| Der Pfarrhund - Photo by M |
Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Freitag, 24. Dezember 2021
Erwartung (2)
Samstag, 13. November 2021
Das immer ungerechte Geldgeben (2)
Das auf der sozialen Gefügtheit aufbaut, daß kein Mensch ohne Soziales existieren kann, daß dieses Soziale aber eine wechselseitige Zuweisung DURCH DIE GABE, durch die Verbindlichkeit, durch die Pflicht ist, den anderen "mehr als sich selbst" zu lieben. Und deshalb zu GEBEN, und nur zu GEBEN.
Freitag, 12. November 2021
Das immer ungerechte Geldgeben (1)
Wie das? Wie kann es das geben? Sind nicht die Gerichte voll mit Fällen, in denen der Richter aufgesucht wird, um durch seinen Spruch Gerechtigkeit zu schaffen, wenigstens annäherungsweise? Und geht es nicht im Handeln, im Wirtschaften (und jede Arbeit ist im Grunde ein Akt des Wirtschaftens; zur Arbeit aber besteht sogar ein anderes, nicht weniger radikales Gebot: Nur wer arbeitet soll auch essen. Gleichwohl: das Recht auf Essen - siehe das Gleichnis vom einen Denar, der allen Arbeitern im Weinberg zusteht, egal ob sie zur ersten oder zur elften Stunde kommen, als ginge es bei der Arbeit um einen symbolischen Akt, der als solcher das Gesetz erfüllt, nicht durch Quantität, nicht durch ausgerollte Meßbarkeit - nicht von der Menge der Arbeit abhängt, um das Recht auf den EINEN Lohn, das EINE Essen zu erwerben.
Mittwoch, 6. Januar 2021
Als das große Schweigen begann (2)
Die Liebe verschwand, Atheismus und Reichtum kehrte ein,
Vor allem war das Prinzip des "Gemeinwohls" verschwunden, bestenfalls noch auf ein "freundliches, wohltätiges Verhalten" zwischen Individuen reduziert worden. In dem das erste Gebot der Nächstenliebe, in dem alle übrigen Gebote enthalten sind, schon durch "Krumen vom Tisch" erfüllt war.
Um es mit den Worten des Ethnologen Marcel Mauss zu sagen, veränderte sich die Art, wie die Menschen miteinander umgingen, von einer Gesellschaft der Verbindlichkeit weil wechselseitigen Gebens (sic!) zu einer Renn- und Kampfarena, in dem der "Vorteile" hatte, der am rücksichtslosesten mit den anderen verfuhr, der vor allem überlegen wurde, weil er "clever" auf die Momente wartete, in denen der andere das mathematische Prinzip außer Acht ließ ... weil er liebte. Weil er eben nicht "an sich" dachte.
Denn mit Wettbewerb, mit dem Kampf aller gegen alle läßt sich eben keine gesellschaftliche Ordnung aufrichten. Wenn diese Ansicht im 18. Jahrhundert aufkam, dann nur deshalb, weil sie den monetär - worauf sich Größe und Reichtum bereits reduziert hatte - Mächtigsten, die längst nach den politischen Prozessen griffen, nützte. Weil sie die Gier und das unehrenhaft erworbene Gut absicherte.
Am deutlichsten wird das bei der Betrachtung des Begriffs "Reichtum". Der immer mit "Ehrenhaftigkeit" verquickt war, nun aber seine Bedeutung änderte: Nun war der Reiche der finanziell Mächtige, und ersetzte endgültig den Adel, wurde zur neuen Elite. Womit erstmals der dritte Stand zur Höhe des ersten aufrückte - das Zeitalter der Emporkömmlinge, der Neureichen, des Geldadels begann.
Denn längst hatte auch das Geld eine neue Stellung in der Kultur: Aus einem an sich bedeutungslosen Medium, das reines Mittel zum Zweck war, wurde nun ein Zweck an sich. Das als Geldkapital auf Opfer lauerte. Weil es durch die Zinsen als dem prägenden Merkmal der Hilfe, vor allem im Leihen, das jedes miteinander Leben und Arbeiten kennzeichnet, denn Gemeinschaft (bzw. Gesellschaft) ist immer eine zwischenmenschliche Gemeinschaft der wechselseitigen Verbindlichkeiten, also der Schulden - und das ist auch Geld: Ein Versprechen, eine Vereinbarung, eine "Fiktion".
Die wirkliche Katastrophe, die Nelson meint ist, daß im 18. Jahrhundert die Kirche den Widerstand gegen die Zinsnahme aufgab. Und zwar einfach dadurch, daß sie zu schweigen begann, wo sie aber laut aufschreien hätte müssen, weil die Zinsnahme selbst eine Todsünde war. Die nun aber zur Norm wurde, und damit eine ganze Kultur in rasendem Tempo zu einer Unkultur des Kampfes aller gegen alle machte. Der sich "Liberalismus" nannte, in welcher Lüge er das Wort "Freiheit" bis heute pervertiert.
Heute glaubt die überwältigende Mehrheit der sogenannten Christen auch tatsächlich, daß sich im Sozialstaat, diesem atheistisch-sozialistischen, antikulturellen Kretin, die christliche Nächstenliebe finde. Daß sie mit ihren Steuern und einem kleinen Spendenbeitrag zu Weihnachten ihre Pflicht zur Liebe erfüllt hätten. Während sie nicht nur den Rest des Jahres den Tod verbreiten, sondern über die habituellen Prägungen pervertierter Lebensvollzüge die nächsten Generationen heillos verderben.
Denn nicht nur erwuchs dieser Grundprägung der Gesellschaft heraus dann auch eine Überbevölkerungsideologie eines Malthus, und vor allem eine Evolutionslehre eines Darwin, sondern aus denselben immanenten Mechanismen heraus wurde er zur beherrschenden Ideologie des Abendlandes, dem er damit den Todesstoß versetzt hat.
Aber eine Todsünde ist diese Auffassung vom Wirtschaften als "Dienst an einem fremden Gott, als Dienst am Mammon" im moralischen Verständnis der Kirche bis heute. Auch wenn dieses Schweigen der Kirche bis heute anhält. Die sich lieber (weil es nicht so aneckt) auf den seicht-sentimentalen Verweis auf die "milde Gabe", das "Teilen" - siehe oben! - beschränkt.
Anstatt auf das große, ja himmelschreiende Unrecht hinzuweisen, das diese "milde Gabe", dieses "großherzige, ach so gute Teilen" meist überhaupt erst notwendig macht.
Oder (und man weiß nicht, was schlimmer ist, das Schweigen zum Kapitalismus oder dieses ideologistische Schreien) sie befördert einen menschenverachtenden Sozialismus, der auf derselben materialistischen, mechanistischen und evolutionistischen Anthropologie beruht wie der Kapitalismus.
Dienstag, 3. November 2020
Erste Entwürfe eines Gesamtbildes (2)
[...] Das heißt (wenn man so will) dann auch den Einschluß von "Sozialleistungen" für jene, die noch nicht oder nicht mehr am mehr oder weniger reziproken Wertaustausch egal aus welchen Gründen teilnehmen können. Das kann man dann meinetwegen "Sozialstaat" nennen. So war er jedenfalls gemeint, auch wenn man Röpke oder Erhard liest, obwohl letzterer deutlich liberalistisch war, Röpke hingegen noch viel substantieller abendländisch dachte.
Ich bin auf ihn sogar über Architekturkritik, die er in Istanbul verfaßt hat, gestoßen. Die ich vor etlichen Jahren (erinnerlich um viel Geld, noch dazu ist sie ein relativ dünnes Heft) bei einem Antiquar - ich weiß nicht wo - auftreiben konnte. Er hat schon vor hundert Jahren das Ende dieser Kultur wie deren Charakteristik aus der Architektur abgelesen. Dazu braucht man schon sehr tiefe geistige Fundamente. [...]
[...] Wenn das oben Gesagte nicht gegeben ist, wenn eine Gesellschaft (und ein darauf bezogenes Gefüge wie es der Staat ist) nicht auf diesen durch Dankbarkeit und Dankbarkeitspflicht zwischenmenschlich verankerten Grundzügen aufbaut, kann man von einem intakten Sozialgefüge gar nicht mehr sprechen.
Es ist auch nicht konstruierbar oder rekonstruierbar. Denn kein Zusammenleben läßt sich auf Gesetzen und Vorschriften aufbauen. Jedes soziale Gefüge, das sich nur oder auch nur vorrangig darauf berufen kann, bricht mit der Zeit zusammen, denn es wandelt sich von Solidar- zu Kampfverhältnissen. [...]
In einer christlichen Kultur aber will jeder die Gestalten vervollkommnen, die alle Seiten umschließen, also Dinge weil Orte (!) vollkommen machen. Und die Welt ist ein Mosaik von Orten, AUF DIE HIN jeder geschaffen wird. Das rechtfertigt dann das Vertrauen in Gottes Vorsehung, in dem sich jeder Mensch "sicher" fühlen kann, sodaß er seiner Hingabe kein Maß anlegen muß.
Er wird nicht verletzt, um es salopp zu sagen, wenn er sich auf seinen Ort hin transzendiert, selbst übersteigt, also nicht seinem niedrigen "Wollen" folgt, sondern dem Wollen des Heiligen Geistes gehorsam ist. Dort liegt ja dann seine maximale Freiheit, in der Anähnlichung an Gott, seinen Schöpfer.
Und wenn doch verstoßen wird (was immer heißt: Dem Eigenwillen folgen, der Welt, die einen umgibt, nicht Gerechtigkeit und Angemessenheit zutrauen), so ist das nicht Maß aller Dinge, sondern ein von allen anerkannter und zugestandener Bruch mit dem Ganzen, der sogar (wie im Verbrechen) von der Obrigkeit, vom Rechtssystem (das die inneren Gesetze der Kultur enthält, aber vor allem deren Grenzen aufzeigt) bestraft wird.
Auch gerechtes Wirtschaften entsteht somit, aus der Eigeninitiative der Einzelnen, auf das Gemeinwohl bezogen. In dem das Wohl und Heil möglichst aller gefördert - aber vor allem: nicht behindert - wird. Das jeder im letzten natürlich selbst und in Freiheit anstreben muß, ist somit nur eine Folge. Indem jeder allen Anrufen die wesensgemäßen (ortsgemäßen) Antworten gegenüberstellt. Das heißt, daß der "Kaufpreis" nichts anderes ist als eine dem Wert des erhaltenen Geschenks ("Verkaufsakt") entsprechende Wertleistung.
Wir hatten das bereits in unserer Kultur erreicht. Denn das ist die eigentliche Leistung des Abendlandes, die sich bis zur höchsten Kulturhöhe im Mittelalter, bis zum 12. Jahrhundert, steigerte. Als geschlossene, nicht von interkulturellen Wirtschafts- und sonstigen Beziehungen aufgebrochener Kulturraum. Als geschlossene Gesellschaft, in der sämtliche Obrigkeiten ihre Aufgabe darin sahen, diesen Raum nicht nur aufzubauen, sondern auch zu schützen.
Denn jedes soziale System - und man muß sogar so weit gehen, die gesamte Schöpfung, die gesamte Welt als solches zu sehen! - besteht NUR dann (weil alles ins Weltlose und Nichts abfällt, wenn es das Systemische, das Ganze aufgibt oder verläßt) wenn es auf seinem innersten Gesetz aufruht:
GABE und GEGENGABE, getragen und getrieben von der moralischen Verpflichtung zur (über-)adäquaten Gegengabe, in die hinein der Mensch sich opfert, auf die hin er sich transzendiert.
Das ist zugleich der einzige Sinn alles dessen, was wir als Wirtschaften bezeichnen, die Ausfluß des Lebensvollzugs ist, der ein Oszillieren einer Zweipoligkeit ist, die innerhalb eines Dritten, der Liebe, des Geistes (Freiheit, Liebe, Wahrheit, etc. etc.) west.
Die Welt wird somit von der aus Freiheit angenommenen Verbindlichkeit getragen - und das ist letztlich die Liebe. Deshalb braucht jedes System die Kirche als der perfekten Gesamtgestalt im Geiste, die die Welt hervortreibt: Die Kirche als einzige (!) Quelle der Menschen, und das heißt der Kultur, denn der Mensch ist Welt ALS Kultur.
Das Abendland kann somit nur durch und mit einer (starken, unangetasteten) Kirche ent- und bestehen. Wo immer diese als oberste Lehrerin und oberste moralische Instanz angezweifelt und verdrängt wird, bricht die Kultur auf das, was sich in Ersatzlehren, in neuen Weltgrammatiken ausdrückt - wie dem Evolutionismus, wie dem Liberalismus, dem Kapitalismus, dem Marxismus-Kommunismus, dem (fatalistischen) Hegelianismus (als falschem Bild vom Wesen der Geschichte), etc.
Nur im Maß auch, in dem die Welt christianisiert wird, kann eine Öffnung in die Internationalität geschehen. Eine Öffnung auf andere Kontinente zu. Wie 1492 nicht zufällig aus einem tief katholischen Spanien heraus tatsächlich geschehen ist.
Aber dies geschah bereits zu einem Zeitpunkt, wo die entscheidenden Brüche im (europäischen) Abendland bereits geschehen sind. Die sämtlich im "langen 13. Jahrhundert" abliefen. Jener Zeit, wo das Abendland aus einem "maximal dem Paradies, dem Traum ähnlichen Zustand" in einen (allgemeinen) Kriegsmodus fiel. Der fünf Jahrhunderte später den Kontinent buchstäblich in Ruinen legte. [...]
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Montag, 2. November 2020
Erste Entwürfe eines Gesamtbildes (1)
[...] Wo zuletzt sogar das ein stilles Anliegen wurde, den eigentlichen Denkprozeß nur zu provozieren, aber im Leser selbst ablaufen zu lassen, als dessen eigene Leistung. [...]
Und wie es das Gesetz des Theaters ist. Weil es das Gesetz der Erkenntnis in der Welt ist. Man findet in sich die Bausteine, und setzt sie schließlich selbst zusammen. Damit ist Erkenntnis wirklich jener schöpferische Prozeß, der sie sein muß. Wo die Tangenten verlängert werden, die Richtungen aufgenommen, in die alles weist - die Linien aber dann selbst verflochten werden müssen. Oder, wie im Theater, wie in der Kunst, die Bilder selbst entstehen weil selbst gebildet werden. Aus den Wirklichkeiten, die unsichtbar hinter allen dargestellten Dingen stehen.
Diese werden angedeutet, werden freigeschaufelt, werden durch Katharsis (die ein Verbrennen der niedrigen, falschen, sündigen Beimengungen zu allen faktischen, historischen Dingen ist) freigelegt. Und dann zu einer neuen Lösung verbunden. Die wiederum deshalb artikulierbar, darstellbar, in eigenen Bildern herstellbar ist, weil sie mit bereits vorliegenden höheren, himmlischen Wirklichkeiten (die man durch das in-der-Welt-sein in sich trägt, als Anrufe der Wahrheit, des Wissens Gottes) zu jener himmlischen Wirklichkeit werden, die letztlich der Heilige Geist IN UNS herstellt und bewirkt.
Somit ist es denn der Heilige Geist, der aus uns spricht. Tatsächlich, real. Nicht "wir". Und das geschieht im Sterben, im Wegnehmen von allem, was von uns als Eigenwille in die Welt strebt. So werden wir zum Fenster und Tor des Heiligen (Geistes). [...]
Und in diesem Punkt deckt sich alles, auch das Wirtschaften. Denn im Weggeben dessen, was uns behört, öffnen wir eben dieses Tor. Damit ist alles Herstellen und "Verkaufen" ein "Verschenken", dem aber - in der moralischen Entsprechung - ein Wiederschenken begegnet.
Das ist es, was die Verbindlichkeit menschlicher Gesellschaft(en) ausmacht. Das ist es, was eine christliche Kultur so einzigartig macht, und so bedeutend. In der die Obrigkeiten dafür zu sorgen haben, daß sie frei bleibt von fremden Einflüssen, die diese Gegebenheiten ausnützen wollen oder könnten. Weil sie auf Werten beruhen, die dieser christlichen Ethik nicht entsprechen.
[...] Nur auf dieser Grundlage, der Verbindlichkeit von Geschenk und Gegengeschenk, entsteht überhaupt (!) ein soziales, ein wirklich soziales Gefüge. Das seine Moral aus einer allgemeinen und allgemein wechselseitigen Verbindlichkeit aus persönlichen Verpflichtungs- wie Vertrauensverhältnissen bezieht. [...]
[...] SOZIALE GEFÜGE, DIE IN SOLIDARITÄT UND VERBINDLICHKEIT mit offener Zukunft BESTEHEN WOLLEN, KÖNNEN NUR AUF DANKBARKEITSVERHÄLTNISSEN AUFGEBAUT WERDEN.
Die Implikationen dieser Feststellung reichen dermaßen weit, daß sie auszuführen hieße, eine komplette Anthropologie, ja eine Metaphysik der Schöpfung selbst auszuführen. Denn alles ist als Dank auf Gott hin ausgerichtet.
Weil ein Werk Eigenschaften seines Hervorbringers hat, stoßen wir damit direkt ins Herz einer Analogie zur Dreifaltigkeit. In der Gott im Heiligen Geist sich selbst ein Dank- und Sühnopfer darbringt. [...]
Morgen Teil 2)
Sonntag, 1. November 2020
Vom Preis und vom Schenken
Die wichtigste Funktion des Potlatch, diese bei so vielen Völkern zu beobachtende "Orgie des Herschenkens", der die Abendländer scheinbar so fremd gegenüberstehen*, könnte man fast übersehen, schreibt Marcel Mauss in "Die Gabe". Es ist die ständig wieder erinnerte, etablierte Hierarchie zwischen Häuptling und Vasallen und deren Dienern. Aber keineswegs aus "niedrigen Motiven" des bloßen Übertrumpfens, und schon gar nicht, um jemanden zu beschämen.**
Dieses Herschenken, das manchmal bis zum Selbstruin geht***, geschieht vielmehr aus höchst edlen, moralisch hochstehenden Beweggründen. Denn Geben heißt, (moralische) Überlegenheit, moralischen Hochstand durch die Fähigkeit zur Selbstüberschreitung zu beweisen, also magister zu sein.
Annehmen ohne zu erwidern hingegen heißt, sich unterzuordnen, minister zu sein, tiefer zu sinken, Knecht und Gefolge zu werden.
Was dieser Ansatz (deshalb) an Kraft hat, die Ehe und ihre Stellung in der Gegenwart zu erhellen, werden wir noch zeigen.
*Was so formuliert gar nicht stimmt. Denn auch bei uns war nicht nur, sondern ist ein Treffen, bei dem das Herschenken im Mittelpunkt steht, noch viel häufiger und lebendiger als man meinen könnte. Denn wenn sich die Verwandten zu bestimmten Anlässen treffen (mal mehr, mal weniger) und einander beschenken, so finden sich alle die Potlasch-Elemente genau so, wie sie bei den "Naturvölkern" üblich waren oder nach wie vor sind.
Auch darin, daß man nicht nur schenkt, sondern dieses Schenken eine unausgesprochene (oft sogar unbewußte) wechselseitige Verpflichtung ist. Es "bedeutet etwas", wenn man jemandem nichts (oder etwas) schenkt. Und man fühlt sich verpflichtet, ein Geschenk mit einem Gegengeschenk zu erwidern.
**Deshalb schenkt man auch nicht einfach "so", sondern es gehört zur Kunst des Gebens, den Beschenkten nicht zu beschämen, sondern ihn möglichst in der Hingabe zu übertreffen, diesem eigentlichen Geschenk. Das heißt, daß der Beschenkte durch ein Gegengeschenk in der Lage sein muß, einer durch die Gabe moralisch entstandenen Verpflichtung (!) durch ein Gegengeschenk zu begegnen. Das aber wiederum nach seinem Stand (als Ort in der Hierarchie) bemessen sein muß.
Um das auf die Schnelle zu überprüfen, möge der Leser doch die Gegenprobe machen und sich ausmalen, wie man sich verhält, wenn jemand Geschenke nie entgegnet.
Auch wenn man (angeblich) nicht gerne hört, daß Geschenk mit Gegengabe zu tun hat, so sind sogar die Bedenken unangebracht, in diesem Zusammenhang das Wort vom "bezahlen" oder vom "angemessenen Preis" in die Runde zu werfen. (Was bis zum Wesen von Geld fortzudenken ist, darüber ein andermal mehr.)
Denn darauf geht das zurück, was wir heute als ... Wirtschaft, als Angebot und Nachfrage, als Preis und Wert etc. bezeichnen. Praktisch das gesamte Wirtschaftsvokabular hat in Wahrheit eine in der "bloßen" Zwischenmenschlichkeit und deren sozialer Kommunikationstonleiter seinen Ursprung.
So nebenbei stoßen wir hier auf die Gründe für die Tatsache, daß es heute sowohl an der Fähigkeit zu schenken, Geschenke anzunehmen und dem Problem mangelnder Dankbarkeit zu mangeln scheint. Es hat damit zu tun, daß in einer Epoche, in der Identität mangels sozialer Institutionalisierung und Einordnung (was sogar Grundsatz der Pädagogik wurde) nicht mehr besteht, ist jedes Geschenk "bedrohlich" und muß zum "Recht" werden. Das betrifft auch die "Sozialleistungen".
***Sogar das ist in unseren Ländern alles andere als unbekannt. Man denke an ein Hochzeitsfest! Das keineswegs nur bei (zugewanderten) Türken eine wahre Geschenkorgie ist, die so manches Ausrichters reguläre wirtschaftliche Potenz deutlich übersteigen. Und zwar bei den Ausrichtern (Brautleuten bzw. Brauteltern) wie bei den Gästen.