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Sonntag, 23. Mai 2021

Wenn Kirchenretter in die midlife-crisis kommen

QR Skojec and Hoffer

Einen Tag, nachdem an dieser Stelle ein Beitrag, der das erste Mal vor genau zehn Jahren hier zu lesen stand, wieder aufgegriffen wurde, veröffentlichte Steve Skojec auf seinem Blog - einer zweiten Linie, die er seit einigen Monaten betreibt und in der er den Verengungen und der Resignation, in der er mit seiner kirchenkritischen Seite OnePeterFive gelandet ist, zu entkommen sucht - einen Beitrag, in dem er ebenfalls auf Hoffer Bezug nahm. Der VdZ daraufhin Leser R darauf aufmerksam gemacht, mit dem Hinweis, daß es doch eine seltsame Koinzidenz sei? 

QR OnePeterFive
Immerhin hat der VdZ vor etlichen Jahren eben diesem Amerikaner, der mit dieser monothematisch dem "Kirchenkampf" gewidmeten Seite versucht, seine mittlerweile zehnköpfige Familie durchzubringen, vor etlichen Jahren (da war OnePeterFive erst kurze Zeit im Netz) geschrieben. Und versucht ihn dezent darauf hinzuweisen, daß er einem Phantom nachläuft, und nicht merkt, daß das eine Sackgasse ist. Schon gar ist es eine contradictio in adjectio zu versuchen, die Menschen zu "kirchenpolitischer (und dann gleich auch noch sonstweder politischer, immerhin geht es ja auch um die Rettung der Kultur, als dann, wenn die Kirche gerettet ist oder so) Aktivität" aufzufordern, gar noch zu meinen, sie dazu bewegen oder eine Bewegung ins Leben rufen zu können. Tja, nun ist es wohl so gekommen. Als die Gläubiger allzu bedrängend, die Kontostände allzu minus wurden, sozusagen, hat Skojec einiges erkannt. Wenngleich die Ausreißbewegung, die der kroatischstämmige Amerikaner mit diesem Zuschlag Amerikanismus, ohne den es ein Amerikanersein nicht gibt, nun versucht, eine Naivität und Weltunerfahrenheit, aber auch einen protestantisch-technizistischen Weltzugang offenbart, die denn doch staunen macht. Staunen macht, weil jemand mit dieser inneren Struktur ein Ziel anzustreben vorgab, das schon von seinem innersten Wesen her eine völlig andere innere Charakteristik hat und damit braucht. So, wie jedes Ziel eine seiner Kategorie zugehörige Methode braucht. Das Katholische ist aber genau keine Methode, die sich betreiben und übernehmen ließe, und ohne eine Methode tun sich Amerikaner schon recht schwer. 

Den Ausreißversuch hat er freilich in eine Art zweiten Lebens eingehegt. In diesem Parallelblog (denn natürlich, einem Schriftsteller, als den sich Skojec begreift, ist das Schreibmedium auch tatsächlich Welt) hat sich Steve Skojec bisher aber gerne mit Themen befaßt, die wie ein Einblick in Bücher von Dale Carnegie wirken - und thematisch von "wie habe ich mehr finanziellen Erfolg" bis zu (tatsächlich kommt das aktuell vor) "UFOs gibt es, was nun?" reichen. Ist sie das also, die eigentlich hoch spannende Welt "da draußen" (weil im drinnen)?

Was daran so seltsam anmutet? Erfolg ist eine Kategorie, kein Ding, läßt sich also nicht direkt anstreben. Aber sage man das einem Amerikaner, ja überhaupt heute jemandem. Es ist eine der grassierendsten Zeitkrankheiten, wobei eigentlich Symptom.

Und UFOs? Also der VdZ zumindest hat noch keine gesehen, wenn er aus dem Fenster guckte, und ansonsten dazu eine recht eigene Meinung, die mit vulgarissimo Außerirdischen sicher nichts zu tun hat. Er hält es (einfach gesagt) für ein absolut unwichtiges, ja lächerliches Thema, OBWOHL ihn nicht wundern würde, wenn solche Erscheinungen real wären. Aber sie sind dann (wenn sie nicht technischer Betrug sind, was für einen Teil zumindest zutreffen dürfte) in eine ähnliche Kategorie einzuordnen wie Spuk, oder mediale Kontakte mit dem Jenseits: Was soll daran verwundern? 

Natürlich "gibt" es das. Aber es ist uninteressant, und kann rein gar nichts zur Erkenntnis der Welt beitragen, im Gegenteil, es braucht ERST die Erkenntnis, und DANN kann man sich diesen Phänomenen widmen. In allem darüber hinaus steht UFOmanie bestenfalls für Curiositas, für die Neugierde, die ein Laster ist. Dafür steht ein anderes, sittliches Problem auf. In dem man nämlich ein Pferd füttert, in dem man habituell Pferde vom Schwanz her aufzäumt. Und von "Erscheinungen" umwälzende Erkenntnisse über Welt und Wesen erwartet.

Was muß da passiert sein, daß jemand, der sich schon ab und zu mal das Schild "Ich bin katholisch, Du aber nicht" an seine Brust genagelt hatte, die nunmehr erfolgte Erkenntnis, daß er doch zu wenig aus dem Fenster geguckt habe, wie ein Abstinenzler quittiert, der nach dem ersten Schluck Wein die Welt in "seltsame Euphorie" abheben sieht. Und eine Unkenntnis offenbart, die eigentlich wütend macht, weil man das Gefühl haben könnte, daß hier jemand defraudantisch zu betrügen versucht hat. 

Jemand, der seine veritable Lebenskrise, mit "Midlife-Crisis" samt psychologischen Tips definiert, und nicht von der ontischen bzw. anthropologischen Dimension her zu begreifen versucht? Während sie durch die finanzielle Dauerkrise ausgelöst wurde, in der er sich und seine Familie gestürzt hat und aus der er nun aufgewacht ist. Die aber zwangsläufige Folge ist. Weil seine Werktätigkeitsillusion (in der er sich selbst - selbst! - zu seiner "Kirchenkritik" autorisiert hat, das kommt da noch dazu, oder vielmehr ist das die Wurzelsünde!) aus einem Tun erfließt, in dem er das Immanente zum expliziten Inhalt zu machen versucht hat. 

Was immer und schon deshalb scheitern muß, weil man irgendwann einmal entdecken sollte, daß die allzu vielen, die "mitziehen" und scheinbar eine Blase der Wichtigkeit und Wohlgetanheit herstellen, in Wahrheit (ebenfalls) nie mit "Realität" zu tun hatten, was im übrigen rasch dann einmal passiert, wenn man sich zu viel mit Ordensleuten, Beamten (Lehrern) und Klerikern umgibt. 

Aber wenden wir und noch einem anderen Dingelchen zu. Denn auf diese Entdeckung, daß Skojecs "Hoffer-Tag" mit der Hoffer-Reminiszenz auf dem Blog des VdZ zusammenfiel, hat Leser R (neben anderem) Folgendes zurückgeschrieben:

Liest er bei Dir und holt sich Anregungen? Oder ist es dem morphogenetischen Feld zuzuschreiben, dessen Existenz man damit begründet, daß es wohl mal Affen auf einer Insel gab, die plötzlich anfingen vor Verzehr ihre Bananen zu schälen, und auf einem weitentlegenen Teil der Erde ebenfalls Affen ihre Bananen begannen zu schälen? Oder ist es das Freudsche „kollektive Unbewußte“?

Das paßt zwar zum heutigen Pfingstsonntag, dem Fest des Heiligen Geistes. Denn damit hat all das zu tun. Der der Geist von jemandem ist, der den Sinnen vorenthalten bleibt, aber IM GEIST DA IST. 

Aber, werte Leser, heben wir uns das fürs nächste Mal auf. Lesen Sie vorerst einmal nur (oder frischen Sie die Erinnerung auf), was an dieser Stelle vor zehn Jahren zu lesen stand, und das den Titel trug Diskrepanzen und Notwendigkeiten


Eine Gesellschaft stagniert, schreibt Eric Hoffer in "Der Intellektuelle und die Masse", wenn die Intelligenzia im Dienst der Herrschenden steht, integriert und versorgt ist. Es widerspricht ihrem Wesen, zufrieden zu sein: der Intellektuelle muß ein unzufriedener Mensch sein. Gesellschaften, die auf breitem Boden Intellektueller stehen, mögen große Anfangserfolge haben, fallen aber bald in Stillstand. Es ist auffallend, daß dort, wo es den Intellektuellen gelingt, die Macht in Händen zu haben, es nie gelingt, ein schöpferisches Klima zu schaffen.

Kreativität und Schaffensimpuls braucht die existentielle Spannung, braucht den potenten Reizzustand, der den schöpferischen Fluß auslöst. Ein betriebsames, zweckgebundenes, erfülltes Leben entzieht den schöpferischen Kanälen alle Energien.

So sehr es verständlich sein mag, daß der Intellektuelle nach Anerkennung und Platz in der Gesellschaft sucht. "Dem schöpferischen Menschen," schreibt Hoffer sogar, "fehlt in der Regel die zur Ergreifung, Ausübung und vor allem zur Aufrechterhaltung der Macht erforderlichen Charakteranlage. Wenn Intellektuelle an die Macht gelangen, ist es deshalb meist der Pseudo-Intellektuelle, der den Ton angibt, und er hat dann auch die besseren Chancen, jeder Phase des kulturellen Geschehens den Stempel seiner Mediokrität und Ideenarmut aufzuprägen. Darüber hinaus braut sich in ihm wegen seiner schöpferischen Unfähigkeit ein mörderischer Haß auf jede Form von geistiger Brillanz zusammen, und er mag - wie etwa Stalin - versucht sein, eine grobe Nivellierung jeder Art von geistiger Tätigkeit zu erzwingen."

Der erste Schritt zur Wiederbelebung einer stagnierenden Gesellschaft kommt deshalb aus jenen Schichten, die den Herrschenden entfremdet sind, von den Rändern her, mit dem Auslöser des Fremden, Ungewohnten.

Es mag paradox erscheinen, aber weil die erste Wurzel des Schöpferischen in der Unzufriedenheit liegt, ist der Fortschritt einer Gesellschaft die Frucht der Unzufriedenheit und Ausgegrenztheit ihrer Eliten, "die den Mangel an Anerkennung durch die Verwirklichung und Entfaltung ihrer Anlagen und Talente kompensieren müssen."

Nachsatz 1: Es zählt wohl zu den bedrückendsten, zugleich unfruchtbarsten Mythen der Gegenwart, daß die Intelligenzia der Gegenwart - die Intellektuellen in obigem Sinn - sich als oppositionell versteht, obwohl sie Impulsgeber der herrschenden Moral und Handlungsimperative ist, und damit Herrschaft, nicht Opposition ist. Sogar für die Tatsache herrscht Blindheit, daß die (elitäre) Intellektualisierung des öffentlichen Diskurses auf der Ebene von Universität und Wissenschaft AN SICH eine Tradierung bestehender Sichtweisen bedeutet. Denn universitäre Wissenschaftlichkeit bedeutet ja an sich: den festgelegten, herrschenden Kriterien entsprechend.

Nachsatz 2: Man muß angesichts der Diskrepanz der Realitäten und obiger Analysen schmunzeln, denn Untersuchungen haben ergeben, daß über 90 Prozent (!) der Universitätsabsolventen einen "sicheren Beschäftigungshafen" suchen - also Integration, also Beteiligung an der Herrschaft der Elite, an deren Anerkennung, auch in Lohnschemata.


*220521*