. Oktober 2012

Vom blinden Schicksal zur Ordnung


aus 2007) "Der Zuschauer nach einer Tragödie hat nicht den Wunsch, sich die Augen auszustechen, sondern wieder ins Theater zu gehen." In der Kunst fühlt er den Übergang vom Schicksal, das uns beherrscht, zu einer Welt, die auf ein menschliches Maß zurückgeführt, verstanden wird - die Welt verliert ihre Eigengesetzlichkeit und ihre Dämonie. Kunst bedeutet also immer Ordnung. So wie z. B. "bei Rembrandt jedes seiner großen Werke vom Grollen bezwungenen Schicksals umwittert" ist.

Der Kunstentdecker und der Künstler "... entwerten die Wirklichkeit, wie die christliche Welt und jede religiöse Welt sie entwertet. Und wie die Christen entwerten sie sie durch ihren Glauben an ein besonderes Vorrecht des Menschen, durch die Hoffnung, daß der Quell seiner Ewigkeit nicht im Chaos, sondern im Mensch selbst entspringt." (A. Malraux)


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Samstag, 20. Oktober 2012

Kunst als Rivalin der Welt

aus 2007) "Selbst Cäsars Eroberungen ... besitzen ihren Wert ... durch die Dichter, die sich der Träume der Menschen bemächtigten."

"Im Werke Michelangelos überlebt nicht Buonarotti, sondern seine Künstlerseele. (Auch die Religionen erhoffen eine Auferstehung nur durch Verwandlung, denn die verklärten Körper sind nicht die Leiber der Gräber.) Es geht nicht um ein Nachleben irgendwelcher bewegender Objekte, sondern jener Form die die Welt als Wert durch einen Menschen hindurch gewonnen hat; wenn der Mensch gestorben ist, beginnt diese Form ihr Leben, dessen Verlauf niemand vorauszusagen vermag."

Der dunkle, heiße Wille des Menschen zur Neuschöpfung der Welt hat seinen Sinn, wil alleine die neugeschaffenen Formen über den Tod hinaus wieder Gegenwart gewinnen.

Humanismus bedeutet nicht: "Was ich getan, hätte kein Tier vermocht", sondern: "Zurückgewiesen habe ich, was das Tier in mir gewollt, bin Mensch geworden ohne Hilfe der Götter."

Als ein Alchimist, der endlich Gold zu machen weiß - wenn auch nicht aus allem - ist der Künstler nicht Übersetzer der Welt: er ist ihr Rivale!

André Malraux, "Psychologie der Kunst - Die künstlerische Gestaltung | Das imaginäre Museum"


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Sonntag, 14. Oktober 2012

Rubens hat keine Hölle gemalt


aus 2007) Doch wäre es falsch, aus der Tatsache, daß nicht das Dargestellte, sondern der Stil (das Wie) die eigentliche künstlerische Aussage ist, zu folgern, daß jeder Künstler beliebige Sujets darstellen könne. Zweifellos bestehen persönliche Nähen und Fernen, und zweifellos bestehen stilbedingte Sujetvorlieben. "Aus einer richtungsbestimmten Sehweise wird der ungeheure Bereich, in den es nicht eindringt, erst ganz deutlich. ... Rubens malt keine Hölle und Rembrandt kein Paradies; Renoir keine Stühle und van Gogh keine Nymphen, auch nicht wenn sie als Wäscherinnen verkleidet sind ..."

Ganz reißt also das Band zwischen Stil und Sujet nie, so lose es auch sein mag. "Die Sprache, die sich das Genie (in langem Kampf) erobert hat, gestattet ihm keineswegs, alles zu sagen: nur all das, was es selbst sagen will." (A. Malraux)


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Freitag, 12. Oktober 2012

Unsinn der biographischen Deutung


aus 2007) Leidenschaftlich ereifert sich Malraux gegen die psychologistisch-biographistische Deutung der Kunst. Sie brächte keinerlei Gewinn.

"Wenn wir die Fresken abkratzen bis auf ihre unterste Schicht, um das Geheimnis des künstlerischen Genies zu lüften - am Ende tritt freilich nur der Verputz der Mauer zutage. Ein schöner Gewinn." Doch was sage das über die Entstehung eines Werks? Was sage uns, daß Leonardo ein uneheliches Kind sei darüber aus, daß wir nach vierhundert Jahren noch immer den Geier über der Felsgrottenmadonna suchten? All diese Geheimnisse würden dort belanglos, wo Kunst beginne: mit der Qualität. Überall, in jedem Werk, gäbe es etwas, das einfach nicht mehr zu fassen sei.

Was erkläre, daß Corot die Augenblicke, die er gemalt habe, nicht real in der Natur genossen habe und damit zufrieden gewesen sei? Es war eben eine unerklärliche Spannung, deren Fruchtbarkeit er benötigt wie gesucht habe. Keiner sage vor einer seiner Landschaften: "Was für ein Naurschauspiel!", sondern: "Was für ein Bild!"

Selbst die seltsamsten Inspirationen seien keine biographischen Zufälligkeiten oder psychoanalytische Mechanismen - sondern die Künstler riefen sie sogar selbst, bewußt oder unbewußt, und aus immer geheimnisvollen Gründen hervor. Der Künstler suche schlicht, was ihm dienstbar sein könne.

Die wesentliche Geschichte des Künstlers sei somit seine Biograpie als Künstler. "Jede Biograpie ist von ihrer Zeit umschlossen, weil jeder Künstler von vornherein ganz offenbar von einigen grundlegenden Werten dieser Zeit abhängig ist." Es sei auch belanglos, ob jemand zuerst Christ und dann Bürger oder umgekehrt sei - er gehöre zuallererst seiner Zeit an: "Er kann weder einer beliebigen, noch einer anderen Zeit als der eigenen angehören. Ewigen Stil gibt es genau so wenig wie neutralen Stil."

(Bild: Die Madonna von Cimbue)


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Mittwoch, 10. Oktober 2012

Logik des Mediums, nicht der Theorie



aus 2007) Hat also die Kunst nur eine Wahrheit des Materials, eine Wahrheit der Form - nie eine des (dargestellten) Inhalts? Man müßte das (zumindest nach der Logik Malraux') glauben:

(Malraux:) Noch nie habe sich eine Malerei als Malerei ausgegeben. Die Idee des Kunstgegenstandes sei erst in der Renaissance entstanden. Zuvor war ein Crucifix ein Crucifix - und nicht eine Skulptur. In der Renaissance verliere erst das Werk seine Funktion - zugunsten eines Stils.

Es sei immer eine Täuschung, daß sich die Wahrheit eines Künstlers in seinen Theorien finde. Er kenne nur "Aufrichtigkeit" (so Manet:) "Aufrichtigkeit hat die Wirkung, daß sie den Kunstwerken den Charkter eines Protests verleiht, während der Küsntler nur im Sinne hattte, seine Impression malerisch wiederzugeben." Cezanne: "Es gibt eine Logik der Farbe, und nur der darf der Maler gehorchen, niemals der des Gehirns." (Malraux)

Eigentlich müßte - ja: dürfte - man also aufatmen. Denn damit wäre die Kunst - heute - von der ideolgischen wie moralischen "Pflicht" endlich befreit! Die sie überall längst erstickt und zur Unkunst vergewaltigt, zu einer unfaßbaren Provinzialität herunterdrückt.





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Sonntag, 7. Oktober 2012

Jeder Zeit ihre Kunst


aus 2007) André Malraux: Ein Stil sei immer ein "sich entfalten", das nur in genau dieser bestimmten Zeit denkbar sei. Kein Stil wiederhole sich sohin. Schon gar, weil jedes Werk nur an einem einzigen Tag "spreche" - an dem, an dem es geschaffen würde.

"Das Reimser Lächeln ist eine Statue, die bis zum Ende des Barock mit jedem Jahrhundert an Starre zugenommen hat; doch als sie entstand, war sie wirklich ein Lächeln, eine Figur, die plötzlich eben gewonnen hatte ... Weder vor den realistischsten Flamen noch vor der unbeschwertesten Freiheit Italiens hat die Menge je eine lebende Figur anerkannt und im Triumph mit sich davongetragen: sondern vor einem Cimabue. (siehe: Bild von Leighton, 19. Jhd.) Für die Monochromie des Films sind wir erst empfänglich gworden, seitdem es den Farbfilm gibt. Die hieratisch strengen Photographien galten bei ihrem Entstehen als die Wirklichkeit selbst."

Jede noch so schwache Gegenwartskunst sei in eine Kultur hinein zeugungskräftiger als jedes noch so gut bestückte Museum.

Wiederbelebungen vergangener Künste seien auch in der Renaissance aus innerem Anruf entstanden - der in den Künstlern Antwort fand, weil sie aus diesen Formen heraus ihren - gegenwärtigen - Stil entwickelten. Bis dann der "David" Michelangelo's auf diese Form der Wiedererweckung hinwies. Der doch seine eigene Gegenwartskunst wurde.

Kein Winckelmann habe das erreicht, keine Theorie. Theorie bringe maximal den Stil des Rationalen hervor, und das heiße (nach Malraux): Nichts. Kunst zeuge sich nur formal, durch sich selbst - also aus Tradition. Das zeige die Bedeutung der Museen.



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Freitag, 5. Oktober 2012

Idee eines vollkommenen Armes


aus 2007) Malraux schreibt: Ingres verlangte von seinen Schülern, daß sie die Elemente idealer Schönheit isoliert zeichnen sollten. Und er meinte, daß das Talent darin bestehe, sie harmonisch zusammenzufügen. Wie ein vollkommener Körper ohne Arme die Vorstellung eines vollkommenen Armes hervorrufe, den man sich selbst nicht vorzustellen brauche. Filter für die Welt sei zuerst die Idee (der klassischen Schönheit), dann der Zustand des Werkes. "Der Künstler betrachtet die Welt durch die Lücke, welche die unvollendete Partie seines Zusammensetzspiels offen läßt. Doch seitdem an die Stelle klassischer Schönheit ein beliebiger anderer Wert getreten ist, sieht der Künstler immer nur duch diese Lücke."

Aber er wähle nicht zufällig. Delacroix meinte, daß die Natur ein Wörterbuch sei, mit Wörtern aber, die eine eigene Syntax besäßen, die nicht die Syntax der Kunst sei. Es sei Aufgabe des Künstlers, daraus Entlehnungen zu machen - um so die Welt (seinem inneren Gesetz nach) zu ordnen, dem Chaos zu entreißen - im schöpferischen Prozeß.

Der buddhistische Künstler (siehe z. B. Gandhara) entdeckte, daß die Figur Sammlung gewann, wenn er die Lider der Augen schloß. Er hat diesen Ausdruckswert jedoch nur gefunden, weil er innerhalb des lebendigen Formenkreises nach Möglichkeiten suchte, das griechische Antlitz (das Vorbild) zu verwandeln. "Er betrachtet das Schauspiel des Lebens wie einer, der den Schlüssel verloren hat und nun rundherum nach einem Instrument sucht, die Tür aufzubrechen. ... Die Welt ist nichts anderes als die weiteste dem Künstler an die Hand gegebene Möglichkeit zur Verwandlung seiner Kunst."



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Donnerstag, 4. Oktober 2012

Wie Neues entsteht

aus 2007) Malraux bringt eine Anekdote, die man sich vor 1914/18 in den Ateliers von Paris über Cezanne erzählt hat: Cezanne geht mit einem Sammler sowie einigen Malerkollegen auf dem Lande spazieren. Nach einem Frühstück im Grase merkt der Sammler, daß er seinen Mantel irgendwo liegengelassen haben müsse. Aber wo? 

Alle machen sich auf, ihn zu suchen. Cezanne blickt ins Weite, und sagt dann plötzlich: "Ich sehe da hinten ein Schwarz, das in der Natur nicht vorkommt!" Es ist der Mantel. "Jetzt weiß ich, was Goyas Schwarz ist," setzt Cezanne hinzu.


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Donnerstag, 8. April 2010

Erkenntnisrealität Kunst

"Ein römisch-ägyptisches Portrait auf einer Mumienumhüllung ist eine ebenso reale Tatsache wie die zeitgenössischen Sätze von Euklid. Vesal begründete in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Wissenschaft der menschlichen Anatomie; ein Jahrhundert früher aber hatte Jan van Eyck die Seele des Menschen in seinen Portraits zergliedert, und wer könnte sagen, welches die realste Tatsache ist - ein sezierter Leichnam im Spital St. Jean in Brügge oder das Portrait von Margaret von Eyck im Musée Communial derselben Stadt?

Der Wissenschaftler wird geltend machen, daß der Blutkreislauf eine verifizierbare Tatsache ist, was aber ist dann das van-Eyck-Portrait - eine Pseudo-Erklärung, wie der wissenschaftliche Philosoph sagen würde, *ein einen Gefühlszustand ausdrückendes Symbol*? Weshalb nennen wir dann van Eyck *den erschöpfendsten und quälendsten Interpreten der menschlichen Natur*, der jemals gelebt hat (Panofsky)? Der weitestgehende Anspruch, der für die Wissenschaft geltend gemacht werden kann, ist der, daß sie die Geschichte der Natur ist. Der weitestgehende Anspruch, der für die Kunst geltend gemacht werden kann, ist der, daß sie die Schaffung von Natur ist - daß sie eine völlig autonome Welt ins Leben ruft.

Dies ist der extreme Standpunkt von André Malraux; ich für meinen Teil begnüge mich damit, geltend zu machen, daß sie die vorhandene Welt erweitert, sie durch neue Tatsachen, durch Elemente vergrößert, die dem menschlichen Erlebnis Dauer verleihen."

Read greift, wie er sagt, nicht die Wissenschaft an, sondern nur deren heute vorgetragenen "Anspruch, die einzige ausreichende Grundlage der Philosophie zu sein oder mit der Vernunft selbst identisch zu sein."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"




*080410*

Dienstag, 18. November 2008

Worauf unser Wohlstand zurückgeht

Maxim Gorkij leitet einmal aus dem Anthropomorphismus - er führt Beispiele an, wo wir rein physikalisch-biologischen Vorgängen menschliche, personale Eigenschaften zumessen, wo wie wir der Kälte zuschreiben, daß "sie uns beißt" etc. etc. - schreibt einmal:

"... Nur deshalb haben die Menschen einen Gott über ihr Leben gesetzt, weil ihre besten Eigenschaften und Wünsche, die sich während des Arbeitsprozesse bildeten, in der Wirklichkeit keinen Platz hatten, weil der Kampf um das tägliche Brot so hart war.
Wir sehen daraus, daß Gott als eine überlebte Idee überflüssig werden würde, sobald fortschrittlich eingestellte Leute der Arbeiterklasse es richtig gelernt hätten, ihr Leben so zu reformieren, daß sich ihre besten Eigenschaften frei entfalten könnten. Damit gäbe es keine Notwendigkeit mehr, sein Bestes in Gott zu verstecken, weil man wüßte, auf welche Art sich dieses Beste in der lebendigen, irdischen Wirklichkeit verkörpern ließe.

Gott ist ebenso nach den Gesetzen der 'Abstraktion und Konkretisierung erschaffen worden wie die literarischen "Typen" (als Assemblierung verschiedenster charakterlicher Eigenschaft etc.; Anm.) die charakteristischen Ruhmestaten mehrerer Helden wurden "abstrahiert", abgesondert, danach werden diese Züge "konkretisiert" und zu einem Helfen zusammengefügt, zum Beispiel zu Herkules ..."

So nebenbei zeigt Gorkij die A-Personalität der griechischen Kunst auf (siehe auf diesen Seiten: die Einträge zu Andre Malraux!), die tatsächlich nur abstrahierte, deren bildende Kunst zum Beispiel deutlich diese Abstraktion offenbart (anders als die gute römische Kunst übrigens), und er leitet daraus generell die Kunst und ihr Wesen ab, was mit der Grundhaltung dieser Form von Utopisten (Gorkij war Kommunist) - dem Dualismus Geist/Körper - übereinstimmt, wo sich auch moralisches Handeln lediglich aus dem Willen ergibt (siehe unter anderem Kant).

Aber: was Gorkij 1928 eigentlich ganz präzis - sicher mehr, als er wollte - ausdrückt wie vorwegnimmt, ist nicht nur die Wirklichkeitssicht des Marxismus, sondern es könnte deshalb von heute sein, weil es die Grundlage dessen darstellt, was wir Sozialstaat" etc. nennen, was die Grundlage der Sozialpolitik von heute ist. Es ist eine Anthropologie, die den Menschen entpersönlicht, und seine Entfaltung zu einer FOLGE des Wohlstands macht. Auf diesem Gedanken, der eine (gewiß: sogar verführerische) Pervertierung der Pädagogik des Seins ist, fußt unser heutiger Sozialstaat.




*181108*

Freitag, 11. April 2008

Stil als Weg der Weltüberwindung

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"Der Künstler scheint die Welt "auf dem Weg über" einen Stil auf ihren Sinngehalt zurückzuführen; jede Epoche sieht in den Zügen ihres Schicksals eine gewisse brüderliche Verwandtschaft mit sich selbst. Wir erkennen das Schicksal unserer Zeit nur darum so schlecht, weil es besser ist, "kein Fisch zu sein, wenn man sein Aquarium betrachten will." Stile, in denen der Zusammenhang einer Kultur zur Entfaltung kommt (alle großen religiösen Stile) geben sich klarer zuerkennen als ein Stil, dessen Ausdruck Protest ist; im 19. Jahrhundert gibt es zwar Stile, doch nicht DEN Stil des 19. Jahrhunderts, wie es den gotischen Stil gibt: Im Stil des Individualismus tritt die Vielfalt deutlicher zutage als in den Stilen des seiner selbst noch nicht bewußten Individuums." (A. Malraux)

Hier erhebt sich freilich die Frage nach einer universalen Sinndeutung der Kunst, die sie über eine Sinndeutung, die - wie in obigem Absatz - bereits die Grenzen zum "Symptom" (der Künstler also nicht mehr als Herausgehobener und Überwinder, sondern als Teil dessen, worunter er selber leidet - damit eigentlich im Sinne Malraux': Als Gefangener dessen, was seinen eigenen Stil sogar noch verdeckt ... denn der Mensch ist gefährdet von der Unfreiheit, ist zerbrechliches Gefäß und Konglomerat ...) nicht mehr kennt, hinaushebt.

Die Antwort darauf ist eher in Gedanken eines Hans Sedlmayer zu erwarten, der, was die Gesamtstellung der Kunst anbelangt, in die Gedanken Malraux' "hereinsticht" wie eine Nadel. Ich denke da an "Kunst - Nichtkunst - Antikunst" in "Kunst und Wahrheit"

"Kunst" bzw. was als Kunst definiert wird - also: Täuschung - als Betrieb ist ja heute oft die Krankheit selbst!




*110408*

Aneignung der Welt im Stil

File:Pierre-Auguste Renoir - Les Grands Boulevards.jpg ...
Darstellung ist ein Stilmittel - nicht Stil ein Darstellungsmittel.

"... der chinesisch-japanische Impressionismus durch die Wahl des Flüchtig-Momentanen die Vorstellung eines Ewigen anzuregen sucht, in dem der Mensch sich wie im Nebel, den er betrachtet, verliert; daß unser Impressionismus dagegen in seiner Wahl des Momentanen dem Individuum zu dessen voller Kraft zu verhelfen sucht und damit vielleicht nur eine List der Malerei bedeutet, die einem Renoir (Bild: Les Grandes Boulevards) zur Freiheit verhelfen und einen Matisse erwecken will."

Der Künstler erobert so die Welt, indem er sie auf sein eigenes Formensystem zurückführt. So wie der Philosoph alles auf sein Ideensystem reduziert, der Physiker auf seine Gesetze. 


André Malraux





*110408*

Was wert ist ausgedrückt zu werden


"Der Nichtkünstler ist der Ansicht, ein Künstler verfahre so, wie er selbst verfahren würde, sollte er ein Kunstwerk machen; nur daß der Künstler dabei über wirkungskräftigere Mittel verfüge. Der Nicht-Künstler würde aber überhaupt nicht "verfahren", weil, was er macht, Erinnerung, Zeichen oder Erzählung, doch niemals ein Kunstwerk ist: eine Liebeserinnerung ist noch kein Gedicht, eine Zeugenaussage vor Gericht kein Roman, und ein Familienbildchen kein Gemälde."

Der Dichter, der Maler etc. ist von einer Form "besessen", selbst wenn diese von innen her vorgegebene Gestalt erst im Laufe des Schaffensprozesses klarer und klarer wird. Doch "selbst" ein Romanschriftsteller trägt in sich das Gesamt einer Formidee. Flaubert z. B. nennt die "Madame Bovary" seinen "Roman in braunrot", Salambo den in Purpur ... Im ersten Konzept Dostojewskijs für "Der Idiot" ist nicht einmal Rogoschin, sondern Myschkin der Mörder! Als Dostojewskij das ändert, ändert er nur die Namen - nicht einmal die bereits geschriebenen Szenen! Es sind die Formvorstellungen ... die auch oft über die Werke hinausgehen: Türen, die in "Die Erniedrigten und die Beleidigten" versuchen aufzumachen, finden sich dann in "Die Gebrüder Karamasow" geöffnet. "Die entscheidenden Werke schweben gleichsam über dem, was ihnen vorausgeht, und geben diesem bereits eine leichte Prägung: viel dunkler bliebe uns, was romanische Kunst an Gotischem schon in sich birgt, machte es die Gotik uns nicht selbst deutlich."

Jede dieser Vorstellungen bedeutet einen Bruch mit der bereits vorhandenen Kunst, aus der sie hervorgeht. "Ein Mensch, dem eine Fee den Geist des Mißvergnügens an allem, was existiert, nicht schon in die Wiege gelegt hat, wird niemals etwas Neues entdecken" (R. Wagner). Malraux stimmt dem zu, schränkt nur ein, daß Widerspruch nicht zornige Ablehnung sein muß. Denn das Entscheidende des Künstlers ist sein Wunsch nach Verwandlung! Und sei es, der Welt ihre Masken vom Gesicht zu reißen, um zu zeigen, daß mehr Glück in ihr vorhanden ist als man glauben möchte.

So ist die Anklage - ein Signum der modernen Kunst - viel mehr als aufgezeigte und erhoffte Erlösung zu verstehen. So offenbart sich im Werk der Sinn der Welt. Offenbart, was von der Welt überhaupt ausdruckswürdig war, selbst wenn dies Ablehnung der Welt bedeuten würde. "Für manche Künstler ist auch die überzeugendste Wirklichkeit nichts als Schein, Maske und Versuchung: verglichen mit der heiligen Begierde des Geistes, die nur durch höchste Kunst zu stillen ist, nichts als elende Gier des Auges ..."

Es geht um die Wahrheit der Malerei, nicht um Bewertung der dargestellten Vorgänge - letztere findet sich in ersterer! Dafür nehmen ein Rembrandt, ein Frans Hals (Bild: "Die Regentinnen des Altmännerhauses") Armut und Verachtung in Kauf, wirft ein Michelangelo den Papst aus dem Haus oder legt sich El Greco mit Philipp II. an. "Der Künstler entsteht aus Gefangenschaft eines Stils, durch den er von der Gefangenschaft in der Welt frei geworden ist."

André Malraux, "Psychologie der Kunst - Die künstlerische Gestaltung"





*110408*