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Freitag, 19. August 2022

Verlust der Einheit durch die Schrift

Eine der in seinen Auswirkungen auf eine sich immer mehr beschleunigende Diffusion des Sozialen gravierendsten Elemente war nicht nur die Etablierung des Buchdrucks, sondern dessen (kapitalistische) Kommerzialisierung. Lag sie erst in der Größe des für so eine Druckmaschinerie nötigen Kapitals begründet, so hat sie mit der technischen Entwicklung einhergehende Minimalisierung der Teilhabemöglichkeit als Konsument wie als Schaffender eine zwar scheinbare Wendung genommen, ihre Wirkweise aber in ein- und derselben Richtung multipliziert.

Sie hat den Einzelnen nunmehr aus sienem sozialen Gefüge herausgleöst, und ihn DIREKT mit einer Aussage mit Wahrheitsanspruch (denn JEDES Sprechen ist ein Sprechen mit diesem Anspruch) konfrontiert. Damit hat sich sein Forum nach und nach erst internalisiert und damit individualisiert, einerseits, wenn auch anderseits zentralisert. Weil das Angebot des zu Lesenden mit einem mal vom Inhalt getrennt wird, und keiner von Gott bestimmten und bestimmbaren Hierarchie unterliegt. 

Mittwoch, 18. Mai 2022

Als es fast so war, wie es sein sollte (4)

Der Tanz um ein Zentrum, das als und durch das erkennbar wird, was ausgelassen ist, und dem ganzen Bilde fehlt - Sie sehen, werter Leser, wie drehen uns hier ein wenig um ein Zentrum herum. Das aber im Film, wie gesagt (und er hat insgesamt viele Teile, wir bringen hier aber nur einen der ersten, die anderen sind bei Youtube leicht selber abzuholen, und das empfehlen wir sogar) nicht nur hinlänglich dargestellt wird, sondern auch einen so warmen Eindruck einer glücklichen Epoche bietet, den wir hier ein wenig in einen deutlich weiteren Horizont einbetten wollten. 

Dieses Zentrum wird nämlich von den engelischen Filmemachern ganz erstaunlich objektiv und richtig dargestellt. Denn der Wohlstand der Epoche der Tudors, die die Engländer die Zeit von etwa 1460 bis 1530 nennen, war vor allem durch die Kirche so lebenswert gewesen. Denn wenn man genau zuhört (und das macht diese Serie eigentlich so bemerkenswert!) dann bekommt man die Aussagen herrlich duftend serviert. So duftend, daß zumindest ich mehere male eine regelrecht Sehnsucht nach einem Leben aufsteigen fühlte, das sich genau so abwickelt. 

Mittwoch, 21. Juli 2021

Reformation als Bildungsnotstand

Im Grunde ist die ganze Reformation der Ungeduld Martin Luthers, also dem Ausfluß eines sittlichen Defekts, somit eines Tugendmangels, zuzuschreiben. Die dann mit den Jahren scheinhalber von einer Theologie überlagert wurde, die in nichts bestand als in einem rationalistischen, sophistischen Herausgreifen und Fortführen von theologischen Sätzen, die Luther in Erlangen zum einen zu wenig verstand, die er zum anderen mit Recht ablehnen mußte, weil sie einfach falsch oder Aberglaube waren. 

Es ist dies eine Ungeduld die jene haben, die der Wirklichkeit des Seins zu wenig vertrauen. Und sie tun dies vor allem deshalb, weil sie sich einerseits zumuten, ihre Vernunft selbständig darauf auszurichten, und anderseits die Verknüpfung zur religiösen Haltung übersehen. Die die Indefektibilität der Kirche nicht in einer utopischen "Reinheit" des faktischen historischen Zustands erkennt (denn dort ist sie nicht, nicht bis zum historischen Zweiten Wiederkommen Christi und der darauf folgenden Neuen Schöpfung), sondern in jener Wirklichkeit des Seins, in der alles Faktische auf eine nicht immer leicht zu erkennende, subtile, aber umso wirklichere, kräftigere, unüberwindlichere Weise zusammengehalten wird.

Samstag, 12. Dezember 2020

Wie sich Politik und Geld vermählten (2)

 Teil 2) Die ungeschminkten Anmerkungen


*Als einem bereits wahrhaftigen Renaissancekönig war der Anspruch Heinrichs VIII. auf Allmacht in seinem Staate, mit dem er sich ursprünglich aus der Schuldenfalle ziehen wollte, zum Bumerang geworden. Denn nun waren Geldgeber, Banken mit der Situation konfrontiert, daß der König als Schuldner jederzeit per Federstrich Gesetze erlassen konnte, die ihn von seinen Schulden befreiten und die Kreditgeber enteigneten. Oder vielleicht gar einen Kopf kürzer machten. Also bekam Heinrich nirgendwo in Europa noch Kredit. 

Das löste William III. einige Jahrzehnte später, und er konnte es nur lösen, indem er die Hand des Geldadels ergriff. Die fortan mit einer von der Monarchie abgesicherten Zentralbank umgekehrt den König finanzierten (und den gesamten Geldschöpfungsprozeß des britischen Bankenwesens kontrollierten) - wenn der König die Macht über die Finanzierung der Monarchie ans Parlament formell abgab.

Der VdZ schreibt dies freilich mit einer gewissen hintergründigen Absicht. Denn er möchte dem Leser vielleicht klarer als bislang machen, daß Geld kein "Ding an sich" ist, sondern Symbol für ein reales Verhältnis. Das seinem Wesen nach ... Schuld (also: Schulden, als zu tilgende Verpflichtung) ist. Wenn es somit verschiedenenorts wie ein böses Schattengespenst an die Wand gemalt wird, daß Banken Geld "aus nichts" schaffen, so muß man dazu sagen, daß das überhaupt zum Wesen des Geldes im eigentlichen Sinne gehört! 

Davor muß sich also niemand fürchten, solange diese Verpflichtung auch erfüllt werden kann und das auch beabsichtigt ist. Denn dieses "nichts" ist kein "nichts", sondern ein Versprechen, durch zukünftige Arbeit (sic!) das heute ausgegebene Geld zu bedecken. 

Unser Geldwesen selbst aber hat durch diese flexible Geldschöpfung "vor Ort" (also durch Banken) jene Dynamik, die einer menschlichen Gesellschaft angemessen ist. Das hat bei aller substantieller Kritik die Entwicklung des Wohlstands in den letzten drei Jahrhunderten denn nun doch gezeigt. Das sollten wir zumindest vor Augen haben, wenn wir darüber reden.

Eine Geldschöpfung, die durch eine Zentralgewalt (hier und bis heute überall dual, durch König UND - privater! - ZentralBANK) gesteuert wird. Wiederum mit einem Parlament verschränkt, das dieses Gleichgewicht steuern kann und will. Und in der einen Beschluß aufbereitenden Debatte der Öffentlichkeit zugängig, durch die Wahl der Abgeordneten sogar mitbestimmbar macht. Mit dem uralten Leitbild, daß Besteuerung nur möglich ist, wenn die Bevölkerung (also der Besteuerte) dieser Besteuerung (die eine Form der Enteignung ist) auch zustimmt.

Was eine etwas anders gelagerte Frage aufwirft. Ob nämlich die gegenwärtige Praxis der Demokratie diese Kontrolle überhaupt auszuüben vermag. Ob also nicht eine Diskussion über die Institutionalisierung unseres Staatswillens angebrachter wäre als die letztlich substanzlose und utopistische Forderung nach "Transparenz" einiger Personen oder Gruppen. 

Tabuwort Demokratie

Die in einem seltsam verschwommenen, irrationalen Wunsch- und Traumbild einem Demokratismus anhängt, der wie ein messianischer Wundermechanismus alles "irgendwie" lösen soll. Und übersieht, daß die Rechtfertigungsmythen der Demokratie (als Telos, als Ziel, auf die sie angelegt ist) nie erfüllt und gar nicht erfüllbar weil irrational sind. Was sich nicht zuletzt an der Sakrosankt-Stellung des Wortes "Demokratie", aus der seine wirre, wahllose Verwendung als "Argument" (dabei aber nur Totschlaginstrument dem anderen gegenüber) ablesen läßt.

Wer bitte schön (und der Leser möge das anhand seines Umfeldes einmal überprüfen) wäre bereit auch nur spielhaft anzunehmen, daß das, woran wir immer mehr zu leiden meinen, wirklich leiden und noch mehr leiden könnten, all die Korruption, Instransparenz, die sich bildende Oligarchie (die jede "Mitsprache des Volkes" zur Farce macht), und überhaupt so viele der Zukunftsängste, auch unser Geld betreffend, mit dem Instrument "Demokratie" überhaupt nicht lösbar, sondern sogar deren unausbleibliche Folge sind? 

Wäre James Corbett etwa, dessen Kritik und Analyse sehr oft sehr zutreffend, klug, ja luzid ist, wäre der etwa bereit anzunehmen, daß sein Glaube, die Mißstände, auf die er hinweist, wären keineswegs "durch mehr Demokratie" behebbar weil nur Abweichungen von deren innerstem Gefüge und Sinn? Daß es also schlicht naiv und sachlich falsch ist, auf eine Bewegung "von der Straße" zu bauen, ja die "Aufgeklärtheit jedes Einzelnen" als eigentliches Wesen der Demokratie zu sehen?

Warum das falsch ist? Weil Denken, also "Aufklärung" nur in Zusammenhang mit eines Ort, also Stand, Berufung usw und damit Traditionstreue gesehen werden kann. Diese Bestimmung nie überschreitet, und eben nicht, wie die Aufklärung postuliert (ohne je daran zu glauben, bitte sehr! die Aufklärer waren sogar immer die schlimmsten Diktatoren, weil und wenn sie erkannten, daß ihre Vorstellung sich "nicht realisiert") eine Frage simpler mechanistischer "Logik" ist. 

Warum das? Kurz noch einmal gesagt: Weil Logik selbst Postulate HAT und braucht. Und das ist eine der mathematischen Logik vorausgehende Annahme über die Wirklichkeit, die selbst NICHT mit dieser "Logik" zu erfassen, sondern eine Frage des Transzendenten, des Glaubens ist.

Übrigens: Die Griechen, auf die wir uns in dieser Frage gerne berufen, wußten das noch. Ihr Verständnis von Demokratie als Herrschaft des Volkes war keineswegs irrational, sondern ziemlich anders, realistischer, als wir es pflegen.

²Dieser Eigentumsvorrang ging so weit, daß 1850ff. das Eigentum der (meist englischen) Landlords vor dem Notrecht der Iren selbst gereiht blieb. Während sechs Millionen Iren verhungerten, exportierten die englischen Herren des Landes unter Schutz eines Drittels des englischen Militärs die im Land produzierten Lebensmittel. Während sich, übrigens, die irischen Bischöfe in England eine Auszeit nahmen und von den Kelchen der Honneurs schlürften, die die englische Krone ihnen angesichts ihrer Dienstbarkeit servierte.

**Was hier heißt: Polygamie. Denn das bedeutet jede "Scheidung und Wiederverheiratung". Das hätte aber für einen christlichen, katholischen König bedeutet, daß er aufgrund seines moralischen Zustands der Repräsentation Gottes verlustig gegangen wäre. Ab diesem Moment war ihm kein Untertan, kein Bürger, kein Adeliger mehr zu Gehorsam und Eidtreue verpflichtet.

³Es gab in jeder Kultur auf ihrem Weg nach oben Einrichtungen der "Jubeljahre", also des Streichens von Schulden. Und damit der Möglichkeit zu einem Neubeginn nach einer Zeit von Mißgeschick, von Mißernten oder schlicht von Versagen. Damit hat der Kapitalismus aufgeräumt. Der den Schuldner gnadenlos nicht nur unter Zinsdruck stellt, sondern ihm bei Zahlungsunfähigkeit bis zur Versklavung nachstellen kann. Die englische Marine (Matrosen) mit den bekannt brutalen "Disziplinierungsmaßnahmen" oder Australiens Geschichte der Besiedelung, die eine Geschichte unfaßbarer Gewalt und grausamen Unrechts ist, sind auch und vor allem eine Geschichte der Verschuldeten.

***Wir berühren hier sogar eine der Hauptwurzeln der Sklaverei. Sogar der Sklaverei in Afrika (und damit der "Neuen Welt"), die nur durch die Verschuldung vieler Afrikaner möglich wurde. Sodaß diese zuerst Verwandte, Kinder und schließlich, wenn auch Überfälle von Dörfern und Stämmen, die von der eigenen Heimat entfernt waren, nicht fruchteten, sich selbst "verkauften." Um unter vereinbartem "sozialen Tod", unter Verzicht auf Leben und Würde ihre Schulden abzuzahlen!

****Es war genau diese Entwurzelung, die die Geburt der universalistischen "Nation" bewirkte. Die "als Idee" zu einer ideologischen, voluntaristischen, positivistischen "Nation" das wurde, was wir als "Nationalismus" bezeichnen. Eine völlig andere Qualität als die Vaterlands- oder gar Heimatliebe. 


*091220*

Freitag, 11. Dezember 2020

Wie sich Politik und Geld vermählten (1)

"Das Ergebnis war, daß die in Privathand befindliche Bank (Bank of England, Anm.) die persönlichen Schulden des königlichen Souvereigns (William I. von Oranien) in eine Schuld des Staates umwandelte. Die somit sogar zu einer staatlichen Währung wurde. Die Besiegelung dieser Transformation privater in gesellschaftliche Produktion von Geld (als Forderung demjenigen gegenüber, der eine Münze oder eine Banknote herausgibt) wurde durch einen Wandel im Machtgefüge erkauft. Die jenes historisch einmalige hybride Konzept eines "Königs im Parlament" hervorbrachte, die wir in England bis heute haben. 

Mit diesem Vorgang in England nahmen 1697 erstmals in der Geschichte Europas Institutionen für die öffentliche Produktion von Geld Gestalt an, die von einem immer wieder zu suchenden Gleichgewicht von wirtschaftlichen und politischen Interessen getragen wurden. Der Staat wurde nunmehr durch Anleihen bei einer mächtigen Geldgeberklasse finanziert. Und der Ort dieses Interessensausgleiches war eine öffentliche Bank. Somit hatten beide Seiten Interesse daran, daß die jeweils andere Seite langfristigen Bestand hatte."

Das schreibt Geoffrey Ingham in "The Nature of Money" über jene historische Phase, in der sich Politik und politische Macht erstmals mit dem Großkapital insoweit verbündete, als sie - in einem fortan geeinten Willen, in welchem sie dem "gemeinen Volk" gegenüberstanden - das Schicksal einer Nation bestimmten.

Dieser Punkt war das fast unvermeidbare Ergebnis einer seit dem 14. Jahrhundert immer drängender werdenden Verschuldung der englischen Könige. Die unter Heinrich VIII., der seine Vorfahren an Prunk- und Luxusliebe (bei gleichzeitigem Ehrgeiz in außenpolitischen Angelegenheiten, was im Klartext heißt: Kriegen) noch weit übertraf, so drängend wurde, daß dem König* "keine andere Wahl" blieb, als die Kirche zu enteignen. Die damals (rechnet man es in Geld um, wenngleich das niemandem eingefallen wäre außer ...) geschätzt die Hälfte der Vermögenswerte Englands besaß. 

Er nützte dazu geschickt kircheninterne Parteiungen, entledigte sich elegant moralischer Probleme**, samt den damit verbundenen schwerwiegenden Problemen der Legitimation seiner Herrschaft, und nannte diese Zerschlagung der Sozialgefüge samt der darauf folgenden Entwurzelung seines Volkes - wie wir Heutigen - nach lutherischem Vorbild "Reform" bzw. "Reformation". 

Für die Bevölkerung freilich änderte sich damit Gravierendes. Denn der Kirchenbesitz war im Wesentlichen Allgemeingut, und bis zur Reformation unter Henry VIII. war es jedem Briten jederzeit möglich, wenigstens seinem existentiellen Grundbedarf zu decken. Denn jeder konnte auf dem Kirchenbesitz ("Allmenden") ein paar Tiere halten, oder etwas anbauen, von dem er wenigstens grundsätzlich überleben konnte. Damit war nun Schluß. Denn fortan war alles Privatbesitz, und aus einst freien Bürgern wurden lohnabhängige Arbeiter. Sofern sie überhaupt Arbeit bei den neuen Herren fanden.

Die noch einen Preis vom König ausgehandelt hatten - den des absoluten Vorrangs des Schutzes des Eigentums. Der unter den gegebenen Voraussetzungen wie die Sanktionierung des Raubzugs an Land, Volk und Kirche wirkt.² Dieses Zusammenwirken von Staat und Kapital war die Voraussetzung für die Entwicklung des Kapitalismus selbst. Der die Macht des Staates braucht, um die Verbindlichkeit des Schuldners in ihrer Absolutheit auch durchzusetzen.³ Während dem Kapital - dem Geld - die soziale Verantwortung (also seine Aufgabe im Gemeinwohl) abgenommen wurde.

Als Wert zu Geld wurde

Noch wichtiger und meist nicht hinlänglich reflektiert - zu sehr wurden wir bereits umerzogen - ist dabei aber ein anderer Umstand: Es geht um die Etablierung von Geld als mathematische, rechnerische Abstraktion von "Wert". Diese Bedingung der "Sanierung" der Finanzen des Königs (die aber nur wenige Jahre hielt, und stattdessen die Notlage der Könige noch weiter verschärfte) veränderte völlig den Alltag der Menschen. 

Die bis dahin (und auslaufend bis ins 18. Jahrhundert) in einer Gesellschaft der "ständigen wechselseitigen Verschuldung" lebten, die aber in moralischer, persönlich zu bedienender Schuld bestand - also nicht in "Geld". In dieser wechselseitigen Verschuldung und Verschuldungsbereitschaft lag der Mörtel dessen, was wir mit "Sozialem Zusammenhalt" bezeichnen können. Worin er wiederum gemäß der christlich eingeforderten Nächstenliebe und Solidarität mit diesem Nächsten gestaltet war.

Geld, das nun aber aus zwei Quellen stammte, die sich zu einer vereinten bzw. wechselseitig konvertierbar wurden. Öffentlich (staatlich-königlich, seit dem frühen 18. Jahrhundert defacto als Metallstandard) und privat, durch die Banken und deren Kredit (vor allem im Wechsel) geschaffenem. Wo eine Seite gewissermaßen für die andere - und über die Steuern der Bürger für alle beide - bürgte. Denn Geld ist immer, wie gesagt, Schuld weil Leistungsversprechen. Das zwischenmenschlich auch ohne jede Münze fungiert, dort nur Ritus, Ritual, Symbol braucht. 

Die Münze ist lediglich das Symbol für ein Leistungsversprechen, entsprechend der Erfüllungswahrscheinlichkeit geschätzt und wertvoll. Und die Krone festigte den Wechsel, das Privatgeld, durch strenge Gesetze und - die Münze. Noch heute ist (auch bei uns) ein Wechsel sehr rasch und einfach einklagbar, und im Insolvenzfall bevorrechtet, hat also höhere Bonität als reines Buchgeld. Er ist, als privates Geld, somit sehr leicht in staatliches, königliches Geld - die Münze, den Geldschein - konvertierbar.

Der Metallgehalt der Münzen, den niemand geringerer als Isaac Newton als Schatzminister Englands reformierte und solide machte, war freilich nur im Austausch mit ausländischen, fernen Leistungen von Bedeutung als Zahlungsmittel. Dort aber oft auch nur der Metallwert. Münzen aus Edelmetall waren somit ein probates Mittel, um Wert aufzubewahren, nicht, um zu bezahlen. 

Dem einheimischen Bürger war auch das Edelmetall nur wirkmächtiges Symbol der Kaufkraft generell. Das zeigen die Münzen, die im Alltag in Gebrauch waren: Vom Metallwert her wertlose (Kupfer-)Münzen, die Kaufkraft per Konvention und deshalb nur in sozial homogenen (sic!) Räumen hatten, soweit eben persönliches Vertrauen herrschte. Aber in solchen begrenzten Räumen akzeptiert wurden, und somit als Zahlungsmittel taugten. Silber und Gold blieben dem Alltag fremd. Nicht selten hatte das Lokalgeld einen einzigen Bezugspunkt als "Wert" - und zwar dessen, was ein Arbeiter täglich (oder in einem bestimmten Zeitraum) zum Lebensunterhalt benötigte.

Alle diese Lokalwährungen (Anführungszeichen) wurden aber im königlichen Pfund vereint, das überall akzeptiert wurde: Es war zwar von einer (privilegierten) Privatbank herausgegeben, aber von der Krone (in Gold) garantiert worden, und war so der Hauptanker aller übrigen Banken und Zahlungsmittel. 

So nebenbei: Diese Balance der Macht, die in England zwischen diesen beiden Schichten stattfand, Finanz mit Finanzadel und Krone, war aber die Basis für Englands Aufstieg zum Weltimperium. Während zu viel Macht - wie im absolutistischen Frankreich, oder den kleinen italienischen Stadtstaaten - den Staat unfinanzierbar machte (s. o.). In England war eben nun das Parlament verantwortlich, ob Kredite aufgenommen und Zins und Tilgung durch Steuern eingehoben werden sollten oder nicht. Was alles im Frankreich auch des 18. Jahrhunderts der König höchst selbst entschied. 
Während somit der Staat in Frankreich immer noch Mittel der Bereicherung von Einzelpersonen war, war er in England bereits zum Mittel geworden. Das den allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstand durch hohe Flexibilität in der Schaffung von Geld (sic!) durch Kredit ermöglichte. 
Es ist auffällig, daß bis ins 20. Jahrhundert die Staaten mit der höchsten - zählbaren - Wirtschaftsleistung auch die Staaten mit dem nachhaltigsten, größten und dynamischesten Kreditwesen waren, nämlich England und die USA. In diesen beiden Staaten verschmolzen Staat und Privat (mehr oder weniger) in einer Aufgabenstellung.

Ohnehin war Münzgeld stets (und in allen Völkern) lediglich und immer schon bekannter Ausgleich "an den Rändern". Und dort vor allem an den Berührungspunkten mit "den Fremden", also den Nicht-Engländern, den Ausgestoßenen, den "Anderen". Einmal etabliert, und zwar schon dadurch, daß die eingeführten Steuern fortan nur noch in Geld (!) zu bezahlen waren, setzten einen Kreislauf in Gang, in dem jeder Bürger imperativisch fortan nach Geld (und NUR nach Geld) zu streben hatte. Bis alles Streben nur noch dem Gelde diente, der Mensch sogar sich selbst (und seine Liebsten) in Geld bemaß und (sogar buchstäblich) verkaufte.***

Innerhalb von hundert Jahren war aber aus einem Land, das noch im 15. Jahrhundert bekannt dafür war, daß es jedem seiner Bewohner mehr oder weniger gut ging und das seiner Gastfreundschaft und Mildtätigkeit wegen gerühmt wurde, ein Land mit einer riesigen Schichte Elender. In dem eine kleine (und durch Konzentrationsprozesser immer kleinere) Schichte immer reicher wurde.

Aus ihren Heimaten**** expedierte Menschen suchten ihr Überleben in den Großstädten (vor allem in London). Dort vegetierten sie mehr denn sie lebten, zu sagenhaften Bedingungen. Erstmals gab es Massen an Lohnabhängigen, an Menschen, die ihre Arbeit als Ware (und darin zunehmend als abstrakte Funktion) betrachten mußten, die sie zu verkaufen hatten. Erstmals entstand also das, was man als Proletariat bezeichnen konnte. Zumal durch die neuartige Konkurrenzsituation der Arbeitenden auch die Löhne so stark fielen, daß man selbst mit Arbeit kaum mehr als notdürftig existieren konnte.

Morgen Teil 2) Die ungeschminkten Anmerkungen



*091220*

Donnerstag, 15. November 2018

Sklaverei - ein nützlicher, aber schädlicher Mythos (4)

3. Kapitel



Auch wenn wir uns an den Gedanken erst gewöhnen müssen - wir sollten es tun. Sklaverei ist keineswegs nur eine Geschichte des Westens gegenüber Afrikanern, sondern auch eine Geschichte der europäischen Völker. Es ist zudem eine generelle Geschichte der Menschheit, und es ist darin nicht nur eine Geschichte der Unmenschlichkeit, sondern darüber hinaus wesentlicher Teil der Geschichte des Kapitalismus, wie er seit dem späten Mittelalter bzw. in der Neuzeit entstanden war.

In der es eine Tatsache bleibt, daß Amerika - weit humaner, weit christlicher motiviert, als heute erzählt - für die allermeisten Schwarzen, die als Sklaven dort ankamen, bessere Lebensbedingungen bedeuteten, als sie sie in Afrika hatten. Vor allem aber bot es vielen neue Chancen, und die Beispiele dafür sind keineswegs Ausnahmen. Und es wäre sehr sinnvoll, diesen Aspekt wieder stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Horrorgeschichten, die unser Geschichtsbild verfälschen, betrafen höchstens ein Prozent der Sklavenhalter, und diese waren von der Allgemeinheit auch in den Südstaaten nicht gerade hoch geschätzt. Damit aber vertieft sich auch die oben dargestellte Demotivation der Schwarzen, die Glück von anderen erwarten, als es selbst in die Hand zu nehmen, weil sie ja Sklavendummies sind und damit Opfer. So nebenbei: Schweine gibt es überall und immer.

Statt all dieser Fakten stehen wir aber einem völlig verfälschten Schuldbild gegenüber, das "den Weißen" in tiefe Scheiße taucht. Wer hat das gemacht? Als erstes fällt einem da Hollywood ein, und das ist wohl auch der Haupttäter.

Wenn auch ein Schuß fast nach hinten losging. Denn was Steven Spielberg in "Amistad" in einem der bekanntesten Filme in dieser Reihe, die die Bosheit der Weißen gegenüber Schwarzen zeigen sollte, auf die Leinwand brachte, muß man in diesem Rahmen sogar als Ehrenfeder am Hut der europäisch-stämmigen Amerikaner werten. Auch wenn sonst Hollywood ein ganz anderes Bild verbreitet und damit verbreiten wollte. Wohl nicht ohne jenen Grund, der das von Juden gegründete und nach wie vor beherrschte Hollywood (siehe die Monographie von Jean Gebser, selber auch ein Jude) seit seiner Gründung in einem bestimmten Licht sehen läßt. Als Kampf gegen und in einer Mehrheitsgesellschaft, in der man wie eine Parallelwelt ein eigenes Reich geschaffen hat, das fortan den Kampf um die Herrschaft im Ganzen aufnahm.

Und darin ist es mehr als nützlich, das Bild der bösen Weißen zu erschaffen wie aufrechtzuhalten. Die mit Schuld beladen kein Recht vor der Gegenwartsgeschichte haben. Vor allem soll solch eine Vergangenheitslegende das Selbstbewußtsein der gegenwärtigen Generation schwächen. Die längst den Mut verloren hat - und sich selbst beschädigt oder zerstört, und die Fortpflanzung verweigert.

Aber die Helden, die, die sich für die Schwarzen einsetzten, ihre Rechte durchkämpften, als amerikanisches System diesen Rechte und der Menschenwürde höchst zuarbeitend zeigten, waren Weiße.

Die Geschichte des Schiffes Amistad im Film, die die natürlich unfaßbar brutalen Zustände des (von jüdischen Schiffseignern - im Zuge der Expedition der Juden aus Spanien durften nur Konvertiten bleiben, und die nahmen sämtlich spanische Namen an; so, wie es Juden in Deutschland taten, weshalb man sie auch "an ihren Namen" oft sofort erkennt - beherrschten) Sklavenhandels nicht verschweigt, knüpft an eine wahre Geschichte an, die sich 1839 abspielte.

Wo ein (weißer, also christlicher) Anwalt die Freiheit für die Sklaven (Sklaven geworden durch afrikanische Feinde und dann an Spanische Händler verkauft) auf dem spanischen Schiff Amistad erstreitet, das nach Seenot in einem US-Hafen liegt und nun also dem amerikanischen Recht unterliegt. (Auch das muß erst erstritten werden.) Diese dürfen daraufhin nach Afrika zurückfahren. Dort aber erwartet sie ... nichts. Denn ihre Familien sind verschwunden. Sie wurden zwischenzeitlich vermutlich von Afrikanern versklavt und verkauft.

In seiner Botschaft zeigt Amistad von Spielberg insofern wohltuend die Realität, als er am historischen Ereignis belegt, daß die bei weitem überwiegende Mehrheit der Euro-Amerikaner in den schwarzen Sklaven keineswegs minderwertiges Menschenmaterial sah, sondern Menschen, denen man mit Fairness und Menschlichkeit begegnen muß wie jedem anderen.

Und das war nicht ungewöhnlich. Es war die verbreitete Haltung. Denn die ersten Sklaven in Nordamerika kamen im 17. Jahrhundert, und es waren ... versklavte Europäer. Was in der Siedler-Bevölkerung keineswegs einfach so Annahme fand. Man war befremdet.

Schwarze Sklaven kamen später. Erst ab dem 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert begann aber erneut das Quasi-Sklaventum von eingeflößten Europäern. Es waren nun vorwiegend durch gepreßte Dienstbarkeiten von Europäern geknechtete Menschen. Der Vizepräsident Lincolns etwa - Andrew Johnson - war ein in Nord-Carolina von seinem Herrn geflüchteter Quasi-Sklave, auf dessen Ergreifung ein Kopfgeld ausgesetzt war.

Der legendäre "Zug nach Westen" aus der Geschichte der USA des 19. Jahrhunderts hat zu nicht kleinen Teilen sogar den Hintergrund, daß viele Weiße aus dem Osten der Staaten der dort nicht seltenen Quasi-Sklaverei entfliehen wollten, und Freiheit suchten, oft flohen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Städten des Ostens der USA waren oft sogar schlechter, die Löhne niedriger als die der Sklaven auf den Plantagen im Süden.

Es gab aus ähnlichen Zusammenhängen deshalb nicht wenige, die die Sklaverei im Süden im Sezessionskrieg als Freiwillige in der Nordstaatenarmee bekämpfen wollten. Weil sie die Befürchtung hatten, daß sich bei einem Sieg der Südstaaten die Sklaverei auch in ihre gerade besiedelten Gebiete ausbreiten würde. Und dort hätten ihnen die Sklaven die eigenen Bemühungen, sich eine Existenz aufzubauen, als Billigkonkurrenz kräftig erschwert.

Hat sich viel geändert? Betrachtet man den afrikanischen Raum - nein. Und die Unterwerfung als "Sexsklave" ist zwar bekannt, aber sie ist nur ein Teil. Nach wie vor gibt es auch die historisch bekannte Sklaverei. Nach wie vor bestehen dort enorme Konflikte zwischen den Stämmen, die den gehaßten Feind als untermenschlich einstufen, sich seiner bemächtigen und ihn verkaufen. So, wie es auch im 17. Jahrhundert war. 









*151018*

Mittwoch, 14. November 2018

Sklaverei - ein nützlicher, aber schädlicher Mythos (3)

2. Kapitel - Teil 2)



Ähnlich damit jenem Proletariat, das in Englands Städten entstand, als Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert die Kirche enteignete und sich Kirchengüter wie Land aneignete oder an seine Getreuen verteilte. Er brauchte Geld für Kriege, noch mehr Geld für seine aufwendige Lebensführung, und er brauchte bedingungslose Gefolgschaft. (Dennoch endete er in Überschuldung.) Die Kirche hielt damals rund 50 Prozent des Grundbesitzes, der aber immer als Allgemeinbesitz galt. So wie zuvor auch der Besitz des Königs, der nur das Recht, nicht aber Eigentum hatte. Der Rest war in Lehen an den Landadel vergeben, auch also als Recht, nicht als Eigentum. (Der Eigentumsbegriff wuchs erst, und das ging Hand in Hand mit Privilegien wie "Erblichkeit" von Titeln und Ansprüchen.)

Die Kirche war aber vor allem Halterin jener Allmenden, jener Landflächen, die freien Zugang zu Weideflächen und Äckern gaben. So daß jeder, unterstützt durch das Wissen der Kleriker, die Möglichkeit hatte, auch ohne Landbesitz sein Leben zumindest zu einem gewissen Mindeststandard zu fristen. Deshalb hatte England den Ruf ein Land zu sein, in dem es jedem gut ging. Es war berühmt für sein Bier, seinen guten Käse, sein feines Brot. Das ging zurück auf die Zeiten König Alfreds, war also viele Jahrhunderte am Werk, der im Kampf gegen die Wikinger das Volk brauchte, und ihm deshalb viele Freiheiten zugestand. (Vor diesem Hintergrund ist auch der aus den USA bekannte Konflikt im Westen verstehbar, als einige Großfarmer begannen "ihr" Land einzuzäunen. Das vorher von vielen Siedlern wie eine Allmende behandelt worden war.)

Daneben gab es durch die Klöster ein Sozialsystem, mit Krankenhäusern, Siechen- oder Altenheimen. Außerdem waren die Klöster Zufluchtsorte, wenn Gefahr für Leib und Leben bestand. Neben allem Geistigen und Schönen, das die Kirche für die Menschen sowieso bot. Eigentum an Menschen war der Kirche natürlich unbekannt weil per se unmöglich. Sie verstand die Welt immer als Lehen, dessen man auch verlustig gehen konnte, wenn man Gottes Recht und Liebesgebot verletzte. Englands Mittelalter war also keineswegs ein "dunkles Zeitalter".

Das änderte sich im 16. Jahrhundert binnen weniger Jahrzehnte. Das erste, was noch unter Heinrich VIII. durch die neuen Besitzer - die königshörige Aristokratie - passierte, war, Zäune aufzustellen und ausschließliches Nutzungsrecht aus erstmals nur vertraglich gesichertem Eigentum zu reklamieren. Henrys Nachfolgerin Elisabeth I. vollendete das Werk. Ab da gab es erstmals eine "Bettlerklasse". Denn die einfache Landbevölkerung konnte nicht mehr existieren, nur wenige konnten sich als Arbeiter an den Adel verdingen. Der Rest suchte die Städte auf, wo er bessere Chancen sah, zu überleben. Und oft genug in Prostitution und Kriminalität endete. Oder in Sklaverei. 

Denn es war der britischen Aristokratie nicht aus ästhetischen Gründen nicht wohl dabei, daß sich ein auch durch hohe Fortpflanzungsraten immer zahlreichere Schichten von Armen und Elenden aufbauten, sondern man fürchtete die Massen als Revolutionspotential. Also begann man, sie systematisch von England zu entfernen. Und in die Kolonien zu verfrachten. Wo es tatsächlich Sklaverei gab. Und zwar von und unter Weißen. Versklavung von Europäern in der Neuzeit ist also weitgehend ident mit der Geschichte der Armut, speziell in der Neuzeit. 

Denn die Geschichte der europäischen Sklaven ist eine Geschichte der Versklavung von Europäern DURCH Europäer und hat darin mit England (und Venedig; das Europäer in den Orient verkaufte oder als Galeerensklaven für seine große Flotte nutzte) die maßgeblichen Proponenten. Die Nachfrage im arabischen, aber auch im anglo-amerikanischen Raum, speziell in den Kolonien, war groß. Sofern die Araber und Türken nicht ihre Sklaven so, wie es seit je in der Menschheitsgeschichte üblich war, durch Kriegszüge als Beute gewannen.* Die Zahl der Europäer, die auf diesen Wegen in arabisch-türkische Sklaverei fielen, geht Schätzungen zufolge in die Millionen.**


Morgen 3. Kapitel


Anmerkungen 2. Kapitel - Teil 2)

*Man muß sich aus den Überlegungen heraus, die sich an das Fazit anschließen, das die Entwicklung der Kriege seit dem 17. Jahrhundert genommen haben und die Kriege als "zwischenstaatliche Kriege" erst einführte, aber heute als unzweckmäßig und überholt betrachten läßt, so daß der Krieg neue Formen (Stichwort "4. Generation") annimmt, sogar die Frage stellen, ob darin nicht sogar mehr Logik steht als man annehmen möchte. Wenn man nämlich diese Kriege unter dem Aspekt sieht, daß ein "Sieg" eines Staates über den anderen dazu geführt hat, das System des Siegers zu zerstören, dafür neue "Regierungen" zu etablieren, denen aber die Legitimation im Volk fehlt, so daß dieses beginnt, aus diesem Legitimationsbedürfnis auf die Stufe von Stämmen, Clans, Familien, Gruppen zurückzusteigen, um sich wieder zu verwurzeln, daß also Sieg in zwischenstaatlichen Kriegen immer die Folge hat, daß der Verliererstaat ins Chaos stürzt, sich quasi auflöst, ob nicht die Konsequenz daraus weiter zu sehen ist. 

Erstens dürfte es nicht verwundern, wenn sich bald auch neue Formen der Sklaverei zeigen, und das zeigt sich ja auch. Man weiß es zum Beispiel von der IS. Aber zweitens erhebt sich die Frage, was mit einem Volk geschehen soll weil kann, das seine Struktur (weil der neuen Hierarchie die Legitimation fehlt) verloren hat. Es zerfällt, es atomisiert sich. Oder es wird ... zur Gänze versklavt. Und man muß sich speziell nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg fragen, ob nicht das durch die Sieger den Verlierern gegenüber eingetreten ist.

**Auch hier ist eine oft zu hörende Facette unter geschichtlicher Sorgfaltsbrille nicht haltbar: Die Rolle jüdischer Kaufleute im Sklavenhandel mit dem Orient (vor der Neuzeit, was fast gleichbedeutend ist mit Kapitalismus) ist marginal. Da waren die Normannen viel viel schlimmer gewesen. Anders freilich in der Sklaverei der Neuzeit in den spanischen Kolonien, wo ("konvertierte", am Namenswechsel erkennbare) Juden eine sehr große Rolle spielten.




*151018*

Dienstag, 13. November 2018

Sklaverei - ein nützlicher, aber schädlicher Mythos (2)

1. Kapitel - Teil 2)







Die Krone wollte die Massen von Armen im Mutterland, die mangels Überlebensmöglichkeiten rasch kriminalisiert oder aufsässig waren, egal wie einfach loswerden. Sie waren gefährliches, revolutionäres Potential, das sich noch dazu durch hohe Fertilität stark vermehrte. 15 oder 20 Kinder-Familien waren in diesen Schichten keine Seltenheit. Während die Eliten, die Oligarchen (man muß es beim Namen nennen), schon damals immer weniger Kinder bekamen. Es mußte nur eine Führergestalt aufstehen, und das Pulverfaß ging hoch. Die Oligarchen nahmen die neuen Möglichkeiten, die sich ihnen nun boten, gerne an.

Obwohl das britische Volk auch damals noch eine hohe Affinität zu "ihrem" Adel hatte. Doch auch dieser hatte sich geändert, durch die königliche Politik. Aus Verdienst- und Landadel (der das Volk als Familie aufgefaßt hat) war von der königlichen Willkür abhängiger Weisungs- und Beamtenadel geworden. Der in einer eigenen Welt lebte, und dem die Wirklichkeit zunehmend feind war. Bis ins hohe Mittelalter hatte der Adel in denselben Lebensumständen gelebt wie das gemeine Volk. Das änderte sich spätestens ab dem 16. Jahrhundert völlig. Übrigens in ganz Europa.

Vor allem aber kam ein neuer Geldadel auf. Von dem der König wiederum abhängig war.*** Damit veränderte sich auch die Sicht auf die Menschen. Sie wurden zu bloßen Faktoren im eigenen Spiel, die mit Exekutivgewalt in Zaum zu halten waren und über die zu verfügen man jedes Recht hatte. Denn der einzige Opponent, die Kirche, war weitgehend ausgeschaltet, wurde vom Staat beherrscht. (Die Verfassung der USA 1776ff. war dann auch die erste, in der der Staat oberstes Prinzip wurde, nicht göttliches Recht.)


2. Kapitel 

Allmählich wird vielleicht dem Leser klarer, warum die Geschichte der Sklaverei keineswegs eine simple Geschichte der Schwarzen ist, wie sie heute kolportiert wird. Sie ist auch nicht die der bösen Weißen, die die Schwarzen versklavten. Die Sklaverei war in Afrika überaus weit verbreitet, wo sich schon lange vor ihrer Geschichte mit den Weißen Stämme und Völker pausenlos und brutal bekämpften. Es war die Regel, daß der Sieger den Verlierer (oder was von ihm überlebte) versklavte. (Was auch in der Antike gang und gäbe war, das so nebenbei: Sklaven waren also immer und überall ein wichtiges Kriegsziel.)

Diese von Afrikanern selbst versklavten Afrikaner wanderten dann vor allem auf die auf den Orient ausgerichteten Sklavenmärkte, bis sich ab dem 17. Jahrhundert auch europäische Kaufleute dafür interessierten. Darunter viele spanisch-jüdische Kaufleute. Die Einstufung von Sklaven als "genetisch minderwertig", die bei europäisch-amerikanischen Sklavenhaltern viele Hemmungen beseitigen halfen, weil sie sich im Recht sahen, sie auszubeuten, stammt mit Sicherheit auch aus dem Talmud.

Aber Sklaverei ist und war kein "weißes Spezifikum." Kein Volk, in dem Sklaverei keine Rolle gespielt hat. Selbst bei den Indianern Nordamerikas war sie weithin üblich. Wiewohl die europäischen Siedler vom Gedanken, die Indianer zu versklaven, bald abkamen. Zu robust war deren Freiheitswille.

Auch wenn man meinen könnte, es klänge zynisch, so ist es doch eine Wahrheit, daß für viele afrikanische Sklaven die Existenz in transatlantischen Ländern bei weitem erträglicher als das Leben in Afrika (oder im Orient) war. Denn es ist ebenso falsch, daß die Sklavenbesitzer in den neuen Ländern durchweg unmenschlich waren. Weil sie sehr gut wußten, daß menschliches Leben ihr Kapital war, und nur wertvoll durch die Arbeit war, die es leisten konnte. Also mußte man es gut behandeln. Das typischerweise hier verbreitete Bild vom bösen Weißen, der die Schwarzen zu Tode peitschen läßt, ist keineswegs die Regel gewesen, im Gegenteil. Viele Geschichten zeigen, daß Sklaven es oft zu beachtlichen Stellungen bringen konnten und auch brachten. 

Diese Mythen aber wirken bis heute nach, und sie sind es, die die Schwarzen Amerikas bis zum heutigen Tag in einer (neuen) Sklaverei halten. Denn indem man sie pauschal zu Opfern erklärt, die für ihr eigenes Schicksal nichts können, weil es ihnen von den Weißen angetan wurde, hat man bei den meisten Schwarzen in den USA die Motivation, die jeder Mensch haben muß, will er nicht vor die Hunde gehen, nämlich sein Lebensschicksal selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten, nach Stellung und Wohlstand zu streben, regelrecht ausgelöscht. Bis hin zu einem Schulsystem, das nun schon seit Generationen die Schwarzen für defizient erklärt und sie mit niedrigeren Bildungsanforderungen konfrontiert, um "ihre Nachteile auszugleichen". So daß sich unter den Schwarzen selbst die Selbsteinschätzung durchgesetzt hat, sie wären tatsächlich eine minderwertigere Rasse.

Man sieht es im Vergleich mit Zuwanderern aus Asien. Die dieses "Urteil" über sich nicht kennen. Sie kommen mit nichts, haben aber enormen Ehrgeiz, lernen sofort die Sprache, gehen auf Schulen, Universitäten, und streben nach Wohlstand aus eigenen Kräften. Und lassen so die schwarze Bevölkerung bald hinter sich. Vielleicht hilft ihnen, wenn sie begreifen, daß auch europäische (weiße) Menschen unter der Sklaverei zu leiden hatten. Und es muß manche Geschichte in ihren Köpfen umgeschrieben werden, sie ist viel komplexer als die meisten glauben. Weder sind die einen eine "Sklavenrasse" und ewiges Opfer hemmender Umstände, noch sind die anderen die bösen Peiniger.

So verlangt korrekte Geschichtsbetrachtung von den USA zu berichten, daß die Unmenschlichkeit in der Behandlung der Schwarzen keineswegs allgemeiner Tenor war. Auch nicht im Süden der USA, wo die Sklaverei von den Sklaven selbst weitestgehend akzeptiert wurde, weil sie nicht nur bessere Lebensbedingungen als in Afrika bedeutete, oft Zugang zu Schulen und sozialer Versorgung (auch das war in Afrika unbekannt), sondern als Teil eines patriarchalen Systems verstanden wurde und werden muß. An dem niemand etwas Absonderliches fand.

Zumal es an alte europäische Traditionen anschloß und von den allermeisten Schwarzen (siehe die preisgekrönte Arbeit des Historikers und Marxisten Eugene Genovese "Roll, Jordan, Roll") völlig selbstverständlich angenommen wurde. Das gab ihnen einen sicheren Platz im gesellschaftlichen System, und machte sie keineswegs völlig rechtlos. Die Verwirrung brach erst aus, als sie 1865 "befreit" wurden und man ihnen erklärte, daß sie "Opfer" waren. (Während sich die Generäle der siegreichen Nordstaaten fortan der Vernichtung der Indianer widmeten.)

Nun gehörten sie tatsächlich nirgendwo mehr dazu, hatten keinen Platz mehr. Und der Jubel hielt sich bei den meisten sehr in Grenzen. Wurzellos, waren sie nun zu jenem Lumpenproletariat verdammt weil in Sinnlosigkeit gestoßen, das sie heute so oft als Bild abgeben - in den Städten der Sieger, im Norden der USA. Wo sie als billige Industriesklaven endeten, könnte man hinzufügen, mit neuen (alten) Herren: Dem anglo-amerikanischen Kapital.


Morgen 2. Kapitel - Teil 2)

Anmerkungen 1. Kapitel - Teil 2)

***Die Kriege Englands in Kanada oder Indien waren Kriege von Wirtschaftsorganisationen (Hudson Bay-Company resp. Ostindien-Kompanie), die der Krone dafür Geld gaben. In ganz Europa lief es ähnlich. Der Habsburger Ferdinand II. hatte etwa die Kriegsführung (samt Geldmonopol) im 30jährigen Krieg an Wallenstein gegen eine Fixsumme "verpachtet", definitiv sogar, als ihm das Geld ausging. Bis der ihm zu mächtig und reich wurde.



*151018*