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Samstag, 20. August 2022

Gedankensplitter (1431)

Man kann mit Fug und Recht mit Robert Spaemann sagen, daß der heutige Mensch in Jean Jacques Rousseau seinen Protototyp hat. Nahezu seine gesamte Philosophie kann als Schale herangehzogen und mit den heute landläufigen und dominanten, auch "wissenschaftlichen" Anschauungen befüllt werden -es wird nahezu kein Rest mehr bleiben. Keine Leerstelle, und kein Rest. Es deckt sich verblüffend.

Offenbar dauert es also 200 Jahre, bis sich eine Philosophie verallgemeinert. Auch wenn das kein Automatismus ist, sondern wiederum ganz bestimmten (persönlichen!) Motivkämpfen unterliegt, so kann bei den Ieen von Rouseau doch gesagt werden, daß sie so fundamental in die menschliche Psyche eingreifen, daß sie tatsächlich "weltbewegend" waren, und diees Kultur zutiefst durchwirkt haben. 

Freitag, 18. Dezember 2020

Wende der Optimierungstechnik

Auf Anregung von Leser R bringt der VdZ diesen Artikel aus dem Oktober 2010 noch einmal. Er sei, so R, so frisch und aktuell, dabei aber so vorausschauend, als sei er heute geschrieben. Gern geschehen!

Die Kosten nicht kalkuliert 

 

"Unbegrenztes exponentielles Wachstum, endgültige Überwindung von Knappheit war die gemeinsame Voraussetzung der technokratischen und der radikal-emanzipatorischen Ideologie. Marxistische Panegyriker einer verwandelten und humanisierten Natur und einer am Ende auch verwandelten Natur des Menschen dachten ja nur jene Utopie zu Ende, die, wie Jonas zeigt, strukturell in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation verankert ist: die Verwandlung der Realität in Science-Fiction. 

Sie macht den Menschen im ursprünglichen Sinne des Wortes "utopisch", das heißt ortlos, indem sie ihn der ökologischen Nische entreißt, in der alles Lebendige angesiedelt ist. Jonas hat das Ruchlose dieses utopischen Optimismus sichtbar gemacht, und er läßt sich nicht verblüffen durch das Argument, wir könnten doch nicht zurück wollen zum Neandertaler, zur Sklaverei und zur Operation ohne Narkose. 

Man muß nämlich nicht leugnen, daß es in vielen Hinsichten für die Menschen auf der Erde Verbesserungen gegeben hat und daß viele Menschen heute noch vergeblich auf die Früchte dieser Verbesserungen warten, um gleichzeitig zu sehen, daß der Fortschritt im Singular ein Mythos war, daß jeder Fortschritt im Einzelnen verantwortlich in Beziehung zu seinem Preis gesetzt werden muß, und daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt [was auf unser ökonomisches und zwischenmenschliches Verhalten gleichfalls längst anzuwenden ist, denn wir haben es hier mit einer allgemeinen Haltung in immer individueller Gestalt zu tun; Anm.] inzwischen bei uns längst unter das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens geraten ist."

Robert Spaemann, in "Laudatio für Hans Jonas"

***

Vor mittlerweile fünfzehn Jahren habe ich über diesen letzten Satz mit dem so hochzuschätzenden Pädagogen und Philosophen Walter Braun (dem ich so viel verdanke) einen brieflichen Disput geführt, der - Kriegsgeneration, und deshalb aus völlig anderem Erlebenshintergrund als ich - diese Folgerung (die Spaemann, mit Jonas, sehr richtig sieht) zu ziehen verweigerte. Denn diesen Satz Spaemanns kann man an dem (damaligen) konkreten Diskussionspunkt illustrieren: 

Die Folgen für die menschliche Basis des einzelnen Kindes aus dem, was mit dem Schulbesuch (damals ging es darum) einhergehend auf ihn zukommt, sind so dramatisch zerstörerisch, daß das Wort '"Bildung" völlig neu durchgedacht werden muß, weil es vom Hintergrund eines verpflichtenden Besuchs öffentlicher Schulen abgelöst werden muß. Gleiches läßt sich auf mittlerweile nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche anwenden, deren fortlebende kulturelle Gestalt ursprünglich einem Übel abhelfen sollte (bzw. Wirklichung der Einzelnen zur Kultur institutionalisierte), längst aber weit mehr neue und vernichtende Übel hervorruft. Weil die humane Basis, die Fähigkeit sich noch aus eigener Kraft zu sich selbst zu regenerieren, nach diesem (Doderer) Kübel, der ihm über den Kopf gestülpt wurde den Dreck noch wegzuräumen, der an ihm zeitlebens herunterläuft, nachhaltig zerstört ist.

Besonders deutlich auch wird dieser Satz in manchen Bereichen heutiger "Medizin", deren "Kollateralschäden" (Stichworte: unter anderem Fortpflanzungsmedizin; Transplantationsmedizin) jeden Nutzen bei weitem übertreffen.

Dieser letzte Satz Spaemanns bedeutet tatsächlich historisch einen Aufruf zur "Wende", zu einem Abschied von Paradigmen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte bestimmend waren. Wir stehen vor einem dramatischen Umbruch - den wir entweder gestaltend annehmen, oder aber über uns hereinbrechen lassen, wie es die Linke (interessanterweise, und gegen alle Beteuerungen) als die konservierende Kraft (denn die Utopie ist mittlerweile, weil als Handlungs- und Politikparadigma etabliert, konservatives Element) ansteuert.

Denn - wie oben formuliert - die Normalität wurde zerstört. Während sonst die Normalität der (ungefähre) Rahmen des ethisch Guten ist, ist er heute der Rahmen einer zerstörerischen Ethik. Denn die Erhaltensbedingungen des Menschen sind eben nicht - wie in der prinzipiell wertfreien Technik, die Ethik nur als Optimierungsstrategie versteht - beliebig variabel.
 
 
 
*021220*

Montag, 9. Oktober 2017

Hört auf die Alten, hört auf die Weisen!

Wir erlauben uns an dieser Stelle, eine Meldung von gloria.tv 1:1 zu übernehmen. Ein weiterer Kommentar dazu ist nicht  notwendig.

Keine akademische Freiheit

Der Rauswurf von Josef Seifert durch den spanischen Erzbischof Javier Martínez hat den Philosoph Robert Spaemann geschockt. Seifert wurde entlassen, weil er Amoris Laetitia in einem wissenschaftlichen Beitrag kritisiert hatte. Für Spaemann ist der Schritt von Martínez unvereinbar mit der akademischen Freiheit. In der Philosophie zählten Argumente, nicht die Meinung des regierenden Papstes.

„Franziskus widerspricht der katholischen Lehre ausdrücklich“

Spaemann weist darauf hin, dass Seifert den Bruch zwischen Amoris Laetitia und den Lehren von Paul VI. und Johannes Paul II. sauber dargelegt hat. Johannes Paul II. legte dar, dass es beim Verbot der Sakramentenspendung an Ehebrechern keine Ausnahmen geben kann. Spaemann stellt fest, dass Franziskus dieser Lehre, wie sie in der Enzyklika Veritatis Splendor von 1993 dargelegt wird, ausdrücklich widerspricht.

Amoris Laetitia hat die Kirche gespalten

Angesprochen auf seine Vorhersage von 2016, dass Amoris Laetitia die Kirche spalten werde, sagt Spaemann, dass die Spaltung tatsächlich eingetreten ist. Zitat: „Verschiedene Bischofskonferenzen haben gegenteilige Leitlinien veröffentlicht.“

Schlimmer als unter den Nazis

Spaemann weist darauf hin, dass die christliche Moral seit dem alten Rom nicht immer mit der vorherrschenden gesellschaftlichen Meinung übereinstimmte. Über die gegenwärtige Situation sagt der 90jährige - Zitat: „Es war in der Nazi-Zeit leichter, ein gläubiger Christ zu sein, als heute.“


*021017*

Sonntag, 8. Januar 2017

Das Schisma steht bereits auf Schiene (1)

Bereits im Juni 2013, wenige Wochen nach der Wahl des Argentiniers Jorge Maria Kard. Bergoglio zum Papst, der sich dann Franziskus nannte, hatte der VdZ in einer hier vorzufindenden Analyse nicht nur vorhergesagt, daß dieses Pontifikat ungezählte, ja dramatische Verwirrung bringen würde, sondern auch, daß der Moment kommen wird, wo sich dieser Papst zu einer klaren Häresie bekennt. Das hat er als unvermeidlich dargestellt. Und begründet.

Die Lüge bringt sich eben irgendwann einmal selbst zu Fall, das ist unvermeidlich, und sei es durch scheinbar unwichtige Nebenereignisse. Eine der Erkenntnisse aus den Ereignissen vor rd. 15 Jahren um Bischof Krenn (Gott hab ihn selig), die der VdZ wie eine Tröstung gezogen hat.

Mit Amoris Laetitia dürfte dieser Schritt drei Jahre nach dem Beginn dieses (in manch anderer Hinsicht ebenfalls) seltsamen Pontifikats definitiv sein (wenngleich er viele male längst angezeigt war, die aber jedesmal sophistisch-verlogen von allen Möglichen und vor allem von einem drecksweichen, kirchensteuerverfressenen Beamtenklerus schöngeredet wurden). Und er wird immer definitiver, ja wird sogar zu einer Kirchenspaltung führen.

Diese Befürchtung - gleichfalls aus Überlegung - äußert nun der fast bedauernswert zurückhaltende deutsche Philosoph Robert Spaemann in einem seiner wenigen aktuellen Interviews. Wo er auf die Dubia (=Zweifel) der (offiziell) vier, in Wahrheit fünf Kardinäle (plus einem Erzbischof) eingeht, die, nachdem der Papst auf eine nur intern zu bleibende Anfrage bezüglich des Dokuments nicht geantwortet hatte, diese Anfrage tatsächlich öffentlich machten. Und dabei nicht nur einen der wenigen möglichen kirchenrechtlich vorgesehenen Wege beschritten, gegen einen häretischen Papst vorzugehen, sondern auch noch recht christlich brüderlich-behutsam blieben. Aber Bergoglio ganz sachlich enorm unter Druck setzten, sodaß dieser, wie berichtet wird (und nicht zum ersten mal) mit Wutausbrüchen reagiert haben soll. Ein Gerücht, gewiß, aber leider ein sehr glaubwürdiges.* Spaemann nennt es sogar "deplorable", also: bedauerlich, daß NUR FÜNF KARDINÄLE diesen Dubia beigetreten sind. Denn was solle ein Katholik sonst tun?

Der Papst aber schweigt, nach wie vor, und das ist nicht verwunderlich. Vielmehr ließ er sich durch höchst fragwürdige Personen** und sogar Kardinäle "verteidigen". (Die, wie sollte es anders sein, gerne auch einmal "drohen". Wie schon so oft gesagt: Die Linke KANN nur drohen!) Denn auf die eine oder andere Art wird er mit einer Antwort eine Seite brüskieren. Das wird mit immer höherer Gefahr zu einer Kirchenspaltung führen, meint Spaemann. Denn aus diesem Dilemma kann sich Franziskus nicht mehr retten, ohne grundsätzliche Klärungen zu bringen. In denen er entweder der traditionellen Lehre der Kirche beitritt, oder sie abschafft. Und das zu wollen hat er ja bereits in einem Schreiben an die Argentinische Bischofskonferenz verlautet, wo er sich festgelegt HAT. Auf die Häresie. Prompt kam der erste offiziell formulierte Widerspruch - von Laien aus den USA. Wir haben den ersten Akt dieses kirchenhistorisch nicht gerade häufigen, aber doch auch nicht ganz ungewöhnlichen Schritts auf diesen Seiten erstmals ins Deutsche übertragen vorgestellt.

In beiden Fällen wird Franziskus, Papst in Rom, also nicht nur einen nächste seiner zahllosen und schwerwiegenden Verwirrungsakte gesetzt haben, sondern in beiden Fällen wird (oder würde) er eine grundsätzliche Richtung ausschließen. Und das tut er auch, und zwar gerade, indem er nach wie vor NICHT antwortet, und damit die Seite der o. a. Kardinäle zu weiterem Handeln zwingt. Denn Amoris Laetitia KANN nicht mehr einfach NICHT widersprochen werden. Hier geht es nicht um Zuckersträusel, hier geht es ums Eingemachte. Ja, hier geht es um einen in der Praxis längst und vielfach verbreitet eingeschlagenen Weg des Irrtums, wie er seit dem 2. Vatikanum die Kirche deformiert hat.

Was viele ohnehin schon lange wußten, hat sich also in Amoris Laetitia manifestiert: Dieser Papst ist ein Häretiker. Der wie der Aids-Virus versucht hat, mit viel Zucker breiten Grinsens zu vertuschen, daß er die tödliche Krankheit des Irrtums einschleppt.


*Daß dieser Papst einen schweren sittlich-charakterlichen Defekt haben muß, hat der VdZ bereits mehrmals hier geäußert und - vor allem - begründet. 

**Einer der herausragendsten "Verteidiger" von Franziskus war Monsignore Pio Vito Pinto, Dekan der Römischen Rota (Kirchengericht). Der - eiderdautz! wie kommt denn das? - auf der legendären "Lista Pecorelli" auftaucht. Jener Liste, in der schon vor etlichen Jahren hochrangige Kleriker als Mitglieder der Freimauerer auftauchten. Was NACH WIE VOR bei Strafe der Exkommunikation verboten ist. Steve Skojec (dessen nüchterne Sachbezogenheit die des VdZ sehr wahrscheinlich übersteigt, Skojec wurde ja auch nie von der Kirche hinausgeworfen, ist also einfacher "Laie" und Familienvater (sieben Kinder), der versucht, in diesem heutigen Irrsinn noch katholisch zu bleiben; was der VdZ auch versucht, aber mit gewisser Vorbelastung, keine Frage) von OnePeterFive berichtet davon, und er war ähnlich von diesem offensichtlichen, dabei so logischen Zusammenhang überrascht wie der VdZ. Es handelt sich hier also auch hier nicht um eine "Verschwörungstheorie", sondern um eine reale Verschwörung, machen wir uns doch nichts vor. Das sind die Vertrauten dieses Papstes!


*051216*

Montag, 28. Dezember 2015

Zu spät, Du rettest den Papst nicht mehr

Die Relativität (die Vermittlung über den konsequentialistischen Zwischenschritt: mein Handeln selbst ist nicht schlecht, sondern dessen Folgen), die Globalität (daß es kein unmittelbares Opfer meines Handelns gib) und der Zeithorizont (die Zukünftigkeit der Handlungsfolgen) machen die Forderung der Klimaethik nach Verantwortungsübernahme höchst problematisch, weil sie konkret und unmittelbar in das Leben eingreift und den Menschen im Hier und Jetzt etwas zumutete, dessen Folgen im Dort und Dann liegen. (Noch dazu: Dezidiert, auch von den Klimapanikern, nur: möglicherweise; Anm.)

Zudem bleiben Grundprobleme des Konsequentialismus in einer verantwortungszentrierten Klimaethik bestehen. Robert Spaemann sieht in der an den Folgen orientierten Verantwortungsethik einen Akt der Selbstvergötterung des Menschen: 

"Eine atheistische Zivilisation neigt schon deshalb zum totalen Konsequentialismus in der Moral, weil dort, wo Gott nicht als Herr der Geschichte verstanden wird, Menschen versucht sind, die Totalverantwortung für das, was geschieht, zu übernehmen und so die Differenz zwischen Moral und Geschichtsphilosophie aufzuheben." 

Dabei sei sich die utilitaristische Ethik nicht der Beweislast bewußt, die sie übernimmt, und über das Ausmaß der Last, die sie den Menschen aufbürdet, wenn sie die universalteleologische Orientierung ihres Konzepts, die in der theologischen Tradition immer als göttliche Prärogative gedacht ist, unmittelbar auf den handelnden Menschen überträgt. 

Spaemann sieht weiterhin einen Hauptkritikpunkt an der Verantwortungsethik im Übergang von der verbindlichen Einzel- zur unverbindlichen Gesamtverantwortung im ethischen Kalkül des Utilitarismus: "Das konsequentialistische Ethikverständnis, daß sich selbst als verantwortungsethisch versteht, zerstört den Begriff der sittlichen Verantwortung durch Überdehnung. Die konkrete Verantwortung handelnder Menschen wird zu einer bloß instrumentellen Funktion im Rahmen einer stets fiktiv bleibenden Gesamtverantwortung."

Josef Bordat in einem letztendlich kläglich mißlungenen Versuch in "Theologisches", die Enzyklika "laudato si" moralphilosophisch stringent zu lesen. Denn der Rahmen, auf den hin sich aus diesem Gewölle "Positives" herauslesen ließe, ist ja schon alleine aufgrund der Adressaten sowie der erwartbaren Wirkung gar nicht gegeben, bei allen inhaltlichen Problemen, die Bordat unter allerlei Verrenkungen hinzukriegen versucht. 

Der VdZ kennt dabei sogar international maßgebliche Aktivisten in der Klimarettungsbewegung. NICHT EINER davon erfüllte diese Voraussetzungen, die Enzyklika in jenem Rahmen zu lesen, noch dazu selektiv und hoch subtil, in dem sich die Voraussetzung erfüllen würde, die darin Wahres erkennen könnte. Nicht einer wüßte, was Bordat überhaupt meint. Nicht einmal Bergoglio. Insofern sind solche Interpretations- bzw. Rettungsversuche nicht nur eine Lüge, und anderseits sogar Ausweis von Verachtung gegenüber dessen Verfasser.
Warum nennt Bordat es denn nicht einfach beim Namen? Klimaalarmist kann man nur sein, wenn man Atheist (oder bzw. und strohdumm und unsittlich) ist. So einfach ist das. Deshalb transportiert der Klimaalarmismus DIREKT Atheismus, und das ist eindeutig! So ein philosophisch-theologisches Desaster wie diese hundertfünfzig Seiten Bockmist noch retten zu wollen, weil man irgendwie auch alles und jedes dort erwähnt findet, ist in sich UNSITTLICH und verkennt willentlich das Wesen einer Rede.

*281215*

Freitag, 16. Oktober 2015

Erst konkrete Identität schafft Talent

Jede gesellschaftliche Einrichtung - und erst hier kann man von Kultur sprechen - ist die Gestaltrichtung einer Beziehung. Je differenzierter eine Kultur wurde, je höher entwickelt sie also ist, desto feiner ist dieses Geflecht von (formalisierten) Beziehungen.  Das sind sie, die Masken, die Identitäten. Sie sind es, die das Sosein des Einzelnen bestimmen, und zwar in der Verantwortung dieser Maske gegenüber. Verantwortung bestimmt also das Maß der Durchwirkung des Alltäglichen "mit Kultur", in Kultur hinein, nur in Verbindlichkeit kann also Kultur überhaupt bestehen. Sie ist nicht der Verfügbarkeit des Einzelnen ausgeliefert, ist aber auf die Erfüllung durch den Einzelnen angewiesen. Eine Kultur ohne Einzelne, ohne Erfüllung durch Menschen, gibt es nicht.

Aus diesen formalisierten Beziehungen (deren erste und grundlegendste die der mütterlichen Umgebung ist, und das ist die Familie) heraus ergeben sich somit auch die Aufgaben. Als das, was der Einzelne am anderen, an der sozialen Umgebung, an der Umgebung überhaupt (also auch an Sachen) zu vollziehen hat.

Es ist also diese Institutionalisierung, die der konkreten Gestalt, die der Einzelne zu erfüllen hat (als Maske), auf die hin er sich zu überschreiten hat (weil er nur so sein Ich zu besitzen vermag, nur so kann es sich ihm als Objekt gegenüberstellen, nur so kann er es durchdringen und sich anverwandeln) ihre konkreten Inhalte gibt. IN IHNEN wirkt er mit dem, was er vermag -  mit seinen Talenten.

Nicht so also ist es, wie in Anknüpfung an die Reflexivität Rousseaus* in völliger Pervertierung des Wesens des Menschen heute bereits allgemein geglaubt wird, daß es die Talente seien, die dem Einzelnen vorgeben, was er zu tun, was er zu erfüllen hat. Sondern es ist seine formalisierte Beziehung - es ist die Identität als Definition der Beziehung, der Pflichten und Rechte der jeweiligen Mitwelt gegenüber. Das Gefüge einer Kultur, einer Gesellschaft, eines Staates, eines Gemeindeverbandes, einer Familie, wird also nicht durch "Talente" posthoc angepaßt oder definiert. Es ist umgekehrt. 

Talent ohne Identität ist leer, es "für sich" näher definieren zu wollen in Wahrheit lächerliches Rätselraten mit Figuren aus dem Reich der Ordnung, meist getrieben von dem Ehrgeiz (der Unzufriedenheit mit dem Ort, an dem man steht), in der Hierarchie ganz oben zu landen. Eine Ordnung der Menschen "auf Talenten" aufbauen zu wollen ist der Versuch, im Treibsand Räume abzustecken. Erst auf der Basis einer festen, von allen respektierten gesellschaftlichen Ordnung kann dann auch individualisierte Anpassung oder gar Erweiterung stattfinden - so wie der Förster, der auch Zither spielt, der Bäcker, der auf der dörflichen Volksbühne überzeugend den Harlekin gibt. Kein Mensch ist monistisch, jeder mehr oder weniger vielfältig. Aber nicht alles wäre eine Figur, nicht alles trüge eine Identität. (Was es zwar gibt, aber nur in Ausnahmefällen, und die müssen aus ihrer Natur heraus erkämpft werden.) Es ist das Stück, das die Rolle vorgibt, die ein Spieler dann so oder so (individuell) ausfüllt, indem er die funktionalen Vorgaben der Figur (die Aufgabe, die jede Rolle am anderen hat) erfüllt. Meinetwegen - als gelangweilter König, als feuriger Kammerdiener, als zumpfiger Postbote.

Diese Positionierungen, diese Institutionalisierungen sind dann auch die "Talente", von der die Bibel spricht. Denn sie zum Leuchten zu bringen ist mehr als technische Funktionserfüllung. Der Volksmund kennt es ja. Wenn er sagt: "Das ist so ein richtiger Lehrer, mit Leib und Seele." Daß dieser Stand, diese Identität auch mit familiären Prägungen (weil Vererbungen hier, prägendem sozialem Milieu dort) zu tun hat liegt auf der Hand. Es ist aber immer das Amt, das den Minister macht, keine "Leistung", die das Amt schüfe. (Selbst wenn man das frei zu beurteilen meint, zieht man ja in Wahrheit das Amt als Kriterium des Urteils heran.)

Nicht weniger gilt dies von der Ehe. Auch sie ist eine institutionalisierte Beziehung, diesmal der Geschlechter, die erst in diesem Miteinander jeweils - in Selbstüberschreitung - sich selbst aus der Hand des anderen empfangen. So wird der Mensch also ganz, und er selbst: Aus der in der Ehe institutionalisierten Beziehung von Mann und Frau zueinander. Die wie jede Beziehung (!) hierarchisch gegliedert ist, um Einheit zu ermöglichen. Nicht also die "Liebe" gründet die Ehe - die Ehe gründet die Liebe, die nur aus der Selbstüberschreitung erwächst weil zu sich selbst wird.**

Macht man die Ämter beliebig, macht man ihre Erfüllungskriterien zur posthoc abzulesenden Sache von "Talent", löscht man es aus. Nicht mehr, nicht weniger. Und stürzt somit die Menschen in Identitätslosigkeit.



*Robert Spaemann spricht nicht zufällig bei Rousseau vom "Prototyp des heutigen Menschen". So gut wie alles, was heute landläufige Auffassung im Westen ist, ist wie ein Abguß der Ansichten des Franzosen. In Rousseau ist die Moderne erstmals wirklich kristallisiert.

**Im Gegensatz zu heute so weit verbreiteten Meinungen ist also das freie Zusammenleben eines Paares nicht der "Naturzustand", sondern umgekehrt: die Ehe ist das Natürliche, die Nicht-Ehe das Unnatürliche, einer kulturellen Stimmung Entsprungene.


*161015*

Sonntag, 31. Mai 2015

Von Liebe versteht er schon gar nichts (1a)

"Es gehört sich, daß eine vertrauliche Mahnung der öffentlichen Anzeige des Fehlenden voraufgeht,
dort, wo die Sünden verborgen sind und nicht gegen das Gemeingut gehen;
(auch zur Schonung des guten Rufs, obzwar das Gewissen höhersteht.
Dann, weil EIN 'Verrufener auch die anderen in Verruf bringt);
wo aber die Sünden öffentlich sind oder die verborgenen gegen das Gemeinwohl begangen wurden,
ist nicht immer nötig, daß eine vertrauliche Warnung (secreta admonitione) voraufgeht,
sondern ist zuweilen mit Utnerlassung der geheimen Vermahnung zur Anzeige zu schreiten."


Thomas v. Aquin, Summa theologica III, q. 33

"Die an sich sittlich schlechte Traurigkeit ist über das vorhanden,
was anscheinend bös und in Wahrheit gut ist:
gerade wie im Gegenteil es die sittlich schlechte Freuung über das gibt, was im Anschein gut und in Wahrheit bös ist. Da nun das geistige Gut wahrhaft gut ist, so ist die Traurigkeit, die über ein geistiges Gut vorhanden ist, an sich sittlich schlecht.
Aber die Traurigkeit, die es über das wahrhaft Böse gibt,
 ist der Wirkung nach sittlich schlecht,
wenn sie den Menshen dergestalt beschwert,
daß sie ihn gänzlich vom Guten Werke wegzieht."
 
Thomas v. Aquin, Summa theologica III, q. 35

Dort aber erst hat es begonnen, das Menschsein,
es ist mir durch die Gedärm gefahren wie ein Blitz,
und das erste Mal hab ich ihm in die Augen geschaut,
dem Herren Jesu - wo ich mich zum Urteilen erhoben hab,
weil einen erst das zum Ebenbild Gottes macht,
und fahrenlassen hab diese Sucherei nach Sicherheit und Trost
im trockenen Geflecht sturer Wort;
itzo war ich das erst mal Mensch,
wo ich mich ausgliefert hab ihm selber -
und es erst itzo können hab,
weil ich erst itzo ein Ich gwesen bin,
nur aus ihm sölba -
wo ich gschrieen hab bis in die Nacht
weil ich g'wusst hab daß ich ihn brauch, wie noch nie -
erbarm Dich meiner!
Und am nächsten Tag in der Frauh,
da hab ich's Schwert zogen.

Antonio della Caraffa, "Aus meim Lebn", sent. 87
 
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.
Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer wagt es, mit mir zu streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran. Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.
 
Aus der Karfreitagslesung, Jes. 50, 5-9a



Es gibt sie nicht, "die Liebe", so wie es ein Ding gibt, den Bodennagel oder die Tischvase oder das Musterpicket. Sie wirkt wie der Essig einer in Essig eingelegten Gurke, die diese Gurke Gurke sein läßt, aber noch mehr sogar Aroma betont, obwohl sie von Essig durchtränkt ist. Und damit stirbt auch die Nagelprobe zu den gemachten Behauptungen - das, was man unter dem schwachsinnigen Stichwort von der "globalisierten Liebe" den Menschen seit langem um die Ohren drischt. Womit wir nämlich wieder bei diesen selbst wiederlegenden Papstworten sind.

Es gibt keinen Liebesakt, den man als solche isolieren könnte, und der von einer konkreten Tat abzulösen wäre. Diese konkrete Tat aber muß wahr sein, erst dann ist sie überhaupt von Liebe möglich zu durchtränken. Sie ist nicht abstrahierbar, vom konkreten Lebensvollzug abzutrennen, oder auf Indianerstämme in Brasilien oder Arme in Slums von São Paulo, und auch nicht auf Flüchtlinge im Mittelmeer zu übertragen. Das wird auch nicht anders, wenn ich hinfahre, um einen persönlichen Eindruck zu gewinnen. Ihre Wahrheit erschließt sich aus dem personalen Gegenüber, das nie anders möglich ist als ein Beziehung-Sein im Rahmen einer sachlichen, durch eines Stellung und Position - Verortung - definierte Beziehungsgestalt, die Geber wie Empfänger einbezieht, auf die hin sich beide transzendieren, und damit ihren Platz einnehmen, so, wie er sich aus der Sachlichkeit erschließt, und in der Kultur zur Gestalt kommt. Und nur dort, in diesem persönlichen Akt, liegt auch der Ort des Einbruchs der Gnade, der zeitlosen vertikalen Dimension, die alles durchdringt - oder nicht. Wir haben nicht "die Welt" (und auch nicht "die Kirche") zu retten, sondern unsere Heiligung zu erwirken. In jener Welt, die uns jeden Moment so eng umgibt, wie den Fisch das Wasser.

Ein kulturloses Abschmuddeln irgendwelcher Kinder hat deshalb nichts von Liebe, sondern von Niedrigkeit und Nichtung. Und wenn es der Papst noch tausendmal macht. Der hat nicht abzuschmuddeln, der hat Papst zu sein - höchste Autorität der Gnadenvermittlung, Schlüssel zur Quelle der Gnade, von der alles ausgeht. Der man nicht mit primitiven Jubelrufen und barbarischem Applaus begegnet, oder der man seine Hand entgegenreckt, damit sie der Mann betatsche. Deshalb ist dieser Papst ein regelrechter Vernichter von Autorität, der Schaden ist gar nicht mehr gutzumachen.

Und ein Lügner ist er obendrein. Denn was er jüngst über die Liebe sagte, ist nur dem Worte nach richtig, mit dem er perfide spielt, das ist schon alles. Denn diesem fehlt jene Sinn-Bestimmtheit, die Wort erst wahr machte, und wie immer und üblich beim Argentinier nach allen Seiten definierbar bleibt, und demnach weit mehr verwirrt als in der Wahrheit bestärkt. Das wird auch nicht besser, in dem man Abstrakta - "Dialog" etc. etc. - zu Dingen macht, im Gegenteil, wie er es ja gerne tut. Denn auch ein Dialog (etc.) ist ohne Sinngefüge, ohne ganz konkrete Sachlichkeit realer menschlicher und definierter Beziehungen nicht denkbar, in ihrer je adäquaten und erst damit konkreten Ebene, sondern Verstiegenheit. Wer aber nicht die Wahrheit sagt, weil er nicht kann oder nicht will, der lügt.

Deshalb hat der Bäcker nicht herauszutreten aus seinem Backladen und "zu lieben, indem er Dialog führt", sondern mit Liebe und Hingabe seine Brötchen zu backen, und in nettes Papier zu wickeln, und einen fairen Preis zu verlangen. Deshalb hat der Schuster seine Absätze besonders gut zu doppeln, der Lehrer zu lehren, der Förster zu förstern, und der Soldat bemüht sich, genauer zu schießen. Dort ist jeder Platz zu lieben, im konkreten, historischen Gegenüber, dem er in der Wahrheit, das heißt in größtmöglicher Sachlichkeit begegnet, und erfüllt, was sich aus seinem konkreten Platz in diesem immer hierarchischen Ordnungsgefüge Welt, das darin ein Wiederhall der göttlichen Ordnung ist, ergibt. Jedes Wohlwollen kann sich nur auf diese objektive, sachliche Wirklichkeit beziehen, die sich aus den Beziehungen von Personen (ein Euphemismus, weil Person eigentlich Beziehungsfrage ist) ergibt, und das heißt: aus ihren (immer historisch verorteten) Aufgaben "am anderen"; in dieser (noch einmal: historisch verorteten) Hingabe ans Du. Es ist diese objektive Wirklichkeit, die das Maß der Liebe definiert.

Somit gibt es streng genommen auch gar keine "konkrete Liebestat" - wenn es nicht eine konkrete Tat innerhalb des Auftrags des Menschen an der Schöpfung ist. Sein Seelenheil, formuliert es Romano Guardini einmal, liegt darin dafür zu sorgen, daß die Welt "richtig" wird vor Gott. In der Wahrheit, denn dazu muß ich die Welt eben erkennen. Und erkennen wollen. Das sind dann auch die Pole der Liebe. Er muß sehen, wie sie ist, schreibt er in "Person und Welt", und ihren Möglichkeiten standhalten: der Wirklichkeit treu sein, nicht einfach dem Zufälligen. Aber dazu muß man sich (und die Erscheinungen) "foltern", läutern. Der Wille Gottes schwebt nicht über der Welt, Liebe ist damit auch nicht etwas, das auch noch irgendwie in die Welt zu drängen ist, als Ding unter anderen, sondern der Wille Gottes zeigt sich darin, daß die Welt ist wie sie ist.

Nur aus dieser Weltzugewandtheit heraus ist die abendländische Kultur so stark und überlegen geworden, daß die ganze Welt versucht sie zu imitieren, meist aber ohne zu begreifen, daß diese Stärke aus der Religion kommt, nicht aus Methoden aus autonomen "Gesetzen" und Maßregeln oder durch glückliche Umstände. Die waren in Europa nämlich keineswegs einfach da. Die wurden geschaffen. Und aus demselben Grund verspielen wir sie in Europa wieder, weil wir uns an dieser Macht berauscht haben, bis wir sie für bloß weltimmanent hielten, bestenfalls noch von außen versuchen, verdinglichte aber nur abstrakt bleibende "christliche Werte" in sie hineinzustopfen. Oder gar so tun, als würden diese auch ohne Sachgesetzlichkeiten funktionieren. Als christliche Methode vielleicht.

Aber sagt er das nicht, wenn er sagt: Wahre Liebe ist konkret und teilt sich mit? Ahja. Mit Dialog und so, erklärt er dann aber gleich weiter. Eben, er läßt nicht nur offen, sondern vermittelt (auch durch das, was er selber tut, und wie er es tut: als käme es nämlich auf die Form nicht an) den Eindruck, es GÄBE solche Akte der Liebe. Das meint er nämlich mit konkret und widerspricht sich somit sofort wieder. Denn für ihn IST es eindeutig Methode (das zeigen auch seine wenigen Schriften), ist auch Liebe eine Methode, die jedes Sachgesetz (und für Sachgesetze interessiert er sich ganz offensichtlich nicht, in vielen Äußerungen hat er sogar explizit betont, daß es aufs Konkrete - als Sachgemäßes - dann doch nicht ankomme, nur "auf die Liebe ...") außer Kraft setzt. Das nennt er dann sogar noch pastoral.* Denn Dialog ist - mein Tun! Mein Backen als Bäcker, mein Feilbieten von Würsten, mein Erziehen der Kinder, mein Streiten um die Wasserleitung. DAS ist mein Dialog. Und einen anderen gibt es nicht. Er bezieht sich auf jene Wesensheit, die mir den Namen gibt, Bäcker, Hofstätter, Taubenzüchterverbandsobmann, die ich sein muß.

Was für ein Wortjongleur. Mit der Linken gibt er, was er mit der Rechten wieder nimmt. Das nenne man Schizoidität (die eine Form der Lüge ist.) Mit Abstrakta - der Bäcker teilt sich eben mit! durch seine Brötchen! - hantieren, die man dann zu konkreten Handlungen, konkreten Dingen hochsimuliert. Und durch vorbeugende "Ausschließung" (Stichwort Gnosis, vor der er natürlich warnt - und macht genau das!) dem Rezipienten gleich vorbeugend jedes Werkzeug der Reflexion zertrümmern. Das ganze Repetitorium auch der Früchte und Güter des Heiligen wird dazu hergenommen. Liebe, Barmherzigkeit, Auf-die-Menschen-zugehen, etc. etc. - allesamt Abstrakta. Die aber ganz andere konkrete Namen, als Handlung haben, als das wörtliche "Zugehen auf die Menschen", etwa in dem man sie privat anruft oder ihnen am Petersplatz einen Schmatz auf die Wange drückt. Das alles ist ein Abstraktum, wenn man es als "Dialog" erkennt. Dialog ist kein Ding, das man anstreben kann.

Und der Witz bei der Sache ist: auch diese Aussagen hier können nicht absolut gesehen werden, sind jederzeit widerleg- und angreifbar. Das erhöht ja die Perfidie. Der Mann ist nämlich geschickt, und hier wird zunehmend davon ausgegangen, daß dahinter mehr steckt als südamerikanisch naives Temperament.
 
Der VdZ steht mittlerweile zu dieser Unterstellung, als die seine Kritik ausgelegt (und durch "Inhalte" widerlegt) werden könnte. Die Indizien für diese bestimmte, aus Erfahrung gewonnene Menschenkenntnis werden immer mehr, sodaß diese Unterstellung weit mehr Erhellungskraft hat, als sich ein Urteil doch noch nobel offenzuhalten, selbst wenn es natürlich kein "endgültiges" Urteil sein kann, wie es nur Gott zusteht. Aber Leben heißt: Entscheidungen treffen. Sonst zerfließt es ins Unwirkliche. Glaube heißt ja genau das: trotz aller menschlichen Unsicherheiten zu einem aus anderen als rein nominellen Gewißheiten stammenden Urteil zu gelangen. Mit vollem Risiko.**

Man kann diesem Dauerbeschuß mit Verwirrung und Wortverdrehung ja nicht einmal mehr entgehen, der täglich und bald stündlich durch die Twitter- und sonstigen Medienkanäle in die Welt geschossen wird. Mittlerweile gibt es ja keine Sonntagspredigt mehr, kein Gespräch am Pfarrplatz, in dem nicht irgendein Papstzitat die Runde macht, vom Papst die Rede ist ("Na der ändert jetzt echt alles!") - das, bitte schön, gab es überhaupt noch nie in der bald 54jährigen Karriere des VdZ als Getaufter! Die Pfarrer sinken zur Staffage, zu ständigen Kanälen von zufälligen Papstworten herab. Oder ist das die Konkretheit, werter Herr Bergoglio, die Sie gemeint haben? Die über primitive political correctness nicht einmal im Ansatz hinausgeht, das ist nämlich die Wahrheit? Ist das das neue Niveau der katholischen Geisteswelt, in dem jedes klare Denken als "zu statisch" durch "supermenschliche Rhetorik" verdrängt wird? Die Kirche ist damit derselbe Freizeitverein wie jede NGO. Hier geht es nicht um Kosmetik, das ist dabei das sehr ernste Problem. Hier geht es um ganz tiefliegende geistige Entscheidungen, die dieser Papst nicht einmal sieht.

Ebenfalls heute Teil 1b) Aktueller Nachtrag & Anmerkungen bzw. Exkurs
Morgen Teil 2) Die Pathologie eines Menschen wird dogmatische Struktur


*310515*

Von Liebe versteht er schon gar nichts (1b)

Teil 1b) Aktueller Nachtrag & Anmerkungen und Exkurs


Aktueller Nachtrag - Der VdZ hat lange überlegt, diese neuerliche und schwere Kritik am Papst ins Netz zu stellen. Mal hat er sie wieder rausgenommen, mal wieder in die Planung gestellt.  Sein Blog ist ja meist drei, vier, fünf oder mehr Wochen im voraus "magaziniert". Und gerade, als er wieder Zweifel hatte, das war am 29. Mai, schaute er doch einmal auf kath.net vorbei. Und es stockte ihm der Atem. Denn dort las er von einem "Geheimtreffen" im Vatikan, für das die Bischofskonferenzen der teilnehmenden Bischöfe sogar die Spesen sämtlicher, an den "Hintergrundgesprächen" teilnehmender Journalisten bezahlt hat. Das auf kath.net mit dem Titel firmiert, daß die "Theologie des Leibes" durch eine "Theologie der Liebe" ersetzt werden solle. Damit war der Würfel gefallen. Die Kritik WIRD veröffentlicht. Denn was sich da anbahnt ist keineswegs zufällig oder bloßer Ausritt einiger Bischöfe. Es ist im aberwitzigen Verhalten des Papstes bei der ersten Familiensynode vom letzten Oktober begründet, ja wurde von ihm regelrecht provoziert. Nicht bewußt, nicht gewollt? Dann hat so ein Mann am Papststuhl schon gar nichts zu suchen, wenn er gar nicht weiß, was er tut. Denn solche Folgen sind jedem Menschen mit auch nur ein wenig Verstand klargewesen, sie sind das übliche Procedere dieses Papstes.


Anmerkungen

*Und seine erste eigene Enzyklika zeigt das ja sogar: wo er pastorale Ratschläge gibt, die einen nur noch verwundern können. Es ist eben mangels Sachkenntnis der einzige ihm mögliche Ansatz: Machtanwendung. Denn Macht - Pastoral ist eine Machtanwendung - hat die Autorität verdrängt. Die Autorität des Amtes tritt er sogar mit Füßen. Etwa, in dem er "offene Diskussionen" fördert. Plötzlich brechen weltweit Diskussionen über Familien- und Ehepastoral auf, als wäre das auch nur einen Zentimeter weit disponibel. 

Und überläßt die Menschen einerseits der Angst, daß die Wahrheit sich verdünnisiert, weshalb sie sich plötzlich berufen fühlen, sie zu "fordern", gegenüber anderseits der offensichtlichen Lust, in der manche "ihre Stunde" wittern, sie ändern oder beeinflussen zu können. Denn wie etwa Robert Spaemann es völlig richtig ausdrückte: Man weiß einfach nicht mehr, wofür der Papst steht. Und man vertraut auch nicht mehr, das ist das Entscheidende. Man erlebt nämlich einen fast willkürlich gewordenen Machtaspekt, und nicht mehr die Autorität des Lehramts. Befinden wir uns plötzlich in einem Fußballstadion, wo die Zuschauer als zwölfter Mann in der Frage von Sieg oder Niederlage mitwirken müssen? Müssen wir zukünftig mit Papstentscheidungen leben, wie man mit Fußballergebnissen leben muß, die auch "sakrosankt" sind und die Meisterschaft entscheiden? 

Und wieviele zittern vor der nächsten angekündigten Enzyklika zu Umwelt und Klimawandel!? Die Vorzeichen derzeit sind alles andere als beruhigend. Denn es droht das nächste Quasi-Dogma der Pastoral, nicht die Enthüllung von Wahrheit. (Geschrieben vom VdZ Anfang Mai 2015.)

**Ein Urteil, das sich Robert Spaemann ALS Philosoph im übrigen nicht gestattet. Wer seine jüngste kritische Stellungnahme zum Papst (in der Sonderausgabe der Herder-Korrespondenz zum "Phänomen Franziskus") liest wird feststellen, wie vorsichtig er ist, genau KEIN persönliches Urteil zu äußern. Nur wird er mit dieser seinem Beruf, seinem Stand angemessenen Noblesse der realen Sache gar nicht mehr gerecht. Dazu braucht es längst so Drecknudeln wie den VdZ. Bestimmte Argumente brauchen keine Gegenargumente, sondern Zurechtweisung, sagt Sokrates. Dieser Papst spielt mit der Ambivalenz des Menschen, und das macht ihn so perfide.

Deshalb hat Spaemann zwar der Sache nach recht, nicht aber formal, wenn er sagt daß er glaube, daß der Papst nicht viel lese. Das glaubt der VdZ nämlich nicht, Bergoglio HAT (nominell) viel gelesen, und liest viel, daran hat er keinen Zweifel. Nur hat er anders gelesen, wie Spaemann meint, und was man eigentlich damit meint. Er hat so gelesen, und liest so, wie die Internetgeneration, der Narziß liest: als nie ruhendes, zweckhaftes Zusammensuchen von Gedanken, mit denen man sein virtuelles Außen, sein "Verhalten" flickschustern, noch blickdichter und gegen jede Seite unangreifbar machen kann. Wilhelm Raabe beschreibt das einmal so ausgezeichnet in einem seiner Romane. Es ist das berühmte Erkennen, daß man nackt ist, weshalb man sich zu verbergen sucht.  

Morgen Teil 2) Die Pathologie eines Menschen wird dogmatische Struktur



*310515*

Montag, 27. April 2015

Von der Notwendigkeit, den Papst zurechtzuweisen (3)

Teil 3) Ein Exkurs - Macht ersetzt Autorität. 
Weitere Unschönheiten. Nachträge.



*EXKURS: Macht ersetzt Autorität

Weil so augenfällig ein Beispiel, das zeigt, wie groß die Verwirrung bereits ist: Dieselben Personen, die sich dann mit "Papsttreue" am Revers schmücken, fordern einmal, den Sinn "hinter" den Worten des Papstes - "mit gutem Willen" - zu sehen, und seine nominellen Worte quasi zu ignorieren, und das nächste mal zum Gegenteil, sie wörtlich zu nehmen. Was geben sie damit aber zu?! Daß sie selbst bereits Quelle jener Autorität sind, die dem Papst (und damit dem Amt) nämlich immer mehr fehlt. 

Wenn also Spaemann und andere vorbringen, daß bei P. Franziskus Macht Autorität ersetzt, der Papst zentralistisch-totalitär wie noch nie direkt bis vor die Haustüre der Gröbnergasse 14 im schwäbischen Jestetten seine Direktiven (über Twitter, über Medienpräsenz, der man gar nicht mehr entkommen kann) liefert, damit den Pfarrer, die Kirche vor Ort (und nur dort ist sie Kirche: konkret, verortet) elegant überrundet und zum abstrakten Ausführungskasperl degradiert, so ist das mehr als berechtigt. Und in diesem Sinn war an der Kritik von Kardinal Kasper, daß die deutsche Kirche "keine Filiale von Rom" sei, sehr wohl ein wahrer Kern. Auch ein Kardinal, als Elite, hat das Recht, mit Respekt gehört zu werden (was durchaus auch als Selbstkritik des VdZ gelten kann). 

Denn dann kann der Papst nur noch Macht repräsentieren, und über Macht regieren. Und das zeigt immer, daß die Autorität bereits verdunstet ist. Nicht zufällig scheint sich deshalb dieser Papst auf "pastorale Maßnahmen" zu konzentrieren. Pastoral, Praxis ist die (weil wirkende) Machtseite der kirchlichen Autorität, wo im Autoritätsverlust die Praxis die Orthodoxie sogar ersetzt. Heil aber geht auf das Sein, und nur in Folge auf das Handeln. 

Die Vergebung der Sünde lebt ausschließlich auf die Zukunft eines volleren Seins hin, und die liturgische Praxis ist ein Infusorium des HeilsBILDES, das in der Übernahme durch den teilnehmenden Menschen zur Welt kommt. Heiligkeit ist Schönheit der Gestalt, des Fleisches, und nur insofern ist sie Heiligkeit. Es gibt keine separierbare Handlungsheiligkeit - es gibt nur gutes Handeln, wenn ihr die Gestalt als Abbild Christi vorausgeht, oder deren Ziel ist. Denn nur dann ist etwas wirklich, weil es an der Wirklichkeit Gottes teilhat, und genau diese in Stellvertretung IN CHRISTUS, dem Logos, in die Welt - ZUR Welt; ALS Geschichte; in die Menschheit - trägt, auf daß er in ihr wohne.

***
Kardinal Raymond Burke
Nachtrag 1) Der geneigte Leser möge doch auch einen Blick auf dieses Interview mit Kardinal Raymond Burke werfen, das am 21. Jänner d. J. in Rom geführt wurde, und auf das der VdZ hingewiesen wurde. Burke, der längst beträchtlich an Kompetenzen abgeben mußte, beklagt nämlich ganz genau dieselben Punkte, die Spaemann (und, er wagt diesen Beisatz: der VdZ, der sie sogar schon nach wenigen Wochen, nach Lektüre des Buches von Bergoglio, aufgrund der darin offen daliegenden narzißtischen Charaktereigenschaften des Argentiniers - die die Schizoidität als Handlungsprinzip erkennen läßt, jene prinzipielle Kluft zwischen Verbalität und Tat, wobei erstere in hoch ausgeprägter, "vielseitiger", höchst flexibler Eloquenz die Tatebene, die Wirklichkeitsebene also verschleiern soll, von der  nichts Gutes, ja Böses zu erwarten ist - vorhergesagt hat; bislang hat sich alles, wirklich alles erfüllt, man möge die eingehende Analyse nachlesen) nun moniert: 
 
Die Verwirrung, die dieser Papst überall schon ganz real angerichtet hat. Genau das ist auch die Erfahrung des VdZ aus diversen Gesprächen: Mittlerweile klaubt sich tatsächlich jeder aus Papstaussagen zusammen, was ihm in den Kram paßt und ihn legitimiert. Übrigens - die "Papstverteidiger" bzw. "Konservative" nicht weniger.
***

Nachtrag 2) Es braucht keine besondere Menschenkenntnis, um - unter der Beleuchtung, die auf den Charakter Bergoglios alias Papst Franziskus geworfen wurde, vor allem aus den jüngsten Stellungnahmen "als Papst" ein reines Selbstverteidigungs-Vorgehen ablesen zu können. Die Schwerpunkte, die Themen, die sich laufend finden, sind wie (vorbeugende) Antworten auf mögliche oder bereits aufgeplatzte Bruchstellen in den Widersprüchen, denen Bergoglio (denen: solch ein Charakter) vorauseilend begegnen will. Denn ob der Leser es glauben mag oder nicht: Nichts trifft solche Menschen mehr, als Kritik. Denn ... sie wissen, weil sie sich dem Sein nicht entziehen können, daß sie auf dünnem Eis bauen. So etwas kann natürlich nur auf einem Zustand aufbauen, wo sich aus der Wirklichkeitsferne auch längst völlige Unkenntnis des Menschen eingestellt hat - und das ist eines der schlimmsten, wenn nicht DAS schlimmste Übel in der Kirche. Bergoglio ist der Meister der Wirklichkeitsferne. Ahnungs-, Wirklichkeitslosigkeit ist der Grund, warum ihm so viele auf den Leim gehen. Weshalb ohne jeden Zweifel einer der Schwerpunkte dieses Papstes war, ist und noch viel weiter sein wird, "Realität" (Wirklichkeit) vorauseilend - über "impressio", über sinnliche Vereinzelung, als Eindruck - zu definieren. Sehr zum Beifall der Unproduktiven, der Unschöpferischen, die im Windschatten der Lüge auf ihre Chance hoffen, nach oben zu kommen. Durch "Papstwerdung".

Nachtrag 3) Vom in den letzten Wochen verstorbenen, hoch angesehenen amerikanischen Kardinal Francis George ist folgende (sehr zurückhaltende) Äußerung zu Papst Franziskus bekannt: 

"The new pope's popularity surprised George, who worried that people were developing unrealistic expectations that could lead to further disillusionment with the church. "He sends out so many signals it gets a bit jumbled at times," George said. "I'm sure he's not confused, himself. It's confusing for a lot of people, including myself at times. For someone who appreciates clarity, I would like to get a few things clear so I can cooperate."


*270415*

Sonntag, 26. April 2015

Von der Notwendigkeit, den Papst zurechtzuweisen (2)

Teil 2) Dann schickt Gott eben Propheten


Es ist nicht der götzendienerische Glaube, der blinde Kadavergehorsam (getragen von Angst, wenn nicht Bösartigkeit, die nur noch Propagandatöne zuläßt, wenn man von Kirche und Glaube spricht, also die Sprache, das Wort, den Logos darin tötet; gar nicht selten, auf einer Linie nämlich, weil sie sich heimlich recht zählbare Vorteile versprechen, die Wurzel des Egalitarismus, der sich so gerne als "Bescheidenheit" katzengoldmünzt) an einen argentinischen Plauderanten, der seine faktische Person mit dem höchsten Amt, das die Welt kennt, das also wie bestenfalls noch ein universales Kaiseramt eine weltlich-menschliche "Figur" gar nicht mehr kennen darf, für beliebig und je nach Bedarf als austauschbar ansieht. Das zwischen Biertischgesprächen und päpstlichen Verkündigungen nicht mehr zu scheiden weiß.

Der Papst ist in persona die Kirche als Beziehungsmittelpunkt. Also muß auch alles Faktische am faktischen Papst dieser Höhe der Aufgabe angeglichen werden. Schon gar seit der Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas, das die Sache noch heikler macht. Und der VdZ sagt unterscheidet bewußt zwischen "Verkündigung" des Dogmas, ein politischer Akt ALS wirkmächtige SPRACHE, und seiner Wahrheit. Denn an der Unfehlbarkeit des Petrus und seiner Nachfolger hat die Kirche nie gezweifelt, sie war immer implizites Glaubensgut. Aber in der Sprache wurde sie angreifbar, wenn die Sprache sie nicht ausreichend synthetisch ausdrücken konnte. Dann kann sie sogar - bei gleichem nominellem Wortlaut - zur Häresie werden.

Der Schaden ungenügender Sprache geht auf das Amt, dessen Autorität zur Beliebigkeit des Banalen, des "Gleichen" herabsinkt. Der die Sprache zerstört, das Denken, und damit - den Glauben, der seiner Vernunft beraubt zum fideistischen, dumpfen Aberglauben wird, wo nur noch der da vorne, der am Papstthron, vorzugeben vermag, wohin ich mich zu drehen und wenden habe, weil ich nicht einmal mehr den nächsten Schritt zu setzen wage.

Und das ist nicht einfach ein neuartiges Symptom, das ist der Hintergrund dieser sich allmählich und über Jahrzehnte immer stärkeren Papstidolatrie, die nun ihre groteskesten Züge angenommen hat.

Deshalb MUSZ ein Papst auf der Höhe der Sprache seiner Zeit sein. Nicht in der Kenntnis der Gossensprache, die mag ihm in seiner Freizeit Spaß machen, gut. Er muß deshalb lesen, im Sprachraum leben, diesen atmen, weil sich dieses Ringen um den Logos in der Sprache dort ausdrückt. Er muß auf der Höhe der Theologie der Zeit sein, ja muß dieser nächste Schritte vorgeben, sonst geht sogar seine Apologie an der Zeit vorbei.

Und, mit Verlaub, so manche vorgebliche moralische, pastorale Forderungen dieses Papstes, auch manche "Reformansätze" und "Ratschläge", wirken wie Ansätze von vor vierzig Jahren, die in ihrer Zeitgebundenheit aber längst ganz andere Wege gegangen sind, sich weiterentwickelt haben, weil sie in der Welt standen, und diese darauf reagiert hat. Also immer neu aus dem Logos in die Sprache gehoben werden müssen.  Denn die Sprache ist Vielheit, Akzidens. Der Logos nur ist Einheit, in die sie lebendig rückgebunden sein muß, damit sie wahr wird, und damit die Welt eins wird.*

Aber er kann und darf nicht verlangen, sie zu ignorieren!

Wer das Amt liebt kann gar nicht anders, als seine Reinheit zu verlangen. Und zu kritisieren, wenn diese Reinheit verloren zu gehen droht. DAS ist das entscheidende Kriterium für die Heiligkeit EINES PAPSTES als Heiligkeit der Person, die ihn repräsentiert. So, wie auch der Tischler nur ALS Tischler heilig wird und nicht, in dem er hier schlampt, dafür dort "gute Werke" tut und lieb ist. Wer den Papst anschaut, muß sicher sein, das Amt zu sehen - nicht einen Herrn Bergoglio, der gerade Sodbrennen und einen lustigen Einfall hat.

Wer - wenn nicht die intellektuelle Elite des deutschen katholischen Raumes - hat aber das Recht, ja viel mehr noch: die Pflicht, den Papst zu kritisieren, wenn er zu kritisieren ist? Denn sie sind der Leib, den sich die Kirche je neu und in Reinheit als Reinheit sucht. An dem das "Volk" dann teilhaben darf, mit Recht, weil es auf die richtige, geläuterte Gestalt (und Sprache) vertrauen darf, die ihm von der Elite überreicht wird. Wer Gottes Willen sucht und tun will, kann an der Hierarchie des Aufbaus menschlicher Gemeinschaft nicht vorbei.

Es gibt sie nicht, die Abkürzung, den "direkten Draht" (der Protestanten), das würde die Kirche obsolet machen. Nicht als Normalweg. Während sehr wohl in Krisenzeiten Gott immer wieder Herausragende, Propheten, Mahner auf den Plan gerufen hat, weil ein ganzes Volk, mitsamt ihren Anführern, ins Verderben der Nichtung torkelt, das ein Abweichen vom Willen Gottes bedeutet. Haben die dann auch nur geplaudert? Oder haben sie nicht in ihren Worten genau das getan, was Spaemann, Mosebach und einige wenige andere auch tun, die nämlich kraft ihrer Berufung (IN der sie Glieder der Kirche sind) dazu aufgefordert sind: Die herumschwirrende Sprache, das unklare Denken, auf ihren Kern zu läutern, den Logos? Indem sie uns mitteilen, wo das faktische Geschehen von diesem Logos, dem Willen Gottes, abweicht. 

Das aus und im Logos zu sehen, das zu beobachten, und in die Sprache zu heben ist nämlich IHR Charisma. Das zu besitzen gerade erwähnte Personen hinlänglich belegt haben. Denen freilich nur dieser Logos auch Zeugnis gibt. Sodaß ihre Stimme von jenen nicht gehört und gar verachtet wird, die diesem Logos bereits fern stehen, weil sie ihn in ihre Gewalt gebracht haben.

Morgen Teil 3) Ein Exkurs - Macht ersetzt Autorität. 
Und auch andere sehen Unschönheiten. 


*260415*

Samstag, 25. April 2015

Von der Notwendigkeit, den Papst zurechtzuweisen (1)

Nun hat also auch Robert Spaemann sehr deutliche Worte der Kritik an Papst Franziskus gefunden. Spaemann, der in seinem Leben als Philosoph (das ja keine Tätigkeit ist, wie man Schnitten verpackt, oder Doppelflanschen von 8 bis 16 Uhr überprüft, weil es eine Lebensweise ist, wie die Kunst, wie das Priestertum) zwar kein eigenes System entworfen hat, der aber wie kein anderer in den letzten Jahrzehnten den intellektuellen Diskurs im deutschsprachigen Raum geprägt und angeführt hat, und immer noch zu den meistgelesenen Philosophen gehört. Das hat ihm eine Stellung eingebracht, die ihn vor allem im katholischen Raum eine derart maßgebliche Stimme der Vernunft sein ließ und läßt, wie sie vielleicht nur noch vom Papst übertroffen wird. Vom gewesenen Papst. Dazu unten.

Die Punkte, die Spaemann an P. Franziskus kritisiert, decken sich völlig mit der an dieser Stelle ebenfalls immer wieder und bereits sehr früh vorgebrachten Kritik. Sind nur noch konkreter auf Vorgänge in der Kirche bezogen, wie es einem weit größeren Geist, als es der VdZ je sein wird und gar ist, auch ansteht. 

Nun sind zwei Dinge bemerkenswert. Denn zum einen wirft Spaemann dem Papst vor, nichts zu lesen, an Theologie kaum interessiert zu sein. Wie bitte, schrie da so mancher auf? Muß man nun lesen, um guter Papst zu sein? Genügt es nicht, einfach zu glauben, und charismatisch in der Kirche herumzufuhrwerken? Was erdreistet sich da dieser deutsche Philosoph? 

Und Ähnliches hat man ja auch vor ein paar Wochen erfahren können, als ein weiterer der Elite katholischer Intellektualität und Poesie, Martin Mosebach, im selben Sinn Kritik äußerte.

Was man mit Spaemann (und auch anderen, man kann sich sogar die Frage stellen, ob nicht überhaupt die "Sprachelite", die intellektuelle Elite des deutschen katholischen Raumes unisono spricht) nun oft macht, ist im Grunde das Gleiche, was man mit dem Papst macht. Den zu interpretieren sich auch jeder berufen fühlt.

Man anerkennt ihre mit vollem Recht zustehende Autorität nicht, sondern fühlt sich auf derselben Ebene, um sie bewerten zu können. Die einen, weil sie bereits so "gleichgemacht", in ihrer Persönlichkeitslandschaft so ausgelöscht sind, daß sie die Herkunft der Sprache, und damit des Denkens, und damit ihres Denkens, von der Autorität her nicht mehr anerkennen. (Somit sich die Frage gefallen lassen müssen, was das für ein Glaube ist, den sie - von den Inhalten ja nicht zu trennen, also nicht auf einen nebulosen "persönlichen Akt" begrenzbar (wie es der Protestantismus nämlich macht) - gar nicht empfangen haben, sondern selbst schaffen zu können meinen.

Wenn Spaemann auch vom Papst also fordert, man müsse lesen, dann ist damit gemeint, daß um überhaupt denken (und damit glauben) zu können das Ohr unentwegt am Puls der Sprache kleben muß. Diese Sprache täglich, stündlich, sekündlich am Leben zu halten, ist Aufgabe der Denker, der Dichter, der Philosophen, der Priester und Päpste. Sie sind es, die die Sprache entwickeln und aktuell - lebendig - halten. Und damit, damit werte Leser, das Denken. 

Wer damit argumentiert, daß auch die Kirche in ihren Anfängen keineswegs intellektuell einig gewesen sei, irrt ganz gefährlich! Denn nur WEIL sie das war, nur weil der Inhalt des Geglaubten allen gleich war, hat sie sich entfalten können. Auch in die Sprache hinein, wie es die Zeit jeweils forderte, als das Geglaubte auch formuliert werden mußte. Dieser Irrtum, der auch der gesamten "Erneuerungs-Charismatik" zugrunde liegt, einer protestantischen Bewegung sohin, richtet freilich schon geraume Zeit unermeßlichen Schaden an - in dem die "Charismatik" der Urkirche völlig mißverstanden und zur Nebulosität, zur Unbestimmtheit wie (sprachlich-denkerischen) Unbestimmbarkeit und Irrationalität umgedeutet wird. Das ist das Wesen von Sekten, aber nicht das der Kirche.

Denn Denken heißt, aus dem Numinosen zu schöpfen. Es heißt aber vor allem, es in die Form der Sprache zu gießen. Nur so kann Denken Wirklichkeit werden und sich entfalten. Das Wort wird Fleisch. Nicht jeder, der die Symbole und Zeichen der Sprache benutzt, der "redet" denkt aber. Sprache ist für jeden primär nämlich gegeben. Und damit auch das Denken, das über die Sprache einziehen kann. Sprache ist somit der "geistige Raum eines Volkes" wie Hugo von Hofmannsthal es einmal ausdrückte.

Weil aber Sprache nur lebendig bleibt wenn sie aus dem Numinosen heraus atmet, nur dann nämlich lebt sie (sonst stirbt sie; es gibt tote Sprachen), ist es von größter Wichtigkeit, daß die Philosophen, Denker und Päpste im Rhythmus dieser Sprache mitatmen. Sie müssen also ... lesen. Gute Bücher sind nicht gut, weil sie besonders verschnörkelte Wortkonstruktionen aufweisen, sondern weil in ihnen dieser Atem erfahrbar wird. Zwar noch weniger als im Gespräch (unter bzw. mit Philosophen, Denkern, Dichtern etc.) und bereits verändert, aber immer noch sehr weitgehend verfügbar. Bücher sind also zwar nicht alles, direktes Gespräch wäre viel mehr, aber man kann mit ihnen doch weit kommen und in den Geist, der hinter allem steht, der alles bewegt, eintauchen. Jesus ist nicht weniger als das "Buch des Lebens". Tolle - lege! heißt es in der Apokalypse. Kostet und seht, nehmt und lest. Etymologisch bedeutet lesen ernten, aufnehmen, einnehmen.

Deshalb braucht auch die Theologie ständiges Mitatmen mit der Literatur, mit der geschriebenen Sprache, in der sich die Denker und Künstler austauschen. Schon deshalb, weil unsere Sprache, und damit unser Denken, sich mithilfe des Buches entwickelt hat. Was wir heute sprechen und damit denken (können) ist gleichfalls nur noch verstehbar, wenn wir uns mit der Tradition vertraut machen, in der sie sich entwickelt hat. Nur so können wir "von Gott sprechen" (theo-logein), in diesem pulsierenden Rhythmus (im Heiligen Geist) aus Zurücksinken - Fleischwerden.

Wer nur im Zurücksinken verharrt, wer dies für das Einzige Nötige hält, wird zwangsläufig wirr in seinem Reden. Wer nur entspannt, verliert seine Gestaltungskraft. Und genau das ist am Papst ja feststellbar, der so offenkundig unreflektiert - also nicht in der Sprache geformt - daherplappert, daß er pausenlos Wirrnis anrichtet. Das Chaos, von dem Spaemann auch spricht. Die Planlosigkeit, die sich in allem zeigt und eifrigstes Geplaudere über "Reform" zur bloßen nebulosen Chimäre verkommen läßt.

Ein Volk (und wie erst die Kirche) hat die Pflicht, auf ihre Sprachquellen zu hören - auf seine Künstler, auf seine Philosophen, auf seine Priester und auf seine Könige. Wenn es das nicht tut, verliert es seine schöpferische Kraft in der Welt. Es mag sich dann zwar noch "wohlfühlen", so wie sich ein verwirrter Drogenberauschter wohlfühlt, aber es vermag nicht mehr Mensch (der sich selbst besitzt, in der Zeit) zu werden und wird ins Nichts fallen. Während eben diese Künstler, Dichter, Philosophen und Priester und Könige die Pflicht haben, ihre Sprache "zu quälen", zu läutern. Denn sie gibt dem Volk das vor, was es zu denken und damit zu wirklichen vermag. 

Ein Papst, der diese Pflicht im umgekehrten Sinn also aber nicht erfüllt, muß zurechtgewiesen werden. Und auch das ist in der Kirchengeschichte zuweilen vorgekommen. Wer nämlich nicht denkt, wer nicht liest, wer seine Sprache nicht foltert um das Aussagbare überhaupt erst zu finden, der verdient nicht Argumente - er braucht Zurechtweisung. Die gesamte Unfehlbarkeit des Papstes hängt nämlich genau daran: Daran, daß er den Logos selbst repräsentiert. Denn der Gläubige, der das Papstamt anerkennt, anerkennt es DESWEGEN. Und sein Glaube (s. u. a. Newman!) ist der Glaube an diesen Logos, an das depositum fidei, dem auch der Papst verpflichtet, das zu vertreten er in besonderer Weise berufen ist. Nicht der an eine Person, die am Papstthron Tango tanzt und die von ihm nicht zu trennende Amtswürde wie eine Holzente mit rotem Schnabel am Bändchen hinterherlaufen läßt. Ach ja, die ist ja auch noch da ...

Morgen Teil 2) Dann schickt Gott eben Propheten


*250415*

Samstag, 7. März 2015

Selber richtig leben - darum geht's! (2)

Teil 2) Kämpfen, ja, gewiß - aber vor allem: Selber richtig leben!




Glauben Sie auch, ähnliches würde einsetzen, wenn man die Tötung und den assistierten Suizid legalisiert?
Ja.
Viele Menschen bevorzugen die Feuerbestattung wegen der andererseits hohen Kosten und aus Rücksicht auf ihre Angehörigen, die für diese Kosten aufkommen müssen. Übertragen auf die Debatte um die Sterbehilfe: Wird der Mensch sich für ein Weiterleben rechtfertigen müssen?
Dieses Argument spielt eine große Rolle und ist bereits heute Realität. Man muss dem Patienten zusichern können: Du bist nicht schuld, dass deine Angehörigen so viel zahlen müssen. Das kann man aber nur sagen, wenn es keinen anderen Ausweg für die Angehörigen gibt. Dass es strafbar wäre, würde einen solchen falschen Ausweg unmöglich machen, denn so kann der Sterbewillige das nicht verlangen. Man muss dabei den großen Unterscheid zwischen Selbsttötung und Beihilfe heranziehen, der darin besteht, dass Selbsttötung den Gesetzgeber nicht zu interessieren braucht. Es gibt Länder, in denen der versuchte Selbstmord strafbar ist. Das halte ich für falsch. Der Mensch kann aussteigen. Ob das sittlich gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Als Christ würde man es als nicht erlaubt ansehen. Aber der weltliche Gesetzgeber kann sich darauf berufen, er habe über den Todeswilligen, der ja aus dem ganzen Gesellschaftssystem aussteigen will, keine Gerichtsvollmacht. In dem Augenblick allerdings, in dem zwei Personen betroffen sind, greift das Gesetz. Und es muss greifen. Was ein Mensch mit einem anderen tut, unterliegt der Gesetzgebung. Deshalb darf man nicht folgern, da der Selbstmord nicht verboten ist, muss auch die Beihilfe erlaubt sein. Außerdem macht man einen großen Fehler, wenn man sagt, die Selbsttötung sei erlaubt. Sie ist weder erlaubt noch nicht erlaubt. Da hat der Staat nichts zu befehlen, nichts zu verbieten. Wenn das Gesetz im Falle des assistierten Suizids nicht greifen würde, steigt der Druck, die Selbsttötung zu verlangen. Bis hin zu dem Umgekehrten, dass Menschen in Ländern, in denen der assistierte Suizid legal ist, ohne ihre Zustimmung getötet werden. Aus Angst kommen Menschen nach Deutschland, weil sie sich hier sicherer fühlen. 

Sie haben bereits die Bedeutung des Arztes angesprochen. Würde sich das Ethos des Arztes verändern, wenn er zum Töten berechtigt oder verpflichtet wird?

Unbedingt. Es ist ein Ruin des ärztlichen Ethos. Das ärztliche Ethos ist bestimmt durch den Imperativ zu heilen, Leiden zu beseitigen oder zu mildern. Aber nicht dadurch, dass man den Leidenden abschafft. Da endet die Aufgabe des Arztes. Der Kranke muss das Gefühl haben, ich kann niemanden dazu bewegen, mich zu töten. Und das tröstet. Für die Autorität des Arztes ist es katastrophal im Augenblick, da der Patient das Gefühl hat: Jetzt ist er noch so nett, morgen bringt er mich um. Dann wird der Arzt ein Macher, der über Tod und Leben entscheidet. Das ist furchtbar. Dazu zählt ebenso, dass man niemanden aus seinem Leben befreien wollen kann, denn befreien setzt einen Zustand voraus, den der Befreiende anstrebt. Das Paradoxe ist, dass die einzige Handlung im Leben, die vollkommen autonom ist, der Selbstmord ist. Tot zu sein ist aber kein Zustand, den ich anstreben kann, denn damit beseitige ich mich als Freiheitssubjekt.
Der Mensch braucht Vertrauen. Viele geben trotz anhaltender Schmerzen den Wunsch auf, zu sterben, wenn sie Liebe, Zuwendung und Unterstützung von anderen Menschen erfahren. Wie ist mit dieser Erfahrung angemessen umzugehen? Gibt es auch einen wirklichen Wunsch, zu sterben, der nicht durch Vertrauen und Liebe beseitigt werden kann?
Den Wunsch, zu sterben, hat mancher, der schwer krank ist. Aber das ist etwas völlig anderes, als der Wunsch getötet zu werden. Die Bitte richtet man allenfalls an Gott: Ruf mich! Angenommen, ein mir nahestehender Mensch würde mir die Bitte vortragen, ihm beim Sterben zu helfen, ihn umzubringen, dann müsste ich antworten: Du kannst nicht verlangen, dass ich von dir sage, es soll dich nicht mehr geben. Das geht über das hinaus, was ein Mensch tun und sagen darf. Dieser Mensch könnte alles verlangen, aber er kann nicht verlangen, dass ich möchte, dass er verschwindet. Und wenn er fragen würde, ob ich ihn zu einer Sterbehilfeorganisation in die Schweiz begleite, würde ich versuchen, ihm das auszureden. Ich würde ihm nicht helfen, aber ich würde ihn dennoch begleiten und bei ihm bleiben. Aber er muss wissen, ich halte das, was er tut, für ganz grundlegend falsch. Er soll es sich bis zum Schluss überlegen. Das ist Solidarität auch mit dem Sünder. Egal was er tut, ich bleibe bei ihm. Aber man kann keine Barmherzigkeit üben, indem man die Sünde begünstigt. Den Sünder lieben und die Sünde hassen, schreibt der heilige Augustinus.
Sterben und Tod sind Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Warum schiebt der Mensch Tod, Leid und Schmerz aus seinem Sichtfeld? Geschieht dies aus Angst? Aus Unbequemlichkeit?
Es ist unangenehm. Dahinter steckt die Vorstellung, es gäbe keine Wahrheit, nur Lust und Unlust. Wenn es nicht so etwas wie eine Wahrheit gibt über den Menschen, demgemäß diese Wahrheit ihren festen Punkt in Gott hat, wird daraus geschlossen, alles sei erlaubt.
Ist es möglich, eine Kultur des Sterbens wieder in die Gesellschaft zu integrieren? 
Nur in Grenzen. Direkt gesellschaftspolitisch wirken kann man verhältnismäßig wenig, aber man sollte es tun. Angesichts dessen, was heute passiert, auch in der Genderdebatte, muss man kämpfen. Aber es gibt viele Dinge, große Trends, die man schwer beeinflussen kann. Das einzige, was man tun kann, ist es, zu versuchen, selber richtig zu leben, und das in einem Kreis von Menschen, die auch versuchen, richtig zu leben und eine große Anziehungskraft über andere ausüben können. Es muss in einem Meer Inseln des richtigen Lebens geben.
Was könnten solche Inseln sein? Einzelne Menschen, die Kirche?
Vor allem die Kirche ist die große Insel. Aber solche Inseln sind überall, wo es Menschen gibt, die so leben, als wenn Gott existierte. Dann hat man getan, was man kann. Die Kirche muss nicht zu viel Zeit verschwenden, Überlegungen anzustellen, wie wir den modernen Menschen erreichen können. Gut, das ist eine Frage, die man natürlich auch stellen muss. Aber die entscheidende Frage ist vielmehr: Was müssen wir tun, um in unserer widergöttlichen Zeit nach Gottes Willen zu leben? Wie sieht ein solches Leben aus?




***

Freitag, 6. März 2015

Selber richtig leben - darum geht's! (1)

Dieses Interview ist wirklich gut, und man sollte es lesen. Klar, knapp, präzise schlägt Robert Spaemann, wenn man genau liest, dutzende Fliegen mit einer Klappe. Denn er berührt viel mehr Themen als "nur" das Thema Sterben: neben überraschenden Einsichten zu Rechtsprinzipien ("Recht kann nur das Personenübergreifende regeln, nicht das, was nur eine Person selbst angeht. Selbstmord zu verbieten ist falsch, das ist eine Frage der persönlichen Sittlichkeit.") solche der Anthropologie, ja sogar Fragen der Kirchendisziplin und des persönlichen Lebens als Katholik.

Man sollte also achtgeben, nicht zu rasch zu einfache Antworten herauszulesen und zufrieden zu murmeln "Ja, klar, gegen Sterbehilfe muß man sein, wissen wir." Langsame Lektüre lohnt hier! Sehr deutlich wird in dem Interview nämlich, wie Fragen der Lebenspraxis direkt aus prinzipiellen Sichtweisen hervorgehen, und wie zusammenhängend, wie weit und wie weit verästelt jene wirken.
Gegen Gepflogenheiten soll es wieder einmal ausnahmsweise zur Gänze fürs Archiv in der Form gebracht werden, in der es auf der Webseite des Bistums Regensburg erschien. Alle Rechte liegen aber beim Bistum Regensburg.

Über ein Sterben in Würde


Robert Spaemann - Bildrechte: Bistum Regensburg
Der renommierte Philosoph Prof. Robert Spaemann spricht im Interview mit Julia Wächter über paradoxe Verschiebungen im Begriff der Würde, über Gefahren, die sich aus einer Legalisierung des assistierten Suizids ergeben würden, sowie über die Aufgaben der Kirche und jedes einzelnen Menschen.
Der Begriff "Sterben in Würde" wird sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern der Sterbehilfe verwendet. Wie kommt es zu dieser mutmaßlichen Verschiebung und Umdeutung im Begriff der Würde?
Die Würde kommt nicht dem Menschen als einem ausschließlich organischen Lebewesen zu, sondern deshalb, weil er ein spirituelles Subjekt, ein Ich ist. Es wird aber immer stärker eine Trennung zwischen dem Menschen als biologischem Wesen und einem über der Materie schwebenden Ich vorgenommen. Die Anhänger des Selbstmordes sprechen davon, dieses Ich würde mit dem Tod verschwinden. Folglich hätte der Mensch, der dann kein Mensch mehr wäre, keine Würde mehr. Dabei wird er nicht als Leib-Seele-Wesen verstanden, sondern – man müsste eigentlich sagen – als eine reine Seele. Das ist natürlich paradox, weil diese Leute meistens zugleich Biologisten und Materialisten sind. Sie müssten eigentlich die entgegengesetzte Theorie vertreten. Die ganze moderne Ideologie leidet unter einem tiefen inneren Widerspruch und das zeigt sich gerade an der Doppelbedeutung des Wortes Würde.
Angenommen, ein Mensch, der Suizid begeht, ist der Überzeugung, dass mit dem Tod alles ein Ende nimmt. Wie kann dieser Mensch trotz der Härte seines Daseins ein – aus seiner Sicht – "Nichts"  bevorzugen?
Sein Dasein wird diesem Menschen immer unangenehmer und so kommt es zum Bilanzselbstmord. Man wägt Vor- und Nachteile ab und entscheidet anschließend, welcher Pol überwiegt. Der Mensch macht sich somit selbst zu einer Sache. Solidarität mit dem Sünder, aber klare Missbilligung der Sünde ist hier zu fordern.
Ist die Auffassung, der Mensch könne nicht absoluter Herr über sein eigenes Leben sein, auch bei Nichtgläubigen rechtfertigbar?
Das ist keine Erfindung der Christen. Schon Sokrates schrieb, das Leben sei uns geschenkt. Ein Ungläubiger jedoch glaubt nicht daran, dass der Mensch einen Herrn hat. Höchstens Argumente, die auf dem Naturgesetz basieren, könnten von ihm als sinnvoll erachtet werden. So kann man auch das Verbot der Beihilfe zur Tötung aus den Erfordernissen der allgemeinen Sicherheit verdeutlichen. Der Mensch muss gegenüber allen seinen Mitmenschen seines Lebens vollkommen sicher sein. Und das ist er nicht mehr, wenn es eine Tötungserlaubnis gibt. Der Mensch ist nicht absoluter Herr über sich, sondern er muss auch die anderen respektieren. Wenn er wirklich ungläubig ist, wird er eventuell sogar die Pflicht gegenüber dem Nächsten nicht respektieren. Dann führt die Argumentation dem hartnäckigen Ungläubigen gegenüber nicht zum Erfolg. Es gibt allerdings wenige Menschen, die wirklich gewiss sind, dass es keinen Gott gibt. Die meisten Menschen heute sind Agnostiker: Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, vielleicht ja, vielleicht nein. Einem solchen Menschen gegenüber kann man noch argumentieren, beispielsweise mit der Pascalschen Wette: Wenn nichts auf dem Spiel stünde, wäre es vielleicht egal, ob es Gott gibt. Wenn es aber um die Ewigkeit geht und wenn man nur einen Hauch von Zweifel an einer absoluten Gottlosigkeit hegt, dann gilt die Prämisse, so zu handeln, als wenn es die Wahrheit wäre. Der Glaube ist eine große Freude und ein Trost. Was hätte man verloren, wenn es Gott nicht gäbe? Gar nichts.
Gibt es ein objektives richtig und falsch im Falle des Sterbens oder kann jeder für sich selbst entscheiden, was "würdig" ist?
Am Ende wird dieser letzte Schritt des Sterbens nicht mehr in vollem Bewusstsein vollzogen. Aber das ist bei dem Selbstmörder genau dasselbe wie bei demjenigen, der eines natürlichen Todes stirbt. Das Sterben in Würde ist ja ein Sterben, das ein leib-seelischer Vorgang ist. Der Mensch stirbt, indem die Seele sich vom Leib trennt. Es stirbt nicht der Organismus für sich und es stirbt nicht die Seele für sich, sondern der Tod ist ein auf den ganzen Menschen Bezogenes.
Auch für die Todeskriterien in Hinblick auf die Hirntoddebatte ist das wichtig. Wann tritt eigentlich der Tod ein? Traditionellerweise war es so, dass der Mensch für tot erklärt wurde, wenn er nicht mehr atmet. Dann hat man früher vorsichtshalber einen Arzt dazu gezogen, der prüfen musste, ob die Angehörigen, die sehen, dass er gestorben ist, Recht haben oder ob da doch noch etwas Leben ist. Damals holte man den Arzt also, um sicher zu sein, jemanden nicht vorzeitig zu töten. Und manchmal konnte er sagen: Moment, dieser Mensch ist noch nicht tot. Es gibt noch eine Spur von Atem beispielsweise. Jetzt aber ist es genau umgekehrt. Bei der künstlichen Lebensverlängerung, wenn ein Mensch an Apparate angeschlossen ist und nur durch deren Hilfe am Leben bleibt, wird heute oft davon gesprochen, der Mensch sehe nur lebendig aus, er atmet noch und hat noch eine rosige Gesichtsfarbe, aber das sei alles nur wegen der Maschinen. In Wirklichkeit aber sei er tot – ein Appell zur Organentnahme. Der Arzt spielt nun die umgekehrte Rolle. Früher war es die Rolle der Vorsicht, nicht zu früh jemanden zu begraben. Jetzt dient er dazu, die Skrupel beiseite zu räumen und zu sagen: Lass mal, der ist tot.
In der Harvard-Definition war der Tod des Menschen der Hirntod. Das hatte dann zur Folge, dass man Leuten die Organe entnahm, die gar nicht wirklich tot waren, und im Grunde wussten die Ärzte das auch. Warum haben sie sonst den Menschen bei der Organentnahme eine Narkose gegeben? Gibt man Leichen eine Narkose? Inzwischen ist deutlich geworden, dass die ganze Hirntoddefinition nicht stimmt. Daraus ziehen die einen die Folgerung: Stopp, ihr könnt diesen Menschen nicht die Organe entnehmen, sie sind nicht tot. Die anderen sagen: Na gut, dann machen wir jetzt ein Gesetz, das das Töten erlaubt. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, die Person sei tot und höre auf, Person zu sein, wenn sie nicht mehr als Person ansprechbar sei. Diese Unterscheidung zwischen Menschsein und Personsein ist aber ganz verhängnisvoll. Der Mensch als Ganzes ist Person und steht in personalen Rollen: Er ist Vater, Mutter, Tochter, Tante und so weiter. Das sind alles personal besetzte Rollen, die nicht an ein Ende kommen, in dem Augenblick, in dem der Mensch außer Bewusstsein ist. Die extremen Vertreter der gegenteiligen Position behaupten, der Mensch habe aufgehört, Person zu sein, wenn er schläft. Wenn er wieder aufwacht, ist er nicht dieselbe Person als diejenige, die eingeschlafen ist. Er erbt nur bestimmte Erinnerungsstücke. Wenn ich mich also an meine Kindheit erinnere, wäre ich das gar nicht wirklich. 

Ein solcher Kampf ist zum Schluss nicht mehr wissenschaftlich entscheidbar, denn die Frage "Wann ist der Mensch tot?" ist keine Frage an die Wissenschaft, sondern unterliegt der Wahrnehmung innerhalb einer Gesellschaft. Wir nehmen den Toten als Toten wahr, wir behandeln ihn als Toten, wir behandeln den Leichnam entsprechend. Darum ist es auch eine Katastrophe, dass die katholische Kirche die Feuerbestattung begleitet, denn sie greift aufgrund der niedrigen Kosten immer mehr um sich. Ich habe immer vorgeschlagen, dass die Gemeinden einspringen, wenn jemand die Erdbestattung nicht bezahlen kann. Wenn die Kirche die Feuerbestattung nicht begleiten würde, würden viele Leute es nicht tun.

Morgen Teil 2) Kämpfen, ja, gewiß - aber vor allem: Selber richtig leben!




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