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Montag, 26. Dezember 2016

Vom Überleben einer guten Idee

Daß das erstmals in Florenz stabil eingerichtete "monte di pieta" - eine Pfandleihanstalt für den kleinen Mann, gewissermaßen, zumindest ursprünglich so gedacht, die lediglich auf Basis von Kostendeckung Arme und Notleidende durch Kredite unterstützen sollte - sich auch über die Wirren des 16. Jhds. halten konnte hatte es einem Zusammenspiel von Faktoren zu verdanken. Die allesamt in seiner Ursprüngsidee wurzelten, dem Verzicht auf Wucher durch Zinsen. Der vor allem die tödlichste Falle jedes Zinsgeschäfts vermied: Die der Zinsakkumulation, also dem Zinseszins, in dem nicht bezahlte Zinsen dem Kapital zugeschlagen und selbste wiederum verzinst wurden. Bei Kreditzinsen von 40 oder 50 %, wie sie die jüdischen Banken verlangten, war das überhaupt absolut tödlich, und die Überschuldung (und damti Versklavung) eines Kreditnehmers schon nach kurzer Zeit eingetreten.

Aber auch in Kriegen und Notständen war das Florentiner "monte di pieta" stabil geblieben, hatte alle und alles überlebt. Während die übrigen Florentiner Banken (Florenz war zwar nicht mehr DIE Geldzentrale Europas, aber immer noch ein wichtiger Finanzplatz; eine Kredefähigkeit, die sich ausschließlich auf menschliche Arbeit und frühere Wertschöpfung mit Kapitalakkumulation bei gleichzeitigen Niedriglöhnen zurückführte), die sich auf Kredite an Prinzen und Regenten spezialisiert hatten, immer wieder um ihre Rückzahlungen fielen. Das hatte vielen Banken schon das Genick gebrochen. 

Denn im Grunde war auf Dauer KEIN Regent zahlungsfähig, und selten überhaupt zahlungswillig, das stellte sich bald heraus. Dennoch setzte überall und bald ein tödlicher Kreislauf in Bewegung, in dem immer weitere Kredite schon deshalb nicht mehr verweigert werden konnten, weil die Rückzahlung der alten (oder wenigstens der Zinsen daraus) anders nicht mehr möglich gewesen wäre. Damit wäre auch der Kreditgeber bankrott gewesen! Staaten, Regierungen, Prinzen waren sehr rasch "too big to fail". Irgendwann "erwischte es jeden", und dank seiner Macht entledigte er sich irgendwann auch einfach seiner Schulden. Die Medici hatten im späten 15. Jhd. genau das in London und Brügge erlebt, und das Florentiner Stammhaus war im Grunde ebenfalls daran mitgefallen, hätte sich Cosimo nicht an der Staatskasse bedient. (So, wie eben jeder Liberal-Kapitalismus endet, der den "Markt" zu einem gottähnlichen Mythos erhebt. Und die Verbindung von Magie, Esoterik, Gnosis und Kapitalismus ist einfach unübersehbar, beide haben dieselbe geistige Wurzel.) 

Und zwar allerspätestens dann, nachdem das Spiel Kredite = Steuern irgendwann zu einem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang mit Arbeitslosigkeit, Unproduktivität und Armut breiter Schichten geführt hatte. Auch das ein Automatismus, der sich aus dem Zinswucher ergibt, den deshalb immer und überall spätestens in seinem Spätstadium eine politisch initiierte SEXUELLE BEFREIUNG begleitet. Weil diese nichts anderes bewirkt als die leichtere Lenkbarkeit der Bevölkerung TROTZ der immer sklavenartigeren Lebensbedingungen. Gendering und damit zusammenhängend LesbianBiGayTrans (LBGT) ist deshalb nichts anderes als das finale Stadium TOTALER Volksmanipulation durch die Symbiose von Staat und Großkapital. (Wir werden darüber noch gesondert handeln, um diese Zusammenhänge leichter begreifbar zu machen.)

Da kamen diese Wohltätigkeits-Banken gerade recht. Savonarola wurde ohnehin bald nach seinem Tod immer mehr als Heiliger oder Prophet behandelt, postum von vielen wieder glorifizeirt, die sich nach den Jahren unter seinen Reformen zurücksehnten, wo sich so viele Probleme gelöst hatten. 

Diese Monte mit ihren niedrigen Zinsen bzw. Gebühren (gegen die auch die Kirche keine Einwände hatte) waren ja auch in anderen Hinsichten interessant. Und bald bedienten sich die Florentiner Regenten (die Medici waren 1512 wieder zurückgekehrt) der billigen Kredite des Monte, um sich nämlich selbst zu refinanzieren. Um das Problem des Kapitalnachschubs zu lindern, gestattete die Stadtregierung, daß es seinen Geldgebern selbst Zinsen von 5 % bezahlte. Das war zwar deutlich weniger als jüdische Häuser boten, dafür aber war wie gesagt das Monte stabil und sicher. Seinen Kreditnehmern verrechnete es ebenfalls 5 %, allerdings nicht kumulativ, wenn sie kleine Kredite benötigten. Der Satz stieg erst mit der Kreditsumme bis auf 7,5 %. 

Bald wurde auch in Siena eine Filiale eingerichtet, und ab da nahm diese Pfandleihanstalt einen großen Aufschwung. Denn nach wie vor verweigerte sie sich spekulativen Geldgeschäften, und lieh bis zur Hälfte seines Kapitals in Form von Unternehmensbeteiligungen (trug also das Geschäftsrisiko mit), landwirtschaftliche Anbauprojekte, oder in Hypothekargeschäfte. Die andere Hälfte blieb immer den Kleinkrediten für Arme vorbehalten. So wuchs der Geschäftsumfang beträchtlich, obwohl die Wirtschaftslage alles andere als gut war. 

Durch die Überschuldung bei jüdischen Pfandleihanstalten VOR Savonarolas Reformen (ab 1492/94 bis 1498) bei gleichzeitig zu niedrigen Löhnen durch die brutale Geschäftsführung der Florentiner Tuchproduzenten (denn Tuch - Wolle und Seide - war seit langem das einzige Hauptgeschäft in Florenz) waren ja nicht nur die einfachen Leute hoffnungslos verschuldet, sondern auch viele Bauern hatten ihre Höfe aufgebeben - es gab also zu wenig Lebensmittelproduktion - und immer mehr Handwerker waren ausgewandert, um der Überschuldung zu entkommen, die ihnen keine Luft mehr zum Atmen ließ, sie versklavt hatte. Weil sich durch die international immer schärfere Konkurrenz (wobei die Verquickung von Krediten an den englischen König mit gleichzeitiger Abhängigkeit von englischen Wolllieferungen eine eigene Geschichte ist) trotz Lohnkürzungen (die den Arbeitern die Basis zum Leben nahm) bei gleichzeitiger hoher Besteuerung war ein Wirtschaftsbetrieb wenig verlockend. Wenn sich doch gleichzeitig mit reinen und überregionalen Geldgeschäften viel mehr verdienen ließ.

So hatten die Florentiner aufgehört, in die Wirtschaft zu investieren. Die bloßen Geldgeschäfte waren ausreichend, um reich zu werden. Hier also liehen sie bald immer mehr von den (karitativen) Monte, die per Gesetz gewissermaßen dazu gezwungen wurden, dort verliehen sie an Kreditsuchende, und das waren nach wie vor Regierungen und Prinzen. Auch Florenz selber. So verschmolz mit der Zeit der Staatshaushalt bzw. die Staatsschulden mit den Bilanzen des Instituts, wurden ununterscheidbar.  Als die Medici 1731 endgültig ausstarben, und die Habsburger die Toskana regierten, wurde versucht, das wieder zu trennen, um die ursprünglich so wichtige soziale Funktion der Monte zu sichern. Aber es war gar nicht mehr möglich, also wurden neue Anstalten gegründet.

Mittlerweile aber hatten sich Institute wie das Florentiner Monte überall gebildet, und es fand seine Nachahmer bis in unsere Tage, wo sich seine Ursprungsidee aber leider schon bis zur Unkenntlichkeit verwaschen hat. Denn sie haben sich allesamt längst ins spekulative Finanzgeschäft begeben, und damit eigetnlich ihre Gründungsidee verraten. Soziale, ja wohltätige Aspekte sind reinem Gewinnstreben gewichen. Ja mehr noch, sie alle sind mehr und mehr zu Kreditgebern der Regierungen geworden. Aber die Sparkassen, Volksbanken und Raiffeisenbanken sind ursprünglich ihrem Vorbild nach entstanden - nach jenem Vorbild, das Savonarola (und die Franziskaner und Dominikaner Norditaliens) erfunden hatten, um dem klienen Mann die Chance zu geben, dem Wucher der meist jüdischen Pfandleihanstalten und Banken zu entkommen.





*281016*

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Sozialreform als Kampf gegen den Wucher (4)

Teil 4) Das Ende - ein Passion, 
deren Folgen das ganze Abendland furchtbar betreffen





Erst trieb man ihn in einer Gasse aus Menschen zum Gefängnis. Immer wieder schlug man ihn, um dann zu fragen: "Na, sagt uns doch, wer hat dich geschlagen, du bist doch ein Prophet?" Nachdem man ihn ins Gefängnis gebracht hatte, erstellte der Stadtrat das Tribunal für seinen Prozeß. Als oberster Richter wurde der bereits genannte Doffo Spini eingesetzt. Wie es damals üblich war, wurde dem Prozeß aber die Folter vorangestellt. Savonarola brach unter der Tortur zusammen und "gestand" (wie es unter Folter üblich ist) alles - auch, daß er ein falscher Prophet sei. Das war sein Todesurteil.

Zuvor aber sollte er noch offiziell aller kirchlichen Würden entkleidet werden. Papst Alexander sandte für diesen Akt den in ganz Italien als "Romolino" bekannten Bischof von Lerida nach Florenz, um Richter, Jury und Exekutor zugleich zu sein. Aus Dankbarkeit sandten die Reichen der Stadt diesem eine als Page verkleidete Hure in sein Schlafgemach, von der der Bischof so begeistert war, daß er sie im Anschluß nach Lerida mitnahm.

Romolino verkündete nun formell die Kirchenstrafe. In der er den Dominikaner "aus der streitenden und triumphierenden Kirche verstieß", woraufhin der gebrochene Mönch erwiderte: "Von der streitenden Kirche magst du mich ausschließen, aber nicht von der trimuphierenden!" 

Um ihre Milde und Güte zu beweisen, verkündeten nun die Richter, daß sie Savonarola und zwei seiner engsten Mitarbeiter, die allesamt der Häresie und der Kirchenspaltung für schuldig befunden wurden, daß sie erhängt würden, ehe ihre Leiber auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden würden. Als man den Galgen für Savonarola errichtet hatte, hatte dieser eine so seltsame Form, daß die Leute raunte, daß er wie ein Kreuz aussehe - Gerüchte verbreiteten sich, daß er gekreuzigt werden solle. Als das den Stadtvätern zu Ohren kam, schickten sie einen Tischler zum Richtplatz, der mit einer Säge diese seltsame Kreuzform durch Kappen des senkrechten Balkens beseitigte. 

Es war soweit. Man legte allen dreien die Schlinge um den Hals, und ließ sie fallen. Aber die Seile waren so schlecht, naß und steif, daß sich die Schlingen nicht zuzogen. Damit brach nicht, wie beim Hängen intendiert, jeweils das Genick, sondern alle drei wurden mehr oder weniger langsam erdrosselt. Frater Silvestro, der Assistent von Savonarola, stieß dabei lange Zeit immer wieder das Wort "Jesus!" aus, ehe er doch verstarb. Im Vergleich dazu starb Savonarola rasch. Als man die Leichname zum Scheiterhaufen trug, warfen viele Zuschauer Pulversäckchen auf den Holzstoß, in der Hoffnung, daß er rascher und heißer abbrennen und der Dominikaner schneller zu Asche verschwinden würde. Das führte dazu, daß es bei Entzündung zu einem wahren Feuerwerk kam. 

Schließlich wurde die Asche der drei von der Brücke in den Arno gestreut. Niemand sollte sich eine Reliquie sichern können. Viele Florentiner waren so entsetzt über dieses Vorgehen, daß sie offiziell vom Glauben abfielen. Andere aber verehrten Savonarola sofort als Heiligen und Märtyrer. Vier Tage nach seinem Tod, am 26. Mai 1498, knieten zwar erst nur vier Frauen an jener Stelle, wo er verbrannt worden war. Vier Jahrhunderte später wurde in Florenz an seinem Todestag aber bereits ein Pontifikalamt zum Gedenken zelebriert. 

Noch ehe Savonarola hingerichtet worden war, hatte der überwiegende Teil seiner früheren Anhänger ein Schreiben an den Papst unterzeichnet, in dem sie sich von den Dominkaner heftigst distanzierten und sich als betrogene Opfer seiner Verführungskünste bezeichneten. Aus Dankbarkeit gewährte Papst Alexander VI. der Stadt Florenz, Kirchengüter drei Jahre lang zu besteuern. Um Gerüchten zu begegnen, die aufkamen, daß Savonarola der wiedergekommene Jesus Christus gewesen sei. Diese verstärkten sich, als bekannt wurde, daß der Papst zugestimmt hatte, von jedem Mönch und Priester drei Decimen (Silberstücke, "Zehner", mit dem Nominalwert von "10") zu besteuern, denn die Zahl dreißig wurde mit der Passion Christi - dreißig Silberstücke als Lohn für Judas' Verrat - in Verbindung gebracht. 

Den jüdischen Pfandleihhäusern wurden wieder alle früheren Rechte eingeräumt. Die öffentliche Moral in Florenz - völlig irritiert - brach erneut zusammen. Homosexualität wurde wieder eifrig praktiziert. "Nun können wir endlich wieder," meinte unmittelbar nach der Hinrichtung einer der Ratsherren der Stadt.

Schwerste Auswirkungen auf die Moral hatte aber ein anderer Umstand: Denn im Rathaus der Stadt wurde Savonarolas Folter-"Geständnis" laut und öffentlich verlesen, um diesen endgültig zu desavouieren. Daraufhin fielen tatsächlich viele Florentiner tief enttäuscht vom Glauben ab. Denn darin hatte ausgerechnet der, den sie für einen Propheten gehalten hatten, zugegeben, daß er KEIN Prophet sei und daß er das, was er gepredigt und verkündet hatte, NICHT von Gott empfangen hätte. So viele hatten dabei aber vom Mönch eine Erneuerung der Kirche und ein neues, himmlisches Jerusalem und Bekehrung der Ungläubigen erwartet. Nun "stellte sich heraus", daß alles eine Lüge Savonarolas gewesen war. 

Damit hatten die Oligarchen von Florenz erreicht, daß auch alle sozialreformerischen Ansätze Savonarolas diskreditiert und vom Tisch waren. Sofort begannen sie, das alte System des Zinswuchers und niedriger Löhne, mit dem sie reich geworden waren, wieder aufzurichten. Die Prostituierung junger Männer florierte wieder, und niemand in Florenz kümmerte sich noch um Anstand und Sitte. Womit freilich niemand gerechnet hatte - Geld kann sich nicht vermehren. Eine jahrzehntelange schwere Rezession setzte ein, denn es wurde kaum noch etwas produziert. Geld arbeitet eben doch nicht.

Die Langzeitfolgen waren aber weit gravierender, tiefgreifender. Die Kirche hatte sich aus dem weiteren Verlauf des Kapitalismus verabschiedet. Hatte selbst bekundet, daß sie sich in die Lebensweise der Menschen nicht einmischen wollte, daß ihr Wirtschaften nichts mit ihr zu tun hatte. Das zeigte sich in ganz Europa, und dann vor allem in der Reformation, die den ethikfreien Turbokapitalismus der Finanzwelt endgültig auslöste. Sie hatte die Welt sich selbst überlassen, und diese wollte von ihr nichts mehr zu sozialen und wirtschaftlichen Fragen - die zuerst Fragen der Moral, der Ethik sind! - hören. Ein Zustand, der bis heute andauert.


Schluß

Sadro Botticelli berichtet, daß ihn etwa 18 Monate nach Savonarolas Tod Doffo Spini besucht hätte. Jender homosexuelle Bankier, der in dem Drama eine Schlüsselrolle gespielt hatte. Botticelli frage ihn zum Tod des Mönches. Spini antwortete darauf: "Wir haben keine einzige Sünde bei ihm gefundne, keine Todsünde, keine läßliche Sünde, nichts." " 
Aber warum habt ihr ihn dann verurteilt," wollte der Maler nun wissen? 
"Der Mob hätte uns in einen Sack gesteckt und in Stücke gerissen, wenn wir das nicht getan hätten. Im Volk war so ein Haß auf Savonarola, daß wir ihn und seine Gefährten verurteilen mußten, um unsere eigene Haut zu retten."





*271016*

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Sozialreform als Kampf gegen den Wucher (3)

 Teil 3) Der Kampf gegen Savonarola 
- apokalyptische Schlacht der Finanzwirtschaft




Der Kapitalismus (als Finanzwucher) hatte, schreibt E. Michael Jones, wie überall und immer sonst auch seine sittenverderbende Wirkung gezeigt. Und die war die völlige Zerstörung alles dessen, was ein Sozialwesen ausmacht, zwischenmenschliche Solidarität genauso wie vor allem: die Freiheit! Unter dem Siegel der "erotischen Befreiung" hatte auch in Florenz die Oligarchie die Unfreiheit der Menschen betrieben, die nun ihren Trieben ausgeliefert, von diesen gesteuert waren. Und über die Triebe wiederum läßt sich eine Bevölkerung beliebig lenken. 

Wer die Triebbefriedigung beherrscht, beherrscht die Menschen, die von diesen Trieben getrieben werden. Florenz war ein Sklavenstaat, von wenigen Sklavenhaltern beherrscht - und niemand von den Sklaven merkte es. Und dies alles im Gewande einer neu erweckten Antike, in der dieselben Grundsätze - einschließlich der Sklaverei und der Kapitalakkumulation, vor allem aber der Dienstbarmachung des Staates und seiner Gewalten durch das Geld - geherrscht hatten. Savonarola hatte die wirklichen Zusammenhänge ausgezeichnet erkannt, die Faszination, die er bis heute bewahrt hat, hat ihre sehr realen Gründe.

Ferrara - Statue des Savonarola
Er hörte dabei nicht auf, gegen den Borgia-Papst Alexander VI. zu predigen. Der mit ungeheurer Brutalität und Verlogenheit und Gier regierte, dem es nur um Geld und persönliche Vorteile ging, und vor allem um ein zügelloses Leben. Mit drei Frauen hatte er acht Kinder, und noch als 60jähriger hielt er sich eine jugendliche Geliebte. Kaum ein Vergehen, dessen man ihn nicht - und mit Recht - bezichtigte. Ihm stand nur dieser Dominkaner in Florenz entgegen, der sich nicht und nicht beruhigte und gegen ihn wetterte. Das Konzil von Basel hatte ja gezeigt, wozu solche Bewegungen führen konnten, die Gefahr daß ein neuerliches Konzil der Empörung einberufen wurde, das sich neuerlich über den Papst stellte, dräute, er mußte also um alles fürchten. Ein über Savonarola verhängtes Predigtverbot fruchtete wenig. Der Dominkaner, der den Papst als illetigim bezeichnete, weil er sich das Amt erschlichen und erkauft hatte, ignorierte es weitgehend, und die Menschen hielten zu ihm. Die Autorität des Papstes war für viele sowieso fraglich und nun noch mehr in Gefahr. Also widerrief er sie rasch wieder. Winkte stattdessen mit dem Kardinalshut, um ihn vielleicht so in die Intrigenkammern Roms hineinziehen und korrumpieren zu können - "Umoveatur ut amoveatur", der alte Grundsatz des "Befördern um damit zu entfernen", konnte sich nicht entfalten.

Aber Savonarola lehnte auch dieses Angebot ab. Also verbündeten sich Papst, Bankiers, Juden und die Reichen von Florenz, die um ihren Lebensstil fürchteten. Und sie warfen eine Medienmaschinerie an, wie man es heute bezeichnen würde, die den Dominikaner immer schwerer verleumdete, und ihn als Sektenführer bezeichneten. (Johannes Paul II. hat 1998 seine Seligsprechung eingeleitet.) Schließlich griff Alexander VI. zu schwersten Geschützen: Der Mönch war ein Sektenführer, kein Prophet sondern ein Verführer der Massen - ein "Populist", wie man es heute sagen würde -, also waren alle Befürworter Sektenmitglieder. Aufbauend auf einer Verleumdungskampagne, verhängte er 1497 über ganz Florenz das Interdikt, den Kirchenbann, und forderte die Inhaftierung des Dominikaners. Längst hatte auch Karl VIII. unter den diplomatischen Notwendigkeiten in einem politisch verworrenen Italien seine Unterstützung für Florenz aufgegeben, plötzlich stand auch er gegen Florenz.

Apokalyptische Stimmung machte sich in der Stadt am Arno breit. Das Eingreifen des französischen Königs war jederzeit zu befürchten, und es war fraglich, ob er diesmal die Stadt wieder so großmütig behandelte. Gegenprediger traten auf. Die Angst vor der Pest war ohnehin allgegenwärtig. Plötzlich gab es sogar Mißernten aufgrund des Wetters, Hunger war die Folge. Im Frühjahr 1497 starben schon Kindder auf den Straßen und in den Krankenhäusern. Savonarola wehrte sich lange und heftig, und die Bevölkerung hielt lange noch zu ihm. Aber alles steigerte sich in einen immer hysterischeren Rausch "göttlicher Sendung - gegen die Welt des Antichristen". Ein permanenter Zustand der Aufgeputschtheit, dem bald Erschöpfung folgte, denn die Menschen waren mehr und mehr überfordert, körperlich wegen des Hungers, und immer mehr psychisch.

Im Mai 1497 sahen die Gegner Savonarolas ihre Stunde gekommen. Inder Nacht vom 3. zum 4. Mai 1497 brachen junge Männer, die sich den sittlichen Forderungen des Mönches nie hatten fügen wollen, in die Kirche Santa Maria del Fiore ein, in der Savonarola am nächsten Tag predigen sollte, beschmierten die Kanzel mit Eselskot und schlugen in die Balustrade Nägel. Umgekehrt. Ihr Anführer war der homosexuelle Bankierssohn Doffo Spini, und der hatte sich immer schon am heftigsten gegen die Reformen gewehrt, die er als "puritanische Tyrannei" bezeichnete. Am 11. Juni führten sie sogar ein Pferderennen ab, erstmals in offenem Widerstand gegen die seit einigen Jahren geltenden Verbote. Dabei verbreiteten sie Sprüche wie "Laßt uns doch ein wenig Lebensfreude unter die Menschen bringen, oder sollen wir alle Mönche werden?" 

Allmählich drehte sich die Stimmung im Volk, der Hintergrund wurde immer apokalyptischer. Am 18. Juni wurde von einem weitern seiner Gegner, Fra Leonardo, ein Schreiben verlesen, das der Papst erlassen hatte und die Exkommunikation Savonarolas verkündete. Am 19. Juni starb der Lieblingssohn des Papstes. Dieser überlegte unter dem Eidnruck des Schmerzes sogar kurz, die Kirche tatsächlich zu reformieren und sein Leben zu ändern, aber er entschied sich dann doch anders, setzte seinen Kampf gegen Savonarola fort. Am 3. Juli brach in Florenz neuerlich die Pest aus, und hatte am 16. Juli bereits 30 Häuser erfaßt. Zur selben Zeit tauchten erstmals Gerüchte auf, Savonarola wäre selber homosexuell und würde es mit seinen Dominikanerbrüdern treiben. Während sich die Pest weiter ausbreitete, war einige Tage darauf eine Sonnenfinsternis zu beobachten. 

Eine Massenflucht aus der Stadt aufs Land setzte ein, die Menschen wollten den nächsten apokalyptischen Reitern entkommen, von denen es hieß, sie stünden bereits vor den Toren der Stadt. Man kratzte Geld zusammen, um Soldaten anzuheuern, denn der zweite Reiter, Krieg, drohte - Venedig würde, hieß es, in Pisa einfallen, sodaß für Florenz der Verlust des lebensnotwendigen Hafens drohte. Da traf die Botschaft ein, daß der Papst die Exkommunikation Savonarolas auf ganz Florenz ausgeweitet hatte, was hieß, daß niemand mehr mit der Stadt Handel betreiben konnte. Besonders die Wohlhabenden schrien immer lauter, denn ihre erste Lebensgrundlage war nun ernsthaft bedroht. 

Ende 1497 wies Savonarola die päpstliche Anordnugn zurück. Am 24. Februar 1498 nahm er seine Predigten in Santa Maria del Fiore sogar wieder auf um endgültig zu zeigen, daß er sich um die Exkommunikation nicht scherte. Die Stadtleitung sandte eine Abordnugn zu ihm, er möge doch wenigstens ein paar Tage lang damit aufhören, denn die finanziellen Konsequenzen durch das zu befürchtende Handelsembargo waren enorm. Aber der Mönch wies das zurück, er habe Gott mehr zu gehorchen. Zwischenzeitlich traf die Nachricht ein, daß der Papst sämtliche Vermögen und Warenlager florentinischer Kaufleute in Rom beschlagnahmen lassen wolle. 

Am 25. März 1498 entlud sich die enorme Spannung, die sich aufgebaut hatte. Ein Franzuiskanerpater forderte Savonarola auf, sich einer Feuerprobe zu stellen um zu beweisen, daß er tatsächlich Gottes Wort verkündete und kein betrügerischer Prophet war. Am 6. April kündigte der vermjutlich sélbst bereits nervlich schwer belastete Dominkaner tatsächlich, daß er einige seiner Mitbrüder durch ein Feuer gehen lassen werde, ohne daß diesen ein Leid geschehe. Plötzlich meldeten sich tausende seiner Anhänger, daß sie für ihn durch dieses Feuer gehen wollten. Daraufhin errichteten Tischler einen 30 Meter langen Holzparkours, der angezündet und bewältigt werden sollte. 

Der Tag der Feuerprobe kam. Während noch über die Bedingungen diskutiert wurde, unter denen die Anhänger Savonarolas durch das Feuer gehen sollten, zogen plötzlich Wolken auf, und als hätte Gott sich direkt eingemischt, machte ein wolkenbruchartiger Regen jede Feuerprobe unmöglich. Am nächsten Tag, dem Palmsonntag 1498, rottete sich ein Mob zusammen, suchte Savonarola auf und nahm ihn gefangen. Ab nun sind die Parallelen zur Passion Christi so auffällig, daß man sie nicht verschweigen kann.


Morgen Teil 4) Das Ende - ein Passion, 
deren Folgen das ganze Abendland furchtbar betreffen





*271016*

Dienstag, 20. Dezember 2016

Sozialreform als Kampf gegen den Wucher (2)

Teil 2) Sozialreformen müssen alles Soziale umfassen, nicht nur Brot




Savonarola, der bei den Florentinern in hohem Ansehen stand, begann sofort, die alte Idee der in Norditalien so verbreiteten Bewegung gegen den Finanzwucher als zentralen Ansatz einer Sozialreform umzusetzen, und schaffte es wirklich, in Florenz das erste "monte di pieta" einzurichten: Ein Pfandleihhaus, das gerade zu Gebühren bzw. Zinsen arbeitete, die zwar kostendeckend waren - das hieß: einmalige 5 % bis 7 %, die Jahresbilanz sollte gerade positiv sein - aber niemanden übervorteilten. Sie verliehen auch nur an wirklich Bedürftige, die ihre Not lindern, Saatgut oder dringend benötige Werkzeuge für ihre Arbeit kaufen mußten. Geld für Spekulationszwecke wurde nicht verliehen. Woher aber das Kapital nehmen, das man dann verleihen konnte? 

Savonarola predigt den Florentinern
Erstmals setzte der Dominikaner dieselbe Jugend ein, die zuvor noch so verderbt war. Er kleidete sie in weiße Gewänder, und ließ sie (an die 5.000) durch die Straßen ziehen, wo sie bei den Bürgern um Geld "baten". Tatsächlich kamen die ersten 1500 Florin (Goldstücke) zusammen, ein Anfang war gesetzt. Sofort war Erleichterung der für viele so bedrückenden Lage zu bemerken. Aber bald stellte sich heraus, warum diese Häuser nirgendwo auf Dauer funktionierten - das Geld, das man verleihen konnte, ging aus. Denn die Anleger (und auch die noch verbliebenen Bankhäuser von Florentinischen Familien) bevorzugten die ... jüdischen Häuser, die ihnen Zinsen jenseits der 20 % boten. Also mußten diese verboten werden. Das setzte Savonarola im Stadtparlament auch noch durch, aber es kam nie zur Umsetzung. Denn in Wirklichkeit brauchte auch die Stadt Geld, und das borgten ihr ... dieselben jüdischen Häuser, gegen die Zusage, weiter ihren Geschäften nachgehen zu können.

Das hatte Savonarola ein ganzes Heer von Feinden geschaffen, die sich mehr und mehr zusammenschlossen. Denn der Dominkanerpater verdarb ihnen einfach alles, entzog allen die Basis ihres Reichtums - die Geldwirtschaft. Und entzog ihrer Lebensweise den Nährboden - die jungen Bettgefährtinnen, vor allem aber die Lustknaben. Denn auch ein Verbot der Homosexualität war erlassen worden, das nach vorherrschender Lehrmeinung denselben ontologichen Wurzeln entstammte wie der Finanzwucher: Als Unfruchtbarmachung an sich produktiv sein sollender Kräfte. Beides war also sogar Gotteslästerung. Beides war zutiefst verwerflich. Beides aber war tief in der Lebensweise der Florentiner verankert. Die Syphilis war seuchenartig verbreitet.

Also griff Savonarola zu einer eigentlich sehr klugen Strategie: Er stellte die Gewohnheiten der Florentiner auf den Kopf, indem er sich nutzte, aber zu anderen Zwecken einsetzte. Auch er organisierte 1496 erstmals einen Karneval, den er noch eindrucksvoller  inszenierte, als ihn die Florentiner von den Medici her gewohnt waren. In erschütternder Dramaturgie zogen nachts dieselben 5.000 Jugendlichen in ihren weißen Gewändern durch die Straßen, und "baten" die Bewohner, alles was an unsittlichen Bildern, Gütern, Liedertexten, Dingen die nur der Eitelkeit dienten, alles was man irgendwie als unsittlich oder der Unsittlichkeit dienstbar bezeichnen konnte herauszugeben. Das wurde auf der Piazza della Signora zu einem großen Berg aufgeschichtet, und dann unter beeindruckenden Gesängen verbrannt. So ernst war es allen damit, daß sogar das Angebot Venezianischer jüdischer Bankiers abgelehnt wurde, die ihnen die Dinge für viel Geld abkaufen wollten. Der Maler Botticcelli warf selbst sogar seine früheren Aktzeichnungen, die er noch im Dienst der Medici angefertigt hatte, ins Feuer.

Der Dominkaner aber hatte auch begriffen, wie tief die Musik der letzten Jahrzehnte die Unsittlichkeit in den Köpfen und Herzen verankert hielt. Denn gerade in den frivolen, erotischen, offen anzüglichen und rein lustbetonten Liedern wurden jene Haltungen dauerhaft, die sie als Lebenshaltungen verfleischlicht hielten. Also dichtete er um, schuf andere Lieder oder regte solche an. Die Begeisterung der Florentiner für ihn und seine Reformen wuchsen, die sozialen Zustände besserten sich auch zusehends. Florenz geriet regelrecht in einen Enthusiasmus einer Reform, die von vielen (darunter Macchiavelli, an sich ein Atheist) als "sinnenverneinend" bezeichnet wurde. Aber es war ein Versuch, ein ganzes Gemeinwesen von der Wurzel her zu sanieren, und diese Wurzel war tief im Laster verfault. Und sie war vor allem im Finanzwesen - im Wucher - gegründet, der die Lebensweise der Menschen so tiefgreifend verändert.


Morgen Teil 3) Der Kampf gegen Savonarola - apokalyptische Schlacht der Finanzwirtschaft




*271016*

Montag, 19. Dezember 2016

Sozialreform als Kampf gegen den Wucher (1)

Girolamo Savonarola (1452-1498)
Es wäre möglicherweise gar nicht zu einer Reformation gekommen, hätte Girolamo Savonarola den Kardinalshut angenommen, den ihm Papst Alexander VI. 1494 anbot. Denn es ist anzunehmen, daß der Dominkanermönch, der 1482 erstmals nach Florenz als Lektor an die dortige Novizenschule kam, und schon damals einen legendären Ruf als Bußprediger hatte, die einen starken Zug von Sozialreform trugen, als Kardinal mit Unterstützung der Franzosen und einiger Kardinäle, die die unglaublichen Machenschaften des Borgia-Papstes ablehnten, seinen Kampf gegen diesen Papst fortgesetzt und darin gesiegt hätte. Und recht sicher selbst Papst geworden wäre. Aber Savonarola lehnte ab, man muß dazu sagen: in falscher Demut.

Noch Lorenzo de Medici hatte ihn 1490 nach Florenz zurückgeholt, von wo er aufgrund seiner Radikalität zwischenzeitlich wieder entfernt worden war. Auch wenn seine Bußpredigten - wie in ganz Norditalien von den Dominikanern und Franziskanern - genau gegen das gerichtet waren, was Lorenzo aufgezogen hatte: ein korruptes Regime, in dem das Finanzwesen, die Geldgier der Medici und der Oligarchie des Stadtstaates alles regierte und den Staat ausplünderte, zum Werkzeug privater Interessen machte. 

Aber Lorenzo hatte wohl schon geahnt, daß sein unglaublich arroganter und größenwahnsinniger Sohn alles, was er gerade noch hatte halten können, binnen kurzem verspielen würde. Lorenzo fühlte wohl das düstere Ende, das seinem Hause blühte, und wollte es noch irgendwie abwenden. Denn tatsächlich hatte sein Sohn Piero keine zwei Jahre gebraucht, um auf absurde Weise die Herrschaft der Medici zu verspielen, mit der auch das Bankhaus 1494 endgültig zusammenbrach. Das nun die öffentlichen Mittel nicht mehr hatte, die es so lange noch am Leben gehalten hatten. Piero hatte sich in maßloser Verkennung der Realitäten mit den Franzosen angelegt, die in Italien mit ihrem König Karl VIII., der nicht unbedingt ein freund des Papstes war, stark engagiert waren. 

Die Florentiner waren ihm zutiefst dankbar, denn er hatte den Franzosenkönig dazu bewegt, die Stadt nicht zu plündern. Sofort begann Savonarola sein Reformwerk. Denn Florenz war in einem sittlich und sozial katastrophalen Zustand. Die Verarmung der Bevölkerung bei gleichzeitiger Bereicherung der Oligarchie (allen voran die Medicis), der immer totalere Niedergang aller produktiven Bereiche, hatte furchtbare Zustände bewirkt. Kaum ein Mädchen, das nicht schon in jungen Jahren promiskuer geworden war, und kaum ein männlicher Jugendlicher, der nicht seinen Körper an die Reichen verkaufte. Homosexualität war alltäglich geworden. Kaum ein Armer aber auch, der nicht bei den jüdischen Pfandleihhäusern schwer verschuldet war. 

Die (wir haben das bereits früher dargestellt) aber die schmutzigen Geschäfte der Oligarchie erledigten, mit der Zeit natürlich selbst zu Geld und Macht kamen. Was auch damit zu tun hatte, daß sie es klug verstanden, über ihre internationalen Beziehungen ihr Geld so geschickt zu verschieben und zu verbergen, daß auch die Pogrome nur wenig an ihrem wachsenden Reichtum ändern konnten. Sie verliehen zu Wucherzinsen Geld an jeden. Ein Jahreszins von 35, 40, 50 % und mehr war üblich. Und sie verliehen es leicht. Sie verliehen es diskret. Und sie waren damit erste Einnahmequelle für nach Rendite suchendes Geld - das von der Oligarchie stammte, den Reichen, den Begüterten.


Morgen Teil 2) Sozialreformen müssen alles Soziale umfassen, nicht nur Brot





*271016*