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Montag, 10. Mai 2021

Filmempfehlung - Im Fluß des Lebens enthalten (1)

Diesmal soll der Film "Tantas Almas" (2019) von Federico Bissi nahegelebt werden. Wäre der VdZ nicht mit einer ziemlichen Verkühlung zu Bett gelegen (der April wird immer kälter, fällt dem Leser das auch auf?) und hätte fast beiläufig einen Film laufen lassen, er wäre um ein Erlebnis gekommen. Wie es eben an solchen müden Nachmittagen im Krankenbett, wo man nicht mehr so ganz malade ist, aber auch nicht fit genug um aufzustehen, so geschieht.

"Tantas Almas" ist aber ein fast zweieinhalbstündiges Epos, das den VdZ an Christopher Grimmelshausen's Epos über den 20-jährigen Krieg erinnert. Der Film erzählt genauso, in breiten, ruhigen Bildern und Szenen, in denen die Kamera, die den Blick repräsentiert, die Einstellungen nur wechselt, wenn es unbedingt notwendig ist. So rollt sich die Geschichte über einen Fischer in Kolumbien aus. Dem auf seinem tragischen Weg eine Episode nach der anderen widerfährt. Die er übersteht, um weiter seinem Ziel zu folgen.

Ein Fischer, ein alter Mann, der eines Morgens vom nächtlichen Fischen zurückkehrt - und feststellt, daß seine Söhne verschwunden sind. Wie er bald erfährt wurden sie von Paramilitärs, also inoffiziellen, von der Staatsmacht aber geduldeten (in Kolumbien aber sogar getragenen) Soldatenverbänden erschossen und in den Fluß geworfen. Da beginnt er, sie zu suchen. Denn er will sie begraben. 

Nach einigen Stunden findet er auch den ersten Sohn. Und begräbt ihn am Ufer. Doch der zweite Sohn will nicht aufzufinden sein. Also sucht er weiter, und findet ihn schließlich. Doch dabei wird er von eben jenen Soldaten erwischt, die ihn (und andere) erschossen haben, weil es angeblich Widerstandskämpfer waren. 

Er gibt nicht auf, und findet ihn schließlich unter den Totenlisten eines Friedhofs für aus dem Fluß gefischte Tote. Doch wieder wird er von den Soldaten, die spürbar jede Gewalt in Händen haben, auch die über Tod und Leben aus Willkür, aus dem Ort geworfen. Scheinbar geht er zurück. Doch als die Nacht hereinbricht schlägt er sich ins Gebüsch, kehrt zurück, bricht in das Gerätehaus des Friedhofs ein, und schaufelt die Gräber aus. 

Aus den zahlreichen Säcken, in denen die Toten (zerstückelt und unvollständig) begraben wurden, findet er den mit den Überresten seines Sohnes. In einer bewegenden Szene schlägt er ihm den Unterarm auseinander, wickelt einen Teil davon in sein T-Shirt, und wandert wieder zurück. Als er das Dorf verläßt, ist es bereits Morgen. Die Bestattungsoffizialin sieht ihn. Sie schickt ihre Tochter mit einem Leibchen. Er geht zum Fluß, nimmt eines der Boote, das dort am Ufer liegt, legt den eingewickelten Arm wie eine Leiche ins Vorboot, und rudert in würdigem langsamem Takt zurück.

QR Tantas Almas

"Tantas Almas" ist ein Film wie Christopher Grimmelshausens Bericht in der langen Tradition eines Reiseberichts. Voller Poesie, voller Wahrheit, voller tiefer Menschenbeobachtung, und voller Größe. Die der Fischer repräsentiert, dessen Reise durch ein Land geht, die dem Deutschland des 30-jährigen Krieges gleicht. 

Mit marodierenden Banden, einer schwachen oder korrupten Zentralmacht, Willkür, Schrecken und Tod, Selbstlosigkeit, Empathie und Hilfe genauso, wie Verrat und Lüge oder verzweifelte, absurde Ausgelassenheit. Vor allem aber immer wieder Soldaten, denen man oft nicht ausweichen kann, die zur Landplage, zum Schmarotzertum eines Volkes wurden, die ein Geschwür sind, das nur darauf wartet, entfernt zu werden.

Man erkennt das Tragende eines Volkes nicht an seinen Soldaten. Man erkennt es im Schicksal der einfachen Leute, mit aller dieser natürlichen Solidarität. 
Die da immer weiß, daß hier, auf unserer Seite, wir stehen, und daß wir uns immer gegen die dortdie auf der anderen Seite, der der Macht, die nicht wir sind. Gegen die man sich also helfen muß, um zu bestehen.  Wenn man so will, dann könnte man den Film "links" nennen, vielleicht wird er von manchen so gesehen. Aber, werter Leser, so muß man ihn keineswegs sehen. Er ist vielmehr eine ewig gleiche Geschichte.
Denn was macht das Leben der Menschen aus? Essen, fischen, ein bißchen Liebe, ein bißchen Zufriedenheit in einfachsten Unterkünften, ein bißchen Essen, und der Tod. Erst darauf, ERST DARAUF kann eine höhere, ausgefeiltere Kultur aufbauen, vergessen wir das nur nicht. 
Benennt man Flüsse nicht deshalb so oft nach Frauen? Und wenn schon nicht, wie beim Rhein, dann wenigstens die in ihnen hausenden, geheimen Wesen der Unterwelt, die das wirkliche Geschehen des Landes prägen? 
Auch der Rio Magdalena in Kolumbien ist der Bauch der immer Schwangeren, aus dem alles nicht nur kommt, sondern aus dessen Chthonischem, Amorphen, Möglichen erst alles kommt, das dann im immer dichteren, edleren Geflecht einer (wirklichen) Kultur real werden kann. Nicht nur der Fisch, der jeden überleben läßt, nicht immer üppig, aber ausreichend.

Morgen Teil 2) Das Unmenschliche ist das dem Leben Entrissene,
und muß vergehen


*180421*