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Dienstag, 25. Dezember 2012

Der Ineinanderfall

Die Schöpfung der Welt besteht in der Eröffnung des Horizonts der Außenheit, jenes "Außen", worin alles dadurch sichtbar wird, was sich außerhalb von uns zeigt - als uns äußerlich, als unterschieden, als anders erscheint. [Sie] ist [...] immer eine äußere Schöpfung, sie setzt das von ihr Geschaffene außerhalb von sich. In jeder Schöpfungsweise, ob handwerklicher, künstlerischer oder industrieller Art, ist diese Struktur der Ent-äußerung leicht zu erkennen, denn dies war und ist die Welt in ihrer Schöpfung durch Gott.

Weil dem Leben diese Struktur sowie jedwede Außenheit fremd ist und nichts das Leben von sich selbst trennt, es es niemals außerhalb von sich, denn wenn es nicht mehr sich selbst erproben könnte, würde es aufhören, das Leben zu sein - wodurch das Leben im Prinzip jeglicher möglichen Schöpfung entzogen ist. Das Leben ist ungeschaffen. Der Schöpfung, der Welt fremd, ist jeder lebensgebende Prozeß ein Zeugungsprozeß. Ein immanenter Zeugungsprozeß, bei dem das Leben dem von ihm Gezeugten innerlich bleibt und sich nie außerhalb von ihm setzt. So bleibt das Leben im Selbstzeugungsprozeß des absoluten Lebens als Zeugung sein Wort - und dieses Verbum, in dem es sich selbst erprobt, offenbart sich an sich und erfreut sich seiner selbst.

Aber weil in einem solchen Prozeß, bei dem es weder Schöpfung noch Welt gibt und nichts aus sich heraus gesetzt wird, alles in sich bleibt, alles immanent ist, muß man sagen: so wie das Leben in seinem Wort bleibt, in dem es sich selbst erprobt, ebenso bleibt das Wort als Verbum in diesem Leben, das sich in diesem Wort erprobt, welches sich im Leben selbst erprobt.

So bleibt der Vater (das allmächtige sich selbst zeugende Leben) im Sohn (das Verbum, in dem sich dieses leben zeugt, indem es sich selbst erprobt und sich so an sich selbst offenbart), ebenso wie der Sohn (in dem das Leben sich erprobt und sich unendlich liebt) in diesem Leben bleibt (das sich in ihm erprobt, so daß er sich selbst im Leben erprobt), so ist jeder im Anderen, der Vater in seinem Sohn, der Sohn in seinem Vater, und zwar in einer gegenseitigen Innerlichkeit (jeder sich selbst im Anderen erprobend, lebend und liebend), was eine Innerlichkeit der Liebe, ihre gemeinsame Liebe, ihr Geist ist.

Im Leben ist also Wort und Erkennen eins, denn indem wir erkennen, daß wir leben, leben wir zugleich - als Erkennen. Logos ist Leben. Und als Lebende ist Leben Erkenntnis, und damit der Logos der Welt das die Welt Aufbauende, weil alles von diesem göttlichen Leben ausgeht, das das Wort ist.

An diesem Leben können wir nur teilhaben, im Geiste, dem Ineinander von Logos, dem Sohn, und Leben und Liebe, in der Person Gottes des Geistes - wir können es uns nicht selbst geben, es nicht selbst bestimmen, und das Erkennen ist nur im Geiste möglich. In der Selbstüberschreitung, der hingebenden Liebe, treiben wir uns in die Welt hinein, zum Selbst, in der Gestalt der Persönlichkeit, getragen und getrieben vom Geist Gottes.

Wenn wir feststellen, daß wir leben, und darin leben, erkennen wir ein Leben (aus dem Leben in Christus, im Geist), das uns auf eine Weise außen ist: wir können es verlieren, weil wir nur im Maß unserer Herzensreinheit an Gottes Geist teilhaben.

Keinem Menschen ist weltlich, weltimmanent, ein Wort möglich, das zugleich es selbst ist. Kein gesprochenes "Hund" bellt, kein "Gesang" singt, kein "Freude" freut, kein Wort das wir sprechen schafft direkt, was es ist. Die Welt ist uns äußerlich, wir sind nur in Jesus dem Sohn, dem Logos, mit ihr eins. Keine weltliche Vernunft kann diese Grenze überschreiten, sie bleibt von und in der Welt, ist nur hinweisend und bezogen. Wir sind abbildhaft. Nicht das Wort selbst, nur aus dem Wort. Geschöpf. Die das Wort nur aufnehmen können.

In Gott aber "ist", was von ihm als Wort, als Logos, ausgeht. Alles Geschöpfliche hat an diesem Logos in dem Maß teil, als es ihm gehorsam ist, "auf sein Wort hört". In Demut. Wer meint, sich das Leben selbst geben zu können, ist - im Hochmut des "eritis sicut Deus" - von ihm ausgeschlossen. (Und hat - anders als die Engel, die augenblicks dieser abwendenden Entscheidung zu Dämonen fielen - nur das "Glück", daß er nicht reiner Geist ist, der ganz ist was er will, ganz will was er ist; daß er sich als Mensch als Leib-Seele-Einheit im Hochmut nicht ganz und gleich und sofort gehört, sondern in sich zerfallen ist.)

Deshalb ist Jesus Christus, der Sohn, das Leben selbst - via, vita, veritas. Nur wer an ihn glaubt, wird - in ihm, durch ihn - leben. Denn in ihm (als er) wird der Himmel sichtbar, das Wort ist Fleisch geworden. Und er will alle an sich ziehen, in diesen Himmel (=die Kirche, als Ordnung in und aus Gott) hinein.



Michel Henry, in "Christi Worte - Eine Phänomenologie der Sprache und Offenbarung"



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Montag, 26. November 2012

Reden vom Sinn

Dieses Filmchen (5 min) von Jane Marshfield - "The Art of Metaphor" - findet sich auf "Ted", wo unter sehr viel Mist da und dort auch ein Körnchen Gold zu finden ist. Auch dieses Körnchen hat gewisse Unreinheit, aber es spricht etwas Wesentliches an: daß unsere Kommunikation in Metaphern abläuft, daß Sprache und Denken Metapher, nicht wörtliches Abrechnen von bloßen Zählbegriffen IST. 

Weil alles Denken von einem SINN ausgeht, und in der Bewältigung des Widerspruchs, der Unruhe zu ihm, zu Ruhe des Einen zurück will, im Logos (wörtlich: Sinn, als "Weg auf - hin"). Dieser Sinn (von dem nicht zufällig das Wort Sinnlichkeit stammt) ist es, auf den wir auch in unserer Wahrnehmung treffen, an den wir sinnlich (!) angebunden sind. Und diese Bilder als Grundschemata des Zueinander der Welt sind wiederum Analogien, Ähnlichkeiten. In denen sich Geistiges in Geschöpfliches umgießt, Wesen in Gestalt, Sein zu Seiendem. Wo Form sich mit Inhalt zur Dinglichkeit vermählt.

Sagen wir: "Die Dunkelheit kommt auf Katzenpfoten", meint niemand die sachlich heruntergebrochene Wörtlichkeit. Aber allen ist klar, was gemeint ist, weil die verwendeten Bilder dieselben Erfahrungsbezüge aufrufen. Die Ausgangslage aber ist nicht, weil wir diese Begrifflichkeiten "von den Katzen" nehmen - auch die würden wir nicht erkennen, auch nicht in dieser Eigenschaft, wenn nicht die Katzen selbst wiederum Ausdruck von Eigenschaftlichkeiten, von Sinn wären, vielleicht in diesem Teilbereich auf besondere Weise - dem sanften, stillen, hauchartigen Herannahen, in dem wir ihre Eigenart deuten, aus dem heraus wir sie erst als solche erkennen. Und wäre dieser Sinn, diese Eigenschaftlichkeit nicht selbst wiederum im Menschen, als Teil von ihm, so könnte er es überhaupt nicht erkennen.

Menschliche Wahrnehmung als das Ordnen des sinnlich Begegnenden - als das Zurückführen auf in einem selbst vorhandene Sinngehalte verstanden - ist also einer viel tieferliegenderen Erkenntnis zugeordnet, die von Sinn ausgeht. Gedankliche Formen folgen weit später, und sie sind in dem Maß wahr, als sie sich auf diese Sinninhalte der Welt beziehen, sie ausdrücken, sie damit darstellend enthalten.

Das Sprechen, schreibt sinngemäß Michel Henry unter Bezug auf Husserl's Analyse, ist anfänglich niemals auf der Seite des Gesagten. Es ist das, was sich im Sprechen zeigt. Es ist das, was es zeigt.* Und es zeigt Intention. Denn entscheidend am Sinn - als Weg "auf - hin", s.o. - ist seine Bewegung aus dem Akt der Hervorbringung. In diesem liegt sein Kriterium. Im Erscheinen (der Sprache) wird seine Intention sichtbar.

Im Fall der "Nacht, die auf Samtpfoten" sich nähert, das was hinter dem sanften Zurückziehen des Lichts sich ausdrückt. Darin liegt die Wirklichkeit dieses Geschehens. Die Deutung geht also dem Tun der Sinne selbst voraus. Der metaphernhafte Kern unseres Sprechens zeigt das. Erkenntnis ist per se ein personaler Akt der Freiheit, auf den die Sinnesobjekte lediglich verweisen - der aber die Dinge notwendig braucht, weil sie diese Sinnesinhalte erst wachrufen, und in der Sprache als Antwort den Menschen selbst in den Geist, ins Leben (das das Wort ist) selbst heben (und zwar: im Selbst, das in dem Maß wahr wird, als es dem Logos gegenüber transparent wird). Der Kreislauf des Logos schließt sich - vom Wort, ins Wort. Hier Gabe, dort Opfergabe. Das menschliche Sein konzentriert sich also auf das Erscheinen des Logos, dem Wort das Fleisch geworden ist, und das das Leben ist.









*In einer Erweiterung der Auslegung wird aus diesem Tatbestand heraus auch noch einmal deutlich, daß die nominellen Inhalte des Internet wie die nominellen Inhalte (bzw. Hervorbringnisse) jeder Technik NICHT SEINE INHALTE SIND. Es ist etwas anderes, das sich darin ausdrückt. Deshalb ist auch die Suche nach dem im Internet Ausdrückbaren, Vermittelbaren, nicht eine Frage der "nominellen Inhalte". Es ist selbst bereits seine Grundbotschaft. So, wie alles nur das spricht, WAS ES IST. Weshalb der defintive, alles umfassende Sinn der gesamten Schöpfung sich im Logos, im Wort, das JESUS CHRISTUS IST, in JESUS CHRISTUS, der DAS WORT IST, aussagt.



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Sonntag, 30. September 2012

Vom Weltweib

Als "das Andere" wird die Welt dem Subjekt zum Weib, schreibt Emanuel Levinas in "Vom Sein zum Seienden". Im Eros angewegt, setzt das Seiende ("Ich") sich (in der Hypostase) aus dem (gewissermaßen) anonymen Sein (zum "Selbst"), auf das es sich im Schlaf, in der Müdigkeit als Bewegung, ausruhend, aber nicht auflösend (es bleibt also hypostatisch tätig), setzt - dem Unbewußten, das die Ausgangssituation des Menschen bildet.

Zur Anteilhabe des Seienden am Sein, als Akt - und darin im Seienden bleibend - zu denken, als Bezogenheit auf, als Beziehung zu, als erlebtes Leben bewußt werdend, als Denken Bewußtsein konstituierend. Im Selbstvollzug des sich selbst darstellenden Lebens, als Anstrengung, als Mühe - darf man den Konnex zu Michel Henry ziehen. Und in der Selbsttranszendenz auf die Welt hin, die sich so aneinander in einem riesigen Miteinander im Seienden hält, und damit in der Individuation als transzendenten, sich überschreitenden Vollzug der Bezüge das Sein der Gestalten der Welt hält. Nicht aber - noch einmal - überhaupt das Seiendsein des Subjekts selbst, das sich im Objektiveren von der Welt lösen und damit zur Welt verhalten kann.

Gibt die Welt ihre Individuation auf, ihr Seiend-Sein, ihr fleischliches Bezogensein, fällt auch ihre Umgebung auf sich zurück, löst sich Welt auf. Sodaß das Selbst nun um sein Überleben kämpft, im Versuch der Selbsthaltung (sichtbar z. B. in der ein Selbst behauptenden Haltung). Die Welt fällt also nicht ins Nichts, das wäre zu weit gedacht, sondern in die Formlosigkeit, und in ihr verweigert diese "Neutralität" (als bloßes "es gibt etwas" - das "Unbewußte") den übrigen Figuren ihre Gestalt, sie bleiben in den Grundkonstellationen stecken, die aber nicht zur Welt finden.

So, wie Arme ins Nichts greifen, greift also das Selbst der Subjekte auf glatte Oberflächen, kann keinen Halt gewinnen, um adäquate Gestalt zu werden. Denn Menschsein heißt immer, in einem sozialen Raum sein. Hieraus wird die Bedeutung von Jesus Christus - als fleischgewordener Gott - erkennbar, in dem, aus dem alle Welt Sein und Bestand hat. Und über den alle Welt in einem Punkt zusammenläuft: als Gestalt "gegenüber", als "anderer", in dem und aus dem ich aber erst bin. Denn das Heil des Subjekts kann damit auch nicht aus sich selbst kommen - nur die Heilsergreifung bleibt als subjektiver Akt.

Menschsein heißt damit auch, einander wie Mann und Frau zu sein. Die Ehe ist somit Urbild der Welt überhaupt, damit auch Kultur an sich. Wer keine Ehe mit dem Außen (in ihrer alles haltenden Spitze: Jesus Christus) schließt, verliert die Welt, deren Gestalt Kultur IST - aus dem Kult hervorgehend, in dem das dialogische konkrete Gegenüber sich zur Weltwerdung vollzieht. Und zwar ... aus den Grundformen der Liturgie heraus, die der Weltgeburt ihren Rhythmus gibt.*






*(Diesen Punkt noch ausführend, wird also eine Kultur so, wie ihre Kirchen sind. Als Diözesanreferent hat der Verfasser dieser Zeilen seinerzeit, als er viele Pfarren besuchte, wohl nicht zufällig eindeutige Relationen zwischen den Kirchenbauten und der darin ablaufenden Liturgie, aber letzteres fast noch weniger bzw. sekundärer, und den Menschen, die er antraf, festgestellt.)


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Mittwoch, 13. Juli 2011

Es bleibt nur Barbarei - II

2. Teil) Der Totalitarismus des Wissens statt Erkenntnis

Damit haben sich unsere kulturellen, gesellschaftlichen Grundlagen von den Prinzipien weg- und zu konkreten Wissensinhalten hinverlagert! Genau das ist auch zu beobachten: Die Identifikation mit vermeintlich Gewußtem, mit vermeint „sicheren Wissensinhalten“ – und nur noch „solche“ werden an den Schulen vermittelt, das geistige Instrumentarium, sie zu hinterfragen, fehlt mittlerweile völlig! -  ist so weitgehend, daß andere Auffassungen, Meinungen längst als existentielle Bedrohung betrachtet und bekämpft werden, vor allem wenn es um fundamentale „Wissensinhalte“ geht, die ein gesamtes Weltbild stützen bzw. hinterfragen. Gleichzeitig verlagert sich existentielle Sicherheit und Verankerung auf pures Verhalten: Man beobachte deshalb die Diskussionen um Evolution/Schöpfung, aber noch mehr alles, was als ethische Priorität gereiht wird, in allen Wirkmechanismen: Klimatheorie/-wandel, das Gedeihen von Verschwörungstheorien, etc. Wissen, Wissensinhalt wird solcherart zum Dogma! Denn die Struktur des Wissenserwerbs selber – früher alleiniger Inhalt der Universität! – wurde und wird unantastbares, fundamentales Dogma selbst.

Wissen wird in seinem Anspruch totalitär. Umso mehr, als geisteswissenschaftliche Methoden – Mathematik, Statistik – die Naturwissenschaften vermeintlich unantastbar objektiv machen. Die galileischen Prinzipien dringen in jede Disziplin ein, und stürzen sie um. Fast unmerklich gibt jede ihren transzendentalen Bezug auf und unterwirft sich. Damit werden die Elemente unserer Kultur entleert und zerstört. Sie sind nicht mehr sie selbst, sondern nur noch hinsichtlich ihrer Funktionen bedeutsam: in ihrer Bedeutung für gesellschaftliche Prozesse, psychoanalytisch, etc. In den Schulen dienen sie nur noch insofern, als sie die Einfügung der Schüler in gesellschaftliche Abläufe fördern oder nicht. Sprachen sollen nur noch dem Umgang mit dem täglichen Leben dienen, so oberflächlich das auch sein mag. Ja die Vulgarität wird sogar primär weil einfachster „Zugang“. Alte Sprachen werden wertlos, sofern sie es nicht noch gerade schaffen, irgendeinen Nutzen vorzuweisen (entsprechend die Argumentation: „Förderung der Gewandtheit des Denkens“ etc.) – dabei sind sie zum Bersten voll mit Kultur! 

Aber sogar der Philosophie wird ihr eigener Gegenstand – das Leben selbst, seine Theorie – geraubt. Weil dogmatisch die Subjektivität ausgeschieden wird, innerhalb einer Problematik der Erkenntnis, deren Wesen das Subjekt ist!, bleibt nur noch Sinnlosigkeit und Konstruktivismus. Während das Gefühl über Hintertreppen wieder zurückkehrt, und in einen jede Form und Denkgestalt zurückweisendem, haltlosen Subjektivismus der Beliebigkeit mündet. Die Philosophie selbst aber wurde zur Epistemologie, zur Forschung über sich und das Wissen selbst, zur Wissenschaftsgeschichte, die die Frage, ob man sie nicht überhaupt abschaffen sollte, gar nicht mehr beantworten kann, weil sie keine Welt mehr abbildet.

Und von der Psychologie ohnehin längst in der Deutungshoheit entwertet wird: als rein biologistischer Verhaltensprozeß, zu dem alles menschliche Verhalten degradiert wird: die alles Menschliche durch etwas Nicht-Menschliches, durch materiale, biologische Prozesse, angeblich und postulativ erklärt. Damit wird der Mensch endgültig galileisch-mathematisch aufgelöst.


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Dienstag, 12. Juli 2011

Es bleibt nur Barbarei - I

Was, so fragt Michel Henry, kann eine Universität (und der von ihr heraus abgestufte Lehrbetrieb einer Gesellschaft) überhaupt noch bedeuten, wenn die Grundfaktoren einer Kultur, ihre Grundformen – Kunst, Religion, Ethik – von der Universität verkannt werden? Sie benennt heute zwar Prioritäten, Werte – Objektivität, Unparteilichkeit und folglich „Strenge“, Neutralität – aber wie sollen sich diese Werte legitimieren lassen, wenn sie nicht aus dieser Ethik heraus geboren und hinterfragt werden? Die Wahlentscheidungen der Universität werden außerhalb aller Ethik und alles Lebens getroffen, ja nachgerade dieses Außerhalbstehen ist ihr Kriterium (was an sich ja bereits eine ethische Entscheidung ist!) Damit sind diese Wahlentscheidungen solche ohne Wahl, in unmenschlicher Radikalität und Gewalt. Sie werden getroffen in einem galileischen Raum des „Wissens“, einem radikalen Postulat.

Sie läßt die im Ursprung radikale Trennung Universität – Welt fallen. Der technische Gehalt der Welt wird (und wurde) zum Gehalt der Universität, sodaß diese in einem langen Prozeß gleichfalls begann bzw. beginnt, Kultur bewußt und systematisch aus ihr auszuschließen. Dieses Prinzip hat mittlerweile die gesamte Erde verheert, alle Kulturen, ausnahmslos, erfaßt und zerstört.

In ihrem Ursprung erfaßte die Universität Theologie und Philosophie. In ihrer Mitte aber treten die Galileischen Prinzipien auf, und nun treten die modernen Wissenschaften auf den Plan, und verändern radikal die Wissenschaften: sie schließen das Subjekt aus, und objektivieren (im galileisch-mathematischen Postulat) das Naturseiende, das von allen sinnlichen Qualitäten entblößt wird. Die Humanwissenschaften hören auf, vom Menschen zu sprechen – sie sprechen nur noch vom „Anderen seiner selbst“, der Mensch wird zum statistischen „Objekt“, seine Lebensäußerungen an seiner Statt zum Objekt des Forschens. Der Mensch läst sich auf in Neuronen und Atome, Moleküle und Prozesse.

Die Geisteswissenschaften, die noch vom Menschen sprachen, ihn suchten, werden zugunsten der Naturwissenschaften verdrängt. An allen Höheren Schulen passiert genau dasselbe. Pädagogik wird vom Inhalt getrennt, Lernen vom Inhalt unabhängig, der Lehrende wird vom Identifikationssubjekt, der repräsentiert und repräsentieren muß, was er lehrt, zum Ingenieur der Inhaltsvermittlung. Während aber „Lernen“ das imitative Nachvollziehen eines Inhalt bedeutet, ein personaler, persönlicher Akt ist!
Somit wird an den Schulen etwas gelehrt, das gar nicht mehr abzugrenzen ist, weil es aufgrund der Natur des Menschen vom identifikationsprozeß „natürlich“ auch weiterhin gar nicht zu lösen ist.

Mit der Marginalisierung der Philosophie in den Höheren Schulen aber wird jene Instanz ausgeschaltet, die das zu Wissende einer subjektiven Beurteilung unterzieht – Wissensinhalt entzieht sich der Kritik einer von ihm verschiedenen Instanz!

Morgen 2. Teil) Der Totalitarismus des Wissens statt Erkenntnis



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Sonntag, 10. Juli 2011

Nur Subjekte können Kultur schaffen

Kultur ist an das innere Sich-erleiden der menschlichen Grundpassivität gebunden, in der der Mensch dem "vor", der Welt, begegnet. Daraus erwächst ein Impuls, sodaß das Leben aus sich heraus Kultur schafft. Die in den drei Grundformen - Kunst, Religion, Ethik - nur als Erfüllung eines humanen Wirklichwerdenwollens zu begreifen ist, nicht als technizistische Form, wiewohl sie nur als Form existiert. Kultur kann also nur in Subjektivität entstehen und leben!

Das ist auch die Ebene, auf der erkenntnisweisige Evidenz entsteht - jene Gewißheiten über Grundtatsachen des Lebens, jenes Gegenüber zum "Sein", das erst den Menschen wirklich leben läßt.

Das heutige Denken aber schneidet dieser menschlichen Subjektivität ihren Wirkweg ab, ja die Eliminierung dieser Subjektivität ist sogar Ziel - im galileisch-reduktiven, technischen Denken der (sogenannten) "Wissenschaftlichkeit". So wird das Leben selbst zum Feind, wird eliminiert, ohne daß die Grundkraft eliminiert werden kann. Sie sucht sich andere Wege, wendet sich den unteren Stufen des Menschseins zu, findet aber keinen Weg zur Schaffung höherer Form.

Es gibt keine methodisch-technischen Wege zur Herstellung jener drei Kulturfundamente. Sie müssen über die Subjektivität entstehen, werdend das vollziehend erfüllen, was sie sind: Bedürfnisse aus dem Leid der Unerfülltheit.

Nicht die Subjektivität also ist das Problem - sie ist unumgänglich ja sie muß sich in höchster Radikalität begreifen - als einsam dem Sein gegenüberstehend. Sondern die Freiheit! Und nicht die einzelne Sünde, sondern die Wahrheit. Nicht die wissenschaftliche Gewißheit (die es nicht gibt), sondern die höchste Geistesleistung, ja direkt als Empfang des Geistes im Menschen: der Glaube. 

Nur in diesem Zusammenhang greifen dann die Begriffe Tugend/Laster. Hier heraus steigert sich das Subjekt in seiner Sensibilität und in seinem Wissen, seiner Klugheit, seiner Tüchtigkeit, wird auch immer mehr befähigt, immer feinere Aufrufe des Begegnenden zu erkennen, sodaß immer feinere Bedürfnisse zum Wort, zur Gestalt kommen: leitet so seine Kraft in immer subtilere, höherstehende Formen - bindet sie zu höherer konkreter Kultur.

Anders kann Kultur nicht entstehen - als aus subjektivem Selbstvollzug der Individuen. Das "leistende Leben des Ego" als höchstes Wirken eines Ins-werk-setzen des Lebens selbst, in der Polarität des Sich-erfreuen und Sich-erleiden. Eines Lebens, das auch nicht nach seinem Platz frägt - weil es ihn immer (!) "hat".

Damit wird auch das Denken nicht zu einem Retardieren eines irgendwie zu denkenden Vor-Gegebenen, sondern es ist die Differenz des Denkens zu sich selbst in seinem fleischseienden Selbstvollzug, seiner Repräsentanz des Ganzen des Subjekts.

Nur aus dieser Differenz heraus also kann auch Wissenschaft leben und entstehen, und so ist sie entstanden. Ehe sie ihren eigenen Ursprung eliminierte. Schon 1935 schrieb Edmund Husserl, daß Europa nur zwei Möglichkeiten hat: entweder den Weg in die Barbarei, weil dem Denken das Leben fehlt, bis dieses zur Barbarei absinkt - Europa schneidet sich also den eigenen Lebensstrom ab! - oder den "Heroismus der Vernunft" als Ausweg, der (um es weiter auszudeuten) durch dieses Golgotha geht, das ihr bevorsteht.

Der Zielverlust der Vernunft geht nämlich unweigerlich mit einem Verlust des Glaubens an sich selbst einher. Durch das falsche Ideal objektiver Wissenschaftlichkeit wird das Denken des Menschen von diesem Selbst als "An-sich-Bestehendes" auffassen. Damit diffundiert das Leistende - die Subjektivität. Sie bleibt "anonym", sodaß die Menschheit in ihrem Miteinander sich nicht als SINNSTIFTEND erfährt. 

Und das finden wir doch wohl heute vor! Gerade die Zwischenmenschlichkeiten werden nicht mehr als subjektive Leistung - als "Zu-Leistendes" - erfahren und gesehen, sondern als etwas "an-sich-Seiendes" - das "da" ist, oder "nicht". Deshalb lösen sich alle Zwischenmenschlichkeiten heute regelrecht auf! Weil sie nicht gesetzt werden.

In der Subjektivität aber erfährt sich der Mensch auch als leibseelische Einheit - als Sitz des Geistes, als Träger der Kultur, eingebunden, ja eingeweltet, unlösbar, eng wie die Haut, in einen jeweiligen Kosmos aus Stadt oder Land, in Sakralität, Kunst und Ethos. Weil er das Absolute erfährt - als Erst- und Urerfahrung, das Du, das dem Ich vorausgeht.


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Freitag, 8. Juli 2011

Die Medien verdrängen das Leben

Im Fernsehen - im Film, im Bildschirm des Internet - hat der Bildgehalt an sich keine Substanz. Er lebt davon, daß er sofort - durch den Primat des Aktuellen - wieder losgelassen wird. Er ist ständig enttäuschte Haltung des Betrachters, der aufhört, dem was er sieht, an sich noch Gehalt beizulegen. Es bleibt also nur "aktuelle Information", während sein Erleben immer wieder auf die Langeweile zurückgeworfen wird. Sein Aggressionspegel also wird steigen, seine Forderung nach mehr und noch mehr im Internet, in den Medien wird immer lauter werden.

Um wirkliche Aufmerksamkeit zu erhalten, muß ein Bild lange stehenbleiben, und seine Wahrnehmung beim Zuschauer die Steigerung von dessen Sinnlichkeit und Verstehen hervorruft. Das kann aber bei einem photographischen Bild gar nie der Fall sein! Denn ein Photo existiert nur "im Betrachter selbst", als Bezug zu einem Bekannten, als Bezug zu einer Realität.

Ein Text auf einem Bildschirm ist also kein Text! Er ist ein flüchtiger Text über einen Text über einen Inhalt der Realität. Was flüchtig in seiner Art ist, ist unweigerlich auch der Beachtung nicht wert. Das Bildschirmbild ist schon aus seiner rein technsichen Natur her die Flüchtigkeit überhaupt! In dem Moment, wo die Stromzufuhr unterbrochen wird, verschwindet das Bild. In dem Moment, wo die Maus scrollt, weitergeklickt wird, ist es weg. DAS sind die Kriterien, die die Qualität und Bedeutung eines Textes (Inhalts) erzählen. Nicht sein nomineller "Inhalt".

Erkenntnis ist eine Frage ganzheitlichen sinnlichen Wahrnemens, und damit hat nur die Ästhetik auch geistige Evidenz, nur die Ästhetik kann also Lebensgewißheit liefern! Es gibt aber keine Ästhetik im Internet selbst, das ist eine Illusion, erzeugter Schein, bloße Behauptung einer Ästhetik, die das Leben, die Wahrnehmung des Menschen vor dem Bildschirm zu verdrängen sucht - und mit Sicherheit verdrängt, weil auch der Bildschirm mit dem Leben vernetzt bleibt, also mit der Apperzeption die nur dem Leben selbst gebührt. Die wirkliche Ästhetik ist aber das Internet selbst - nicht das, was es als Inhalt bietet. Medien (auch das Fernsehen, natürlich) sind - weil "direkt" - die Verneinung jeder Ästhetik, und damit des lebendigen Zugangs zur Wahrheit, zum Logos.

Wo nichts da ist, das bleibt, also nichts Gewicht hat - dort aber ist nur noch der Tod, die Selbstverneinung des Lebens.

Die Medien, das Internet als Medium, entsprechen also lediglich einer gegenwärtigen Welt, aus der sie mit zwingender Logik hervorgegangen sind. Hier ist also nicht die Rede von "subjektivem Umgang", den der einzelne vermeiden könnte, wenn er sich so oder so verhielte - hier beschreiben sich metapsychologische, phänomenologische Vorgänge. Weil aber das Fernsehen, die Medien an sich Aktualität darstellen, nur damit arbeiten, entwertet sich das Aktuelle zur Bedeutungslosigkeit. (Heidegger nennt es das "Interessante" - das alle übrigen Kriterien ersetzt und unnötig macht.) Das Zappen erfüllt also genau das, was dem Wesen des Fernsehens angemessen ist - und der Zuschauer vollzieht es folgerichtig: Das Aktuelle ist das Inkohärente, Bedeutungslose, Flüchtige, es MUSZ es sein! Je absurder das Fernsehen ist, desto mehr erfüllt es seine Aufgabe, schreibt Michel Henry dazu sogar.

"Die Medien verderben alles, was mit ihnen in Berührung kommt."  Selbst, wenn ihnen etwas Wichtiges unterkommen sollte, wertvolle Personen oder Werke - sie versetzen es augenblicklich durch ihre Unterwerfung unter die Aktualität sogleich ins Inkonsistente. Durch ihre Weise nämlich ist das Dasein zur Lebenssteigerung nicht möglich. Also gibt es eine Zensur, die dem Medium eigen ist: sie schließen alles Kulturelle aus ihrer Natur heraus aus, und bilden beim Publikum eine neue Art zu sein aus: das mediale Dasein, die mediale Existenz, die nichts mehr tut im Konsumieren - die nur noch dasitzt und dem Leben entflieht, die nicht einmal mehr "schaut", sondern schaut ohne zu sehen.

Was soweit geht, daß der Mensch nur noch durch die Mittel der Medien existiert. Wo es nicht mehr darum geht, selbst zu leben, sondern durch das eines anderen, der erzählt, sich erregt, sich entblößt, ja (im Film) sogar den Liebesakt anstatt des Zuschauers vollzieht.

Dadurch wird die Kraft im Zuschauer auf ihr rohestes Niveau fallen, weil ihr die kulturelle Bindung durch die Form fehlt. Kraft wird zur Gewalt, Liebe zur Erotik, Erotik zur Pornographie - jeweils als imaginäre Ablenkungsmittel.

Und damit ist auch klar, daß die Medien diese ihre Vollendung und Wahrheit in der totalen Aktualität finden: Im Life-Bericht, im Twittern, im Facebook-Status-Update ... noch weiter vertieft durch die Möglichkeit der Teilnehmer, die Überaktualität durch eigenes Eingreifen herzustellen, indem das Aktuelle in sich noch einmal aktuell werden muß.

Wer sich auf die Medien-Existenz einläßt, wird deshalb alles abbauen, was er je an kulturellen Eigenschaften erworben hatte. Er wird nicht mehr begreifen, daß kultureller Zugewinn, als Selbststeigerung des Lebens, Frucht von Mühe und Anstrengung, daß Mächtigkeit eine Folge des schöpferischen Lebens ist. Er wird sein Leben auf die Manipulation der Medien beschränken ...


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Donnerstag, 7. Juli 2011

Social Praxis der Lebensflucht

"Man kann die technischen Medien nicht aus ihrer Apparatur heraus verstehen, die sie entwickeln, sondern nur von dem aus, was jeweils die Folge davon für das Leben ist, das heißt von der Stellung aus, die es durch seine Verknüpfung mit ihnen einnimmt. Die Frage der Medien und insbesondere des Fernsehens unterliegt dann einer wesenhaften Verlagerung: vom Ort der Objektivität aus, wo sich in der Evidenz seiner Erscheinung das instrumentale Sein als solches ex-poniert, hin zum Ort seines realen Funktionierens als Lebensweise oder Praxis.

Was ist folglich das Fernsehen als Praxis? Jenes Verhalten, worin sich da Leben außerhalb von sich wirft, um sich von sich loszumachen und sich selbst zu entfliehen, da es nicht imstande ist, im genannten Verhalten in sich selbst zu verbleiben und zu ruhen, sich selbst zu genügen und sich aus sich durch sein eigenes Tätigsein, zu befriedigen. Wenn das Techniksystem im allgemeinen eine solche Finalität der Lebensselbstflucht offenbart, dann erreicht diese mit den Medien ihre äußerste Ausdrucksform. Das Fernsehen ist die Wahrheit der Technik; es ist par excellence die Praktik der Barbarei."

Was Michel Henry da in "Die Barbarei" schreibt ist direkt auf die "social media" bzw. das Internet umlegbar. Es handelt sich hier nicht um gleichwertige oder problemlos ins Leben zu integrierende Formen sozialer Kommunikation, sondern als solche verwendet sind sie aus ihrer Natur heraus lebenszerstörerisch: Als Praxis der Lebensflucht.

Denn genau darum haben die social media sich so rasend schnell verbreitet: wie das Fernsehen entstammen sie der Langeweile, der kulturell ungebundenen Lebenskraft, die sich ihrer als affektive Disposition selbst offenbart. Sie schwillt aus sich selbst heraus an, und hält sich bereit für einen Gebrauch, der über sie verfügen möchte. Sie widerspricht damit jener Lebenshaltung, in der sich das Leben aus sich selbst heraus - in der Kultur - steigernd vollzieht.

Auf den Wegen der Kultur aber kommt man nur vorwärts, als man diese Wege bereits eingeschlagen hat. Die Ausführung - als Schöpfer, als Betrachter, als Leser - ist dann nur die Fortsetzung des ununterbrochenen Prozesses, durch den das Leben sich selbst kultiviert.

Nur dort, wo dieser Prozeß abreißt, aber damit auch für den Selbstvollzug als Kultur unbrauchbar wird, bricht die Langeweile ein: als Nichteinlassen aufs Leben.

Während in der Betrachtung der Kunst das Leben zu sich selbst kommt, sich selbst vollzieht, wird es in den Medien sich selbst entfernt. Dem Medienkonsum bleibt die Leere eines "Vollen." 

In den social media wird die Lebensechtheit der Kommunikation, der zwischenmenschlichen Begegnung zum fortwährend bewegten und bewegen müssenden "Fernsehbild" umgebrochen. (Deshalb die Affinität der social media zu "Zahl" und "Menge" als einzige adäquate Kategorien.)

Es ist deshalb illusorisch zu meinen, es ließe sich innerhalb dieser sozialen Praxis (der Lebensflucht) "ethisch" korrekt handeln. Die Medien, in ihrem Gebrauch, sie SELBST sind diese Lebensflucht: Es gibt kein "gutes" Facebook, je nach Verwendung oder subjektiver Haltung! Facebook an sich ist eine Praxis der Lebensflucht.



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Sonntag, 26. Juni 2011

Pathos, der das Denken abwehrt

Wie Wissenschaft (die es ja nur in ihren Trägern gibt, den Wissenschaftlern) als Erkenntnishaltung schließt (seit Galilei und dem Begriff der Welt als Maschine, als Mechanismus, seit der Welt der zwei Wahrheiten, deren eine nichts mit der anderen zu tun hat, weil deren andere völlig unabhängig vom Wahrheitssuchenden zu finden ist) - wiewohl selbst aus Intention des Lebens erwachsen - das Leben der Subjektivität, die sich im Erkennen selbst umarmt, aus. Das heißt nichts anderes (ich verkürze), daß die Art des Wissenschaftlers, sich (der ja auch Mensch ist) als Mensch zu empfinden und sich selbst zu erfahren sich gegen die Art wendet, in der er sich als Wissenschafter (identitär) zu empfinden "hätte", er in Widerspruch mit der Erkenntnis der Evidenz gerät.

"Sich gegen das Leben zu wenden, und zwar als eine bestimmte Lebensweise," schreibt Michel Henry dazu, "die insbesondere die Galileische Lebensweise ist, heißt sich selbst auf solche Art zu erfahren, daß man darunter leidet, das zu sein, was man (im Wesen) ist, nämlich was sich selber erfährt, genauer gesagt: die Tatsache, sich selbst zu erfahren, ein Lebender, das Leben zu sein." Es ist die wahnsinnige Idee im Wissenschaftler verwurzelt, nicht mehr zu erfahren, was sein Wesen erfährt, und so die eigenen Bedingung zu verabschieden, das Leben zu sein. Die lebendige Sinnlichkeit muß verworfen werden. Wesenhafte Wahrheit wird aber nur als Fleisch des Individuums und als dessen Leben ankünftig.

Die Wissenschaft aber, so Henry, die auf dieser Idee beruht, beruht ... auf einem Pathos. Sie ist selbst das Pathos, und als solches kann und muß sie letztendlich verstanden werden.

Als Intentionalität ist diese Haltung an ein Pathos gebunden, das ist eine innere Notwendigkeit. Und diese Notwendigkeit besteht darin, daß ein solches Pathos nichts anderes und nichts weniger als das Sein selbst einer jeden, für die Wissenschaft konstitutiven Intentionalität ist.

Es gibt darauf erfolgend ein Pathos der zwingenden Evidenz! Und daraus folgt wiederum für den Wissenschaftler das Gefühl der Apodiktizität. Denn die einzige Gewißheit, die der Evidenz, offenbart sich nur in der Ekstase des Sehens. Genau die aber ist ihm abgesperrt. Es bleibt dem Wissenschaftler nur die mathematische Gewißheit - die aber ist eine Idealität, keine erkenntnismäßige Evidenz. Diese Form der Gewißheit ruht nicht in sich, sondern als ein Hervorgebrachtes. Es entzieht sich, als Selbstaffiziertes, also der Wahrheit, und zwar grundsätzlich. Es ist damit nicht "ständig da", im Außen, sinnlich evident - sondern bleibt der unendlichen Wiederholung eines intentionalen Meinens dargeboten.

Was Henry hier anspricht, habe ich an anderer Stelle längst beschrieben: es ist die Identität "als Wissenschaftler" (Akademiker), die denselben Wissenschaftler im Grunde erkenntnisresistent macht: er bleibt innerhalb seines bereits bestehenden, mit dem Tag des Beginns seines Wissenschaftlerlebens vollendeten Denkkreises, der immer ein sich selbst rechtfertigender, selbst tragender Denkkreis ist, gefangen. Gefangen in diesem Pathos, den Henry so grandios begründet - so, wie sein ganzes Denken eben zum Pathos wird.


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Donnerstag, 23. Juni 2011

Wir können mehr. Aber: wovon? Wofür?

Es geht nicht um "Technikfeindlichkeit" - es geht um eine Technik, die den Menschen nciht mehr braucht. Es geht um eine Technik die das produziert, was sie an Mangel erst schafft, aber wirliches, lebendiges Leben durch abstrahierten Nutzen zu ersetzen vorgibt. Uns so aber in einen einzigen und immer  mehr nur noch sich selbst produzierenden Mechanismus einspannt, in dem das eigentliche Leben - nicht dem zu dienen es vorgab, wie man zu schreiben gewöhnt ist, sonderen DESSEN SELBSTVOLLZUG, und das heißt immer: Selbstvollzug von Menschen, es war - gar nicht mehr vorkommt. Denn aus allen Entscheidungsvorgängen ist es bereits ausgeschlossen (M. Henry), gilt als "nicht wissenschaftlich", gilt als "nicht objektiv", gilt als "nicht relevant". Leben ist zum Zusatznutzen geworden, der dann winkt, wenn die Erfordernisse des technischen Alltagsablaufs erfüllt sind. Damit aber ist es genau NICHT MEHR - denn die Technik kennt keine Einbindung in die Ästhetik des Alltags mehr, das würde ein Lebensgefühl der Ganzheit verlangen, sondern heuchelt uns bestenfalls zynisch eine Ästhetik vor, ohne je eine gewesen zu sein, weil das eine menschliche Kategorie ist. Stattdessen wird mit Autorisierung einer immer lebensferneren, realitätsfremden Wissenschaft eine Art des Existierens aufdiktiert, die nur noch Opfer kennt, keine Gewinner.

Die Menschen heute haben viel Angst vor einem Rückbau all der Apparaturen, mit denen wir umstellt sind. Sie haben Angst vor dem, was sie aber eigentlich suchen und schon lange nicht mehr finden - darum warten heute alle, vor den Mailboxen, vor den Twitter-Empfangsgeräten, vor ihrerm Facebook-Profil.  Sie warten auf das Leben, das doch irgendwo sein muß? Früher war es doch auch da?

Ja, es war da, tatsächlich. Und wenn Sie diesen (5min) Film (Aufnahmen aus England 1900-1914) ansehen, dann können Sie sagen was Sie wollen, auch, daß ich Nostalgiker bin - ich bin es nicht. Ich meine nur, und noch aus den Erinnerungen meiner Kindheit in den 1960er Jahren, wo neuerlich so viel umbrach, daß es einmal ein Leben gab vor dem Tod. Als die Menschen gerade noch nicht in einer Welt lebten, die nicht mehr gestaltet lebensvoll war, sondern in der die Technik ihren "Fortschritt" aus sich selbst heraus gnadenlos gefordert hat. Der Mensch ist nur noch zwangsverpflichteter Erfüllungsgehilfe, der voller Angst ist weil er vergessen hat, wie man lebt, wie man leben könnte. Vielleicht lernt er wieder nach außen zu blicken, den verkrampften Griff ans Gegebene zu lösen, wenn man ihm zeigt, daß es einmal eine Zeit gab, in der es ging. In der man lebte. Daß Probleme nie das Problem des Lebens waren. Das glauben wir nur heute.


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Mittwoch, 22. Juni 2011

Kein Objekt der Welt

Wenn jede Kultur wesenhaft praktisch ist, erscheint die Möglichkeit selbst einer theoretischen Kultur problematisch und stellt sich von Anfang an als eine Aporie dar. Das unsichtbare Leben hat weder Gestalt noch Antlitz, weder Innen- noch Außenseite, weder vorn noch Hinten, weder Ecke noch Seite noch Oberfläche, keinen äußeren Aspekt, kein Gesicht seines Seins, das einem Außen zugekehrt wäre und sich einem Blick darböte. Wie könnte ein solches Leben eines Tages von diesem Blick erreicht werden, ihm begegnen, von ihm untersucht und erkannt werden?

Kunst kann deshalb nur ästhetisch sein. Der Künstler kann nur aus dem Gefühl für Form in  Ästhetik schaffen. Es gibt folglich auch keine Objektivität des Werkes. 

In sich ist ein Kunstwerk zudem nichts "Materielles", das als Materie objektivierbar wäre. Es wird, ist es hergestellt, nicht mehr als Objekt der Welt wahrgenommen oder gesetzt, sondern als eine Wesenheit, die keine andere Aufgabe hat, als die "Im Bild" dargestellte Realiät abzubilden.

Wir sind im Kunstwerk nicht dem Kupferblatt oder den in schwarzen Linien erscheinenden Figürchen zugewandt, schreibt Michel Henry zudem. Sondern den abgebildeten Realitäten - "Ritter, Tod und Teufel", oder "Die Eroberung Konstantinopels" (etc.) Es geht nicht mehr um (z. B.) den Kupferstich als Realität der Welt, sondern um dessen ästhetische Realität. Und zwar: als ganzes. In einem Gemälde gewinnt jede Farbe ihre Realität ja nur durch die Zusammenstimmung mit allen übrigen Farben! Ebenso verhält es sich mit allen übrigen Formen und Volumina. Es geht um die Komposition - die eine ästhetische Komposition ist.



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Montag, 20. Juni 2011

Ideologie des Wissenserwerbs

Wissenschaft als solche hat keinen Bezug zur Kultur, weil sie sich außerhalb jener Sphäre entwickelt, die die Kultur ist.  Eine solche Situation, schreibt Michel Henry weiter, würde an sich freilich noch nicht rechtfertigen, die Wissenschaft in der Beurteilung herabzusetzen.

"Nur wenn man den Bereich der Wissenschaft als den einzig wirkliche existierenden Seinsbereich versteht und daraufhin jener andere Bereich, worin das Leben und seine Kultur sich hält, ins Nichtsein oder in den Schein der Illusion verworfen wird, dann gehört es zur Pflicht des Philosophen, einzugreifen. 

Um es nochmal zu sagen: Nicht das Wissenschaftswissen ist in Frage gestellt, sondern die heute damit verbundene Ideologie, wonach es das einzig mögliche Wissen ist, das alle übrigen ausschalten soll. Denn dies ist zumindest die einzige Gläubigkeit, die in der modernen Welt inmitten des Zusammenbruchs aller Gläubigkeiten weiterbesteht, nämlich die bereits begegnete und weltweit verbreitete Überzeugung, wonach Wissen mit Wissenschaft synonym sei."

Michel Henry, in "Die Barbarei"

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Sonntag, 19. Juni 2011

Barbarei der Wissenschaft


Die Barbarei der Wissenschaft bsteht darin, in die einzig bestehende Welt - die die Welt der Sinnlichkeit ist - Gesetze hineinzutragen, die als und aus Abstraktionen außerhalb dieser Welt entstanden sind, die deshalb außerhalb der sinnlichen Wirkweisen erdacht wurden und damit unabhängig von den inneren Gesetzen der Sinnlichkeit funktionieren, die aber nunmehr sinnlich wirken.

Eine wesenhaft (!) ästhetische Welt hört auf, ästhetischen Anordnungen zu gehorchen!


Die Sinnlichkeit ist aber nicht ein Sonderbereich der menschlichen Erfahrung, das heißt ein Ausschnitt des Seins, den man tatsächlich vernachlässigen könnte, um sich besser dem Studium eines anders beschaffenen widmen zu können. Als ihr Substrat ist die Sinnlichkeit das Ganze der Erfahrung und folglich das Ganze der Welt! 

Nur in der Sinnlichkeit ist die Welt eine ganze. Oder: Das Gefühl sieht mehr als die Wissenschaft! Es ist eine große Illusion zu glauben, es gäbe so etwas wie eine Totalität, und die Welt entspräche genau dieser. Sie wäre ein Sack , der alles enthält, worin Wesen und Dinge nebeneinander Platz finden: die Steine, die Erde, der Himmel, der elektrische Strom, die Menschen. 

Es gibt keine mögliche Welt als reine Welt, keine radikale Äußerlichkeit, die allein auf sich zurückgeführt wäre.




M. Henry, "Die Barbarei"




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Samstag, 18. Juni 2011

Krankheit des Lebens selbst

Arbeit oder eher: Tätigsein als "Aktivität in seiner spontan selbständigen Form ist nichts anders als die Steigerung, als die Verwirklichung des Bedürfnisses zu seiner Vollendung.

Aber die Subjektivität insgesamt ist Bedürfnis, schreibt Michel Henry weiter. 

"Die höheren Bedürfnisse, die aus der Natur des Bedürfnisses selbst folgen, ergeben die ausgebildeten Kulturformen, die in der Kunst, Ethik und Religion vorliegen. Die Anwesenheit dieser höheren Formen in jeder bekannten Zivilisation ist nicht nur eine einfache empirische Gegebenheit, mit deren Existenzfeststellung man sich begnügen sollte. Kunst, Ethik und Religion wurzeln vielmehr im Wesen des Lebens, so daß der Grund ihres Auftauchens demjenigen verständlich wird, der in diesem Wesen zu lesen weiß.

Ebenso ist die Barbarei, das heißt die Rückbildung der Verwirklichungsweisen des Lebens, der Schlußpunkt seiner Steigerung, kein unverständliches und unheilvolles Ereignis, das von außen her eine Kultur auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung trifft. Die Art und Weise, wie die Barbarei nach und nach jeden Bereich der gesellschaftlichen Aktivität ansteckt, sowie das allmähliche Verschwinden der ästhetischen, ethischen und religiösen Dimensionen aus der organischen Gesamtheit einer menschlichen Welt sind gleichfalls von einem Vorgang her zu verstehen, der das Wesen des Seins affiziert. 

Dieses Sein wird dabei als jenes Prinzip aufgefaßt, aus dem alle Kultur mit ihren konkreten Verwirklichungsmodalitäten hervorgeht, insbesondere was deren höchste Form betrifft. Ein solches von der Barbarei affiziertes Sein ist daher eine Krankheit des Lebens selbst."

Michel Henry, in "Die Barabarei - Eine phänomenologische Kulturkritik"


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Freitag, 17. Juni 2011

Niedergang im Hochstand

Das Spiel eines Wissens, das das Leben selbst und die Lebenswelt außer Kraft setzt, hat schwerwiegende Folgen. Wenn man Kultur als Selbstveränderung und -steigerung des Lebens auffaßt, und wie sollte man sie sonst auffassen, so erscheint der heutige Wissenschaftsbegriff als bedrohliche Evidenz:

"Da wie Wissenschaft keinerlei Verhältnis zur Kultur besitzt, hat die wissenschaftliche Entwicklung nichts mit der kulturellen Entwicklung zu tun. Im Grenzfall läßt sich eine Überentwicklung des Wissenschaftswissens denken, die mit einem Schwund der Kultur einhergeht, mit einer Rückbildung der Kultur in gewissen Bereichen oder in allen Bereichen gleichzeitig, wobei am Ende dieses Prozesses die Vernichtung der Kultur stehen kann. 

Eine solche Darstellung ist weder abstrakt noch ideal; sie ist die Gestalt der Welt, in der wir leben - einer Welt, worin ein neuer Typ der Barbarei emportaucht, der ernster als alle vorausgegangenen ist und dessen Gefahr darin besteht, daß der Mensch heute tatsächlich daran zugrunde gehen kann."

Michel Henry, in "Die Barbarei - Eine phänomenologische Kulturkritik"

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Donnerstag, 16. Juni 2011

Objektivitätsillusion im Gewußten

Es herrscht, schreibt Michel Henry, einer der führenden Philosophen Frankreichs im 20. Jhd., eine schreckliche Illusion hinsichtlich des Wissens, das die Wissenschaft generiert. Denn es wird so getan, als sei das von der Wissenschaft generierte Wissen dem Lebenswissen überlegen.

In Wahrheit gibt es kein Wissenschaftswissen der "Objektivität", ohne daß ihm nicht nur ein Lebenswissen - das jedem Menschen gleichermaßen zugängig ist - vorangeht, sondern das es durchdringt. Wissenschaftlich gewußtes Wissens ist lediglich ein Modus des Bewußtseinswissens, und es "schließt das Wissen der Schau selbst ein, die nicht mehr das Bewuß´tsein ist, der intentionale Bezug zum Objekt, sondern das Leben." Vom Leben losgelöstes "theoretisches Wissen" gibt es also gar nicht.

Das Descat'sche "cogito ergo sum" führt also zu einem Trugschluß: als wäre nur wißbar, was solcherart theoretisch gedacht würde. In Wahrheit aber geht das Leben auch bei falschem Denken weiter - es gibt also ein Wissen, das allem bewußten theoretischen Wissen voraus geht. Und diese zweite Wissen ist das Leben selbst, als evidentes Selbst-empfinden, selbst-erfahren. Als menschliches Los des Bezugs zur Welt.

Wenn ich träume, so existieren das Zimmer, von dem ich träume, und die Personen darin, oder sie existieren nicht. Möglicherweise. Aber wenn ich in diesem Traum einen Schrecken verspüre, so ist dieser Schrecken absolut, was er ist. Das Bewußtsein kann sich diesen Schrecken nicht geben, der intentionale Weltbezug des Subjekts, sein Bewußtseinswissen, tritt zurück.

Es gibt nur Bewußtsein VON etwas. Das Lebenswissen aber kennt keine Andersheit, nichts von ihm Verschiedenes, Fremdes. Was das Leben ursprünglich empfindet, ist es selbst. Es hat eine Realität, deren Substantialität ihre Phänomenalität ist. Und hebt sich damit über alle Täuschungs- und Irrtumsmöglichkeit hinaus, ist eine völlig andere Qualität: Ob ich eine Täuschung sehe oder nicht - ich sehe! Und als solches erlebe ich es, es ist WAHR.

Und diese Wahrheit(sebene) geht dem Wissen von den Wahrnehmungsinhalten voraus, auf denen - als Bewußtseinswissen - Wissenschaft gründet. Das Wissenschaftswissen kann sich selbst nicht genügen, es weiß um seine Vorausetzung eines anderen, nicht "objektivierbaren", als Objekt vorstellbaren Wissens. Das (wie Descartes es nannte) Wissen der Seele, des Geistes, ist nicht nur sicherer und leichter, es geht dem Bewußtsein und der Wissenschaft voraus, letztere beruht darauf.

"Die Idee des Geistes ist das ursprüngliche Offenbarungsvermögen, kraft dessen die Cogitation (die Seele, das Leben) ihre eigene Offenbarung und nicht die irgendeiner Objektivität, eines Cogitatum ist. So offenbart der Schrecken sich selbst, und in sich selbst, in seiner Affektivität, offenbart er nichts anderes." (M. Henry, "Die Barbarei") Und diese Ideen bilden das gemeinsame Wesen der bewußten Objekterkenntnis. 

Deshalb kann nur eine Idee (ein Dreieck, ein Mensch, Gott) zum Sein gelangen, wenn sie eine Idee des Geistes und als Idee des Geistes zuerst die reine und bloße Selbsterfahrung ist, die sie sich selbst so offenbart, wie sie in sich als Cogitatio, als Modalität des Lebens oder der Seele, ist. Die Schau des Objekts setzt das Wissen der Schau selbst voraus, und dieses Wissen der Schau ist ihr eigenes Pathos, nämlich "die Selbstaffektion der absoluten Subjektivität in ihrer transzendentalen Affektivität, wobei transzendental heißt: was sie als Subjektivität, als Leben, ermöglicht."

Die Welt ist also kein leeres Schauspiel, das sich dem unpersönlichen, leeren Blick darbietet, sondern "sie ist eine sinnliche Welt, keine Welt des Bewußtseins, sondern eine Lebenswelt: mithin eine Welt, die nur dem Leben gegeben ist, die für, in und durch das Leben existiert."

Jedes Außen (als "Welt") die ursprüngliche Ent-Äußerung irgendeiner Außenheit (wie beispielsweise einer Zahl), kann nur insoweit hervorgebracht werden, wie sich diese Hervorbringung selbst affiziert, folglich in und durch die Affektivität der Hervorbringung. Die Dinge sind also nicht "nachträglich sinnlich", und sie nehmen ihren Charakter - bedrohlich, schön usw. - nicht aufgrund von Bezügen an, die sie mit unseren Wünschen und Interessen knüpfen. Vielmehr tun die Dinge all dies und sind dazu nur imstande, weil sie von Geburt an affektiv sind, weil es ein Pathos ihres Zum-sein-kommens gibt, und zwar als das Zu-sich-selbst-kommen des Seins in der Trunkenheit und im Leiden des Lebens.

Es sei gestattet, hier noch eine Spur zu legen - es gibt nämlich keine "objektiv feststellbaren Eigenschaften" der kleinsten Bauteile der Materie. Auch aus der Quantenphysik wird klar, daß es die Dinge nur in werthaltigen Bezügen gibt, ja daß diese Bezüge erst die Dinge konstituieren, aus sich, ins Sein hervortreiben.

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Samstag, 11. Juni 2011

Verneinung des Lebens

"Eine neue Barbarei durchdringt unsere Gesellschaft, da erstmals Wissen und Kultur auseinanderfallen. Seit dem "Galileischen Projekt" will die Naturwissenschaft die allein objektive Erkenntnis sein und klammert die sinnlichen Naturqualitäten wie die damit verbundene Subjektivität aus: d. h. unser Leben selbst.

Weil die Kultur besonders die Lebensselbststeierung als Kunst, Religion und Ethik ist, findet sie sich so aus der Moderne ausgeschlossen. Diese prinzipielle Lebensverneinung [...] vollendet sich im Technikprozeß, der dem Individuum in seinem unaufhebbaren Lebenspathos nur die "mediale Existenz" des Audiovisuellen als Fluchtort für seinen Bedürfnisaustausch läßt. 

Gegen jeden verzweifelt irrationalen Kulturpessimismus setzt eine Phänomenologie der lebendigen Selbstoffenbarung die Realität immanenter Affektivität, die fundamentaler als jedes vorstellende Wissen bleibt und zur "historalen" Neubesinnung führen kann.


Aus dem Vorwort von Michel Henry zu seinem Buch "Die Barbarei - Eine phänomenologische Kulturkritik"


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